Texte über Arbeit: Schicht, Chef, Feierabend

Salzgitter · Spätschicht

Texte über Arbeit: Schicht, Chef, Feierabend

Zwei Fassungen desselben Textes. Die erste erklärte meinen Job. Die zweite zeigte eine Handbewegung.
Stoffmenge
8 Std. pro Tag
Bisher verwendet
0 Zeilen
Schichten
9
Zum Mitmachen
6 Bögen, 3 Kontrollgänge

Acht Stunden am Tag gehören deinem Job. In deinen Texten kommt er nicht vor. Das ist statistisch absurd.

Ich habe zwei Fassungen über meine Arbeit geschrieben.

Die erste erklärte, was ich tue. Sie war korrekt, vollständig und tot.

Denn eine vollständige Beschreibung ist genau das Gegenteil eines Textes.

Die zweite bestand aus einer einzigen Handbewegung, die ich tausendmal gemacht habe, ohne je darüber nachzudenken.

Über Arbeit schreiben fängt hier an: der Waschbär steht nach der Schicht in der Umkleide am offenen Spind
Ende der Schicht. Der Moment, in dem man aufhört, jemand zu sein, der arbeitet.

Die zweite hat funktioniert. Und danach kam jemand aus einem völlig anderen Beruf zu mir und sagte, genau so sei das bei ihnen auch.

Das ist der ganze Trick, und dieser Beitrag zerlegt ihn.

Außerdem funktioniert er in jedem Beruf, und zwar ohne Ausnahme.

Denn über Arbeit schreiben scheitert fast nie am Stoff. Es scheitert daran, dass Leute ihren Beruf erklären statt ihn zu zeigen.

Zum Mitmachen gibt es sechs Schichtbögen, drei Kontrollgänge und zwei deutsche Videos.

Denn wer über Arbeit schreiben will, hat den besten Stoff bereits täglich vor sich.

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Schicht01

Warum über Arbeit schreiben so selten gut geht

Es gibt vier Gründe, und drei davon kannst du sofort abstellen.

Zunächst die drei, die bei dir liegen. Danach der vierte, der es nicht tut.

Erstens: Du erklärst deinen Beruf

Der häufigste Fehler überhaupt. Der Text fängt an mit einer Tätigkeitsbeschreibung, und das Publikum hört zu wie bei einer Betriebsführung.

Niemand im Saal will wissen, was du tust. Alle wollen wissen, wie es sich anfühlt.

Deshalb scheitert über Arbeit schreiben schon im ersten Absatz.

Zweitens: Du beschwerst dich

Der zweithäufigste. Chef doof, Kollegen doof, Bezahlung schlecht.

Erstens stimmt das oft. Zweitens ist es kein Text, sondern ein Feierabendbier.

Allerdings kann eine Beschwerde ein guter Schlusssatz sein, wenn davor etwas steht.

Beschwerde ist ein Zustand ohne Handlung. Und Zustände tragen keine vier Minuten.

Außerdem hat das Publikum den eigenen Chef im Kopf, sobald du deinen erwähnst.

Drittens: Du benutzt Fachsprache ohne Übersetzung

Jeder Beruf hat seine Wörter. Und jedes einzelne davon kostet dich alle im Saal, die es nicht kennen.

Dabei ist genau diese Sprache der Teil, den niemand sonst erfinden könnte.

Das heißt nicht, dass du sie weglassen musst. Es heißt, dass du sie so einbauen musst, dass man sie aus dem Zusammenhang versteht.

Trotzdem ist gerade die Fachsprache beim Über-Arbeit-Schreiben ein Geschenk, wenn man sie richtig setzt.

Viertens: Du hast echte Risiken

Das ist der einzige Grund, der nicht dein Fehler ist.

Über den eigenen Arbeitsplatz zu schreiben, kann Ärger geben. Dazu gibt es später ein ganzes Kapitel, und zwar ein ehrliches.

Immerhin lässt sich fast jedes dieser Risiken durch vier Änderungen entschärfen.

Kontrollgang
Welche dieser vier Zeilen funktioniert für Leute, die den Beruf nicht kennen?
Auflösung anzeigen
Die dritte. Sie behauptet nichts, sondern zeigt eine Fähigkeit, die man sich über Jahre anhört. Man muss den Beruf nicht kennen, um sie zu verstehen, und man ahnt sofort, wie lange jemand dort schon ist. Zeile eins erklärt, Zeile zwei beschwert sich, Zeile vier ist eine Pointe, die sich selbst erschöpft.
Aushang
Niemand will hören, was du beruflich machst. Alle wollen sehen, was deine Hände inzwischen von allein können.
Schicht02

Der Griff beim Über-Arbeit-Schreiben: zeig den Handgriff

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist enttäuschend simpel.

Der Griff
Such eine einzige Bewegung aus deinem Arbeitstag, die du im Schlaf beherrschst, und beschreib sie, ohne zu erklären, wozu sie gut ist.

Nicht den Beruf. Nicht den Ablauf. Eine Bewegung.

Je spezifischer sie ist, desto mehr Leute erkennen sich darin wieder. Das klingt falsch herum und ist trotzdem so.

Damit wird über Arbeit schreiben zu einer Suchaufgabe statt zu einer Erklärungsaufgabe.

Kurz gesagt: Du suchst nicht nach Worten, sondern nach einer Bewegung.

Über Arbeit schreiben heißt Spuren zeigen: der abgegriffene Griff eines Werkzeugs, blank gescheuert von Jahren
Die Stelle, an der die Hand immer liegt. Das ist ein kompletter Text.

Warum das Spezifische universell wirkt

Weil jeder Mensch, der arbeitet, seine eigene Version davon hat.

Wer das Ziehen einer bestimmten Klappe genau beschrieben hört, denkt automatisch an den eigenen Handgriff. An die Kasse, an die Tastenkombination, an den Griff zur zweiten Schere.

Erstens spart dir das jede Erklärung. Zweitens holt es Leute ab, deren Beruf mit deinem nichts zu tun hat.

Genau deshalb funktioniert über Arbeit schreiben besser, je enger der Ausschnitt wird.

Woran du einen guten Handgriff erkennst

Er läuft automatisch ab. Du denkst nicht mehr darüber nach.

Zudem merkst du meistens erst beim Aufschreiben, dass du ihn überhaupt machst.

Er hat eine Geschichte. Irgendwann konntest du ihn nicht, und irgendwann dann doch.

Genau deshalb steckt in jedem Handgriff eine kleine Biografie.

Und er hinterlässt Spuren, entweder am Gegenstand oder an dir. Abgegriffene Stellen, Schwielen, ein Knacken im Handgelenk.

Übrigens sind gerade diese Spuren das dankbarste Material überhaupt.

06:12 · Schichtbeginn
Die Tür zum Werkstattgang klemmt seit Jahren an derselben Stelle.
Der Handgriff
Alle heben sie beim Öffnen einen Zentimeter an, ohne es zu merken. Neue merken nach zwei Wochen, dass sie es auch tun.
09:40 · Vormittag
Ein Kollege sortiert Papiere, bevor er sie ablegt.
Der Handgriff
Er klopft jeden Stapel zweimal auf die Kante, obwohl es beim zweiten Mal nichts mehr ändert.
13:55 · Nach der Pause
Jemand kommt zurück und schaut zuerst auf die Uhr, dann auf den Platz.
Der Handgriff
In dieser Reihenfolge, jeden Tag, seit ich hier bin.
Schichtbogen 01
Dein erster Handgriff
Geh deinen Arbeitstag im Kopf durch. Such drei Bewegungen, die du automatisch machst und noch nie erklärt hast. Danach markier die, die am wenigsten spektakulär ist.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil das Suchen die eigentliche Arbeit ist.

Wer eine gute Bewegung gefunden hat, schreibt den Rest fast von allein. Wer keine hat, kann noch so gut formulieren und landet trotzdem bei einer Betriebsführung. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör.
Schicht03

Studs Terkel: über Arbeit schreiben durch Zuhören

Das wichtigste Buch über Arbeit besteht fast nur aus fremden Sätzen.

Studs Terkel veröffentlichte 1974 Working, im Untertitel sinngemäß: Menschen reden darüber, was sie den ganzen Tag tun und wie sie sich dabei fühlen.

Über hundert Interviews, vom Totengräber bis zum Studioboss, vom Polizisten bis zum Klavierstimmer.

Damit ist es bis heute das größte Materiallager zum Thema, das je angelegt wurde.

Was Terkel gleich am Anfang klarstellt

Sein Vorwort ist eine der ehrlichsten Beschreibungen von Arbeit, die es gibt.

Zunächst klingt es hart. Danach merkt man, dass es einfach stimmt.

Er schreibt sinngemäß, ein Buch über Arbeit sei zwangsläufig ein Buch über Gewalt, gegen den Geist genauso wie gegen den Körper. Es gehe um Magengeschwüre ebenso wie um Unfälle, um Schreiereien ebenso wie um Schlägereien.

Und vor allem gehe es um tägliche Demütigungen.

für den täglichen Sinn genauso wie für das tägliche Brot
Studs Terkel · Working, 1974, sinngemäß übersetzt

Warum das Buch bis heute funktioniert

Weil Terkel die Leute machen lässt.

Er fragt nicht nach Meinungen über Arbeit, sondern lässt beschreiben, was jemand tut. Und in diesen Beschreibungen liegt alles andere schon drin.

Die Kellnerin Dolores Dante etwa sagt, sie bewege sich zwischen den Tischen wie eine Tänzerin und fühle sich wie Carmen. Es helfe ihr gegen die Demütigung und gegen die Arthritis gleichermaßen.

Erstens ist das ein Bild. Zweitens ist es genau der Handgriff aus Kapitel zwei, nur von jemandem, der nie einen Schreibkurs besucht hat.

Außerdem zeigt es, dass die besten Arbeitsbilder von den Arbeitenden selbst kommen.

Der ehrliche Haken

Terkel hat die Interviews stark bearbeitet, gekürzt und montiert.

Das Buch klingt wie reines Zuhören und ist in Wahrheit komponiert. Für uns ist das eher eine Erlaubnis als ein Vorwurf: Auch dein Arbeitstext darf montiert sein.

Zudem entlastet es alle, die glauben, sie müssten die Wahrheit unbearbeitet abliefern.

Über Arbeit schreiben heißt den Handgriff zeigen: der Waschbär führt konzentriert eine eingeübte Handbewegung aus
Eine Bewegung, tausendmal gemacht. Mehr Material braucht kein Text.
Schicht04

Max von der Grün verlor seinen Job wegen eines Romans

Der zweite Kronzeuge ist der Grund, warum das Risikokapitel in diesem Beitrag steht.

Max von der Grün, geboren 1926 in Bayreuth, ging 1951 als Bergmann ins Ruhrgebiet. Er arbeitete auf der Zeche Königsborn in Unna, zuerst als Hauer, nach einem Unfall als Grubenlokomotivführer.

Fast dreizehn Jahre unter Tage.

Danach hat er über genau diese Arbeit geschrieben, und zwar sehr genau.

Was er geschrieben hat

Er war Mitbegründer der Dortmunder Gruppe 61, die eine neue Literatur der Arbeitswelt schaffen wollte.

Außerdem hielt er dort einen Vortrag über Mensch und Industrie in der Literatur und legte sich damit früh auf sein Thema fest.

1963 erschien sein Roman Irrlicht und Feuer. Darin schildert er drastisch einen tödlichen Unfall unter Tage und kritisiert scharf sowohl das Unternehmen als auch Gewerkschaftsfunktionäre.

Das Buch wurde sein Durchbruch und ein handfester Skandal.

Denn über Arbeit schreiben heißt manchmal, den eigenen Betrieb zu beschreiben.

Was ihn das gekostet hat

Ein Bergbauzulieferer erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen ihn. Er gewann das Verfahren in zwei Instanzen.

Allerdings war der eigentliche Schaden da längst entstanden.

Ein führender Gewerkschaftsfunktionär nannte den Roman ein Machwerk, das man verbrennen solle. Vier Jahre lang wurde er weder zu Tagungen noch zu Lesungen eingeladen.

Und am 5. Dezember 1963 wurde er auf seiner Zeche entlassen.

Das Unternehmen bot ihm an, den Roman zurückzuziehen und stattdessen unter guten Bedingungen in die Hauptverwaltung zu wechseln. Er lehnte ab und wurde freier Schriftsteller.

Schreiben ist nichts anderes, als dass ich mich hinsetze und eine Geschichte erzähle.
Max von der Grün · sinngemäß

Was du daraus mitnimmst

Erstens: Arbeitstexte können Folgen haben. Das ist kein hypothetisches Risiko.

Zweitens: Es lohnt sich, sehr genau zu unterscheiden zwischen einem Text über deine Arbeit und einem Text über deinen Arbeitgeber.

Dabei ist der Unterschied kleiner, als er klingt, und wichtiger, als man denkt.

Und drittens: Von der Grün hat sich später mit der Gewerkschaft versöhnt und 1993 die Bergkamener Bergleute im Kampf um ihre Arbeitsplätze unterstützt. Die Fronten von damals waren also nicht endgültig.

Trotzdem sollte niemand diese Geschichte als Ermutigung zum Leichtsinn lesen.

Schicht05

Videokapitel: über Arbeit schreiben mit fremdem Material

Zwei deutsche Videos, die auf verschiedene Weise zum Thema passen.

Denn beim Über-Arbeit-Schreiben hilft es enorm, fremde Arbeitstage anzuschauen.

Über 700 pro Tag: Das passiert mit den Fundsachen bei der Deutschen Bahn
Galileo begleitet den Leiter des zentralen Fundbüros durch seinen Arbeitstag. Interessant hier nicht als Reportage, sondern als Materialstudie: Achte darauf, welche Handgriffe im Bild vorkommen und welche davon niemand erklärt.
Poetry Slam Tutorial: Ich will einen Text schreiben, aber worüber?
Die erste Folge des Grundkurs Slam von Poetry Slam TV mit Lennart Hamann und Hannes Maaß. Die Grundfrage, und der Arbeitstag ist die Antwort, die am häufigsten übersehen wird.
Zum Nachhören: der Fall von der Grün
Die ARD hat eine Podcastfolge über den 5. Dezember 1963 veröffentlicht, den Tag, an dem Max von der Grün auf seiner Zeche fristlos entlassen wurde.

Zu finden über die ARD-Audiothek unter seinem Namen. Ich verweise hier bewusst nur auf das, was ich selbst geprüft habe.
Schicht06

Das Risikokapitel: Grenzen beim Über-Arbeit-Schreiben

Jetzt der unangenehme Teil, und er gehört zwingend dazu.

Denn über Arbeit schreiben heißt fast immer, über einen realen Betrieb und reale Menschen zu schreiben.

Deshalb gehört zu diesem Thema eine Vorsicht, die andere Stoffe nicht brauchen.

Vorweg und ohne Umschweife
Ich bin kein Jurist, und was hier steht, ist keine Rechtsberatung.

Es sind praktische Vorsichtsmaßnahmen aus der Sicht von jemandem, der selbst angestellt ist und schreibt. Wenn dein Fall heikel wird, frag den Betriebsrat oder eine Fachanwältin für Arbeitsrecht. Beides ist günstiger als ein Verfahren.

Was du auf keinen Fall verwendest

Namen von Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten, auch abgewandelt, wenn die Person trotzdem erkennbar bleibt.

Interne Vorgänge, Zahlen, Verfahren oder Kundendaten, die nicht öffentlich sind.

Zudem gilt das auch für Dinge, die dir harmlos vorkommen.

Alles, was unter deine Verschwiegenheitspflicht fällt. Und im Zweifel fällt mehr darunter, als man denkt.

Konkrete Vorwürfe gegen benannte Personen oder gegen deinen Arbeitgeber, die du im Ernstfall nicht belegen könntest.

Die vier Änderungen, die du immer vornimmst

Erstens: Branche wechseln, wenn es geht. Ein Handgriff funktioniert oft auch in einem anderen Betrieb.

Dabei verlierst du erstaunlich wenig, weil die Bewegung selbst ja bleibt.

Zweitens: Personen zusammenlegen. Aus drei Kollegen wird eine Figur, die es so nicht gibt.

Drittens: Zeit und Ort verschieben.

Und viertens: das Konkrete behalten, das Belastende weglassen. Die Bewegung ist der Stoff, nicht der Konflikt.

Damit bleibt beim Über-Arbeit-Schreiben genau das übrig, was ohnehin am besten wirkt.

Kontrollgang
Welche dieser vier Zeilen wäre am ehesten problematisch?
Auflösung anzeigen
Die zweite. Sie enthält eine benennbare Person, ein Datum und einen konkreten Vorwurf, der arbeitsrechtlich relevant sein könnte. Damit ist es kein Text mehr, sondern eine Aussage. Die anderen drei sind Beobachtungen ohne Adressaten und funktionieren als Material genauso gut oder besser.
Schichtbogen 02
Deine vier Änderungen
Nimm deinen Handgriff aus Schichtbogen 1 und mach ihn bühnensicher. Trag ein, was du jeweils veränderst.
Über Arbeit schreiben endet beim Feierabend: ein leerer Werksgang mit offener Tür ins Abendlicht
Feierabend. Der einzige Teil des Arbeitstages, über den fast alle schreiben.
Dein Link-Kompass

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Schreiben & Textaufbau
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Schicht07

Drei Tageszeiten: wann sich über Arbeit schreiben lohnt

Der Arbeitstag hat drei Zonen, und sie liefern völlig verschiedenes Material.

Zunächst die Übersicht. Anschließend die Zone, die praktisch niemand benutzt.

Denn beim Über-Arbeit-Schreiben entscheidet der Zeitpunkt fast so viel wie der Handgriff.

ZoneWas dort passiertWas der Text davon hat
Vor der SchichtUmziehen, Ankommen, das letzte private Denken.Der Übergang, also die stärkste Zone von allen.
Während der SchichtRoutine, Handgriffe, Nebensätze zwischen zwei Aufgaben.Die Handgriffe und die Fachsprache.
Nach der SchichtRauskommen, Runterkommen, der Weg nach Hause.Erschöpfung — und leider auch das größte Kitschrisiko.

Die erste Zeile ist die unterschätzteste. Beim Umziehen wird aus einem Menschen eine Funktion, und das ist ein kompletter Text.

Denn genau in diesem Moment lässt sich zeigen, was Arbeit mit einem macht, ohne dass man es behaupten muss.

Die dritte ist die gefährlichste. Über Feierabend schreiben fast alle, und fast alle landen bei Bier, Sofa und Erschöpfung.

Deshalb lohnt sich beim Über-Arbeit-Schreiben der Blick auf die erste Zone am meisten.

Über Arbeit schreiben in der Pause: der Waschbär notiert in der Kantine neben seiner Brotdose
Die Pause ist die einzige Zeit, in der man mitschreiben kann.

Die Zone, die niemand benutzt

Der Übergang. Also die zwölf Minuten zwischen Ankommen und Anfangen.

Zudem passiert dort etwas, das man später nie wieder so sehen kann.

Da wird geredet, ohne dass es um etwas geht. Da wird sich umgezogen. Und da entscheidet sich, in welcher Stimmung acht Stunden ablaufen.

Außerdem ist es die einzige Zone, in der man beides gleichzeitig ist: Privatperson und Beschäftigter.

Wer über Arbeit schreiben will und nicht weiß, wo er anfangen soll, fängt hier an.

Außerdem ist es die Zone, über die es praktisch keine fertigen Klischees gibt.

Schichtbogen 03
Deine Übergangszwölf
Beschreib die zwölf Minuten zwischen Ankommen und Anfangen. Was passiert da genau? Wer sagt was? Was ziehst du in welcher Reihenfolge an?
Schicht07b

Fünf Arbeitslagen und ihr Stoff

Nicht jeder arbeitet gleich, und das verändert das Material erheblich.

Denn beim Über-Arbeit-Schreiben liefert jede Lage andere Bilder und hat eine andere typische Falle.

LageDer beste StoffDie typische Falle
SchichtdienstDer Wechsel: aufstehen, wenn andere heimkommen.Nur über Müdigkeit schreiben.
Körperliche ArbeitSpuren an Werkzeug und Händen, eingeübte Bewegungen.Die Arbeit heroisieren.
BüroDie eigene Sprache: spiegeln, aufsetzen, kurz abholen.Bei den bekannten Floskeln bleiben.
Arbeit mit MenschenDer Moment zwischen zwei Gesprächen.Über die Menschen schreiben statt über die Arbeit.
Ohne festen JobWarten, Bewerben, das Erklärenmüssen.Sich rechtfertigen statt beobachten.

Die vierte Zeile ist die heikelste. Wer mit Patienten, Fahrgästen, Schülern oder Kunden arbeitet, hat den stärksten Stoff und die engste Grenze zugleich.

Deshalb gilt dort besonders: die eigene Bewegung zeigen, nicht die fremde Geschichte verwerten. Mehr dazu steht in Schicht sechs.

Die fünfte Lage, die oft vergessen wird

Arbeitslosigkeit ist auch Arbeit, nämlich eine sehr anstrengende.

Außerdem hat sie eigene Handgriffe: die Art, wie man ein Formular ausfüllt, die Reihenfolge beim Nachschauen, der Weg zum Briefkasten und zurück.

Trotzdem taucht sie in Slam-Texten fast nur als Klage auf. Dabei ist sie handwerklich genauso zugänglich wie jede Schicht.

Schichtbogen 05
Deine Lage und dein Stoff
Such deine Lage in der Tabelle. Was ist bei dir der beste Stoff, und in welche Falle bist du bisher getappt?
Schicht08

Zehn Fehler beim Über-Arbeit-Schreiben

Fünf Fehler beim Stoff

Fehler 1: Den Beruf erklären
Der Grundfehler. Zwei Sätze Tätigkeitsbeschreibung, und der Saal ist raus. Zeig eine Bewegung und lass alle raten.
Fehler 2: Den spektakulären Tag nehmen
Der Unfall, der Streit, der Tag, an dem alles schiefging. Das erzählt sich selbst und lässt dir nichts zu tun. Nimm den Dienstag, an dem nichts war.
Fehler 3: Den Chef zur Hauptfigur machen
Chef-Texte sind die Klischee-Hochburg schlechthin. Und riskant sind sie obendrein.
Fehler 4: Nur die eigene Erschöpfung
Müdigkeit ist ein Zustand, keine Handlung. Sie kann ein Text-Ende sein, aber kein Text.
Fehler 5: Den Beruf romantisieren
Das ehrliche Handwerk, die guten alten Zeiten. Das ist Heimatfilm mit Werkzeug.

Fünf Fehler beim Schreiben

Fehler 6: Unübersetzte Fachsprache
Jedes Fachwort braucht eine Umgebung, aus der man es erschließen kann. Sonst wirkt es wie Angeberei.
Fehler 7: Die Moral am Ende
Und deshalb sollten wir alle mehr Respekt vor. Damit machst du aus einer Beobachtung eine Betriebsversammlung.
Fehler 8: Zahlen ohne Bezug
Vierzig Stunden, zwölf Euro, dreißig Jahre. Zahlen wirken nur, wenn direkt daneben etwas Konkretes steht, das man sich vorstellen kann.
Fehler 9: Sich über Kollegen lustig machen
Auf der Bühne sitzen Leute, die genau diese Kollegen sind. Du verlierst sie sofort.
Fehler 10: Alles in die Vergangenheit legen
Früher war die Arbeit härter und ehrlicher. Das ist bequem, unbelegbar und macht deinen eigenen Alltag unsichtbar.
Kontrollgang
Womit sollte ein Arbeitstext auf der Bühne anfangen?
Auflösung anzeigen
Mit der zweiten. Eine unerklärte Bewegung erzeugt sofort eine Frage im Kopf: Was tut der da? Diese Frage hält das Publikum. Die Berufsbezeichnung beantwortet sie vorab und nimmt dir die Spannung. Zahlen wirken erst später, und der Chef ist Fehler drei.
Schicht09

Sechs Übungen fürs Über-Arbeit-Schreiben

Diese sechs kosten dich zusammen kaum eine Stunde.

Denn über Arbeit schreiben lernt man im Betrieb und nicht am Schreibtisch.

Außerdem lassen sich die meisten davon in der Pause erledigen.

Drei Übungen zum Sammeln

Übung 1 – Die Handgriffliste
Notier zehn Bewegungen, die du bei der Arbeit automatisch machst. Ohne Wertung, ohne Erklärung. Das ist dein Materiallager für die nächsten Monate.
Übung 2 – Zehn Wörter, die nur ihr benutzt
Jeder Betrieb hat seine eigene Sprache. Sammel zehn Ausdrücke, die außerhalb niemand versteht. Die Hälfte davon ist besser als alles, was du erfinden könntest.
Übung 3 – Der stille Kollege
Beobachte einen Tag lang eine Person, mit der du wenig zu tun hast, und notier nur, was sie mit ihren Händen tut. Keine Deutung.

Drei Übungen zum Schreiben

Übung 4 – Ohne Berufsbezeichnung
Schreib eine halbe Seite über deine Arbeit, in der weder dein Beruf noch deine Branche vorkommt. Der Zwang macht dich konkret.
Übung 5 – Der Übergang
Zwölf Minuten Ankommen, ausgeschrieben. Diese Übung liefert erfahrungsgemäß die besten Ergebnisse im ganzen Beitrag.
Übung 6 – Die Fremdprobe
Lies jemandem vor, der deinen Beruf nicht kennt, und lass ihn danach erzählen, was du beruflich machst. Wenn er es ungefähr trifft, ohne dass du es gesagt hast, sitzt der Text.
Schichtbogen 04
Zehn Wörter, die nur ihr benutzt
Übung 2 direkt hier. Sammel die Ausdrücke, die außerhalb deines Betriebs niemand kennt. Und markier die drei, die auch ohne Erklärung etwas auslösen.
Schichtende

Dein Schichtbuch zum Abhaken

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

Damit hast du das Über-Arbeit-Schreiben einmal komplett durchlaufen.

Erledigt
Nachtrag

Salzgitter – der Rest der Geschichte

Zurück zu den zwei Fassungen.

Über Arbeit schreiben beginnt in der Umkleide: der Waschbär am offenen Spind nach der Schicht
Zwölf Minuten Umziehen. Die stärkste Zone des ganzen Arbeitstages.

Was in der ersten Fassung stand

Eine korrekte Beschreibung meiner Aufgaben. Vier Sätze, gut formuliert, vollständig.

Zunächst klang das vernünftig. Anschließend saß der Saal höflich da.

Danach eine Beschwerde über die Dienstplanung, eine Pointe über Formulare und ein versöhnlicher Schluss über Kollegialität.

Es hat höflichen Applaus gegeben.

Genau das ist beim Über-Arbeit-Schreiben das schlechteste Zeichen überhaupt.

Was in der zweiten steht

Eine Tür, die klemmt. Und dass alle sie beim Öffnen einen Zentimeter anheben, ohne es zu merken.

Dabei steht nirgends, wo ich arbeite oder was ich dort tue.

Dass Neue das nach zwei Wochen auch tun, ohne dass es ihnen jemand gesagt hat.

Und dass ich es zu Hause bei meiner eigenen Wohnungstür inzwischen auch mache, obwohl die überhaupt nicht klemmt.

Das mit der Tür — das ist bei uns die Kühlraumklinke.
Eine Bäckerin, nach dem Auftritt

Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte

Die erste Fassung hat mich zwei Wochen gekostet. Die zweite eine Zugfahrt.

Allerdings brauchte ich für die zweite die zwei Wochen davor.

Ich habe nicht härter gearbeitet, sondern nur woanders hingeschaut.

Denn beim Über-Arbeit-Schreiben entscheidet die Auswahl und nicht der Fleiß.

Und das ärgert mich bis heute, weil es bedeutet, dass ich jahrelang den besten Stoff, den ich habe, jeden Tag acht Stunden lang ignoriert habe.

Trotzdem ist das die beste Nachricht dieses Beitrags: Der Stoff ist schon da.

Übergabe

Was die Arbeit dir nicht abnimmt

Dein Job liefert dir acht Stunden Material pro Tag, kostenlos und unerschöpflich.

Er liefert dir keine vier Minuten.

Deshalb fängt genau hier die eigentliche Arbeit an.

Das Ziel beim über Arbeit schreiben: der Waschbär steht in Arbeitsjacke auf der Bühne, der Saal geht mit
In der Arbeitsjacke auf der Bühne. Der halbe Saal war heute auch in Schicht.

Warum jetzt erst das Handwerk anfängt

Ein guter Handgriff ist ein Bauteil. Vier Minuten sind eine Schicht.

Du brauchst einen Einstieg, der ohne Erklärung auskommt. Ein Tempo, das die Routine spürbar macht, ohne selbst langweilig zu werden. Und einen Schluss, der bei der Bewegung bleibt statt bei der Moral.

Kurz gesagt: Über Arbeit schreiben liefert dir den Stoff. Den Text musst du bauen.

Außerdem braucht der Text einen Grund, warum ausgerechnet diese Bewegung erzählt wird.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge für den Moment, in dem du zehn gute Handgriffe hast und vier Minuten daraus machen musst.

Die Bewegung findest du selbst. Den Rahmen liefert das Handwerk.

Zeig den Handgriff. Und sag bis zum Schluss nicht, was du beruflich machst.
Aushang
Acht Stunden am Tag machst du etwas, das du im Schlaf kannst. Genau das will ein Saal sehen.

Übrigens klemmt die Tür immer noch.

Immerhin weiß ich inzwischen, dass sie mein bester Text war.

Es gab zwei Anträge auf Reparatur, und beide sind bearbeitet worden.

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Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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