Ein Regelquerschnitt · Regeln für den Slam-Text
Die einzigen 5 Regeln, die ein Slam-Text wirklich braucht

Mittwoch, offene Bühne im alten Güterschuppen.
Tabea hat für ihren ersten Text siebenunddreißig Regeln befolgt.
Siebenunddreißig Regeln für einen Slam-Text, gesammelt aus drei Workshops und zwei Büchern, sauber abgehakt auf einer Liste in ihrer Jackentasche.
Keine Reime am Anfang.
Nicht mit einer Frage starten.
Metaphern nur sparsam.
Alles eingehalten.
Und trotzdem: höflicher Applaus, freundliche Gesichter, dann das nächste Getränk.
Hinterher kommt Clemens zu ihr, der seit zwanzig Jahren auf solchen Bühnen steht und tagsüber Gleise baut.
Er stellt ihr genau eine Frage.
Fünf Wörter.
„Warum sagst ausgerechnet du das?“
Tabea und Clemens gibt es so nicht. Aber die Liste mit siebenunddreißig Regeln hatte fast jeder einmal in der Tasche.
Kennst du das?
Du hast alles richtig gemacht.
Jeden Ratschlag beherzigt, jede Liste abgearbeitet.
Dein Text ist technisch sauber.
Und komplett tot.
Das Problem ist nicht, dass du zu wenige Regeln kennst.
Das Problem ist, dass du zu viele gleich wichtig nimmst.
Kein Bullshit: Es gibt genau fünf, die über alles entscheiden.
Alles andere ist Geschmack.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenClemens dreht Tabeas Liste um und zeichnet auf die Rückseite einen Querschnitt durch ein Gleis.
„Im Gleisbau gibt es Hunderte Vorschriften“, sagt er.
Schwellenabstand, Schotterkörnung, Überhöhung in der Kurve.
„Aber ein paar Maße müssen stimmen, sonst fährt gar nichts.“
Das berühmteste davon kennt jeder Gleisbauer im Schlaf.
1.435 Millimeter.
So weit liegen die Schienen der Normalspur auseinander.
Stimmt dieses Maß nicht, hilft auch der schönste Schotter nichts.
Genau so ist es bei Texten.
Viele gute Ratschläge.
Fünf harte Maße.
Kurz vorweg: Auf diesem Blog findest du auch längere Listen, vierundzwanzig Regeln hier, siebenundzwanzig Gesetze da.
Das ist kein Widerspruch.
Die langen Listen helfen dir beim Besserwerden.
Diese fünf entscheiden, ob dein Text überhaupt losfährt.
Der Regelquerschnitt: fünf Regeln, die ein Slam-Text braucht
Regelquerschnitt · Gleis und Text
◂▸1.435 mmPlanum①②③④⑤
①Schwelle · Handlung
②Schotterbett · Einsatz
③Schienenkopf · Klang
④Lichtraumprofil · Kürze
⑤Spurweite · du
Fünf Bauteile, fünf Regeln.
Fehlt eines, entgleist der Text.
Und das Gemeine daran: Von außen sieht jede Entgleisung gleich aus.
Im Saal passiert einfach nichts.
Aber jedes fehlende Bauteil hinterlässt eine eigene Spur.
Deshalb bekommst du zu jedem Bauteil auch das Fehlerbild, an dem du es im Saal erkennst.
Notier dir dein Fehlerbild noch am selben Abend, auf dem Heimweg, in zwei Stichworten.
Am nächsten Tag ist die Erinnerung schon gefärbt.
Dann war es entweder ein Desaster oder gar nicht so schlimm.
Beides hilft dir nicht.
Schwelle und Schotterbett: Handlung und Einsatz
Das klingt banal.
Und es ist die Regel, die am häufigsten fehlt.
Sehr viele Texte handeln von einem Zustand.
Von Einsamkeit, von Wut, von der Lage der Welt.
Das sind Themen.
Keine Geschichten.
Ein Zustand hat keine Richtung.
Er liegt da wie ein abgestellter Wagen.
Damit ein Text fährt, braucht er Bewegung.
Jemand tut etwas, und danach ist etwas anders.
Das darf winzig sein.
Eine Frau stellt einen Becher ab und fasst ihn nicht wieder an.
Der Test dauert zehn Sekunden.
Streich in deinem Text alle Adjektive und lies, was übrig bleibt.
Bleiben Verben stehen, hast du eine Geschichte.
Bleibt nichts, hast du einen Zustand beschrieben.
„Und was ist mit Lyrik, da passiert doch auch nichts?“
Doch.
Auch in einem Gedicht bewegt sich etwas, nur nicht im Raum.
Am Anfang glaubt die sprechende Person etwas, am Ende nicht mehr.
Auch das ist eine Handlung.
Handlung allein reicht aber nicht.
Jemand kann drei Minuten lang bügeln, und es bleibt langweilig.
Spannend wird es erst, wenn etwas schiefgehen kann.
Das ist der Einsatz.
Er muss nicht groß sein.
Er muss nur für die Figur gelten.
Ein Kind, das eine Vase zerbrochen hat, hat mehr zu verlieren als ein Vorstand in der Krise.
Weil es für das Kind alles ist.
Deshalb funktionieren sehr allgemeine Texte so selten.
Bei „der Gesellschaft“ steht nichts auf dem Spiel.
Bei deinem Nachbarn schon.
Und genau deshalb sind kleine Texte oft die politischeren.
Die Probe: Frag dich, was deine Figur verlieren kann.
Findest du keine Antwort, ist der Einsatz null.
Dann hört der Saal zwar zu, aber er lehnt sich zurück.
Zurückgelehnte Menschen sind höflich und unberührt.
Du willst vorgebeugte.
Der Schienenkopf: Es muss klingen wie gesprochen
Diese Regel hat ein Krimiautor am schönsten auf den Punkt gebracht.
Elmore Leonard veröffentlichte am 16. Juli 2001 in der New York Times zehn Regeln fürs Schreiben.
Fang nie mit dem Wetter an, heißt eine davon.
Eine andere: Lass die Stellen weg, die Leser sowieso überspringen.
Und am Ende fasst er alles in einem Satz zusammen, sinngemäß: Wenn es nach Schreiben klingt, schreibe ich es um.
Auf einer Bühne gilt das doppelt.
Denn dort liest niemand mit.
Alle hören nur zu.
Achte darauf, wie er über Dialoge spricht, und hör dabei auf seine eigenen Sätze.
Woran erkennst du, dass etwas nach Schreiben klingt?
Erstens an Wörtern, die du nie sagen würdest.
Niemand sagt beim Abendessen „sodann“ oder „jedwede“.
Zweitens an Sätzen ohne Atemstelle.
Wenn du beim Lesen mittendrin Luft holen musst, ist der Satz zu lang.
Drittens an Bildern, die auf Papier funkeln und im Mund stolpern.
Die erkennst du nur, wenn du laut liest.
Also merke: Lautes Lesen ist die einzige Prüfung, die diese Regel zuverlässig abnimmt.
Das Lichtraumprofil: Es muss weniger sein
Jeder Text ist beim ersten Mal zu lang.
Wirklich jeder.
Das liegt daran, dass du beim Schreiben denkst.
Denken braucht Umwege.
Zuhören nicht.
Es gibt einen Satz, der dem Trompeter Miles Davis zugeschrieben wird.
Sinngemäß: Entscheidend sind nicht die Töne, die man spielt, sondern die, die man weglässt.
Ehrlich gesagt ist der Satz in dieser Form nicht sicher belegt, es kursieren mehrere Fassungen.
Unbestreitbar ist etwas anderes.
Seine Musik klingt genau so.
Das Stück eröffnet sein Album „Kind of Blue“ von 1959.
Achte beim Hören auf die Pausen zwischen den Tönen.
Für deinen Text heißt das etwas sehr Praktisches.
Streich ein Viertel und schau, was fehlt.
Meistens fehlt nichts.
Und wenn doch, hast du gerade den Kern gefunden.
Das tut jedes Mal weh.
Und es hilft jedes Mal.
Die Spurweite: Warum ausgerechnet du?
Zurück zu Clemens und seinen fünf Wörtern.
Tabea hat zuerst gedacht, er habe den Text nicht verstanden.
Also hat sie ihn erklärt.
Clemens hat abgewinkt.
Er wollte nicht wissen, worum es geht.
Er wollte wissen, warum sie das sagt.
Warum sie und nicht irgendwer.
Darauf hatte sie keine Antwort.
Ihr Text war korrekt und hätte von jedem stammen können.
Genau das war sein Fehler.
Aber hier kommt der Haken, an dem viele hängen bleiben:
Diese Regel verlangt kein besonderes Leben.
Viele glauben, sie müssten erst etwas Dramatisches erleben, bevor sie etwas zu erzählen haben.
Quatsch!
Diese Regel verlangt nur einen Blickwinkel.
Deine Wohnung, dein Weg zur Arbeit, dein Verhältnis zu deiner Schwester.
Das reicht völlig.
Denn niemand sonst hat genau diesen Weg.
Und niemand sonst hat genau diese Schwester.
Die stärksten Texte handeln oft von sehr gewöhnlichen Dingen.
Sie sind nur von einem einzigen Menschen aus gesehen.
Genau das ist der Unterschied zwischen einer Nachricht und einer Geschichte.
Eine Nachricht kann jeder verlesen.
„Muss ich dafür Privates preisgeben?“
Nein.
Diese Regel verlangt keine Beichte, sondern eine Perspektive.
Wie weit du gehst, entscheidest du.

Drei Probefahrten auf derselben Strecke
Dieselbe Idee, dreimal angefahren.
Jemand räumt die Wohnung eines Verstorbenen aus, ein häufiger Stoff auf Slambühnen.
Probefahrt A klingt schön und ist nicht falsch.
Aber es passiert nichts, und diese Sätze könnte jeder geschrieben haben.
Probefahrt B fährt.
Jemand tut etwas, und du willst wissen, was in der Schublade liegt.
Das zweite Öffnen verrät schon etwas.
Genau so würde man es am Küchentisch erzählen.
Probefahrt C hat alle fünf Bauteile.
Und der Unterschied zwischen B und C ist ein einziger Nebensatz.
Also merke: Die fünfte Regel kostet fast nie mehr als einen Nebensatz.
Hilfslinien sind keine Bauteile
Hilfslinien · zehn Ratschläge, die keine Maße sind
„Keine Reime.“ Gemeint sind schlechte Reime.
„Nie mit einer Frage anfangen.“ Kommt auf die Frage an.
„Metaphern sparsam.“ Geschmack, kein Maß.
„Nicht in der ersten Person.“ Die meisten guten Slamtexte tun genau das.
„Immer eine Pointe am Ende.“ Manchmal ist ein Bild stärker.
„Nie übers Schreiben schreiben.“ Es gibt Ausnahmen, die ganze Säle umhauen.
„Keine Fremdwörter.“ Kommt auf die Figur an.
„Sechs Minuten sind zu lang.“ Ein guter Sechs-Minuten-Text ist kurz.
„Keine politischen Texte.“ Sagt mehr über den Ratgeber als über Texte.
„Schreib, was das Publikum will.“ Das weiß es vorher nie.
Diese zehn Punkte standen auf Tabeas Liste.
Alle sind irgendwie richtig.
Keiner ist ein Maß.
Warum sind sie trotzdem so verbreitet?
Weil sie Anfängern helfen.
Wer noch nichts kann, fährt mit Verboten sicherer.
Das Problem kommt später.
Irgendwann verhindern dieselben Verbote genau die Texte, die dich ausmachen würden.
Wie unterscheidest du ein Maß von einem Ratschlag?
Clemens hat dafür eine Faustregel.
Clemens’ Faustregel
Kennst du einen großartigen Text, der ohne diese Regel auskommt?
Ja: Dann ist es ein Ratschlag. Nützlich, aber verhandelbar.
Nein: Dann ist es ein Maß. Dann lohnt es sich, genau hinzuhören.
Bei den fünf Bauteilen fällt ihm kein einziger großer Text ein, der ohne sie auskommt.
Deshalb sind sie übrig geblieben.
Probier die Faustregel beim nächsten Workshop aus.
Sie schützt dich vor beidem: vor Regelgläubigkeit und vor Beliebigkeit.
Und noch eine ehrliche Grenze dieser Liste.
Manchmal stimmen alle fünf Maße, und trotzdem passiert nichts.
Dann liegt es nicht am Text, sondern am Vortrag: an Tempo, Blick oder Pausen.
Oder am Abend, denn ein leiser Text nach einem sehr lustigen Beitrag hat es schwer.
Das ist keine Aussage über deinen Text.
Das ist Reihenfolge.
Sonderfahrzeuge und Instandsetzung
Sonderfahrzeuge · wo du zuerst misst
Der Listentext
Ohne Einsatz ist eine Liste nur eine Aufzählung. Der letzte Punkt muss wehtun.
Der Wut-Text
Wut ist ein Zustand. Zeig eine Szene, in der sie steckt.
Der Liebestext
Alles wurde schon gesagt, nur nicht von dir.
Der politische Text
Nimm eine Person und lass die Politik durch sie hindurchgehen.
Der komische Text
Jede Pointe stirbt an einem Wort zu viel. Und ③ ist hier Pflicht.
Nicht jeder Text ist eine Geschichte.
Die fünf Maße gelten trotzdem für alle.
Nur die Reihenfolge der Reparatur ändert sich.
Und dann gibt es Texte, die nur für dich geschrieben sind.
Die müssen gar keine Regel erfüllen.
Bei der Bahn hieße ihr Platz Abstellgruppe, dort stehen Wagen, die gerade nicht im Umlauf sind.
Niemand würde sagen, dass sie kaputt sind.
Sie warten nur.
Und wenn ein Bauteil fehlt?
Dann muss der Text meistens nicht weg.
Meistens fehlen nur ein paar Sätze.
Instandsetzung · vier Reparaturen und eine Verwertung
Geschriebenes in Gesprochenes übersetzen
Erzähl den Absatz frei, nimm dich auf, schreib die freie Fassung ab.
Aus einem Zustand eine Szene machen
Nimm einen einzigen Tag und frag: Was hatte jemand in der Hand?
Einen Einsatz einbauen
Setz eine Frist: ein Anruf, der heute kommen soll, ein Zug in zwanzig Minuten.
Die Spur setzen
Such eine Stelle, an der du etwas Kleines zugibst, das dir peinlich ist.
Verwerten statt wegwerfen
Zwei gute Sätze retten, den Rest ablegen.
Die Reihenfolge ist nicht die naheliegende.
Fang immer mit dem Schienenkopf an.
Wenn ein Text erst einmal gesprochen klingt, siehst du die anderen Lücken viel deutlicher.
Und manchmal ist ein Text nicht zu retten.
Dann steckt trotzdem meistens etwas Brauchbares darin, oft zwei Sätze.
Nimm diese zwei Sätze heraus und leg den Rest weg.
Bei der Bahn wandern die brauchbaren Teile eines ausgemusterten Wagens ins Ersatzteillager.
Niemand nennt das Scheitern.
Man nennt es Verwertung.
Dein Ersatzteillager kann eine einzige Datei sein: gute Sätze ohne Zusammenhang.
Wenn du später feststeckst, steht dort erstaunlich oft schon der fehlende Satz.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenTabeas zweite Fahrt
Drei Wochen später steht Tabea wieder im Güterschuppen.
Ihre Liste hat sie noch.
Siebenunddreißig Punkte, zweiunddreißig davon mit Bleistift durchgestrichen.
Übrig sind fünf.
Und auf der Rückseite Clemens’ Zeichnung.
Ihr neuer Text handelt nicht von Einsamkeit.
Er handelt von einer Fernbedienung, die seit dem Umzug ihrer Oma niemand mehr benutzt.
Er ist kürzer als der erste.
Sie hat ihn laut gelesen, bis er nicht mehr stolperte.
Und in der Mitte steht ein Nebensatz, den nur sie schreiben konnte.
Diesmal wird es sehr still im Saal.
Vorgebeugt still.
Hinterher kommt Clemens nicht mit einer Frage.
Er nickt nur und tippt auf die Stelle mit der Fernbedienung.
Und jetzt du.
Nimm deinen letzten Text und beantworte nur die fünfte Frage.
In einem Satz.
Kein Thema, keine Ausrede, ein Grund.
Fällt dir nichts ein, ist das keine Katastrophe.
Es heißt nur, dass dieser Text noch einen Satz von dir braucht.
Vierzig Regeln sind eine Drohung.
Fünf sind ein Werkzeug.
Die kannst du im Kopf haben, während du schreibst.
Und alles, was nicht auf dieser Liste steht, ist ab sofort deine Entscheidung.
Das ist keine Einschränkung.
Das ist die größte Freiheit, die dieses Handwerk zu bieten hat.
