Ein Periodensystem · 60 Giftwörter
60 Wörter, die deinen Slam-Text vergiften – mit Gegengift

Freitag, 23:40 Uhr, das Bahnhofscafé nach dem Slam.
Juna, 27, sitzt allein am Fenstertisch und starrt auf ihren Text.
Heute Abend ist sie mitten in der stärksten Passage hängen geblieben, und seitdem überlegt sie, welche Wörter sie streichen muss, damit ihr Text wieder trägt.
Sie hat neu angesetzt.
Ist wieder hängen geblieben.
Die letzten anderthalb Minuten waren danach nur noch Rettungsversuch.
Am Nebentisch sitzt Ferdinand, 69.
Er war vierzig Jahre lang Apotheker und kommt seit seiner Rente zu jedem Slam hier im Café.
„Darf ich mal?“, fragt er und zeigt auf die Blätter.
Juna schiebt sie ihm hin.
Ferdinand holt einen roten Stift aus der Jackentasche.
Dann fängt er an, Wörter einzukreisen.
Eins.
Noch eins.
Nach einer Weile sieht die erste Seite aus, als hätte sie Masern.
„Nichts davon ist falsch“, sagt Ferdinand.
„Aber alles davon ist Gift.“
Welches Wort Juna heute Abend aus der Kurve getragen hat, erfährst du am Ende.
Kleiner Hinweis: Du hältst es wahrscheinlich für harmlos.
Juna und Ferdinand gibt es so nicht. Aber das kleine Wort, über das man mitten im besten Absatz stolpert, kennen viele, die auf Bühnen stehen.
Kennst du das?
Dein Text ist eigentlich gut.
Merkst du was?
Da war schon eins.
Eigentlich.
Solche Wörter schleichen sich in jeden Text.
Sie sind nicht falsch.
Keine Grammatik der Welt streicht sie dir an.
Sie wiegen nur.
Und ein Text, der zu viel wiegt, kommt auf der Bühne nicht in Fahrt.
Heute bekommst du Ferdinands Tabelle.
Sechzig Giftwörter in sechs Gruppen.
Und zu jeder Gruppe das Gegengift.
Denn Streichen allein hinterlässt Lücken.
Ein Güterwagen wird nicht dadurch gut, dass man ihn leer macht.
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Jetzt Kanal folgenWörter streichen im Text: das Periodensystem der Giftwörter
Periodensystem der Giftwörter · 60 Elemente
Sechzig Elemente, sechs Gruppen.
Jedes davon macht deinen Text ein kleines bisschen schwerer.
Und jetzt kommt das Wichtigste: Keins davon ist verboten.
Schon Paracelsus hat im sechzehnten Jahrhundert sinngemäß festgehalten, dass erst die Dosis ein Ding zum Gift macht.
Genau so ist es hier.
Ein einzelnes „wirklich“ an der richtigen Stelle trägt.
Zwölf davon tragen nichts mehr.
Kommt eines dieser Wörter dreimal in fünf Minuten vor, ist es kein Stilmittel mehr, sondern Gewohnheit.
Also merke: Streich beim ersten Schreiben gar nichts.
Die Tabelle ist für die zweite Fassung.
Sonst kommst du nie bei einer ersten an.
Und noch etwas fällt auf, wenn du die Treffer einkreist.
Selten stehen sie in der ersten Zeile.
Meistens häufen sie sich in der Mitte.
Am Anfang weißt du, was du sagen willst.
In der Mitte suchst du.
Und beim Suchen füllt man Lücken mit dem, was gerade da ist.
Drängen sich in einem Absatz fünf dieser Wörter, streich nicht nur die Wörter.
Frag, was der Absatz eigentlich sagen wollte.
Manchmal wollte er gar nichts sagen.
Dann ist nicht die Ladung das Problem, sondern der ganze Wagen.
Gruppe 1 und 4: weg damit, ersatzlos
Wirkung: Schwächen jede Aussage ab, bevor jemand widersprechen kann. Eine Versicherung gegen das Ernstgenommenwerden.
Gegengift: Ersatzlos streichen. Wirkt der Satz danach zu hart, ist das die richtige Härte.
„Ich war irgendwie ziemlich enttäuscht.“
→ „Ich war enttäuscht.“
Die Weichmacher sind die größte und schädlichste Gruppe.
Lies einen Satz mit und ohne sie.
„Ich war irgendwie ziemlich enttäuscht.“
„Ich war enttäuscht.“
Der zweite Satz ist kürzer, klarer und tut weh.
Genau deshalb schreibt man den ersten.
Diese Wörter sind eine Versicherung.
Sie sollen verhindern, dass jemand die Aussage zu ernst nimmt.
Auf der Bühne ist das tödlich.
Ein Publikum, das dir nicht glaubt, dass du meinst, was du sagst, hört irgendwann weg.
Wirkung: Gehören ins gesprochene Deutsch. Im geschriebenen Text verdoppeln sie sich, weil du sie beim Sprechen ohnehin dazwischenschiebst.
Gegengift: Ersatzlos streichen. Nimm eine Aufnahme deines Textes und zähl mit, statt zu schätzen.
„Das ist halt einfach eben so.“
→ „Das ist so.“
Die Füllsel sind im Alltag unentbehrlich.
Im Text sind sie Ballast.
Wer sie mitschreibt, verdoppelt sie, denn beim Vortragen kommen sie ohnehin wieder rein.
Und die Zahl ist fast immer höher, als du glaubst.
Sie sinkt oft schon dadurch, dass du sie einmal kennst.
Gruppe 2 und 3: tauschen statt streichen
Wirkung: Sollen verstärken und tun das Gegenteil, weil sie die Arbeit übernehmen, die ein Bild machen sollte.
Gegengift: Durch eine Beobachtung ersetzen. Frag: Woran hätte ein Fremder gemerkt, dass es so war?
„Es war unglaublich laut.“
→ „Wir mussten uns zum Nachbarn beugen, um Danke zu sagen.“
Die Verstärker sind die Zwillingsgeschwister der Weichmacher, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Ein Verstärker ist eine Behauptung über ein Gefühl.
Ein Bild ist der Beweis dafür.
Die Frage aus dem Gegengift ist übrigens das stärkste Werkzeug in diesem ganzen Beitrag.
Woran hätte ein Fremder gemerkt, dass es so war?
Sie verwandelt Behauptungen in Szenen.
Und Szenen kann niemand bestreiten.
Wirkung: Gute Wörter, nur so oft benutzt, dass sie im Saal nichts mehr auslösen. Wie eine Fahrkarte, deren Aufdruck vom vielen Entwerten verschwunden ist.
Gegengift: Eine Ebene konkreter: statt Sehnsucht das Ding, nach dem du dich sehnst, statt Narben die Stelle, an der es passiert ist.
„In meiner Seele war nur noch Dunkelheit.“
→ „Ich habe den Rollladen drei Tage nicht hochgezogen.“
Diese Gruppe wird die meisten Widersprüche auslösen.
Deshalb gleich vorweg: Das sind gute Wörter.
Sie sind nur so oft benutzt worden, dass sie im Saal nichts mehr auslösen.
Ein Ohr, das „Scherben“ hört, sieht keine Scherben mehr.
Der Test ist einfach.
Könnte an diesem Abend noch jemand anderes dasselbe Wort benutzen?
Bei diesen zehn lautet die Antwort fast immer ja.
Gruppe 5 und 6: näher ran, weniger erklären
Wirkung: Fühlen sich nach Allgemeingültigkeit an und stellen drei Waggons zwischen dich und den Saal.
Gegengift: Jedes „man“ wird „ich“, jede Allgemeinheit wird ein einziger Fall.
„Man fühlt sich manchmal allein.“
→ „Ich habe am Sonntag den Fernseher angelassen, damit im Flur jemand redet.“
Die Distanzhalter sind die heimtückischste Gruppe.
Sie fühlen sich nach Allgemeingültigkeit an.
„Man fühlt sich manchmal allein“ ist ein Satz, dem alle zustimmen und den niemand hört.
Aber hier kommt der Haken: Dahinter steckt meistens Schutz.
Wer „ich“ sagt, kann widerlegt werden.
Wer „man“ sagt, hat sich schon vorher aus der Sache herausgehalten.
Tausch jedes „man“ probeweise gegen „ich“ und schau, was passiert.
Sehr oft wird der Satz wahrer.
Und unangenehmer.
Ein Publikum schließt von einem Menschen auf alle.
Umgekehrt funktioniert es nie.
Wirkung: Kündigen an, dass gleich dasselbe noch einmal kommt, nur deutlicher. Das sagt dem Saal: Ich traue dir nichts zu.
Gegengift: Erklärer samt Folgesatz streichen, dann laut lesen. Fehlt danach etwas, bau das Bild davor um.
„Sie hat nie angerufen, das heißt, sie war einsam.“
→ „Sie hat nie angerufen.“
Und die Erklärer?
Sie sagen dem Saal: Ich glaube nicht, dass du es beim ersten Mal verstanden hast.
So ist es nie gemeint.
Und kommt trotzdem so an.
Fast immer ist die Fassung vor dem Erklärer die bessere.
Kürzer, bildhafter, und sie traut dem Publikum etwas zu.

Die Probe: ein Absatz, entgiftet
Vorher · 49 Wörter · 17 Giftwörter
„Man fühlt sich ja manchmal irgendwie total allein, auch wenn eigentlich Menschen da sind. Es ist so, dass die Gesellschaft heutzutage einfach relativ kalt geworden ist, und das tut wirklich unglaublich weh. Im Grunde genommen sehnt sich jeder nach ein bisschen Nähe, das heißt nach jemandem, der einen sieht.“
Nachher · 26 Wörter · entgiftet
„Ich lasse sonntags den Fernseher an, damit im Flur jemand redet. Meine Nachbarin macht das auch. Wir haben es voneinander, ohne je darüber gesprochen zu haben.“
Das ist ein Absatz aus Junas Text.
Ein völlig normaler Absatz.
Nichts daran ist falsch, und genau deshalb eignet er sich.
Mehr als jedes dritte Wort steht in Ferdinands Tabelle.
Und der Absatz sagt trotzdem nichts, was man sich merken würde.
Die entgiftete Fassung hat plötzlich zwei Menschen, eine Wohnung und ein Geräusch.
Sie behauptet nichts mehr über die Gesellschaft.
Sie zeigt einen Sonntag, und der Saal zieht den Rest selbst.
Das Schönste daran?
Juna hatte den Fernseher-Satz schon geschrieben.
Er stand zwei Absätze weiter unten, begraben unter der Ladung.
So ist es fast immer.
Das Gute steht schon da.
Es steht nur nicht vorn.
Zehn kleine Entgiftungen
Ich war eigentlich ziemlich wütend.
→ Ich war wütend.
Es war unglaublich still im Raum.
→ Nur der Kühlschrank brummte.
Man fühlt sich da manchmal klein.
→ Ich habe mich klein gefühlt.
Sie hatte total viel Sehnsucht.
→ Sie hat seine Nummer nie gelöscht.
Das heißt, sie war einsam.
→ (ganz streichen)
Es ist so, dass Kinder ehrlich sind.
→ Kinder sind ehrlich.
Sein Herz war voller Schmerz.
→ Er hat drei Tage nicht gegessen.
Wir alle kennen das ja irgendwie.
→ Du kennst das.
Heutzutage ist alles relativ schnell.
→ Der Bus wartet nicht mehr.
Im Grunde genommen ging es um Angst.
→ Es ging um Angst.
Manchmal reicht ein einziger Griff.
Und manchmal ist die neue Fassung nicht kürzer, sondern nur anders.
Das sind die Fälle mit Gegengift.
Aus einer Behauptung wird eine Beobachtung, und die kostet manchmal ein Wort mehr.
Das ist völlig in Ordnung.
Es geht nicht um Kürze, sondern um Tragfähigkeit.
Die Dosis macht das Gift
Dosierung · zwei Ausnahmen
1. Eine Figur spricht so. Dann gehört das Wort hinein.
2. Du setzt es einmal und meinst es. Dann trägt es.
Jetzt der Teil, der die ganze Tabelle erst brauchbar macht.
Es gibt zwei Fälle, in denen jedes dieser sechzig Wörter richtig ist.
Erstens, wenn eine Figur so spricht.
Menschen sagen „irgendwie“ und „halt“ und „total“.
Wörtliche Rede ohne Füllwörter klingt nach Nachrichtensprecher.
Zweitens, wenn du das Wort einmal setzt und es meinst.
Der Test ist immer derselbe: Hast du das Wort gesetzt, oder ist es passiert?
Und Vorsicht, man kann es auch übertreiben.
Wer schon beim ersten Satz kürzt, schreibt Texte, die technisch sauber und emotional eiskalt sind.
Als hätte ein Anwalt ein Gedicht geschrieben.
Beladen und Abladen sind zwei Vorgänge.
Sie finden in keinem Güterbahnhof der Welt gleichzeitig statt.
Die berühmteste Kurzfassung dieser ganzen Tabelle stammt aus einem schmalen Heft.
William Strunk Jr., Englischprofessor an der Cornell University, ließ es 1918 für seine Studenten drucken.
Sein früherer Student E. B. White machte daraus 1959 das Buch „The Elements of Style“.
Regel 17 besteht aus drei Wörtern: „Omit needless words.“
Überflüssige Wörter weglassen, so wie eine Zeichnung keine überflüssigen Linien und eine Maschine keine überflüssigen Teile hat.
White hat später erzählt, wie sein Professor diese Regel im Unterricht gleich dreimal hintereinander ausrief.
Achte darauf, welche der zehn Regeln sich direkt auf einen Bühnentext übertragen lassen.
Hier kommt dieselbe Schule noch einmal ausführlicher.
Achte auf den Teil übers Weglassen.
Und warum ist Kürzen so mühsam?
Das hat Blaise Pascal schon im Dezember 1656 aufgeschrieben.
Im sechzehnten seiner Provinzialbriefe entschuldigt er sich sinngemäß dafür, dass der Brief so lang geraten sei, weil ihm die Muße gefehlt habe, ihn kürzer zu machen.
Der Satz wird bis heute gern Mark Twain oder anderen zugeschrieben.
Er ist von Pascal.
Lang schreiben geht schnell.
Kurz schreiben dauert.
Denn beim Kürzen musst du entscheiden, was wirklich wichtig ist.
Entgiften in zwanzig Minuten
Entgiftung in fünf Schritten · rund zwanzig Minuten
Such nacheinander die zwölf Weichmacher und markier jeden Treffer, ohne zu entscheiden.
Viele Treffer auf engem Raum sind ein Muster, kein Zufall.
Streich sämtliche Markierungen aus Gruppe 1 und 4, ohne Ausnahme und ohne Abwägen.
Einmal ganz durch. Wo wirklich etwas fehlt, holst du es zurück, und nur dort.
Gruppe 2, 3, 5 und 6 nur beim langsamen Lesen, eine Gruppe pro Durchgang.
Wenn dir sechzig Wörter zu viel sind, gibt es eine Abkürzung.
Stell an jeden Satz eine einzige Frage: Woran hätte ein Fremder das gemerkt?
Diese Frage erledigt fünf der sechs Gruppen fast von allein.
Nur die Füllsel fängt sie nicht.
Die brauchen weiter die Suchfunktion.
Bonus: ein Test, der eine Minute dauert.
Lies einen Absatz jemandem vor, ohne zu sagen, worum es geht.
Frag danach: Was hast du gesehen?
Ist die Antwort ein Bild, ist der Absatz in Ordnung.
Ist die Antwort ein Thema, steckt Ladung drin.
„Aber Herz ist doch kein schlechtes Wort!“
Nein, ein sehr gutes.
Es ist nur verbraucht, wie ein Trittbrett, auf das eine Million Menschen gestiegen sind.
Nicht kaputt, aber glatt.
Benutz es einmal, an einer Stelle, an der der Saal es nicht erwartet.
„Ich schreibe bewusst umgangssprachlich.“
Dann gilt vor allem Gruppe 4 nicht für dich.
Wichtig ist nur, ob die Umgangssprache eine Entscheidung ist oder ein Zufall.
Streich alle Füllwörter und setz danach fünf bewusst wieder ein.
Der Text klingt genauso locker und ist kürzer.
„Und wenn mein Text durchs Streichen zu kurz wird?“
Das ist das beste Problem, das du haben kannst.
Du hast jetzt Platz für eine zweite Szene, ein Detail, eine Pause.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenUnd Juna?
Ferdinand legt den roten Stift weg und tippt auf eine Stelle mitten in der stärksten Passage.
„Da“, sagt er.
Da steht es.
Gewissermaßen.
Element 12, Gruppe 1, der letzte Weichmacher in der Tabelle.
Genau dort ist Juna heute Abend hängen geblieben.
Das Wort trug an dieser Stelle nichts bei.
Kein Bild, kein Gedanke, nur vier Silben voller Vorsicht.
Und es stand direkt vor dem wichtigsten Satz.
Das ist kein Zufall.
Weichmacher stehen fast immer genau dort, wo du dich am wenigsten traust.
Und unter Adrenalin sind sie Stolpersteine, die du dir selbst hingelegt hast.
Was nicht im Text steht, kann auf der Bühne nicht schiefgehen.
Zwei Wochen später liest Juna den Text wieder, entgiftet.
Die Passage läuft durch.
Ohne Stolpern, ohne Versicherung.
Und der Saal hört an genau der Stelle am stillsten zu, an der sie vorher hängen geblieben ist.
Kein Bullshit: Fünf der sechs Gruppen haben denselben Ursprung.
Angst.
Die Weichmacher fürchten Widerspruch.
Die Verstärker fürchten, nicht ernst genommen zu werden.
Die Distanzhalter fürchten die eigene Beteiligung.
Und die Erklärer fürchten, nicht verstanden zu werden.
Jedes gestrichene Wort ist also eine kleine Entscheidung, dem eigenen Text zu trauen.
Dein Auftrag für diese Woche?
Nimm deinen letzten Text und such nur nach den zwölf Weichmachern.
Streich jeden Treffer, ohne nachzudenken.
Dann lies den Text einmal laut.
Das dauert zehn Minuten und ist die billigste Verbesserung, die es beim Schreiben gibt.
Ein leichter Text ist nicht weniger wert als ein schwerer.
Er kommt nur an.
