Ein Marionettentheater · Haltung
Georg Schramm und Poetry Slam. Warum Haltung lauter wirkt

Sonntag, 16:30 Uhr, die Bahnhofshalle, zweiter Advent.
Neben dem Glühweinstand hat Doro ihr kleines Marionettentheater aufgebaut, dunkles Holz, roter Samtvorhang.
Xaver ist 51, arbeitet in einer Bank und gewinnt seit einem Jahr Slams mit Texten, bei denen alle lachen und niemand nachdenkt.
Am Abend vorher hat er beim Nachhausefahren ein Video von Georg Schramm gesehen und kann seitdem nicht schlafen.
„Der hat nie gefallen wollen“, sagt er zu Doro, als die Vorstellung vorbei ist.
„Ich will nichts anderes.“
Doro hebt eine Marionette vom Haken und hält ihm das Spielkreuz hin.
„Dann zeig ich dir mal, woran du hängst.“
Doro und Xaver sind erfunden. Georg Schramm gibt es wirklich, und über ihn steht hier nur, was sich belegen lässt.
Kennst du das?
Du schreibst einen Text und willst, dass er wirkt.
Dann merkst du, dass Wirken nicht dasselbe ist wie Gefallen.
Und Gefallen bringt die schnelleren Punkte.
Also schreibst du um, weicher, lustiger, sympathischer.
Bis dein Text wie eine Umarmung ist: warm, nett, harmlos.
Und völlig vergessen, bevor du zu Hause bist.
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Programmheft · Spielzeiten
Georg Schramm
Auswahl nach öffentlich zugänglichen Lebensdaten.
Georg Schramm wurde 1949 in Bad Homburg geboren.
Bevor er auf die Bühne ging, arbeitete er zwölf Jahre lang als Psychologe in einer neurologischen Klinik.
1985 startete er sein erstes Soloprogramm, fast drei Jahrzehnte lang tourte er danach durch die Republik.
Viele kennen ihn aus dem „Scheibenwischer“ der ARD und aus „Neues aus der Anstalt“ im ZDF, das er mit Urban Priol moderierte.
2006 stieg er beim „Scheibenwischer“ aus, es ging um Differenzen über die Richtung der Sendung.
2010 verließ er auch die „Anstalt“, um sich auf seine Bühnenprogramme zu konzentrieren.
Als ihn 2012 Unterstützer als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch brachten, lehnte er ab.
Sein Instrument blieb das Kabarett.
Im September 2014 stand er in Chemnitz zum letzten Mal mit einem Programm auf der Bühne.
Für Slammer ist Schramm aus einem einfachen Grund interessant.
Er hat vorgeführt, dass man ein großes Publikum erreichen kann, ohne ihm nach dem Mund zu reden.
Seine Nummern waren oft eher Anklageschriften als Gags.
Poetry Slam ist kein Kabarett.
Aber die Frage dahinter ist dieselbe: Willst du gefallen, oder willst du treffen?
Das Spielkreuz: woran du hängst
Das Spielkreuz · woran eine Bühnenfigur hängen kann
Eine Marionette kann nichts, was nicht an einem Faden hängt.
Doro zeigt Xaver das Holzkreuz, an dem die Fäden hängen.
Der Faden am Kopf heißt bei ihr Applaus, weil er die Figur nicken lässt, sobald geklatscht wird.
An den Händen hängen Likes und Quote.
An den Knien hängt die Angst, und wenn Doro daran zieht, knickt die Figur ein.
Und quer über den Rücken läuft der Faden, der alles glatt halten will: Harmonie.
„Jeder Faden ist für sich harmlos“, sagt Doro.
„Aber wenn alle gleichzeitig ziehen, spielt nicht mehr die Figur, sondern das Kreuz.“
Hier ist die erste unbequeme Wahrheit dieses Beitrags.
Du kannst nicht allen gefallen.
Wenn du es versuchst, gefällst du am Ende niemandem, dir selbst am wenigsten.
Das heißt nicht, dass dir das Publikum egal sein soll.
Es heißt, dass du weißt, welcher Faden gerade zieht, und selbst entscheidest, ob du nachgibst.

Die Figur als Schutz und Verstärker
Schramm hat viele seiner stärksten Nummern nicht als er selbst gespielt, sondern in Figuren.
Die bekannteste ist Lothar Dombrowski, ein renitenter alter Rentner mit einem schwarzen Handschuh über einer Handprothese.
Dazu kamen Oberstleutnant Sanftleben, ein Presseoffizier der Bundeswehr, und August, ein hessischer Sozialdemokrat.
Eine Figur kann Dinge sagen, die aus deinem eigenen Mund zu direkt, zu bitter oder zu persönlich klingen würden.
Sie ist ein Schutzschild und gleichzeitig ein Verstärker.
Sie darf übertreiben, wüten, sich selbst entlarven, und das Publikum weiß trotzdem, wer da eigentlich spricht.
Für deinen Slam heißt das:
Wenn dir ein Thema zu nah ist, bau eine Figur.
Gib ihr eine Rolle, ein einziges Requisit und eine Haltung.
Dombrowskis Handschuh zeigt, wie viel ein einziges Requisit erzählen kann.
Und gib ihr einen Satz, der nur ihr gehört.
Xaver baut noch am selben Abend seine erste Figur: einen Stellwerker im Ruhestand, der jeden Morgen am Bahnsteig sitzt und die Welt in Dienstanweisungen erklärt.
Achte beim Anschauen darauf, wie viel Wirkung aus Tempo, Pausen und Haltung kommt und wie wenig aus klassischen Gags.
Der Spielplan: Konstanten statt Schlagzeilen
Abgesetzt nach einer Woche
der Name des Politikers vom Montag
der Skandal der Woche
die Plattform, die gerade alle nutzen
der Tweet, über den alle reden
Im Spielplan seit Jahrhunderten
★ Machtmissbrauch
★ Gier
★ Heuchelei
★ Feigheit
★ Selbstbetrug
Viele Slam-Texte haben ein kurzes Leben.
Sie hängen an einem Namen, einem Skandal oder einer Plattform, die im nächsten Jahr anders heißt.
Das kann an einem Abend großartig funktionieren.
Aber nach einer Woche ist so ein Text Elektroschrott.
Kabarett wie das von Schramm lebt oft von etwas anderem: von der Mechanik hinter den Schlagzeilen.
Nicht der einzelne Politiker, sondern die Macht, die Menschen verändert.
Nicht der eine Bankenskandal, sondern die Gier, die immer neue produziert.
Machtmissbrauch, Gier, Heuchelei, Feigheit und Selbstbetrug stehen seit Jahrhunderten im Spielplan.
Solange es Menschen gibt, wird keine dieser Nummern abgesetzt.
Also prüf deinen Text mit einer Frage: Beschreibt er ein Update oder eine Mechanik?
„Mein Ex hat mich blockiert“ ist ein Update.
„Wir beenden heute Beziehungen mit einem Daumen, und keiner hört mehr die Tür“ beschreibt eine Mechanik.
Beliebt oder respektiert
Beliebte sagen, was man hören will. Respektierte sagen, was man hören sollte.
Viele wollen auf der Bühne beides, Applaus und Respekt.
Das geht manchmal, aber nicht immer gleichzeitig.
Irgendwann kommt der Abend, an dem du dich entscheiden musst.
Eine Pointe, die sicher zündet, oder ein Satz, der im Saal eine Stille hinterlässt, die sich unangenehm anfühlt.
Beim „Scheibenwischer“ ist Schramm lieber ausgestiegen, als eine Richtung mitzugehen, die ihm nicht passte.
Gemeint ist keine Pose, die sagt: Mir ist alles egal.
Gemeint ist Unabhängigkeit.
Du brauchst den Applaus nicht, um zu wissen, dass dein Text richtig war.
Diese Unabhängigkeit ist selten, weil Bestätigung auf Bühnen so leicht zu haben ist.
Aber sie ist lernbar.
Fäden kappen in fünf Schnitten
✂ Fäden kappen · fünf Schnitte
Frag dich, warum du auf die Bühne gehst.
Für den Applaus oder für etwas, das dir wichtig ist?
Schreib einen Text, der dir unbequem ist.
Unbequem heißt: Er könnte jemandem nicht gefallen. Nicht: Er tut dir selbst weh.
Trag ihn trotzdem vor.
Und beobachte, was wirklich passiert, nicht was du befürchtet hast.
Gewöhn dich an die Stille.
An irritierte Blicke, an das Rascheln, an den Moment danach.
Hör auf, dich zu entschuldigen.
Nicht vorher, nicht nachher, nicht im Kopf.
Doro gibt Xaver an diesem Abend eine kleine Schere, als Scherz und als Aufgabe.
Der erste Schnitt ist eine Frage: Warum gehst du eigentlich auf die Bühne?
Der zweite ist ein Text, der dir unbequem ist, weil er jemandem nicht gefallen könnte.
Wichtig: unbequem für andere, nicht schädlich für dich.
Der dritte ist, ihn trotzdem vorzutragen und genau hinzuschauen, was passiert.
Der vierte ist Gewöhnung an die Stille, an irritierte Blicke und an das Rascheln danach.
Der fünfte ist der schwierigste: Hör auf, dich zu entschuldigen.
Nicht vor dem Text, nicht in der Anmoderation, nicht hinterher im Kopf.
Du hast gesagt, was du sagen wolltest.
Fertig.
Hör beim Podcast darauf, welcher Faden bei dir am stärksten zieht, und schreib ihn auf.
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Jetzt Kanal folgenUnd Xaver?
Im Januar steht Xaver mit seinem Stellwerker auf der Bühne eines Slams im Nachbarort.
Er trägt eine alte Taschenuhr, die er ständig aufklappt.
Der Stellwerker schimpft darüber, dass niemand mehr auf etwas wartet, ohne aufs Handy zu schauen.
Dann sagt er einen Satz über die Menschen am Bahnsteig, die nicht mehr miteinander reden, und im Saal wird es sehr still.
Xaver wird Vierter, sein schlechtestes Ergebnis seit einem Jahr.
Nach der Show kommen drei Leute zu ihm und erzählen ihm, wen sie zuletzt am Bahnsteig nicht angesprochen haben.
Das ist ihm mit seinen Gag-Texten nie passiert.
Doro schreibt ihm am nächsten Morgen eine Nachricht mit einem Foto.
Darauf ist eine Marionette zu sehen, an der kein einziger Faden mehr hängt.
Sie lehnt am Holzkreuz und steht trotzdem.
Also merke: Haltung ist kein Talent, das man hat oder nicht hat.
Sie ist das, was stehen bleibt, wenn die Fäden weg sind.
