In jedem Bahnbetriebswerk steht ein Werkzeugwagen. Kein schönes Möbel, aber ohne ihn fährt am Morgen kein Zug.
Ich habe lange geglaubt, Schreiben sei eine Frage der Begabung.
Das war bequem, weil es jeden Fehlschlag erklärte. An manchen Tagen hatte ich es, an anderen nicht.
Dann habe ich angefangen, in Workshops mitzuschreiben. Nicht die klugen Sätze über Literatur, sondern die kleinen Handgriffe.
Nach zehn Jahren war daraus eine Liste geworden, die ich nie veröffentlicht habe, weil sie so unromantisch aussieht.
Einer dieser dreiundvierzig Griffe hat mich sechs Jahre gekostet.
Nicht weil er kompliziert wäre — er besteht aus drei Wörtern. Sondern weil ich mich jahrelang geweigert habe, ihn anzuwenden.
Welcher es war, steht weiter unten in einem eigenen Abschnitt. Vorher brauchst du die anderen zweiundvierzig.
Hier ist sie trotzdem. Dreiundvierzig Handgriffe, sortiert wie ein Werkzeugwagen: sechs Schubladen, in jeder das, was man an einer bestimmten Stelle braucht.
Keiner dieser Tricks macht dich zu einem besseren Menschen. Sie machen nur den Text besser, und zwar sofort.
Bevor es losgeht, noch ein Wort dazu, was ein Trick ist und was nicht.
Ein Trick in diesem Sinn ist kein Kniff, mit dem man ein Publikum überlistet. Er ist ein Handgriff, der eine bestimmte Arbeit schneller oder sicherer macht.
Der Unterschied ist wichtig, weil viele Leute bei dem Wort zusammenzucken. Sie hören „Trick“ und denken an Effekthascherei.
Ein Schlosser, der einen Bolzen mit einem Rohr verlängert, um mehr Hebel zu haben, betrügt niemanden. Er weiß nur, wie man etwas aufbekommt.
Genau so sind diese dreiundvierzig gemeint.
Noch ein Hinweis zur Reihenfolge der Schubladen.
Sie ist nicht zufällig, sondern folgt dem Weg, den ein Text ohnehin nimmt: erst entstehen, dann sehen lernen, dann klingen, dann sich sortieren, dann abnehmen, dann fahrbereit werden.
Wer diese Reihenfolge umdreht, arbeitet gegen den eigenen Text. Am häufigsten passiert das zwischen Schublade 1 und 5.
Man fängt an zu schreiben und streicht dabei schon. Das fühlt sich sorgfältig an und verhindert zuverlässig jede erste Fassung.
Schreiben und Überarbeiten sind zwei verschiedene Berufe. Sie sollten nicht am selben Nachmittag stattfinden.

Lies durch, markier drei, die dich anspringen, und wende die auf deinen nächsten Text an. Beim übernächsten kommen drei neue dazu.
Und noch etwas: Diese Tricks widersprechen sich an einigen Stellen. Das ist Absicht — ein Werkzeugwagen enthält auch Zange und Hammer, und die machen nicht dasselbe.
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Jetzt Kanal folgenTricks 1–7 · Anfangen
Sieben Griffe für den Moment, in dem das Blatt leer ist
1. Fang in der Mitte an. Schreib die Szene, die du schon siehst, und nicht die, die zuerst kommen müsste.
Anfänge sind das Schwerste am ganzen Text. Man muss sie nicht zuerst schreiben, nur zuerst lesen.
2. Schreib den Text an eine Person. Nicht an ein Publikum, sondern an einen einzigen Menschen, den du kennst.
Das verändert den Ton sofort. Texte an alle klingen wie Reden, Texte an einen klingen wie Wahrheit.
3. Setz einen Wecker auf zwölf Minuten. In zwölf Minuten schreibt niemand einen guten Text, aber jeder eine erste Fassung.
Die Begrenzung schaltet den Kritiker ab. Er kommt zurück, sobald der Wecker klingelt, und dann ist etwas da, an dem er arbeiten kann.
4. Nimm eine echte Erinnerung als Startpunkt. Nicht das Thema „Einsamkeit“, sondern der Dienstagabend, an dem du das Radio angelassen hast.
Themen sind Bahnhöfe ohne Gleise. Erinnerungen haben Anschluss.
5. Schreib die letzte Zeile zuerst. Wenn du weißt, wo der Zug hält, findest du die Strecke fast von allein.
Bei mir landet diese Zeile am Ende in vier von fünf Fällen woanders. Trotzdem hätte ich ohne sie nicht angefangen.
6. Klau dir eine Form. Ein Brief, eine Anleitung, eine Beschwerde, ein Beipackzettel — irgendein Formular, das jeder kennt.
Eine fremde Form nimmt dir die halbe Arbeit ab, weil sie schon eine Reihenfolge mitbringt.
7. Fang mit einem Geräusch an. Nicht mit einem Gedanken, sondern mit etwas, das man hören kann.
Ein Schlüssel im Schloss, eine Ansage, ein Stuhl, der über Fliesen rutscht. Der Saal ist damit in einer Sekunde im Raum.
Tricks 8–15 · Bilder bauen
Acht Griffe, damit ein Publikum deinen Text sehen kann statt ihn nur zu hören
8. Ein Gegenstand statt eines Gefühls. Nicht „sie war traurig“, sondern „sie hat seine Zahnbürste noch drei Monate stehen lassen“.
Gefühle kann man behaupten. Gegenstände kann man nicht bestreiten.
9. Nimm die zweitbeste Idee. Die erste Assoziation hatte der Saal auch schon.
Wenn dir zu Abschied das Bahnhofsgleis einfällt, schreib das auf und such weiter. Was danach kommt, gehört dir.
10. Bleib in einer Bildwelt. Wenn dein Text mit Wasser anfängt, soll er nicht in der Mitte anfangen zu brennen.
Eine durchgehende Bildwelt hält einen Text zusammen wie eine Kupplung. Zwei halbe wirken wie ein Missverständnis.
11. Beschreib das Kleine, nicht das Große. Nicht den Krieg, sondern den Koffer, der zu klein ist.
Große Themen sind zu weit weg, um wehzutun. Der Koffer steht direkt vor dem Saal.
12. Gib deinen Figuren eine Handlung. Menschen, die im Text nur denken, bleiben Schemen.
Lass sie einen Reifen wechseln, Kartoffeln schälen, den Autositz verstellen. Da siehst du sie sofort.
13. Ein Detail, nicht fünf. Ein einziges genaues Detail wirkt stärker als eine ganze Beschreibung.
Der Saal baut sich den Rest selbst. Er macht das gern und viel schneller als du.
14. Vergleiche nach unten, nicht nach oben. „Wie ein Bahnhofsimbiss um halb sechs“ ist besser als „wie ein Sonnenaufgang“.
Alltagsbilder sind ungebraucht, weil sie niemand für poetisch hält. Genau deshalb funktionieren sie.
15. Wenn dir ein Bild zu gut gefällt, prüf es zweimal. Bilder, die sich beim Schreiben großartig anfühlen, sind oft geliehen.
Frag dich, wo du es schon gehört hast. Wenn dir das zu schnell einfällt, hast du deine Antwort.

Tricks 16–23 · Klang und Rhythmus
Acht Griffe für das, was dein Text macht, sobald ihn jemand hört
Ein Wagenmeister prüft Radreifen mit einem Hammer. Er schaut sie nicht an, er schlägt dagegen und hört zu.
Genau das machen die nächsten acht Tricks mit deinem Text.
16. Lies laut, immer. Das ist der einzige Trick auf dieser Liste, der nicht verhandelbar ist.
Ein Text, den du nur gelesen hast, kennst du nicht. Mehr dazu im Beitrag über das laute Lesen.
17. Wo du stolperst, ist der Fehler. Nicht deine Zunge ist schuld, sondern die Zeile.
Ich habe jahrelang geübt, was ich hätte umschreiben sollen. Das ist verschenkte Zeit.
18. Wechsle die Satzlänge. Drei kurze Sätze, dann ein langer, der ausholt und den Gedanken weiter trägt, als man erwartet hätte.
Gleich lange Sätze klingen nach Fahrgeräusch. Nach zwei Minuten hört sie niemand mehr.
19. Setz das wichtigste Wort ans Satzende. Der Ton fällt dort hin, ob du willst oder nicht.
„Er hat mir am Ende nichts hinterlassen außer Schulden“ wirkt anders als „Außer Schulden hat er mir nichts hinterlassen“.
20. Baue eine Wiederholung ein — genau drei Mal. Zweimal ist Zufall, viermal ist Predigt.
Beim dritten Mal darf sie sich verändern. Genau daraus entsteht die Pointe.
21. Vermeide Konsonantenstaus. „Schriftsteller streckt“ ist auf dem Papier kein Problem und auf der Bühne eins.
Dein Mund ist ein Teil deines Textes. Behandle ihn wie einen Mitspieler.
22. Schreib die Pausen mit. Ein Schrägstrich, eine Leerzeile, ein Punkt mitten im Satz.
Was nicht im Text steht, machst du unter Adrenalin garantiert nicht.
23. Nimm dich auf und hör es am nächsten Tag. Nicht direkt danach — da hörst du nur dich, nicht den Text.
Vierundzwanzig Stunden Abstand machen aus deiner Stimme die eines Fremden. Und Fremde hört man ehrlicher.

Tricks 24–30 · Bauen und Ordnen
Sieben Griffe fürs Bauen — und einer davon braucht eine Schere
24. Druck den Text aus und schneid ihn auseinander. Jeder Absatz ein Schnipsel, dann auf dem Boden neu sortieren.
Auf dem Bildschirm siehst du die Reihenfolge nicht, die du geschrieben hast. Auf dem Boden schon.
25. Der stärkste Absatz kommt nicht an den Anfang. Er kommt an die vorletzte Stelle.
Am Anfang ist der Saal noch nicht bereit. Kurz vor Schluss wartet er darauf.
26. Sag es einmal, nicht dreimal. Wenn eine Sache dreimal im Text steht, glaubst du selbst nicht daran.
Der Saal merkt das sofort. Wiederholung aus Unsicherheit klingt anders als Wiederholung als Mittel.
27. Bau eine einzige Wendung ein. Eine Stelle, an der der Text etwas anderes tut, als er angekündigt hat.
Ohne Wendung ist ein Text eine Aufzählung. Mit Wendung ist er eine Fahrt.
28. Streich die Erklärung nach der Pointe. Sie ist immer da, und sie muss immer weg.
Man schreibt sie hin, weil man Angst hat, nicht verstanden zu werden. Sie ist die häufigste vermeidbare Schwäche überhaupt.
29. Wechsle einmal die Tonlage. Ein komischer Text braucht eine ernste Stelle, ein ernster eine komische.
Das ist der einfachste Weg, aus einem soliden Text einen guten zu machen. Der Kontrast tut die Arbeit.
30. Kehr am Ende zum Anfang zurück. Nimm das Bild aus der ersten Zeile und stell es am Schluss noch einmal hin — verändert.
Der Saal merkt es, ohne es zu benennen. Es fühlt sich an, als sei der Text fertig, und genau das ist es auch.

Tricks 31–37 · Streichen
Die Schublade, die fast niemand aufmacht — und die am meisten bringt
Das ist die wichtigste Schublade des ganzen Wagens und die am seltensten benutzte.
Streichen fühlt sich an wie Verlust. In Wahrheit ist es das Einzige, was jeden Text ohne Ausnahme besser macht.
31. Streich die erste Strophe. Testweise, ohne zu diskutieren, einfach weg damit.
Bei den meisten Texten war sie die Anfahrhilfe für den Autor und kein Bauteil.
32. Streich jedes „irgendwie“, „ein bisschen“, „eigentlich“. Diese Wörter machen Sätze weich, und weiche Sätze tragen nichts.
Nach dem Streichen liest du den Satz noch einmal. Fast immer ist er stärker und kein bisschen ärmer.
33. Streich Adjektive, die niemanden überraschen. Der dunkle Keller, das kalte Wasser, die alte Frau.
Wenn das Adjektiv nichts hinzufügt, verdünnt es. Behalte nur die, die dem Bild widersprechen.
34. Streich alles, was der Saal schon weiß. „Ich stand auf und ging zur Tür und öffnete sie“ — davon bleibt ein Drittel.
Ein Publikum füllt Lücken automatisch. Es macht das lieber, als zuzuhören, wie man sie füllt.
35. Streich deinen Lieblingssatz. Der berühmteste Rat des Schreibhandwerks, und er stimmt leider.
Nicht weil Lieblingssätze schlecht wären, sondern weil man um sie herum baut. Ein Text, der einem Satz dient, dient dem Publikum nicht.
36. Kürz auf achtzig Prozent. Nimm einen fertigen Text und streich ein Fünftel, egal woher.
Das ist eine brutale Übung und die lehrreichste, die ich kenne. Man findet dabei Sachen, die man nie freiwillig angefasst hätte.
37. Heb das Gestrichene auf. Eine Datei, ein Ordner, ein Heft — Hauptsache, es ist nicht weg.
Das nimmt dem Streichen die Endgültigkeit, und plötzlich streicht man viel leichter. Mehr dazu im Beitrag über das Textarchiv.
In den allermeisten Fällen passiert etwas anderes. Es bleibt ungefähr zwei Drittel übrig, und dieses Drittel weniger ist genau das, was den Text vorher gebremst hat.
Tricks 38–43 · Der letzte Schliff
Sechs Griffe für den Abend vor dem Auftritt
38. Schlaf eine Nacht drüber. Kein Text sollte am Tag seiner Entstehung auf eine Bühne.
Am nächsten Morgen siehst du in zehn Minuten, wofür du sonst drei Auftritte bräuchtest.
39. Stopp die Zeit dreimal. Einmal ist keinmal, weil du beim ersten Durchgang immer schneller bist.
Nimm die längste Zeit als deine und zieh dreißig Sekunden Puffer ab. Details im Beitrag über das Zeitlimit.
40. Markier dir drei Blickpunkte. Stellen im Text, an denen du bewusst hochschaust.
Das ist ein Vortragstrick, aber er gehört ins Manuskript. Alles, was auf der Bühne passieren soll, muss vorher auf dem Papier stehen.
41. Druck groß aus. Vierzehn Punkt, großer Zeilenabstand, feste Blattstärke.
Unter Bühnenlicht liest man schlechter, als man denkt. Und ein dünnes Blatt zittert sichtbar, ein festes nicht.
42. Lies den Text einer Person vor, die dich nicht kennt. Freunde lachen aus Verbundenheit, nicht wegen der Pointe.
Das ist kein Vorwurf an Freunde. Es ist nur eine unbrauchbare Messung.
Mehr dazu im Beitrag über das Testpublikum.
43. Hör rechtzeitig auf zu feilen. Ab einem bestimmten Punkt machst du den Text nicht mehr besser, sondern nur noch anders.
Woran man das merkt: Wenn du eine Stelle zum dritten Mal änderst und beim zweiten Vorschlag landest, bist du fertig.
Wie das in der Praxis aussieht — an einem echten Text
Damit das nicht so theoretisch bleibt, nehme ich einen Text aus einem Workshop und schicke ihn einmal komplett durch den Wagen.
Der Text hieß „Mein Vater und das Schweigen“ und war viereinhalb Minuten lang. Geschrieben hat ihn eine Teilnehmerin, die vorher zwei Auftritte hatte.
Ich erzähle den Inhalt hier nur in Umrissen, weil der Text ihr gehört und nicht mir.
Schublade 1, der Einstieg. Der Text begann mit vier Zeilen darüber, wie schwer es sei, über Väter zu schreiben.
Das ist die klassische Rampe. Sie hilft beim Schreiben und kostet beim Vortragen.
Wir haben sie gestrichen und mit dem angefangen, was in Zeile fünf stand: ein Mann, der beim Abendessen das Radio lauter dreht.
Damit war der Saal sofort in einer Küche statt in einer Absichtserklärung.
Schublade 2, die Bilder. Im Mittelteil stand mehrfach das Wort „Distanz“.
Distanz kann man nicht sehen. Wir haben nach etwas gesucht, das man fotografieren könnte, und sind bei zwei Kaffeetassen gelandet, die immer an derselben Stelle standen — eine links, eine rechts, nie in der Mitte.
Ein einziges Bild ersetzte drei Sätze Erklärung. So funktioniert diese Schublade fast immer.
Schublade 3, der Klang. Beim lauten Lesen ist sie an derselben Stelle dreimal gestolpert.
Die Zeile war grammatisch einwandfrei und hatte fünf harte Konsonanten hintereinander. Wir haben ein Wort getauscht, und das Stolpern war weg.
Das ist der Moment, in dem die meisten Leute im Workshop das erste Mal überrascht sind. Man kann eine Zunge nicht trainieren, aber eine Zeile umbauen.
Schublade 4, der Bau. Wir haben den Text ausgedruckt und in elf Schnipsel geschnitten.
Auf dem Boden wurde sofort sichtbar, dass der stärkste Abschnitt an dritter Stelle stand — also viel zu früh.
Er ist an die vorletzte Stelle gewandert. Das war die größte einzelne Verbesserung des ganzen Nachmittags, und wir haben dabei kein einziges Wort verändert.
Schublade 5, das Streichen. Der Text war jetzt vier Minuten lang und musste auf drei.
Wir haben zwei Abschnitte gestrichen, die dasselbe sagten wie die Kaffeetassen. Das tat weh, weil beide gut geschrieben waren.
Gut geschrieben ist aber kein Argument, wenn eine Sache dreimal dasteht. Genau das ist der Grund, warum Schublade 5 so selten aufgemacht wird.
Schublade 6, der Schliff. Zum Schluss haben wir drei Stellen markiert, an denen sie hochschauen sollte, und alles in vierzehn Punkt ausgedruckt.
Der Text war am Ende eine Minute kürzer und hatte drei Abschnitte weniger.
Sie hat ihn zwei Wochen später gelesen und den Abend gewonnen. Das schreibe ich hier nicht als Erfolgsgeschichte, sondern wegen einer Sache, die sie danach gesagt hat.
Nämlich, dass sie das Gefühl hatte, gar nichts Neues geschrieben zu haben. Der Text war ja schon da gewesen.
Genau das ist die Arbeit des Werkzeugwagens. Er erfindet nichts, er legt frei.

Fünf Griffe, die regelmäßig falsch benutzt werden
Werkzeug kann man verkehrt herum halten. Diese fünf Fälle sehe ich in Workshops ständig.
Der Wecker als Dauerzustand. Trick 3 ist für die erste Fassung gedacht, nicht für den ganzen Text.
Wer immer nur zwölf Minuten schreibt, sammelt Anfänge. Überarbeiten braucht die entgegengesetzte Haltung: viel Zeit und keine Uhr.
Das Detail, das zur Aufzählung wird. Trick 13 sagt: ein Detail, nicht fünf.
Trotzdem landen bei fast jedem irgendwann drei Details in einem Satz, weil jedes einzelne so schön war. Streich zwei davon, es tut nur kurz weh.
Die Wendung als Knalleffekt. Trick 27 meint keine Überraschung um jeden Preis.
Eine gute Wendung war vorher schon im Text angelegt. Eine schlechte kommt von außen und fühlt sich an wie ein Betrug am Publikum.
Der Tonwechsel als Bruch. Trick 29 verlangt eine andere Farbe, keinen anderen Text.
Wenn ein Witz mitten in einem ernsten Text steht wie ein Fremdkörper, hilft er nicht. Er muss aus derselben Welt kommen.
Das Streichen als Selbstbestrafung. Schublade 5 ist Werkzeug, kein moralisches Programm.
Ich habe Leute erlebt, die ihre Texte so lange gekürzt haben, bis nichts mehr übrig war. Wenn Streichen anfängt, sich richtig zu fühlen, ist es Zeit aufzuhören.
Die drei Griffe, für die ich am längsten gebraucht habe
Damit diese Liste nicht klingt, als hätte ich das alles immer schon gewusst: Drei dieser Handgriffe haben mich Jahre gekostet.
Und zwar nicht, weil sie kompliziert wären. Sondern weil ich mich gegen sie gewehrt habe.
Der erste war Nummer 16, das laute Lesen.
Ich hielt das für etwas, das Anfänger machen. Meine Texte waren doch fertig, wenn ich sie geschrieben hatte.
Bis mich jemand in einer Schreibwerkstatt zwang, einen Text vorzulesen, an dem ich zwei Wochen gearbeitet hatte.
Ich bin sechsmal gestolpert. An denselben zwei Stellen jedes Mal.
Diese Stellen hätte ich auf dem Papier nie gefunden, weil sie auf dem Papier völlig in Ordnung waren. Ein Text hat zwei Zustände, und ich kannte nur einen davon.
Seitdem lese ich alles laut, auch diesen Beitrag hier.
Der zweite war Nummer 28, die Erklärung nach der Pointe.
Diese Erklärung stand jahrelang in jedem meiner Texte, und ich hielt sie für Freundlichkeit.
Ich wollte niemanden ausschließen. Wer die Anspielung nicht verstand, sollte sie eine Zeile später geliefert bekommen.
Was ich nicht sah: Ich habe damit den Teil des Saals bestraft, der es verstanden hatte.
Denn wer eine Pointe kapiert hat und dann die Erklärung hört, fühlt sich nicht schlau, sondern für dumm verkauft.
Ein Text muss nicht alle mitnehmen. Er muss die, die mitkommen, ernst nehmen.
Der dritte war Nummer 35, den Lieblingssatz streichen.
Den habe ich am längsten ignoriert, und ich verstehe bis heute jeden, der das tut.
Ich hatte einen Satz über einen Bahnhof im Winter, den ich seit Jahren mit mir herumtrug. Er war wirklich schön.
Das Problem war, dass ich ihn in vier verschiedene Texte hineingebaut habe. Keiner dieser vier Texte handelte von einem Bahnhof im Winter.
Jeder von ihnen musste einen Umweg fahren, damit dieser Satz vorkommen konnte. Vier Texte, die ihre Strecke geändert haben, weil ein einziger Bahnhof unbedingt angefahren werden wollte.
Ich habe ihn irgendwann in eine Datei gepackt und alle vier Texte geradegezogen. Alle vier wurden besser.
Der Satz liegt übrigens immer noch in dieser Datei. Vielleicht kommt eines Tages ein Text, der wirklich von einem Bahnhof im Winter handelt.
Das ist der eigentliche Grund für Trick 37: Aufheben macht Streichen erträglich.
Speicher dir diesen Beitrag und geh ihn immer dann durch, wenn ein Text feststeckt. Nach zwei, drei Durchgängen hast du deine sechs oder sieben Lieblingsgriffe im Kopf, und die anderen liegen bereit, falls du sie mal brauchst.
Die sechs Schubladen auf einen Blick
Wenn du dir aus dreiundvierzig Handgriffen sechs merken willst, dann diese.
| Schublade | Der wichtigste Griff darin |
|---|---|
| 1 · Anfangen | Fang in der Mitte an — Anfänge schreibt man zuletzt |
| 2 · Bilder bauen | Ein Gegenstand statt eines Gefühls |
| 3 · Klang | Laut lesen — wo du stolperst, ist der Fehler |
| 4 · Bauen | Der stärkste Absatz kommt an die vorletzte Stelle |
| 5 · Streichen | Kürz auf achtzig Prozent, egal woher |
| 6 · Schliff | Eine Nacht drüber schlafen, dann dreimal stoppen |
Diese sechs decken ungefähr achtzig Prozent dessen ab, was die anderen siebenunddreißig auch tun.
Die restlichen siebenunddreißig sind trotzdem da, weil man je nach Text unterschiedliches Werkzeug braucht. Deshalb hat ein Werkzeugwagen ja auch mehr als sechs Fächer.
Was mich zu dieser Liste gefragt wird
Handwerk erzeugt keine Ideen, es schafft nur Platz für sie. Was in einem Text vorhersehbar wird, ist fast nie die Technik, sondern der Inhalt.
Und ehrlich gesagt: Berechenbare Texte entstehen meistens ohne Handwerk, nicht mit.
Der häufigste Fehler ist, Schublade 5 zu früh zu öffnen. Wer beim ersten Schreiben schon streicht, kommt nie zu einer ersten Fassung.
Frag dich, was du wirklich sagen wolltest, bevor du angefangen hast zu formulieren. Wenn die Antwort schwammig ist, liegt es daran — und dann hilft nur eine neue erste Fassung.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Drei Griffe, ein Text
Nimm einen Text, den du schon hast. Am besten einen, den du für fertig hältst.
Wend genau drei Griffe darauf an: Nummer 31, Nummer 36 und Nummer 16.
Also: erste Strophe streichen, auf achtzig Prozent kürzen, laut lesen.
Das dauert zusammen eine halbe Stunde und tut ungefähr zehn Minuten davon weh.
Danach hast du einen Text, der kürzer ist als vorher und stärker. Ich habe das dutzendfach in Workshops gemacht, und es hat noch kein einziges Mal nicht funktioniert.

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die mich lange beschäftigt hat.
Kein einziger dieser dreiundvierzig Griffe ist von mir. Alle habe ich irgendwo abgeschaut, mitgeschrieben oder mir von jemandem sagen lassen, der es besser konnte.
Das ist beim Handwerk normal und beim Schreiben trotzdem ungewohnt, weil wir dort so gerne an Originalität glauben.
Aber ein Schraubenschlüssel wird nicht schlechter, weil ihn vor dir schon jemand benutzt hat.
Original wird dein Text durch das, was du hineinschreibst. Nicht durch die Werkzeuge, mit denen du ihn zusammenbaust.
Was mir beim Zusammenstellen dieser Liste am meisten aufgefallen ist: Wie wenig davon mit Talent zu tun hat.
Von dreiundvierzig Griffen sind vielleicht drei eine Frage der Begabung. Der ganze Rest ist eine Frage davon, ob man es weiß und ob man es macht.
Das ist eine ziemlich gute Nachricht für alle, die glauben, ihnen fehle etwas Angeborenes.
Es fehlt fast nie etwas Angeborenes. Es fehlen meistens ein paar Handgriffe und die Bereitschaft, an einem fertigen Text noch einmal ranzugehen.
Diese Bereitschaft ist übrigens das Einzige, was ich in Workshops nicht beibringen kann. Alles andere steht in dieser Liste.
Der Werkzeugwagen im Bahnbetriebswerk hat übrigens noch eine Eigenschaft, die mir gefällt.
Er wird nicht einer Person zugeteilt. Er steht in der Halle, und wer ihn braucht, rollt ihn zu sich.
Genauso ist diese Liste gemeint. Nichts davon gehört mir, und alles davon darfst du benutzen, ohne jemanden zu fragen.
Und wenn du am Ende feststellst, dass dir ein Griff fehlt, den es hier nicht gibt: Schreib ihn dir auf.
Genau so ist diese Liste entstanden — aus lauter Zetteln, die jemand anders mir mitgegeben hat, ohne es zu merken.
Bleibt der Griff, für den ich sechs Jahre gebraucht habe.
Es ist Nummer 35: den Lieblingssatz streichen.
Ich hatte einen Satz über einen Bahnhof im Winter, den ich in vier verschiedene Texte hineingebaut habe. Keiner dieser vier Texte handelte von einem Bahnhof im Winter.
Jeder musste einen Umweg fahren, damit dieser eine Satz vorkommen konnte. Als ich ihn endlich in eine Datei gelegt habe, wurden alle vier besser.
Der Satz liegt bis heute in dieser Datei. Vielleicht kommt irgendwann ein Text, der wirklich von einem Bahnhof im Winter handelt — und dann ist er sofort zur Stelle.
Metaphern bauen, die noch keiner benutzt hat — Schublade 2 in ausführlich.
Text laut lesen — der einzige Test, der wirklich zählt.
Pointen bauen — warum die Erklärung danach immer weg muss.
Schreibprompts — wenn Schublade 1 nicht aufgeht.
Die Todsünden im Slam-Text — was du auf keinen Fall machen solltest.
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