Über Kindheit schreiben: Die Goldader in deiner Vergangenheit
In deiner Kindheit liegen die stärksten Texte begraben. So gräbst du Erinnerungen aus und formst aus kleinen Momenten große Bühnenwirkung.

Deine Kindheit interessiert zunächst einmal keinen.
Das klingt hart. Ist aber trotzdem die wichtigste Nachricht in diesem Artikel.
Denn niemand im Saal will hören, wo du aufgewachsen bist, wie deine Oma hieß und wie schön es damals war.
Denn was der Saal will, ist etwas ganz anderes.
Er will seine eigene Kindheit wiedererkennen. In deiner.
Und das funktioniert nur über ein einziges Werkzeug: das Detail.
Bei mir war es zunächst Wuppertal. Ein Café mit Bühne im hinteren Drittel, vierzig Leute, Mittwochabend.
Dabei hatte ich einen Text über meine Kindheit. Vier Minuten, sorgfältig gebaut.
Darin kamen vor: eine glückliche Zeit, ein Garten, Sommer, die Sorglosigkeit von damals und ein Satz über das Erwachsenwerden.
Danach war der Applaus freundlich. So freundlich, dass ich mich hinterher geschämt habe.
Denn ich hatte vier Minuten lang über Kindheit gesprochen. Aber keine einzige gezeigt.
Schicht 00
Warum fast alle Kindheitstexte floppen
Denn es gibt genau einen Grund. Und er gilt für neun von zehn Texten.
Nämlich: Du schreibst über ein Gefühl statt über einen Gegenstand.
Also über Geborgenheit statt über den Geruch von nassem Hund im Flur.
Über Sorglosigkeit statt über die eine Stelle im Treppenhaus, wo das Geländer wackelte.
Doch Gefühle kann niemand nachfühlen, wenn sie behauptet werden.
Ein Gefühlswort holt niemanden ab. Ein Gegenstand holt jeden ab.
Nun kommt der Teil, der das Ganze so mächtig macht.
Denn Kindheitsdetails sind fast immer geteilt.
Der wackelnde Sitz im Einkaufswagen. Das Gefühl, wenn die Socken im Gummistiefel verrutschen. Der Moment, in dem du gemerkt hast, dass deine Eltern auch nicht weiterwussten.
Denn das kennt fast jeder. Auch die, die woanders und in einem anderen Jahrzehnt aufgewachsen sind.
Also ist Kindheit die Goldader.
Nicht weil deine so besonders war. Sondern weil sie so oft dieselbe ist.
Was du hier ausgräbst
Die eine Regel, die jeden Kindheitstext rettet. Zehn Fundorte, an denen wirklich etwas liegt. Die Grabungstechnik in fünf Schritten. Zehn Sätze im direkten Vergleich. Wer erzählen darf, das Kind oder der Erwachsene. Fünf Autorinnen und Autoren zum Abgucken. Zehn Techniken. Die Grenze zu anderen Menschen. Zehn Fehler. Und ein Notizbuch-Training.
Grabungsplan
Schicht 01
Ein Detail schlägt ein ganzes Jahrzehnt
Das ist die eine Regel. Und mehr brauchst du nicht.
Denn ein einziges genaues Ding erzeugt mehr Kindheit als drei Absätze Zusammenfassung.
Schau dir dazu den Unterschied an.
Zusammenfassung: „Ich hatte eine sehr behütete Kindheit auf dem Land."
Und was siehst du? Nichts. Du weißt nur, wie du es bewerten sollst.
Detail: „Meine Mutter hat mir die Gummistiefel immer eine Nummer zu groß gekauft, damit sie länger passen."
Doch plötzlich ist alles da. Das Geld. Die Fürsorge. Die rutschende Ferse.
Du hast kein einziges Gefühlswort benutzt. Und der Saal fühlt trotzdem.
Mach das jetzt
Streich in deinem Kindheitstext jedes zusammenfassende Wort und setz einen Gegenstand an seine Stelle. Raus mit „behütet", „glücklich", „unbeschwert", „die gute alte Zeit". Rein mit dem, was du anfassen, riechen oder hören konntest. Ein Gefühlswort behauptet Kindheit. Ein Gegenstand liefert sie.
Warum das so brutal funktioniert
Weil dein Publikum beim Zuhören nämlich seine eigenen Bilder abruft, nicht deine.
Sagst du „Gummistiefel eine Nummer zu groß", sieht niemand deine Stiefel.
Vielmehr sieht jeder seine eigenen. Oder die vom Nachbarskind.
Und genau deshalb funktioniert es. Denn ein eigenes Bild schlägt jedes geliehene.
Also ist dein Job nicht, deine Kindheit zu zeigen.
Dein Job ist, mit einem sehr konkreten Ding die Tür zu ihrer aufzuschließen.

Schicht 02
Zehn Orte, an denen wirklich was liegt
Also hör auf, dich an deine Kindheit zu erinnern. Das führt zu nichts.
Denn wer allgemein zurückdenkt, bekommt allgemeine Antworten.
Grab stattdessen an ganz konkreten Stellen. Hier sind zehn.
FUNDORT 01
Der Fußboden
Kinder sind kleiner. Also kennen sie Fußböden, Tischunterseiten und Sockelleisten besser als jeder Erwachsene. Frag dich: Wie sah der Boden aus, auf dem du gespielt hast? Teppich, Linoleum, Fliesen? Wo war der Fleck? Diese Perspektive von unten ist das schnellste Signal, dass hier wirklich ein Kind erzählt.
FUNDORT 02
Die Wartezeiten
Kindheit besteht zu großen Teilen aus Warten. Auf dem Flur beim Arzt. Im Auto vor dem Supermarkt. Auf der Treppe, weil der Schlüssel weg war. In diesen toten Zeiten liegen die besten Details, weil du damals nichts anderes zu tun hattest als zu gucken.
FUNDORT 03
Das Essen, das du hasstest
Jeder hatte eins. Und jeder hatte eine Strategie: unter den Kartoffelbrei schieben, in die Serviette, an den Hund. Das ist deshalb so stark, weil es gleichzeitig komisch und bitter ist. Denn es geht um Machtlosigkeit am Esstisch.
FUNDORT 04
Der Geruch der Wohnung
Fremde Wohnungen riechen. Deine eigene riecht für dich nach nichts, aber du erinnerst dich an die von Oma, vom Nachbarn, vom Freund aus der Parallelklasse. Gerüche sind der direkteste Zugang zu alten Erinnerungen, den es gibt.
FUNDORT 05
Das erste Mal, dass du gelogen hast
Nicht die große Lüge. Die kleine. Die, bei der du gemerkt hast, dass es funktioniert. Das ist ein Wendepunkt, den jeder hatte und über den fast niemand schreibt.
FUNDORT 06
Die Sätze der Erwachsenen
„Warte, bis dein Vater kommt.“ „Dafür bist du noch zu klein.“ „Iss auf, in Afrika hungern Kinder.“ Diese Sätze sind Zeitkapseln. Zitier sie unkommentiert und der Saal ergänzt den ganzen Rest selbst.
FUNDORT 07
Der Moment, in dem die Eltern klein wurden
Der stärkste Fundort von allen. Irgendwann hast du gemerkt, dass deine Eltern auch nicht weiterwissen. Beim Elterngespräch, beim Streit, beim Anruf, den sie nicht führen wollten. Das ist das Ende der Kindheit, und es passiert in einer einzigen Szene.
FUNDORT 08
Die Gegenstände, die es nicht mehr gibt
Der Videorekorder. Der Telefontisch im Flur. Das Ding, mit dem man die Kassette zurückspulte. Solche Objekte machen aus einem Text automatisch eine Zeitangabe, ohne dass du eine Jahreszahl nennen musst.
FUNDORT 09
Die Angst, die keiner ernst nahm
Der Keller. Der Nachbarshund. Die Stelle im Flur, an der du nachts schneller gegangen bist. Wichtig ist hier nicht die Angst, sondern dass sie damals riesig war und heute lächerlich klingt. Genau dieser Abstand ist deine Pointe.
FUNDORT 10
Das, was du falsch verstanden hast
Kinder verstehen Wörter falsch, und zwar konsequent. Sie halten Redewendungen für wahr und Erwachsenengespräche für Rätsel. Das ist komisch, ohne dass du einen Witz bauen musst. Und es zeigt gleichzeitig, wie sehr du damals außen vor warst.

Schicht 03
Die Grabungstechnik: über Kindheit schreiben in fünf Schritten
Denn Erinnerung funktioniert nicht auf Zuruf. Aber sie funktioniert auf Umwegen.
Schritt 1 · Nimm einen Raum, keine Zeit
Also frag dich nicht: Wie war ich mit acht?
Frag dich: Wie sah die Küche aus, als ich acht war?
Denn Räume sind gespeichert. Jahre nicht.
Geh diesen Raum im Kopf ab. Tür, Fenster, Tisch, was hing an der Wand.
Schritt 2 · Such die Geräusche
Und was hast du in diesem Raum gehört?
Der Kühlschrank. Der Fernseher aus dem Nebenzimmer. Das Klackern der Heizung.
Geräusche sind der zweitbeste Zugang nach Gerüchen. Und sie lassen sich im Text direkt einsetzen.
Schritt 3 · Schreib zwanzig Minuten ohne zu bewerten
Also alles, was hochkommt. In Stichworten, ohne Sätze, ohne Reihenfolge.
Und ohne zu entscheiden, ob es interessant ist. Denn das kannst du jetzt noch nicht wissen.
Die besten Details wirken beim Aufschreiben meistens belanglos.
Schritt 4 · Markier, was du nicht erklären kannst
Nun gehst du die Liste durch und suchst die Einträge, bei denen du nicht weißt, warum du dich daran erinnerst.
Genau die sind Gold.
Denn dein Gedächtnis hat sie aus einem Grund behalten, den du noch nicht kennst. Und diesen Grund findest du beim Schreiben.
Schritt 5 · Bau eine Szene, keine Zusammenfassung
Danach nimmst du einen einzigen Eintrag und schreib fünf Minuten darüber. Als Szene, mit Uhrzeit, Ort und Handlung.
Nicht: „Wir waren oft bei meiner Oma."
Sondern: „Bei meiner Oma gab es einen Sessel, in dem man nicht sitzen durfte."
Der Test für jeden Fund
→ Ist es datierbar? Ein Gegenstand, den es heute nicht mehr gibt, macht die Zeit sichtbar.
→ Kennt es ein Fremder? Wenn ja, hast du eine Tür. Wenn nein, brauchst du eine Erklärung, und die kostet.
→ Weiß ich, warum es geblieben ist? Wenn nein: perfekt. Genau darüber schreibst du.
Schicht 04
Zehn Sätze, zweimal geschrieben
Also links die Fassung, die keiner hören will. Rechts die, bei der es still wird.
SATZ 01 · DIE KINDHEIT ALLGEMEIN
FLACH
„Ich hatte eine schöne, unbeschwerte Kindheit auf dem Land.“
TIEF
„Meine Mutter hat mir die Gummistiefel immer eine Nummer zu groß gekauft.“
Links steht eine Bewertung, die niemand nachprüfen kann. Rechts steht ein Ding, und darin steckt das Geld, die Fürsorge und die rutschende Ferse gleichzeitig.
SATZ 02 · DIE GROSSMUTTER
FLACH
„Meine Oma war der wichtigste Mensch meiner Kindheit.“
TIEF
„Bei meiner Oma gab es einen Sessel, in dem niemand sitzen durfte.“
Der linke Satz behauptet Bedeutung. Der rechte zeigt eine ganze Familienordnung in zwölf Wörtern. Und jeder im Saal kennt so einen Sessel.
SATZ 03 · DIE ARMUT
FLACH
„Wir hatten damals nicht viel Geld.“
TIEF
„Der Joghurt war immer der von der Aktion, und im Kühlschrank standen zwölf davon.“
Armut zu benennen macht sie abstrakt. Zwölf identische Joghurts machen sie sichtbar, ohne dass du um Mitleid bittest.
SATZ 04 · DIE ANGST
FLACH
„Als Kind hatte ich schreckliche Angst vor dem Keller.“
TIEF
„Ich habe den Lichtschalter im Keller immer schon im Rückwärtsgehen ausgemacht.“
Angst zu benennen erzeugt nichts. Eine Bewegung zu beschreiben erzeugt sie. Und diese Bewegung kennt fast jeder aus dem eigenen Flur.
SATZ 05 · DIE ELTERN
FLACH
„Meine Eltern haben sich viel gestritten.“
TIEF
„Wenn sie stritten, ist der Fernseher lauter geworden. Nie leiser.“
Das Detail arbeitet zweimal: Es zeigt den Streit und gleichzeitig, dass jemand ihn übertönen wollte. Zwei Informationen in einem Satz.
SATZ 06 · DIE SCHULE
FLACH
„Ich war in der Schule ziemlich unglücklich.“
TIEF
„Ich habe drei Jahre lang jede Pause auf demselben Fensterbrett verbracht.“
Drei Jahre und ein Fensterbrett. Mehr braucht es nicht. Denn die Zahl macht aus einer Stimmung eine Tatsache.
Vier harte Fälle beim Über-Kindheit-Schreiben
SATZ 07 · DER VERLUST
FLACH
„Als mein Vater starb, brach für mich eine Welt zusammen.“
TIEF
„Seine Jacke hing noch drei Jahre an der Garderobe. Wir sind jeden Tag daran vorbeigegangen.“
Der linke Satz ist eine Formel, die man tausendmal gehört hat. Der rechte ist eine Beobachtung, gegen die niemand etwas sagen kann.
SATZ 08 · DAS GLÜCK
FLACH
„Der Sommer damals war der schönste meines Lebens.“
TIEF
„Wir haben den ganzen August damit verbracht, ein Loch zu graben. Für nichts.“
Glück zu behaupten macht es kleiner. Ein sinnloses Loch im August macht es riesig. Und es ist gleichzeitig komisch.
SATZ 09 · DAS ERWACHSENWERDEN
FLACH
„Irgendwann merkte ich, dass meine Eltern auch nur Menschen sind.“
TIEF
„Ich habe meinen Vater einmal weinen sehen, weil ein Formular nicht durchging.“
Die Erkenntnis auszusprechen nimmt dem Publikum die Arbeit ab. Die Szene zu zeigen lässt sie die Erkenntnis selbst machen. Und dann gehört sie ihnen.
SATZ 10 · DER ORT
FLACH
„Meine Heimatstadt war grau und langweilig.“
TIEF
„Es gab genau einen Ort, an dem man sich verabreden konnte, und das war die Bushaltestelle.“
Eine Bewertung gegen eine Tatsache. Die Tatsache ist witziger, trauriger und überprüfbarer. Alles drei gleichzeitig.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenSchicht 05
Über Kindheit schreiben: wer erzählt hier eigentlich?
Nun kommt die Entscheidung, an der die meisten Kindheitstexte kippen.
Denn du hast dabei zwei Erzähler zur Auswahl.
Erzähler 1 · Das Kind
Zunächst das Kind. Es weiß nicht, was es sieht. Es beschreibt nur.
Also: „Papa hat gesagt, er fährt kurz Zigaretten holen.“
Kein Kommentar, keine Deutung, keine Rückschau.
Das ist die härtere Variante. Und die stärkere.
Denn der Saal versteht sofort, was das Kind nicht versteht. Und genau diese Lücke tut weh.
Erzähler 2 · Der Erwachsene
Dagegen weiß der Erwachsene, wie es ausgegangen ist. Er ordnet ein, erklärt, zieht Schlüsse.
Also: „Damals wusste ich noch nicht, dass er nicht zurückkommen würde.“
Zwar ist das bequemer. Aber es nimmt dem Publikum die eigene Entdeckung weg.
Das Kind zeigt. Der Erwachsene erklärt. Und Erklären ist fast immer die schwächere Wahl.
Die Lösung: neunzig zu zehn
Also erzähl neunzig Prozent aus der Sicht des Kindes.
Und gib dem Erwachsenen genau einen Satz. Am Ende.
Dieser eine Satz ist dann die Landung. Er wirkt nur deshalb, weil du vorher nicht eingeordnet hast.
Zwei Erwachsenensätze sind schon zu viel. Drei machen aus deinem Text einen Kommentar.
Woran du merkst, dass der Erwachsene zu viel redet
Such in deinem Text nach diesen Wörtern: „damals“, „heute weiß ich“, „rückblickend“, „erst später“, „im Nachhinein“.
Jedes davon ist ein Erwachsenen-Signal.
Streich alle bis auf eins. Und das eine setzt du ganz ans Ende.
Schicht 06
Fünf, die über Kindheit schreiben können
Übrigens: Klauen ist erlaubt. Hier fünf, bei denen es sich lohnt.
Marcel Proust und der überschätzte Keks
Zunächst die berühmteste Kindheitsszene der Literatur: Jemand taucht ein Gebäckstück in Tee, und die ganze Vergangenheit kommt zurück.
Zwei ehrliche Einordnungen dazu.
Erstens ist das ein Roman, keine Autobiografie. Der Erzähler ist nicht Proust.
Zweitens wird die Stelle meistens falsch zitiert. Es geht nicht darum, dass Geschmack Erinnerungen weckt. Sondern darum, dass die unwillkürliche Erinnerung mehr weiß als die absichtliche.
Und genau das ist für dich brauchbar.
Denn wenn du dich absichtlich erinnerst, bekommst du die Version, die du schon hundertmal erzählt hast. Die guten Sachen kommen ungefragt. Beim Zähneputzen, im Bus, beim Geruch eines fremden Treppenhauses.
Deshalb brauchst du ein Notizbuch. Dazu unten mehr.
Annie Ernaux und die Kälte
Danach zu Annie Ernaux. Die französische Autorin bekam 2022 den Literaturnobelpreis. Sie schreibt fast ausschließlich über die eigene Herkunft.
Und zwar in einem Ton, der auf den ersten Blick unbeteiligt wirkt.
Keine Rührung, keine Wertung, kaum Adjektive. Stattdessen Preise, Möbelstücke, Redewendungen, soziale Details.
Sie nennt ihr Verfahren selbst eine Art von Sozialbiografie: Die eigene Geschichte wird beschrieben, um etwas über eine ganze Schicht zu zeigen.
Für dich heißt das: Je kühler du über Kindheit schreibst, desto heißer wird sie beim Publikum.
Roald Dahl und die Ehrlichkeit über das Vergessen
Übrigens hat Dahl ein Buch über seine Kindheit geschrieben und im Vorwort etwas Bemerkenswertes gemacht.
Er hat klargestellt, dass es keine Autobiografie ist.
Sondern eine Sammlung der Momente, die aus irgendeinem Grund haften geblieben sind. Manche wichtig, manche völlig belanglos.
Das ist eine Erlaubnis, die du dir auch geben darfst.
Denn du musst deine Kindheit nicht vollständig erzählen. Du musst nicht mal wissen, wie es weiterging.
Fünf Szenen reichen. Und die belanglosen sind oft die besten.
Vladimir Nabokov und die Besessenheit fürs Detail
Dagegen ist Nabokovs Erinnerungsbuch ein Lehrstück in Genauigkeit.
Er beschreibt Muster auf Tapeten, Lichtverhältnisse, die Beschaffenheit von Gegenständen. Alles mit einer Präzision, die fast unangenehm ist.
Und dadurch entsteht etwas, das keine Zusammenfassung erzeugen könnte: das Gefühl, wirklich dort zu sein.
Für die Bühne musst du das dosieren, weil gesprochene Sprache weniger Beschreibung verträgt als gedruckte.
Aber die Richtung stimmt: Ein einziges Detail in maximaler Schärfe schlägt zehn ungefähre.
Astrid Lindgren und die Sicht von unten
Schließlich Lindgren. Sie hat sinngemäß gesagt, dass sie beim Schreiben auf ihre eigene Kindheit zurückgreift.
Was ihre Bücher aber besonders macht, ist etwas anderes: Sie schreibt konsequent aus der Perspektive des Kindes.
Erwachsene kommen darin vor, aber sie werden nicht erklärt. Man sieht sie so, wie ein Kind sie sieht: als große, teilweise unlogische Wesen mit unverständlichen Regeln.
Genau das ist die Haltung, die dein Kindheitstext braucht.
Fünf Leute, fünf Länder, ein Prinzip: Sie beschreiben, statt zusammenzufassen.
Schicht 07
Zehn Techniken für deinen Kindheitstext
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Nimm die Augenhöhe des Kindes
Beschreib, was auf Höhe von einem Meter zwanzig passiert. Tischkanten, Türklinken, Erwachsenenknie. Das ist das schnellste Signal, dass hier wirklich ein Kind erzählt.
T2 · Benutz die Wörter von damals
Wenn du als Kind einen eigenen Begriff für etwas hattest, nimm den. Auch wenn er falsch ist. Gerade dann. Denn falsche Kinderwörter sind komisch und authentisch zugleich.
T3 · Zitier die Erwachsenen unkommentiert
Ein Satz deiner Mutter, wörtlich, ohne Einordnung. Der Saal macht die Bewertung selbst. Und was er selbst macht, sitzt tiefer.
T4 · Nenn Marken und Dinge, die es nicht mehr gibt
Damit datierst du deinen Text, ohne eine Jahreszahl zu nennen. Und du triffst alle, die dieselben Dinge kannten.
T5 · Lass das Kind nicht verstehen
Dein größter Hebel. Das Kind beschreibt eine Situation, die es nicht durchschaut. Der Saal durchschaut sie sofort. Und genau diese Lücke ist der ganze Text.
T6 · Ein einziger Erwachsenensatz
Ganz am Ende. Als Landung. Nicht mehr. Denn jeder weitere macht aus deinem Text einen Kommentar.
T7 · Such den Geruch
Gerüche sind der direkteste Zugang zu alten Erinnerungen. Und im Text funktionieren sie sofort, weil jeder sein eigenes Bild dazu hat.
T8 · Nimm eine Zahl
Drei Jahre. Zwölf Joghurts. Zwei Straßen. Eine Zahl macht aus einer Erinnerung eine Tatsache. Und Tatsachen kann man nicht wegdiskutieren.
T9 · Beschreib die Wiederholung
Kindheit besteht aus Wiederholung. Immer derselbe Schulweg, immer dasselbe Mittagessen am Dienstag. Wenn du das zeigst, zeigst du Zeit, ohne von Zeit zu sprechen.
T10 · Hör früher auf
Der letzte Satz deines Kindheitstextes darf nicht die Moral sein. Streich ihn und nimm den vorletzten. Wie das geht, steht hier: Kill your Darlings.

Schicht 08
Die Grenze: deine Kindheit gehört nicht nur dir
Nun der unbequeme Teil. Und er wird fast immer übersprungen.
Denn in deiner Kindheit kommen andere Menschen vor. Deine Eltern, deine Geschwister, deine Lehrerin.
Und die haben dazu nicht zugestimmt.
Die drei Fragen vor dem Auftritt
Erstens: Ist die Person erkennbar? Für den Saal meistens nicht. Für die Familie fast immer.
Zweitens: Würde ich den Text vortragen, wenn die Person im Publikum säße?
Drittens: Erzähle ich meine Geschichte oder ihre?
Dabei ist die dritte Frage die wichtigste.
Denn du darfst erzählen, wie es dir mit jemandem ergangen ist. Das ist deine Geschichte.
Du erzählst aber nicht, was diese Person durchgemacht hat. Das ist ihre.
Deine Wahrnehmung gehört dir. Das Leben der anderen nicht.
Was du praktisch tun kannst
G1 · Ändere, was nicht trägt
Namen, Orte, Berufe, Anzahl der Geschwister. Diese Dinge tragen deinen Text nicht. Also darfst du sie verändern, ohne dass etwas verloren geht.
G2 · Behalte, was trägt
Die Details, die Sätze, die konkreten Handlungen. Genau die machen den Text, und genau die bleiben.
G3 · Frag, wenn es eng wird
Bei lebenden nahen Angehörigen und heiklen Themen lohnt sich ein Gespräch vorher. Das ist unangenehm und erspart dir Schlimmeres.
G4 · Schreib es trotzdem
Wichtig dabei: Diese Grenze betrifft das Veröffentlichen, nicht das Schreiben. Schreib zuerst alles auf, ohne Rücksicht. Entscheide danach, was auf die Bühne geht.
Denn wer schon beim Schreiben zensiert, kommt nie an die guten Stellen.
Und wenn die Kindheit schwierig war?
Dann gilt allerdings eine zusätzliche Regel, und sie ist wichtiger als alles andere in diesem Artikel.
Erzähl nur, was du schon verarbeitet hast.
Die Bühne ist kein Ort für offene Wunden. Nicht weil das Publikum es nicht aushielte, sondern weil du es hinterher aushalten musst. Allein, um halb zwei nachts.
Also der Test: Kannst du die Sache ruhig beschreiben, ohne dass dir die Stimme wegbricht?
Wenn nein, ist der Text noch nicht dran. Er wird es vielleicht in zwei Jahren.
Und wenn dich ein Thema dauerhaft beschäftigt, ist das ein Fall für ein Gespräch mit jemandem, der dafür ausgebildet ist. Nicht für vier Minuten Bühne.
Schicht 09
Zehn Fehler, die nach Poesiealbum klingen
F1 · Zusammenfassen statt zeigen
Der Grundfehler. „Ich hatte eine schöne Kindheit“ ist keine Information, sondern eine Bewertung. Setz einen Gegenstand hin.
F2 · Nostalgie als Inhalt
„Früher war alles besser“ ist kein Text, sondern eine Haltung. Und zwar eine, die man tausendmal gehört hat. Beschreib lieber etwas Konkretes und lass den Saal selbst wehmütig werden.
F3 · Zu viel Erwachsener
Drei Sätze mit „heute weiß ich“ und dein Text ist ein Kommentar. Einer reicht, ganz am Ende.
F4 · Die Moral am Schluss
Du erzählst eine gute Szene und erklärst danach, was sie bedeutet. Damit nimmst du dem Publikum den eigenen Fund weg.
F5 · Der Katalog
Du zählst zehn Erinnerungen auf, statt eine auszuerzählen. Eine Szene mit Details schlägt zehn Stichworte. Immer.
F6 · Die geschönte Version
Du erzählst die Fassung, die du schon hundertmal am Küchentisch erzählt hast. Die ist glattgeschliffen und tot. Grab nach der, die du noch nie erzählt hast.
F7 · Fremdscham-Details
Nicht alles Private ist interessant. Der Unterschied: Ein Detail, das andere wiedererkennen, verbindet. Ein Detail, das nur dich betrifft, macht das Publikum zum Zuschauer bei etwas Peinlichem.
F8 · Der Zeitsprung ohne Not
Du springst zwischen fünf Lebensjahren hin und her. Bleib bei einem Sommer. Denn ein Sommer mit Details ist größer als zehn Jahre im Überflug.
F9 · Kindersprache imitieren
Du sprichst betont niedlich, um kindlich zu wirken. Das ist etwas anderes als die Perspektive des Kindes einzunehmen. Und der Saal merkt den Unterschied sofort.
F10 · Nichts riskieren
Du erzählst nur die harmlosen Sachen. Verständlich, aber teuer. Denn die Texte, die wirken, haben fast immer eine Stelle, bei der du kurz überlegt hast, ob du sie wirklich sagst.
Schicht 10
Das Notizbuch: dein Werkzeug fürs Kindheit-Schreiben
Denn Erinnerungen kommen nicht auf Bestellung. Sie kommen, wann sie wollen.
Also brauchst du etwas, um sie einzusammeln.
Die Regel
Also: Jedes Mal, wenn dir spontan etwas aus der Kindheit einfällt, schreibst du es auf.
Sofort. In drei bis fünf Wörtern. Ohne zu bewerten.
Denn genau diese ungefragten Einfälle sind die guten. Die absichtlich abgerufenen sind es fast nie.
Was hineingehört
Gerüche. Sätze von Erwachsenen. Gegenstände. Räume. Momente, bei denen du dich fragst, warum du dich überhaupt daran erinnerst.
Besonders die letzten.
Wie du damit arbeitest
Danach, nach vier Wochen, hast du dreißig bis fünfzig Einträge.
Davon sind vierzig wertlos. Fünf sind okay. Und zwei sind Texte.
Diese zwei erkennst du daran, dass sie beim Wiederlesen etwas mit dir machen. Nach vier Wochen Abstand.
Dein Vier-Wochen-Plan
→ Woche 2: weiter sammeln. Zusätzlich einmal einen Raum im Kopf abgehen und alles notieren.
→ Woche 3: die Liste durchgehen und die markieren, die du nicht erklären kannst.
→ Woche 4: einen einzigen Eintrag nehmen und fünf Minuten daraus eine Szene bauen.
Achtung, Werbung
Vom Fund zum Text
Zwar ist eine gute Erinnerung noch kein guter Text.
Denn zwischen beidem liegt Handwerk: Aufbau, Bildsprache, Timing, ein Schluss, der landet.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder erzähl weiter, wie schön es damals war.
Schicht 11
Häufige Fragen zum Über-Kindheit-Schreiben
Wie fange ich an, über Kindheit zu schreiben?
Nicht mit einer Zeit, sondern mit einem Raum. Frag dich, wie die Küche aussah, als du acht warst, und geh sie im Kopf ab. Denn Räume sind gespeichert, Jahre nicht.
Warum wirken meine Kindheitstexte kitschig?
Weil du Gefühle benennst statt Gegenstände zu zeigen. Streich jedes zusammenfassende Wort wie behütet oder unbeschwert und setz etwas hin, das du anfassen konntest.
Muss meine Kindheit besonders gewesen sein?
Im Gegenteil. Je gewöhnlicher das Detail, desto mehr Menschen erkennen sich darin wieder. Die Goldader ist nicht deine Einzigartigkeit, sondern das Geteilte.
Soll das Kind oder der Erwachsene erzählen?
Zu neunzig Prozent das Kind, das nicht versteht, was es beschreibt. Der Erwachsene bekommt genau einen Satz, ganz am Ende. Denn die Lücke zwischen beiden macht die Wirkung.
Wie erinnere ich mich an mehr Details?
Über Umwege statt direkt. Räume abgehen, Geräusche suchen, Gerüche notieren. Und ein Notizbuch führen, weil die guten Erinnerungen ungefragt kommen, meistens im Bus oder beim Zähneputzen.
Darf ich über meine Eltern schreiben?
Über deine Wahrnehmung ja, über ihr Leben nein. Ändere Namen, Orte und Berufe, behalte die Details. Und bei nahen lebenden Angehörigen lohnt sich ein Gespräch vorher.
Was mache ich, wenn meine Kindheit schwierig war?
Erzähl nur, was du verarbeitet hast. Der Test ist einfach: Kannst du es ruhig beschreiben, ohne dass die Stimme wegbricht? Wenn nein, ist der Text noch nicht dran.
Wie lang soll ein Kindheitstext sein?
Lieber ein Sommer mit Details als zehn Jahre im Überflug. Eine ausgebaute Szene schlägt jede Aufzählung, und drei bis vier Minuten reichen dafür völlig.
Wie beende ich einen Kindheitstext?
Nicht mit einer Moral. Streich deinen letzten Satz und nimm den vorletzten. Denn wenn dein Text vorher funktioniert hat, braucht er keine Erklärung mehr.
Woran erkenne ich, dass eine Erinnerung taugt?
Daran, dass du nicht weißt, warum du sie behalten hast. Denn dein Gedächtnis hat sie aus einem Grund aufbewahrt, den du erst beim Schreiben findest.
Letzter Fund
Zurück nach Wuppertal
Übrigens stand ich ein Jahr später wieder in demselben Café.
Diesmal hatte ich vier Wochen lang ein Notizbuch mit mir herumgetragen.
Vierunddreißig Einträge. Zweiunddreißig davon waren wertlos.
Einer lautete: Gummistiefel eine Nummer zu groß.
Zunächst wusste ich nicht, warum ich mich daran erinnerte. Also habe ich darüber geschrieben.
Der Text kam ohne das Wort Kindheit aus. Und ohne behütet, unbeschwert und die gute alte Zeit.
Stattdessen kamen darin vor: zwei Nummern zu große Stiefel, ein rutschender Socken und ein Winter, in dem ich es niemandem gesagt habe.
Danach kam eine Frau zu mir, die ungefähr doppelt so alt war wie ich.
Dabei hat sie nichts über meine Kindheit gesagt.
Sie hat gesagt: „Bei uns waren es die Schulranzen.“
Genau dafür macht man das.

Grab nicht nach deiner Kindheit. Grab nach dem einen Ding, das alle kennen.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgen