Nebenstrecken werden selten abgerissen. Sie werden nur nicht mehr befahren, und dann wächst Gras zwischen den Schwellen.
Ich habe in zwanzig Jahren mehr Leute anfangen sehen, als ich zählen kann.
Und ich habe die allermeisten davon wieder verschwinden sehen. Nicht nach zwei Jahren, nicht nach zehn Auftritten.
Nach drei.
Das ist so verlässlich, dass ich es inzwischen fast vorhersagen kann. Der erste Auftritt ist ein Rausch, der zweite ist eine Enttäuschung, der dritte ist eine Bestätigung.
Es gibt einen Satz, der bei mir zwei Jahre Pause ausgelöst hat, und er kam nicht von mir.
Er bestand aus fünf Worten, war freundlich gemeint und hat trotzdem gereicht.
Welcher Satz das war, steht weiter unten — und der eine Satz, der die zwei Jahre am Ende wieder beendet hat, steht ganz am Schluss.
Und dann kommt ein vierter Abend, an dem jemand einfach nicht hingeht. Ohne Entscheidung, ohne Abschied, ohne Drama.
Genauso werden Nebenstrecken stillgelegt. Kein Mensch reißt die Gleise heraus.
Es fährt nur irgendwann kein Zug mehr, und ein halbes Jahr später steht das Gras kniehoch.
Das Bittere daran ist, dass es fast nie am Talent liegt. Ich habe Leute nach drei Abenden aufhören sehen, die besser geschrieben haben als die meisten, die geblieben sind.
Es liegt an vier Dingen, und alle vier sind so vorhersehbar, dass man sie einplanen kann.
Vielleicht noch ein Wort dazu, warum ich das so genau weiß.
Ich führe seit Jahren Buch darüber, wer in meinen Workshops saß und wer davon nach einem Jahr noch auftritt. Das war ursprünglich keine Absicht, sondern Neugier.
Die Zahl hat mich lange beschäftigt: Es sind ungefähr zwei von zehn.
Genau das machen wir jetzt.

Er ist aber auch für alle geschrieben, die vor Jahren aufgehört haben und manchmal noch daran denken. Der letzte Abschnitt geht ausschließlich um euch.
Und damit klar ist, aus welcher Ecke hier geredet wird: Ich habe selbst zweimal aufgehört. Einmal für vier Monate, einmal für fast zwei Jahre.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenDer Knick nach dem Anfang
Warum dein zweiter Auftritt schlechter wird — und warum das eine Rechnung ist, kein Urteil
Beim ersten Mal hast du nichts zu verlieren. Niemand erwartet etwas, du selbst am allerwenigsten.
Du gehst hoch mit dem Text, an dem du ein halbes Jahr geschrieben hast. Es ist dein bester Text, weil es dein einziger ist.
Und der Saal ist gnädig zu Leuten, die zum ersten Mal oben stehen. Das ist kein Mitleid, sondern Anstand.
Danach fährst du nach Hause und bist ein anderer Mensch. Ich weiß noch genau, wie das war.
Beim zweiten Mal ist alles anders, und zwar in jedem einzelnen Punkt.
Du hast jetzt eine Erwartung an dich selbst. Du hast einen zweitbesten Text statt eines besten.
Und der Bonus für Neulinge ist weg, weil man dich schon einmal gesehen hat.
Das Ergebnis ist ein Abend, der sich anfühlt wie ein Absturz. In Wahrheit ist es eine Rechnung, die aufgeht.
Nur liest niemand sie so. Fast alle lesen sie als Urteil über sich selbst.
Und dann kommt der Satz, der so viele Strecken stillgelegt hat: Vielleicht war das erste Mal einfach Glück.
War es nicht. Es waren nur andere Bedingungen.
Wer den Absturz erwartet, liest ihn hinterher als Bestätigung statt als Urteil. Das klingt nach einem Trick, und es ist auch einer — aber er funktioniert.
Und dann buch dir sofort einen dritten Termin. Am besten noch am selben Abend, solange du weißt, warum du das hier machst.

Die fehlende Anbindung
Der Test, mit dem du in zehn Sekunden erfährst, ob dich jemand vermissen würde
Das ist der unterchätzteste Punkt auf dieser Liste, und ich halte ihn für den wichtigsten.
Stell dir zwei Leute vor, die am selben Abend ihren dritten Auftritt haben.
Die eine kommt allein, liest ihren Text, geht nach Hause. Der andere hat auf der letzten Show mit zwei Leuten geredet, sitzt jetzt bei ihnen am Tisch und wird nachher gefragt, ob er nächste Woche mitkommt.
Beide können gleich gut schreiben. Nur einer von beiden wird in einem Jahr noch dabei sein.
Der Grund ist banal und trotzdem entscheidend: Wenn niemand merkt, dass du fehlst, fällt das Wegbleiben nichts.
Eine Strecke ohne Anschluss wird als erste stillgelegt. Nicht weil sie schlecht ist, sondern weil sie an nichts anschließt.
Und ich weiß, wie schwer das ist. Der Moment nach dem eigenen Auftritt, in dem alle anderen sich schon kennen, gehört zu den einsamsten überhaupt.
Man steht mit seinem Glas da und überlegt, ob man jetzt geht. Und meistens geht man dann.
Und sag ihr etwas über ihren Text, nicht über deinen. Ein einziger konkreter Satz reicht: „Die Stelle mit dem Schlüsselbund fand ich gut.“
Das ist die niedrigste Schwelle, die es gibt, und nach vier Abenden kennst du vier Leute. Wie so ein Gespräch weitergeht, steht im Beitrag über Gespräche nach dem Auftritt.

Es gibt einen kleinen Test dafür, ob du angebunden bist oder nicht.
Stell dir vor, du gehst am nächsten Termin nicht hin. Würde dir jemand schreiben und fragen, wo du bleibst?
Wenn die Antwort nein lautet, bist du eine Stichstrecke ohne Anschluss. Und Stichstrecken sind die ersten, die aus dem Fahrplan fallen.
Das klingt hart, ist aber keine Kritik an der Szene. Niemand vermisst jemanden, den er nicht kennt — das ist keine Kälte, sondern Arithmetik.
Der gute Teil daran: Diese Rechnung lässt sich in einem einzigen Abend ändern.
Ich habe das bei vielen Leuten beobachtet, die ich in Workshops kennengelernt habe. Wer nach seinem Auftritt bleibt und mit zwei Leuten redet, ist ein Jahr später fast immer noch dabei.
Wer sofort geht, ist es fast nie. Der Unterschied liegt bei ungefähr zwanzig Minuten pro Abend.
Und diese zwanzig Minuten sind kein Networking im hässlichen Sinn. Es ist einfach das, was Menschen tun, die am selben Ort dasselbe machen.
Der schiefe Maßstab
Was ein Mathematiker im Zweiten Weltkrieg über deinen dritten Auftritt wusste
Du sitzt bei deinem dritten Auftritt im Publikum und schaust jemandem zu, der seit zwölf Jahren auf Bühnen steht.
Diese Person macht alles richtig. Sie hat Timing, sie hat Ruhe, sie hat einen Text, der sitzt wie ein Maßanzug.
Und in dir sagt eine Stimme: So werde ich nie.
Das ist der falscheste Vergleich der Welt, und trotzdem macht ihn jeder. Du vergleichst deinen dritten Abend mit ihrem dreihundertsten.
Aber es kommt noch etwas dazu, und das ist der eigentlich fiese Teil.
Du siehst nämlich nur die, die geblieben sind.
Die Leute, die vor sechs Jahren angefangen und nach drei Auftritten aufgehört haben, stehen an keinem Abend auf irgendeiner Bühne. Sie tauchen in deiner Rechnung gar nicht auf.
Dieser Denkfehler hat einen Namen, und er wurde im Zweiten Weltkrieg an einem sehr konkreten Problem entdeckt.
Übersetzt auf deinen dritten Abend heißt das: Jede Person, die du auf der Bühne bewunderst, ist ein zurückgekehrtes Flugzeug.
Du siehst nie die Hunderte, die genauso angefangen haben wie du und nach drei Abenden weg waren.
Deshalb sieht es so aus, als wären alle anderen von Anfang an gut gewesen. Sie waren es nicht.
Sie sind nur geblieben, und Bleiben ist die einzige Eigenschaft, die alle Leute auf allen Bühnen teilen.
Du bekommst jedes Mal eine Katastrophengeschichte zu hören. Ich habe das dutzendfach erlebt, und es gibt kaum etwas, das schneller hilft.
Und hör auf, dich mit dem Saal zu vergleichen. Vergleich dich mit dir vor drei Monaten — mehr dazu im Beitrag über den Vergleich mit anderen.

Und selbst wenn du nie Meisterschaften gewinnst: Der Maßstab „gut genug“ stammt aus einer Welt, in der es ums Gewinnen geht. Auf einer offenen Bühne geht es darum, dass jemand etwas erzählt, das nur er erzählen kann.
Der leere Fahrplan
Der Moment, in dem der eine wichtige Text aufgebraucht ist
Fast jeder fängt mit einem Text an, der wichtig ist. Der Text über den Vater, über die Trennung, über die Stadt, aus der man weg ist.
Der Text hat vielleicht drei Jahre in dir gearbeitet, bevor du ihn geschrieben hast.
Nach dem dritten Auftritt ist er verbraucht. Nicht schlecht geworden — nur bei allen angekommen, die ihn hören wollten.
Und dann sitzt du an einem Dienstagabend vor einem leeren Blatt und stellst fest, dass die nächsten drei Jahre Anlauf fehlen.
Das fühlt sich an wie Versiegen. In Wahrheit ist es ein Umstellungsproblem.
Dein erster Text ist entstanden, weil du ihn schreiben musstest. Alle folgenden entstehen, weil du dich hinsetzt.
Das ist ein völlig anderer Motor, und niemand sagt einem das vorher.
Der Erste fährt auf Druck, der Zweite auf Fahrplan. Und der Fahrplan fühlt sich am Anfang immer wie Betrug an.
Es muss nichts Gutes dabei herauskommen. Es muss nur etwas dabei herauskommen — und zwar regelmäßig genug, dass du nach acht Wochen sechs Anfänge hast statt eines Meisterwerks.
Wenn dir gar nichts einfällt, nimm dir eine fremde Vorgabe. Der Beitrag mit Schreibprompts ist genau dafür gemacht.

Drei Sätze von außen, die mehr Strecken stillgelegt haben als alles andere
Bis hierhin ging es um Dinge, die in dir passieren. Es gibt aber auch eine äußere Kraft, und die wird fast nie besprochen.
Es sind Sätze aus deinem Umfeld. Sie sind nie böse gemeint, und genau das macht sie so wirksam.
„Und, kann man davon leben?“
Diese Frage kommt spätestens beim dritten Familienessen, und sie ist eine Falle mit sehr freundlichem Gesicht.
Denn sie unterstellt, dass eine Tätigkeit sich lohnen muss, um erlaubt zu sein. Nach dieser Logik dürfte niemand joggen, der nicht Marathon läuft.
Und sie verschiebt deinen Maßstab. Plötzlich misst du deine Abende nicht mehr an dem, was sie dir geben, sondern an einem Ziel, das du nie hattest.
Die einzige Antwort, die ich brauchbar finde, ist die ehrliche: „Nein, und das will ich auch gar nicht.“
Damit ist das Thema erledigt, und du hast deinen Maßstab behalten.
„Sag doch mal was von deinen Gedichten!“
Der Klassiker auf Feiern, meistens nach dem zweiten Glas und immer mit der besten Absicht.
Das Problem ist nicht die Bitte, sondern die Situation. Eine Küche mit acht Leuten und laufender Musik ist der ungünstigste Raum, den es gibt.
Wer dort einen Text vorträgt, erlebt fast garantiert eine kleine Katastrophe. Und weil es Freunde sind, wiegt sie schwerer als jeder verkorkste Bühnenabend.
Ich habe mir angewöhnt, in solchen Momenten freundlich abzulehnen und stattdessen einzuladen: „Nicht hier — aber komm doch am nächsten Donnerstag mit.“
Das ist keine Ausrede, sondern Selbstschutz. Texte brauchen einen Raum, der für sie gebaut ist.
„Machst du das eigentlich noch?“
Der gefährlichste der drei, weil er erst kommt, wenn du schon wackelst.
Er trifft dich in der flachen Strecke, und er formuliert genau das aus, was du dir selbst gerade denkst.
Ein einziges gemurmeltes „Ja, schon, aber gerade nicht so viel“ ist oft der Moment, in dem eine Strecke offiziell stillgelegt wird.
Deshalb ist meine Empfehlung, diesen einen Satz vorzubereiten. Nicht spontan zu antworten, sondern einen festen Satz zu haben.
Meiner lautet seit Jahren: „Ja, ich schreibe.“ Punkt, ohne Zusatz, ohne Rechtfertigung.
Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber ein Satz, den man laut sagt, wirkt zurück auf den, der ihn sagt.
Sobald jemand aus deinem Umfeld gesehen hat, wie so ein Abend wirklich abläuft, verschwinden alle drei Sätze von selbst. Sie entstehen nämlich nur, weil niemand eine Vorstellung davon hat, was du da eigentlich machst.
Und ganz nebenbei hast du damit auch Grund 2 gelöst: Es gibt jetzt einen Menschen, der merkt, wenn du nicht mehr hingehst.
Das Höhenprofil der ersten zehn Abende — und die Stelle, an der fast alle aussteigen
Es gibt eine Vorstellung davon, wie Entwicklung aussieht, und sie ist komplett falsch.
In dieser Vorstellung geht eine Linie von links unten nach rechts oben. Jeder Auftritt ist ein Stück besser als der davor.
So sieht es nie aus, bei niemandem.
In Wirklichkeit sieht es aus wie ein Höhenprofil einer Gebirgsstrecke. Es geht hoch, dann runter, dann eine ganze Weile flach, dann wieder hoch.
Und die längste Strecke ist die flache. Dort steigen die meisten aus.
Weil ich das oft erklären musste, habe ich es irgendwann in Abschnitte aufgeteilt. Sie stimmen nicht bei jedem auf den Abend genau, aber die Reihenfolge stimmt fast immer.
Auftritt 1 — die Steilrampe. Alles ist neu, du hast nichts zu verlieren, und der Saal ist großzügig. Danach fühlst du dich, als hättest du etwas gefunden. Dieses Gefühl ist echt, aber es ist kein Maßstab.
Auftritt 2 — das Gefälle. Erwartung ist da, Neuling-Bonus ist weg, Text ist der zweitbeste. Der Abend fühlt sich an wie ein Sturz und ist in Wahrheit nur die Normalhöhe.
Auftritt 3 — die Bestätigung. Weil du nach dem zweiten nervös bist, gehst du verkrampfter hoch. Das macht den dritten oft noch zäher als den zweiten. Genau hier steigen die meisten aus.
Auftritt 4 bis 6 — die flache Strecke. Es passiert scheinbar nichts. In Wahrheit passiert hier das Meiste: Du gewöhnst dich an das Mikrofon, an das Licht, an den eigenen Puls. Das sieht von außen nach Stillstand aus und ist die eigentliche Arbeit.
Auftritt 7 bis 9 — die erste echte Steigung. Irgendwann merkst du mitten im Text, dass du oben stehst und trotzdem denken kannst. Ab da wirst du schnell besser, weil du zum ersten Mal wirklich da bist.
Auftritt 10 — die Ebene. Das Ungeheuerliche ist weg. Du gehst hin wie zu einem Termin, an dem du dich auskennst. Genau das ist der Punkt, an dem es anfängt, Spaß zu machen.
Schau dir dieses Profil noch einmal an und such die Stelle, an der man aufhört.
Sie liegt exakt vor der längsten flachen Strecke — und die flache Strecke ist die, nach der es aufwärts geht.
Das ist die ganze Tragik dieses Themas in einem Satz.
Wer nach drei Abenden geht, geht immer kurz vor der Stelle, an der das Ganze anfangen würde zu funktionieren.
Und weil man das nicht wissen kann, wenn es einem niemand sagt, steht es jetzt hier.
Wenn du in deiner Stadt nur zwei Termine im Jahr findest, fahr in die nächste. Eine Stunde Zugfahrt ist der billigste Weg, aus fünf Jahren ein halbes zu machen.
Es gibt noch etwas, das in dieses Höhenprofil gehört und das mich lange gestört hat.
Auf der flachen Strecke wirst du nämlich sehr wohl besser — du merkst es nur nicht, weil du gleichzeitig anspruchsvoller wirst.
Dein Ohr entwickelt sich schneller als dein Können. Du hörst nach fünf Auftritten Sachen an deinem Text, die dir nach dem ersten nicht aufgefallen wären.
Das fühlt sich an wie Rückschritt und ist das genaue Gegenteil. Wer schlechter über seine Texte urteilt als vorher, ist besser geworden, nicht schlechter.
Ich habe dafür inzwischen eine einfache Kontrollfrage: Nimm den Text, mit dem du angefangen hast, und lies ihn heute laut.
Wenn du dabei zusammenzuckst, hast du deine Antwort. Das Zusammenzucken ist der Fortschritt.
Zwei Jahre, in denen ich keine Zeile geschrieben habe
Ich habe weiter oben geschrieben, dass ich zweimal aufgehört habe. Das zweite Mal will ich erzählen, weil es so unspektakulär war.
Es gab keinen Abend, an dem ich beschlossen hätte aufzuhören. Es gab nur einen Freitag, an dem ich müde war.
Ich habe abgesagt und mir gesagt, nächsten Monat wieder. Nächsten Monat war dann etwas anderes.
Nach einem halben Jahr war ich aus den Verteilern raus. Nach einem Jahr hatte ich das Gefühl, ich müsste mich fürs Wiederkommen erklären.
Und genau dieses Erklärenmüssen war es, was aus einem halben Jahr zwei gemacht hat.
Das Absurde daran: Niemand hat je eine Erklärung verlangt. Ich habe zwei Jahre lang gegen eine Frage angekämpft, die mir hinterher kein einziger Mensch gestellt hat.
Als ich schließlich wieder hinging, saß ich eine Stunde im Publikum und habe überlegt, ob ich mich eintrage.
Dann hat mich jemand erkannt und gesagt: „Oh, dich hab ich lang nicht gesehen. Liest du heute?“
Das war die gesamte Konfrontation. Zwei Sätze, freundlich, an der Bar, und die zwei Jahre waren erledigt.
Ich habe an dem Abend gelesen und war schlecht. Der Text war alt, meine Stimme war unsicher, das Timing war weg.
Es war trotzdem der wichtigste Auftritt der letzten zehn Jahre, weil er die Strecke wieder befahrbar gemacht hat.
Warum Aufhören fast nie das Problem ist
Jetzt kommt der Teil, den ich mir vor zwanzig Jahren gewünscht hätte.
Ich habe zweimal aufgehört. Beim zweiten Mal fast zwei Jahre lang, und ich habe in dieser Zeit keine einzige Zeile geschrieben.
Damals dachte ich, das sei das Ende. Es war eine Pause.
Und darin steckt der ganze Trost dieses Beitrags: Aufhören ist beim Slam praktisch nie endgültig.
Es gibt keine Aufnahmeprüfung, keine Altersgrenze, keine Frist. Niemand streicht dich aus einer Liste, weil du zwei Jahre nicht da warst.
Eine stillgelegte Nebenstrecke ist keine abgerissene Strecke. Die Gleise liegen noch, der Schotter liegt noch, die Brücken stehen.
Man muss das Gras wegmähen und einmal langsam drüberfahren, dann trägt sie wieder.
Genau das ist mit mir passiert. Ich bin nach zwei Jahren zu einer offenen Liste gegangen, habe mich mit klopfendem Herzen eingetragen und war anschließend schlechter als vorher.
Nach drei Abenden war das aufgeholt. Zwei Jahre Pause kosteten drei Abende Wiederanfahrt.
Was ich damit sagen will: Das Problem ist nicht das Aufhören. Das Problem ist zu glauben, dass Aufhören eine Tür ist, die hinter einem zufällt.
Nenn sie eine Pause. Nicht „Ich höre auf“, sondern „Ich mache bis März nichts“. Das ist derselbe Zustand mit einem anderen Namen, und der Name entscheidet, ob du wiederkommst.
Bleib Zuschauer. Geh weiter hin, aber ohne dich einzutragen. Der Kontakt zur Szene ist die Anbindung aus Grund 2, und die kostet dich nichts außer einem Abend.
Setz dir ein Datum. Irgendeinen konkreten Abend in der Zukunft, an dem du dich wieder einträgst. Ohne Datum wird aus einer Pause ein Zustand, und aus einem Zustand wird ein Satz, den man später auf Partys sagt: „Ich hab früher mal Poetry Slam gemacht.“
Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren oft gehört, und er kommt immer mit demselben Tonfall.
Halb stolz, halb wehmütig. Und darunter liegt fast immer die Frage, ob es noch ginge.
Es ginge. Es geht sogar erstaunlich leicht, weil die offenen Listen genau dafür da sind.
Die vier Gründe und was dagegen hilft
| Der Grund | Die Gegenmaßnahme |
|---|---|
| 1 · Der zweite Auftritt ist schlechter | Den Knick vorher einplanen, dritten Termin sofort buchen |
| 2 · Niemand vermisst dich | Pro Abend eine Person ansprechen — über ihren Text |
| 3 · Schiefer Vergleich | Die anderen nach ihrem dritten Auftritt fragen |
| 4 · Der eine Text ist aufgebraucht | Fester Termin statt Inspiration, zweimal zwanzig Minuten |
Dir fällt vielleicht auf, dass keine dieser vier Maßnahmen mit Schreiben zu tun hat.
Das ist kein Versehen. In den ersten Monaten entscheidet nicht die Qualität deiner Texte, ob du dabeibleibst, sondern ob der Weg zur Bühne kurz genug ist.
Was mir dazu am häufigsten geschrieben wird
Wichtiger als die Zahl ist der Abstand. Zwölf Auftritte in einem Jahr wirken anders als zwölf in vier Jahren — im ersten Fall baust du etwas auf, im zweiten fängst du jedes Mal neu an.
Niemand in der Szene führt Buch. Die allermeisten werden sich freuen und dich nach genau einem Satz nicht mehr als Rückkehrer sehen, sondern als jemanden, der da ist.
Am einfachsten geht es über eine offene Liste in einer Stadt, in der dich niemand kennt. Danach ist die Hürde weg.
Der Unterschied, um den es hier geht, ist ein anderer: Ob du gehst, weil du nicht willst, oder ob du gehst, weil dich einer dieser vier Gründe erwischt hat.
Das Erste ist eine Entscheidung. Das Zweite ist ein Unfall, und Unfälle kann man verhindern.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Ein Datum, eine Person
Zwei Dinge, beide klein.
Erstens: Trag dir einen Termin ein. Irgendeine offene Liste, irgendwann in den nächsten sechs Wochen, egal in welcher Stadt.
Nicht „bald mal“. Ein Datum, das in einem Kalender steht.
Zweitens: Sprich an diesem Abend eine einzige Person an und sag ihr einen konkreten Satz über ihren Text.
Das ist alles. Kein Netzwerken, kein Small Talk, keine Visitenkarte.
Zwei Handgriffe, die zusammen ungefähr drei Minuten kosten. Und in meiner Erfahrung sind sie der Unterschied zwischen einer Strecke, auf der noch etwas fährt, und einer, auf der Gras wächst.

Und wenn du diesen Beitrag liest, weil du vor Jahren aufgehört hast: Die Gleise liegen immer noch.
Niemand hat sie herausgerissen, und niemand führt eine Liste darüber, wer wie lange weg war.
Es muss nur einmal jemand langsam drüberfahren.
Ich habe diesen Beitrag vor allem für einen bestimmten Abend geschrieben.
Für den Abend nach dem zweiten Auftritt, an dem jemand zu Hause sitzt und denkt, das erste Mal sei ein Zufall gewesen.
Es war keiner. Es waren nur andere Bedingungen, und die kommen wieder.
Und falls du diesen Abend gerade hinter dir hast: Der dritte wird auch nicht leicht. Der vierte auch nicht.
Aber irgendwo zwischen dem siebten und dem zehnten passiert etwas, das man nicht beschreiben kann, ohne kitschig zu werden.
Du stehst oben, sprichst deinen Text und merkst mittendrin, dass du gerade nicht nervös bist. Nur dafür lohnt sich die flache Strecke.
Bleiben die zwei Sätze vom Anfang.
Der erste kam von einem Bekannten auf einer Feier und lautete: „Machst du das eigentlich noch?“
Ich habe gemurmelt, ja schon, aber gerade nicht so viel. In dem Moment war die Sache entschieden, auch wenn ich es erst Monate später gemerkt habe.
Der zweite kam zwei Jahre später an einer Bar, von jemandem, den ich kaum kannte: „Oh, dich hab ich lang nicht gesehen. Liest du heute?“
Das war alles. Zwei Sätze von ungefähr gleicher Länge, und der zweite hat die zwei Jahre in vier Sekunden erledigt.
Deshalb ist der wichtigste Rat in diesem ganzen Beitrag der aus Grund 2: Sorg dafür, dass es Leute gibt, die dir den zweiten Satz sagen können.
Der Vergleich mit anderen — warum er fast immer schief ausgeht.
Das Tief nach dem Auftritt — woher es kommt und wie lange es dauert.
15 Gründe, warum dein Publikum nichts für dich tut — die Diagnoseliste zum zweiten Auftritt.
Schreibroutinen — wie man ohne Inspiration trotzdem Texte fertigbekommt.
30 Anfängerfehler beim Poetry Slam — die große Sammlung für die ersten Abende.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgen