Jeder Güterwagen hat eine zulässige Achslast. Wird sie überschritten, fährt der Zug trotzdem — nur langsamer, lauter und mit mehr Verschleiß.
Genau das machen bestimmte Wörter mit deinem Text.
Sie sind nicht falsch. Man kann sie nicht als Fehler anstreichen, und keine Grammatik verbietet sie.
Sie wiegen nur. Und ein Text, der zu viel wiegt, kommt auf der Bühne nicht in Fahrt.
Ich habe diese Liste über Jahre zusammengetragen, indem ich in Workshops mitgeschrieben habe, welche Wörter ich am häufigsten anstreiche.
Unter diesen sechzig Wörtern ist eines, das mich einmal einen kompletten Auftritt gekostet hat.
Nicht weil es im Text stand, sondern weil ich mich beim Sprechen darin verheddert habe. Der ganze Absatz war danach hin.
Welches Wort das war, steht ziemlich weit unten. Es ist eines, das du wahrscheinlich für harmlos hältst.
Es sind sechzig geworden, und sie fallen in sechs Gruppen. Zu jeder Gruppe gibt es ein Gegengift — also nicht nur ein Verbot, sondern einen Ersatz.
Das ist wichtig, weil Streichen allein Lücken hinterlässt. Ein Wagen wird nicht dadurch gut, dass man ihn leer macht.
Bevor wir zur ersten Ladung kommen, noch eine Zahl, die mich selbst überrascht hat.
Ich habe einmal zwölf Texte aus einem Workshop durchgezählt, alle zwischen drei und fünf Minuten lang.
Im Schnitt kamen die sechzig Wörter aus dieser Liste vierundvierzigmal pro Text vor. Der Spitzenreiter hatte einundsiebzig Treffer auf vier Minuten.
Das sind keine schlechten Texte gewesen. Zwei davon haben später Abende gewonnen.
Aber rechne es einmal in Zeit um: Vierundvierzig überflüssige Wörter sind ungefähr zwanzig Sekunden. Das ist ein kompletter Absatz, den du geschenkt bekommst.
Und zwanzig Sekunden sind auf einer Bühne mit Fünf-Minuten-Limit sehr viel Geld.
Es lohnt sich, kurz zu überlegen, woher diese Wörter überhaupt kommen.
Sie stehen selten in der ersten Zeile eines Textes und häufen sich zur Mitte hin. Das hat einen simplen Grund: Am Anfang weißt du, was du sagen willst.
In der Mitte suchst du. Und beim Suchen füllt man Lücken mit dem, was gerade da ist.
Deshalb ist eine hohe Trefferquote in der Textmitte fast immer ein Hinweis auf eine schwache Stelle im Aufbau — nicht auf schlechten Stil.
Wenn du also einen Absatz findest, in dem sich fünf dieser Wörter drängen, streich sie nicht nur. Schau dir an, was der Absatz eigentlich sagen wollte.
Sehr oft stellt sich heraus, dass er gar nichts sagen wollte. Dann ist die Ladung nicht das Problem, sondern der ganze Wagen.
Ich habe auf diese Weise schon Absätze gestrichen, an denen ich stundenlang gefeilt hatte. Das tut weh und war jedes Mal richtig.

Es geht um Häufigkeit. Wenn eines dieser Wörter dreimal in deinen fünf Minuten vorkommt, ist es kein Stilmittel mehr, sondern Gewohnheit.
Und ein Hinweis zum Vorgehen: Streich beim ersten Schreiben nichts. Diese Liste ist für die zweite Fassung gedacht, sonst kommst du nie bei einer ersten an.
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Jetzt Kanal folgenWörter 1–12 · Die Weichmacher
Zwölf Wörter, die jede Aussage halbieren, bevor jemand widersprechen kann
Das ist die größte und schädlichste Gruppe. Sie besteht aus Wörtern, die eine Aussage abschwächen, bevor jemand widersprechen kann.
Lies einen Satz mit und ohne diese Wörter. „Ich war irgendwie ziemlich enttäuscht“ gegen „Ich war enttäuscht“.
Der zweite Satz ist kürzer, klarer und tut weh. Genau deshalb schreibt man den ersten.
Diese Wörter sind eine Versicherung. Sie sollen verhindern, dass jemand die Aussage zu ernst nimmt.
Auf einer Bühne ist das tödlich. Ein Publikum, das dir nicht glaubt, dass du meinst, was du sagst, hört nach zwei Minuten weg.
Wenn dir der Satz danach zu hart vorkommt, ist das die richtige Härte. Du kannst ihn immer noch weicher machen — aber dann mit Inhalt, nicht mit Füllmaterial.
Wörter 13–22 · Die Verstärker, die nichts verstärken
Zehn Wörter, die lauter klingen und dabei leiser wirken
Diese Gruppe ist die Zwillingsschwester der ersten, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Statt abzuschwächen, sollen sie verstärken. Sie tun das Gegenteil, weil sie die Arbeit übernehmen, die das Bild machen sollte.
„Es war unglaublich laut“ sagt einem Saal nichts. „Man musste sich zum Nachbarn beugen, um Danke zu sagen“ sagt ihm alles.
Ein Verstärker ist eine Behauptung über ein Gefühl. Ein Bild ist der Beweis dafür.
Diese eine Frage ist das stärkste Werkzeug in diesem ganzen Beitrag. Sie verwandelt Behauptungen in Szenen, und Szenen kann niemand bestreiten.

Wörter 23–32 · Die abgenutzten Gefühle
Zehn Wörter, die dein Saal an diesem Abend schon dreimal gehört hat
Diese Gruppe wird die meisten Widersprüche auslösen, deshalb sage ich sofort dazu: Das sind gute Wörter.
Sie sind nur so oft benutzt worden, dass sie im Saal nichts mehr auslösen. Ein Ohr, das „Scherben“ hört, sieht keine Scherben mehr.
Es ist wie eine Fahrkarte, die so oft entwertet wurde, dass der Aufdruck weg ist. Sie gilt formal noch und öffnet keine Schranke mehr.
Der Test dafür ist einfach: Kannst du dir vorstellen, dass in deinem Saal an diesem Abend noch jemand dasselbe Wort benutzt?
Bei diesen zehn lautet die Antwort fast immer ja.
Der Beitrag über Metaphern, die noch keiner benutzt hat zeigt, wie man solche Ersatzbilder findet, ohne in die nächste Schublade zu greifen.
Wörter 33–42 · Die Füllsel
Zehn Wörter, die dich zwanzig Sekunden deiner Auftrittszeit kosten
Diese Wörter gehören ins gesprochene Deutsch, und dort sind sie unentbehrlich.
Im geschriebenen Text sind sie Ballast, weil man sie beim Vortragen ohnehin dazwischenschiebt, wenn man sie braucht.
Wer sie mitschreibt, verdoppelt sie also. Und fünf Minuten sind knapp genug.
Rechne einmal nach: Zehn Füllwörter pro Minute sind über fünf Minuten fünfzig Stück. Das sind gut zwanzig Sekunden reine Ladezeit.
Die Zahl ist regelmäßig höher, als alle glauben, und sie sinkt allein dadurch, dass man sie einmal kennt.
Wörter 43–52 · Die Distanzhalter
Zehn Wörter, die drei Waggons zwischen dich und den Saal stellen
Diese Gruppe ist die heimtückischste, weil sie sich nach Allgemeingültigkeit anfühlt.
„Man fühlt sich manchmal allein“ ist ein Satz, dem alle zustimmen und den niemand hört.
„Ich habe am Sonntag den Fernseher angelassen, damit im Flur jemand redet“ ist derselbe Inhalt und trifft.
Der Unterschied ist nicht das Thema, sondern die Entfernung. Ein „man“ stellt drei Waggons zwischen dich und den Saal.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum ich so gerne „man“ schreibe. Es ist Schutz.
Wer „ich“ sagt, kann widerlegt werden. Wer „man“ sagt, hat sich schon vorher aus der Sache herausgehalten.
Und tausch jede Allgemeinheit gegen einen einzigen Fall. Ein Publikum schließt von einem Menschen auf alle — umgekehrt funktioniert es nie.

Wörter 53–60 · Die Erklärer
Acht Wörter, mit denen du dem Publikum sagst, dass du ihm nichts zutraust
Jedes dieser Wörter kündigt an, dass jetzt gleich noch einmal dasselbe kommt, nur deutlicher.
Damit sagst du dem Saal: Ich glaube nicht, dass du es beim ersten Mal verstanden hast.
Das ist nie so gemeint und kommt trotzdem so an.
Und praktisch immer ist die Version vor dem Erklärer die bessere. Sie ist kürzer, bildhafter und traut dem Publikum etwas zu.
Wenn der Text ohne die Erklärung nicht mehr funktioniert, war nicht die Erklärung das Problem, sondern das Bild davor. Dann bau das um — nicht die Erklärung wieder ein.

Ein echter Absatz, einmal abgeladen
Damit das nicht abstrakt bleibt, hier ein Absatz aus einem Workshop-Text. Veröffentlicht mit Erlaubnis, Inhalt leicht verändert.
Er ist ein völlig normaler Absatz. Nichts daran ist falsch, und genau deshalb eignet er sich.
Zähl einmal mit. In diesen vierundfünfzig Wörtern stecken siebzehn aus der Liste.
Das ist fast jedes dritte Wort, und der Absatz sagt trotzdem nichts, was man sich merken würde.
Jetzt derselbe Inhalt, einmal durch alle sechs Ladungen geschickt.
Dreiundzwanzig Wörter weniger, und der Absatz hat plötzlich zwei Menschen, eine Wohnung und ein Geräusch.
Er behauptet nichts mehr über die Gesellschaft. Er zeigt einen Sonntag, und der Saal zieht den Rest selbst.
Das Wichtigste an diesem Beispiel ist aber etwas anderes.
Der zweite Absatz ist nicht besser geschrieben. Er ist nur weniger geschrieben.
Die Autorin hatte den Fernseher-Satz schon im Kopf, als sie den ersten schrieb. Er stand nur zwei Absätze weiter unten, begraben unter der Ladung.
So ist es fast immer. Das Gute steht schon da, es steht nur nicht vorn.
Die fünf Wörter, die ich mir selbst am häufigsten streiche
Jeder hat seine eigenen Lieblingswörter, und man erkennt sie erst, wenn man einmal zählt.
Bei mir sind es diese fünf, und sie sagen ziemlich viel über mich aus.
„Eigentlich“. Mein absoluter Spitzenreiter, in manchen Fassungen bis zu neunmal auf vier Minuten.
Es steht immer vor Sätzen, bei denen ich mir nicht sicher bin. Es ist mein Warnblinker.
„Ein Stück weit“. Das ist die längere und schlimmere Version von „ein bisschen“.
Vier Wörter, die exakt nichts bedeuten und trotzdem eine Sekunde Sprechzeit kosten.
„Man“. Bei ernsten Texten steigt die Zahl sprunghaft an.
Je unangenehmer das Thema, desto mehr „man“. Ich habe daraus inzwischen ein Diagnosewerkzeug gemacht: Wo viele „man“ stehen, liegt der wunde Punkt.
„Irgendwie“. Kommt fast nur in ersten Fassungen vor und verschwindet in der zweiten von selbst.
Das halte ich für ein gutes Zeichen. Es ist ein Wort, das beim Denken hilft und beim Sprechen stört.
„Natürlich“. Das steht bei mir immer vor Behauptungen, die alles andere als natürlich sind.
Es soll Widerspruch abwehren, bevor er entsteht. Genau deshalb muss es weg, denn ein Text, der Widerspruch abwehrt, lädt niemanden ein.
Ich schreibe das so ausführlich auf, weil deine fünf andere sein werden.
Und weil die eigene Liste am Ende wertvoller ist als meine sechzig. Sie zeigt dir nämlich nicht nur, was du streichen sollst, sondern wovor du dich beim Schreiben drückst.
Was passiert, wenn man es übertreibt
Es gibt einen Punkt, an dem Streichen kippt, und ich bin da selbst hineingelaufen.
Nach einem Jahr mit dieser Liste hatte ich Texte, in denen kein einziges überflüssiges Wort mehr stand.
Sie waren technisch sauber und emotional eiskalt. Jemand hat mir damals gesagt, es klinge, als hätte ein Anwalt ein Gedicht geschrieben.
Das Problem war nicht das Streichen, sondern der Zeitpunkt. Ich habe angefangen, schon beim ersten Satz zu kürzen.
Wer beim Beladen schon ablädt, bekommt nie einen vollen Wagen. Und ein Text, der nie voll war, wird durch Kürzen nicht besser, sondern dünn.
Seitdem halte ich mich an eine feste Reihenfolge: erst alles aufschreiben, was da ist, und die Liste erst am nächsten Tag aufmachen.
Beladen und Abladen sind zwei Vorgänge. Sie finden nicht gleichzeitig statt, in keinem Güterbahnhof der Welt.
Eine letzte Sache noch, die mit dem Vortragen zu tun hat.
Diese sechzig Wörter sind nicht nur Ladung für den Text, sondern auch für deinen Mund.
Jedes davon ist eine Stelle, an der du unter Adrenalin stolpern kannst. Und Weichmacher stehen fast immer direkt vor den wichtigen Sätzen, also genau dort, wo Stolpern am meisten kostet.
Ich habe einmal einen Auftritt verloren, weil ich mich in einem „gewissermaßen“ verheddert habe. Das Wort trug nichts bei und hat den ganzen Absatz mitgenommen.
Seitdem sehe ich diese Liste auch als Sicherheitsmaßnahme. Was nicht im Text steht, kann auf der Bühne nicht schiefgehen.
Der Beitrag über das Auswendiglernen geht dem weiter nach — kürzere Texte merkt man sich übrigens auch deutlich leichter.
Warum Kürzen länger dauert als Schreiben
Es gibt einen Satz, der in jedem Schreibratgeber steht und meistens der falschen Person zugeschrieben wird.
Er lautet sinngemäß: Ich habe diesen Brief nur deshalb so lang gemacht, weil ich keine Zeit hatte, ihn kürzer zu machen.
Ich erzähle das nicht wegen der Anekdote, sondern wegen des Inhalts.
Pascal beschreibt hier eine Erfahrung, die jeder kennt, der schon einmal einen Text auf drei Minuten bringen musste.
Lang zu schreiben geht schnell. Kurz zu schreiben dauert.
Denn beim Kürzen musst du entscheiden, was wirklich wichtig ist. Beim Schreiben kannst du das offenlassen.
Deshalb ist die Ladung in deinem Text kein Zeichen von Schlamperei. Sie ist ein Zeichen davon, dass du noch nicht fertig warst.
Gruppe 1 und 4 verschwinden ersatzlos — das macht den Text nüchterner, aber nicht ärmer. Die Gruppen 2, 3, 5 und 6 werden dagegen ersetzt, und zwar durch etwas Konkreteres.
Am Ende hast du also weniger Wörter und mehr Bilder. Genau davon lebt ein Bühnentext.
Wann jedes dieser Wörter richtig ist
Jetzt der Teil, der diese ganze Liste erst brauchbar macht.
Es gibt nämlich zwei Fälle, in denen du jedes einzelne dieser sechzig Wörter benutzen sollst.
Erstens: wenn eine Figur so spricht. Menschen sagen „irgendwie“ und „halt“ und „total“.
Wenn du jemanden im Text sprechen lässt, gehören diese Wörter hinein. Eine wörtliche Rede ohne Füllwörter klingt nach Nachrichtensprecher.
Zweitens: wenn du sie einmal setzt und meinst. Ein einziges „wirklich“ an der richtigen Stelle trägt.
Zwölf davon tragen nichts mehr. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Stilmittel und einer Angewohnheit.
Ein Signal wirkt nur, solange es selten ist. Ein Bahnübergang, an dem es dauernd klingelt, wird ignoriert.
Und noch ein Wort zu den Texten, die von dieser Liste nicht profitieren.
Es gibt sie, und sie haben eines gemeinsam: Sie arbeiten bewusst mit Sprache, die sich selbst im Weg steht.
Ein Text über jemanden, der nicht sagen kann, was er meint, darf voller Weichmacher stecken. Dort sind sie die Figur und nicht das Problem.
Der Test ist immer derselbe: Hast du das Wort gesetzt oder ist es passiert?
Die Liste zum Ausdrucken
| Gruppe | Das Gegengift |
|---|---|
| 1 · Weichmacher (12) | Ersatzlos streichen |
| 2 · Verstärker (10) | Durch eine Beobachtung ersetzen |
| 3 · Abgenutzte Gefühle (10) | Eine Ebene konkreter gehen |
| 4 · Füllsel (10) | Ersatzlos streichen, beim Sprechen kommen sie zurück |
| 5 · Distanzhalter (10) | „man“ wird „ich“, Allgemeines wird ein Fall |
| 6 · Erklärer (8) | Erklärer und Folgesatz streichen |
Zwei der sechs Gruppen verschwinden also ersatzlos, vier werden getauscht.
Wenn du nur eine Gruppe anfassen willst, nimm die fünfte. Sie verändert Texte am stärksten, weil sie die Entfernung zwischen dir und dem Saal verändert.
Sätze, die sich durch ein einziges Wort verändern
Manchmal reicht ein einziger Griff. Diese zehn Paare stammen alle aus echten Texten und sind jeweils nur um ein oder zwei Wörter verändert.
Lies beide Fassungen laut. Der Unterschied liegt nicht auf dem Papier, sondern im Mund.
| Mit Ladung | Abgeladen |
|---|---|
| Ich war eigentlich ziemlich wütend. | Ich war wütend. |
| Es war unglaublich still im Raum. | Man hörte den Kühlschrank. |
| Man fühlt sich da manchmal klein. | Ich habe mich klein gefühlt. |
| Sie hatte total viel Sehnsucht. | Sie hat seine Nummer nie gelöscht. |
| Das heißt, sie war einsam. | (streichen) |
| Es ist so, dass Kinder ehrlich sind. | Kinder sind ehrlich. |
| Sein Herz war voller Schmerz. | Er hat drei Tage nicht gegessen. |
| Wir alle kennen das ja irgendwie. | Du kennst das. |
| Heutzutage ist alles relativ schnell. | Der Bus wartet nicht mehr. |
| Im Grunde genommen ging es um Angst. | Es ging um Angst. |
Dir fällt vielleicht auf, dass die rechte Spalte in vier Fällen nicht kürzer, sondern anders ist.
Das sind genau die Fälle mit Gegengift. Aus einer Behauptung ist eine Beobachtung geworden, und die kostet manchmal ein Wort mehr.
Das ist völlig in Ordnung. Es geht nicht um Kürze an sich, sondern um Tragfähigkeit.
Ein Wagen mit dreihundert Kilo Werkzeug ist besser beladen als einer mit dreihundert Kilo Sand.
Eine Frage, die alle sechs Gruppen ersetzt
Wenn dir sechzig Wörter zu viel sind, um sie im Kopf zu behalten, gibt es eine Abkürzung.
Stell an jeden Satz deines Textes eine einzige Frage: Woran hätte ein Fremder das gemerkt?
Diese Frage erledigt fünf der sechs Gruppen von allein.
Sie zwingt dich zu Beobachtungen statt Behauptungen, und Beobachtungen kommen ohne Weichmacher, ohne Verstärker und ohne abgenutzte Gefühle aus.
Sie löst auch das Distanzproblem, weil ein Fremder immer an einem bestimmten Ort steht und nie „man“ ist.
Und sie macht Erklärungen überflüssig, weil eine Beobachtung sich selbst erklärt.
Nur die Füllsel aus Gruppe 4 fängt sie nicht. Die brauchen weiterhin die Suchfunktion.
Ich benutze diese Frage seit Jahren als einzigen Filter, wenn ich wenig Zeit habe. Sie ist ungenauer als die Liste und schafft achtzig Prozent der Arbeit in einem Zehntel der Zeit.
Zum Ausprobieren gibt es übrigens einen Kurztest, der nur eine Minute dauert.
Nimm irgendeinen Absatz aus deinem Text und lies ihn jemandem vor, ohne zu sagen, worum es geht.
Frag danach: Was hast du gesehen? Wenn die Antwort ein Bild ist, war der Absatz in Ordnung.
Wenn die Antwort ein Thema ist, steckt Ladung drin. Ein Publikum, das Themen wiedergibt statt Bilder, hat nichts vor Augen gehabt.
Dieser Test ist unbestechlicher als jede Wortliste, weil er nicht misst, was du geschrieben hast, sondern was angekommen ist.
Wie du die sechzig Wörter in zwanzig Minuten findest
Die Liste nützt nichts, wenn du deinen Text danach absuchst wie ein Korrektor. Das dauert ewig und macht keinen Spaß.
Deshalb hier das Verfahren, das ich in Workshops benutze. Es dauert zwanzig Minuten und funktioniert bei jedem Text.
Schritt eins: Suchfunktion. Öffne deinen Text und such nacheinander nach den zwölf Weichmachern aus Gruppe 1.
Markier jeden Treffer farbig, ohne zu entscheiden. Entschieden wird später, sonst diskutierst du bei jedem einzelnen Wort mit dir selbst.
Schritt zwei: zählen. Schau dir an, wie viele Treffer du hast.
Bei einem Vier-Minuten-Text sind zwölf bis zwanzig normal. Alles darüber ist ein Muster, kein Zufall.
Schritt drei: alle weg. Streich sämtliche Markierungen aus Gruppe 1 und 4, ohne Ausnahme.
Nicht abwägen, nicht einzeln prüfen. Du kannst hinterher drei zurückholen, und das werden nicht die sein, die du jetzt behalten würdest.
Schritt vier: laut lesen. Jetzt einmal komplett durch, ohne anzuhalten.
Du wirst an zwei, drei Stellen merken, dass etwas fehlt. Genau diese Stellen holst du zurück — und nur diese.
Schritt fünf: die Gruppen 2, 3, 5 und 6. Die gehen nicht per Suchfunktion, sondern nur beim langsamen Lesen.
Nimm dir dafür einen zweiten Durchgang und tausch pro Durchgang nur eine Gruppe. Alles auf einmal wird ein Kraut-und-Rüben-Text.

Was mir dazu widersprochen wird
Denk an ein Trittbrett, auf das eine Million Menschen gestiegen sind. Es ist nicht kaputt, aber es ist glatt.
Wenn du „Herz“ benutzen willst, benutz es genau einmal und an einer Stelle, an der der Saal es nicht erwartet. Dann trägt es wieder.
Der Unterschied ist, ob die Umgangssprache eine Entscheidung ist oder ein Zufall. Wenn du sie steuerst, wird sie zum Ton. Wenn sie einfach passiert, wird sie zur Ladung.
Ein guter Test: Streich alle Füllwörter und setz danach fünf bewusst wieder ein. Der Text klingt dann genauso locker und ist eine Minute kürzer.
Du hast jetzt Platz für etwas, das der Text vorher nicht hatte: eine zweite Szene, ein konkretes Detail, eine Pause.
Zeit mit Ladung füllen ist einfach. Zeit mit Inhalt füllen ist Arbeit — aber nur das merkt sich ein Publikum.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Zwölf Suchvorgänge
Nimm deinen letzten Text und such nach den zwölf Wörtern aus Gruppe 1. Nur diese zwölf.
Streich jeden Treffer, ohne nachzudenken, und lies den Text danach einmal laut.
Das dauert zehn Minuten und ist die billigste Verbesserung, die es beim Schreiben gibt.
Ich habe das bei über hundert Texten gemacht und noch keinen einzigen erlebt, der danach schlechter war.
Das liegt nicht an mir und nicht an der Liste. Es liegt daran, dass diese Wörter beim Schreiben entstehen und nicht beim Denken.

Zum Schluss noch die Beobachtung, die mich bei dieser Liste am meisten überrascht hat.
Fünf der sechs Gruppen haben denselben Ursprung: Angst.
Die Weichmacher fürchten Widerspruch. Die Verstärker fürchten, nicht ernst genommen zu werden.
Die Distanzhalter fürchten die eigene Beteiligung, und die Erklärer fürchten, nicht verstanden zu werden.
Insofern ist diese Liste weniger eine Stilübung als eine Mutfrage. Jedes gestrichene Wort ist eine kleine Entscheidung, dem eigenen Text zu trauen.
Eine allerletzte Warnung, weil ich diesen Fehler selbst gemacht habe.
Zeig diese Liste niemandem, während er gerade schreibt. Sie ist ein Werkzeug für die zweite Fassung und ein Gift für die erste.
Wer sie beim Schreiben im Kopf hat, schreibt nicht mehr, sondern kontrolliert. Und Kontrolle hat noch nie einen Text hervorgebracht.
Und der Zug fährt danach spürbar leichter an.
Bleibt das Wort vom Anfang, das mir einen Auftritt zerlegt hat.
Es war „gewissermaßen“, Ladung 1, das letzte in der Liste der Weichmacher.
Ich hatte einen Text über meinen Onkel, und mitten in der stärksten Passage stand dieses Wort. Ich bin darin hängengeblieben, habe neu angesetzt, bin wieder hängengeblieben.
Der Absatz war danach kaputt, und mit ihm die letzten anderthalb Minuten.
Das Wort trug an dieser Stelle exakt nichts bei. Es war nur ein Stolperstein, den ich mir selbst hingelegt hatte — und seitdem lese ich jede Streichliste auch als Sicherheitsmaßnahme.
Texte überarbeiten — wie die zweite Fassung entsteht.
Metaphern bauen, die noch keiner benutzt hat — das Gegengift zu Gruppe 3 in ausführlich.
Zu kompliziert geschrieben — wenn nicht die Wörter, sondern die Sätze zu schwer sind.
Die Todsünden im Slam-Text — die Ebene über den einzelnen Wörtern.
Text laut lesen — der Test, mit dem du Ladung hörst statt siehst.
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