Jedes Bahnbetriebswerk hat ein Gleis, das nirgendwohin führt. Es endet nach dreihundert Metern, und genau darauf lernt jeder Lokführer fahren.
Die meisten Leute, die schreiben wollen, haben kein solches Gleis.
Sie setzen sich hin und wollen sofort einen Text. Nicht üben, sondern liefern.
Das ist ungefähr so, als würde man das Fahren lernen, indem man den Nachtzug nach Wien übernimmt.
Es geht manchmal gut. Aber es ist eine schlechte Art zu lernen, weil jeder Fehler sofort Folgen hat.
Eine dieser fünfundzwanzig Übungen lassen ungefähr neunzig Prozent aller Teilnehmer aus.
Es ist nicht die schwerste und nicht die längste. Sie dauert wie alle anderen zehn Minuten.
Welche es ist und warum ausgerechnet sie den größten Unterschied macht, steht am Ende dieses Beitrags.
Dieser Beitrag ist deine Übungsstrecke. Fünfundzwanzig Durchgänge, je zehn Minuten, in fünf Runden sortiert.
Keine dieser Übungen erzeugt einen Text für die Bühne. Das ist kein Mangel, sondern der Zweck.
Auf einer Übungsstrecke darf man bremsen, bis es quietscht. Genau deshalb lernt man dort etwas.
Bevor die erste Runde losgeht, noch ein Wort zur Unterscheidung zwischen Übung und Text.
Sie wird in Schreibratgebern selten gemacht, und ich halte das für den Hauptgrund, warum so viele Leute glauben, sie könnten nicht schreiben.
Ein Text hat ein Ziel: Er soll bei jemandem ankommen. Deshalb wird er überarbeitet, gekürzt und irgendwann fertig.
Eine Übung hat kein Ziel außer sich selbst. Sie wird nicht überarbeitet, nicht gezeigt und nie fertig.
Wer beides verwechselt, bewertet seine Übungen wie Texte und findet sie schlecht. Sie sind aber gar nicht dafür gemacht, gut zu sein.
Ein Musiker würde nie auf die Idee kommen, seine Tonleitern schlecht zu finden. Beim Schreiben passiert das ständig.
Eine Sache noch, die den Unterschied zwischen dieser Liste und den meisten Übungssammlungen ausmacht.
Alle fünfundzwanzig sind darauf gebaut, dass ein Text später gehört wird und nicht gelesen.
Deshalb kommt Runde 2 so früh, deshalb taucht das laute Lesen viermal auf, und deshalb ist keine einzige Übung dabei, die sich mit Rechtschreibung beschäftigt.
Für einen Roman wäre diese Liste falsch zusammengestellt. Für fünf Minuten auf einer Bühne ist sie genau richtig.

Das sind vier Stunden und zehn Minuten in einem Monat. Weniger, als die meisten Leute in einer Woche mit dem Handy verbringen.
Und eine Bitte: Heb alles auf, was dabei entsteht. Nicht wegen der Qualität — wegen des Vergleichs am dreißigsten Tag.
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Runde 1 sieht aus wie Nichtstun — und entscheidet über alles Weitere
Die häufigste Ursache für leere Blätter ist nicht fehlendes Talent, sondern fehlendes Material.
Diese fünf Übungen füllen das Lager. Sie sehen aus wie Nichtstun und sind die Voraussetzung für alles Weitere.
Wer die Runde 1 ernst nimmt, hat nach fünf Tagen zwischen zwölf und zwanzig verwertbare Beobachtungen auf Zetteln.
Das ist mehr Material, als die meisten Leute in einem halben Jahr sammeln. Und es hat zusammen fünfzig Minuten gekostet.
Keine Vermutungen, keine Geschichte. Nur Sichtbares: Schuhe, Haltung, was sie in den Händen hält, wohin sie schaut.
Was das trainiert: Beobachtung statt Behauptung. Das ist die Grundlage von allem, was später Bild wird.
Zähl die Wörter wirklich. Die Begrenzung ist die halbe Übung.
Was das trainiert: Genauigkeit unter Platzmangel — also exakt die Lage auf einer Bühne mit Fünf-Minuten-Limit.
Danach markier die drei, die du vorher nicht bemerkt hattest.
Was das trainiert: Texte über Geräusche sind sofort im Raum. Und die meisten Leute schreiben ausschließlich über Sichtbares.
Nimm auch die kleinen — besonders die kleinen. Ein Nachmittag beim Zahnarzt ist wertvoller als ein Urlaub.
Was das trainiert: Das ist dein Materiallager. Wenn dir nächsten Monat nichts einfällt, liegen hier zwölf Anfänge.
Schreib dann zu einem davon zehn Minuten weiter: Wer sagt das, zu wem, und was ist vorher passiert?
Was das trainiert: Echte Sprache klingt anders als erfundene. Ein einziger echter Satz trägt manchmal einen ganzen Text.

Übungen 6–10 · Klang und Stimme
Fünf Übungen für das, was ein Text erst auf der Bühne wird
Das ist unangenehm und fühlt sich nach Telegramm an. Genau darum geht es.
Was das trainiert: Nach dieser Übung merkst du beim normalen Schreiben zum ersten Mal, wie lang deine Sätze eigentlich sind.
Kommas sind erlaubt, Gedankenstriche auch. Nur kein Punkt.
Was das trainiert: Atem und Sog. Lange Sätze ziehen einen Saal mit, wenn sie eine Richtung haben — und genau die musst du hier finden.
Erst schnell, dann normal, dann so langsam, dass es sich falsch anfühlt.
Was das trainiert: Du hörst deine eigene Stimme, ohne gleichzeitig deinen Text zu bewerten. Das geht bei eigenen Texten nie.
Du wirst feststellen, dass du im Sprechen besser formulierst als im Schreiben.
Was das trainiert: Deine gesprochene Sprache ist näher an Bühnensprache als deine geschriebene. Diese Übung holt sie aufs Papier.
Schreib danach die drei schlimmsten Stellen um, bis sie glatt durchlaufen.
Was das trainiert: Die Erkenntnis, dass Stolpern eine Eigenschaft des Textes ist und nicht deiner Zunge. Mehr dazu im Beitrag über das laute Lesen.

Übungen 11–15 · Bauen
Fünf Übungen, die aus Material einen Text machen
Lies alle drei laut und entscheide dich.
Was das trainiert: Dass es nie nur einen Anfang gibt. Die meisten Leute nehmen den erstbesten und wissen gar nicht, dass sie eine Wahl hatten.
Was das trainiert: Zielgerichtetes Schreiben. Ein Text mit bekanntem Ende hat automatisch eine Richtung, und Richtung ist das, was Publikum hält.
Das Thema ist egal, die Form ist die Übung.
Was das trainiert: Eine geliehene Form bringt eine Reihenfolge mit. Sie nimmt dir die Hälfte der Bauarbeit ab und macht den Text nebenbei komisch.
Lies das Ergebnis laut. In etwa jedem dritten Fall ist die neue Reihenfolge besser.
Was das trainiert: Dass die Reihenfolge, in der du geschrieben hast, selten die beste ist. Sie ist nur die, in der es dir eingefallen ist.
Sie muss aus derselben Welt kommen wie der Rest — kein Fremdkörper, keine Pointe von außen.
Was das trainiert: Kontrast. Es ist der einfachste Weg, aus einem soliden Text einen guten zu machen, und fast niemand macht es.

Übungen 16–20 · Wegnehmen
Die Runde, die am meisten bringt — und die niemand gern macht
Das ist brutal und geht trotzdem fast immer.
Was das trainiert: Du entdeckst dabei, welche Sätze wirklich tragen. Das erfährst du auf keine andere Weise.
Kein „alt“, kein „dunkel“, kein „leer“. Nur Dinge und Handlungen.
Was das trainiert: Beschreibung durch Auswahl statt durch Bewertung. Der Text wird dabei erstaunlich viel atmosphärischer, nicht weniger.
Was das trainiert: Die schnellste Verbesserung, die es gibt. Die vollständige Liste steht im Beitrag über die sechzig Wörter, aber diese vier reichen für den Anfang.
Du darfst ihn hinterher zurückholen — aber erst nach der neuen Fassung.
Was das trainiert: Ob der Text dem Satz dient oder der Satz dem Text. Das ist eine unangenehme Frage und meistens eine klärende.
Bei drei von fünf wird der Text dadurch besser.
Was das trainiert: Fast alle Texte hören eine Zeile zu spät auf, weil man am Schluss noch erklären will, was gemeint war.
Übungen 21–25 · Mut
Fünf Übungen, die nichts mit Technik zu tun haben und trotzdem alles entscheiden
Die letzten fünf haben nichts mit Technik zu tun. Sie sind trotzdem der Grund, warum manche Leute nach einem Jahr anders schreiben und andere nicht.
Das Zerreißen gehört zur Übung. Es macht das Schreiben erst möglich.
Was das trainiert: Du merkst, wie anders du schreibst, wenn niemand mitliest. Diesen Ton willst du langsam in deine echten Texte holen.
Nicht abschicken. Nie.
Was das trainiert: Ein Text mit einem echten Adressaten hat einen anderen Ton als ein Text an alle. Viele der besten Slam-Texte sind versteckte Briefe.
Nicht ironisch, sondern ernsthaft und mit den stärksten Argumenten, die du findest.
Was das trainiert: Texte, die einen Einwand kennen, sind sofort erwachsener. Und du findest dabei die Stellen, an denen deine eigene Position dünn ist.
Danach fragst du genau eine Sache: Was hast du gesehen?
Was das trainiert: Die Erfahrung, dass ein Text ohne Bedienungsanleitung funktioniert. Und du übst nebenbei, nicht vorher um Nachsicht zu bitten.
Zehn Minuten lang, mit voller Absicht.
Was das trainiert: Zwei Dinge. Erstens macht es Spaß. Zweitens erkennst du danach deine eigenen Klischees sofort, weil du gerade zehn Minuten mit ihnen verbracht hast.

Der Verlauf von dreißig Tagen, ehrlich beschrieben
Ich habe diesen Monat mit ungefähr vierzig Leuten begleitet, und der Verlauf ähnelt sich so stark, dass man ihn aufschreiben kann.
Es lohnt sich, ihn vorher zu kennen. Dann hält man die schwierigen Stellen besser aus.
Tage 1 bis 3: Begeisterung. Die ersten Übungen fallen leicht, weil sie neu sind und wenig verlangen.
Viele schreiben in dieser Phase länger als zehn Minuten. Das ist erlaubt, aber kein gutes Zeichen — die Begrenzung ist der Kern der Sache.
Tage 4 bis 8: die erste Schwelle. Hier kommt der Gedanke, dass das alles nichts bringt.
Man hat inzwischen sechs oder sieben Zettel voll und keinen einzigen Text. Genau an diesem Punkt steigen die meisten aus.
Der Gedanke stimmt sogar — es bringt in dieser Phase wirklich nichts Sichtbares. Es baut nur Material auf, und Material sieht nach nichts aus.
Tage 9 bis 14: die erste Überraschung. Irgendwo in Runde 2 oder 3 passiert bei fast allen dasselbe.
Eine Übung produziert plötzlich etwas, das kein Übungstext mehr ist. Ein Absatz, den man behalten will.
Bei den meisten kommt das aus Übung 9 oder 12. Bei mir war es damals Übung 5 — ein Satz, den meine Mutter am Telefon gesagt hatte und der drei Monate später ein ganzer Text war.
Tage 15 bis 22: die Arbeitsphase. Jetzt wird es unspektakulär, und das ist gut.
Die Übungen laufen, ohne dass man sich überwinden muss. Die zehn Minuten sind zu einer Gewohnheit geworden, so wie Zähneputzen.
Das ist der eigentliche Gewinn des Monats. Nicht die Texte — die Selbstverständlichkeit.
Tage 23 bis 29: die zweite Schwelle. Runde 5 ist unangenehm, weil sie nichts mehr mit Technik zu tun hat.
Hier springen noch einmal Leute ab, und zwar andere als in Woche eins. Es sind die, denen die ersten vier Runden leicht gefallen sind.
Wenn du zu ihnen gehörst, mach wenigstens Übung 24. Sie ist von den fünfen die harmloseste und verändert am meisten.
Tag 30: der Blick zurück. Fast alle, die durchhalten, sagen hinterher denselben Satz.
Nämlich, dass die ersten fünf Tage aussehen, als hätte sie jemand anders geschrieben. Das ist keine Einbildung, sondern der sichtbarste Beweis dafür, dass Üben funktioniert.
Wer lange schreibt, entwickelt Handgriffe, die zuverlässig funktionieren — und hört irgendwann auf, andere auszuprobieren. Das ist die Routinefalle, und sie kommt nach ungefähr fünf Jahren.
Für dich sind die Runden 4 und 5 gemacht. Besonders Übung 17 und Übung 23 — die tun bei Erfahrenen weh und ändern am meisten.
Die drei mit dem größten Ertrag
Fünfundzwanzig sind viel. Wenn du realistisch nur drei schaffst, nimm diese.
Übung 1, der fremde Mensch. Sie füllt dein Materiallager und kostet nichts außer einem Zettel.
Ich habe in einem Jahr aus dieser Übung mehr Textanfänge bekommen als aus allem anderen zusammen.
Übung 9, aufnehmen und mitschreiben. Sie holt deine gesprochene Sprache aufs Papier.
Die meisten Leute schreiben steifer, als sie reden. Diese Übung ist der kürzeste Weg, das zu verändern.
Übung 16, die Hälfte. Sie zeigt dir, welche Sätze wirklich tragen.
Und sie ist die einzige Übung auf dieser Liste, bei der aus einem vorhandenen Text sofort ein besserer wird.
Warum du Russisch Roulette mit Sprache spielen solltest
Diese drei decken zusammen die drei Grundfähigkeiten ab: sammeln, klingen, wegnehmen.
Es gibt noch eine Sache, die diese fünf Runden verbindet und die man leicht übersieht.
Keine einzige Übung verlangt eine Idee.
Das ist Absicht. Ideen sind das, was am schwersten zu bestellen ist — und gleichzeitig das, worauf die meisten Leute warten, bevor sie sich hinsetzen.
Alle fünfundzwanzig funktionieren an einem Tag, an dem dir nichts einfällt. Manche funktionieren an so einem Tag sogar besser.
Denn wenn man nichts sagen will, achtet man auf das Wie. Und das Wie ist der Teil, den man üben kann.
Wenn du sie einen Monat lang abwechselnd machst, hast du achtzig Prozent des Ertrags bei zwölf Prozent der Arbeit.
Fünf Fehler, die den ganzen Monat kosten
Ich habe diesen Monat oft genug scheitern sehen, um sagen zu können, woran es liegt. Es sind immer dieselben fünf Sachen.
Fehler eins: die Übung bewerten. Nach zehn Minuten schaut man auf den Zettel und findet ihn schlecht.
Natürlich ist er schlecht. Er ist eine Tonleiter und kein Konzert.
Wer Übungen bewertet, hört nach vier Tagen auf. Leg den Zettel weg, ohne ihn noch einmal zu lesen — das gehört zur Methode.
Fehler zwei: mehr als zehn Minuten. Klingt nach Fleiß und ist der zuverlässigste Weg, die Sache abzubrechen.
Wer am Montag vierzig Minuten schreibt, hat am Mittwoch keine Lust mehr. Zehn Minuten sind knapp genug, dass man sie auch an schlechten Tagen schafft.
Fehler drei: auf den richtigen Moment warten. Die perfekte Tageszeit, der ruhige Ort, die gute Stimmung.
Diese Bedingungen treten ungefähr zweimal im Monat ein. Der Rest der Übungen findet dann nicht statt.
Alle fünfundzwanzig Übungen funktionieren im Wartezimmer, in der Bahn und um halb elf abends auf dem Sofa.
Fehler vier: die unangenehmen überspringen. Runde 5 wird von etwa der Hälfte aller Leute ausgelassen.
Das ist verständlich und kostet genau den Teil, der einen Text von anderen unterscheidet.
Technik kann man von außen beurteilen. Ob jemand etwas riskiert, hört ein Saal in der ersten Minute.
Fehler fünf: alles wegwerfen. Das ist der teuerste von allen.
Am Tag dreißig soll dieser Stapel da sein. Ohne ihn fehlt der einzige Beweis, dass sich in einem Monat etwas verändert hat.
Ein Schuhkarton reicht. Es muss keine Ordnung sein, es muss nur alles drin sein.
Erstens: Die Uhr entscheidet, nicht das Ergebnis. Zehn Minuten sind zehn Minuten, egal ob ein Satz oder drei Seiten entstanden sind.
Zweitens: Nicht anhalten. Solange die Zeit läuft, wird geschrieben — auch wenn dreimal hintereinander derselbe Satz dasteht.
Drittens: Alles aufheben. Nichts wegwerfen, nichts sofort korrigieren, nichts sortieren. Das kommt am Tag dreißig.
Diese drei Regeln sind alles, was du dir merken musst. Der Rest sind Varianten.
Und falls du dich fragst, warum ausgerechnet zehn Minuten und nicht fünfzehn oder zwanzig: Es ist die längste Zeitspanne, in der praktisch niemand eine Ausrede findet.
Das klingt banal und ist der wichtigste Konstruktionsentscheid dieser ganzen Liste.
Warum es egal ist, ob dabei etwas Gutes herauskommt
Das ist der Punkt, an dem die meisten Leute abspringen, deshalb steht er hier ausdrücklich.
Aus diesen fünfundzwanzig Übungen entsteht mit hoher Wahrscheinlichkeit kein einziger Text, den du auf eine Bühne mitnimmst.
Das fühlt sich nach Verschwendung an, und es ist das Gegenteil.
Ein Lokführer fährt auf der Übungsstrecke im Kreis. Er kommt nirgendwo an, und trotzdem ist es genau das, was ihn fährt.
Was diese Übungen verändern, ist nicht dein Textbestand. Es ist, was du beim nächsten Schreiben automatisch tust.
Nach Übung 17 fällt dir bei jedem Adjektiv auf, dass du eine Wahl hast. Nach Übung 6 hörst du deine eigene Satzlänge.
Das passiert von allein und ohne dass du daran denkst. Genau daran erkennt man Training.
Dreissig Tage, aufgeteilt
Wenn du nicht selbst planen willst, nimm diese Aufteilung. Sie hat sich in Workshops bewährt.
| Woche | Was du machst |
|---|---|
| Tage 1–5 | Runde 1, eine Übung pro Tag. Danach ein Ruhetag. |
| Tage 7–11 | Runde 2. Die Aufnahme aus Übung 9 aufheben. |
| Tage 13–17 | Runde 3. Hier entsteht oft zum ersten Mal etwas Brauchbares. |
| Tage 19–23 | Runde 4, angewendet auf das, was in Runde 3 entstanden ist. |
| Tage 25–29 | Runde 5. Die unangenehmste Woche, die am meisten bringt. |
| Tag 30 | Alles noch einmal lesen. Nur lesen, nichts ändern. |
Der dreißigste Tag ist der wichtigste, und er kostet keine zehn Minuten, sondern eine halbe Stunde.
Du liest an diesem Tag alles, was in einem Monat entstanden ist, in einem Rutsch durch.
Was du dabei siehst, kann dir niemand vorher erzählen. Es sind meistens zwei, drei Stellen, an denen etwas anders klingt als sonst.
Diese Stellen sind der eigentliche Ertrag des Monats. Aus ihnen entstehen die nächsten Texte.
Und ein letzter Gedanke zu den dreißig Tagen.
Die Zahl ist willkürlich. Es könnten auch fünfundzwanzig oder vierzig sein.
Was nicht willkürlich ist, ist die Idee eines Zeitraums mit Anfang und Ende. Ein Monat ist überschaubar, und überschaubare Dinge fängt man an.
„Ab jetzt schreibe ich jeden Tag“ klingt größer und hält bei fast niemandem länger als zwölf Tage.
Nimm dir also lieber einen Monat vor und entscheide danach neu. Das ist keine Bescheidenheit, sondern Statistik.
Was mich dazu gefragt wird
Das Einzige, was den Monat kaputt macht, ist der Versuch, einen Rückstand aufzuholen. Danach hört fast jeder ganz auf.
Und die zehn Minuten sind bewusst so kurz, dass die Ausrede „heute keine Zeit“ nicht funktioniert. Eine Stunde hätte niemand, zehn Minuten hat jeder.
Der Grund ist praktisch: Beim Beobachten und beim Mutigsein hilft Langsamkeit, beim Umbauen und Streichen hilft die Suchfunktion.
Mehr zu diesem Unterschied im Beitrag über handschriftliches Schreiben.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 321 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Übung 1, morgen
Nicht die ganze Liste. Nicht der ganze Monat. Nur die erste Übung, morgen.
Setz dich irgendwo hin, wo Menschen vorbeikommen, und schreib zehn Minuten lang auf, was du an einer einzigen Person sehen kannst.
Das ist alles. Es kostet dich zehn Minuten und einen Zettel.
Ich mache diese Übung seit Jahren regelmäßig, und ungefähr jedes fünfte Mal steht danach ein Detail auf dem Zettel, das ich mir nie hätte ausdenken können.
Der letzte war ein Mann, der am Bahnsteig seinen Kaffeebecher auf den Boden gestellt hat, um beide Hände frei zu haben — und ihn dann stehen ließ, als der Zug kam.
Aus so etwas entstehen Texte. Aus dem Sitzen vor dem leeren Blatt nicht.
Zum Schluss noch eine Beobachtung, die mich selbst überrascht hat, als ich diese Liste zusammengestellt habe.
Zwanzig der fünfundzwanzig Übungen haben nichts mit dem Erfinden zu tun.
Sie beobachten, hören, sortieren, kürzen oder trauen sich etwas. Nur fünf verlangen, dass etwas Neues entsteht.
Das entspricht ziemlich genau der Aufteilung beim Schreiben selbst. Der Anteil, in dem etwas erfunden wird, ist viel kleiner, als man von außen denkt.
Der Rest ist Handwerk — und Handwerk ist die gute Nachricht, weil man es üben kann.
Genau dafür ist die Übungsstrecke da.

Bleibt die Übung, die fast alle auslassen.
Es ist Nummer 24: einem Menschen einen Text vorlesen, ohne vorher zu erklären, worum es geht oder dass er noch nicht fertig ist.
Sie dauert zehn Minuten und verlangt nichts weiter, als den Mund zu halten. Genau daran scheitert sie.
Ich habe in Workshops mitgezählt: Von fünfundzwanzig Übungen wird diese eine am häufigsten übersprungen, und zwar mit Abstand.
Der Grund ist immer derselbe. Wer vorher erklärt, kann sich hinterher herausreden. Wer nichts sagt, erfährt die Wahrheit — und genau das ist der ganze Ertrag dieser zehn Minuten.
60 Wörter, die deinen Text vergiften — die vollständige Liste zu Übung 18.
Schreibprompts — wenn dir bei einer Übung das Thema fehlt.
Schreibroutinen — wie es nach den dreißig Tagen weitergeht.
Das Textarchiv — wohin mit allem, was dabei entsteht.
Metaphern bauen — die Vertiefung zu Runde 1.
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