Auftritt im Altenheim: Poesie ohne Punktetafel

Auftritt im Altenheim: Poesie ohne Punktetafel
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Auftritt im Altenheim: Poesie ohne Punktetafel

Du trittst nicht in einem Saal auf. Du bist zu Besuch.

Der Raum, in dem du stehst, ist der Ort, an dem diese Menschen wohnen. Das Sofa gehört ihnen, der Fernseher gehört ihnen, und die Uhrzeit gehört dem Haus.

Das ist der ganze Unterschied, und er ändert alles: wie du hereinkommst, wie lang du bleibst und was du mitbringst.

Wer das als kleine Bühne behandelt, hat den Nachmittag schon verloren.

Kein Wettbewerb, keine Jury, kein Zeitlimit von der Bühnenuhr. Dafür Publikum, das mehr erlebt hat als du.

BESUCH 01Sinnvolle Längedreißig bis vierzig Minuten
BESUCH 02Wichtigste Vorbereitungein Gespräch mit dem Personal
BESUCH 03Nötige Lautstärkemehr als gewohnt
BESUCH 04Häufigster Fehlerzu jugendlich werden
BESUCH 05Ehrliche Gagemeistens klein

Fangen wir mit dem Fehler an, der fast allen unterläuft.

Zunächst nimmt man sich vor, besonders freundlich zu sein.

Und wird dabei automatisch langsamer, lauter und ein bisschen kindlicher.

Genau das merken die Leute sofort, und es ist beleidigend.

Ein Publikum, das den Krieg erlebt hat, braucht keine vereinfachte Fassung deiner Texte.

Deshalb geht es in diesem Beitrag nicht darum, was du weglässt.

Es geht darum, was du auswählst und wie du dich verhältst.

Vor dem Auftritt im Altenheim: ein Halbkreis aus Stühlen im hellen Aufenthaltsraum
Kein Saal, sondern ein Aufenthaltsraum. Hier wohnen Leute.

Was in diesem Beitrag steht

Wie ein Auftritt im Altenheim abläuft, wenn er gut läuft.

Also welche Texte tragen, wie lang du bleibst und was du vorher klären musst.

Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, aus welcher Zeit Menschen die meisten Erinnerungen haben, und eine darüber, wie sich Prioritäten im Laufe des Lebens verschieben.

Außerdem ein Besuchsblatt mit allem, was vorher zu klären ist.

Zum Mitmachen gibt es fünf Textsorten, sieben Blätter und vier deutsche Videos.

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BESUCH 06

Warum das kein kleiner Auftritt ist

Es sieht aus wie eine einfachere Version dessen, was du kannst.

Tatsächlich ist es eine andere Aufgabe.

Was auf der Slam-Bühne gilt, aber nicht im Altenheim

Zunächst sind alle freiwillig da und haben dafür bezahlt.

Außerdem kennt das Publikum das Format und weiß, was gleich passiert.

Ferner ist der Raum abgedunkelt, ruhig und für Vorträge gebaut.

Und schließlich bist du an einem Abend einer von acht.

Was beim Auftritt im Altenheim gilt

Manche sitzen dort, weil sie ohnehin in diesem Raum sitzen.

Außerdem kennt kaum jemand das Format, und Poetry Slam sagt vielen nichts.

Ferner ist der Raum hell, hallig und voller Nebengeräusche.

Und schließlich bist du das Programm des Nachmittags, allein.

Die Slam-Bühne
Alle sind freiwillig da.
Das Format ist bekannt.
Dunkel und ruhig.
Du bist einer von acht.
Reaktion kommt sofort.
Der Aufenthaltsraum
Manche sitzen einfach dort.
Das Format ist unbekannt.
Hell und laut.
Du bist das ganze Programm.
Reaktion kommt anders.

Die letzte Zeile bringt die meisten aus dem Takt.

Denn es wird deutlich weniger gelacht, und zwar auch bei Stellen, die im Saal sicher funktionieren.

Das heißt nicht, dass nichts ankommt.

Es heißt, dass die Rückmeldung nach dem Auftritt kommt, im Einzelgespräch, und dann oft sehr genau.

Was ist beim Auftritt im Altenheim am meisten anders?
Auflösung
Der Ort selbst. Alles andere folgt daraus — warum die Reaktion trotzdem stark ausfällt, steht in Besuch 19.
Kein Wettbewerb, keine Jury, dafür Publikum mit sehr viel Geschichte. Und das merkt sofort, wenn du dich verstellst.
CLIP 1Altenheim: Wenn das Leben plötzlich von anderen geregelt wird
Eine Dokumentation über den Alltag dort. Sieh sie dir an, bevor du zum ersten Mal hingehst.
BESUCH 09

Der Griff: sprich zu Erwachsenen, nur langsamer

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt eine Regel, und sie ist unbequem einfach.

Der Griff
Ändere das Tempo und die Lautstärke — aber nicht den Ton und nicht das Niveau.

Langsamer sprechen, deutlicher artikulieren, größere Pausen: ja. Einfachere Wörter, harmlosere Themen, freundlichere Stimme: nein.

Denn das Erste hilft beim Verstehen. Das Zweite signalisiert, dass du dein Gegenüber für weniger hältst, und genau das wird bemerkt.

Das war es.

Tempo runter, Haltung gleich.

Wer in diesem Raum die Stimme hebt und den Anspruch senkt, hat beides falsch herum gemacht.
Beim Auftritt im Altenheim zuhören: der Waschbär sitzt im Gespräch
Auf Augenhöhe, sitzend, ohne Eile. Das ist der eigentliche Auftritt.

Was du für den Auftritt tatsächlich änderst

Zunächst das Tempo, und zwar deutlicher, als sich richtig anfühlt.

Außerdem die Lautstärke, weil viele schlechter hören und es nicht sagen.

Ferner die Länge der einzelnen Texte, weil Konzentration Kraft kostet.

Und schließlich die Position.

Du stehst näher und tiefer, nicht erhöht am anderen Ende des Raums.

Was du im Altenheim auf keinen Fall änderst

Zunächst einmal den Ton, in dem du sprichst.

Außerdem die Wortwahl, sofern sie nicht ohnehin Fachjargon ist.

Ferner die Themen, denn Trauer, Tod und Verlust sind hier keine Tabus, sondern oft das Naheliegendste.

Und schließlich deinen Humor.

Wer glaubt, er müsse ihn abschwächen, unterschätzt seine Zuhörer.

BLATT 01Deine Umstellung
Nimm einen Text und lies ihn einmal in halbem Tempo. Danach hörst du, wo du sonst zu schnell bist.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil du im Raum sofort merkst, dass du unsicher bist, und Unsicherheit kippt bei den meisten in Fürsorge.

Dann wird die Stimme weicher, die Sätze werden kürzer, und irgendwann sagt man Sachen wie „das ist jetzt ein schwieriges Wort".

Gegen diesen Rutsch hilft nur eine Entscheidung, die du vorher triffst: Tempo ja, Niveau nein.
BESUCH 12

Fünf Textsorten und was du mit ihnen machst

Jetzt wird es konkret.

Fünf Sorten aus deinem Bestand, sortiert danach, wie klar der Fall ist.

Bei jeder steht das Merkmal, die Entscheidung und die Begründung.

T1Der Text über einen Ort
Merkmal: spielt an einem konkreten, wiedererkennbaren Ort
Nimm mit oder lass da
Nimm ihn mit, und zwar als ersten.
Ein Bahnhof, eine Küche, ein Wartezimmer. Solche Texte funktionieren hier besser als überall sonst, weil jeder im Raum eigene Bilder dazu hat. Und weil sie ohne Erklärung auskommen.
T2Der Text mit Zeitbezug
Merkmal: erwähnt Jahreszahlen, Marken oder Ereignisse
Nimm mit oder lass da
Nimm ihn mit, aber prüf die Zeitebene.
Ein Verweis auf die achtziger Jahre trifft bei einem fünfundachtzigjährigen Publikum nicht die Jugend, sondern das mittlere Alter. Warum das einen Unterschied macht, steht in Besuch 15.
T3Der traurige Text
Merkmal: handelt von Verlust, Abschied oder Tod
Nimm mit oder lass da
Nimm ihn mit. Ohne Zögern.
Der häufigste Irrtum überhaupt ist, so etwas hier auszusparen. Diese Menschen haben mehr Abschiede erlebt als du, und sie sind nicht empfindlicher, sondern geübter darin. Was sie stört, ist nicht der Tod im Text, sondern das Ausweichen.
Textauswahl für den Auftritt im Altenheim: ein Blatt liegt beiseite
Ein Text bleibt zu Hause. Meistens ein anderer, als man vorher denkt.

Die zwei Sorten, die zu Hause bleiben

T4Der schnelle Text
Merkmal: lebt von Tempo, Aufzählung oder Wortakrobatik
Nimm mit oder lass da
Lass ihn da, oder halbier das Tempo und kürze ihn.
Nicht weil er zu anspruchsvoll wäre, sondern weil er akustisch nicht ankommt. In einem halligen Raum verliert ein schneller Text die Hälfte seiner Wörter. Danach ist er nur noch Lärm.
T5Der Szenetext
Merkmal: setzt voraus, dass man Poetry Slam kennt
Nimm mit oder lass da
Lass ihn da.
Texte über Bühnenerfahrungen, über andere Slammer oder über das Format selbst funktionieren nur vor Leuten, die es kennen. Das ist keine Frage des Alters, sondern des Publikums. Vor Betriebsfeiern gilt dasselbe.
Vier Sorten entscheidest du nach dem Raum. Die dritte entscheidest du gegen dein eigenes Bauchgefühl.
BLATT 02Deine Auswahl
Sortier sechs Texte in mitnehmen und dalassen. Und prüf danach, ob du zu vorsichtig warst.
BESUCH 15

Aus welcher Zeit die Bilder kommen

Wenn du in einem Text auf etwas verweist, landest du in einer bestimmten Zeit.

Und es lohnt sich zu wissen, welche Zeit bei deinem Publikum am dichtesten besetzt ist.

David Rubin, Scott Wetzler und Robert Nebes haben das 1986 in einem Kapitel des Sammelbands Autobiographical Memory zusammengetragen, erschienen bei Cambridge University Press.

Was Rubin und Kollegen zusammengetragen haben

Zunächst werteten die drei Untersuchungen mehrerer Arbeitsgruppen aus.

Dabei zeigte sich ein Muster, das seither immer wieder gefunden wurde.

Menschen ab etwa vierzig erinnern sich überdurchschnittlich häufig an Ereignisse aus dem Alter zwischen zehn und dreißig.

Besonders dicht liegt der Bereich zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig.

Man nennt das den Erinnerungsberg.

Bei einem Publikum um die fünfundachtzig liegt dieser Bereich ungefähr in den fünfziger und sechziger Jahren.
Publikum beim Auftritt im Altenheim: leere Stühle im Halbkreis
Zwölf Stühle, zwölf verschiedene Jugenden. Und alle liegen weit zurück.

Was das für deine Texte im Altenheim bedeutet

Zunächst treffen Verweise auf die eigene Jugend hier ins Leere.

Denn was für dich der prägende Sommer war, war für dein Publikum ein beliebiges Jahr im mittleren Alter.

Außerdem lohnt es sich, Verweise so zu wählen, dass sie ohne Jahreszahl funktionieren.

Ein Bahnhof ist immer ein Bahnhof.

Und schließlich ist das kein Aufruf, historische Anspielungen einzubauen.

Nichts wirkt bemühter als ein Text, der plötzlich von Trümmerfrauen handelt, weil man das für passend hielt.

Der ehrliche Haken, und er ist mehrteilig

Es handelt sich um ein Kapitel in einem Sammelband, das Ergebnisse mehrerer Untersuchungen zusammenfasst, und nicht um ein einzelnes Experiment.

Außerdem verschiebt sich der Berg je nachdem, wie man fragt.

Bittet man um wichtige Erinnerungen, liegt er anders als bei Stichwörtern.

Ferner ist die Erklärung offen.

Eine Übersichtsarbeit von 2018 über achtundsechzig Untersuchungen zählt mehrere konkurrierende Deutungen auf.

Und schließlich gibt es einen Befund, der die meisten Erklärungen in Frage stellt.

Der Berg tauchte nämlich auch dann auf, als Leute sich die Erinnerungen einer erfundenen siebzigjährigen Person ausdenken sollten.

Ganz ohne eigenes Gedächtnis.

CLIP 2Musik im Seniorenheim
Einblicke in ein Projekt, bei dem es um dieselbe Frage geht: Was funktioniert in diesem Raum?
BESUCH 19

Warum die Reaktion anders ausfällt

Jetzt zu der Beobachtung, die viele nach dem ersten Mal verunsichert.

Es wird wenig gelacht, und trotzdem bleiben hinterher Leute sitzen und wollen reden.

Laura Carstensen, Derek Isaacowitz und Susan Charles haben dazu 1999 im American Psychologist eine Theorie vorgelegt.

Sie heißt sozioemotionale Selektivität, und der Grundgedanke ist schlicht.

Worum es bei dieser Theorie geht

Menschen richten ihre Ziele nämlich danach aus, wie viel Zeit sie vor sich sehen.

Wer einen langen offenen Zeitraum vor sich sieht, sammelt: Wissen, Kontakte, Möglichkeiten.

Wer den Zeitraum als begrenzt wahrnimmt, gewichtet anders und bevorzugt das, was gerade emotional bedeutsam ist.

Damit hängt der sogenannte Positivitätseffekt zusammen: Ältere Menschen wenden sich in Untersuchungen eher positiven Informationen zu und behalten sie besser.

Der entscheidende Punkt ist nicht das Alter, sondern der Zeithorizont. Jüngere Menschen mit begrenztem Horizont verhalten sich ähnlich.
Auftritt im Altenheim vor sitzendem Publikum: der Waschbär spricht auf Augenhöhe
Wenig Gelächter, viel Aufmerksamkeit. Das eine ist nicht das Maß fürs andere.

Was das für deinen Nachmittag bedeutet

Zunächst ist Gelächter hier ein schlechteres Maß als sonst.

Denn wer nach emotionaler Bedeutung sucht, reagiert auf einen guten Text nicht unbedingt mit einem Lacher.

Außerdem erklärt es, warum die Gespräche danach so viel dichter sind als bei einem Slam.

Dort geht man nach Hause, hier bleibt man sitzen.

Und schließlich lohnt es sich, Zeit für genau diese Gespräche einzuplanen.

Sie sind nicht der Anhang des Auftritts, sondern oft der eigentliche Teil.

Verbreitete AnnahmeWas die Theorie nahelegtWas du machst
Kein Lachen heißt kein Erfolg.Andere Reaktionsform.Nicht am Gelächter messen.
Sie wollen nur Heiteres.Bedeutsames, nicht Harmloses.Traurige Texte mitnehmen.
Nach dem Auftritt ist Schluss.Danach fängt es an.Eine halbe Stunde einplanen.
Das gilt für alle Alten.Es geht um den Zeithorizont.Nicht nach Alter sortieren.
Positiv heißt oberflächlich.Bedeutsam heißt nicht seicht.Anspruch beibehalten.

Die letzte Zeile ist mir die wichtigste in diesem ganzen Beitrag.

Denn aus dem Positivitätseffekt wird gern abgeleitet, man solle schwierige Themen meiden.

Das steht dort nicht.

Es geht um emotionale Bedeutsamkeit, und die schließt Trauer ausdrücklich ein.

Der ehrliche Haken, und er ist deutlich

Es handelt sich um eine Theorie mit gesammelten Belegen und nicht um ein einzelnes Experiment.

Außerdem ist der Positivitätseffekt umstritten.

Es gibt Hinweise darauf, dass er sich in verschiedenen Kulturen unterschiedlich zeigt.

Ferner beschreibt die Theorie Aufmerksamkeit und Gedächtnis, nicht Geschmack.

Sie sagt nichts darüber, welche Gedichte jemand mag.

Und schließlich ist der Weg von dieser Theorie zu einer Textauswahl weit.

Als Denkanstoß taugt sie, als Anleitung nicht.

BESUCH 23

Was du vorher klärst

Der wichtigste Teil passiert am Telefon, und zwar Tage vorher.

Sechs Fragen, und sie dauern zusammen zehn Minuten.

Besuchsblatt · vorher klären
Wer kommt
und wie viele
Ob es der offene Aufenthaltsraum ist oder eine angemeldete Gruppe. Beides geht, aber es ist ein anderer Nachmittag.
Der Raum
hell, hallig, laut
Wie groß, wie viel Nachhall, ob nebenan die Küche läuft. Und ob du sitzen oder stehen sollst.
Die Uhrzeit
und was davor liegt
Nach dem Mittagessen ist es zäh, nach dem Kaffee besser. Das Haus weiß das genau, also frag danach.
Die Technik
meistens keine
Ob ein Mikrofon da ist und ob es funktioniert. Wenn nicht, planst du für einen ungefähr halb so großen Raum.
Wer dabei ist
aus dem Personal
Jemand vom Haus sollte im Raum bleiben. Das ist keine Aufsicht, sondern die Person, die weiß, wie es den Anwesenden gerade geht.
Was zu beachten ist
die offene Frage
Frag das Personal direkt, worauf du achten solltest. Sie kennen ihre Leute und sagen es dir, wenn du fragst.
Ergänzt wird das Ganze durch eine Regel, die nichts kostet: Plane dreißig bis vierzig Minuten Programm und danach eine halbe Stunde ohne Plan.

Warum das Gespräch mit dem Personal so viel bringt

Es sitzen in manchen Häusern auch Menschen mit Demenz mit im Raum.

Was in so einer Runde gut funktioniert und was nicht, weiß nicht der Blogbeitrag, sondern die Pflegekraft, die dort jeden Tag arbeitet.

Frag sie also, und zwar konkret: Was läuft hier gut, was sollte ich lassen?

Die Antworten sind meistens praktisch und kurz, und sie ersparen dir die Erfahrung, es selbst herauszufinden.

BLATT 03Dein Besuchsblatt
Ruf an und stell die sechs Fragen. Besonders die letzte.
Dein Link-Kompass

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

BESUCH 27

Wie der Nachmittag tatsächlich abläuft

Der Ablauf unterscheidet sich in fast jedem Punkt von einem Slam.

Der Anfang deines Besuchs

Zunächst kommst du zwanzig Minuten früher und gehst einmal durch den Raum.

Außerdem stellst du dich vor, bevor du anfängst, und zwar mit Namen und einem Satz dazu, was du machst.

Ferner sagst du, wie lange es dauert.

Das entspannt sofort.

Und dann fängst du an, ohne lange Erklärung des Formats.

Der Mittelteil im Aufenthaltsraum

Nun folgen drei bis fünf Texte, mit längeren Pausen dazwischen als gewohnt.

Denn zwischen zwei Texten passiert hier etwas: Leute sagen etwas, husten, kommen an oder gehen.

Wer diese Pausen als Störung behandelt, kämpft den ganzen Nachmittag.

Wer sie einplant, hat es leicht.

Wenn jemand mitten im Text etwas sagt, ist das keine Zwischenrufkultur. Es ist ein Wohnzimmer.
Nach dem Auftritt im Altenheim: der Waschbär hört einem Menschen zu
Nach dem letzten Text fängt der eigentliche Teil an.

Der Schluss und die halbe Stunde danach

Hör früher auf, als du dürftest.

Denn vierzig Minuten sind viel.

Außerdem bleib danach sitzen, statt einzupacken.

Denn dann kommen die Gespräche, und die sind der Grund, warum sich das Ganze für dich lohnt.

Man erzählt dir Dinge, die man einem Fremden erzählt und sonst niemandem.

Der Satz, der einen Nachmittag verändert
„Erzählen Sie mal."

Wenn jemand nach dem Auftritt auf einen Text reagiert, ist die Versuchung groß, den Text zu erklären.

Frag stattdessen nach. Fast jeder in diesem Raum hat zu deinem Thema eine eigene Geschichte, und die ist meistens besser als das, was du gerade vorgetragen hast.
BLATT 04Dein Ablauf
Plan die drei Teile für deinen Termin. Und schreib eine Uhrzeit auf, zu der du aufhörst.
CLIP 3Pflege: Wie geht es Menschen, die im Altenheim arbeiten?
Für den Punkt aus Besuch 23. Wenn du weißt, wie der Alltag des Personals aussieht, fragst du anders.
BESUCH 31

Geld, Absprachen und ehrliche Erwartungen

Vorab und deutlich
Ich bin weder Anwalt noch Steuerberater, und das hier ist keine Rechts- oder Steuerberatung.

Für die Frage, ob und wie du ein Honorar in Rechnung stellst, gelten dieselben Regeln wie bei jedem anderen Auftritt. Und wenn Aufnahmen entstehen sollen, brauchst du das Einverständnis der Abgebildeten, was in diesem Umfeld besondere Sorgfalt verlangt.

Klär beides vorher mit dem Haus und im Zweifel mit einer Steuerberatung oder Fachanwaltschaft.

Trotzdem lohnen sich zwei ehrliche Feststellungen.

Zum Honorar für den Auftritt

Die meisten Häuser haben zwar kleine Budgets, und das ist keine Geringschätzung.

Trotzdem gilt: Frag nach einem Honorar, auch wenn es klein ausfällt.

Denn wer grundsätzlich umsonst auftritt, macht es allen schwerer, die davon leben wollen.

Und ein kleines Honorar ist ehrlicher als eine große Geste, auf die du dann jahrelang keine Anfrage mehr bekommst.

Zu den Aufnahmen

Frag nicht danach, ob du filmen darfst.

Denn selbst wenn das Haus zustimmt, sitzen dort Menschen, die in einem Video nicht auftauchen wollen.

Und manche von ihnen sagen es nicht.

Wenn du ein Bild brauchst, nimm eines vom leeren Raum vorher.

Das genügt für jeden Zweck, den du damit verfolgst.

BESUCH 34

Zehn Fehler beim Auftritt im Altenheim

Fünf bei der Vorbereitung, fünf im Raum.

Fünf Fehler bei der Vorbereitung

Fehler 1: Nicht mit dem Personal sprechen
Die zehn Minuten am Telefon aus Besuch 23 sparen dir den halben Nachmittag an Überraschungen.
Fehler 2: Traurige Texte aussortieren
Der häufigste Irrtum überhaupt. Dieses Publikum hat mehr Abschiede erlebt als du und weicht ihnen weniger aus.
Fehler 3: Schnelle Texte einpacken
In einem halligen Raum ohne Mikrofon geht die Hälfte der Wörter verloren. Danach ist der Text nur noch Geräusch.
Fehler 4: Zu viel Programm planen
Vierzig Minuten sind lang. Und die halbe Stunde danach ist wichtiger als der fünfte Text.
Fehler 5: Umsonst zusagen, ohne zu fragen
Frag nach einem Honorar. Klein ist in Ordnung, gar nicht macht es allen anderen schwerer.

Denn ein guter Auftritt im Altenheim steht und fällt mit der Vorbereitung, nicht mit den Texten.

Fünf Fehler im Raum

Fehler 6: Langsamer und kindlicher werden
Der Griff aus Besuch 09. Tempo runter ist richtig, Niveau runter ist beleidigend.
Fehler 7: Zwischenrufe als Störung behandeln
Es ist ein Wohnzimmer, kein Saal. Wer dazwischenredet, ist nicht unhöflich, sondern zu Hause.
Fehler 8: Das Format erklären wollen
Zehn Minuten über die Geschichte des Poetry Slam sind zehn Minuten weniger Text. Fang einfach an.
Fehler 9: Am Gelächter messen
Nach Besuch 19 ein schlechtes Maß. Die Reaktion kommt später und im Einzelgespräch.
Fehler 10: Sofort einpacken
Der teuerste Fehler auf dieser Liste. Alles Interessante passiert in der halben Stunde danach.
BESUCH 39

Sechs Schritte für den ersten Termin

Das reicht von der Anfrage bis zu einem Nachmittag, der trägt.

Drei Schritte vorher

Schritt 1 – Anrufen statt mailen
Die sechs Fragen aus dem Besuchsblatt gehen am Telefon in zehn Minuten. Per Mail dauert es zwei Wochen.
Schritt 2 – Fünf Texte auswählen und einen streichen
Nach den Sorten aus Besuch 12. Und prüf beim Streichen, ob du nicht aus Vorsicht den falschen aussortierst.
Schritt 3 – Einmal in halbem Tempo lesen
Laut, für dich allein. Danach weißt du, wo du normalerweise zu schnell wirst.

Drei Schritte am Tag selbst

Schritt 4 – Früher da sein
Zwanzig Minuten. Einmal durch den Raum gehen, hören, wie er klingt, und mit dem Personal sprechen.
Schritt 5 – Kurz vorstellen, dann anfangen
Name, ein Satz zur Sache, die Dauer. Und dann der erste Text, ohne Erklärung des Formats.
Schritt 6 – Sitzen bleiben
Nach dem letzten Text nicht einpacken. Der wichtigste Teil des Nachmittags hat gerade erst angefangen.

Denn Schritt sechs ist der, wegen dem du wiederkommen wirst.

Zehn Minuten Telefon, vierzig Minuten Programm, dreißig Minuten Zuhören. Das ist der ganze Termin.
BLATT 05Dein erster Termin
Trag ein, wann du anrufst und welche Texte du mitnimmst.
CLIP 4Trubel im Altenheim: Wie Kinder und Senioren voneinander profitieren
Was passiert, wenn zwei Welten in einem Raum sitzen. Der Grundgedanke ist derselbe wie bei deinem Besuch.
BLATT 06Deine Vorsicht
Schreib auf, welchen Text du aus Rücksicht gestrichen hast und ob die Rücksicht berechtigt war.
BLATT 07Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
BESUCH 44

Die Abnahme

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

NACHTRAG

Der Text, den ich zu Hause gelassen hatte

Bei meinem ersten Termin hatte ich sechs Texte dabei und einen ausgelassen.

Es war der über meinen Großvater und die Wochen im Krankenhaus.

Ich hielt ihn für unpassend, aus lauter Rücksicht.

Stattdessen habe ich vierzig Minuten lang nur Heiteres gelesen und mich dabei sehr anständig gefühlt.

Was danach passiert ist

Eine Frau, vielleicht neunzig, blieb sitzen, als die anderen gingen.

Sie sagte, das sei alles sehr nett gewesen.

Und dann erzählte sie mir zwanzig Minuten lang von ihrem Mann, der vor sechs Jahren gestorben war, und von den Wochen davor.

Sie hatte offensichtlich damit gerechnet, dass jemand darüber spricht.

Und niemand hatte es getan, ich am allerwenigsten.

Beim Auftritt im Altenheim aussortiert: ein Blatt liegt abseits auf dem Tisch
Der Text, der zu Hause blieb. Es war der falsche.

Was ich daraus gelernt habe

Nicht, dass man alles vorlesen sollte.

Es gibt Texte, die nirgends passen.

Sondern dass meine Rücksicht in Wahrheit meine eigene Unsicherheit war.

Ich wollte nichts falsch machen und habe deshalb gar nichts riskiert.

Für einen netten Nachmittag reicht das.

Für mehr nicht.

„Ich hatte den einen Text weggelassen, der zu diesem Raum gepasst hätte. Und zwar aus Höflichkeit gegenüber Leuten, die mich nicht darum gebeten hatten.“
Meine Notiz danach — und der Grund für Textsorte drei

Wie ich solche Auftritte heute vorbereite

Inzwischen nehme ich immer mindestens einen traurigen Text mit.

Außerdem frage ich das Personal vorher, ob es etwas gibt, was ich lassen soll.

Und wenn ich unsicher bin, ob ein Text passt, lese ich ihn und schaue in den Raum, statt ihn vorher wegzulassen.

Bisher hat mir das niemand übelgenommen.

Andersherum schon.

WEITERGEHEN

Was Rücksicht nicht ersetzt

Eine gute Vorbereitung sorgt immerhin dafür, dass der Nachmittag funktioniert.

Ob deine Texte etwas taugen, ändert sie nicht.

Auch nach dem Auftritt im Altenheim bleibt die Bühne: der Waschbär am Abend
Dieselben Texte, anderer Raum. Gut sein müssen sie in beiden.
Ein schwacher Text wird nicht dadurch stark, dass man ihn langsamer vorliest.

Warum dieser Raum besonders ehrlich ist

Auf einer Slam-Bühne trägt dich das Format über schwache Stellen hinweg.

Hier gibt es kein Format, keine Wertung und keine aufgeheizte Stimmung.

Es gibt nur einen hellen Raum, zwölf Leute und deine Sätze.

Kurz gesagt: Wer hier besteht, hat einen Text, der ohne alles auskommt.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also das, was einen Text so weit trägt, dass er auch im Aufenthaltsraum um halb vier funktioniert.

Den Besuch bereitest du in zehn Minuten vor. Die Texte dafür baust du dein Leben lang.

Tempo runter, Niveau gleich. Traurige Texte mitnehmen. Und danach sitzen bleiben.
Kein Wettbewerb, keine Jury, dafür Publikum mit sehr viel Geschichte. Behandle es entsprechend.

Übrigens ist der Satz, den ich dort am häufigsten höre, kein Lob für einen Text.

Er lautet: Das hat mich an etwas erinnert.

Und danach kommt eine Geschichte, die besser ist als meine.

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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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