Eine Schachpartie · Entwicklung als Slammer
Die 3 Phasen vom Zittern zur Souveränität

Dienstag im Februar, 23:40 Uhr, Wartesaal am Hauptbahnhof.
Der letzte Regionalzug hat zwanzig Minuten Verspätung.
Nora und Kilian stecken mitten in ihrer Entwicklung als Slammer, und beide sind heute in der Vorrunde rausgeflogen.
Kilian ist der Begabtere.
Das sagen alle, seit die beiden vor gut einem Jahr im selben Monat angefangen haben.
Er hat Timing, eine gute Stimme und einen Text, der schon beim ersten Mal funktioniert hat.
Nora hat damals gezittert und viel zu schnell gesprochen.
Jetzt sitzt Kilian auf der Bank und sagt: „Das Publikum hier versteht meine Texte nicht.“
Nora sagt erst mal nichts.
Sie klappt ihr kleines Reiseschach auf und stellt die Figuren hin.
Dann fragt sie etwas ganz anderes.
„Hat eigentlich jemand meinen Auftritt mitgeschnitten?“
Nora und Kilian gibt es so nicht. Aber diese zwei Sätze an einem kalten Abend fallen in fast jeder Szene, und sie entscheiden mehr als jede Wertung.
Kennst du das?
Am Anfang war alles aufregend.
Und dann, irgendwann im zweiten Jahr, kippt es.
Du bist nicht mehr neu.
Du bist noch nicht gut.
Und irgendwer flüstert dir ins Ohr, dass du vielleicht schlechter geworden bist.
Hier kommt die gute Nachricht: Das ist kein Urteil über dich.
Das ist eine Phase.
Fast jeder durchläuft dieselben drei.
Und fast jeder, der aufhört, hört in der zweiten auf.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenNora spielt seit ihrer Kindheit Schach.
Deshalb erklärt sie Kilian die drei Phasen so, wie sie jede Partie kennt.
Eröffnung.
Mittelspiel.
Endspiel.
Kurz vorweg, ganz ehrlich: Das ist eine Beobachtung an vielen Leuten, kein Naturgesetz.
Manche überspringen eine Phase, manche fallen zurück, beides ist normal.
Eröffnung: Dein Körper spielt die ersten Züge
Phase 1 · Eröffnung
Auftritt 1 bis etwa 15
Dein Körper lernt die ersten Züge. Der Text ist fast Nebensache.
Die erste Phase reicht ungefähr vom ersten bis zum fünfzehnten Auftritt.
Hier geht es nicht um deinen Text.
Es geht darum, dass du überhaupt oben stehst.
Woran du sie erkennst?
Dein Herz schlägt schon nachmittags schneller.
Du gehst den Text im Kopf durch, obwohl du ihn längst kannst.
Oben stehst du dann in einer Art Tunnel.
Und danach weißt du nicht mehr, was du eigentlich gemacht hast.
Fast alle sprechen in dieser Phase zu schnell.
Das ist kein Fehler, das ist ein Körperzustand.
Dein Körper gewöhnt sich an eine Lage, die er für gefährlich hält.
Im Schach lernt man die Eröffnung Zug für Zug, bis die ersten Züge sitzen, ohne dass man nachdenkt.
Genau das passiert hier mit deinem Körper.
Der häufigste Fehler in der Eröffnung?
Zu früh zu viel wollen.
Wer jetzt schon über Wertungen grübelt, verbrennt Energie am falschen Ort.
Und wann ist die Eröffnung vorbei?
Dafür gibt es einen erkennbaren Moment.
Du stehst oben und hörst zum ersten Mal den Raum.
Jetzt merkst du, dass da Menschen sitzen und atmen.
„Aber ich zittere nach dreißig Auftritten immer noch!“
Macht nichts.
Das Zittern verschwindet bei vielen nie ganz, und nach Pausen kommt es zurück.
Das Kennzeichen der Eröffnung ist nicht die Aufregung, sondern der Tunnel.
Solange du den Raum wahrnimmst, bist du weiter, egal wie sehr deine Hände zittern.
Wie lang so ein Weg dauern kann, zeigt ein berühmtes Beispiel.
Der Komiker Steve Martin hat in seinen Erinnerungen „Born Standing Up“ von 2007 seine eigene Laufbahn in drei Abschnitte geteilt.
Steve Martin · 18 Jahre Stand-up in drei Abschnitten
10 J.
lernen
4 J.
feilen
4 J.
Erfolg
Nach seiner eigenen Rechnung in „Born Standing Up“ (2007), sinngemäß.
Wer ihn auf dem Höhepunkt sah, hielt ihn für ein Naturtalent.
In Wahrheit standen davor vierzehn Jahre Lernen und Feilen.
Achte beim Zuschauen darauf, wie er über seine Anfänge spricht, und überleg, welche Phase du davon schon kennst.
Mittelspiel: gut genug, um zu leiden
Phase 2 · Mittelspiel
Auftritt 15 bis etwa 60
Alles ist noch auf dem Brett. Hier steigen die meisten aus.
Jetzt kommt die gefährliche Phase.
Ungefähr vom fünfzehnten bis zum sechzigsten Auftritt.
Sie fühlt sich an wie Rückschritt und ist das Gegenteil.
Denn du weißt jetzt, was gut ist.
Genau das ist das Problem.
In der Eröffnung warst du blind und deshalb glücklich.
Jetzt siehst du den Abstand zwischen deinem Text und dem, was du im Kopf hörst.
Dein Geschmack ist schneller gewachsen als dein Können.
Das ist die schmerzhafteste Schere der ganzen Laufbahn.
Im Schach ist das Mittelspiel die unübersichtlichste Phase.
Fast alle Figuren stehen noch, und jeder Zug hat Folgen.
Hier musst du selbst denken.
Drei Sätze, an denen du das Mittelspiel erkennst
„Ich bin schlechter geworden.“
→ Bist du nicht. Du hörst nur besser hin.
„Die anderen sind alle weiter.“
→ Sie sind sichtbarer. Das ist etwas anderes.
„Vielleicht ist das nichts für mich.“
→ Dieser Satz kommt fast immer im zweiten Jahr.
Warum hören gerade hier so viele auf?
Weil die Belohnung wegfällt.
In der Eröffnung wurdest du für deinen Mut gefeiert.
Jetzt bist du eine von vielen soliden Stimmen.
Mittlere Wertungen, höflicher Applaus.
Aber hier kommt der Haken:
Diese Mitte ist schwerer auszuhalten als ein echter Reinfall.
Ein Reinfall erzählt dir wenigstens etwas.
Die Mitte lässt dich einfach stehen.
„Ist es nicht ehrlicher, dann eben aufzuhören?“
Doch, wenn du die Sache wirklich nicht mehr magst.
Aber prüf vorher, ob du die Sache satt hast oder nur die Phase.
Beides fühlt sich gleich an.
Und wer im Mittelspiel aufgibt, gibt fast immer kurz vor dem interessanten Teil auf.
Was passiert im Mittelspiel wirklich?
Du sammelst Daten.
Bei der Bahn schickt man neue Fahrzeuge in einer Vorserie absichtlich durch Hitze, Frost und Nachtdienst, damit man sieht, wo sie schwächeln.
Du machst gerade genau dasselbe.
Jeder mittelmäßige Abend ist eine Messfahrt.
Diese Daten kann man nicht abkürzen.
Man kann sie nur sammeln.
Und wann ist das Mittelspiel vorbei?
Wenn du zum ersten Mal einen Text schreibst, der nur von dir sein kann.
Vorher hast du gute Texte geschrieben.
Jetzt schreibst du deine.
Du merkst es an einer Kleinigkeit.
Jemand sagt hinterher nicht „guter Text“, sondern: „Das warst du.“
Vier Patzer, die im Mittelspiel fast alle machen
Im Schach bekommt ein schwerer Fehler zwei Fragezeichen.
Diese vier verdienen mindestens eines.
Den Sieger kopieren.
Du siehst jemanden gewinnen und übernimmst sein Muster: den Rhythmus, die Pausen, den letzten Satz.
Das funktioniert zweimal.
Beim dritten Mal merkt der Saal, dass da eine Kopie steht.
Das Gegenmittel ist unbequem: Klau die Technik, lass das Thema liegen.
Nur noch spielen, was du kannst.
Du hast zwei Texte, die immer funktionieren, also spielst du sie.
Nach zwanzig Abenden bist du darin großartig und in allem anderen noch bei null.
Dich an der Wertung messen.
Wertungen sagen etwas über diesen Abend.
Über deine Richtung sagen sie fast nichts.
Auf den Durchbruch warten.
Es gibt keinen.
Es gibt eine lange Reihe kleiner Verbesserungen.
Wer auf den einen Abend wartet, an dem alles kippt, übersieht, dass es längst kippt.
Also merke: Vergleich dich mit dir selbst von vor einem Jahr.
Nie mit dem Sieger von heute Abend.
Die zehntausend Stunden und der Mann, der sie nicht mochte
Drei Einwände gegen die Zehntausend-Stunden-Regel
1
Ein Durchschnitt
Keine Schwelle. Manche brauchten weniger, andere mehr.
2
Geige, nicht alles
Die Zahl stammt aus einer Studie mit Geigenstudierenden.
3
Die Art fehlte
Bewusstes Üben mit Ziel und Rückmeldung, nicht bloßes Wiederholen.
Nach Anders Ericsson und Robert Pool, „Peak“ (2016).
Fast jeder kennt die Zahl.
Fast niemand kennt den Streit dahinter.
Der Psychologe Anders Ericsson hat Anfang der Neunziger mit Kollegen Geigenstudierende an einer Berliner Musikhochschule untersucht.
Die Besten hatten bis zum Alter von zwanzig deutlich mehr geübt als die anderen.
Malcolm Gladwell machte daraus 2008 eine griffige Regel: zehntausend Stunden, dann bist du Weltklasse.
Ericsson hat dieser Vereinfachung später deutlich widersprochen, ausführlich in seinem Buch „Peak“ von 2016, geschrieben mit Robert Pool.
Sein wichtigster Punkt: Es kommt auf die Art des Übens an.
Bewusst, mit klarem Ziel und schneller Rückmeldung.
Kein Bullshit: Wer zehntausend Stunden nur wiederholt, wird nicht gut.
Er wird nur älter.
Achte beim Zuhören auf den Unterschied zwischen Üben und Wiederholen, und frag dich, was davon du nach deinen Auftritten machst.
Für die Bühne heißt das etwas sehr Praktisches.
Wenige Auftritte mit Nachbereitung bringen dich weiter als viele ohne.
Nachbereitung klingt groß, ist aber winzig.
Im Schach heißt das Partieanalyse.
Klingt albern?
Ist es auch, beim ersten Mal.
Nach zwanzig Abenden hast du sechzig Sätze über dich selbst.
Und darin stehen Muster, die dir sonst nie aufgefallen wären.
Bei Nora stand dreimal derselbe Satz: zu schnell angefangen.
Gesehen hat sie es erst, als es schwarz auf weiß dastand.
Der Übergang, den niemand spürt

Die Phasen wechseln nicht an einem Abend.
Sie schieben sich ineinander wie zwei Wagen beim Kuppeln.
Es ruckelt, und irgendwann ist es ein Zug.
Viele merken ihren Wechsel nicht auf der Bühne.
Sondern an einer Bushaltestelle, um ein Uhr nachts.
Vier Stunden nach einem mäßigen Auftritt fällt ihnen auf, dass sie gar nicht mehr daran denken.
Ein Jahr vorher hätte so ein Abend eine ganze Woche beschwert.
Das ist der Phasenwechsel.
Warum siehst du deinen eigenen Fortschritt so schlecht?
Weil dein Maßstab mitwächst.
Es ist wie im Zug am Fenster.
Solange du auf den Sitz vor dir schaust, merkst du nicht, dass du fährst.
Erst der Blick nach draußen macht die Bewegung sichtbar.
Und draußen heißt hier: dein eigener Text von vor zwei Jahren.
Hol ihn am nächsten Regensonntag raus.
Du wirst erschrecken, und zwar auf die gute Art.
Rückfälle gehören übrigens dazu.
Ein fremder Ort, ein ungewohntes Publikum, ein Mikrofon, das anders klingt, und schon fühlst du dich wie beim ersten Mal.
Bei der Bahn braucht ein Fahrzeug für ein neues Einsatzgebiet auch eine eigene Zulassung.
Dasselbe Fahrzeug, andere Strecke, neue Prüfung.
Niemand nennt das Versagen.
Drei Partien, wie sie in fast jeder Szene vorkommen
Die Schnelle
Kam vom Theater. Ihr Körper kannte die Bühne schon, sie musste nur noch das Schreiben lernen.
Der Langsame
Zweimal jahrelang ausgestiegen, zweimal zurückgekommen. Angekommen ist er trotzdem.
Die Steckengebliebene
Spielt seit Jahren dieselben drei Texte. Zeit allein hat sie nicht weitergebracht.
Eröffnung Mittelspiel Endspiel
Wie lange dauert das alles?
Das hängt vor allem daran, wie oft du auftrittst, und ob du Neues wagst.
Zeit allein bringt dich nicht weiter.
Ein Fahrzeug, das zehn Jahre dieselbe Runde fährt, wird nicht besser.
Es wird nur abgefahren.
Endspiel: Souveränität sieht langweilig aus
Phase 3 · Endspiel
ab etwa Auftritt 60
Wenige Figuren, viel Technik. Unten wackelt nichts mehr.
Ab ungefähr dem sechzigsten Auftritt beginnt die dritte Phase.
Endspiel klingt nach Ziel.
In Wahrheit ist es nur ein anderer Zustand.
Du weißt vorher, was ungefähr passieren wird.
Dein schlechtester Abend ist nicht mehr katastrophal, nur noch mittelmäßig.
Und genau das ist Souveränität.
Nicht der beste Abend wird besser, sondern der schlechteste.
Im Endspiel stehen nur noch wenige Figuren auf dem Brett.
Jetzt entscheidet Technik, nicht Nervenstärke.
Was du in dieser Phase gewinnst?
Einen freien Kopf.
Dein Körper bedient den Auftritt inzwischen allein.
Also kannst du auf den Saal reagieren statt auf deinen Zettel.
Du merkst, dass die zweite Reihe abschaltet, und änderst das Tempo.
Was du verlierst?
Den Rausch.
Der erste gelungene Auftritt kommt nie wieder, und manche vermissen ihn lange.
Und es gibt eine eigene Gefahr: Routine.
Wer sicher spielt, spielt irgendwann immer dieselbe Partie.
Dagegen hilft eine einfache Regel.
Jeder dritte Auftritt enthält etwas, das du noch nie gemacht hast.
Ein neuer Text, eine andere Reihenfolge, ein Anfang ohne Begrüßung.
Bonus: Das Endspiel ist nicht das Ende.
Wer eine neue Textform anfängt, steht darin wieder in der Eröffnung.
Das fühlt sich unangenehm an.
Und es ist ein sehr gutes Zeichen.
Deine Entwicklung als Slammer: Stellungsbewertung in sechs Fragen
Stellungsbewertung · 1 = Eröffnung, 2 = Mittelspiel, 3 = Endspiel
1. Woran denkst du zehn Sekunden vor dem Auftritt?
1an den ersten Satz
2an die Wertung
3an den Saal
2. Wie viel erinnerst du hinterher?
1Bruchstücke
2vor allem die Fehler
3den ganzen Abend
3. Was passiert bei einem Aussetzer?
1du brichst ab
2du rettest dich mit Tempo
3Pause, weiter, der Saal merkt kaum etwas
4. Wie reagierst du auf eine niedrige Wertung?
1gekränkt
2wütend
3neugierig
5. Wie viele Texte kannst du spielen?
1einen
2drei, gespielt werden immer dieselben zwei
3genug, um nach dem Saal auszuwählen
6. Warum fährst du überhaupt hin?
?Keine Musterlösung. Aber die wichtigste Frage von allen.
Die Zahl deiner Auftritte ist nur ein grober Anhalt.
Diese sechs Fragen sind genauer.
Die sechste ist die wichtigste.
Denn sie entscheidet, ob du überhaupt bis ins Endspiel kommst.
Wer in der Eröffnung aufhört, dem fehlt der Mut.
Wer im Mittelspiel aufhört, dem fehlt die Belohnung.
Und nur wer im Mittelspiel ohne Belohnung weiterspielt, erreicht das Endspiel.
Noch ein Messwert, der nichts kostet und nicht lügt: Hör darauf, was die Leute nach deinem Auftritt sagen.
Nach der Eröffnung
Nach dem Mittelspiel
Im Endspiel
Wenn jemand eine bestimmte Zeile zurückgibt, ist etwas angekommen.
Wenn nur gelobt wird, war es glatt.
Und noch etwas macht das Mittelspiel so einsam.
Dein Innenbild und dein Außenbild laufen auseinander.
In der Eröffnung fühlst du dich schlecht und wirkst mutig.
Im Mittelspiel fühlst du dich mies und wirkst solide.
Niemand sieht deine Krise, deshalb kommt auch kaum Trost.
Menschen trösten sichtbares Unglück.
Deins ist unsichtbar.
Also sag es den Leuten um dich herum ruhig.
Ein Satz reicht, und die meisten reagieren sofort.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenFalsche Züge zur falschen Zeit
Nicht jeder gute Rat passt in jede Phase.
Manche schaden sogar, wenn sie zu früh kommen.
Ein Mitschnitt ist ein scharfes Werkzeug.
In der Eröffnung schneidet er in die falsche Richtung.
Ein Workshop ist großartig, wenn du eine Frage mitbringst.
Am Anfang hast du noch keine.
Und das Mittelspiel löst man nicht mit mehr Auftritten, sondern mit besseren Texten.
Dann die großen Ziele: Meisterschaft, große Bühne, ein Verlag.
Das Problem daran ist einfach.
Diese Dinge entscheiden andere.
Du kannst alles richtig machen und trotzdem nicht ankommen.
Dann sieht dein bestes Jahr aus wie ein Misserfolg.
Setz dir lieber Ziele, die du allein erreichen kannst.
Die kann dir niemand wegnehmen.
Und sie führen zuverlässig zu den anderen.
Nora, Kilian und die Partie danach
Zurück in den Wartesaal, Dienstag im Februar.
Kilian hat die Schuld nach draußen geschoben.
Nora hat sich Daten geholt.
Das war der ganze Unterschied.
Zwei Sätze an einem kalten Abend.
Nora hat sich den Mitschnitt noch in derselben Woche angehört.
Sie hat gehört, wo der Saal ausgestiegen ist.
Beim zweiten Absatz.
Zu schnell angefangen, schon wieder.
Kilian hat ein paar Monate später aufgehört.
Nicht, weil er schlecht war.
Sondern weil ihn sein Talent durch die Eröffnung getragen hat, ohne dass er je ohne Belohnung arbeiten musste.
Das Mittelspiel fühlte sich für ihn an wie Unrecht.
Nora hatte diesen Schutz nie.
Sie musste vom ersten Abend an arbeiten.
Deshalb war das Mittelspiel für sie kein Absturz, sondern einfach der nächste Zug.
Das ist die unbequemste Beobachtung in diesem ganzen Beitrag.
Frühes Talent kann im Mittelspiel ein Nachteil sein.
Ein Jahr später steht Kilian an einem Dienstagabend hinten im Saal.
Als Zuschauer.
Nach dem Programm setzt er sich zu Nora in den Wartesaal.
Sie klappt das Reiseschach auf.
„Neue Partie?“, fragt sie.
Er zögert.
Dann stellt er die Figuren auf.
Und jetzt du.
Nimm ein Blatt Papier und schreib oben drauf, wie viele Auftritte du bisher hattest.
Dann beantworte die sechs Fragen von oben, ehrlich, in je einem Satz.
Ganz unten steht nur ein Wort: Eröffnung, Mittelspiel oder Endspiel.
Leg das Blatt weg und hol es in einem Jahr wieder raus.
Dann siehst du, was ein Jahr wirklich bewegt.
Wenn deine Entwicklung Phasen hat, ist dein schlechtes Gefühl kein Urteil über dich.
Es ist eine Stellung auf dem Brett.
Wer im Mittelspiel denkt, er sei nicht gut genug, hört auf.
Wer denkt, er sei im Mittelspiel, spielt weiter.
Das Endspiel ist nicht für die Begabten reserviert.
Es gehört denen, die geblieben sind.
