43 Schreibtricks für Slam-Texte – ernsthaft

Ein Zirkusprogramm · 43 Nummern

43 Schreibtricks für Slam-Texte – ernsthaft

Waschbär schaut in einen alten Hut auf einem Koffer am Bahnsteig – Schreibtricks Slam
Ein Hut, ein Koffer, ein Bahnsteig · bahn-slam.de

Samstag, 16:30 Uhr, das Winterquartier eines kleinen Zirkus auf dem alten Güterbahnhof.

Lotta, 30, sitzt auf der Treppe eines Zirkuswagens und blättert durch ihren Text.

Heute Abend ist Slam im Zelt, und sie sucht Schreibtricks für den Slam, die ihren Text noch retten könnten.

Oder wenigstens ein Wunder.

„Entweder man hat’s, oder man hat’s nicht“, murmelt sie.

Emil, 72, sitzt ein paar Meter weiter auf einer Kiste und flickt einen Jonglierball.

Vierzig Jahre lang ist er in der Manege aufgetreten.

Er wirft drei Bälle in die Luft, ohne hinzuschauen.

„Weißt du, wie viel davon Talent ist?“, fragt er.

„Alles?“

„Nichts.“

„Alles Handgriffe.“

„Tausendmal geübt.“

Er fängt die Bälle und legt ihr ein zerknittertes Programmheft auf die Knie.

„Dreiundvierzig Nummern“, sagt er.

„Such dir drei aus.“

Eine davon wird Lotta mehr kosten als alle anderen zusammen.

Welche, erfährst du am Ende.

Lotta und Emil gibt es so nicht. Aber den Glauben, Schreiben sei reine Begabung, tragen sehr viele mit sich herum.

Kennst du das?

An manchen Tagen läuft es.

An anderen gar nicht.

Und du erklärst dir das mit Talent.

Das ist bequem.

Denn Talent erklärt jeden Fehlschlag.

Aber hier kommt der Haken: Es erklärt auch jeden Stillstand.

Heute bekommst du ein ganzes Programmheft.

Dreiundvierzig Nummern in sechs Teilen.

Keine Theorie, keine Poesiealbumsprüche.

Nur Handgriffe.

Und keine Sorge …

Keiner davon macht dich zu einem besseren Menschen.

Sie machen nur den Text besser.

Sofort.

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Schreibtricks für den Slam: Manege frei

★ Programmheft ★

Zirkus Schreibwerk

43 Nummern in sechs Teilen · Keine Tiere, nur Handgriffe

Heute in der Manege: dein Text

Ein Trick ist hier kein Kniff, mit dem du ein Publikum überlistest.

Er ist ein Handgriff, der eine bestimmte Arbeit schneller oder sicherer macht.

Viele zucken bei dem Wort zusammen.

Sie hören „Trick“ und denken an Effekthascherei.

Quatsch!

Ein Jongleur, der seine Bälle immer gleich hält, betrügt niemanden.

Er weiß nur, wie es geht.

Die Reihenfolge der Programmteile ist übrigens kein Zufall.

Sie folgt dem Weg, den ein Text ohnehin nimmt.

Erst entstehen, dann sichtbar werden, dann klingen, dann sich ordnen, dann abnehmen, dann bühnenfertig werden.

Wer das umdreht, arbeitet gegen den eigenen Text.

Am häufigsten passiert das beim Streichen.

Man fängt an zu schreiben und streicht dabei schon.

Das fühlt sich sorgfältig an und verhindert zuverlässig jede erste Fassung.

Schreiben und Überarbeiten sind zwei verschiedene Berufe.

Sie sollten nicht am selben Nachmittag stattfinden.

Kurz vorweg: Nimm dir nicht alle dreiundvierzig vor.

Lies durch, markier drei, die dich anspringen, und wende sie auf deinen nächsten Text an.

Beim übernächsten kommen drei neue dazu.

Und ja, manche Nummern widersprechen sich.

Das ist Absicht.

Ein Zirkus hat auch Clowns und Seiltänzer, und die machen nicht dasselbe.

Erster und zweiter Teil: Eröffnung und Zauberei

1. Programmteil

Die Eröffnung

Anfangen · Nummern 1 bis 7

1Fang in der Mitte an.
Schreib die Szene, die du schon siehst. Anfänge schreibt man zuletzt.
2Schreib an eine einzige Person.
Texte an alle klingen wie Reden, Texte an einen wie Wahrheit.
3Stell einen Wecker auf zwölf Minuten.
Das schaltet den inneren Kritiker ab, bis eine erste Fassung da ist.
4Starte mit einer echten Erinnerung.
Nicht „Einsamkeit“, sondern der Dienstagabend, an dem das Radio lief.
5Schreib die letzte Zeile zuerst.
Wer weiß, wo der Zug hält, findet die Strecke.
6Leih dir eine Form.
Brief, Anleitung, Beschwerde: Die Reihenfolge ist schon da.
7Fang mit einem Geräusch an.
Ein Schlüssel im Schloss, und der Saal steht im Raum.

Die Eröffnung ist für den Moment gedacht, in dem das Blatt leer ist.

Nummer 1 ist dabei die wichtigste.

Anfänge sind das Schwerste am ganzen Text.

Du musst sie nicht zuerst schreiben.

Nur zuerst lesen.

Und Nummer 4?

Themen sind Bahnhöfe ohne Gleise.

Erinnerungen haben Anschluss.

2. Programmteil

Die Zauberei

Bilder bauen · Nummern 8 bis 15

8Ein Gegenstand statt eines Gefühls.
„Sie hat seine Zahnbürste noch drei Monate stehen lassen.“
9Nimm die zweitbeste Idee.
Die erste Assoziation hatte der Saal auch schon.
10Bleib in einer Bildwelt.
Fängt der Text mit Wasser an, soll er nicht plötzlich brennen.
11Das Kleine statt des Großen.
Nicht der Krieg, sondern der Koffer, der zu klein ist.
12Gib deinen Figuren eine Handlung.
Reifen wechseln, Kartoffeln schälen, den Autositz verstellen.
13Ein Detail, nicht fünf.
Den Rest baut der Saal selbst, und schneller als du.
14Vergleiche nach unten.
„Wie ein Bahnhofsimbiss um halb sechs“ schlägt „wie ein Sonnenaufgang“.
15Misstrau dem Bild, das dir zu gut gefällt.
Fällt dir sofort ein, wo du es gehört hast, ist es geliehen.

Der zweite Teil ist Zauberei.

Er lässt Dinge vor den Augen des Publikums erscheinen.

Gefühle kann man behaupten.

Gegenstände kann man nicht bestreiten.

Bei Nummer 9 zucken viele zusammen.

Wenn dir zu Abschied das Bahnhofsgleis einfällt, schreib es auf und such weiter.

Was danach kommt, gehört dir.

Und Nummer 14 ist die schönste Zauberei von allen.

Alltagsbilder sind unverbraucht, weil sie niemand für poetisch hält.

Genau deshalb funktionieren sie.

Dritter Teil: die Musikclowns

3. Programmteil

Die Musikclowns

Klang und Rhythmus · Nummern 16 bis 23

16Lies laut, immer.
Die einzige Nummer ohne Verhandlung.
17Wo du stolperst, liegt der Fehler.
Nicht deine Zunge ist schuld, sondern die Zeile.
18Wechsle die Satzlänge.
Gleich lange Sätze klingen nach Fahrgeräusch.
19Das wichtigste Wort ans Satzende.
Dort fällt der Ton hin, ob du willst oder nicht.
20Wiederhole genau dreimal.
Zweimal ist Zufall, viermal Predigt. Beim dritten Mal darf es kippen.
21Vermeide Konsonantenstaus.
Dein Mund spielt mit, behandle ihn wie einen Partner.
22Schreib die Pausen mit.
Was nicht im Text steht, machst du unter Adrenalin nicht.
23Hör deine Aufnahme erst am nächsten Tag.
Dann klingst du wie ein Fremder, und Fremde hört man ehrlicher.

Musikclowns machen Musik mit allem, was klingt.

Und genau darum geht es in diesem Teil.

Um das, was dein Text macht, sobald ihn jemand hört.

Nummer 16 ist die einzige im ganzen Programm, über die nicht verhandelt wird.

Einen Text, den du nur still gelesen hast, kennst du nicht.

Nummer 17 spart dir Jahre.

Viele üben stundenlang eine Stelle, die sie hätten umschreiben sollen.

Und Nummer 19 kannst du sofort testen.

„Er hat mir am Ende nichts hinterlassen außer Schulden.“

„Außer Schulden hat er mir nichts hinterlassen.“

Hörst du den Unterschied?

Der Ton fällt ans Satzende, ob du willst oder nicht.

Einer, der sehr genau fürs Ohr geschrieben hat, war der amerikanische Krimiautor Elmore Leonard.

2001 veröffentlichte er in der New York Times zehn Regeln fürs Schreiben, später erschienen sie als schmales Buch.

Nie mit dem Wetter anfangen.

Als Redeeinleitung nur „sagte“.

Ausrufezeichen rationieren.

Und die Stellen weglassen, die Leser ohnehin überspringen.

Alles fasst er in einer letzten Regel zusammen: Wenn es nach Schreiben klingt, schreibt er es neu.

VelocityWriting · „Elmore Leonard’s 10 + 1 Rules for Writers“

Achte darauf, welche seiner Regeln sich eins zu eins auf die Bühne übertragen lassen.

Pause · die Manege wird gefegt

Kurzer Blick auf deinen eigenen Text: Welche drei Nummern springen dich bis hierhin an?

Vierter und fünfter Teil: Akrobatik und Entfesselung

4. Programmteil

Die Akrobatik

Bauen und Ordnen · Nummern 24 bis 30

24Schneid den Text auseinander.
Jeden Absatz auf einen Schnipsel, dann auf dem Boden neu legen.
25Der stärkste Absatz an die vorletzte Stelle.
Kurz vor Schluss wartet der Saal genau darauf.
26Sag es einmal, nicht dreimal.
Wiederholung aus Unsicherheit hört man.
27Bau eine einzige Wendung ein.
Ohne Wendung ist ein Text eine Aufzählung.
28Streich die Erklärung nach der Pointe.
Sie bestraft alle, die es verstanden haben.
29Wechsle einmal die Tonlage.
Ein ernster Text braucht eine komische Stelle, ein komischer eine ernste.
30Kehr am Ende zum Anfang zurück.
Dasselbe Bild wie in der ersten Zeile, nur verändert.

Akrobatik heißt hier: bauen und ordnen.

Nummer 24 klingt nach Bastelstunde.

Auf dem Bildschirm siehst du die Reihenfolge nicht, die du geschrieben hast.

Auf dem Boden schon.

Nummer 25 bringt den größten Effekt bei null neuen Wörtern.

Am Anfang ist der Saal noch nicht bereit.

Kurz vor Schluss wartet er darauf.

Und Nummer 28?

Die Erklärung nach der Pointe ist fast immer da.

Und sie muss immer weg.

Du schreibst sie aus Freundlichkeit, damit niemand zurückbleibt.

Aber sie bestraft genau die, die es verstanden haben.

Wer eine Pointe kapiert hat und dann die Erklärung hört, fühlt sich nicht schlau, sondern für dumm verkauft.

5. Programmteil

Die Entfesselung

Streichen · Nummern 31 bis 37

31Streich die erste Strophe.
Oft war sie nur deine Anfahrhilfe.
32Streich „irgendwie“, „ein bisschen“, „eigentlich“.
Weiche Sätze tragen nichts.
33Streich Adjektive, die niemanden überraschen.
Der dunkle Keller, das kalte Wasser, die alte Frau.
34Streich, was der Saal schon weiß.
„Ich stand auf, ging zur Tür und öffnete sie“: Ein Drittel bleibt.
35Streich deinen Lieblingssatz.
Ein Text, der einem Satz dient, dient nicht dem Publikum.
36Kürz auf achtzig Prozent.
Ein Fünftel weg, egal woher.
37Heb das Gestrichene auf.
Eine eigene Datei nimmt dem Streichen die Endgültigkeit.

Jetzt kommt die Entfesselung.

Der Teil, vor dem sich fast alle drücken.

Und der am meisten bringt.

Streichen fühlt sich an wie Verlust.

In Wahrheit ist es das Einzige, was jeden Text besser macht.

„Wenn ich all das streiche, bleibt von meinem Text nichts übrig!“

Dann war es die Mühe wert, das herauszufinden.

Und zwar zu Hause statt auf der Bühne.

Meistens passiert etwas anderes.

Es bleibt ein kürzerer Text übrig, und das, was fehlt, hat ihn vorher gebremst.

Nummer 37 macht das Ganze erträglich.

Was in einer Datei liegt, ist nicht weg.

Und plötzlich streichst du viel leichter.

Waschbär lugt zwischen bunten Zirkuswagen am Abstellgleis hervor – Schreibtricks für Slam-Texte
Hinter den Zirkuswagen · bahn-slam.de

Das große Finale

6. Programmteil

Das große Finale

Der letzte Schliff · Nummern 38 bis 43

38Schlaf eine Nacht drüber.
Kein Text gehört am Tag seiner Entstehung auf die Bühne.
39Stopp die Zeit dreimal.
Beim ersten Durchgang bist du immer zu schnell. Nimm die längste Zeit und plan Luft ein.
40Markier drei Blickpunkte.
Stellen, an denen du bewusst hochschaust.
41Druck groß aus.
Große Schrift, viel Zeilenabstand, festes Papier. Ein dünnes Blatt zittert sichtbar.
42Lies einer fremden Person vor.
Freunde lachen aus Verbundenheit, nicht wegen der Pointe.
43Hör rechtzeitig auf zu feilen.
Landest du beim dritten Ändern wieder beim zweiten Vorschlag, bist du fertig.

Der letzte Teil gehört dem Abend vor dem Auftritt.

Nummer 38 ist die einfachste und wird am häufigsten ignoriert.

Am nächsten Morgen siehst du in zehn Minuten, wofür du sonst drei Auftritte bräuchtest.

Nummer 40 ist streng genommen ein Vortragstrick.

Aber er gehört ins Manuskript.

Alles, was auf der Bühne passieren soll, muss vorher auf dem Papier stehen.

Und Nummer 42?

Das ist kein Vorwurf an deine Freunde.

Es ist nur so, dass ihr Lachen als Messung nichts taugt.

Dass Klang die Grundlage von allem ist, hat auch Ursula K. Le Guin betont.

Ihr Handbuch „Steering the Craft“ erschien zuerst 1998 und in überarbeiteter Fassung 2015.

Es ist weniger Ratgeber als Übungsbuch, und es beginnt nicht mit der Handlung, sondern mit dem Klang der Sätze.

CreativeOutletPortland.org · „Exploring Creativity with Ursula K. Le Guin“

Achte darauf, wie über Handwerk gesprochen wird, wo andere über Inspiration reden.

Also merke: Ein Trick ersetzt keine Idee.

Aber er rettet die, die du schon hast, vor dem eigenen Text.

Generalprobe: ein Text durch alle sechs Teile

Generalprobe · „Mein Vater und das Schweigen“

1 · EröffnungVier Zeilen darüber, wie schwer es ist, über Väter zu schreiben, fliegen raus. Neuer Anfang aus Zeile fünf: Ein Mann dreht beim Abendessen das Radio lauter.
2 · ZaubereiDas Wort „Distanz“ weicht zwei Kaffeetassen: eine links, eine rechts, nie in der Mitte.
3 · MusikclownsDreimal an derselben Stelle gestolpert, fünf harte Konsonanten hintereinander. Ein Wort getauscht, Stolpern weg.
4 · AkrobatikIn Schnipsel geschnitten: Der stärkste Abschnitt stand an dritter Stelle und wandert an die vorletzte, ohne dass ein Wort sich ändert.
5 · EntfesselungZwei Abschnitte, die dasselbe sagen wie die Kaffeetassen, fliegen raus, obwohl sie gut geschrieben sind.
6 · FinaleDrei Blickpunkte markiert, groß ausgedruckt. Am Ende ist der Text eine Minute kürzer.

Emil hat Lotta an diesem Nachmittag nicht nur das Programmheft gegeben.

Er hat mit ihr eine Generalprobe gemacht.

Ihr Text heißt „Mein Vater und das Schweigen“.

Viereinhalb Minuten, geschrieben nach zwei Auftritten.

Oben siehst du, was aus ihm geworden ist.

Das Bemerkenswerte ist nicht das Ergebnis.

Es ist das, was Lotta danach sagt.

„Ich habe ja gar nichts Neues geschrieben.“

Stimmt.

Der Text war schon da.

Genau das ist die Arbeit dieses Programms.

Es erfindet nichts.

Es legt frei.

Fünf Nummern, die gern danebengehen

  • Nummer 3 als Dauerzustand. Der Wecker ist für die erste Fassung. Überarbeiten braucht Zeit und keine Uhr.
  • Nummer 13 als Aufzählung. Drei Details in einem Satz, weil jedes so schön war. Streich zwei.
  • Nummer 27 als Knalleffekt. Eine gute Wendung war vorher schon angelegt. Eine von außen fühlt sich an wie Betrug.
  • Nummer 29 als Bruch. Eine andere Farbe, kein anderer Text. Der Witz muss aus derselben Welt kommen.
  • Der fünfte Teil als Selbstbestrafung. Streichen ist Werkzeug. Fühlt es sich plötzlich richtig gut an, hör auf.

„Dreiundvierzig Nummern, das kann sich doch kein Mensch merken!“

Soll auch niemand.

Ein Programmheft lernt man nicht auswendig, man schlägt es auf.

Speicher dir diesen Beitrag und geh ihn durch, wenn ein Text feststeckt.

Nach ein paar Durchgängen hast du deine Lieblingsnummern im Kopf.

„Machen Tricks meinen Text nicht berechenbar?“

Das wäre, als würde ein Schreiner behaupten, ein Winkelmaß mache seine Möbel langweilig.

Handwerk erzeugt keine Ideen.

Es schafft nur Platz für sie.

„Ich habe alles angewendet, und der Text ist trotzdem schwach.“

Dann fehlt kein Handgriff, sondern ein Grund.

Kein Werkzeug der Welt repariert einen Text, der nichts will.

Frag dich, was du wirklich sagen wolltest, bevor du angefangen hast zu formulieren.

Kurze Manegenprobe

Wo gehört der stärkste Absatz deines Textes hin?

Auflösung anzeigen

An die vorletzte Stelle. Am Anfang ist der Saal noch nicht bereit. Kurz vor Schluss wartet er darauf, und danach bleibt noch Platz für das Ende.

Dein Programm für den nächsten Text

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Und Lotta?

35Streich deinen Lieblingssatz.
Fünfter Teil · Die Entfesselung

Heute zum ersten Mal in der Manege

Drei Nummern hat Lotta sich an diesem Nachmittag ausgesucht.

Zwei davon waren leicht.

Die dritte war Nummer 35.

Den Lieblingssatz streichen.

Lotta hat einen Satz über einen Bahnhof im Winter.

Sie trägt ihn seit Jahren mit sich herum.

Er ist wirklich schön.

Und sie hat ihn in vier verschiedene Texte eingebaut.

Keiner dieser vier Texte handelt von einem Bahnhof im Winter.

Jeder musste einen Umweg fahren, damit dieser eine Satz vorkommen konnte.

„Den streich ich nicht“, sagt sie.

Emil zuckt mit den Schultern und wirft wieder seine drei Bälle.

„Ich hatte auch mal einen Lieblingstrick“, sagt er.

„Den hab ich in jede Nummer gequetscht.“

„Bis mir jemand gesagt hat, dass alle meine Nummern gleich aussehen.“

Um Viertel vor acht legt Lotta den Satz in eine eigene Datei.

Dann zieht sie ihren Text gerade.

Ohne Umweg.

Am Abend im Zelt läuft er so ruhig wie noch nie.

Und die anderen drei Texte werden in den Wochen danach auch besser.

Der Satz liegt bis heute in dieser Datei.

Vielleicht kommt eines Tages ein Text, der wirklich von einem Bahnhof im Winter handelt.

Dann ist er sofort zur Stelle.

Genau dafür gibt es Nummer 37.

Kein Bullshit: Kaum eine dieser Nummern hat mit Begabung zu tun.

Fast alles ist eine Frage davon, ob du den Handgriff kennst und ob du ihn machst.

Das ist eine ziemlich gute Nachricht für alle, die glauben, ihnen fehle etwas Angeborenes.

Dein Auftrag für diese Woche?

Nimm einen Text, den du für fertig hältst.

Wend genau drei Nummern darauf an: 31, 36 und 16.

Erste Strophe streichen, auf achtzig Prozent kürzen, laut lesen.

Das dauert eine halbe Stunde und tut ungefähr zehn Minuten davon weh.

Nichts wird gespeichert. Schreib sie dir auf den Rand deines nächsten Textes.

Was man in der Manege sieht, sind nie die Handgriffe.

Man sieht nur die Nummer, die hält.

Und genau dafür sind sie da.


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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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