
Du willst, dass dein Text einschlägt.
Also wirst du lauter.
Und genau da liegt dein Problem.
Denn Lautstärke wirkt nicht durch Höhe. Sondern durch Unterschied.
Bei mir war es Dresden. Ich hatte einen Text, der mir wichtig war, und ich habe ihn gebrüllt.
Nicht aus Wut. Sondern vor allem aus Angst.
Denn ich hatte geglaubt: laut ist gleich stark.
Also Vollgas. Von der ersten bis zur letzten Zeile. Drei Minuten am Stück.
Und weißt du, was passierte?
Nichts.
Die Leute klatschten höflich. Also so, wie man klatscht, wenn der Nachbar sein Auto einparkt.
Ich habe an dem Abend gelernt, was der teuerste Anfängerfehler auf jeder Bühne ist.
Pegel 00
Lautstärke auf der Bühne ist deine größte ungenutzte Kraft
Hier ist die Mechanik, und sie ist gnadenlos einfach.
Dein Gehirn reagiert auf Veränderung. Nicht auf Zustände.
Ein gleichbleibendes Geräusch wird nach kurzer Zeit ausgeblendet. Das kennst du vom Kühlschrank, den du erst hörst, wenn er abschaltet.
Genau das passiert mit deiner Stimme.
Nach dreißig Sekunden auf gleichem Pegel hat sich der Saal daran gewöhnt. Ab da hörst du auf zu wirken.
Und zwar egal, ob du laut bist oder leise.
Nicht die Höhe wirkt. Sondern der Sprung.
Deshalb ist ein leiser Satz nach lautem Text ein Schlag ins Gesicht.
Und ein lauter Satz nach zwei Minuten Flüstern ebenfalls.
Beides funktioniert. Dauerpegel funktioniert nie.
Was du hier lernst
Du bekommst die vier Ebenen deines Reglers, die Regeln fürs Flüstern und fürs Schreien, zehn Techniken, zehn durchgespielte Szenen, vier Bühnenmomente zum Anschauen, ein Worksheet für deine Bandbreite, drei Mythen und zehn Fehler, die deinen Text flach machen.
Die Pegelkurve
Pegel 01
Lautstärke auf der Bühne ist ein Regler, kein Schalter
Die meisten Slammer kennen zwei Stellungen. An und aus.
Also normal reden oder brüllen.
Dabei hat dein Regler mindestens vier Stufen. Und du benutzt vermutlich eine.
Was Lautstärke nicht ist
Lautstärke ist nicht Anstrengung.
Denn du kannst mit wenig Kraft sehr präsent sein. Und mit voller Kraft völlig wirkungslos.
Lautstärke ist auch nicht Emotion.
Das größte Missverständnis überhaupt. Denn echte Verzweiflung ist meistens leise. Echte Wut ebenfalls.
Und Lautstärke ist erst recht nicht Verständlichkeit.
Wer schlecht zu verstehen ist, hat fast nie ein Lautstärkeproblem. Sondern ein Artikulationsproblem oder ein Tempoproblem.
Also: Lautstärke ist ein dramaturgisches Werkzeug. Nichts anderes.
Mach das jetzt
Markier in deinem Text genau drei Pegelwechsel. Nicht mehr. Einen nach unten, einen nach oben, einen zurück. Schreib sie mit Pfeilen an den Rand. Alles dazwischen bleibt auf einer Ebene. Denn drei geplante Wechsel wirken stärker als zwanzig zufällige.
Pegel 02
Die vier Ebenen deines Reglers
Lern diese vier. Dann hast du mehr Werkzeug als neunzig Prozent aller Slammer.
Warum die Reihenfolge alles entscheidet
Es reicht nicht, alle vier Ebenen zu haben. Du musst sie richtig anordnen.
Die Regel: Bau von unten nach oben und komm am Ende wieder runter.
Denn ein Text, der laut endet, entlässt den Saal ins Klatschen. Ein Text, der leise endet, entlässt ihn in die Stille.
Und die Stille ist mehr wert.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Pegel 03
Das Flüstern: die stärkste Waffe im Raum
Klingt paradox. Ist aber physikalisch und psychologisch belegt.
Wenn du leiser wirst, passieren im Saal drei Dinge gleichzeitig.
Erstens: Die Leute hören auf, sich zu bewegen. Denn jedes Rascheln stört jetzt.
Zweitens: Sie beugen sich vor. Körperlich. Das kannst du von der Bühne aus sehen.
Drittens: Sie schalten von Zuhören auf Anstrengung um. Und was man sich erarbeiten muss, wirkt wertvoller.
Die vier Regeln fürs Flüstern
R1 · Näher ans Mikro
Leiser sprechen heißt näher ran. Sonst kommt nichts an. Zwei bis fünf Zentimeter vor dem Korb, nicht dreißig. Und dabei leicht seitlich, damit die Explosivlaute nicht knallen.
R2 · Konsonanten härter
Beim Flüstern verlierst du die Stimmhaftigkeit. Also musst du die Konsonanten übernehmen lassen. Sprich das T, das K und das S deutlich schärfer als sonst. Sonst wird aus leise unverständlich.
R3 · Langsamer werden
Leise und schnell funktioniert nicht. Denn dem Ohr fehlt die Lautstärke als Orientierung, also braucht es Zeit. Geh mit dem Pegel auch das Tempo runter.
R4 · Nur kurz
Maximal drei bis vier Sätze. Danach nutzt sich auch das Flüstern ab und wird anstrengend. Es ist ein Effekt, kein Zustand.
Pegel 04
Der Schrei: der Schlag, der einschlägt
Jetzt das Gegenteil. Und die Regeln sind noch strenger.
Ein Schrei funktioniert nur unter drei Bedingungen.
Erstens: Er kommt aus einer leiseren Passage. Sonst ist er kein Sprung, sondern nur mehr vom Gleichen.
Zweitens: Er trifft ein einzelnes Wort oder eine kurze Zeile. Nicht eine ganze Strophe.
Drittens: Danach gehst du sofort wieder runter. Und zwar deutlich unter das Ausgangsniveau.
Genau dieses Zurückfallen macht den Schrei groß. Nicht der Schrei selbst.
Der laute Ton, der deine Stimme schont
Wichtig, weil es sonst wehtut. Und zwar dauerhaft.
Ein Schrei aus dem Hals ruiniert deine Stimme in drei Auftritten. Du merkst das am Kratzen am nächsten Morgen.
Ein Schrei aus dem Zwerchfell nicht.
Der Unterschied: Leg eine Hand auf den Bauch. Wenn er beim lauten Ton nach außen geht, arbeitest du richtig. Bleibt er still und der Hals wird eng, arbeitest du falsch.
Üb das leise, bevor du es laut machst. Denn die Bewegung ist dieselbe, nur die Menge ändert sich.

Pegel 05
Zehn Techniken für deinen Regler
Keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Der Absturz
Mitten im lauten Teil brichst du auf Flüstern ab. Ohne Übergang. Das ist der stärkste Einzeleffekt, den es gibt, und er funktioniert bei jedem Publikum.
T2 · Die Rampe
Über vier bis fünf Zeilen wirst du kontinuierlich lauter. Nicht sprunghaft, sondern stetig. Das erzeugt Sog und funktioniert gut vor einer Pointe.
T3 · Das Echo
Denselben Satz zweimal. Einmal laut, einmal geflüstert. Die zweite Fassung klingt wie ein Nachhall im Kopf und bleibt hängen.
T4 · Der Stopp
Volle Lautstärke, dann zwei Sekunden gar nichts. Die Stille nach dem Lauten ist lauter als das Laute selbst.
T5 · Das Drücken statt Schreien
Bei Anklagen nicht die Höhe erhöhen, sondern den Druck. Klingt entschlossen statt hysterisch und schont deine Stimme.
T6 · Der Namenston
Eigennamen leicht leiser sprechen als den Rest des Satzes. Das wirkt intim und lenkt die Aufmerksamkeit genau dorthin.
T7 · Die Zahlenkälte
Zahlen und Fakten nüchtern und eine Spur leiser. Denn Fakten müssen nicht betont werden. Sie wirken durch sich selbst.
T8 · Der Wechsel im Satz
Nicht nur zwischen Absätzen, sondern innerhalb eines Satzes den Pegel ändern. Das ist schwer und trennt Fortgeschrittene von Anfängern.
T9 · Die Mikroanpassung
Bei einem lauten Satz einen Schritt vom Mikro weg, bei einem leisen einen Schritt ran. Damit steuerst du zusätzlich zur Stimme.
T10 · Das leise Ende
Der letzte Satz immer eine Stufe unter dem vorletzten. Damit erzeugst du Stille statt Applausreflex.

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Zehn Szenen: derselbe Satz, zwei Pegel
Zehnmal derselbe Satz. Einmal falsch eingestellt, einmal richtig.
SZENE 01 · DIE WUT
„Ihr habt das die ganze Zeit gewusst.“
Falscher Pegel: voll drauf, Kehle offen, Adern am Hals. Wirkt hysterisch und der Saal geht auf Abstand.
Richtiger Pegel: Ebene 3, also Druck statt Höhe. Fester Bauch, ruhiger Hals. Kontrollierte Wut ist bedrohlicher als explodierte.
SZENE 02 · DIE LIEBE
„Ich hab dich vom ersten Tag an angeschaut.“
Falscher Pegel: normale Sprechlautstärke, weil du dich nicht traust. Dann klingt es wie eine Terminabsprache.
Richtiger Pegel: Ebene 1, dicht am Mikro. Fast zu leise. Der Saal beugt sich vor und ist mitten in der Szene.
SZENE 03 · DIE TRAUER
„Ich habe seine Jacke noch drei Jahre im Schrank gelassen.“
Falscher Pegel: laut und getragen, weil es wichtig ist. Wichtigkeit erzeugst du aber nicht über Pegel.
Richtiger Pegel: leise und völlig nüchtern. Trauer ist keine Lautstärke. Sie ist Reduktion.
SZENE 04 · DIE GESELLSCHAFTSKRITIK
„Dreihundert Menschen, die niemand gezählt hat.“
Falscher Pegel: Empörungston von Anfang bis Ende. Nach dreißig Sekunden schaltet der Saal ab.
Richtiger Pegel: Zahlen kalt und leise, Bewertung weglassen. Denn die Zahl macht die Arbeit, nicht dein Pegel.
SZENE 05 · DER HUMOR
„Und dann hat er tatsächlich zurückgewinkt.“
Falscher Pegel: du gehst zur Pointe hin lauter, weil du sie ankündigen willst. Damit ist sie tot.
Richtiger Pegel: Pointe eine Spur leiser als der Satz davor. Trocken. Der Saal muss hinhören und lacht dadurch stärker.
SZENE 06 · DAS ENDE
„Den Anruf habe ich nie zurückgemacht.“
Falscher Pegel: laut und mit Nachdruck, weil es der Schluss ist. Damit holst du dir Applausreflex statt Wirkung.
Richtiger Pegel: deutlich unter allem davor. Fast tonlos. Danach Stille. Und die Stille ist dein eigentlicher Applaus.
Vier weitere Gelegenheiten für den Regler
SZENE 07 · DIE AUFZÄHLUNG
„Wohnung, Auto, Konto, Nachname.“
Falscher Pegel: alles auf gleichem Pegel heruntergelesen. Dann ist es eine Liste und kein Schlag.
Richtiger Pegel: jeden Eintrag eine Spur leiser. Der letzte fast geflüstert. Das erzeugt ein Absacken, das man körperlich spürt.
SZENE 08 · DIE DIREKTE ANSPRACHE
„Und du sitzt da und nickst.“
Falscher Pegel: laut in den Saal gerufen. Das wirkt anklagend und die Leute machen dicht.
Richtiger Pegel: normal bis leise, mit echtem Blickkontakt. Denn eine Ansprache braucht Nähe, nicht Volumen.
SZENE 09 · DIE WIEDERHOLTE ZEILE
„Es war nicht meine Schuld. Es war nicht meine Schuld.“
Falscher Pegel: zweimal gleich laut. Dann ist die Wiederholung nur eine Verdopplung.
Richtiger Pegel: erst normal, dann deutlich leiser. Die zweite Fassung klingt wie ein Gedanke statt wie eine Aussage.
SZENE 10 · DER EINSTIEG
„Mein Vater hat sein Leben lang dasselbe Auto gefahren.“
Falscher Pegel: voller Pegel ab dem ersten Wort, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Damit verschenkst du deinen ganzen Spielraum.
Richtiger Pegel: eine Stufe unter deinem Normal beginnen. Denn wer leise anfängt, hat nach oben alles offen.
Pegel 07
Vier Momente, die alles zeigen
Theorie ist gut. Zuhören ist besser.
Bill Withers: dieselben zwei Wörter, eine ganze Kurve
Achte in dieser Aufnahme auf die Passage, in der er ein einziges Wort immer wieder singt.
Er ändert dabei fast nichts an der Melodie. Nur den Pegel.
AUFNAHME 01 · Eine Passage, ein Wort, eine komplette Lautstärkekurve.
Genau das kannst du mit einer wiederholten Zeile in deinem Text machen.
Bruce Springsteen: stoisch leise, bis es bricht
Ein Stadion, zehntausende Leute. Und er singt über weite Strecken zurückgenommen.
AUFNAHME 02 · Zurückgenommen im Stadion. Und genau deshalb still.
Die Lehre: Die Größe des Raums bestimmt nicht deinen Pegel. Sondern der Inhalt.
Queen bei Live Aid: der Saal als Instrument
Hier siehst du das Gegenteil. Freddie Mercury benutzt Lautstärke nicht zum Erzählen, sondern zum Führen.
AUFNAHME 03 · Ruf und Antwort. Lautstärke als Steuerungsmittel.
Für dich als Slammer selten direkt brauchbar. Aber ein guter Beleg dafür, dass ein einzelner Mensch mit der Stimme einen ganzen Raum dirigieren kann.
Julian Treasure: die technische Erklärung
Wer wissen will, warum das alles funktioniert, findet hier die saubere Zusammenfassung der Stimmwerkzeuge.
AUFNAHME 04 · Die Werkzeuge der Stimme, sortiert und erklärt.
Lautstärke ist darin nur eines von mehreren. Und genau das ist der Punkt: Sie wirkt am besten zusammen mit Tempo und Pausen.
Wie du den Rhythmus dazu baust, steht hier: Rhythmuswechsel.

Pegel 08
Wie der Raum deine Lautstärke auf der Bühne verändert
Derselbe Text klingt in vier Räumen völlig verschieden. Also stell dich darauf ein.
Die kleine Kneipe
Niedrige Decke, harte Wände, sechzig Leute, Theke im Rücken.
Hier trägt jede Lautstärke sofort. Dein Problem ist deshalb nicht das Volumen, sondern die Konkurrenz von der Theke.
Geh tiefer statt lauter. Denn tiefe Frequenzen setzen sich gegen Stimmengewirr durch, hohe gehen unter.
Und flüstern funktioniert hier besonders gut, weil der Raum klein genug ist.
Der große Saal mit Bestuhlung
Der angenehmste Fall. Gute Technik, aufmerksames Publikum, klare Sichtlinien.
Hier kannst du deine ganze Bandbreite ausspielen. Nutz das auch, denn in diesem Raum wirkt der Absturz vom Lauten ins Leise am stärksten.
Einziger Hinweis: Große Räume haben Nachhall. Also etwas langsamer sprechen, sonst überlagern sich deine Sätze.
Die Open-Air-Bühne
Der schwierigste Fall. Denn draußen gibt es keine Wände, die den Schall zurückwerfen.
Dein Leises verschwindet hier komplett. Also verschieb deine ganze Skala nach oben und verzichte auf die unterste Ebene.
Arbeite stattdessen mit Druck und mit Pausen. Denn Pausen funktionieren draußen genauso gut wie drinnen.
Der Raum ohne Mikrofon
Kommt öfter vor, als du denkst. Und die meisten reagieren falsch, indem sie einfach brüllen.
Richtig ist: näher an die Leute, langsamer sprechen, Konsonanten schärfer.
Denn Verständlichkeit entsteht aus Artikulation, nicht aus Volumen. Und wer ohne Technik ruhig bleibt, wirkt sofort größer.

Pegel 09
So trainierst du deine Bandbreite
Die meisten haben keine Bandbreite. Sie haben einen Pegel und Angst davor, ihn zu verlassen.
Also trainierst du zuerst die Extreme. Danach das Dazwischen.
Übung 1 · Die Skala rauf und runter
Nimm einen beliebigen Satz. Sprich ihn viermal, auf jeder Ebene einmal.
Flüstern, normal, drücken, schreien. Ohne Pause dazwischen.
Danach rückwärts. Das fühlt sich lächerlich an und funktioniert.
Übung 2 · Der Zufallswechsel
Sprich deinen Text. Und lass dir von jemandem zwischendurch Zahlen von eins bis vier zurufen.
Du wechselst sofort auf diese Ebene und bleibst dort, bis die nächste Zahl kommt.
Das trainiert den Wechsel, ohne dass du vorher planen kannst.
Übung 3 · Der leise Raum
Stell dich in den größten Raum, den du hast. Und sprich so leise wie möglich, aber so, dass es bis an die andere Wand trägt.
Das ist die schwerste Übung von allen. Denn sie zwingt dich, Artikulation statt Volumen zu benutzen.
Und genau das ist die Fähigkeit, die dich von anderen unterscheidet.
Dein Worksheet für den nächsten Text
→ Drei Wechsel setzen: Einer runter, einer rauf, einer zurück. Mit Pfeilen an den Rand.
→ Den Schluss senken: Letzter Satz eine Stufe unter dem vorletzten. Immer.
→ Einmal aufnehmen: Handy mitlaufen lassen und danach nur auf den Pegel hören, nicht auf den Inhalt.
Pegel 10
Drei Mythen über Lautstärke auf der Bühne
Mythos 1 · Laut heißt selbstbewusst
Falsch. Denn Dauerlautstärke wirkt auf ein Publikum wie Anstrengung, nicht wie Souveränität. Wer wirklich sicher ist, kann es sich leisten, leise zu sein. Genau deshalb wirkt Zurücknahme stärker als Volumen.
Mythos 2 · In großen Räumen musst du lauter sein
Auch falsch, jedenfalls seit es Mikrofone gibt. Die Technik übernimmt das Volumen. Deine Aufgabe ist die Gestaltung. Und die ist in einem großen Raum sogar wichtiger, weil dort die Mimik nicht mehr trägt.
Mythos 3 · Flüstern versteht keiner
Stimmt nur, wenn du beim Flüstern nuschelst. Denn ohne Stimmhaftigkeit müssen die Konsonanten die Arbeit übernehmen. Sprich beim Leisen schärfer statt weicher, dann versteht dich auch die letzte Reihe.
Pegel 11
Zehn Fehler bei der Lautstärke auf der Bühne
F1 · Der Dauerpegel
Der Klassiker. Drei Minuten auf einer Ebene. Nach dreißig Sekunden blendet der Saal dich aus, und du merkst es nicht.
F2 · Laut anfangen
Du gehst mit vollem Pegel rein, um Aufmerksamkeit zu erzwingen. Damit verschenkst du deinen gesamten Spielraum in der ersten Zeile.
F3 · Laut aufhören
Der Schluss auf Maximum holt dir Applausreflex statt Wirkung. Ein leiser Schluss holt dir Stille. Und die ist mehr wert.
F4 · Der Schrei aus dem Hals
Tut weh, klingt dünn und ruiniert deine Stimme. Ein lauter Ton kommt aus dem Zwerchfell. Leg die Hand auf den Bauch und prüf das.
F5 · Leiser werden aus Unsicherheit
Ein Unterschied wie Tag und Nacht: geplantes Leise wirkt stark, unfreiwilliges Leise wirkt ängstlich. Der Saal hört sofort, welches von beidem es ist.
F6 · Zu weit weg vom Mikro beim Flüstern
Leise sprechen und dabei den Abstand beibehalten heißt: Es kommt nichts an. Näher ran, sonst funktioniert der ganze Effekt nicht.
F7 · Zu nah dran beim Lauten
Umgekehrt genauso. Bei lauten Passagen einen Schritt zurück, sonst übersteuert es und der Ton wird hart.
F8 · Jede Zeile betonen
Wer alles wichtig macht, macht nichts wichtig. Drei Höhepunkte pro Text reichen. Alles andere ist Grundlinie.
F9 · Der Pegelwechsel ohne Grund
Lautstärke muss aus dem Inhalt kommen, nicht aus dem Vortrag. Sonst wirkt sie wie Schauspielerei und der Saal spürt die Absicht.
F10 · Nie aufgenommen
Der teuerste Fehler von allen. Denn du hörst dich selbst anders, als der Saal dich hört. Ohne Aufnahme arbeitest du blind.
Achtung, Werbung
Dreh am richtigen Regler
Lautstärke ist ein Werkzeug. Aber sie ist nicht das einzige.
Denn ein Text, der schlecht gebaut ist, wird durch keinen Pegelwechsel gut. Und ein Text, der sitzt, braucht kaum noch Tricks.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder brüll weiter drei Minuten am Stück und wunder dich über den höflichen Applaus.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Pegel 12
Häufige Fragen zur Lautstärke auf der Bühne
Wie laut soll ich auf der Bühne sprechen?
Sieben von zehn Sätzen auf deinem normalen Pegel. Der Rest verteilt sich auf leiser und lauter. Denn entscheidend ist nicht die Höhe, sondern der Unterschied zwischen den Ebenen.
Ist Flüstern auf der Bühne nicht zu leise?
Nein, wenn du zwei Dinge machst: näher ans Mikro gehen und die Konsonanten schärfer sprechen. Denn beim Flüstern fällt die Stimmhaftigkeit weg, also müssen die Konsonanten die Verständlichkeit tragen.
Wie setze ich einen Schrei richtig ein?
Aus einer leisen Passage heraus, auf ein einzelnes Wort, und danach sofort wieder deutlich runter. Höchstens einmal pro Text. Denn der Schrei wirkt durch das, was davor und danach kommt.
Schadet lautes Schreien meiner Stimme?
Aus dem Hals ja, aus dem Zwerchfell nein. Leg beim Üben eine Hand auf den Bauch. Geht er beim lauten Ton nach außen, arbeitest du richtig. Bleibt er still und der Hals wird eng, hörst du besser auf.
Wie trainiere ich meine Bandbreite?
Sprich einen Satz auf allen vier Ebenen hintereinander, vorwärts und rückwärts. Danach lass dir beim Üben Zahlen zurufen und wechsle sofort auf die genannte Ebene.
Was mache ich in einem Raum ohne Mikrofon?
Nicht lauter werden, sondern langsamer und deutlicher. Denn Verständlichkeit kommt aus Artikulation und Tempo, nicht aus Volumen. Und geh näher an die vorderen Reihen.
Wie finde ich heraus, ob mein Pegel monoton ist?
Nimm dich auf und hör dir die Aufnahme nur auf den Pegel an, ohne auf den Inhalt zu achten. Am besten in einem anderen Raum, damit du nicht mitliest.
Soll ich bei lustigen Texten lauter sein?
Eher nicht. Denn Pointen wirken besser eine Spur leiser als der Satz davor. Wer zur Pointe hin lauter wird, kündigt sie an und nimmt ihr die Wirkung.
Wie viele Pegelwechsel braucht ein Vier-Minuten-Text?
Drei geplante reichen. Einer nach unten, einer nach oben, einer zurück. Mehr verteilt die Aufmerksamkeit und schwächt jeden einzelnen Wechsel.
Was ist der Unterschied zwischen laut und Druck?
Laut heißt mehr Volumen und meist höhere Tonlage. Druck heißt mehr Stütze aus dem Bauch bei gleicher Höhe. Druck klingt entschlossen, laut klingt schnell hysterisch. Für Anklagen nimmst du Druck.
Letzter Pegel
Vom Flüstern zum Schrei und wieder zurück
Ein Jahr nach Dresden stand ich wieder auf derselben Bühne.
Derselbe Text. Kein Wort geändert.
Aber diesmal hatte ich drei Pfeile an den Rand gemalt.
Ich habe leise angefangen. Eine Stufe unter meinem Normal.
In der Mitte bin ich auf Druck gegangen. Nicht lauter, nur fester.
Und an genau einer Stelle, nach einer langen Stille, habe ich geschrien. Ein Wort.
Danach bin ich so weit runter, dass die letzte Reihe sich vorbeugen musste.
Der letzte Satz war fast tonlos.
Und dann kam die Sekunde, für die man das alles macht: Es blieb still.
Nicht kurz still. Sondern zwei Sekunden lang völlig still.
Ich habe an dem Abend nicht lauter gesprochen als beim ersten Mal.
Ich habe nur aufgehört, immer gleich laut zu sein.

Nicht die Lautstärke wirkt. Sondern der Wechsel.
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