Ein Zirkusprogramm · 43 Nummern
43 Schreibtricks für Slam-Texte – ernsthaft

Samstag, 16:30 Uhr, das Winterquartier eines kleinen Zirkus auf dem alten Güterbahnhof.
Lotta, 30, sitzt auf der Treppe eines Zirkuswagens und blättert durch ihren Text.
Heute Abend ist Slam im Zelt, und sie sucht Schreibtricks für den Slam, die ihren Text noch retten könnten.
Oder wenigstens ein Wunder.
„Entweder man hat’s, oder man hat’s nicht“, murmelt sie.
Emil, 72, sitzt ein paar Meter weiter auf einer Kiste und flickt einen Jonglierball.
Vierzig Jahre lang ist er in der Manege aufgetreten.
Er wirft drei Bälle in die Luft, ohne hinzuschauen.
„Weißt du, wie viel davon Talent ist?“, fragt er.
„Alles?“
„Nichts.“
„Alles Handgriffe.“
„Tausendmal geübt.“
Er fängt die Bälle und legt ihr ein zerknittertes Programmheft auf die Knie.
„Dreiundvierzig Nummern“, sagt er.
„Such dir drei aus.“
Eine davon wird Lotta mehr kosten als alle anderen zusammen.
Welche, erfährst du am Ende.
Lotta und Emil gibt es so nicht. Aber den Glauben, Schreiben sei reine Begabung, tragen sehr viele mit sich herum.
Kennst du das?
An manchen Tagen läuft es.
An anderen gar nicht.
Und du erklärst dir das mit Talent.
Das ist bequem.
Denn Talent erklärt jeden Fehlschlag.
Aber hier kommt der Haken: Es erklärt auch jeden Stillstand.
Heute bekommst du ein ganzes Programmheft.
Dreiundvierzig Nummern in sechs Teilen.
Keine Theorie, keine Poesiealbumsprüche.
Nur Handgriffe.
Und keine Sorge …
Keiner davon macht dich zu einem besseren Menschen.
Sie machen nur den Text besser.
Sofort.
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Jetzt Kanal folgenSchreibtricks für den Slam: Manege frei
Ein Trick ist hier kein Kniff, mit dem du ein Publikum überlistest.
Er ist ein Handgriff, der eine bestimmte Arbeit schneller oder sicherer macht.
Viele zucken bei dem Wort zusammen.
Sie hören „Trick“ und denken an Effekthascherei.
Quatsch!
Ein Jongleur, der seine Bälle immer gleich hält, betrügt niemanden.
Er weiß nur, wie es geht.
Die Reihenfolge der Programmteile ist übrigens kein Zufall.
Sie folgt dem Weg, den ein Text ohnehin nimmt.
Erst entstehen, dann sichtbar werden, dann klingen, dann sich ordnen, dann abnehmen, dann bühnenfertig werden.
Wer das umdreht, arbeitet gegen den eigenen Text.
Am häufigsten passiert das beim Streichen.
Man fängt an zu schreiben und streicht dabei schon.
Das fühlt sich sorgfältig an und verhindert zuverlässig jede erste Fassung.
Schreiben und Überarbeiten sind zwei verschiedene Berufe.
Sie sollten nicht am selben Nachmittag stattfinden.
Kurz vorweg: Nimm dir nicht alle dreiundvierzig vor.
Lies durch, markier drei, die dich anspringen, und wende sie auf deinen nächsten Text an.
Beim übernächsten kommen drei neue dazu.
Und ja, manche Nummern widersprechen sich.
Das ist Absicht.
Ein Zirkus hat auch Clowns und Seiltänzer, und die machen nicht dasselbe.
Erster und zweiter Teil: Eröffnung und Zauberei
Die Eröffnung ist für den Moment gedacht, in dem das Blatt leer ist.
Nummer 1 ist dabei die wichtigste.
Anfänge sind das Schwerste am ganzen Text.
Du musst sie nicht zuerst schreiben.
Nur zuerst lesen.
Und Nummer 4?
Themen sind Bahnhöfe ohne Gleise.
Erinnerungen haben Anschluss.
Der zweite Teil ist Zauberei.
Er lässt Dinge vor den Augen des Publikums erscheinen.
Gefühle kann man behaupten.
Gegenstände kann man nicht bestreiten.
Bei Nummer 9 zucken viele zusammen.
Wenn dir zu Abschied das Bahnhofsgleis einfällt, schreib es auf und such weiter.
Was danach kommt, gehört dir.
Und Nummer 14 ist die schönste Zauberei von allen.
Alltagsbilder sind unverbraucht, weil sie niemand für poetisch hält.
Genau deshalb funktionieren sie.
Dritter Teil: die Musikclowns
Musikclowns machen Musik mit allem, was klingt.
Und genau darum geht es in diesem Teil.
Um das, was dein Text macht, sobald ihn jemand hört.
Nummer 16 ist die einzige im ganzen Programm, über die nicht verhandelt wird.
Einen Text, den du nur still gelesen hast, kennst du nicht.
Nummer 17 spart dir Jahre.
Viele üben stundenlang eine Stelle, die sie hätten umschreiben sollen.
Und Nummer 19 kannst du sofort testen.
„Er hat mir am Ende nichts hinterlassen außer Schulden.“
„Außer Schulden hat er mir nichts hinterlassen.“
Hörst du den Unterschied?
Der Ton fällt ans Satzende, ob du willst oder nicht.
Einer, der sehr genau fürs Ohr geschrieben hat, war der amerikanische Krimiautor Elmore Leonard.
2001 veröffentlichte er in der New York Times zehn Regeln fürs Schreiben, später erschienen sie als schmales Buch.
Nie mit dem Wetter anfangen.
Als Redeeinleitung nur „sagte“.
Ausrufezeichen rationieren.
Und die Stellen weglassen, die Leser ohnehin überspringen.
Alles fasst er in einer letzten Regel zusammen: Wenn es nach Schreiben klingt, schreibt er es neu.
Achte darauf, welche seiner Regeln sich eins zu eins auf die Bühne übertragen lassen.
Pause · die Manege wird gefegt
Kurzer Blick auf deinen eigenen Text: Welche drei Nummern springen dich bis hierhin an?
Vierter und fünfter Teil: Akrobatik und Entfesselung
Akrobatik heißt hier: bauen und ordnen.
Nummer 24 klingt nach Bastelstunde.
Auf dem Bildschirm siehst du die Reihenfolge nicht, die du geschrieben hast.
Auf dem Boden schon.
Nummer 25 bringt den größten Effekt bei null neuen Wörtern.
Am Anfang ist der Saal noch nicht bereit.
Kurz vor Schluss wartet er darauf.
Und Nummer 28?
Die Erklärung nach der Pointe ist fast immer da.
Und sie muss immer weg.
Du schreibst sie aus Freundlichkeit, damit niemand zurückbleibt.
Aber sie bestraft genau die, die es verstanden haben.
Wer eine Pointe kapiert hat und dann die Erklärung hört, fühlt sich nicht schlau, sondern für dumm verkauft.
Jetzt kommt die Entfesselung.
Der Teil, vor dem sich fast alle drücken.
Und der am meisten bringt.
Streichen fühlt sich an wie Verlust.
In Wahrheit ist es das Einzige, was jeden Text besser macht.
„Wenn ich all das streiche, bleibt von meinem Text nichts übrig!“
Dann war es die Mühe wert, das herauszufinden.
Und zwar zu Hause statt auf der Bühne.
Meistens passiert etwas anderes.
Es bleibt ein kürzerer Text übrig, und das, was fehlt, hat ihn vorher gebremst.
Nummer 37 macht das Ganze erträglich.
Was in einer Datei liegt, ist nicht weg.
Und plötzlich streichst du viel leichter.

Das große Finale
Der letzte Teil gehört dem Abend vor dem Auftritt.
Nummer 38 ist die einfachste und wird am häufigsten ignoriert.
Am nächsten Morgen siehst du in zehn Minuten, wofür du sonst drei Auftritte bräuchtest.
Nummer 40 ist streng genommen ein Vortragstrick.
Aber er gehört ins Manuskript.
Alles, was auf der Bühne passieren soll, muss vorher auf dem Papier stehen.
Und Nummer 42?
Das ist kein Vorwurf an deine Freunde.
Es ist nur so, dass ihr Lachen als Messung nichts taugt.
Dass Klang die Grundlage von allem ist, hat auch Ursula K. Le Guin betont.
Ihr Handbuch „Steering the Craft“ erschien zuerst 1998 und in überarbeiteter Fassung 2015.
Es ist weniger Ratgeber als Übungsbuch, und es beginnt nicht mit der Handlung, sondern mit dem Klang der Sätze.
Achte darauf, wie über Handwerk gesprochen wird, wo andere über Inspiration reden.
Also merke: Ein Trick ersetzt keine Idee.
Aber er rettet die, die du schon hast, vor dem eigenen Text.
Generalprobe: ein Text durch alle sechs Teile
Generalprobe · „Mein Vater und das Schweigen“
Emil hat Lotta an diesem Nachmittag nicht nur das Programmheft gegeben.
Er hat mit ihr eine Generalprobe gemacht.
Ihr Text heißt „Mein Vater und das Schweigen“.
Viereinhalb Minuten, geschrieben nach zwei Auftritten.
Oben siehst du, was aus ihm geworden ist.
Das Bemerkenswerte ist nicht das Ergebnis.
Es ist das, was Lotta danach sagt.
„Ich habe ja gar nichts Neues geschrieben.“
Stimmt.
Der Text war schon da.
Genau das ist die Arbeit dieses Programms.
Es erfindet nichts.
Es legt frei.
Fünf Nummern, die gern danebengehen
- Nummer 3 als Dauerzustand. Der Wecker ist für die erste Fassung. Überarbeiten braucht Zeit und keine Uhr.
- Nummer 13 als Aufzählung. Drei Details in einem Satz, weil jedes so schön war. Streich zwei.
- Nummer 27 als Knalleffekt. Eine gute Wendung war vorher schon angelegt. Eine von außen fühlt sich an wie Betrug.
- Nummer 29 als Bruch. Eine andere Farbe, kein anderer Text. Der Witz muss aus derselben Welt kommen.
- Der fünfte Teil als Selbstbestrafung. Streichen ist Werkzeug. Fühlt es sich plötzlich richtig gut an, hör auf.
„Dreiundvierzig Nummern, das kann sich doch kein Mensch merken!“
Soll auch niemand.
Ein Programmheft lernt man nicht auswendig, man schlägt es auf.
Speicher dir diesen Beitrag und geh ihn durch, wenn ein Text feststeckt.
Nach ein paar Durchgängen hast du deine Lieblingsnummern im Kopf.
„Machen Tricks meinen Text nicht berechenbar?“
Das wäre, als würde ein Schreiner behaupten, ein Winkelmaß mache seine Möbel langweilig.
Handwerk erzeugt keine Ideen.
Es schafft nur Platz für sie.
„Ich habe alles angewendet, und der Text ist trotzdem schwach.“
Dann fehlt kein Handgriff, sondern ein Grund.
Kein Werkzeug der Welt repariert einen Text, der nichts will.
Frag dich, was du wirklich sagen wolltest, bevor du angefangen hast zu formulieren.
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Jetzt Kanal folgenUnd Lotta?
Drei Nummern hat Lotta sich an diesem Nachmittag ausgesucht.
Zwei davon waren leicht.
Die dritte war Nummer 35.
Den Lieblingssatz streichen.
Lotta hat einen Satz über einen Bahnhof im Winter.
Sie trägt ihn seit Jahren mit sich herum.
Er ist wirklich schön.
Und sie hat ihn in vier verschiedene Texte eingebaut.
Keiner dieser vier Texte handelt von einem Bahnhof im Winter.
Jeder musste einen Umweg fahren, damit dieser eine Satz vorkommen konnte.
„Den streich ich nicht“, sagt sie.
Emil zuckt mit den Schultern und wirft wieder seine drei Bälle.
„Ich hatte auch mal einen Lieblingstrick“, sagt er.
„Den hab ich in jede Nummer gequetscht.“
„Bis mir jemand gesagt hat, dass alle meine Nummern gleich aussehen.“
Um Viertel vor acht legt Lotta den Satz in eine eigene Datei.
Dann zieht sie ihren Text gerade.
Ohne Umweg.
Am Abend im Zelt läuft er so ruhig wie noch nie.
Und die anderen drei Texte werden in den Wochen danach auch besser.
Der Satz liegt bis heute in dieser Datei.
Vielleicht kommt eines Tages ein Text, der wirklich von einem Bahnhof im Winter handelt.
Dann ist er sofort zur Stelle.
Genau dafür gibt es Nummer 37.
Kein Bullshit: Kaum eine dieser Nummern hat mit Begabung zu tun.
Fast alles ist eine Frage davon, ob du den Handgriff kennst und ob du ihn machst.
Das ist eine ziemlich gute Nachricht für alle, die glauben, ihnen fehle etwas Angeborenes.
Dein Auftrag für diese Woche?
Nimm einen Text, den du für fertig hältst.
Wend genau drei Nummern darauf an: 31, 36 und 16.
Erste Strophe streichen, auf achtzig Prozent kürzen, laut lesen.
Das dauert eine halbe Stunde und tut ungefähr zehn Minuten davon weh.
Was man in der Manege sieht, sind nie die Handgriffe.
Man sieht nur die Nummer, die hält.
Und genau dafür sind sie da.
