Die einzigen 5 Regeln, die ein Slam-Text wirklich braucht
Vergiss die Liste mit vierzig Punkten. Es sind fünf. Alles andere ist Geschmack.
Ich habe einmal einen Text geschrieben, der siebenunddreißig Ratschläge befolgt hat. Er war technisch einwandfrei und komplett tot. Was ihm fehlte, war eine einzige von diesen fünf Regeln.
Ich hatte damals eine Liste. Sie stammte aus drei Workshops und zwei Büchern.
Auf dieser Liste standen Dinge wie: keine Reime am Anfang. Nicht mit einer Frage starten. Metaphern nur sparsam.
Ich habe alles eingehalten. Der Text hat trotzdem nicht funktioniert.
Ein älterer Slammer hat ihn sich damals angehört. Danach hat er eine einzige Frage gestellt.
Es waren fünf Wörter. Sie haben meine ganze Liste erledigt.
Die Frage steht am Ende dieses Beitrags. Sie ist gleichzeitig Regel Nummer fünf.

Es gibt beim Gleisbau hunderte Vorschriften. Schwellenabstand, Schotterkörnung, Überhöhung in der Kurve.
Genau eine davon ist heilig. Der Abstand zwischen den beiden Schienen.
Stimmt die Spurweite nicht, fährt kein Zug. Da hilft auch der beste Schotter nichts.
Genauso ist es bei Texten. Es gibt viele gute Ratschläge und fünf harte Maße.
Wenn die fünf stimmen, trägt der Text. Auch wenn er gegen dreißig andere Regeln verstoßen sollte.
Auf diesem Blog stehen an anderer Stelle vierundzwanzig Regeln und siebenundzwanzig Gesetze. Das ist kein Widerspruch.
Jene Listen helfen beim Besserwerden. Diese hier entscheidet, ob es überhaupt losgeht.
Ich habe diese fünf aus ungefähr tausend gehörten Texten herausgefiltert. Nicht aus Büchern.
Zwei Männer kommen darin vor, die nie einen Slam gesehen haben. Einer schrieb Krimis, der andere spielte Trompete.
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Jetzt Kanal folgenRegel 1: Es muss jemandem etwas passieren
Das klingt banal und ist die häufigste fehlende Regel überhaupt. Sehr viele Texte handeln von einem Zustand.
Von Einsamkeit, von Wut, von der Lage der Welt. Das sind Themen und keine Geschichten.
Ein Zustand hat keine Richtung. Er liegt einfach da wie ein abgestelltes Fahrzeug.
Damit ein Text fährt, braucht er eine Bewegung. Jemand tut etwas, und danach ist etwas anders.
Das kann winzig sein. Eine Frau stellt einen Becher ab und fässt ihn nicht wieder an.
Der Test dafür dauert zehn Sekunden. Streich in deinem Text alle Adjektive und lies, was übrig bleibt.
Wenn nichts übrig bleibt, hast du einen Zustand beschrieben. Wenn Verben stehen bleiben, hast du eine Geschichte.
„Und was ist mit Lyrik? Da passiert doch auch nichts.“
Guter Einwand. Auch in einem Gedicht bewegt sich etwas, nur nicht im Raum. Da verändert sich die Sichtweise des Sprechenden. Am Anfang glaubt er etwas, am Ende nicht mehr. Das ist ebenfalls eine Handlung, und ohne sie fällt auch das schönste Gedicht auf einer Bühne um.
Regel 2: Es muss etwas auf dem Spiel stehen
Handlung allein reicht nicht. Jemand kann drei Minuten lang Bügeln, und es bleibt langweilig.
Interessant wird es erst, wenn etwas schiefgehen kann. Das ist der Einsatz.
Der Einsatz muss nicht groß sein. Er muss nur für die Figur gelten.
Ein Kind, das eine Vase zerbrochen hat, hat einen höheren Einsatz als ein Vorstand in einer Krise. Weil es für das Kind alles ist.
Diese Regel erklärt auch, warum sehr allgemeine Texte selten funktionieren. Bei „der Gesellschaft“ steht nichts auf dem Spiel.
Bei deinem Nachbarn dagegen schon. Deshalb sind kleine Texte oft die politischeren.
Es gibt eine einfache Probe für diese Regel. Frag dich, was deine Figur verlieren kann.
Wenn du keine Antwort findest, ist der Einsatz null. Dann hört der Saal zwar zu und lehnt sich zurück.
Zurückgelehnte Menschen sind höflich und unberührt. Vorgebeugte Menschen sind das Ziel.
Ein Zug ohne Steigung fährt auch. Nur schaut dabei niemand aus dem Fenster.

Woran du merkst, welches Maß nicht stimmt
Ein entgleister Zug sieht immer gleich aus. Die Ursache steht trotzdem woanders.
Beim Text ist es genauso. Alle Fälle fühlen sich gleich an: Es passiert nichts im Saal.
Aber jedes fehlende Maß hinterlässt eine andere Spur. Hier sind die fünf Symptome.
Symptom bei Regel 1: Die Höflichkeit
Der Saal klatscht freundlich und niemand spricht dich danach an. Man hat dir zugehört wie einem Wetterbericht.
Das ist das Zustands-Symptom. Es war alles richtig und nichts ist passiert.
Symptom bei Regel 2: Das Nicken
Leute stimmen dir zu, während du sprichst. Das klingt gut und ist ein schlechtes Zeichen.
Zustimmung heißt: Sie wissen schon, worauf es hinausläuft. Es steht nichts auf dem Spiel.
Symptom bei Regel 3: Der Blick nach unten
Du merkst es an dir selbst. Bei geschriebenen Sätzen musst du stärker aufs Blatt schauen.
Gesprochene Sätze kann man halb auswendig. Geschriebene muss man ablesen, weil sie sonst kippen.
Symptom bei Regel 4: Das Rascheln
Ungefähr in der Mitte deines Textes wird der Raum unruhig. Jemand rückt, jemand hustet.
Das ist kein Desinteresse. Das ist ein Körper, der zu lange stillsitzen musste.
Symptom bei Regel 5: Das Lob für die Sprache
Wenn dir jemand sagt, du habest eine schöne Sprache, ist das kein Lob. Es ist eine Diagnose.
Bei einem Text mit Spur reden Leute über den Inhalt. Sie erzählen dir dann von ihrem eigenen Bruder.
Diese fünf Symptome sind unangenehm zu lesen. Sie sind aber deutlich billiger als zehn weitere Abende ohne Erklärung.
Am besten notierst du das Symptom noch am selben Abend. Auf dem Heimweg, in zwei Stichworten.
Am nächsten Tag ist die Erinnerung schon gefärbt. Dann war es entweder ein Desaster oder gar nicht so schlimm.
Beides hilft dir nicht weiter. Du brauchst die nüchterne Beobachtung von unterwegs.
„Bei mir treffen gleich drei Symptome zu.“
Das ist normal und kein Grund zur Sorge. Die Maße hängen zusammen: Ein Text ohne Handlung ist fast immer auch zu lang, weil er die fehlende Bewegung durch Sprache ersetzt. Repariere Regel 1, und Regel 4 erledigt sich oft von selbst.
Regel 3: Es muss klingen wie gesprochen, nicht wie geschrieben
Diese Regel stammt nicht von mir. Sie stammt von einem Mann, der Kriminalromane geschrieben hat.
Knapp vier Minuten. Achte darauf, wie beiläufig er über etwas spricht, das die halbe Literaturwelt zitiert.
Elmore Leonard hat 2001 in einer amerikanischen Zeitung zehn Regeln veröffentlicht. Sie sind berühmt geworden.
Darunter stehen sehr konkrete Sachen. Fang nie mit dem Wetter an. Benutze als Redebegleitung nur das Wort sagte.
Regel zehn ist die praktischste von allen. Lass die Stellen weg, die Leser ohnehin überspringen.
Am Ende fasst er alle zehn in einem Satz zusammen. Sinngemäß: Wenn es nach Schreiben klingt, schreibe ich es um.
Dieser eine Satz ersetzt für mich die ganze Liste. Er ist auf einer Bühne noch wichtiger als auf Papier.
Quelle: Elmore Leonard in der New York Times vom 16. Juli 2001. Der Aufsatz erschien später als Büchlein unter dem Titel „10 Rules of Writing“. Zitate sinngemäß übersetzt.
Woran erkennst du, dass etwas nach Schreiben klingt? Es gibt drei zuverlässige Anzeichen.
Erstens Wörter, die du nie sagen würdest. Niemand sagt im Gespräch „sodann“ oder „jedwede“.
Zweitens Sätze, bei denen du zum Atmen keine Stelle findest. Wenn du beim Lesen Luft holen musst, ist der Satz zu lang.
Drittens Bilder, die auf dem Papier funkeln und im Mund stolpern. Die erkennt man nur beim lauten Lesen.
Deshalb ist lautes Lesen die einzige Prüfung, die diese Regel zuverlässig abnimmt.
Regel 4: Es muss weniger sein, als du geschrieben hast
Jeder Text ist beim ersten Mal zu lang. Ausnahmslos jeder.
Das liegt daran, dass du beim Schreiben denkst. Denken braucht Umwege, Zuhören nicht.
Neun Minuten von 1959. Hör auf die Pausen zwischen den Tönen – sie sind der eigentliche Inhalt.
Es gibt einen Satz, der Miles Davis zugeschrieben wird. Sinngemäß lautet er: Entscheidend sind nicht die gespielten Töne. Entscheidend sind die weggelassenen.
Hier muss ich ehrlich sein. In dieser Form ist der Satz nicht sicher belegt.
Es kursieren mehrere Fassungen mit unterschiedlichem Wortlaut. Eine gesicherte Erstquelle habe ich nicht gefunden.
Was aber unbestreitbar stimmt: Seine Musik klingt genau so. Auf „Kind of Blue“ spielt er weniger als jeder andere Trompeter seiner Zeit.
Und genau deshalb hört man ihn heraus. Der Beweis liegt nicht im Zitat, sondern in der Platte.
Zuschreibung ungesichert; mehrere Varianten im Umlauf. Album: „Kind of Blue“, Columbia Records 1959.
Für Texte heißt das etwas sehr Praktisches. Streich ein Viertel und schau, was fehlt.
In neun von zehn Fällen fehlt nichts. Im zehnten Fall hast du gerade den Kern gefunden.
Ich mache das inzwischen mit jedem Text. Es tut jedes Mal weh und hilft jedes Mal.

Wie dieselbe Idee dreimal verschieden fährt
Ich nehme eine Idee und schreibe sie dreimal an. Dieselbe Idee, drei Maße.
Die Idee: Jemand räumt die Wohnung eines Verstorbenen aus. Das ist ein häufiger Slam-Stoff.
Anfang A: der Zustand
„Es gibt eine besondere Art von Traurigkeit, wenn man die Wohnung eines Menschen ausräumt, den man geliebt hat. Diese Traurigkeit hat keinen Namen.“
Das klingt gut und ist nicht falsch. Aber es passiert nichts.
Regel 1 fehlt komplett. Es gibt keine Handlung und keine Figur.
Regel 5 fehlt auch. Diese zwei Sätze könnte jeder Mensch geschrieben haben.
Anfang B: die Handlung
„Mein Bruder hat die Küchenschublade aufgezogen und wieder zugemacht. Dann hat er sie noch einmal aufgezogen.“
Jetzt passiert etwas. Und man will wissen, was in der Schublade ist.
Regel 1 ist erfüllt. Regel 2 ist angedeutet, weil das zweite Öffnen etwas verrät.
Regel 3 stimmt ebenfalls. Genau so würde man es am Küchentisch erzählen.
Was noch fehlt, ist Regel 5. Der Anfang ist gut und könnte trotzdem von vielen stammen.
Anfang C: die Handlung mit Spur
„Mein Bruder hat die Küchenschublade aufgezogen und wieder zugemacht. Ich habe nichts gesagt, weil ich seit vierzehn Jahren nichts mehr sage, wenn er etwas zweimal macht.“
Jetzt sind alle fünf Maße da. Es gibt eine Handlung und einen Einsatz.
Es klingt gesprochen und ist kurz. Und es kann nur von dieser einen Person kommen.
Der Unterschied zwischen B und C sind vierzehn Jahre. Genauer gesagt sind es acht Wörter.
Mehr braucht es nicht. Regel 5 kostet fast nie mehr als einen Nebensatz.
„Muss ich dafür Privates preisgeben?“
Nein. Regel 5 verlangt keine Beichte, sondern eine Perspektive. Der Satz oben verrät nichts über den Bruder und trotzdem alles über das Verhältnis. Wie weit du dabei gehst, entscheidest du. Wo die Grenze verläuft, steht in Grenzen setzen.

Was ich von meiner alten Liste gestrichen habe
Diese zehn Punkte standen auf meiner Liste. Alle sind irgendwie richtig und keiner ist ein Maß.
„Keine Reime.“
Gemeint sind schlechte Reime. Ein guter Reim ist ein Werkzeug wie jedes andere.
„Nie mit einer Frage anfangen.“
Kommt darauf an, welche Frage. „Kennt ihr das?“ ist tot. „Wie viele Schlüssel hattest du in deinem Leben?“ nicht.
„Metaphern sparsam einsetzen.“
Das ist Geschmack. Manche Texte bestehen fast nur aus Bildern und funktionieren großartig.
„Nicht in der ersten Person schreiben.“
Vollkommener Unsinn. Die meisten guten Slam-Texte stehen in der ersten Person.
„Immer eine Pointe am Ende.“
Nein. Manche Texte enden mit einem Bild, und das ist stärker als jede Pointe.
„Nie über das Schreiben schreiben.“
Meistens gut gemeint. Aber es gibt Texte über Schreibblockaden, die einen ganzen Saal umhauen.
„Keine Fremdwörter.“
Kommt auf die Figur an. Ein Text über eine Anwältin darf klingen wie eine Anwältin.
„Sechs Minuten sind zu lang.“
Ein guter Sechsminuten-Text ist kurz. Ein schlechter Zweiminuten-Text ist lang.
„Keine politischen Texte.“
Diesen Rat hört man erstaunlich oft. Er sagt mehr über den Ratgeber als über Texte.
„Schreib, was das Publikum will.“
Der schlimmste Rat der Liste. Ein Publikum weiß vorher nie, was es will.
„Warum sind diese zehn dann so verbreitet?“
Weil sie Anfängern helfen. Wer noch nichts kann, fährt mit Verboten sicherer. Das Problem entsteht später: Irgendwann verhindern dieselben Verbote genau die Texte, die dich ausmachen würden. Deshalb sind es Hilfslinien und keine Maße.
Regel 5: Es muss einen Grund geben, dass ausgerechnet du ihn sagst
Ich komme zurück zu dem älteren Slammer und seinen fünf Wörtern. Es war in einem Hinterzimmer in Jena.
Ich hatte ihm meinen technisch einwandfreien Text vorgetragen. Er hat lange nichts gesagt.
Dann kam die Frage:
„Warum sagst du das?“
Ich habe zuerst gedacht, er habe den Text nicht verstanden. Also habe ich ihn erklärt.
Er hat abgewinkt. Er wollte nicht wissen, worum es geht.
Er wollte wissen, warum ich das sage. Warum ich und nicht irgendwer.
Darauf hatte ich keine Antwort. Der Text war korrekt und hätte von jedem stammen können.
Genau das war sein Fehler. Er war anschlussfähig und austauschbar.
Seitdem stelle ich mir diese Frage bei jedem Text. Sie ist unangenehmer als jede Stiluntersuchung.
Und sie ist das fünfte Maß. Wenn ein Text auch von jemand anderem stammen könnte, fehlt ihm die Spur.
Wichtig ist dabei ein Missverständnis, das ich lange hatte. Regel 5 verlangt kein besonderes Leben.
Ich dachte damals, ich müsse erst etwas erleben. Etwas Dramatisches, das eine Erzählung rechtfertigt.
Das ist falsch und hält sehr viele Leute vom Schreiben ab. Regel 5 verlangt nur einen Blickwinkel.
Deine Wohnung, dein Weg zur Arbeit, dein Verhältnis zu deiner Schwester. Das reicht völlig.
Denn niemand sonst hat genau diesen Weg. Und niemand sonst hat genau diese Schwester.
Die spannendsten Texte, die ich kenne, handeln von sehr gewöhnlichen Dingen. Sie sind nur von einem einzigen Menschen aus gesehen.
Genau das ist der Unterschied zwischen einer Nachricht und einer Geschichte. Eine Nachricht kann jeder verlesen.
Wie man von vierzig auf fünf kommt
Ich bin nicht durch Nachdenken auf diese fünf gekommen. Ich bin durch Zuhören darauf gekommen.
Vor ein paar Jahren habe ich angefangen mitzuschreiben. Immer wenn ein Text im Saal wirklich ankam, notierte ich warum.
Nach ungefähr hundert Notizen habe ich sie sortiert. Es blieben fünf Gruppen übrig.
Das Verblüffende war die Gegenprobe. Bei Texten, die nicht ankamen, fehlte fast immer genau eine dieser fünf.
Was am häufigsten fehlt
Mit Abstand am häufigsten fehlt Regel 1. Ungefähr die Hälfte aller Texte auf offenen Bühnen beschreibt einen Zustand.
Danach kommt Regel 4. Zu lang ist der zweithäufigste Befund.
Regel 5 fehlt seltener, kostet dafür am meisten. Ein Text ohne Spur wird höflich beklatscht und sofort vergessen.
Was ich zuerst auch für ein Maß hielt
Auf meiner ersten Fassung standen sieben Regeln. Zwei sind wieder rausgeflogen.
Die erste hieß: Ein Text braucht eine klare Struktur. Das stimmt oft und nicht immer.
Ich habe Texte erlebt, die absichtlich zerfallen und genau dadurch wirken. Also ist Struktur ein Werkzeug und kein Maß.
Die zweite hieß: Ein Text braucht einen starken Schluss. Auch das ist nur meistens richtig.
Manche Texte hören einfach auf, und das ist der Schluss. Wer daraus eine Pflicht macht, produziert aufgesetzte Pointen.
Der Test für ein echtes Maß
Ich habe dafür eine Faustregel gefunden. Sie hilft beim Sortieren jeder Ratschlagsliste.
Frag dich, ob du einen großartigen Text kennst, der ohne diese Regel auskommt. Wenn ja, ist es ein Ratschlag.
Bei den fünf oben fällt mir kein einziger ein. Deshalb sind sie übrig geblieben.
Diese Faustregel funktioniert auch bei fremden Ratschlägen. Probier sie beim nächsten Workshop aus.
Wenn jemand eine Regel aufstellt, such im Kopf nach einer Ausnahme. Findest du eine, dann hast du einen Ratschlag gehört. Findest du keine, dann lohnt es sich, genauer hinzuhören. Das schützt vor beidem: vor Regelgläubigkeit und vor Beliebigkeit.
Diese Sortierarbeit hat bei mir zwei Jahre gedauert. Sie war trotzdem die nützlichste Arbeit überhaupt.
Denn vorher hatte ich beim Schreiben ständig vierzig Stimmen im Kopf. Jede davon wollte etwas anderes.
Heute sind es fünf Fragen, und die kann ich beantworten. Der Rest des Kopfes ist frei für den Text.
Genau das ist der eigentliche Gewinn einer kurzen Liste. Nicht die Regeln selbst, sondern der Platz daneben.
So misst du deinen eigenen Text nach
Nimm einen fertigen Text und geh diese fünf Fragen durch. Das dauert eine Viertelstunde.
Prüfung 1: Wer tut was?
Schreib in einem Satz auf, was in deinem Text passiert. Ohne Adjektive und ohne Deutung.
Wenn dir das nicht gelingt, fehlt Regel 1. Dann hast du ein Thema und keine Handlung.
Prüfung 2: Was passiert, wenn es schiefgeht?
Beantworte diese Frage für deine Hauptfigur. Nicht für die Welt.
Wenn die Antwort „nichts“ lautet, fehlt Regel 2. Dann brauchst du einen Einsatz.
Prüfung 3: Lies zwei Absätze laut vor
Nicht den Anfang, sondern die Mitte. Der Anfang ist bei allen gut geübt.
Jede Stelle, an der du stolperst, verstößt gegen Regel 3. Markier sie und bau sie um.
Prüfung 4: Streich ein Viertel
Nicht überall ein bisschen, sondern ganze Absätze. Und dann lies noch einmal.
Fehlt wirklich etwas? Meistens nicht.
Prüfung 5: Könnte das jemand anderes geschrieben haben?
Stell dir vor, der Text läge ohne Namen auf einem Tisch. Würde jemand dich darin erkennen?
Wenn nein, fehlt Regel 5. Und die lässt sich nicht durch Handwerk ersetzen.

Wo diese Liste an ihre Grenze kommt
Eine ehrliche Liste sagt auch, wo sie aufhört. Es gibt zwei Fälle.
Der Text stimmt und der Vortrag nicht
Das ist der häufigere Fall. Alle fünf Maße stimmen, und trotzdem passiert im Saal nichts.
Dann liegt es nicht am Text. Dann liegt es an Tempo, Blick oder Pausen.
Dafür sind die 27 Gesetze der Bühnenwirkung zuständig.
Der Text stimmt und der Abend nicht
Auch das gibt es. Ein guter Text nach einem sehr lustigen Beitrag hat es schwer.
Das ist keine Aussage über deinen Text. Das ist Reihenfolge.
Deshalb gilt bei allen fünf Maßen dieselbe Einschränkung. Sie sagen dir, ob dein Text steht.
Sie sagen dir nicht, ob dieser Abend gut wird. Das entscheidet der Saal.
Wie die fünf Maße bei anderen Formen wirken
Nicht jeder Text ist eine Geschichte. Deshalb hier fünf häufige Formen im Schnelldurchgang.
Der Listentext
Zehn Dinge, die ich nicht mehr mache. Solche Texte sind beliebt und rutschen leicht ab.
Sie brauchen Regel 2 dringender als alle anderen. Ohne Einsatz ist eine Liste nur eine Aufzählung.
Der Trick ist meistens der letzte Punkt. Wenn der wehtut, trägt die ganze Liste.
Der Wut-Text
Hier ist Regel 1 fast immer das Problem. Wut ist ein Zustand.
Der stärkste Wut-Text, den ich kenne, erzählt eine winzige Szene an einer Supermarktkasse. Die Wut steht nie da und ist in jedem Satz.
Der Liebestext
Die schwerste Form überhaupt. Denn alles wurde schon gesagt.
Deshalb steht und fällt er mit Regel 5. Ein Liebestext ohne Spur ist eine Postkarte.
Der politische Text
Auch hier ist Regel 2 der Knackpunkt. Wenn der Einsatz „die Gesellschaft“ ist, passiert nichts.
Nimm eine Person und lass die Politik durch sie hindurchgehen. Dann wird es konkret und trifft.
Der komische Text
Hier ist Regel 4 entscheidend. Jede Pointe stirbt an einem Wort zu viel.
Und Regel 3 ist hier keine Empfehlung, sondern Bedingung. Geschriebener Humor klingt vorgetragen fast immer bemüht.
„Sind die fünf Regeln dann doch nicht für alle gleich?“
Doch, sie gelten alle für alle. Nur die Reihenfolge der Reparatur ändert sich. Bei einem komischen Text fängst du bei Regel 4 an, bei einem Liebestext bei Regel 5. Das Maß bleibt dasselbe, du misst nur an einer anderen Stelle zuerst.
Es gibt noch eine sechste Form, die ich hier bewusst wegnehme. Das ist der Text, der nur für dich geschrieben ist.
Solche Texte müssen überhaupt keine Regel erfüllen. Sie gehören dir und keinem Saal.
Diese Unterscheidung ist wichtiger, als sie klingt. Nicht jeder Text will auf eine Bühne.
Wer das trennt, schreibt entspannter. Und trägt am Ende die richtigen Texte vor.
Ich habe dafür zwei Ordner auf dem Rechner. Der eine heißt Bühne, der andere heißt nur so für mich.
Im zweiten liegen ungefähr sechzig Texte. Kein einziger davon wird je vorgetragen.
Trotzdem sind sie nicht wertlos. Aus ihnen stammen die Sätze, die später in Bühnentexte wandern.
Bei der Bahn heißt so ein Ort Abstellgruppe. Da stehen Fahrzeuge, die gerade nicht im Umlauf sind.
Niemand würde sagen, dass sie kaputt sind. Sie warten nur.
Wie du ein fehlendes Maß nachrüstest
Ein fehlendes Maß heißt nicht, dass der Text weg muss. Meistens fehlen ein paar Sätze.
Reparatur 1: Aus einem Zustand eine Szene machen
Nimm dein Thema und such einen einzigen Tag. Nicht den wichtigsten, sondern irgendeinen.
Frag dich: Was hat an diesem Tag jemand in der Hand gehabt? Damit hast du deinen Gegenstand.
Ein Text über Einsamkeit wird so zu einem Text über eine Fernbedienung. Und plötzlich hört der Saal zu.
Reparatur 2: Einen Einsatz einbauen
Der schnellste Weg ist eine Frist. Etwas muss bis zu einem bestimmten Zeitpunkt entschieden sein.
Ein Anruf, der heute kommen soll. Ein Zug, der in zwanzig Minuten fährt.
Fristen erzeugen Spannung fast von allein. Das ist der billigste Trick, den ich kenne, und er wirkt jedes Mal.
Reparatur 3: Geschriebenes in Gesprochenes übersetzen
Nimm den Absatz und erzähl ihn jemandem frei. Ohne hinzuschauen.
Nimm dabei auf und schreib die freie Fassung ab. Sie ist fast immer besser.
Das fühlt sich nach Betrug an. Es ist aber genau das Handwerk.
Reparatur 4: Die Spur setzen
Das ist die schwerste Reparatur und die kürzeste. Such eine Stelle, an der du etwas zugibst.
Nicht etwas Großes. Etwas Kleines, das dir peinlich ist.
Ein Satz wie „Ich habe vier Tage gebraucht, bis ich zurückgerufen habe“ macht aus einem Text deinen Text. Mehr braucht es nicht.
Es gibt eine Reihenfolge, in der diese Reparaturen am besten funktionieren. Sie ist nicht die naheliegende.
Fang immer mit Reparatur 3 an. Wenn ein Text erst einmal gesprochen klingt, siehst du die anderen Lücken viel deutlicher. Am geschriebenen Text ist alles hinter der Sprache versteckt.
Es gibt noch eine fünfte Reparatur, die ich nur ungern empfehle. Manchmal ist ein Text nicht zu retten.
Dann steckt darin trotzdem etwas Brauchbares. Meistens sind es zwei Sätze.
Nimm diese zwei Sätze heraus und leg den Rest weg. Dann hast du keinen gescheiterten Text, sondern den Anfang eines neuen.
So sind bei mir ungefähr ein Drittel aller funktionierenden Texte entstanden. Sie stammen aus den Trümmern älterer.
Auch das ist übrigens Bahnpraxis. Wenn ein Wagen ausgemustert wird, gehen die brauchbaren Teile ins Ersatzteillager.
Niemand nennt das Scheitern. Man nennt es Verwertung.
Dafür brauchst du allerdings ein Lager. Bei mir ist das eine einzige Datei mit guten Sätzen.
Immer wenn ich einen Text aufgebe, wandern zwei bis drei Sätze dorthin. Ohne Zusammenhang und ohne Kommentar.
Wenn ich später feststecke, lese ich diese Datei durch. Erstaunlich oft steht dort schon der fehlende Satz.
Das kostet nichts und rettet ganze Abende. Es ist die einzige Ordnung, die ich beim Schreiben wirklich halte.
Der Unterschied in einem Satz: Ratschläge machen einen Text besser, aber nur fünf Maße entscheiden, ob er überhaupt fährt.
Die fünf Regeln als Checkliste
1. Es muss jemandem etwas passieren. Handlung statt Zustand.
2. Es muss etwas auf dem Spiel stehen. Einsatz statt Thema.
3. Es muss klingen wie gesprochen. Wenn es nach Schreiben klingt, bau es um.
4. Es muss weniger sein, als du geschrieben hast. Streich ein Viertel.
5. Es muss einen Grund geben, dass ausgerechnet du das sagst.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Widerspricht das nicht euren anderen Regellisten?
Nein, es sortiert sie. Die langen Listen machen aus einem funktionierenden Text einen guten. Diese fünf entscheiden, ob er überhaupt funktioniert. Man braucht beides, aber in dieser Reihenfolge.
Was ist mit meinem Lieblingstext, der gegen Regel 1 verstößt?
Dann prüf noch einmal genau. In den meisten Fällen gibt es eine Bewegung, sie liegt nur im Kopf des Sprechenden. Und wenn es sie wirklich nicht gibt, hast du eine Ausnahme gefunden. Die gibt es, sie sind nur seltener als gedacht.
Mit welcher Regel fange ich an?
Mit Regel 4, weil sie am schnellsten wirkt. Streich heute ein Viertel aus deinem letzten Text. Danach kommt Regel 3, und die restlichen drei brauchen mehr Zeit.
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Vierzig Regeln sind eine Drohung. Fünf sind ein Werkzeug.
Denn fünf kannst du dir merken. Du kannst sie im Kopf haben, während du schreibst.
Und alles, was nicht auf dieser Liste steht, ist ab sofort deine Entscheidung. Das ist keine Einschränkung, sondern die größte Freiheit, die dieses Handwerk zu bieten hat.
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Geschichten schreiben
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24 ungewöhnliche Regeln für Auftritte
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Überarbeiten
Warum die zweite Fassung fast immer die bessere ist.
