Worte für den Abschied: Über Trauerreden und ihre Wucht
Du bist nicht da, um zu trösten.
Trösten kann eine Rede nicht.
Und der Versuch ist der Grund, warum die meisten Trauerreden gleich klingen.
Du bist da, um Zeuge zu sein.
Um zu bezeugen, dass es diesen Menschen gegeben hat.
Und zwar so und nicht anders.
Ein Zeuge tröstet nicht.
Er wird konkret.
Es gibt keinen Ort, an dem Sprache wichtiger ist.
Und keinen, an dem Floskeln schneller auffallen.
Dieser Beitrag ist anders als die anderen hier, und das hat einen Grund.
Vielleicht liest du ihn, weil dich jemand gebeten hat, etwas zu sagen.
Vielleicht, weil du selbst gerade jemanden verloren hast.
In beiden Fällen tut es mir leid.
Und ich versuche, hier nicht in denselben Ton zu fallen, um den es gleich geht.
Es gibt dafür kein Richtig, keinen Zeitplan und keine Reihenfolge. Wenn dir gerade jemand fehlt und es dir schwer damit geht, gibt es Menschen, die dafür da sind: Trauerbegleitung, ambulante Hospizdienste, Seelsorge, Hausärztinnen. Auch die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar und kostenlos.
Das ist kein Pflichtsatz am Anfang eines Ratgebers. Es ist der einzige Rat in diesem Text, der wirklich zählt.
Die berühmteste Trauerrede der Antike und ihr Fehler
Im Winter 431 vor Christus hielt der Athener Staatsmann Perikles eine Rede auf die Gefallenen des ersten Kriegsjahres.
Überliefert ist sie beim Geschichtsschreiber Thukydides.
Sie gilt bis heute als eines der bekanntesten Beispiele der Redekunst.
Für eine moderne Trauerrede taugt sie trotzdem als Warnung.
Denn Perikles spricht kaum über die Toten. Er lobt Athen. Die Stadt sei die Schule von Hellas.
Der Anlass wird zur Gelegenheit, über etwas Größeres zu reden.
Genau das ist die häufigste Falle. Wer über das Leben an sich spricht, spricht nicht über den Menschen, für den alle gekommen sind.
Was in diesem Beitrag steht
Wie du eine Trauerrede schreiben kannst, ohne in die Sprache zu rutschen, die man dabei erwartet.
Also wie du Material sammelst, welche Wörter du meidest und wie du sie hältst, wenn dir die Stimme wegbleibt.
Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine über das Aufschreiben selbst und eine darüber, warum die verbreitete Vorstellung von Trauerphasen auf dünnem Boden steht.
Außerdem ein Abschiedsblatt für den Ablauf.
Zum Mitmachen gibt es fünf Wortwechsel, sieben Notizen und drei deutsche Videos.
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Jetzt Kanal folgenWarum so viele Trauerreden gleich klingen
Es liegt zunächst einmal nicht daran, dass die Redenden es schlecht machen.
Es liegt an einer falschen Aufgabenstellung.
Die Aufgabe, die sich die meisten bei einer Trauerrede stellen
Zunächst versuchen sie, den Schmerz kleiner zu machen.
Also mildern sie die Wörter, umschreiben das Sterben und suchen nach etwas Versöhnlichem.
Daraus entsteht eine Sprache, die niemandem gehört: eingeschlafen, von uns gegangen, erlöst.
Und alle im Raum merken, dass diese Wörter nichts mit der Person zu tun haben.
Trotzdem greifen fast alle danach, weil sie sich sicherer anfühlen.
Die Aufgabe, die beim Trauerrede schreiben ansteht
Nämlich zu bezeugen, dass es diesen Menschen gab.
Und zwar genau diesen.
Also konkret zu werden statt allgemein.
Denn das Allgemeine tröstet niemanden, weil es auf jeden passt.
Was tröstet, wenn überhaupt etwas tröstet, ist die Erfahrung, dass jemand genau hingesehen hat.
Die dritte Zeile ist die schwerste.
Denn es fühlt sich falsch an, in einem Raum voller weinender Menschen nicht sofort etwas Aufbauendes zu sagen.
Aber genau das Aufbauende ist es, was hinterher niemand behält.
Was Leute Jahre später zitieren, ist ein Satz, der genau stimmte.
Auflösung
Der Griff: sammle, bevor du schreibst
Jetzt der Teil, der den Unterschied macht.
Und er besteht darin, den Anfang aufzuschieben.
Nicht: Wie war er? Sondern: Was fällt dir als Erstes ein?
Die Antworten sind fast nie Eigenschaften. Es sind Szenen, Sätze, Gewohnheiten, kleine Ärgernisse. Und genau daraus besteht eine Rede, die trägt.
Das war es.
Also erst sammeln, dann schreiben.
Warum diese Anrufe so viel bringen
Zunächst, weil du allein nur deinen eigenen Ausschnitt kennst.
Außerdem war jeder mit einer anderen Seite dieses Menschen befasst.
Außerdem, weil andere Details erinnern, die du längst vergessen hattest.
Drittens, weil dir dabei auffällt, welche Geschichte immer wieder kommt.
Die gehört in die Rede.
Und schließlich, weil diese Gespräche für alle Beteiligten gut sind.
Auch für dich, wenn auch nicht sofort.
Wie du für die Rede fragst, ohne zu bedrängen
Sag zunächst, worum es geht und dass niemand etwas sagen muss.
Außerdem frag nach dem Konkreten, nicht nach dem Bedeutsamen.
Also: Was hat sie immer gesagt?
Wo habt ihr euch getroffen?
Was hat sie an dir genervt?
Und schreib mit, während die Person redet.
Aus dem Gedächtnis wird daraus hinterher wieder eine Eigenschaft.
In dieser Lage arbeitet niemand eine Methode ab.
Was funktioniert, ist eine einzige Handlung, die man auch dann schafft, wenn nichts geht: den Hörer in die Hand nehmen und fragen.
Fünf Floskeln und was stattdessen geht
Jetzt wird es konkret.
Nämlich fünf Wendungen, die in fast jeder Trauerrede vorkommen.
Bei jeder steht, was sie ersetzt und warum das besser ist.
Die zwei Floskeln am Anfang und am Ende
Was das Aufschreiben mit dir macht
Viele berichten, dass ihnen das Schreiben der Rede geholfen habe.
Zu dieser Beobachtung gibt es Forschung.
Und sie ist erfreulich ehrlich.
James Pennebaker und Sandra Beall veröffentlichten 1986 im Journal of Abnormal Psychology die erste Untersuchung dazu.
Wie der Versuch ablief
Zunächst schrieben sechsundvierzig Studierende an vier Tagen jeweils fünfzehn Minuten.
Ein Teil über ein belastendes Erlebnis aus dem eigenen Leben, der andere über belanglose Themen.
Gemessen wurden Blutdruck, Stimmung und später die Zahl der Besuche in der Gesundheitsstelle der Universität.
Beobachtet wurde also nicht das Erlebnis, sondern das Aufschreiben.
Was der Schreibversuch ergab
Zunächst ging es den Beteiligten unmittelbar nach dem Schreiben schlechter.
Höherer Blutdruck, schlechtere Stimmung, mehr körperliche Beschwerden.
Über die folgenden sechs Monate gingen dieselben Personen allerdings etwa halb so oft zum Arzt wie die Vergleichsgruppe.
Daraus wurde später ein ganzes Forschungsfeld unter dem Namen ausdrückendes Schreiben.
Allerdings ist dieses Feld bis heute uneinheitlich geblieben.
Was das fürs Trauerrede schreiben bedeutet
Zunächst der praktische Teil: Rechne damit, dass es dir währenddessen schlechter geht.
Denn das ist der übliche Verlauf und kein Grund aufzuhören.
Außerdem lohnt es sich, nicht alles in einer Nacht schreiben zu wollen.
Mehrere kurze Sitzungen entsprechen dem, was untersucht wurde.
Und schließlich: Wenn du merkst, dass es dir dabei durchgehend sehr schlecht geht, hör auf und hol dir jemanden dazu.
Eine Rede ist keine Aufgabe, die man allein durchstehen muss.
Der ehrliche Haken, und er ist ungewöhnlich groß
Es waren sechsundvierzig Studierende im Jahr 1986.
Pennebaker selbst hat später geschrieben, die Untersuchung sei rückblickend deutlich zu klein gewesen, um belastbar zu sein.
Außerdem ist die Nachfolgeforschung uneinheitlich.
Eine frühe Zusammenfassung fand mittlere Effekte, eine spätere Auswertung von dreißig kontrollierten Studien fand für körperliche wie seelische Gesundheit gar keine bedeutsamen Effekte.
Drittens ging es um vier Tage Schreiben über ein Erlebnis und nicht um eine Rede für eine Trauerfeier.
Und der wichtigste Punkt: Das ist kein Ersatz für Begleitung.
Wer Unterstützung braucht, braucht Menschen und nicht ein Blatt Papier.
Warum du keine Phasen erwähnen solltest
Es gibt eine Versuchung, in eine Trauerrede etwas Erklärendes einzubauen.
Meistens ist das die Vorstellung von Phasen: erst der Schock, dann der Zorn, irgendwann die Annahme.
Diese Vorstellung geht auf ein Modell aus den sechziger Jahren zurück und ist über Jahrzehnte in den allgemeinen Sprachgebrauch gewandert.
Empirisch geprüft wurde sie erst 2007.
Wie die Untersuchung ablief
Paul Maciejewski, Baohui Zhang, Susan Block und Holly Prigerson veröffentlichten sie im Journal of the American Medical Association.
Untersucht wurden zweihundertdreiunddreißig Hinterbliebene in Connecticut, über einen Zeitraum von einem bis vierundzwanzig Monaten nach dem Verlust.
Erhoben wurden fünf Größen: Unglaube, Sehnsucht, Zorn, Niedergeschlagenheit und Annahme.
Damit war es die erste empirische Prüfung eines Modells, das bis dahin an medizinischen Fakultäten gelehrt wurde.
Was dabei herauskam
Was die Prüfung des Phasenmodells ergab
Entgegen dem Modell war der Unglaube nicht die erste beherrschende Reaktion.
Die am häufigsten genannte Größe war über den gesamten Zeitraum die Annahme.
Und die stärkste belastende Größe war durchgehend die Sehnsucht, nicht der Zorn und nicht die Niedergeschlagenheit.
Die Vorstellung, dass Trauernde eine Abfolge von Zuständen durchlaufen, ließ sich in dieser Form also nicht bestätigen.
Was das für deine Rede bedeutet
Zunächst: Sag niemandem, wie er sich gerade fühlt oder bald fühlen wird.
Denn niemand im Raum hat dich darum gebeten, das einzuordnen.
Denn im Raum sitzen Menschen, die weinen, und welche, die nichts spüren, und beide sind völlig normal.
Außerdem sind Sätze wie „irgendwann wird es leichter" nicht falsch.
Aber sie gehören nicht dir.
Sie sind eine Behauptung über das Leben eines anderen Menschen.
Und schließlich nimmt dir dieser Befund Druck ab: Du musst niemanden irgendwohin führen.
Du musst nur genau sein.
| Verbreiteter Satz | Was dagegen spricht | Was stattdessen geht |
|---|---|---|
| „Sie sind jetzt in der Schockphase." | Phasen ließen sich nicht bestätigen. | Gar nichts über Phasen sagen. |
| „Irgendwann wird es leichter." | Eine Behauptung über andere. | Bei dem bleiben, was du weißt. |
| „Du musst jetzt loslassen." | Es gibt keinen Zeitplan. | Nichts fordern. |
| „Der Schmerz gehört dazu." | Klingt nach Belehrung. | Den Schmerz benennen, nicht erklären. |
| „Zeit heilt alle Wunden." | Sagt nichts über diesen Fall. | Weglassen. |
Die letzte Zeile gilt für die meisten allgemeinen Sätze über Trauer.
Sie sind nicht falsch, sie sind nur nicht deine.
Und in einer Rede, in der jeder Satz zählt, ist das Grund genug, sie zu streichen.
Der ehrliche Haken, und er ist wichtig
Zunächst waren es zweihundertdreiunddreißig Menschen in einem Bundesstaat.
Außerdem interpretierten die Autoren selbst ihre Kurven so, dass die Reihenfolge der Höhepunkte zum Modell passe.
Genau diese Deutung wurde in Leserbriefen an dieselbe Zeitschrift als selektiv kritisiert.
Drittens ging es um Verluste durch natürliche Ursachen.
Eine spätere Untersuchung mit Hinterbliebenen nach gewaltsamen Todesfällen fand andere Muster.
Und schließlich stammt das ursprüngliche Modell aus Gesprächen mit Sterbenden, nicht mit Hinterbliebenen.
Es wurde erst später übertragen, und dieser Sprung ist der eigentliche Fehler.
Der Aufbau einer Rede
Damit du eine Reihenfolge hast, wenn dir gerade keine einfällt.
Sechs Teile, zusammen etwa sieben Minuten.
Warum Teil fünf der Rede so wichtig ist
Es ist der Teil, den fast alle weglassen.
Und der, wegen dem eine Rede in Erinnerung bleibt.
Denn alle im Raum wissen sowieso, was fehlt.
Es auszusprechen nimmt niemandem etwas, sondern bestätigt es.
Wer stattdessen sofort zum Versöhnlichen springt, lässt die Anwesenden mit dem Ungesagten allein.
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Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
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Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
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Wenn dir die Stimme wegbleibt
Das passiert oft.
Und es ist ausdrücklich kein Scheitern.
Trotzdem lohnt es sich, darauf vorbereitet zu sein.
Was du vor der Trauerrede vorbereiten kannst
Zunächst: Druck die Rede groß aus, mindestens vierzehn Punkt.
Denn wenn die Augen feucht werden, kannst du kleine Schrift nicht mehr lesen.
Außerdem markier dir zwei Stellen, an denen du absetzen darfst.
Und leg jemanden fest, der übernimmt, falls du nicht weiterkannst.
Sag dieser Person vorher Bescheid und gib ihr eine zweite Ausdrucke mit.
Was du im Moment selbst machst
Halt zunächst an und atme.
Der Raum hält das aus.
Und zwar sehr gut.
Trink einen Schluck Wasser, wenn welches dasteht.
Und dann lies weiter, ohne dich zu entschuldigen und ohne einen Witz.
Nach Satz 19 gibt es keine Reihenfolge, in der du gerade sein müsstest.
Das gilt auch für die zehn Minuten am Rednerpult.
Der Vortrag der Rede selbst
Sprich zunächst langsamer, als sich richtig anfühlt.
Denn Trauerhallen hallen.
Außerdem lauter, weil die Stimme unter Anspannung leiser wird als gedacht.
Drittens: Lies ab, ohne schlechtes Gewissen.
Das erwartet hier niemand anders.
Und schau zwischendurch die Menschen an, für die du sprichst.
Meistens sind das zwei oder drei in der ersten Reihe.
Nicht zum Üben, sondern um die Stellen zu finden, an denen es mich erwischt. Es sind fast nie die, die ich erwartet habe.
Und wenn ich sie einmal kenne, überraschen sie mich am nächsten Tag nicht mehr. Das ist der ganze Trick.
Absprachen mit der Familie
Eine Trauerrede gehört nämlich nicht dir, auch wenn du sie schreibst.
Was du vor der Rede unbedingt klärst
Zunächst, ob es überhaupt gewünscht ist, dass du sprichst.
Außerdem, wie lange du hast und an welcher Stelle der Feier.
Drittens, ob es Dinge gibt, die nicht vorkommen sollen.
Eine Krankheit, ein Konflikt, eine Trennung, die Todesumstände.
Und schließlich, ob jemand aus der Familie die Rede vorher lesen möchte.
Bei den meisten ist die Antwort ja.
Und es nimmt allen Beteiligten Angst.
Was du weglässt, auch wenn es wahr ist
Zunächst alles, was jemanden im Raum bloßstellt, auch nachträglich.
Außerdem Details zu den Umständen des Todes, wenn die Familie sie nicht ausdrücklich erwähnt haben will.
Drittens alte Streitigkeiten, auch in versöhnlicher Verpackung.
Und jede Andeutung, die nur ein Teil des Raums versteht.
An diesem Tag sitzen Menschen zusammen, die sonst nicht zusammensitzen.
Eine Rede muss nicht behaupten, was nicht stimmt. Sie darf aber auch keine Abrechnung sein, weil die Anwesenden sich nicht wehren können und die Person auch nicht.
Der gangbare Weg liegt meistens im Konkreten und im Weglassen: Erzähl, was war, und lass weg, was du bewerten müsstest. Wenn du das nicht kannst, ist es völlig in Ordnung, die Rede jemand anderem zu überlassen.
Zehn Fehler bei Trauerreden
Fünf beim Schreiben, fünf beim Halten.
Fünf Fehler beim Schreiben
Fehler 1: Sofort mit dem Schreiben anfangen
Fehler 2: Eigenschaften statt Handlungen
Fehler 3: Das Sterben umschreiben
Fehler 4: Etwas über Trauer behaupten
Fehler 5: Mit einem fremden Zitat enden
Denn eine Trauerrede schreiben heißt vor allem, die naheliegende Sprache zu vermeiden.
Fünf Fehler beim Halten
Fehler 6: Zu klein ausdrucken
Fehler 7: Keinen Ersatz benennen
Fehler 8: Sich für Tränen entschuldigen
Fehler 9: Zu schnell sprechen
Fehler 10: Zu lang werden
Sechs Schritte, wenn wenig Zeit bleibt
Meistens hast du nur wenige Tage.
Und das reicht.
Drei Schritte am ersten Tag
Schritt 1 – Mit der Familie sprechen
Schritt 2 – Drei Menschen anrufen
Schritt 3 – Alles aufschreiben, ungeordnet
Drei Schritte am zweiten Tag
Schritt 4 – Die sechs Teile füllen
Schritt 5 – Floskeln streichen
Schritt 6 – Einmal laut lesen, im Stehen
Denn Schritt sechs entscheidet darüber, wie der nächste Tag wird.
Die Abnahme
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Der Satz, den ich nicht gesagt habe
Ich habe eine einzige Trauerrede gehalten, für einen Kollegen.
Wir waren keine engen Freunde.
Aber wir hatten jahrelang dieselben Schichten und dieselben Wege.
Ich hatte die Anrufe gemacht, die Szenen gesammelt.
Und die Rede war gut gebaut.
Was ich weggelassen habe
Dass ich ihn in den letzten Monaten zweimal nicht zurückgerufen hatte.
Es kam mir unpassend vor, in einer Rede über einen Toten etwas über mein eigenes Versäumnis zu sagen.
Also habe ich stattdessen etwas Allgemeines gesagt, über die Hektik des Alltags und darüber, wie schnell die Zeit vergeht.
Das war wahr und es war nichts.
Was nach der Rede passiert ist
Seine Frau hat sich hinterher bei mir bedankt, sehr freundlich.
Und dann sagte sie, er habe in den letzten Monaten oft davon gesprochen, dass sich niemand mehr melde.
Ich habe nichts darauf geantwortet.
Es wäre der Moment gewesen, in dem mein gestrichener Satz gestanden hätte.
„Ich hatte eine handwerklich saubere Rede gehalten und den einen Satz weggelassen, der etwas gekostet hätte.“Meine Notiz danach — und der Grund für Teil fünf
Was ich daraus mitgenommen habe
Nicht, dass man sich in einer Trauerrede öffentlich schuldig sprechen sollte.
Sondern dass ich beim Streichen dasselbe Muster habe wie überall: Ich streiche, was mir unangenehm ist.
Und in dieser besonderen Lage ist das fast immer der Satz, der am nächsten an der Wahrheit liegt.
Man muss ihn nicht sagen.
Man sollte nur wissen, warum man es nicht tut.
Was Handwerk hier leisten kann
Bei keinem anderen Thema in diesem Blog fällt es mir schwerer, am Ende auf etwas zu verweisen.
Denn eine Trauerrede ist kein Auftritt.
Und du willst dabei nichts verkaufen.
Deshalb steht hier weniger als sonst.
Warum es hier wirklich auf Sprache ankommt
Auf einer Bühne rettet dich zwar der Vortrag, wenn ein Satz schwach ist.
Hier rettet dich nichts, weil niemand auf Wirkung achtet.
Was zählt, ist ausschließlich, ob ein Satz stimmt.
Kurz gesagt: Es ist die einzige Gelegenheit, bei der Sprache vollkommen ohne Verpackung auskommen muss.
Für diesen einen Anlass brauchst du davon fast nichts. Nur den Teil über das Konkrete: wie man eine Szene erzählt, statt eine Eigenschaft zu behaupten.
Das ist dasselbe Handwerk wie auf jeder Bühne. Es ist hier nur wichtiger.
Erst sammeln, dann schreiben. Konkret statt allgemein. Und den Teil über das, was fehlt, nicht streichen.
Übrigens ist der Satz, an den sich Leute nach einer Trauerfeier am häufigsten erinnern, fast nie der schönste.
Es ist der, bei dem sie gedacht haben: Ja, genau so war er.
Und den kann nur jemand sagen, der vorher gefragt hat.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
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