Das Gesetz der 100 Auftritte
Bei zwanzig hörst du auf zu zittern. Bei fünfzig hörst du dich selbst. Bei hundert bist du jemand anderes.
Ein Freund hat vor Jahren angefangen, seine Auftritte zu zählen. Ich fand das albern. Heute halte ich es für das Klarste, was er je gemacht hat.
Er hat ein kleines schwarzes Heft. Darin steht eine Zeile pro Abend.
Datum und Ort. Dazu der Text und eine Zahl von eins bis fünf.
Als ich ihn zum ersten Mal darin blättern sah, habe ich gelacht. Es sah aus wie ein Fahrtenbuch.
Genau das war es auch. Und genau deshalb hat es funktioniert.
An einem Abend im November hat er mir eine Seite gezeigt. Was darauf stand, hat meine Meinung über diese ganze Kunst verändert.
Ich erzähle das am Ende. Vorher müssen die drei Marken klar sein.

Bei der Bahn interessiert sich niemand für das Alter eines Fahrzeugs. Man fragt nach der Laufleistung.
Ein Triebwagen von 2012 kann fertig sein. Einer von 1998 kann noch Jahre haben.
Entscheidend ist, wie viel er gefahren ist. Nicht, wie lange er existiert.
Genau dasselbe gilt für dich. Nicht wie lange du dabei bist, sondern wie oft du oben warst.
Ich kenne Leute, die seit acht Jahren schreiben und zwölf Auftritte haben. Und Leute mit zwei Jahren und siebzig.
Die zweite Gruppe ist immer weiter. Ohne Ausnahme.
Hundert ist eine runde Zahl und deshalb verdächtig. Ich behaupte nicht, dass bei 99 nichts und bei 101 alles anders ist.
Die Zahl ist eine Größenordnung. Sie sagt: es sind viel mehr, als du denkst.
Und sie sagt noch etwas Zweites. Es sind weniger, als du fürchtest.
In diesem Beitrag kommen zwei berühmte Beispiele vor. Bei beiden stimmt die Geschichte nicht so, wie sie erzählt wird, und ich sage dir jeweils genau warum.
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Jetzt Kanal folgenDer Körper hört auf, sich zu wehren
Bis Auftritt zwanzig geht es nur um den Körper. Der Text ist in dieser Zeit fast egal.
Dein Körper hält die Bühne für eine Gefahr. Er kennt es nicht anders.
Also schaltet er auf Alarm. Herz schneller, Hände kalt, Stimme höher.
Dagegen hilft kein Argument. Du kannst deinem Herzen nicht erklären, dass zweihundert Leute ungefährlich sind.
Es lernt nur durch Wiederholung. Und Wiederholung braucht ungefähr zwanzig Durchgänge.
Was sich konkret ändert
Du wachst am Auftrittstag nicht mehr mit Bauchweh auf. Das ist die erste spürbare Veränderung.
Die Aufregung rückt näher an den Auftritt heran. Vorher hat sie den ganzen Tag gefressen.
Und sie wird kürzer. Sie dauert noch die letzten fünf Minuten statt acht Stunden.
Das ist der eigentliche Gewinn dieser ersten Marke. Du bekommst deine Tage zurück.
Ein neues Fahrzeug hat auch eine Einlaufphase. Bremsen und Lager müssen sich erst aufeinander einstellen.
In dieser Zeit klingt und ruckelt alles etwas anders. Danach läuft es rund.
„Ich habe zwölf Auftritte und zittere schlimmer als am Anfang.“
Das kommt häufiger vor, als man denkt. Meistens liegt es am Abstand. Zwölf Auftritte in zwei Jahren sind für deinen Körper zwölf einzelne Schocks. Zwölf Auftritte in vier Monaten sind eine Gewöhnung. Die Dichte zählt mehr als die Summe.
Was in dieser Phase noch nicht geht
Du kannst noch nicht auf den Saal reagieren. Dafür ist dein Kopf zu voll.
Du wirst auch nichts improvisieren. Und das ist völlig in Ordnung.
Verlange in diesen zwanzig Abenden nur eines von dir. Dass du hingehst.
Die Auftritte, die doppelt zählen
Hundert Abende sind nicht hundertmal dasselbe. Fünf davon bringen dich weiter als zwanzig andere.
Der erste Abend vor lauter Fremden
Viele treten zuerst dort auf, wo sie jemanden kennen. Das ist verständlich und es verfälscht alles.
Freunde lachen früher und klatschen länger. Du erfährst dabei nichts über deinen Text.
Der erste Abend in einem fremden Saal ist deshalb der erste echte. Alles davor war eine Generalprobe.
Der erste Abend in einer anderen Stadt
Er kostet dich einen halben Tag und eine Fahrkarte. Und er verändert deinen Maßstab dauerhaft.
Jede Szene hat einen eigenen Ton. In der einen Stadt gewinnen komische Texte, in der nächsten leise.
Wer das einmal erlebt hat, nimmt Wertungen anders. Sie werden von einem Urteil zu einer Ortsangabe.
Das ist die größte Entlastung, die du in diesem Jahr bekommen kannst. Und sie kostet eine Fahrkarte.
Der erste Abend nach einem Reinfall
Dieser Abend ist der wertvollste von allen. Und er wird am häufigsten ausgelassen.
Nach einem schlechten Auftritt legen viele eine Pause ein. Sie nennen es Nachdenken.
In Wahrheit erlaubt diese Pause dem Schrecken, sich einzurichten. Nach drei Monaten ist er gewachsen statt verblasst.
Geh so schnell wie möglich wieder hin. Am besten innerhalb von zwei Wochen.
Bei der Bahn gibt es dafür ein Verfahren nach Störungen. Man fährt die Strecke so bald wie möglich wieder an.
Sonst bleibt in den Köpfen hängen, dass dort etwas nicht stimmt. Bei dir ist es genau dasselbe.
Der erste Abend mit einem ganz neuen Text
Ein neuer Text ist ein Risiko, und genau das ist der Punkt. Du weißt vorher nicht, wo er trägt.
Diese Ungewissheit lehrt dich mehr als jede Wiederholung. Sie zwingt dich, den Saal zu beobachten.
Der erste Abend, an dem du nicht gewinnen willst
Irgendwann gehst du zu einem Abend und willst nur den Text ausprobieren. Die Wertung ist dir wirklich egal.
Dieser Abend ist meistens einer deiner besten. Weil du zum ersten Mal ohne Ziel oben stehst.
Du kannst das nicht planen. Du kannst es nur oft genug versuchen, bis es passiert.
„Soll ich diese fünf Abende dann gezielt suchen?“
Nur die ersten drei. Fremder Saal, andere Stadt, schnelle Rückkehr nach einem Reinfall lassen sich planen. Die beiden anderen kommen von allein, wenn du genug unterwegs bist. Man kann sie nicht herbeiführen, nur einladen.
Du hörst zum ersten Mal, was du da tust
Die zweite Marke ist die schönste. Sie kommt leise und verändert alles.
Ab ungefähr fünfzig Abenden hörst du dich beim Sprechen selbst. Vorher warst du nur beteiligt.
Das klingt seltsam und ist sehr konkret. Du merkst mitten im Satz, dass er zu lang ist.
Und du kannst ihn im Sprechen kürzen. Das ist eine völlig neue Fähigkeit.
Sie entsteht nicht durch Nachdenken. Sie entsteht dadurch, dass der Rest von allein läuft.
Woran du diese Marke erkennst
Du spürst, wann der Saal kippt. Nicht hinterher, sondern währenddessen.
Es gibt ein Geräusch, das ein aufmerksamer Raum macht. Genauer gesagt macht er keines.
Diese Stille kannst du ab fünfzig Abenden erkennen. Und du kannst anfangen, sie zu suchen.
Das ist der Punkt, an dem aus Vortragen ein Gespräch wird. Auch wenn nur einer spricht.

Was du zwischen 20 und 50 wirklich tust
Du sammelst Varianten. Das ist der ganze Vorgang.
Jeder Abend zeigt dir eine andere Art von Raum. Ein Keller mit vierzig Leuten, ein Saal mit dreihundert.
Ein Publikum mit Bier in der Hand und eins mit Notizblock. Eine Bühne mit Licht und eine ohne.
Nach dreißig solchen Abenden hast du eine kleine Sammlung im Kopf. Und du erkennst den Typ sofort, wenn du reinkommst.
Diese Sammlung kann dir niemand beibringen. Sie entsteht nur durch Fälle.
Die geteilte Klasse und die besseren Töpfe
Diese Geschichte läuft seit Jahrzehnten durch alle Ratgeber. Sie geht so.
Ein Lehrer teilt seine Klasse in zwei Hälften. Die eine wird nach Menge bewertet, die andere nach Qualität.
Die Mengengruppe soll so viel produzieren wie möglich. Die Qualitätsgruppe soll ein einziges perfektes Stück abliefern.
Am Ende kommen die besten Arbeiten aus der Mengengruppe. Und zwar deutlich.
Die Erklärung ist einleuchtend. Die einen haben gemacht und dabei gelernt.
Die anderen haben über Perfektion nachgedacht. Und sind mit einer Theorie und einem mittelmäßigen Stück geendet.
Die Gruppe, die auf Menge arbeitete, lieferte am Ende auch die beste Arbeit ab. Wer viel macht, lernt aus jedem Fehler weiter.
Erzählt in „Art & Fear“ von David Bayles und Ted Orland, 1993 · sinngemäß wiedergegeben
Und jetzt kommt der Teil, den fast niemand mit erzählt. Im Buch geht es um eine Keramikklasse.
Der eigentliche Vorgang stammt aber aus der Fotografie. Einer der Autoren hat später erzählt, dass der Fotograf Jerry Uelsmann das mit seinen Studenten gemacht hat.
Aus Fotos wurden im Buch Töpfe. Vermutlich, weil Töpfe anschaulicher sind.
Das ist keine große Sünde. Aber es ist ein schönes Beispiel dafür, wie Geschichten unterwegs bequemer werden.
Der Kern stimmt trotzdem. Und für Poetry Slam stimmt er besonders.
Denn ein Auftritt ist kein Topf. Du kannst ihn nicht nachbessern.
Es gibt nur den nächsten. Deshalb ist Menge hier nicht eine Strategie unter mehreren.
Sie ist die einzige. Alles andere ist Vorbereitung.
Wenn der Zähler läuft und nichts passiert
Bei der Bahn gibt es einen nüchternen Begriff dafür. Leerfahrten.
Der Zug fährt, verbraucht Strom und nutzt sich ab. Nur transportiert er niemanden.
Solche Abende gibt es auch bei uns. Sie stehen im Heft und bringen fast nichts.
Immer derselbe Saal
Der Heimatslam ist wichtig und gemütlich. Nach zwanzig Abenden dort lernst du kaum noch etwas.
Das Publikum kennt dich und deine Art. Es hört wohlwollend zu, und Wohlwollen ist kein Messwert.
Ich habe zwei Jahre lang fast nur zu Hause gespielt. In dieser Zeit habe ich mich kaum bewegt.
Es hat sich trotzdem gut angefühlt. Genau das ist die Falle.
Immer derselbe Text
Ein sicherer Text ist eine große Versuchung. Er funktioniert, und du weißt genau wo.
Beim fünften Mal ist er noch besser geworden. Beim zwanzigsten ist er ein Museumsstück.
Du spielst dann nicht mehr, du führst vor. Der Saal merkt das an einer winzigen Sache.
Deine Pausen sitzen zu genau. Sie klingen einstudiert statt gedacht.
Abende ohne jede Anspannung
Das klingt zuerst absurd. Anspannung wollen wir doch loswerden.
Ein bisschen davon muss aber bleiben. Sonst passiert im Körper nichts Neues.
Lernen braucht einen kleinen Widerstand. Ohne Widerstand ist es Wiederholung.
Deshalb gibt es einen einfachen Test für deinen nächsten Abend. Ist irgendetwas daran unbekannt.
Wenn nichts unbekannt ist, war es eine Leerfahrt. Schön, aber ohne Wirkung.
Wie du eine Leerfahrt in eine Messfahrt verwandelst
Du musst dafür nicht die Stadt wechseln. Es reicht, eine Kleinigkeit zu ändern.
Nimm den Text ohne Zettel. Oder fang mit dem letzten Absatz an.
Sprich einmal ohne Mikrofon, wenn der Raum es hergibt. Oder stell dich an eine andere Stelle der Bühne.
Jede dieser Änderungen macht aus dem Abend wieder einen Versuch. Und Versuche zählen doppelt.
„Dann waren meine letzten dreißig Abende also wertlos?“
Nein, sie waren Erhaltung. Eine Strecke, die nicht befahren wird, verfällt schneller als eine viel befahrene. Auch Leerfahrten halten dich in Übung. Sie bringen dich nur nicht weiter, und das ist ein Unterschied.
Die Bühne wird ein Ort und kein Ereignis
Die dritte Marke ist schwer zu beschreiben. Sie ist keine Fähigkeit, sondern eine Verschiebung.
Bis dahin war jeder Auftritt ein Ereignis. Etwas, das man plant und danach bespricht.
Ab ungefähr hundert ist es ein Ort. Ein Platz, an dem du dich auskennst.
Das ist derselbe Unterschied wie zwischen Urlaub und Zuhause. Im Urlaub bist du wach und aufmerksam.
Zu Hause kannst du nachts ohne Licht in die Küche gehen. Beides hat seinen Wert.
Was dann tatsächlich möglich wird
Du kannst einen Text spielen, den du zwei Stunden vorher geschrieben hast. Das wäre bei Auftritt zwanzig undenkbar gewesen.
Du kannst mitten drin die Reihenfolge ändern. Weil du merkst, dass der Saal etwas anderes braucht.
Und du kannst einen schlechten Abend haben, ohne dass er dir etwas bedeutet. Das ist vielleicht das Wichtigste.
Ein Fahrzeug mit hoher Laufleistung wird auch anders behandelt. Man weiß genau, was es aushält.
Deshalb schickt man es auf Strecken, die man einem Neuen nicht zumutet. Erfahrung wird zu Zutrauen.

Was die Beatles wirklich gelernt haben
Die Beatles sind das Lieblingsbeispiel aller Bücher über Übung. Meistens wird die Geschichte falsch erzählt.
Zwischen 1960 und 1962 spielten sie in Hamburger Clubs. Nicht ein paar Abende, sondern über Monate.
Sie standen an manchen Tagen fünf Stunden auf der Bühne. An Wochenenden auch länger.
In der bekanntesten Fassung dieser Geschichte kommen zehntausend Stunden vor. Diese Zahl stimmt nicht.
Der Beatles-Biograf Mark Lewisohn hat das nachgerechnet. In seinem Buch „Tune In“ von 2013 kommt er auf ungefähr elfhundert Stunden.
Das ist ein Zehntel der berühmten Zahl. Und es macht die Geschichte für uns viel interessanter.
Denn nicht die Stunden waren das Entscheidende. Es war die Zahl der Abende.
Hunderte Abende vor einem Publikum, das nicht wegen ihnen da war. Ein Publikum, das man erst gewinnen musste.
Genau das ist die Lage jedes Slammers. Der Saal ist nicht deinetwegen gekommen.
Eine Aufnahme aus der Hamburger Zeit. Achte weniger auf die Musik als auf die Selbstverständlichkeit.
Diese Selbstverständlichkeit ist das eigentliche Ergebnis von Hamburg. Man hört sie in jeder Aufnahme.
Vier junge Männer, die einen Raum nicht mehr fürchten. Das war zwei Jahre vorher noch anders.
„Also brauche ich hunderte Abende, sonst wird das nichts?“
Nein, du brauchst hundert. Die Beatles wollten Weltklasse werden, du willst gut auf einer Bühne stehen. Das ist ein anderer Anspruch und eine andere Zahl. Hundert Abende sind bei zwei Auftritten im Monat gut vier Jahre.
Der Nebeneffekt, mit dem niemand rechnet
Irgendwo zwischen fünfzig und hundert passiert etwas außerhalb der Bühne. Es merkt fast niemand rechtzeitig.
Du sitzt in einer Besprechung und sagst etwas Unbequemes. Ohne vorher fünf Minuten zu überlegen.
Oder du hältst eine Rede auf einer Feier. Und wunderst dich hinterher, dass du gar nicht nervös warst.
Das ist keine neue Fähigkeit. Es ist derselbe Körper, der gelernt hat, dass Aufmerksamkeit nicht tödlich ist.
Dieser Nebeneffekt ist für viele wertvoller als jede Wertung. Er wirkt jeden Tag und nicht nur dienstags.
Ich kenne mehrere Leute, die deshalb den Beruf gewechselt haben. Nicht wegen der Bühne, sondern wegen dem, was sie sich danach zutrauten.
Eine gut ausgebaute Strecke ändert auch die Gegend drumherum. Sie war eigentlich nur für die Züge gedacht.
Trotzdem entstehen entlang der Linie Betriebe und Wohnorte. Der Nutzen sucht sich seinen eigenen Weg.
Bei mir hat sich zuerst das Telefonieren verändert. Ich habe fremde Nummern jahrelang weggedrückt.
Nach ungefähr sechzig Abenden war das weg. Ein Gespräch mit einem Unbekannten ist im Vergleich harmlos.
Solche Verschiebungen bemerkt man nur rückblickend. Sie sind trotzdem das haltbarste Ergebnis dieser ganzen Sache.
Der Begabte mit zwölf Abenden verliert
Talent ist echt. Ich will das nicht kleinreden.
Manche Menschen haben ein besseres Ohr für Rhythmus. Manche finden Bilder schneller.
Nur wirkt das Talent auf einer sehr kurzen Strecke. Es entscheidet die ersten fünf Abende.
Danach entscheidet die Laufleistung. Und zwar sehr eindeutig.
Ich habe das Dutzende Male gesehen und nie eine Ausnahme erlebt. Der Begünstigte mit zwölf Auftritten verliert gegen den Mühsamen mit achtzig.
Warum das so ist
Talent hilft dir beim Schreiben. Auf der Bühne hilft es dir kaum.
Denn dort geht es um Dinge, die niemand begabt beherrscht. Atmen unter Anspannung zum Beispiel.
Oder das Gefühl dafür, wann eine Pause zu lang wird. Solche Dinge lernt der Körper nur durch Fälle.
Es gibt kein Talent für Routine. Das ist eine gute Nachricht für fast alle.
Ein längeres Gespräch über ein Leben auf Bühnen. Hör darauf, wie beiläufig die schweren Jahre erwähnt werden.

Die Zahl ist kleiner, als du denkst
Hundert klingt nach einem halben Leben. Rechne es einmal durch.
Ein Auftritt im Monat sind zwölf im Jahr. Damit brauchst du acht Jahre.
Zwei im Monat sind vierundzwanzig im Jahr. Damit sind es gut vier Jahre.
Drei im Monat sind sechsunddreißig. Damit bist du in weniger als drei Jahren durch.
Der Unterschied zwischen einem und drei Abenden im Monat ist enorm. Er entscheidet über fünf Jahre deines Lebens.
Und drei Abende im Monat sind kein hartes Programm. Das sind sechs Stunden.
Wo die Abende herkommen
Der häufigste Einwand lautet, es gebe nicht genug Bühnen. Das stimmt fast nie.
Es gibt in fast jeder mittelgroßen Stadt einen Slam. Dazu Lesebühnen und offene Mikrofone.
Wer bereit ist, eine Stunde zu fahren, hat plötzlich zehn Termine im Monat. Das ist der ganze Trick.
Bei der Bahn nennt man diesen Gedanken Einzugsgebiet. Es wächst mit jeder Minute Fahrzeit überproportional.
Dreizehn Kilometer weiter liegt nicht ein Ort mehr. Es liegt ein ganzer Kreis mehr darin.
„Ich habe Familie und einen Beruf. Drei Abende gehen nicht.“
Dann sind es eben acht Jahre statt drei. Das ist völlig in Ordnung und ändert nichts am Ziel. Die Zahl ist keine Frist, sondern eine Wegstrecke. Ein Zug mit zwei Fahrten pro Tag kommt auch irgendwann auf seine Kilometer.
Der Unterschied in einem Satz: Wer sich fragt, ob er begabt genug ist, stellt die falsche Frage. Die richtige lautet, wie viele Abende du in den nächsten zwölf Monaten unterbringst.
Was hundert Auftritte nicht lösen
Ich habe die ganze Zeit von der Zahl geschwärmt. Jetzt kommt die andere Hälfte.
Ein schlechter Text bleibt ein schlechter Text
Auftritte verbessern deinen Vortrag. Sie verbessern deine Texte nicht.
Ich kenne Leute mit dreihundert Abenden und schwachen Texten. Sie tragen brillant vor und sagen nichts.
Das ist ein trauriger Zustand, weil er von außen nach Erfolg aussieht. Der Saal klatscht und geht ohne einen Satz nach Hause.
Ein glatt lackiertes Fahrzeug ohne funktionierende Bremse fährt trotzdem nicht. Der Lack macht es nur schwerer, das zu sehen.
Deshalb gehört zu jedem Fahrplan ein Schreibplan. Auftritte allein sind eine halbe Sache.
Menge ersetzt kein Thema
Nach fünfzig Abenden merkst du oft, dass du über alles ein bisschen schreibst. Und über nichts genug.
Die Leute, die im Gedächtnis bleiben, haben ein Feld. Man weiß nach zwei Texten, worum es ihnen geht.
Dieses Feld findet man nicht auf Bühnen. Man findet es am Schreibtisch und im eigenen Leben.
Erfahrung kann auch bremsen
Nach vielen Abenden weißt du sehr genau, was funktioniert. Genau das kann dich klein machen.
Du schreibst dann keine riskanten Texte mehr. Weil du beim Schreiben schon den Saal hörst.
Das ist der Preis der Routine. Und er ist real.
Ich merke es bei mir selbst. Manche meiner besten Texte stammen aus Zeiten, in denen ich noch keine Ahnung hatte.
Dagegen hilft nur eine bewusste Entscheidung. Schreib regelmäßig etwas, von dem du glaubst, dass es nicht ankommt.
Und die Zahl ist kein Versprechen
Hundert Abende machen dich sicher. Sie machen dich nicht erfolgreich.
Ob dich jemand bucht, hängt an Dingen, die du nicht steuerst. Zeitpunkt, Kontakte, Zufall.
Deshalb sollte die Zahl dein Ziel sein und nicht die Karriere. Die Zahl liegt in deiner Hand.
Alles andere ist Wetter. Man kann sich passend anziehen und mehr nicht.
Und die Gesundheit setzt eine Grenze
Wer zu schnell zu viel fährt, fährt sich müde. Das ist keine Redensart.
Vier Abende in einer Woche klingen nach Fortschritt. Sie kosten dich meistens die nächsten drei Wochen.
Auch ein Fahrzeug braucht Zeit in der Halle. Ohne Wartung hält keine noch so hohe Laufleistung.
Deshalb ist Regelmäßigkeit wichtiger als Tempo. Drei Abende im Monat über Jahre schlagen jeden Anlauf im Sprint.
Woher die nächsten zwanzig Abende kommen
Die Theorie ist einfach und die Umsetzung scheitert am Suchen. Deshalb hier der konkrete Weg.
Fang mit dem Umkreis an
Zeichne gedanklich einen Kreis von einer Stunde Fahrzeit um dich. Darin liegen fast immer drei bis fünf Slams.
Dazu kommen Lesebühnen und offene Mikrofone. Die tauchen in keiner Slam-Liste auf und sind trotzdem Bühnen.
Such gezielt nach offenen Buchvorstellungen und Kulturvereinen. Viele davon haben einen offenen Teil am Ende.
Frag beim ersten Besuch nach dem Rest
Veranstalter kennen einander. Das ist die schnellste Abkürzung.
Stell nach deinem ersten Auftritt genau eine Frage. Wo lohnt es sich hier in der Gegend noch.
Auf diese Frage bekommst du drei Namen. Und meistens einen Satz dazu, an wen du dich wenden sollst.
Diese drei Namen sind mehr wert als jede Internetsuche. Sie kommen mit einer Empfehlung.
Schreib kurze Mails
Die häufigste Bewerbung ist viel zu lang. Niemand liest drei Absätze über deine Motivation.
Vier Zeilen reichen. Wer du bist, wo du schon aufgetreten bist, dass du gerne kämst.
Ein Link zu einem Mitschnitt hilft, wenn du einen hast. Wenn nicht, ist es auch kein Hindernis.
Die meisten Slams nehmen Anfänger ohnehin. Das ist Teil ihrer Idee.
Plan in Blöcken statt einzeln
Wer jeden Abend einzeln entscheidet, kommt auf zwölf im Jahr. Wer einmal im Quartal plant, kommt auf dreißig.
Setz dich viermal im Jahr eine halbe Stunde hin. Und trag sechs Termine ein.
Genau so macht die Bahn ihren Fahrplan. Nicht täglich, sondern in großen Schritten für ein ganzes Jahr.
Dann kann man die Anschlüsse aufeinander abstimmen. Bei dir heißt das, dass zwei Abende in einer Region auf ein Wochenende fallen.
Nimm auch die kleinen Bühnen
Ein Abend vor dreißig Leuten im Nebenraum einer Kneipe zählt genauso. Dein Körper unterscheidet nicht nach Ansehen.
Viele warten auf die richtige Bühne. Und sammeln dabei keine einzige Fahrt.
Eine Nebenbahn bringt dasselbe auf den Zähler wie eine Hauptstrecke. Nur ist die Aussicht schöner.
„Bei mir in der Gegend gibt es wirklich nichts.“
Dann gründe etwas. Ein offenes Mikrofon braucht einen Raum, einen Abend und fünf Leute. Ich kenne drei Reihen, die genau so entstanden sind. Und wer einen Abend veranstaltet, hat automatisch zwölf Auftritte im Jahr.
Dieselbe Regel gilt fast überall
Diese Rechnung ist nicht auf Bühnen beschränkt. Sie taucht in allen Künsten auf, in denen etwas live passiert.
Musiker sprechen von den ersten hundert Konzerten. Schauspieler von den ersten hundert Vorstellungen.
Lehrer sagen dir dasselbe über das erste Schuljahr. Vor einer Klasse zu stehen ist auch ein Körperberuf.
Immer geht es um dieselbe Sache. Um die Gewöhnung an einen Zustand, den man nicht üben kann.
Man kann ihn nur haben. Und zwar oft.
Deshalb helfen dir Erfahrungen aus anderen Feldern. Wer als Trainer Mannschaften angeleitet hat, bringt Kilometer mit.
Wer in Sitzungen Vorträge hält, ebenfalls. Diese Abende zählen nicht voll, aber sie zählen.
Rechne sie ruhig mit ein. Dein Kilometerstand ist meistens höher, als du glaubst.
Und wenn du noch bei null stehst, ist das auch in Ordnung. Jede Baureihe hat einmal mit einer einzigen Fahrt angefangen.
Der Unterschied zwischen null und eins ist der größte von allen. Danach geht es nur noch ums Weiterfahren.
Zum Schluss noch eine Warnung vor der Zahl selbst. Sie ist ein Werkzeug und kein Maßstab für deinen Wert.
Es gibt Leute mit vierzig Abenden, die wunderbare Texte schreiben. Und Leute mit dreihundert, die ich nicht zweimal hören muss.
Die Zahl sagt nur etwas über deine Sicherheit auf einer Bühne. Über sonst nichts.
Verwechsle sie also nicht mit einem Rang. Ein Kilometerstand ist keine Note.
Er ist nur die ehrlichste Angabe, die ein Fahrzeug über sich machen kann. Und genau deshalb ist er nützlich.
Bei Menschen ist es dasselbe. Wer weiß, wie weit er gefahren ist, muss sich weniger schätzen.
Deshalb schreib deine Zahl auf und dann leg sie weg. Sie ist für die Planung da und nicht für den Vergleich.
Am nächsten Abend interessiert sie ohnehin niemanden. Dort zählen nur die fünf Minuten, die du oben stehst.
Und danach kommt eine Zeile ins Heft. Genau dafür ist es gemacht.
Mein Freund ist inzwischen bei Nummer zweihundertvierzig. Er führt das Heft immer noch, obwohl er es längst nicht mehr bräuchte.
Die Zeile, die mich umgestimmt hat
Mein Freund hat mir die Seite mit den Nummern 61 bis 80 gezeigt. Zwanzig Zeilen aus zwei Jahren.
Ganz rechts stand jeweils eine Zahl von eins bis fünf. Seine eigene Bewertung des Abends.
In den ersten Jahren standen dort viele Einsen und Zweien. Auf dieser Seite stand keine einzige mehr.
Das war es. Kein Preis, kein Durchbruch, keine große Bühne.
Nur zwanzig Abende ohne Ausreißer nach unten. Sein schlechtester Abend war eine Drei geworden.
Genau das ist das Ergebnis von hundert Auftritten. Der Boden hebt sich.
Die Decke bleibt ungefähr, wo sie war. Aber unten fällt nichts mehr durch.
Ohne das Heft hätte er das nie gesehen. Er hätte weiter geglaubt, dass sich nichts tut.

Checkliste: So führst du dein eigenes Fahrtenbuch
Nimm ein kleines Heft. Kein Programm auf dem Telefon, sondern Papier.
Schreib eine Zeile pro Abend. Darin stehen Datum und Ort, der Text und eine Zahl von eins bis fünf.
Nummeriere die Abende durch. Die Nummer ist wichtiger als das Datum.
Schreib in einem Halbsatz dazu, was du gelernt hast. Nur wenn es wirklich etwas gab.
Lies das Heft einmal im Jahr durch. Öfter lohnt sich nicht.
Achte dabei nur auf eine Sache. Ob deine schlechteste Zahl gestiegen ist.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Zählen Lesebühnen und offene Mikrofone auch mit?
Ja, uneingeschränkt. Für deinen Körper ist jede Bühne eine Bühne. Nur Auftritte vor Freunden im Wohnzimmer zählen nicht, weil die Anspannung dort fehlt.
Was passiert nach hundert?
Nichts Dramatisches. Die Kurve wird flacher, und die Veränderungen verlagern sich vom Vortrag in die Texte. Wer nach hundert Abenden noch besser werden will, muss am Schreiben arbeiten und nicht mehr an der Bühne.
Ist das nicht ein sehr mechanischer Blick auf Kunst?
Doch, und mit Absicht. Das Schreiben ist der künstlerische Teil. Das Auftreten ist ein Handwerk, und Handwerk lernt man durch Menge. Diese Trennung nimmt viel Druck aus der Sache.
Hier liegen 337 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Achtung: Gift für deinen Auftritt!Bewegung auf der Bühne: Stehen, gehen oder erstarren?Bühnenpräsenz Übungen: Dein Weg zur unwiderstehlichen AusstrahlungAtem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Atemtechnik für Slammer: Nie wieder die Luft verlierenDialekt ist kein Akzent. Dialekt ist eine Kampfansage.Die Macht der Pause: Wenn Stille lauter wird als jedes WortVom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Alte Texte retten: Von der Schublade zurück auf die BühneAuthentisch schreiben – So wirst du zum Poetry SlamerDein Repertoire: Welche Texte du immer dabeihaben solltestMetapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Alliteration ohne Zungenbrecher-PeinlichkeitDer Refrain im Slam-Text: Ein Haken, der bleibtEnjambement: Wenn die Zeile mitten im Gedanken abbrichtWenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Deep Talk, der trifft wie ein Schlag – so schreibst du Poetry Slams, die niemand vergisstKreativ sein heißt Risiko. Alles andere ist Basteln.Kreativität fördern – So zündest du dein eigenes IdeenfeuerWut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
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Der Kilometerstand
Setz dich hin und zähl deine bisherigen Auftritte. Ehrlich und ohne Schmeichelei.
Schreib die Zahl auf ein Blatt. Dann schreib darunter, wie viele du in den nächsten zwölf Monaten schaffen willst.
Und dann such dir drei Termine heraus. Nicht fünfzehn, sondern drei.
Trag sie in den Kalender ein. Damit hast du deinen ersten Fahrplan.
Ich habe meine Auftritte jahrelang nicht gezählt. Als ich es zum ersten Mal tat, waren es weniger als gedacht.
Das war unangenehm und nützlich. Danach habe ich in einem Jahr mehr gemacht als in den drei davor.

Warum das alles die beste Nachricht ist
Wenn die Zahl entscheidet, dann entscheidest du. Talent ist verteilt und Termine sind buchbar.
Das ist die gerechteste Regel, die ich in dieser Szene kenne. Sie fragt nicht, wo du herkommst.
Und sie hat keine Ausschlussfrist. Mit vierzig anzufangen kostet dich genau dieselben hundert Abende wie mit zwanzig.
Der Kilometerstand fragt nicht nach dem Baujahr. Er zählt nur, was gefahren wurde.
Folge dem Bahn-Slam
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Jetzt Kanal folgenDie drei Phasen der Entwicklung
Was zwischen Auftritt eins und hundert im Kopf passiert.
Die zehn Gebote für Anfänger
Was dir niemand aufschreibt und jeder nach Mitternacht sagt.
Dein erster Slam
Auftritt Nummer eins, von der Anmeldung bis zum Nachhauseweg.
Schreibroutinen
Wie du genug Texte für all diese Abende zusammenbekommst.
Eine Pause vom Slam
Was passiert, wenn der Kilometerstand ein Jahr lang stillsteht.
Was die Bühne mit dir macht
Warum du nach hundert Abenden ein anderer Mensch bist.
