
Du hast einen Satz, auf den du zu Recht stolz bist.
Er ist lang. Er ist schön. Er hat mindestens zwei Metaphern.
Doch er muss weg.
Genau dieser Satz ist der Grund, warum dein Text nicht trifft.
Bei mir war es zunächst Freiburg. Ein Kellergewölbe, das nach nassem Hund roch.
Zwar hatte ich geübt. Und ich hatte einen Satz.
Einen Satz, in den ich so verliebt war, dass ich ihn nachts angelächelt habe wie ein Idiot sein Display.
Er war lang. Er war verschachtelt. Er hatte drei Metaphern übereinandergestapelt wie ein betrunkener Kellner die Teller.
Ich fand das großes Kino. Für ungefähr elf Sekunden fühlte ich mich mit Goethe verwandt.
Danach kam der Satz. Und dann kam nichts.
Kein Lacher. Kein Raunen. Nicht mal Husten. Nur hundert Leute, die versuchten, meinen Satz zu Ende zu denken.
Und während sie das taten, waren sie raus aus meinem Text.
Den Rest habe ich verloren. Wegen eines Satzes, den ich geliebt habe.
Streichung 00
Was ein Darling wirklich ist
Dabei ist ein Darling nicht einfach ein schlechter Satz.
Denn schlechte Sätze streicht jeder. Die sind leicht.
Ein Darling ist ein guter Satz an der falschen Stelle.
Er glänzt. Er ist klug. Er zeigt, was du kannst.
Und genau deshalb ist er gefährlich.
Ein Darling arbeitet für dich. Aber nicht für den Text.
Genau das ist der ganze Unterschied.
Denn ein guter Satz dient der Geschichte. Ein Darling dient deinem Ego.
Und ein Publikum spürt diesen Unterschied sofort, auch wenn es ihn nicht benennen kann.
Was du hier lernst
Du bekommst den Henker-Test, zehn Arten von Darlings mit Erkennungsmerkmal, zehn Streichtechniken, zehn Vorher-Nachher-Beispiele, vier Meister der Reduktion, deine wahrscheinlichsten Ausreden mit Gegenrede und ein Worksheet, mit dem du deinen nächsten Text um dreißig Prozent kürzt.
Die Streichliste
Streichung 01
Der Henker-Test: so findest du deine Darlings
Du kannst deine Darlings nicht finden, indem du den Text liest.
Denn du liest über sie hinweg. Sie fühlen sich ja gut an.
Also brauchst du einen Test. Der besteht nämlich aus drei Fragen.
Der Henker-Test
→ Frage 2: Habe ich mich beim Schreiben über ihn gefreut?
→ Frage 3: Würde ich ihn jemandem vorlesen, um zu zeigen, wie gut ich schreibe?
Dreimal ja? Dann ist es ein Darling. Und er muss weg.
Die zweite und dritte Frage sind dabei die eigentlichen Verräter.
Denn wenn du dich über einen eigenen Satz freust, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du ihn für dich geschrieben hast.
Die Gnadenfrist
Nun der Trick, der das Streichen erträglich macht.
Denn du löschst nichts. Du verschiebst nur.
Leg dir eine Datei an und nenn sie Friedhof. Da kommt alles rein, was du streichst.
Der Satz ist dann nicht tot, sondern nur woanders.
Das klingt nach Selbstbetrug und funktioniert trotzdem. Denn das Streichen tut sofort weniger weh.
Und ganz nebenbei: In zwei Jahren hast du dort ein Materiallager, aus dem ganze Texte entstehen.
Streichung 02
Zehn Arten von Darlings, die du kennen musst
Darlings tarnen sich. Also nun die zehn häufigsten Verkleidungen.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Streichung 03
Die Zehn-Prozent-Regel
Es gibt eine Faustregel, die aus der Erzählprosa kommt und im Slam noch härter gilt.
Sie lautet sinngemäß so: Die zweite Fassung ist die erste minus zehn Prozent.
Stephen King hat sie in seinem Buch über das Schreiben bekannt gemacht. Er selbst hat sie nach eigener Aussage von einem Redakteur bekommen.
STREICHUNG 03 · Schreibregeln von jemandem, der es oft genug gemacht hat.
Für dich heißt das ganz konkret: Nimm deinen fertigen Text und streich zehn Prozent.
Bei vier Minuten sind das immerhin etwa vierundzwanzig Sekunden.
Und jetzt kommt der Teil, den kaum jemand glaubt, bis er es probiert hat.
Der gekürzte Text ist nie schlechter. Er ist immer besser.
Denn was du streichst, ist zwangsläufig das Schwächste. Und was übrig bleibt, steht dichter beieinander.
Im Slam würde ich sogar weiter gehen: Nimm fünfzehn Prozent. Denn gesprochene Sprache verträgt weniger Beiwerk als gedruckte.
Streichung 04
Der Lektor, der zu weit ging
Jetzt eine Geschichte, die zeigt, wo die Grenze liegt. Denn Kürzen hat auch eine dunkle Seite.
Der amerikanische Schriftsteller Raymond Carver wurde berühmt für extrem knappe Erzählungen. Kein Wort zu viel, kein Gefühl ausgesprochen.
Übrigens hieß sein Lektor Gordon Lish.
Und Lish hat radikal gestrichen. In manchen Erzählungen fiel ein erheblicher Teil weg, teilweise auch die Schlüsse.
Das Ergebnis war ein Stil, der eine ganze Generation geprägt hat.
Der unbequeme Teil
Carver war damit nicht durchgehend einverstanden. Aus seinen Briefen geht hervor, dass ihn manche Eingriffe belastet haben.
Nach seinem Tod erschienen Fassungen näher am Original. Und die Debatte darüber, wem dieser Stil eigentlich gehört, läuft bis heute.
Die Details sind komplex, und ich maße mir hier kein Urteil an.
Was du daraus lernst
Zwei Dinge, und sie widersprechen sich nicht.
Erstens: Radikales Kürzen kann aus gutem Material großartiges machen. Das ist der Beweis.
Zweitens: Es gibt einen Punkt, an dem du nicht mehr den Text kürzt, sondern seine Seele.
Woran du den erkennst? Wenn du beim Vorlesen selbst nicht mehr weißt, warum du das geschrieben hast.
Dann bist du zu weit gegangen. Und holst dir einen Satz vom Friedhof zurück.
Streichung 05
Zehn Techniken, um deinen Text zu kürzen
Also keine Theorie. Zehn Griffe, die du heute Abend anwenden kannst.
T1 · Streich das erste Wort jedes Satzes
Fang damit an. Erstaunlich oft steht dort ein „Und“, ein „Dann“ oder ein „Also“, das nichts trägt. Allein das spart fünf Prozent.
T2 · Adjektive halbieren
Geh den Text durch und streich jedes zweite Adjektiv. Wahllos. Danach liest du und setzt die zurück, die wirklich fehlen. Es werden weniger sein, als du denkst.
T3 · Verben statt Umschreibungen
„Er machte sich auf den Weg“ wird zu „Er ging“. Jede Umschreibung frisst Zeit und Energie. Ein starkes Verb erledigt die Arbeit allein.
T4 · Nebensätze in Punkte verwandeln
Jedes Komma vor einem „weil“, „obwohl“ oder „während“ ist ein Kandidat für einen Punkt. Gesprochene Sprache verträgt keine Klammern.
T5 · Die Erklärung streichen
Such jedes Bild in deinem Text. Steht direkt danach ein Satz, der es erklärt? Weg damit. Das ist die wirksamste Einzelstreichung überhaupt.
T6 · Eine Zeile später anfangen
Streich deinen ersten Satz und lies den Text vor. Fehlt etwas? Meistens nicht. Dann streich auch den zweiten und prüf noch mal.
T7 · Eine Zeile früher aufhören
Dasselbe am Ende. Deine letzte Zeile fasst oft zusammen, was schon dasteht. Die vorletzte ist der bessere Schluss.
T8 · Die Stoppuhr
Nimm dich auf und miss die Zeit. Dann setz dir ein Limit dreißig Sekunden darunter und kürz, bis du es hältst. Ein hartes Limit streicht besser als guter Wille.
T9 · Laut lesen und stolpern markieren
Jede Stelle, an der du beim Vorlesen stockst, ist verdächtig. Denn dein Mund merkt vor deinem Kopf, wo zu viel steht.
T10 · Jemand anderem vorlesen
Und zwar ohne zu erklären. Wenn du nach dem Vorlesen etwas ergänzen willst, gehört genau das in den Text. Und alles, was du nicht ergänzen wolltest, kann raus.

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Jetzt Kanal folgenStreichung 06
Zehn Sätze, zweimal
Zwar ist Theorie gut. Beispiele sind aber besser.
SATZ 01
Vorher: „Die alte, verwitterte, morsche Holzbank im Garten meiner Großmutter, auf der wir früher immer saßen.“
Nachher: „Die Bank gab nach, wenn man sich setzte.“
Statt drei Adjektiven ein Verb. Und plötzlich siehst du die Bank wirklich, statt sie beschrieben zu bekommen.
SATZ 02
Vorher: „Ich war unglaublich wütend, so wütend, wie ich es noch nie in meinem Leben gewesen war.“
Nachher: „Ich habe zwei Tage nicht mit ihm gesprochen.“
Gefühlswort raus, Handlung rein. Der Zuhörer rechnet die Wut selbst aus, und dann gehört sie ihm.
SATZ 03
Vorher: „Es war, als würde die Zeit stehen bleiben, als würde alles in Zeitlupe passieren, als hätte jemand auf Pause gedrückt.“
Nachher: „Niemand im Raum hat sich bewegt.“
Drei Bilder für dieselbe Sache. Nimm keins davon, sondern eine Beobachtung. Konkret schlägt bildhaft.
SATZ 04
Vorher: „Mein Vater, der sein ganzes Leben lang in derselben Firma gearbeitet hatte, obwohl er sie eigentlich nie mochte, wurde entlassen.“
Nachher: „Neunzehn Jahre. Ein Dienstagmorgen. Ein Karton.“
Der Schachtelsatz wird zu drei Fragmenten. Das Ohr kann sie einzeln aufnehmen, und das Missverhältnis wirkt sofort.
SATZ 05
Vorher: „Sie sah mich an mit diesem Blick, der mir sagte, dass sie mir nicht glaubte.“
Nachher: „Sie sah mich an.“
Die Erklärung nach dem Bild. Der Blick reicht, wenn der Kontext stimmt. Und der Zuhörer ergänzt die Bedeutung besser als du.
SATZ 06
Vorher: „Und dann, nach all diesen Jahren, wurde mir plötzlich klar, dass ich die ganze Zeit falsch gelegen hatte.“
Nachher: „Ich hatte mich geirrt.“
Vier Füllelemente am Satzanfang. Streich sie und die Aussage steht nackt da. Genau da soll sie hin.
Vier härtere Fälle beim Text kürzen
SATZ 07
Vorher: „Das Leben ist wie ein Fluss, der manchmal ruhig fließt und manchmal alles mitreißt, was ihm im Weg steht.“
Nachher: „Er hat den Brief nie geöffnet.“
Das Klugheits-Zitat gegen ein Detail getauscht. Allgemeinplätze klingen weise und sagen nichts. Ein Detail sagt alles.
SATZ 08
Vorher: „Ich möchte an dieser Stelle einmal ganz kurz erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen ist.“
Nachher: „(gestrichen)“
Der Ankündigungssatz. Er ist immer streichbar. Erzähl einfach, was du erzählen willst.
SATZ 09
Vorher: „Er ging zur Tür, öffnete sie, trat hinaus und schloss sie hinter sich.“
Nachher: „Er ging und machte die Tür zu.“
Vier Handlungsschritte für einen Vorgang. Der Zuhörer ergänzt die Zwischenschritte automatisch. Du brauchst Anfang und Ende.
SATZ 10
Vorher: „Und das, meine Damen und Herren, ist genau der Punkt, um den es hier eigentlich die ganze Zeit ging.“
Nachher: „(gestrichen)“
Der große Schluss, der zusammenfasst. Wenn dein Text es vorher nicht geschafft hat, rettet ihn dieser Satz auch nicht.
Streichung 07
Vier Meister der Reduktion
Michelangelo: der Engel steckt schon im Stein
Zunächst zu Michelangelo. Ihm wird ein Gedanke zugeschrieben, der zum Kürzen besser passt als alles andere.
Sinngemäß: Die Figur ist schon im Marmor. Man muss nur alles wegnehmen, was nicht dazugehört.
Ob er das genau so gesagt hat, ist umstritten. Das Bild funktioniert trotzdem.
Denn dein Text ist der Marmorblock. Und dein Job ist nicht, mehr hinzuzufügen, sondern das Überflüssige abzuschlagen.
Dieter Rams: weniger, aber besser
Der deutsche Gestalter hat zehn Thesen für gutes Design formuliert. Die letzte lautet: Gutes Design ist so wenig Design wie möglich.
Sein Leitsatz ist bekannter geworden als die Thesen selbst.
Weniger, aber besser.
Für deinen Text heißt das: Nicht kürzen, bis nichts mehr da ist. Sondern kürzen, bis nur noch das Beste da ist.
Buster Keaton: die Wucht der Stille
Dagegen hat Keaton in seinen Filmen Gags gebaut, die ohne ein einziges Wort auskommen.
STREICHUNG 05 · Ein Gag ohne einen einzigen erklärenden Satz.
Achte darauf, wie wenig da ist. Kein Kommentar, keine Erklärung, kein Nachsatz.
Und genau deshalb funktioniert es noch nach hundert Jahren.
Georges Simenon: der Wortschatz als Werkzeug
Schließlich Simenon. Der belgische Autor hat seine Romane bewusst mit einem sehr begrenzten Wortschatz geschrieben.
Keine seltenen Wörter, keine Kunstsprache. Nur das, was jeder versteht.
Das Ergebnis waren Bücher, die sich lesen wie Beobachtung statt wie Literatur.
Für deine Bühne ist das direkt übertragbar. Denn ein Zuhörer, der über ein Wort nachdenkt, ist für den nächsten Satz weg.
Vier Leute, vier Jahrhunderte, ein Muster: Alle haben weggenommen, nicht hinzugefügt.

Streichung 08
Und jetzt kommen deine Ausreden
Übrigens kenne ich sie alle. Denn ich habe sie selbst benutzt.
„Aber der Satz ist doch gut.“
Gegenrede: Ja. Genau deshalb steht er noch da. Schlechte Sätze streicht man beim ersten Durchgang. Ein Darling ist per Definition gut. Die Frage ist nicht, ob er gut ist, sondern ob er dem Text dient.
„Ohne den Satz versteht das keiner.“
Gegenrede: Dann prüf das. Lies jemandem beide Fassungen vor, ohne zu sagen, welche du meinst. In neun von zehn Fällen fällt niemandem etwas auf.
„Ich habe drei Wochen daran gearbeitet.“
Gegenrede: Das ist ein Argument über deine Zeit, nicht über den Text. Der Aufwand ist bereits verloren, egal was du jetzt entscheidest. Also entscheide für den Text.
„Der Text ist dann zu kurz.“
Gegenrede: Es gibt kein Mindestmaß. Ein Text mit drei starken Minuten schlägt einen mit fünf mittelmäßigen. Und die Zeit gehört dir, du musst sie nicht ausfüllen.
„Das ist eben mein Stil.“
Gegenrede: Manchmal stimmt das. Häufiger ist es die Weigerung, an einer Schwäche zu arbeiten. Der Test: Kannst du auch anders? Wenn ja, ist es Stil. Wenn nein, ist es eine Gewohnheit.
„Beim letzten Mal hat es funktioniert.“
Gegenrede: Ein Abend ist keine Stichprobe. Vielleicht hat es trotz des Satzes funktioniert und nicht wegen ihm. Streich ihn einmal und vergleiche.
Streichung 09
Der Kürzungs-OP-Saal
Nun wird operiert. Nimm deinen Text und arbeite diese fünf Schritte ab.
Schritt 1 · Ausdrucken
Also auf Papier. Nicht am Bildschirm.
Denn auf Papier siehst du die Struktur. Und du kannst mit dem Stift durchstreichen, was am Bildschirm nur verschwindet.
Schritt 2 · Erste Runde: das Offensichtliche
Füllwörter, doppelte Aussagen, Ankündigungssätze, Adjektiv-Nester.
Das geht schnell und tut nicht weh. Rechne mit fünf bis acht Prozent.
Schritt 3 · Zweite Runde: der Henker-Test
Jetzt die drei Fragen auf jeden Satz anwenden, bei dem du zögerst.
Alles, was dreimal ja bekommt, wandert auf den Friedhof.
Schritt 4 · Dritte Runde: Anfang und Ende
Streich den ersten Satz. Streich den letzten. Lies laut.
Fehlt etwas? Dann hol einen zurück. Meistens fehlt nichts.
Schritt 5 · Laut lesen und messen
Vollständig, mit Stoppuhr. Jede Stelle, an der du stolperst, markieren.
Und dann die unbequeme Frage: Bist du unter deinem alten Wert?
Dein Ziel in Zahlen
→ Zweite Fassung: minus zehn Prozent. Nicht verhandelbar.
→ Bühnenfassung: noch mal fünf Prozent kürzer als das Zeitlimit.
→ Der Friedhof: alles Gestrichene bleibt erhalten. Du löschst nie.

Streichung 10
Zehn Fehler, wenn du deinen Text kürzen willst
F1 · Am Bildschirm kürzen
Du siehst nur einen Ausschnitt und keine Struktur. Druck aus, nimm einen Stift, arbeite auf Papier.
F2 · Direkt nach dem Schreiben kürzen
Da bist du noch verliebt. Leg den Text zwei Tage weg. Danach siehst du die Darlings von allein.
F3 · Nur Wörter streichen
Einzelne Füllwörter bringen wenig. Die großen Gewinne liegen bei ganzen Sätzen und Absätzen. Trau dich an die.
F4 · Das Beste zuerst streichen
Manche fangen aus Trotz beim Lieblingssatz an. Falsch herum. Erst das Offensichtliche, dann der Henker-Test.
F5 · Löschen statt verschieben
Wer löscht, streicht zu wenig, weil es wehtut. Leg einen Friedhof an, dann fällt es leichter.
F6 · Sich um Wörter streiten
Ob „ging“ oder „lief“ ist zweitrangig, solange noch ein ganzer Absatz zu viel drinsteht. Erst grob, dann fein.
F7 · Die Erklärung retten
Du streichst das Bild und behältst die Erklärung, weil sie klarer ist. Genau falsch herum. Behalte das Bild.
F8 · Nach dem Kürzen nicht laut lesen
Gekürzte Texte haben oft neue Stolperstellen an den Nahtstellen. Die hörst du nur beim Sprechen.
F9 · Bis zur Unkenntlichkeit kürzen
Es gibt einen Punkt, an dem du nicht mehr den Text kürzt, sondern seine Seele. Merkst du beim Vorlesen nicht mehr, warum du das geschrieben hast, hol einen Satz zurück.
F10 · Nie wieder ranzugehen
Ein Text ist nach dem dritten Auftritt reif für eine weitere Runde. Denn jetzt weißt du, welche Stellen tragen und welche du selbst überspringst.
Achtung, Werbung
Hol dir das Skalpell
Streichen kannst du lernen. Aber es ist leichter, wenn du weißt, was stehen bleiben muss.
Denn wer den Aufbau kennt, erkennt sofort, welcher Satz tragende Wand ist und welcher Deko.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder lächel weiter nachts deinen Lieblingssatz an.
Du willst mehr von diesen Ideen?
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Streichung 11
Häufige Fragen zum Text kürzen
Wie viel soll ich meinen Text kürzen?
Mindestens zehn Prozent nach der ersten Fassung. Im Slam gern fünfzehn, weil gesprochene Sprache weniger Beiwerk verträgt als gedruckte. Und die Bühnenfassung liegt noch mal unter dem Zeitlimit.
Woran erkenne ich einen Darling?
Am Henker-Test. Verstehe ich die Geschichte auch ohne diesen Satz? Habe ich mich beim Schreiben über ihn gefreut? Würde ich ihn vorlesen, um zu zeigen, wie gut ich schreibe? Dreimal ja heißt streichen.
Wird mein Text durch Kürzen nicht ärmer?
Im Gegenteil. Denn was du streichst, ist zwangsläufig das Schwächste. Was übrig bleibt, steht dichter beieinander und trifft dadurch härter.
Wann soll ich kürzen?
Nicht direkt nach dem Schreiben, denn da bist du noch verliebt. Zwei Tage warten reicht meistens. Danach siehst du die Darlings von allein.
Soll ich Gestrichenes löschen?
Auf keinen Fall. Leg dir eine Datei an und nenn sie Friedhof. Dort landet alles. Das macht das Streichen leichter, und nach zwei Jahren hast du ein Materiallager.
Kann man zu viel kürzen?
Ja. Der Punkt ist erreicht, wenn du beim Vorlesen selbst nicht mehr weißt, warum du das geschrieben hast. Dann hol dir einen Satz vom Friedhof zurück.
Was streiche ich zuerst?
Erklärungen nach Bildern. Das ist die wirksamste Einzelstreichung, weil sie dem Publikum den eigenen Fund zurückgibt. Danach Adjektive, danach Anfang und Ende.
Wie kürze ich, ohne den Rhythmus zu zerstören?
Nach jeder Kürzung laut lesen. Denn an den Nahtstellen entstehen neue Stolperstellen, die du nur hörst, wenn du sprichst.
Hilft es, den Text jemandem vorzulesen?
Sehr. Und zwar ohne zu erklären. Alles, was du danach ergänzen willst, gehört in den Text. Alles andere kann raus.
Sollte ich alte Texte noch mal kürzen?
Unbedingt. Nach dem dritten Auftritt weißt du, welche Stellen tragen und welche du selbst innerlich überspringst. Genau die sind reif.
Letzte Streichung
Zurück nach Freiburg
Übrigens steht der Satz aus Freiburg heute noch in einer Datei.
Ich habe ihn nie gelöscht. Aber ich habe ihn auch nie wieder benutzt.
Danach bin ich ein Jahr später in derselben Stadt aufgetreten. Mit demselben Text.
Nur war er inzwischen vierzig Sekunden kürzer.
Denn der Lieblingssatz war weg. Stattdessen stand da ein Halbsatz mit vier Wörtern.
Und an genau dieser Stelle wurde es still im Raum.
Nicht die höfliche Stille von damals. Sondern die andere.
Hinterher kam jemand zu mir und zitierte diese vier Wörter.
Meinen Lieblingssatz hatte ein Jahr vorher niemand zitiert.
Er war zu schön, um gehört zu werden.

Weniger ist Wucht. Dein Lieblingssatz ist meistens der Erste, der gehen muss.
Folge dem Bahn-Slam
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