Herz reimt sich auf Schmerz. Und beides reimt sich auf: schon tausendmal gehört.
Bevor du den Beitrag zuklappst: Ich weiß, was der Reim dir bedeutet. Für viele ist er der Grund, warum sie überhaupt schreiben.
Es klingt nach Kunst, wenn sich etwas reimt. Nach Können. Nach richtiger Dichtung.
Und jetzt kommt so ein Blog daher und sagt: Lass es. Das fühlt sich an wie ein Angriff auf dein Handwerk.
Ist es aber nicht. Es ist eine Einladung an dein Handwerk, endlich ohne Bremse zu arbeiten.
Genau deshalb muss dieser Beitrag geschrieben werden. Denn auf der Slam-Bühne ist der Reim meistens das Gegenteil von dem, was er zu sein verspricht.
Stell dir deinen Text als Zugfahrt vor. Deine Gedanken sind der Zug — sie wollen irgendwohin.
Und der Reim? Der Reim ist eine Bahnschranke, die sich alle zwei Zeilen senkt.
Egal, wie schnell dein Gedanke unterwegs ist, egal wohin er will: Am Zeilenende geht die Schranke runter. Und der Gedanke muss warten, bis ein passendes Reimwort vorbeigefahren ist.
Manchmal kommt das richtige Wort. Meistens kommt nur das nächstbeste.
Und das Nächstbeste ist der leise Tod jedes Textes. Nicht dramatisch — nur Zeile für Zeile ein bisschen weniger du.
Bevor wir die sieben Gründe durchgehen, erzähle ich dir von einem Abend, der mir das Thema für immer erklärt hat.
Ein Slammer trug einen gereimten Text über seinen Opa vor. Sauber gebaut, alles reimte sich. Platz sechs, höflicher Applaus.
Später an der Bar fragte ihn jemand nach diesem Opa. Und dann erzählte er.
Frei, ohne Reim, mit seinen eigenen Wörtern. Vom Werkzeugkeller. Vom letzten Krankenhausbesuch. Von der Sache mit dem Taschenmesser.
Um ihn herum wurde es still. Acht Leute an einer Bar hörten zu wie in einer Kirche.
Dieselbe Geschichte. Derselbe Mann. Aber an der Bar war sie zehnmal stärker als auf der Bühne.
Der Unterschied? Auf der Bühne stand die Schranke. An der Bar war sie offen.
Und damit das klar ist: Ich erzähle diese Geschichte nicht, um mich über ihn zu stellen.
Ich WAR er. Meine ersten Texte reimten sich alle — jede Zeile, jede Strophe, mit Stolz.
Es hat Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, was die Schranke mich gekostet hat. Dieser Beitrag soll dir diese Jahre sparen.
Sieben Gründe, warum diese Schranke deinen Text ausbremst. Und am Ende — versprochen — der eine Fall, in dem sie ihn gewinnen lässt.

Die Kurzfassung des ganzen Beitrags: Der Reim ist ein scharfes Werkzeug in Meisterhand und eine Krücke in Gewohnheitshand. Die meisten von uns benutzen ihn aus Gewohnheit.
Sieben Gründe. Ein Gegenfall. Und am Ende entscheidest du — zum ersten Mal wirklich frei.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenSchranke unten
Der Reim schreibt mit — und du merkst es nicht
Vorher noch kurz die Frage: Woher kommt eigentlich unsere tiefe Reim-Liebe?
Aus der Kindheit. Backe, backe Kuchen. Alle meine Entchen. Der Mond ist aufgegangen.
Dann die Schule: Gedicht gleich Reim, Reim gleich Gedicht. Dann die Geburtstagskarten, die Hochzeitsreden, der Abreißkalender.
Unser ganzes Leben hat uns beigebracht: Wenn es sich reimt, ist es Poesie. Das sitzt tief — und es ist trotzdem falsch.
Jetzt aber zu den sieben Gründen. Der gefährlichste zuerst — er passiert am Schreibtisch, lange vor der Bühne.
Du willst schreiben: „Mein Vater konnte nie über Gefühle reden.“ Ein wahrer Satz. Dein Satz.
Aber die Zeile davor endet auf „Jahr“. Also wird aus deinem Vater plötzlich einer, der „niemals für mich da war“.
Stimmt das? Nein. Er war ja da. Er konnte nur nicht reden.
Aber es reimte sich. Also steht es jetzt im Text. Und du trägst auf der Bühne etwas vor, das nicht ganz deine Wahrheit ist — wegen vier Buchstaben am Zeilenende.
Das ist der stille Machtwechsel am Schreibtisch: Du entscheidest die erste Zeile. Ab dann entscheidet der Reim.

Deutsch macht es dem Reim dabei besonders leicht, dich zu steuern. Unsere Sprache hat wenige reiche Reimfamilien — und die sind ausgelutscht.
Herz, Schmerz, März. Leben, geben, schweben. Zeit, weit, Einsamkeit.
Wer reimt, wählt nicht aus dem ganzen Wortschatz. Er wählt aus einer kleinen, müden Kiste, in der schon Generationen vor ihm gewühlt haben.
Und die Kiste bestimmt nicht nur Wörter. Sie bestimmt Bilder, sie bestimmt sogar Gefühle.
Wenn auf „Nacht“ immer „gedacht“, „gebracht“ oder „gelacht“ folgen muss, dann handeln deine Nächte eben immer vom Denken, Bringen oder Lachen. Nie von dem, was in DEINER Nacht wirklich passiert ist.
So schleift der Reim deine Geschichte rund, bis sie in die Kiste passt. Und was in die Kiste passt, passt in jede Kiste — nur nicht mehr zu dir.
Schranke unten
Der Saal reimt schneller als du
Mach ein Experiment. Lies laut: „Ich stand allein im Regen, das Leben war dagegen. Ich suchte nach dem Glück — und fand nur ein …“
Na? Dein Kopf hat „Stück“ ergänzt, bevor du die Zeile zu Ende gelesen hast.
Genau das macht der Saal. Bei jedem Reimpaar, den ganzen Abend lang.
Zweihundert Köpfe raten dein nächstes Wort — und treffen es. Immer wieder. Das fühlt sich für zwei Minuten wie ein Spiel an.
Dann wird es zur Routine. Wer dein nächstes Wort kennt, muss dir nicht mehr zuhören.
Du kennst dieses Halbzuhören aus der Schule. Der Lehrer liest ein Gedicht mit braven Reimen — und dein Kopf geht schon mal in die Pause.
Nicht weil das Gedicht schlecht ist. Sondern weil der Takt so gleichmäßig schaukelt, dass er einschläfert wie ein Zugabteil am Nachmittag.
Genau diese Schaukel baust du dir mit jedem braven Reimpaar selbst in den Text.

Vergleich das mit einem reimfreien Text: Da weiß niemand, wie der Satz endet. Jedes Wort kann eine Abzweigung sein.
Der Saal MUSS zuhören, um mitzukommen. Aufmerksamkeit ist beim Slam die Währung — und Überraschung ist die Druckerpresse dafür.
Ein reimfreier Text ist wie eine Landstraße ohne Schranken: Man weiß nie, was hinter der nächsten Kurve kommt. Genau deshalb schaut man hin.
Schranke unten
Der Reim macht deinen Text zu jedermanns Text
Erinnerst du dich an die müde Reimkiste aus Grund eins? Jetzt kommt ihr zweiter Fluch.
Alle wühlen in derselben Kiste. Also klingen alle Reimtexte verwandt — dieselben Endungen, dieselben Bilder, derselbe Takt.
Wir haben im Beitrag über die Probleme der Slam-Szene den Einheitston beschrieben. Der Reim ist einer seiner fleißigsten Hersteller.
Denn der Reim bringt seinen eigenen Rhythmus mit, sein eigenes Tempo, seine eigene Melodie. Er bügelt deine Stimme glatt, bis sie klingt wie alle Stimmen.
Deine Art zu sprechen — deine Pausen, deine Abbrüche, dein Anlauf-Nehmen — ist einzigartig. Der Reim ersetzt sie durch ein Metrum von der Stange.
Denk an die Menschen, denen du gern zuhörst. Der Kollege, der Geschichten erzählen kann. Die Freundin, bei der jede Anekdote sitzt.
Keiner von ihnen reimt. Aber jeder hat einen eigenen Takt — so unverwechselbar wie ein Gang oder ein Lachen.
Dieser Takt ist dein wertvollstes Bühnenkapital. Und der Reim ist das einzige Werkzeug, das ihn zuverlässig plattbügelt.
Mach die Gegenprobe bei deinem nächsten Slam-Besuch: Hör zwei gereimten Texten hintereinander zu, mit geschlossenen Augen.
Kannst du sagen, welcher Text von welchem Menschen kam? Meistens nicht. Der Takt hat die Absender geschluckt.
Schranke unten
Der Reim verbiegt deine Sätze, bis sie nach Poesiealbum klingen
Kennst du diese Sätze, die kein Mensch je sagen würde?
„Des Lebens schwere Bürde trag ich mit stiller Würde.“
Niemand redet so. Du nicht, dein Publikum nicht, nicht mal der Dichter selbst am Frühstückstisch.
Solche Sätze entstehen, wenn der Satzbau sich dem Reim unterwerfen muss. Das Verb wandert nach hinten, das „des“ nach vorn, und fertig ist das Poesiealbum von 1912.
Und das passiert schleichend. Erste Zeile: noch dein Deutsch. Dritte Zeile: ein kleines „gar“ als Füllwort, damit die Silben stimmen.
Fünfte Zeile: „so manche Stund“. Siebte Zeile: „im Herzen mein“.
Am Ende des Textes sprichst du eine Sprache, die es nur in gereimten Texten gibt. Reimdeutsch. Eine Fremdsprache, die alle sofort erkennen — und keiner ernst nimmt.
Das Fatale daran: Verbogene Sätze klingen nach Verkleidung. Und der Saal spürt Verkleidung sofort — er hört dann ein Kostüm, keinen Menschen.
Dabei ist deine normale Satzstellung das Ehrlichste, was du hast. Wer spricht wie ein Mensch, wird geglaubt. Wer spricht wie ein Denkmal, wird besichtigt.
Guter Rap reimt nicht am Zeilenende brav auf „Herz“ und „Schmerz“. Er arbeitet mit Reimen MITTEN in der Zeile, mit mehrsilbigen Reimketten, mit Betonungen gegen den Takt. Das ist Hochleistungs-Handwerk — jahrelang trainiert.
Wer so reimen kann, braucht diesen Beitrag nicht. Der hat die Schranke längst zum Instrument umgebaut.
Aber sei ehrlich: Reimst du wie ein Rapper — oder wie ein Glückwunschkarten-Vers? Für alles zwischen diesen beiden Polen gilt: erst mal weglassen, dann sauber wieder lernen.
Halbzeit-Bilanz: Vier Gründe, und alle vier haben denselben Kern.
Der Reim nimmt dir Entscheidungen ab — und genau das ist das Problem. Deine Wörter, deine Bilder, deinen Klang, deine Sätze: All das entscheidet dann die Schranke.
Die letzten drei Gründe zeigen, was du dafür zurückbekommst, wenn du sie öffnest.
Schranke unten
Der Reim ist Zucker — und Zucker übertönt jeden Geschmack
Warum reimen wir überhaupt so gern? Weil es funktioniert — auf einer sehr flachen Ebene.
Ein sauberer Reim klingt nach Ordnung. Das Ohr freut sich kurz, wie bei einem aufgelösten Akkord.
Das Problem: Diese kleine Freude kommt unabhängig vom Inhalt. „Ich esse gerne Sahnetorte, an jedem zweiten Orte“ klingt genauso aufgeräumt wie ein kluger Gedanke.
Der Reim ist Zucker. Er macht alles ein bisschen süß — auch das Fade.
Und genau deshalb ist er so verführerisch: Mit genug Zucker schmeckt man nicht mehr, dass die Suppe dünn ist. Eine Weile jedenfalls.
Aber eine Jury schmeckt länger als zwei Zeilen. Nimm den Zucker raus — und du erfährst endlich, wie stark deine Suppe wirklich ist.
Der Test dafür ist gnadenlos einfach: Schreib eine beliebige Strophe deines Textes als normalen Satz auf. Ohne Zeilenumbrüche, ohne Reim-Musik.
Steht da noch ein Gedanke? Einer, den man einem Freund erzählen würde?
Wenn ja: Glückwunsch, deine Suppe trägt. Wenn nur noch „das Leben ist schwer, das Herz ist leer“ übrig bleibt — dann war es der Zucker. Und jetzt weißt du, woran du arbeiten musst: am Inhalt, nicht an der Glasur.
Schranke öffnet sich
Freie Sprache hat mehr Musik — nicht weniger
Jetzt kommt der Einwand, den ich am häufigsten höre: „Aber ohne Reim ist es doch keine Poesie mehr. Dann ist es nur … Reden.“
Der Einwand klingt vernünftig. Er ist nur historisch längst widerlegt.
Denn diesen Einwand hat vor fast neunzig Jahren einer der größten deutschen Dichter beantwortet. Schriftlich, gründlich, für immer.
Lies das noch mal: Der Reim gleitet am Ohr VORBEI. Ausgerechnet das Werkzeug, das nach Poesie klingen soll, macht sie rutschig.
Die Geschichte hinter dem Aufsatz macht ihn noch größer. Es ist 1939, Brecht sitzt im Exil, in Deutschland herrschen die Nazis.
Seine Gedichte sollen über einen Untergrund-Radiosender nach Deutschland gefunkt werden. Durch Störgeräusche, in Wohnzimmer, in denen Zuhören lebensgefährlich ist.
Für solche Sätze gibt es keine zweite Chance. Jeder muss beim ersten Hören sitzen, klar wie ein Zuruf über die Straße.
Erkennst du die Situation? Es ist deine.
Ein Saal ist auch ein Raum voller Störgeräusche — Gläserklirren, Stimmen, Handylicht. Und auch bei dir muss jeder Satz beim ersten Hören sitzen.
Brechts Antwort auf diese Lage war nicht mehr Schmuck. Es war weniger — und dafür jedes Wort ein Zuruf.
Brecht hat den Reim nicht weggelassen, weil er ihn nicht konnte. Er konnte ihn meisterhaft. Er hat ihn weggelassen, weil er etwas Dringenderes wollte: geglaubt werden.

Und was tritt an die Stelle des Reims? Alles, was Sprache sonst noch an Musik kann — und das ist viel mehr.
Rhythmus: kurze Sätze, lange Sätze, Tempo, Pausen. Klangfarben: Alliterationen, dunkle und helle Vokale. Wiederholung: der Satz, der dreimal kommt und beim dritten Mal alles bedeutet.
Hör dir an, wie das klingt, wenn es jemand meisterhaft macht. Kae Tempest, eine der größten Spoken-Word-Stimmen der Welt — fast ohne brave Endreime, dafür mit einem Rhythmus, der dich am Kragen packt:
Du musst kein Englisch verstehen, um zu hören, was da passiert. Diese Sprache marschiert, stolpert, rennt und hält inne — wie ein Herz, nicht wie ein Metronom.
Drei Techniken daraus kannst du sofort klauen — ganz ohne Schranke.
Erstens: der Drei-Wörter-Satz nach drei langen Sätzen. Er knallt wie eine Tür.
Zweitens: die Wiederholung mit Steigerung. Derselbe Satzanfang, dreimal — und beim dritten Mal biegt er woanders ab.
Drittens: die Pause an der Stelle, wo früher dein Reim kam. Diese halbe Sekunde Stille zieht den ganzen Saal nach vorn.
Und das Beste an dieser Art Musik: Sie gehorcht dem Inhalt, nicht umgekehrt.
Wenn deine Geschichte rast, rasen die Sätze. Wenn sie stockt, stocken sie. Der Klang erzählt mit, statt dazwischenzufunken.
Das kann kein Reimschema der Welt. Ein Schema kennt deine Geschichte nicht — es kennt nur seinen Takt.
Wie du diesen Rhythmus in deinen eigenen Texten baust, zeigt dir der Beitrag über Rhythmus im Text. Er ist die beste Fortsetzung dieses Kapitels.
Die unbequeme Wahrheit
Gut reimen ist die Königsdisziplin — und genau deshalb nichts für den Anfang
Der letzte Grund ist der ehrlichste. Er dreht alles um, was du über den Reim gelernt hast.
Wir behandeln den Reim wie eine Einstiegshilfe. Erst mal reimen, den Rest lernt man später.
Dabei ist es genau umgekehrt: Ein guter Reim — einer, der überrascht, der unauffällig sitzt, der den Satz nicht verbiegt — ist das Schwerste, was man mit Sprache machen kann.
Heine konnte das. Kästner konnte das. Die besten Rapper können es.
Bei Kästner merkst du den Reim oft erst beim zweiten Lesen — so natürlich sitzen die Sätze. Das ist die Messlatte: Ein Meisterreim versteckt seine Arbeit.
Aber niemand kann es am Anfang. Und ein halbguter Reim ist auf der Bühne schlimmer als gar keiner — weil man das Bemühen hört.
Der Saal hört die Suche. Er hört das kleine Zögern vor dem Notreim, das verbogene Wort, die geopferte Silbe.
Und ab da hört er nicht mehr deine Geschichte. Er hört dir beim Reimen zu — wie man jemandem beim Jonglieren zusieht und nur noch wartet, wann ein Ball fällt.
Also lass die Königsdisziplin für später. Lern erst schreiben, dann klingen, dann — wenn du willst — reimen. In dieser Reihenfolge wird jeder Schritt leichter statt schwerer.
Und wenn du dann irgendwann zurückkommst zum Reim — freiwillig, mit vollem Werkzeugkasten — wirst du ihn zum ersten Mal wirklich benutzen. Statt von ihm benutzt zu werden.
Die Wendung
Wenn die Schranke selbst der Witz ist — der Reim als Pointenmaschine
Und jetzt, wie versprochen, der eine Fall, in dem der Reim alles gewinnt.
Warum ich ihn dir erst jetzt verrate? Weil er nur funktioniert, wenn man die sieben Gründe davor verstanden hat.
Wer die Schranke nicht kennt, kann sie nicht als Werkzeug benutzen. Wer sie kennt, macht aus ihr eine Waffe.
Erinnerst du dich an Grund zwei? Der Saal rät dein Reimwort voraus. Das ist die Schwäche des Reims.
Genau diese Schwäche kannst du umdrehen — zur stärksten Pointenmaschine, die es gibt.
Der Trick: Du lässt den Saal das erwartete Reimwort denken — und lieferst ein anderes. Oder du lieferst das erwartete Wort in einem Satz, der plötzlich alles kippt.
Die Erwartung ist die Anlaufstrecke. Der Bruch ist der Lacher.
Ein Beispiel, damit du die Maschine siehst: „Ich wollte dir mein Herz öffnen, ehrlich und ganz — aber du warst mehr der Typ für … Finanzen.“
Der Saal hatte „Tanz“ oder „Glanz“ im Kopf. Das falsche Wort an der richtigen Stelle — und die Schranke schnellt hoch wie ein Katapult.
Merkst du, was da technisch passiert? Alle sieben Schwächen des Reims arbeiten plötzlich FÜR dich. Die Vorhersehbarkeit wird zur Falle — für den Saal, nicht für dich.
Der unangefochtene Großmeister dieses Tricks war ein freundlicher Herr mit Hornbrille: Heinz Erhardt.
Sein berühmtestes Gedicht handelt von einer Made hinter eines Baumes Rinde. Klingt harmlos, reimt brav — und dann fährt in der letzten Zeile ein Specht durch alle Erwartungen.
Bei Erhardt ist der Reim nie Deko. Er ist die Zündschnur: Jedes brave Reimpaar baut die Erwartung auf, die die nächste Pointe sprengt.
Schau dir an, wie das Publikum lacht, BEVOR die Pointe kommt. Es lacht über die eigene Erwartung. Das ist Reim-Handwerk auf höchstem Niveau.
Beim Slam funktioniert dieser Trick sogar noch besser als im Fernsehen. Denn dein Publikum ist durch all die braven Reime des Abends perfekt trainiert.
Es ERWARTET die Schranke. Und genau deshalb trifft dein Bruch mitten ins Zwerchfell.
Zwei Regeln dafür, dann gehört dir der Trick. Erstens: sparsam. Ein gebrochener Reim pro Text ist ein Feuerwerk, fünf sind ein Tinnitus.
Zweitens: Die Ersatz-Pointe muss wahrer sein als das erwartete Wort. Der Lacher kommt nicht vom falschen Reim — er kommt von der richtigen Wahrheit an der falschen Stelle.

Die Regel für deinen Werkzeugkasten lautet also: Reim ist erlaubt, wenn der Reim selbst arbeitet.
Als Pointenmaschine: ja. Als Überraschungsbruch: ja. Als Dauertapete, weil es sich nach Dichtung anfühlt: nein.
Eine letzte Warnung noch, bevor es an die Werkzeuge geht: Die zäheste Schranke steht nicht im Text. Sie steht im Kopf.
Sie sagt: Ohne Reim ist es kein richtiges Gedicht. Ohne Reim merkt doch keiner, dass ich dichten kann.
Dahinter steckt eine leise Angst: Wenn die Reime wegfallen, bleibt nur noch, was ich zu sagen habe. Und was, wenn das nicht reicht?
Hier ist die Antwort, und sie ist die beste Nachricht dieses Beitrags: Es reicht. Es hat immer gereicht. Der Opa, der Werkzeugkeller, das Taschenmesser — das war immer der Text. Der Reim stand nur davor.
Der Reim-TÜV — fünf Fragen an jeden gereimten Text
2. Die Kistenfrage: Kommt ein Reimpaar aus der müden Kiste (Herz/Schmerz, Leben/geben, Zeit/weit)? Dann streichen oder ersetzen.
3. Die Sprechfrage: Würdest du den Satz genau so am Küchentisch sagen? Wenn der Satzbau verbogen ist, reimt die Schranke — nicht du.
4. Die Jobfrage: Arbeitet der Reim (Pointe, Bruch, Überraschung) — oder hängt er nur dekorativ am Zeilenende?
5. Die Mutfrage: Lies den Text einmal komplett OHNE die Reime vor. Wird er stärker? Dann weißt du die Antwort schon.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Auf keinen Fall. Nimm einen einzigen Text und mach die Übung aus dem Wochenauftrag. Wenn dir das Ergebnis besser gefällt, arbeitest du dich Text für Text vor — in deinem Tempo. Wenn nicht: Behalte deine Reime. Dann sind sie offenbar Werkzeug, nicht Krücke.
Das Publikum liebt meine Reime aber!
Möglich — und prüfenswert. Liebt es die Reime oder die Pointen darin? Erzähl denselben Inhalt einmal reimfrei auf einer kleinen Bühne. Wenn die Lacher bleiben, waren es nie die Reime. Wenn sie verschwinden, hast du etwas Wichtiges über deinen Text gelernt.
Sind Slam-Meisterschaften nicht voller Reim-Texte?
Es gibt sie, ja — und die besten davon sind Erhardt-Schüler: Bei ihnen arbeitet jeder Reim als Pointe oder Rhythmus-Motor. Genau das ist die Königsdisziplin aus Grund sieben. Der Weg dorthin führt über das Weglassen, nicht am Weglassen vorbei.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche ist ein Experiment mit Sicherheitsnetz. Du riskierst nichts — und lernst alles.
Nimm deinen liebsten gereimten Text. Ja, genau den — den, an dem dein Herz hängt.
Keine Sorge, er wird nicht gelöscht. Die Reim-Version bleibt, wo sie ist. Wir bauen nur eine zweite Version daneben.
Und die schreibst du einmal komplett neu — ohne einen einzigen Reim.
Nicht einfach die Reimwörter tauschen. Neu erzählen, mit deinen Küchentisch-Sätzen, deinem eigenen Tempo, deinen eigenen Pausen.
Der einfachste Weg dahin: Erzähl den Inhalt erst einmal laut, als würdest du ihn einem Freund am Telefon berichten. Nimm das auf. Das Gerüst dieser Erzählung ist deine neue Version.
Dann lies beide Versionen laut. Am besten nimm auch das auf.
Vergleiche ehrlich. Nicht welche Version hübscher klingt — welche mehr nach einem Menschen klingt, der etwas zu sagen hat.
Drei Dinge wirst du hören. Erstens: An manchen Stellen fehlt dir der Reim — merk sie dir, da hat er gearbeitet.
Zweitens: An viel mehr Stellen sagt die neue Version zum ersten Mal, was du wirklich meinst.
Und drittens: Die neue Version klingt nach dir. Nicht nach Poesiealbum, nicht nach allen anderen — nach dir.
Was du dann daraus machst, ist deine Entscheidung. Aber es ist zum ersten Mal eine echte Entscheidung — und keine Gewohnheit mit Schranke.
Der Slammer von der Bar hat die Übung übrigens gemacht. Mit dem Opa-Text.
Er hat einfach aufgeschrieben, was er uns an der Bar erzählt hatte. Den Werkzeugkeller. Das Krankenhaus. Das Taschenmesser.
Beim nächsten Slam wurde es sein bester Auftritt. Nicht Platz sechs. Finale.
Am Ende kam eine Frau zu ihm und sagte: „Mein Opa hatte auch so ein Taschenmesser.“ Sie hatte Tränen in den Augen.
Kein Reim der Welt hätte das geschafft. Nur die offene Schranke — und ein Zug, der endlich fahren durfte, wohin er wollte.
Genau diese Fahrt wünsche ich dir. Diese Woche, mit deinem liebsten Text.
Herz muss sich nicht auf Schmerz reimen. Es muss nur einmal wirklich gemeint sein — dann hört man es bis in die letzte Reihe.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgen