Kleines Reimlexikon · sieben Einträge und ein Stern
Hör auf zu reimen [7 Gründe]

Reime weglassen?
Für Anselm klingt das an diesem Abend noch wie ein schlechter Witz.
Freitag, 21:40 Uhr, eine Kneipe direkt an einem Bahnübergang am Rand der Stadt.
Anselm, 31, steht auf der kleinen Bühne und trägt seinen Text über seinen Opa vor.
Jede Zeile reimt sich, jede Strophe sitzt, nichts wackelt.
Draußen bimmelt es, die Schranke senkt sich, ein Güterzug rollt vorbei.
Drinnen: höflicher Applaus.
Platz sechs von acht.
Später steht er am Tresen, und Frieda, 64, schiebt ihm ein Wasser hin.
Sie macht diese Lesebühne, seit es sie gibt.
„Wie war er denn, dein Opa?“
Und Anselm erzählt.
Ohne Reim, ohne Zettel, mit seinen eigenen Wörtern.
Vom Werkzeugkeller, in dem es nach Öl und Sägemehl roch.
Vom letzten Besuch im Krankenhaus.
Von dem Taschenmesser, das der Opa nie verschenken wollte und dann doch verschenkt hat.
Um ihn herum wird es still.
Acht Leute am Tresen hören zu, als säßen sie in einer Kirche.
Dann zieht Frieda ein zerlesenes Büchlein unter dem Tresen hervor.
Ein altes Reimlexikon, vollgekritzelt mit Bleistift.
„Das eben war dein Text“, sagt sie.
„Der auf der Bühne war eine Schranke.“
Anselm und Frieda gibt es so nicht. Aber den gereimten Text, der auf der Bühne kleiner wirkt als am Tresen, schreiben sehr viele von uns.
Kennst du das?
Du schreibst etwas, das dir wirklich wichtig ist.
Und irgendwo zwischen der ersten und der dritten Strophe übernimmt der Reim das Steuer.
Am Ende klingt es nach Dichtung.
Aber nicht mehr ganz nach dir.
Heute geht es darum, warum du Reime weglassen solltest – zumindest eine Zeit lang.
Sieben Gründe, nachgeschlagen in Friedas Lexikon.
Und ein Eintrag mit Stern: der eine Fall, in dem der Reim gewinnt.
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Handexemplar · liegt unter dem Tresen
Kleines Reimlexikon
für die Bühne
sieben Einträge, ein Stern und viele Randnotizen
Worttrennung · Herkunft · Bedeutung · Nebenwirkung
Ich weiß, was der Reim vielen bedeutet.
Für manche ist er der Grund, warum sie überhaupt angefangen haben zu schreiben.
Und dann kommt so ein Beitrag daher und sagt: Lass es.
Das fühlt sich an wie ein Angriff auf dein Handwerk.
Ist es aber nicht.
Kurz vorweg
Das hier ist kein Reim-Verbot.
Es ist eine Einladung, den Reim einmal bewusst wegzulassen und zu hören, was dann mit deinem Text passiert.
Der Reim ist ein scharfes Werkzeug in Meisterhand und eine Krücke in Gewohnheitshand. Die meisten von uns benutzen ihn aus Gewohnheit.
Woher kommt eigentlich unsere tiefe Reim-Liebe?
Aus Kinderliedern, aus der Schule, aus Geburtstagskarten und Poesiealben.
Ein ganzes Leben lang lernen wir: Wenn es sich reimt, ist es Poesie.
Das sitzt tief.
Und es ist trotzdem nur die halbe Wahrheit.
Frieda tippt auf das Büchlein.
„Sieben Einträge, lies sie, und dann reden wir weiter.“
Anselm blättert.
Und du blätterst einfach mit.
Eintrag 1 und 2: Wer hält hier eigentlich den Stift?
Reim·zwang der
Worttrennung: Reim|zwang · Herkunft: Kinderlied, Schulheft, Glückwunschkarte
- Zustand, in dem das Reimwort entscheidet, was im Text steht.
- (Bühne) der stille Machtwechsel am Schreibtisch.
Beispiel „Mein Vater konnte nie über Gefühle reden“ wird zu „Mein Vater war niemals für mich da“ – weil die Zeile davor auf Jahr endet.
→ siehe auch: Wahrheit, verbogene · Reimfamilie, kleine
✎ Frieda: Der Mann WAR da. Er konnte nur nicht reden. Das ist ein anderer Text!
Der gefährlichste Grund passiert am Schreibtisch.
Du willst schreiben: „Mein Vater konnte nie über Gefühle reden.“
Ein wahrer Satz.
Dein Satz.
Aber die Zeile davor endet auf „Jahr“.
Also wird aus deinem Vater plötzlich einer, der „niemals für mich da war“.
Stimmt das?
Nein.
Er war ja da.
Er konnte nur nicht reden.
Aber es reimte sich, also steht es jetzt im Text.
Wegen vier Buchstaben am Zeilenende.
Du entscheidest die erste Zeile.
Ab da entscheidet der Reim.
Und er wählt aus kleinen, müden Familien.
Herz, Schmerz, März.
Leben, geben, schweben.
Wenn auf „Nacht“ immer „gedacht“ oder „gelacht“ folgen muss, handeln deine Nächte eben immer davon.
Nie von dem, was in deiner Nacht wirklich passiert ist.
Vor·her·seh·bar·keit die
Worttrennung: Vor|her|seh|bar|keit · Herkunft: jedes brave Reimpaar seit dem ersten Kinderreim
- Eigenschaft eines Textes, dessen nächstes Wort das Publikum schon kennt.
- (Saal) der Beginn des Halbzuhörens.
Beispiel „… ich suchte nach dem Glück – und fand nur ein …“
→ siehe auch: Aufmerksamkeit · Regionalzug, schaukelnder
✎ Frieda: Wer dein nächstes Wort kennt, braucht dein jetziges nicht.
Jetzt ein kleines Experiment.
Lies diese Zeilen halblaut:
„Ich stand allein im Regen, das Leben war dagegen, ich suchte nach dem Glück – und fand nur ein …“
Na?
Dein Kopf hat „Stück“ ergänzt, bevor du die Zeile zu Ende gelesen hast.
Genau das macht der Saal.
Bei jedem Reimpaar, den ganzen Abend lang.
Zwei Minuten lang fühlt sich das an wie ein Spiel.
Dann wird es Routine.
Und wer dein nächstes Wort schon kennt, muss dir nicht mehr zuhören.
Der Takt schaukelt so gleichmäßig wie ein Regionalzug am Nachmittag.
Bei einem reimfreien Text weiß niemand, wie der Satz endet.
Jedes Wort kann eine Abzweigung sein.
Also muss der Saal mitgehen, um mitzukommen.
Aufmerksamkeit ist die Währung auf der Slam-Bühne.
Und Überraschung ist die Druckerpresse dafür.
Eintrag 3 und 4: die müde Kiste und das Reimdeutsch
Reim·kis·te die
Worttrennung: Reim|kis|te · Herkunft: Generationen von Poesiealben
- kleiner, stark benutzter Vorrat an Reimpaaren: Herz/Schmerz, Leben/geben, Zeit/weit.
- (übertragen) eine Ursache des Einheitstons.
Beispiel Zwei gereimte Texte hintereinander, Augen zu – und du weißt nicht mehr, wer was geschrieben hat.
→ siehe auch: Einheitston · Stimme, eigene
✎ Frieda: Deine Pausen sind dein Fingerabdruck. Die Kiste wischt ihn weg.
Alle wühlen in derselben Kiste.
Also klingen gereimte Texte miteinander verwandt.
Dieselben Endungen.
Dieselben Bilder.
Derselbe Takt.
Der Reim bügelt deine Stimme glatt, bis sie klingt wie alle Stimmen.
Dabei ist deine Art zu sprechen einzigartig.
Deine Pausen.
Deine Abbrüche.
Die Art, wie du Anlauf nimmst, bevor du etwas Schwieriges sagst.
Denk an die Menschen, denen du gern zuhörst.
Keiner von ihnen reimt.
Aber jeder hat einen eigenen Takt, so unverwechselbar wie ein Lachen.
Mach beim nächsten Slam die Gegenprobe: zwei gereimte Texte hintereinander, Augen zu.
Kannst du sagen, welcher Text von welchem Menschen kam?
Oft nicht.
Reim·deutsch das
Worttrennung: Reim|deutsch · Herkunft: Poesiealbum, Festtagsrede, Grabstein
- Sprache, die es nur in gereimten Texten gibt: verdrehter Satzbau, Füllwörter, altertümliche Endungen.
- (Saal) sofort erkennbar als Verkleidung.
Beispiel „so manche Stund“ · „im Herzen mein“ · „gar“ als Silbenfüller
→ siehe auch: Kostüm · Küchentisch-Satz
✎ Frieda: Lies es beim Frühstück vor. Wenn du lachen musst: Reimdeutsch.
Kennst du diese Sätze, die kein Mensch je sagen würde?
„Des Lebens schwere Bürde trag ich mit stiller Würde.“
Niemand redet so.
Nicht mal der Dichter selbst am Frühstückstisch.
Solche Sätze entstehen, wenn sich der Satzbau dem Reim unterwerfen muss.
Das Verb wandert nach hinten, ein kleines „gar“ füllt die Silbe auf, und fertig ist das Poesiealbum.
Das passiert schleichend.
Erste Strophe: noch dein Deutsch.
Letzte Strophe: „im Herzen mein“.
Und der Saal hört sofort, dass du dich verkleidet hast.
Wer spricht wie ein Mensch, wird geglaubt.
Wer spricht wie ein Denkmal, wird besichtigt.
Zwischenruf aus der dritten Reihe
„Und was ist mit Rap? Da wird ständig gereimt!“
Stimmt – und genau das beweist den Punkt. Guter Rap reimt mitten in der Zeile, in mehrsilbigen Ketten, mit Betonungen gegen den Takt. Das ist jahrelang trainiertes Handwerk.
Frag dich ehrlich: Reimst du wie ein Rapper oder wie eine Glückwunschkarte? Für alles dazwischen gilt: erst weglassen, dann sauber neu lernen.
Eintrag 5: Reimzucker, oder wie stark deine Suppe ist
Reim·zu·cker der
Worttrennung: Reim|zu|cker · Herkunft: Werbejingle, Schlager, Grußkarte
- kurze Freude des Ohrs über einen sauberen Reim, ganz unabhängig vom Inhalt.
- (übertragen) Süßstoff, der eine dünne Suppe eine Weile verdeckt.
Beispiel „Ich esse gerne Sahnetorte, an jedem zweiten Orte.“ Klingt aufgeräumt. Sagt nichts.
→ siehe auch: Suppe, dünne · Prosatest
✎ Frieda: Nimm den Zucker raus, dann schmeckst du, was du gekocht hast.
Warum reimen wir überhaupt so gern?
Weil es funktioniert.
Auf einer sehr flachen Ebene.
Ein sauberer Reim klingt nach Ordnung, das Ohr freut sich kurz.
Aber hier kommt der Haken:
Diese kleine Freude kommt ganz unabhängig vom Inhalt.
Der Reim ist Zucker.
Er macht alles ein bisschen süß.
Auch das Fade.
Eine Jury schmeckt länger als zwei Zeilen.
Der Test dafür ist gnadenlos einfach.
Schreib eine beliebige Strophe deines Textes als normalen Satz auf, ohne Zeilenumbrüche.
Steht da noch ein Gedanke, den du einem Freund erzählen würdest?
Wenn ja: Glückwunsch, deine Suppe trägt.
Wenn nur „das Leben ist schwer, das Herz ist leer“ übrig bleibt, dann war es der Zucker.
Anselm macht diesen Test noch am Tresen, mit seiner ersten Strophe und einem Kugelschreiber auf einer Serviette.
Übrig bleibt: Opa war ein guter Mann, und jetzt ist er nicht mehr da.
Er starrt lange auf die Serviette.
„Das ist ja gar nichts“, sagt er leise.
Frieda nickt.
„Und das Taschenmesser war alles.“

Eintrag 6: Freie Sprache hat mehr Musik, nicht weniger
reim·los Adj.
Worttrennung: reim|los · Herkunft: unter anderem Bertolt Brecht, 1939
- ohne Reim, aber nicht ohne Musik: Rhythmus, Klangfarbe, Wiederholung, Pause.
- (Bühne) Sprache im Ton der direkten, augenblicklichen Rede.
Beispiel Brechts Aufsatz „Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“ in der Exilzeitschrift „Das Wort“.
→ siehe auch: Rhythmus · Straßenruf · Pause
✎ Frieda: Nicht: ohne Klang. Sondern: ohne Schranke.
Jetzt kommt der Einwand, den man am häufigsten hört.
„Ohne Reim ist es doch keine Poesie mehr, dann ist es nur Reden.“
Klingt vernünftig.
Ist aber längst beantwortet.
1939 veröffentlichte Bertolt Brecht einen Aufsatz mit dem nüchternen Titel „Über reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen“.
Er erschien in „Das Wort“, einer Exilzeitschrift, die in Moskau herauskam.
Brecht hatte Gedichte geschrieben, die über einen Geheimsender nach Nazi-Deutschland ausgestrahlt werden sollten.
Einzelne Sätze, durch Störgeräusche hindurch, an eine weit verstreute Hörerschaft.
Jeder Satz musste beim ersten Hören sitzen.
Den Reim hielt Brecht dafür nicht für geeignet.
Sinngemäß schrieb er, der Reim gebe dem Gedicht leicht etwas in sich Geschlossenes, etwas, das am Ohr vorübergleitet.
Lies das noch mal.
Am Ohr vorüber.
Brecht wollte stattdessen den Ton der direkten, augenblicklichen Rede.
Seine Rhythmen holte er nach eigener Schilderung auch von der Straße: von den Rufen der Straßenhändler und den Sprechchören demonstrierender Arbeiter.
Erkennst du die Lage?
Es ist deine.
Ein Saal ist auch ein Raum voller Störgeräusche.
Gläserklirren, Getuschel, Handylicht, draußen vielleicht eine Schranke, die bimmelt.
Und nein, Brecht konnte sehr wohl reimen, und zwar glänzend.
Er hat den Reim weggelassen, wo er etwas Dringenderes wollte: gehört und geglaubt werden.
Hör dir an, wie Sprache klingt, wenn der Rhythmus trägt.
Kae Tempest gehört zu den bekanntesten Stimmen der britischen Spoken-Word-Szene.
Du musst nicht jedes englische Wort verstehen.
Achte auf etwas anderes.
Wo sitzt die Betonung?
Brav am Zeilenende oder mitten im Satz?
Wann wird es schneller, wo bleibt eine Pause einfach stehen?
Drei Techniken kannst du dir sofort ausleihen.
Erstens: der Drei-Wörter-Satz nach drei langen Sätzen.
Er knallt wie eine Tür.
Zweitens: die Wiederholung mit Steigerung.
Derselbe Satzanfang, dreimal, und beim dritten Mal biegt er woanders ab.
Drittens: die Pause genau dort, wo früher dein Reim kam.
Diese halbe Sekunde Stille zieht den ganzen Saal nach vorn.
Und das Beste daran?
Diese Musik gehorcht dem Inhalt.
Wenn deine Geschichte rast, rasen die Sätze.
Wenn sie stockt, stocken sie.
Eintrag 7: Gut reimen ist die Königsdisziplin
Meis·ter·reim der
Worttrennung: Meis|ter|reim · Herkunft: Heine, Kästner, die besten Rap-Texte
- Reim, der überrascht, unauffällig sitzt und den Satz nicht verbiegt.
- (Werkstatt) die Königsdisziplin, nicht die Einstiegshilfe.
Beispiel Bei Kästner merkt man den Reim oft erst beim zweiten Lesen.
→ siehe auch: Notreim · Jonglieren
✎ Frieda: Erst schreiben. Dann klingen. Dann reimen.
Der letzte Grund ist der ehrlichste.
Wir behandeln den Reim wie eine Einstiegshilfe.
Dabei ist es genau andersherum.
Ein guter Reim gehört zum Schwersten, was man mit Sprache machen kann.
Einer, der überrascht.
Einer, der unauffällig sitzt.
Einer, der den Satz nicht verbiegt.
Heine konnte das.
Kästner konnte das.
Die besten Rapperinnen und Rapper können es.
Am Anfang kann das fast niemand.
Und ein halbguter Reim ist auf der Bühne schlimmer als gar keiner.
Weil man das Bemühen hört.
Der Saal hört das kleine Zögern vor dem Notreim.
Und ab da hört er nicht mehr deine Geschichte.
Er schaut dir beim Reimen zu wie jemandem beim Jonglieren.
Und wartet nur darauf, dass ein Ball fällt.
Also merke:
Erst schreiben, dann klingen, dann – wenn du willst – reimen.
Wenn du irgendwann zurückkommst, mit vollem Werkzeugkasten, benutzt du den Reim.
Statt dass er dich benutzt.
Der Eintrag mit Stern: wenn die Schranke selbst der Witz ist
Poin·ten·reim ★ der
Worttrennung: Poin|ten|reim · Herkunft: Heinz Erhardt und alle, die bei ihm gelernt haben
- Reim, der die Erwartung des Saals aufbaut, um sie im letzten Moment zu brechen.
- (Bühne) der einzige Fall, in dem die Schranke kein Hindernis ist, sondern ein Katapult.
Beispiel „… zärtlich, lang und lind – und du hast zurückgeschrieben: ‚Sorry, wer ist das?‘“
→ siehe auch: Erwartung · Bruch · Specht
✎ Frieda: Einer pro Text. Nicht fünf.
Und jetzt der eine Fall, in dem der Reim alles gewinnt.
Erinnerst du dich an Eintrag 2?
Der Saal rät dein Reimwort voraus.
Das ist die Schwäche des Reims.
Und genau diese Schwäche kannst du umdrehen.
Du lässt den Saal das erwartete Reimwort denken und lieferst ein anderes.
Die Erwartung ist die Anlaufstrecke.
Der Bruch ist der Lacher.
Ein Beispiel:
„Ich hab dir jeden Abend geschrieben, zärtlich, lang und lind – und du hast zurückgeschrieben: ‚Sorry, wer ist das?‘“
Der Saal hatte „Kind“ oder „Wind“ im Kopf.
Stattdessen kommt die Wahrheit.
Der Großmeister dieses Tricks war ein freundlicher Herr mit Hornbrille: Heinz Erhardt.
Sein „Noch’n Gedicht“ ist bis heute ein geflügeltes Wort.
In einem seiner bekanntesten Gedichte geht es um eine Made und ihr Kind hinter einer Baumrinde.
Klingt harmlos.
Reimt brav.
Und dann kommt ein Specht.
Achte beim Zuhören auf eine einzige Sache.
Wie baut Erhardt die Erwartung auf, bevor er sie kippt?
Bei ihm ist der Reim nie Deko.
Er ist die Zündschnur.
Zwei Regeln, dann gehört dir der Trick.
Erstens: sparsam.
Ein gebrochener Reim pro Text ist ein Feuerwerk, fünf sind ein Tinnitus.
Zweitens: Die Ersatz-Pointe muss wahrer sein als das erwartete Wort.
Der Lacher kommt von der richtigen Wahrheit an der falschen Stelle.
Bonus: Das funktioniert auch in ernsten Texten, als kurzer Lacher, kurz bevor es wehtut.
Beim Anfänger benutzt der Reim den Text – beim Meister benutzt der Text den Reim.
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Jetzt Kanal folgenDein Reim-TÜV und das Experiment dieser Woche
Die zäheste Schranke steht übrigens nicht im Text.
Sie steht im Kopf.
Sie flüstert: Ohne Reim merkt doch keiner, dass ich dichten kann.
Quatsch!
Dahinter steckt nur eine leise Angst.
Wenn die Reime wegfallen, bleibt nur noch, was ich zu sagen habe.
Und was, wenn das nicht reicht?
Kein Bullshit:
Es reicht.
Es hat immer gereicht.
Darum hier dein Auftrag für diese Woche.
Nimm deinen liebsten gereimten Text.
Genau den, an dem dein Herz hängt.
Keine Sorge, die Reim-Fassung bleibt, wo sie ist.
Du baust nur eine zweite daneben, ohne einen einzigen Reim.
Nicht die Reimwörter austauschen, sondern neu erzählen.
Der einfachste Weg: Erzähl den Inhalt laut, als würdest du ihn einer Freundin am Telefon berichten.
Nimm das auf.
Das Gerüst dieser Erzählung ist deine neue Fassung.
Dann lies beide Fassungen laut und vergleiche ehrlich.
An manchen Stellen fehlt dir der Reim, und das ist wertvoll, denn da hat er gearbeitet.
An viel mehr Stellen sagt die neue Fassung zum ersten Mal, was du wirklich meinst.
Das wirkt Wunder!
Was du danach damit machst, ist deine Entscheidung.
Aber zum ersten Mal ist es eine echte Entscheidung und keine Gewohnheit.
Zwei Fragen, die Frieda oft hört
„Mein ganzes Repertoire reimt. Soll ich alles wegwerfen?“
Auf keinen Fall. Nimm einen einzigen Text und mach das Experiment. Gefällt dir das Ergebnis nicht, behalte deine Reime – dann sind sie Werkzeug und keine Krücke.
„Das Publikum liebt meine Reime aber!“
Prüf, ob es die Reime liebt oder die Pointen darin. Erzähl denselben Inhalt einmal reimfrei auf einer kleinen Bühne. Bleiben die Lacher, waren es nie die Reime.
Und Anselm?
Nachtrag, mit Bleistift · letzte Seite
Ta·schen·mes·ser, das
Worttrennung: Ta|schen|mes|ser · Herkunft: ein Werkzeugkeller, der nach Öl und Sägemehl roch
1. kleines Messer zum Zusammenklappen.
2. (Bühne) die eine genaue Einzelheit, die einen ganzen Text trägt – und die kein Reim je gefunden hätte.
→ siehe auch: Wahrheit · Opa · Schranke, offene
Ganz hinten in Friedas Lexikon steht seit Kurzem ein Eintrag, der nicht gedruckt ist.
Wie er dahin kam?
Anselm hat die Übung gemacht.
Mit dem Opa-Text.
Er hat einfach aufgeschrieben, was er am Tresen erzählt hatte.
Den Werkzeugkeller.
Das Krankenhaus.
Das Taschenmesser.
Zwei Reime hat er behalten.
Nur zwei, und beide arbeiten.
Einer davon bricht, genau in der Mitte, und holt einen Lacher, kurz bevor es traurig wird.
Drei Wochen später, dieselbe Kneipe, derselbe Bahnübergang.
Diesmal hört man den Güterzug draußen kaum.
Weil drinnen niemand ein Glas abstellt.
Anselm kommt ins Finale.
Gewinnt er?
Nein, knapp nicht.
Aber nach dem Abend kommt eine Frau an den Tresen.
„Mein Opa hatte auch so ein Taschenmesser.“
Sie hat Tränen in den Augen.
Und Frieda greift nach ihrem Bleistift.
Kein Reim der Welt hätte diesen Satz aus der Frau herausgeholt.
Nur eine offene Schranke.
Und ein Zug, der endlich fahren durfte, wohin er wollte.
Genau diese Fahrt wünsche ich dir.
Diese Woche, mit deinem liebsten Text.
Herz muss sich nicht auf Schmerz reimen.
Es muss nur einmal wirklich gemeint sein.
Dann hört man es bis in die letzte Reihe.
