Listen-Gedichte: Die einfachste Struktur mit der größten Wirkung
Eine simple Liste – und plötzlich hängt der ganze Saal drin. So baust du ein Listengedicht, das durch Wiederholung und Steigerung mächtig einschlägt.
02 alles, was du zu spät gesagt hast
03 alles, was du gesagt hast und heute nicht mehr meinst
04 und der eine Satz, der bleibt

Du suchst vermutlich eine Form, die funktioniert.
Und zwar sofort, ohne dass du jahrelang üben musst.
Dabei gibt es genau eine.
Sie ist so simpel, dass die meisten sie für zu simpel halten.
Doch genau deshalb funktioniert sie.
Bei mir war es zunächst Aachen. Ein Kellerraum unter einer Kneipe, fünfzig Leute, Sonntagabend.
Vor mir trat jemand auf, den ich nicht kannte. Zwanzig, höchstens.
Dabei hatte sein Text keine Handlung. Keine Pointe. Keine Wendung.
Stattdessen hat er einfach aufgezählt, was in der Wohnung seiner Großmutter stand.
Drei Minuten lang. Ein Gegenstand nach dem anderen.
Also stand ich hinten und dachte: Das kann doch nicht tragen.
Es trug. Denn nach zwei Minuten hat niemand mehr geatmet.
Denn beim vorletzten Eintrag hat er den Rhythmus gebrochen.
Und dieser eine Bruch hat alles davor rückwirkend aufgeladen.
Eintrag 00
Warum ein Listengedicht so brutal funktioniert
Denn der Grund liegt nicht in der Liste. Sondern in dem, was sie mit deinem Publikum macht.
Und das passiert in drei Stufen.
Stufe 1 · Der Saal erkennt das Muster
Bereits nach dem dritten Eintrag hat dein Publikum verstanden, wie der Text gebaut ist.
Und ab da hört es anders zu. Nämlich vorausschauend.
Denn es weiß jetzt, dass gleich wieder etwas kommt. Und es wartet darauf.
Diese Erwartung ist das eigentliche Werkzeug. Denn ein Publikum, das erwartet, hängt drin.
Stufe 2 · Der Rhythmus übernimmt
Denn Wiederholung erzeugt Takt. Und Takt zieht Menschen mit, ob sie wollen oder nicht.
Übrigens kennst du das von Musik. Es funktioniert bei Sprache genauso.
Nach etwa fünf Einträgen atmen die Leute im selben Takt wie deine Zeilen.
Ab da musst du nicht mehr um Aufmerksamkeit kämpfen.
Stufe 3 · Der Bruch schlägt ein
Nun kommt der Teil, für den man das Ganze macht.
Also brichst du das Muster. Einmal. Kurz vor Schluss.
Und weil dein Publikum inzwischen fest im Takt sitzt, wirkt dieser Bruch wie ein Schlag.
Die Liste baut die Erwartung. Der Bruch kassiert sie ein.
Deshalb ist ein Listengedicht keine Anfängerform.
Sondern eine Form, bei der der Aufbau die ganze Arbeit macht, während du nur noch aufzählen musst.
Was in diesem Register steht
Die Anatomie aus vier Teilen. Zehn Bauformen mit Beispielzeilen. Die Kunst der Reihenfolge. Wo genau der Bruch sitzt. Zehn Vorher-Nachher-Zeilen. Vier Vorbilder aus tausend Jahren. Zehn Techniken. Wie du eine Liste sprichst, ohne zu leiern. Zehn Fehler. Und eine Werkstatt, in der du in einer Stunde eins baust.
Inhalt
02 Zehn Bauformen
03 Die Reihenfolge
04 Der Bruch
05 Zehn Zeilen, zweimal
06 Vier Vorbilder
07 Zehn Techniken
08 So sprichst du eine Liste
09 Zehn Fehler
10 Die Werkstatt
11 Häufige Fragen
Eintrag 01
Die Anatomie: woraus ein Listengedicht besteht
Also vier Teile. Mehr braucht es nicht.
TEIL 1 · DER ANKER
Die Formel, die sich wiederholt. Meistens zwei bis fünf Wörter am Zeilenanfang. Sie ist das Rückgrat, an dem alles hängt. Und sie muss so kurz sein, dass sie nicht nervt.
TEIL 2 · DIE EINTRÄGE
Was jedes Mal neu kommt. Hier steckt deine ganze Arbeit, denn die Einträge müssen unterschiedlich genug sein, um zu überraschen, und ähnlich genug, um zusammenzugehören.
TEIL 3 · DIE STEIGERUNG
Die Reihenfolge ist nicht egal. Von klein nach groß, von harmlos nach schmerzhaft, von außen nach innen. Ohne Steigerung wird aus deinem Gedicht eine Einkaufsliste.
TEIL 4 · DER BRUCH
Die eine Zeile, die aus dem Muster fällt. Sie kommt spät und sie kommt einmal. Ohne sie ist dein Text eine Aufzählung. Mit ihr ist er ein Gedicht.
Wie das zusammen aussieht
Ein Beispiel, das ich für diesen Artikel gebaut habe. Anker ist „In der Wohnung meiner Großmutter stand".
02 … eine Schale mit Bonbons, die zusammengeklebt waren.
03 … ein Sessel, in dem niemand sitzen durfte.
04 … eine Uhr, die zehn Minuten vorging.
05 … ein Foto von einem Mann, über den nicht gesprochen wurde.
06 Heute steht da ein Karton.
Also fünf Einträge und ein Bruch.
Die letzte Zeile hat keinen Anker mehr, kein Detail und keine Vergangenheit. Sie ist kürzer als alles davor.
Doch genau deshalb trifft sie.
Mach das jetzt
Schreib deinen Anker auf und zähl zwanzig Einträge dazu, ohne zu bewerten. Erst danach sortierst du und streichst. Denn wer beim Sammeln schon aussucht, kommt nie an die guten Einträge. Die stehen fast immer auf Platz vierzehn bis achtzehn.

Eintrag 02
Zehn Bauformen für dein Listengedicht
Also zehn Anker, die funktionieren. Such dir einen aus und leg los.
Die Inventur
Du zählst auf, was an einem Ort steht oder stand. Das ist die einfachste Form und gleichzeitig die verlässlichste, weil Gegenstände immer konkret sind. Eignet sich für Wohnungen, Schubladen, Autos, Kellerabteile.
Anker: „Auf dem Küchentisch lag …“
Die Beichte
Du zählst auf, was du getan oder nicht getan hast. Sehr stark, weil jede Zeile ein kleines Zugeständnis ist. Wichtig: Fang harmlos an. Denn wer mit dem Schlimmsten beginnt, hat keinen Weg mehr nach oben.
Anker: „Ich habe nie …“
Die Anleitung
Du zählst Anweisungen auf, als wäre dein Thema eine Bedienungsanleitung. Der Ton ist sachlich, der Inhalt ist es nicht. Genau dieser Widerspruch macht die Form komisch und bitter zugleich.
Anker: „Schritt vier: …“
Die Absage
Du zählst auf, was nicht passiert ist oder nicht passieren wird. Diese Form erzeugt automatisch Wehmut, weil jede Zeile eine Leerstelle beschreibt. Vorsicht: schnell zu viel des Guten.
Anker: „Wir werden nie …“
Die Definition
Du zählst auf, was ein Begriff für dich bedeutet. Wirkt am besten bei großen abstrakten Wörtern, weil du sie mit lauter kleinen konkreten Dingen füllst. Und damit machst du das Abstrakte greifbar.
Anker: „Heimat ist …“
Die Chronik
Du zählst Zeitpunkte auf. Uhrzeiten, Jahre, Lebensalter. Diese Form hat eine eingebaute Steigerung, weil Zeit sowieso vorwärts läuft. Sehr gut für einen einzigen Tag oder ein ganzes Leben.
Anker: „Mit sechzehn …“
Die Rechtfertigung
Du zählst Gründe auf. Und zwar zu viele. Denn wer sich rechtfertigt, redet zu lang, und genau das zeigst du durch die Form selbst. Am Ende steht der eine echte Grund.
Anker: „Ich bin nicht gekommen, weil …“
Die fremde Stimme
Du zählst auf, was andere zu dir gesagt haben. Wörtlich, unkommentiert. Das ist eine der härtesten Formen überhaupt, weil du selbst gar nicht sprichst und der Saal trotzdem alles versteht.
Anker: „Sie sagten: …“
Die Frage
Du zählst Fragen auf, ohne sie zu beantworten. Erzeugt Druck und Unruhe. Aber sparsam einsetzen: mehr als sieben Fragen hintereinander ermüden, weil der Saal nichts zu greifen bekommt.
Anker: „Wusstest du, dass …“
Die Doppelliste
Für Fortgeschrittene. Du führst zwei Anker abwechselnd, die gegeneinander laufen. Was ich sagte und was ich dachte. Was auf dem Papier stand und was gemeint war. Der Kontrast macht die ganze Arbeit.
Anker: „Ich sagte … / Ich meinte …“
Eintrag 03
Die Reihenfolge entscheidet über alles
Denn zwanzig gute Einträge in falscher Reihenfolge ergeben einen schlechten Text.
Denn eine Liste ohne Richtung ist eine Aufzählung. Und Aufzählungen langweilen.
Die vier Bewegungen
R1 · Von klein nach groß
Zunächst der Klassiker. Du beginnst mit dem Banalsten und endest beim Schwersten. Das funktioniert, weil dein Publikum die Steigerung spürt, ohne dass du sie ankündigen musst.
R2 · Von außen nach innen
Du beginnst mit Dingen und endest bei Menschen. Oder du beginnst bei Fremden und endest bei dir. Diese Bewegung ist unauffälliger als die erste und oft eleganter.
R3 · Von damals nach heute
Die zeitliche Ordnung. Sie hat den Vorteil, dass sie sich von selbst erklärt. Und den Nachteil, dass sie erwartbar ist.
R4 · Von lustig nach ernst
Die riskanteste und wirksamste. Du fängst an, als wäre der Text komisch. Und dann kippt er. Wichtig: Der Kipppunkt muss schleichend kommen, nicht abrupt.
Die Sortierprobe
Also schreib deine Einträge auf einzelne Zettel und leg sie auf den Tisch.
Danach sortierst du sie. Und zwar mehrmals.
Denn am Bildschirm siehst du die Reihenfolge nicht. Auf dem Tisch schon.
Dabei wirst du merken: Zwei oder drei Einträge passen nirgendwo hin. Genau die streichst du.
Die Liste erzählt nicht durch ihre Einträge. Sondern durch ihre Richtung.

Eintrag 04
Der Bruch: die eine Zeile, die alles trägt
Nun der wichtigste Teil dieses Artikels.
Denn ohne Bruch ist dein Listengedicht eine Fingerübung.
Wo der Bruch sitzt
Also nicht in der Mitte und nicht am Anfang.
Sondern an vorletzter oder letzter Stelle.
Denn er braucht alles davor, um zu wirken. Je länger die Liste vorher lief, desto härter schlägt er ein.
Die fünf Arten von Bruch
B1 · Der Anker fällt weg
Alle Zeilen begannen gleich. Die letzte nicht. Das ist der einfachste und sauberste Bruch, den es gibt. Und er funktioniert immer.
B2 · Die Länge kippt
Zehn lange Zeilen, dann eine mit drei Wörtern. Oder umgekehrt. Der Saal hat sich an eine Zeilenlänge gewöhnt, und du unterläufst sie.
B3 · Die Person wechselt
Die ganze Liste sprach über andere. Der letzte Eintrag spricht über dich. Oder umgekehrt. Dieser Wechsel wirkt fast wie ein Geständnis.
B4 · Die Zeit wechselt
Alles stand in der Vergangenheit. Die letzte Zeile steht in der Gegenwart. Damit holst du deinen Text mit einem einzigen Wort ins Jetzt.
B5 · Der Eintrag fehlt
Die riskanteste Variante. Du kündigst einen letzten Eintrag an und lieferst ihn nicht. Stattdessen Stille. Das funktioniert selten und ist dann unschlagbar.
Die Regel für den Bruch
Nämlich genau einer pro Text.
Zwei Brüche heben sich gegenseitig auf. Denn beim zweiten weiß der Saal, dass du brichst, und dann ist es kein Bruch mehr, sondern ein Muster.
Der Test für deinen Bruch
→ Ist er kürzer als die Einträge davor? Meistens sollte er das sein.
→ Kommt danach noch etwas? Dann streich es. Der Bruch ist das Ende.
→ Hast du ihn erklärt? Dann streich die Erklärung. Sofort.
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Jetzt Kanal folgenEintrag 05
Zehn Zeilen, zweimal geschrieben
Dabei ist der Anker bei allen derselbe. Nur der Eintrag ändert sich.
ZEILE 01 · DIE INVENTUR
FLACH
… viele alte Sachen.
TRÄGT
… eine Schale mit Bonbons, die zusammengeklebt waren.
Flach ist eine Kategorie. Trägt ist ein Ding, das du anfassen kannst. Und zusammengeklebte Bonbons erzählen nebenbei, wie lange sie dort standen.
ZEILE 02 · DIE BEICHTE
FLACH
… mich nie richtig entschuldigt.
TRÄGT
… nie zurückgerufen, obwohl ich die Nummer wusste.
Der zweite Halbsatz macht den Unterschied. Denn er schließt die Ausrede aus, bevor jemand sie denken kann.
ZEILE 03 · DIE ABSAGE
FLACH
… nie zusammen alt werden.
TRÄGT
… nie herausfinden, ob er die Kartoffeln wirklich gemocht hat.
Das große Bild ist austauschbar. Die Kartoffelfrage nicht. Und sie ist gleichzeitig komisch und traurig.
ZEILE 04 · DIE DEFINITION
FLACH
Heimat ist … ein Gefühl von Geborgenheit.
TRÄGT
Heimat ist … der einzige Ort, an dem ich weiß, welche Stufe knarrt.
Ein Gefühlswort erklärt. Eine knarrende Stufe beweist. Und jeder im Saal denkt sofort an seine eigene.
ZEILE 05 · DIE CHRONIK
FLACH
Mit sechzehn … war ich sehr unsicher.
TRÄGT
Mit sechzehn … habe ich meine Jacke im Bus anbehalten, weil ich nicht wusste, wohin damit.
Unsicherheit zu behaupten bringt nichts. Eine Jacke im überheizten Bus bringt alles.
ZEILE 06 · DIE FREMDE STIMME
FLACH
Sie sagten … dass ich mich mehr anstrengen soll.
TRÄGT
Sie sagten … dass sie mir eigentlich mehr zugetraut hätten.
Der zweite Satz ist wörtlicher und dadurch verletzender. Denn er ist genau die Formulierung, die man wirklich benutzt.
Vier harte Fälle im Listengedicht
ZEILE 07 · DIE ANLEITUNG
FLACH
Schritt vier: … Bleib ruhig.
TRÄGT
Schritt vier: … Zähl die Kacheln über dem Waschbecken. Es sind vierzehn.
Die Anweisung wird konkret und dadurch unheimlich. Und die Zahl verrät, wie oft dieser Schritt schon nötig war.
ZEILE 08 · DIE RECHTFERTIGUNG
FLACH
… weil ich keine Zeit hatte.
TRÄGT
… weil ich dachte, es wäre noch ein Jahr Zeit.
Die erste Version ist eine Standardausrede. Die zweite ist eine Fehleinschätzung, und die tut weh.
ZEILE 09 · DIE FRAGE
FLACH
Wusstest du, dass … ich dich vermisst habe?
TRÄGT
Wusstest du, dass … dein Pullover noch bei mir liegt?
Gefühl gegen Gegenstand. Der Pullover sagt dasselbe, aber er behauptet es nicht. Und deshalb glaubt man ihm.
ZEILE 10 · DER BRUCH
FLACH
Und heute … bin ich froh, dass es vorbei ist.
TRÄGT
Heute steht da ein Karton.
Der Bruch braucht keine Deutung. Er braucht nur eine Tatsache, die kürzer ist als alles davor. Alles Erklärende macht ihn kaputt.
Eintrag 06
Vier Vorbilder aus tausend Jahren
Denn die Liste ist keine Modeform. Sie ist eine der ältesten überhaupt.
Sei Shōnagon: die Listen einer Hofdame
Zunächst nach Japan, um das Jahr 1000. Eine Hofdame führt Aufzeichnungen, die später als Kopfkissenbuch bekannt werden.
Darin stehen ganze Kapitel, die nichts anderes sind als Listen.
Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen. Dinge, die ärgerlich sind. Dinge, die man besser nicht tut.
Das ist tausend Jahre her und liest sich heute wie ein moderner Text.
Für dich heißt das: Die Form ist erprobt. Du musst sie nicht erfinden, nur füllen.
Walt Whitman: die große Aufzählung
Danach zu Whitman. Der amerikanische Dichter hat im neunzehnten Jahrhundert etwas gemacht, das damals ungewöhnlich war.
Er hat seitenlang Menschen und Berufe und Landschaften aufgezählt, ohne sie zu bewerten.
Und dadurch entstand etwas, das keine Beschreibung erzeugen könnte: das Gefühl von Fülle.
Der Preis dafür ist Länge. Denn diese Form braucht Masse, um zu wirken.
Auf einer Slam-Bühne funktioniert das nur in Maßen. Aber der Grundgedanke ist brauchbar: Wer viele Dinge nebeneinanderstellt, erzeugt ein Bild, das größer ist als jedes einzelne davon.
Joe Brainard: die Erinnerungsliste
Übrigens hat der amerikanische Künstler Joe Brainard in den Siebzigerjahren ein ganzes Buch geschrieben, in dem fast jeder Satz mit derselben Formel beginnt.
Nämlich mit „Ich erinnere mich“.
Hunderte Sätze. Große Ereignisse stehen neben völlig belanglosen Details, ohne Unterschied.
Genau diese Gleichrangigkeit ist der Trick. Denn so funktioniert Erinnerung tatsächlich.
Und für dich ist es die einfachste Übung überhaupt: Nimm diese Formel und schreib vierzig Sätze. Zwei davon sind Gold.
Georges Perec: die Erschöpfung des Alltäglichen
Schließlich hat der französische Autor Georges Perec Brainards Idee aufgegriffen und weitergetrieben.
In einem seiner Projekte hat er drei Tage lang auf einem Pariser Platz gesessen und aufgeschrieben, was passiert. Busse, Passanten, Tauben, Wetter.
Also genau das, was normalerweise niemand notiert, weil es zu gewöhnlich ist.
Doch genau dadurch wird es sichtbar.
Für dein Listengedicht ist das die vielleicht nützlichste Einsicht überhaupt: Das Unauffällige wird interessant, sobald jemand es aufschreibt.
Tausend Jahre, vier Länder, dieselbe Form. Die Liste war nie eine Notlösung.

Eintrag 07
Zehn Techniken für dein Listengedicht
Also keine Theorie. Zehn Griffe, die du heute anwenden kannst.
T1 · Halt den Anker kurz
Zwei bis fünf Wörter. Denn ein langer Anker frisst bei fünfzehn Wiederholungen die halbe Bühnenzeit und nervt außerdem.
T2 · Variier die Zeilenlänge
Nicht alle Einträge gleich lang. Denn gleichmäßige Länge erzeugt Leier. Bau kurze zwischen lange, dann atmet die Liste.
T3 · Sammel zwanzig, nimm sieben
Die guten Einträge stehen nie unter den ersten fünf. Die stehen auf Platz vierzehn bis achtzehn, wenn dir das Naheliegende ausgegangen ist.
T4 · Setz das Konkreteste nach hinten
Je näher am Ende, desto genauer der Eintrag. Denn dein Publikum ist inzwischen aufmerksamer und verträgt mehr Details.
T5 · Bau einen Eintrag, der zu lang ist
Genau einer, ungefähr bei zwei Dritteln. Er stört den Takt kurz und macht die Rückkehr zum Rhythmus danach spürbar.
T6 · Wiederhol einen Eintrag wörtlich
Ein einziger Eintrag kommt zweimal, an weit auseinanderliegenden Stellen. Beim zweiten Mal bedeutet er etwas anderes, weil inzwischen mehr passiert ist.
T7 · Nimm eine ungerade Zahl
Sieben, neun, elf Einträge wirken lebendiger als sechs oder zehn. Warum genau, weiß ich nicht. Aber es funktioniert.
T8 · Setz den Bruch als letzte Zeile
Und schreib danach nichts mehr. Denn jede Zeile nach dem Bruch macht ihn kaputt.
T9 · Streich jeden Eintrag, der erklärt
Wenn ein Eintrag zwei Teile hat und der zweite den ersten erklärt, streich den zweiten. Die Liste erklärt nichts, sie stellt hin.
T10 · Kürz am Ende um zwei Einträge
Fast jedes Listengedicht ist zwei Einträge zu lang. Streich sie, auch wenn sie gut sind. Mehr dazu: Kill your Darlings.
Eintrag 08
So sprichst du eine Liste, ohne zu leiern
Genau hier scheitern die meisten. Denn eine Liste verführt zum Singsang.
Und Singsang ist der Tod jedes Listengedichts.
Das Problem
Denn wiederholte Struktur erzeugt automatisch wiederholte Betonung.
Danach, nach fünf Einträgen, sprichst du jede Zeile mit derselben Melodie. Rauf, runter, Pause.
Der Saal hört das sofort. Und schaltet ab, weil nichts mehr passiert.
Die vier Gegenmittel
V1 · Wechsel das Tempo, nicht die Melodie
Sprich drei Einträge schnell, dann einen langsam. Das bricht den Singsang, ohne dass du den Rhythmus verlierst.
V2 · Betone unterschiedliche Stellen
Mal liegt der Druck auf dem Anker, mal auf dem Eintrag. Damit klingt jede Zeile anders, obwohl sie gleich gebaut ist.
V3 · Nimm den Pegel nach unten
Werde im Lauf der Liste leiser, nicht lauter. Das ist der häufigste Fehler: Alle steigern die Lautstärke und haben am Ende nichts mehr. Mehr dazu: Lautstärke auf der Bühne.
V4 · Setz vor den Bruch eine Pause
Zwei Sekunden Stille, bevor die letzte Zeile kommt. Der Saal spürt, dass jetzt etwas anderes passiert, bevor du überhaupt sprichst.
Der Monotonie-Test
Also nimm dich auf und hör dir die Aufnahme an, während du etwas anderes machst.
Wenn du nach fünf Zeilen wegdriftest, leierst du.
Und dann arbeitest du nicht am Text, sondern am Vortrag.

Eintrag 09
Zehn Fehler im Listengedicht
F1 · Kein Bruch
Der Grundfehler. Die Liste läuft durch und hört einfach auf. Damit hast du eine Aufzählung geschrieben, kein Gedicht.
F2 · Zu viele Einträge
Fünfzehn Zeilen sind fast immer fünf zu viel. Denn ab einem gewissen Punkt gewöhnt sich der Saal so sehr, dass selbst der Bruch nicht mehr wirkt.
F3 · Der Anker ist zu lang
Sechs Wörter mal zwölf Wiederholungen sind zweiundsiebzig Wörter reine Struktur. Kürz den Anker.
F4 · Keine Steigerung
Die Einträge stehen in beliebiger Reihenfolge. Damit hat dein Text keine Richtung und der Saal kein Ziel.
F5 · Der Bruch steht zu früh
In der Mitte gebrochen und danach weitergelistet. Damit verpufft er, weil die Liste ihn überschreibt.
F6 · Zwei Brüche
Der zweite hebt den ersten auf. Denn sobald der Saal merkt, dass du brichst, ist Brechen dein neues Muster.
F7 · Erklärung nach dem Bruch
Du landest sauber und hängst noch einen Satz an, der es einordnet. Streich ihn. Immer.
F8 · Alle Einträge gleich lang
Erzeugt Leier, und zwar unweigerlich. Bau kurze zwischen lange.
F9 · Singsang beim Vortrag
Jede Zeile mit derselben Melodie. Der häufigste Vortragsfehler bei dieser Form. Wechsel das Tempo, nicht die Melodie.
F10 · Immer lauter werden
Du steigerst die Lautstärke mit jedem Eintrag und stehst am Ende ohne Reserve da. Geh stattdessen runter, dann hat der Bruch Platz.
Eintrag 10
Die Werkstatt: dein Listengedicht in einer Stunde
Also sechs Schritte. Und am Ende hast du einen Text.
Schritt 1 · Wähl den Anker (5 Minuten)
Nimm eine der zehn Bauformen und schreib den Anker auf ein Blatt. Ganz oben, groß.
Und dann änderst du ihn nicht mehr.
Schritt 2 · Sammel zwanzig Einträge (20 Minuten)
Und zwar ohne zu bewerten, ohne zu sortieren, ohne zu streichen.
Die ersten fünf werden banal sein. Das ist normal und notwendig, denn du musst das Naheliegende erst loswerden.
Ab Eintrag zwölf wird es interessant.
Schritt 3 · Sortier auf dem Tisch (10 Minuten)
Einträge auf Zettel, Zettel auf den Tisch, mehrmals umlegen.
Such eine Richtung: klein nach groß, außen nach innen, lustig nach ernst.
Schritt 4 · Streich auf sieben (10 Minuten)
Denn von zwanzig bleiben sieben. Das tut weh und ist der wichtigste Schritt.
Raus fliegen: alles Doppelte, alles Erklärende, alles, was nirgendwo hinpasst.
Schritt 5 · Bau den Bruch (10 Minuten)
Also eine Zeile, kürzer als alle anderen, ohne Anker.
Und wenn dir nichts einfällt: Nimm die Gegenwart. Alles davor war Vergangenheit, also reicht ein einziger Satz im Jetzt.
Schritt 6 · Sprich es laut (5 Minuten)
Danach einmal komplett, mit Stoppuhr.
Achte nur auf eins: Leierst du? Wenn ja, geh zurück zu den Vortragstechniken.
Deine Checkliste vor dem Auftritt
→ Anker unter fünf Wörtern.
→ Zeilenlängen unterschiedlich.
→ Eine erkennbare Richtung von Eintrag eins bis Eintrag sieben.
→ Genau ein Bruch, ganz am Ende, kürzer als alles davor.
→ Nichts danach.
Achtung, Werbung
Die Form ist geschenkt. Der Inhalt nicht.
Zwar ist ein Listengedicht schnell gebaut. Genau das ist die Falle.
Denn die Form trägt nur, wenn die Einträge etwas taugen. Und dafür brauchst du Bildsprache, Beobachtung und ein Gefühl für Reihenfolge.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder lies weiter deine Einkaufsliste vor.
Eintrag 11
Häufige Fragen zum Listengedicht
Was ist ein Listengedicht?
Ein Text, der auf Aufzählung und Wiederholung gebaut ist. Eine feste Formel wiederholt sich am Zeilenanfang, dahinter steht jedes Mal etwas Neues. Am Ende bricht das Muster einmal, und genau dieser Bruch trägt den Text.
Wie viele Einträge braucht ein Listengedicht?
Sieben bis elf funktionieren am besten, ungerade Zahlen wirken lebendiger. Fünfzehn sind fast immer zu viel, denn ab einem gewissen Punkt nutzt sich das Muster ab und selbst der Bruch verpufft.
Wo gehört der Bruch hin?
In die letzten zwanzig Prozent, am besten als allerletzte Zeile. Denn er braucht alles davor, um zu wirken. Und nach dem Bruch darf nichts mehr kommen.
Wie finde ich gute Einträge?
Sammel zwanzig, ohne zu bewerten. Die ersten fünf sind immer banal, das ist normal. Die guten stehen typischerweise auf Platz vierzehn bis achtzehn, wenn dir das Naheliegende ausgegangen ist.
Wie vermeide ich Singsang beim Vortragen?
Wechsel das Tempo statt der Melodie. Sprich drei Einträge schnell, dann einen langsam. Und werde im Lauf der Liste leiser statt lauter, damit der Bruch am Ende Platz hat.
Ist ein Listengedicht nicht zu einfach?
Die Form ist einfach, die Auswahl nicht. Denn die ganze Arbeit steckt in den Einträgen und in ihrer Reihenfolge. Ein schwacher Eintrag fällt in einer Liste sofort auf, weil daneben lauter starke stehen.
Darf der Anker sich ändern?
Nur einmal, und das ist dann dein Bruch. Wer ihn mittendrin variiert, zerstört das Muster, bevor es wirken konnte.
Wie lang darf ein Listengedicht sein?
Zwei bis drei Minuten reichen für die meisten Formen. Denn die Wirkung entsteht durch Verdichtung, nicht durch Masse. Ausnahme ist die große Aufzählung nach Whitman-Art, die aber im Slam selten trägt.
Funktionieren Listengedichte auch für Humor?
Sehr gut sogar. Die Aufzählung mit Ausreißer ist eine der zuverlässigsten Pointenformen überhaupt. Drei erwartbare Einträge, dann einer, der nicht passt.
Womit fange ich an, wenn mir nichts einfällt?
Mit einer Inventur. Zähl auf, was in einem Raum stand, den du gut kennst. Gegenstände sind immer konkret, und Konkretes ist immer der bessere Einstieg als ein Gefühl.
Letzter Eintrag
Zurück nach Aachen
Übrigens bin ich nach dem Auftritt zu dem jungen Mann gegangen und habe gefragt, wie lange er an dem Text gesessen hat.
Und er hat gesagt: eine Stunde.
Und dann hat er den Zettel aus der Tasche gezogen.
Dabei standen auf der Rückseite die gestrichenen Einträge. Ich habe sie gezählt.
Es waren vierundzwanzig.
Dagegen übrig geblieben waren sieben.
Die eine Stunde steckte also nicht im Schreiben. Sondern im Wegwerfen.
Und der letzte Eintrag, der den ganzen Saal erwischt hatte, war der kürzeste von allen.
Vier Wörter, kein Anker, keine Erklärung.

Die Liste baut die Erwartung. Und eine einzige Zeile kassiert sie ein.
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