Texte online veröffentlichen – oder lieber für die Bühne aufheben?

Texte online veröffentlichen – oder lieber für die Bühne aufheben?
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Texte online veröffentlichen – oder lieber für die Bühne aufheben?

Du hältst ein Blatt in der Hand.

Manche Karten spielst du aus, weil sie erst im Spiel etwas wert sind. Andere hältst du zurück, weil sie später den Stich machen.

Beides ist richtig. Falsch ist nur, alle Karten sofort aufzudecken oder gar keine.

Und die meisten Slammer machen genau eines von beiden.

Die Frage ist nicht, ob du veröffentlichst. Die Frage ist, welche Karte wann auf den Tisch kommt.

KARTE 01Texte, die online gehörendie meisten
KARTE 02Texte, die du aufhebstwenige
KARTE 03Tatsächlicher Schaden durch Vorwissenkleiner als gedacht
KARTE 04Häufigste Fehlentscheidunggar nichts zeigen
KARTE 05Nötige Endgültigkeitkeine

Fangen wir mit der Angst an, die hinter der Frage steckt.

Sie lautet: Wenn alle den Text schon kennen, funktioniert er nicht mehr.

Also lohnt sich das Veröffentlichen angeblich nur bei zweitklassigen Texten.

Die Pointe ist verbraucht, die Wendung vorweggenommen, der Abend gelaufen.

Diese Angst ist zwar verständlich, in dieser Schärfe allerdings unbegründet.

Es gibt Forschung dazu, ob Vorwissen eine Geschichte ruiniert. Sie ist uneindeutig, und das ist bereits die gute Nachricht.

Denn eindeutig wäre nur das Gegenteil ein Problem.

Wenn Vorwissen zuverlässig ruinieren würde, dürftest du gar nichts zeigen.

Texte online veröffentlichen heißt Karten aufdecken: offene und verdeckte Karten auf dem Tisch
Ein paar liegen offen, ein paar liegen verdeckt. Genau darum geht es.

Der Text, dessen Wirkung der Autor nicht mitbekam

Wolfgang Borchert schrieb sein Stück Draußen vor der Tür in wenigen Tagen.

Am 13. Februar 1947 sendete der Nordwestdeutsche Rundfunk die Hörspielfassung.

Borchert selbst konnte sie nicht hören. In seiner Wohnung in Hamburg gab es an diesem Abend eine Stromsperre.

Die Resonanz war gewaltig. Bis dahin hatten seine Veröffentlichungen kaum jemanden erreicht.

Danach kamen Briefe, Besuche und Verlagsanfragen. Er selbst sprach wenige Monate später von einem Rummel um seine Person.

Borchert starb am 20. November 1947 mit sechsundzwanzig Jahren, einen Tag vor der Theaterpremiere.

Ein veröffentlichter Text arbeitet also weiter, auch wenn du gerade nicht zusiehst. Das ist der Unterschied zur Bühne.

Was in diesem Beitrag steht

Wie du entscheidest, welche Texte du online veröffentlichen solltest und welche du besser aufhebst.

Also welche Merkmale einen Text ausmachen, der vom Zeigen profitiert, und welche einen, der davon verliert.

Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, ob verratene Enden Geschichten schaden, und eine darüber, warum du das selbst nicht beurteilen kannst.

Außerdem ein Kartenblatt mit einer fertigen Sortierung.

Zum Mitmachen gibt es fünf Züge, sieben Stiche und zwei deutsche Videos.

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KARTE 06

Was du gewinnst und was du verlierst

Bevor es um einzelne Texte geht, kurz um die Rechnung dahinter.

Was das Veröffentlichen deiner Texte bringt

Zunächst finden dich Leute, die dich sonst nie gesehen hätten.

Denn online sucht niemand nach einem Slam, sondern nach einem Gefühl.

Außerdem können Veranstaltende hören, wie du klingst, bevor sie dich buchen.

Drittens bekommst du eine Fassung dokumentiert, bevor du sie änderst.

Und schließlich erreichst du Menschen, die nie auf einen Slam gehen würden.

Was dich das Veröffentlichen kostet

Zunächst kennt ein Teil deines Publikums den Text, wenn du ihn spielst.

Außerdem verlierst du die Möglichkeit, ihn irgendwo als Neuheit anzukündigen.

Drittens können Wettbewerbe Regeln zur Erstveröffentlichung haben.

Und schließlich fühlt es sich an, als würdest du etwas verschenken.

Aufheben
Wirkt beim ersten Mal maximal.
Keiner kennt die Wendung.
Passt für Wettbewerbe.
Fühlt sich sicher an.
Niemand kennt dich davon.
Veröffentlichen
Wirkt oft mehrfach.
Manche kennen die Wendung.
Kann Regeln berühren.
Fühlt sich riskant an.
Leute finden dich dadurch.

Die letzte Zeile ist die entscheidende und wird ständig übersehen.

Denn ein aufgehobener Text hat keinen Nachteil.

Aber auch keine Wirkung.

Er liegt in einer Schublade und wartet auf einen perfekten Moment, der selten kommt.

Und in der Zwischenzeit weiß niemand, dass es dich gibt.

Was ist der häufigste Fehler bei dieser Frage?
Auflösung
Gar nichts zu zeigen. Der befürchtete Schaden ist kleiner als gedacht, der Preis der Unsichtbarkeit dagegen sicher — was die Forschung dazu sagt, steht in Karte 15.
Wenn alle deinen Text kennen, ist die Pointe tot. Das stimmt bei ungefähr einem von zehn Texten.
CLIP 1Erstes Buch geschrieben, und jetzt? Veröffentlichen oder nicht?
Dieselbe Frage aus der Sicht von jemandem, der schreibt statt auftritt. Der Abwägung tut das gut.
KARTE 09

Der Griff: frag nach der Wirkung, nicht nach dem Ende

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt eine einzige Frage.

Und sie trennt sauber.

Der Griff
Frag dich, ob dein Text von einer Überraschung lebt oder von seiner Wirkung — und veröffentliche alles, was von der Wirkung lebt.

Ein Text, der von der Wirkung lebt, funktioniert beim zweiten Hören genauso, manchmal besser. Ein Text, der von einer einzigen Wendung lebt, verliert beim zweiten Mal tatsächlich etwas.

Das sind erfahrungsgemäß wenige. Bei den meisten Texten ist die Wendung nicht der Grund, warum jemand zuhört.

Das war es.

Also Wirkung veröffentlichen, Überraschung aufheben.

Die meisten Slam-Texte haben gar keine Pointe im engeren Sinn. Sie haben einen Bogen, und Bögen verbrauchen sich nicht.
Texte online veröffentlichen heißt sortieren: der Waschbär legt Blätter auf zwei Stapel
Zwei Stapel, eine Frage. Mehr braucht die Entscheidung nicht.

Woran du einen Text fürs Aufheben erkennst

Zunächst daran, dass du beim Erzählen das Ende nicht verraten darfst.

Außerdem daran, dass die Wirkung in einem einzigen Satz steckt.

Drittens daran, dass der Text ohne diesen Satz nicht viel übrig lässt.

Und schließlich daran, dass du selbst gespannt wartest, wenn du ihn spielst.

Woran du einen Text für online erkennst

Er funktioniert auch, wenn jemand mittendrin einsteigt.

Außerdem hast du ihn schon oft gespielt und er trägt trotzdem.

Drittens erzählen Leute dir hinterher von einem Bild daraus, nicht von der Auflösung.

Und schließlich könntest du ihn jemandem zusammenfassen, ohne dass es sich falsch anfühlt.

STICH 01Deine Sortierung
Geh fünf deiner Texte durch und ordne jedem eine der beiden Kategorien zu. Meistens fällt es leichter als erwartet.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil die Frage sonst zu einer Grundsatzdebatte wird, die niemand entscheidet.

Man liest sich in Plattformregeln ein, denkt über Wettbewerbe nach, fragt drei Leute und veröffentlicht am Ende nichts.

Eine einzige Frage pro Text ist dagegen in zehn Sekunden beantwortet. Und zehn Sekunden hast du.
KARTE 12

Fünf Züge und was du mit ihnen machst

Jetzt wird es konkret.

Fünf Sorten von Texten, sortiert danach, wie klar der Fall ist.

Bei jeder steht das Erkennungszeichen, die Empfehlung und die Begründung.

Z1Der erprobte Wirkungstext
Erkennungszeichen: oft gespielt, trägt jedes Mal, hat kein einzelnes Geheimnis
Veröffentlichen, und zwar vollständig.
Das ist der Text, der dich bekannt macht. Er verliert nichts, weil er nie von Unwissenheit gelebt hat. Und er ist der Beste, den du hast, was ihn zum besten Aushängeschild macht.
Z2Der neue Text
Erkennungszeichen: zwei- oder dreimal gespielt, noch in Bewegung
Aufheben, aber nur vorläufig.
Nicht wegen der Pointe, sondern weil er sich noch verändert. Was du heute veröffentlichst, ist in drei Monaten nicht mehr die Fassung, die du spielst.
Z3Der Überraschungstext
Erkennungszeichen: lebt von einer einzigen Wendung, die alles umdreht
Aufheben, solange du ihn aktiv spielst.
Hier ist die Sorge berechtigt, allerdings begrenzt. Wenn du ihn nicht mehr spielst, kannst du ihn ruhig zeigen. Dann ist er ein Dokument statt einer Waffe.
Manche Texte nicht online veröffentlichen: eine halb offene Schublade mit Blättern
Die Schublade ist kein Grab. Sie ist ein Zwischenlager.

Die zwei Texte mit Sonderregeln

Z4Der Wettbewerbstext
Erkennungszeichen: vorgesehen für eine Meisterschaft oder Ausschreibung
Erst die Regeln lesen, dann entscheiden.
Manche Ausschreibungen verlangen unveröffentlichte Texte, andere nicht. Das steht in den Teilnahmebedingungen und ist in zwei Minuten geklärt. Rate nicht, lies nach.
Z5Der persönliche Text
Erkennungszeichen: handelt von dir oder von Menschen, die dich kennen
Nicht nach der Pointe entscheiden, sondern nach den Beteiligten.
Auf einer Bühne hören ihn hundert Leute einmal. Online steht er für Jahre und ist durchsuchbar. Das ist ein Unterschied, der mit Kunst nichts zu tun hat.
Vier Züge entscheidest du nach dem Text. Den fünften entscheidest du nach den Menschen darin.
STICH 02Deine Züge
Ordne deine Texte den fünf Sorten zu. Die Verteilung sagt dir mehr als jede Grundsatzentscheidung.
KARTE 15

Ob ein verratenes Ende wirklich schadet

Die Annahme scheint so selbstverständlich, dass sie kaum jemand prüft.

Jonathan Leavitt und Nicholas Christenfeld von der University of California haben es 2011 getan und in Psychological Science veröffentlicht.

Der Titel ist eine Ansage: Story Spoilers Don't Spoil Stories.

Also: Verratene Enden verderben Geschichten nicht.

Wie die Untersuchung zum verratenen Ende ablief

Zunächst lasen Teilnehmende Kurzgeschichten aus drei Gattungen.

Nämlich literarische Erzählungen, Kriminalgeschichten und Geschichten mit einer ironischen Wendung am Schluss.

Ein Teil bekam davor einen kurzen Absatz, der das Ende verriet.

Danach sollten alle angeben, wie sehr ihnen die Geschichte gefallen hat.

Was die Untersuchung zum verratenen Ende ergab

Zunächst gefielen die Geschichten mit verratenem Ende im Schnitt besser.

Und zwar in allen drei Gattungen, auch bei den Wendungsgeschichten.

Die Autoren erklärten das damit, dass Lesen leichter fällt, wenn man weiß, worauf es hinausläuft.

Wer nicht mehr rätselt, kann auf die Sprache achten.

Wer die Wendung kennt, hört zum ersten Mal, wie du sie vorbereitest.
Texte online veröffentlichen schadet der Bühne selten: der Waschbär spielt vor vollem Saal
Dieselbe Stelle, dasselbe Publikum. Auch die, die den Text kannten.

Was das für deine Entscheidung bedeutet

Zunächst nimmt es der Angst vorm Veröffentlichen die Spitze.

Denn wenn schon bei Kriminalgeschichten das verratene Ende nicht schadet, dann bei einem Bühnentext erst recht selten.

Außerdem erklärt es eine Beobachtung, die viele Slammer machen: Leute, die einen Text kennen, reagieren manchmal stärker als beim ersten Mal.

Und schließlich verschiebt es die Frage.

Nicht: Kennt das jemand?

Sondern: Trägt der Text auch, wenn man es kennt?

Der ehrliche Haken, und er ist groß

Dieser Befund ist der umstrittenste in diesem ganzen Blog.

Denn spätere Untersuchungen kommen zu anderen Ergebnissen.

Johnson und Rosenbaum fanden 2015, dass verratene Enden das Vergnügen verringern.

Levine, Betzner und Autry scheiterten 2016 mit zweihundertfünfzehn Teilnehmenden an einer Wiederholung und fanden das Gegenteil.

Neuere Arbeiten wiederum finden gar keinen Effekt.

Außerdem ging es um still gelesene Kurzgeschichten im Labor und nicht um einen gesprochenen Text in einem vollen Saal.

Was bleibt, ist trotzdem brauchbar: Wäre der Schaden groß und eindeutig, hätte man ihn längst sauber gemessen.

Die Uneindeutigkeit selbst ist der eigentliche Befund.

KARTE 19

Warum du das selbst nicht beurteilen kannst

Es gibt einen zweiten Grund, warum die Sorge oft übertrieben ist.

Nämlich den, dass du den Text auswendig kennst und alle anderen nicht.

Elizabeth Newton hat das 1990 in ihrer Doktorarbeit an der Universität Stanford untersucht, mit einem Versuch von großer Einfachheit.

Wie der Klopfversuch ablief

Zunächst bekamen die Beteiligten eine Rolle: Klopfer oder Zuhörer.

Die Klopfer bekamen eine Liste bekannter Lieder, etwa Geburtstagslieder oder Weihnachtslieder.

Sie sollten den Rhythmus eines Liedes auf eine Tischplatte klopfen.

Und die Zuhörer sollten es erraten.

Vorher schätzten die Klopfer, wie oft das gelingen würde.

Was dabei herauskam

Das Ergebnis des Klopfversuchs

Bei hundertzwanzig geklopften Liedern wurden drei erkannt.

Das sind zweieinhalb Prozent.

Die Klopfer hatten fünfzig Prozent geschätzt, also einen zwanzigfach zu hohen Wert.

Der Grund ist schlicht: Wer klopft, hört das Lied im Kopf mit.

Wer zuhört, hört nur Klopfen.

Du kannst nicht mehr nicht wissen, was du weißt. Das nennt man den Fluch des Wissens.
Vor dem Texte online veröffentlichen: der Waschbär hält seine Karten in der Hand
Du siehst dein Blatt. Alle anderen sehen nur die Rückseiten.

Was das mit deinen eigenen Texten zu tun hat

Zunächst überschätzt du, wie viele Leute deinen Text kennen.

Denn du hast ihn hundertmal gespielt und alle Rückmeldungen dazu gelesen.

In deinem Kopf ist er berühmt.

Tatsächlich haben ihn vielleicht vierhundert Leute gehört und dreißig behalten.

Außerdem überschätzt du, wie deutlich deine Wendung überhaupt ist.

Was für dich eine Umdrehung ist, ist für viele beim ersten Hören nur eine schöne Zeile.

Was du annimmstWas wahrscheinlich stimmtWas du daraus machst
Alle kennen den Text.Ein kleiner Teil kennt ihn.Nicht nach dem Bekanntheitsgrad entscheiden.
Die Wendung ist offensichtlich.Viele überhören sie beim ersten Mal.Mehr veröffentlichen, weniger sorgen.
Wiederholung langweilt.Sie schafft Wiedererkennung.Denselben Text ruhig oft spielen.
Ich kann das einschätzen.Du bist der Klopfer.Andere fragen statt selbst raten.
Online ist er verbraucht.Online ist er auffindbar.Auffindbarkeit ist mehr wert.

Die vierte Zeile ist die praktischste.

Denn wenn du nicht beurteilen kannst, wie bekannt dein Text ist, dann frag jemanden, der ihn nicht geschrieben hat.

Zwei Minuten Nachfrage schlagen zwei Wochen Grübeln.

Der ehrliche Haken, und er ist wichtig

Diese Arbeit ist eine Doktorarbeit, die nie als Aufsatz erschienen ist.

Bekannt wurde sie erst durch ein populäres Sachbuch, das sie ausführlich erzählt.

Außerdem waren es Psychologiestudierende im Jahr 1990 und eine einzelne kleine Aufgabe.

Die Zahlen sollte man deshalb nicht als Messwert nehmen.

Sondern als Bild.

Der zugrunde liegende Gedanke ist allerdings breiter belegt und in der Wirtschaftsforschung unter demselben Namen untersucht worden.

KARTE 23

Deine Sortierung auf einem Blatt

Damit du nicht bei jedem Text neu überlegst, hier eine fertige Ordnung.

Kartenblatt · was wohin gehört
Offen
erprobte Wirkungstexte
Vollständig veröffentlichen, mit Text in der Beschreibung. Das sind die Texte, über die dich jemand findet.
Offen
alte Fassungen
Texte, die du nicht mehr spielst, dürfen raus. Sie schaden nichts und belegen deine Entwicklung.
Verdeckt
neue Texte
Erst fünf- bis zehnmal spielen. Nicht wegen der Pointe, sondern weil sich die Fassung noch ändert.
Verdeckt
aktive Überraschungstexte
Solange du sie spielst, bleiben sie in der Hand. Danach dürfen sie offen liegen.
Prüfen
Wettbewerbstexte
Teilnahmebedingungen lesen, bevor irgendetwas online geht. Zwei Minuten, und die Frage ist beantwortet.
Prüfen
Texte über andere Menschen
Nicht nach der Wirkung entscheiden, sondern nach den Betroffenen. Im Zweifel fragen oder Namen ändern.
Ergänzt wird das Ganze durch eine Regel, die nichts kostet: Eine Entscheidung gegen das Veröffentlichen gilt für ein Jahr und nicht für immer.

Warum jede Entscheidung ein Datum braucht

Ein aufgehobener Text wird nämlich selten wieder hervorgeholt.

Man legt ihn weg, spielt ihn irgendwann nicht mehr und vergisst ihn.

Genau deshalb gehört zu jeder Entscheidung ein Datum.

Wenn du in einem Jahr nochmal draufschaust, hast du meistens eine andere Antwort.

Und die ist dann die richtige.

STICH 03Dein Kartenblatt
Übertrag deine Texte in die sechs Zeilen. Und schreib zu jedem Aufgehobenen ein Datum.
Dein Link-Kompass

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Schreiben & Textaufbau
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

KARTE 27

In welcher Form ein Text online gehört

Veröffentlichen ist nämlich keine einzige Handlung, sondern mehrere verschiedene.

Vier Formen, einen Text online zu veröffentlichen

Zunächst der geschriebene Text, also Buchstaben auf einer Seite.

Außerdem die Tonaufnahme, in der man deine Stimme hört.

Drittens der Bühnenmitschnitt, in dem auch das Publikum vorkommt.

Und schließlich der Ausschnitt, der nur einen Teil zeigt.

Warum die Form über die Entscheidung mitbestimmt

Ein geschriebener Text verrät zwar den Inhalt.

Aber nicht dein Timing.

Denn wer liest, hört deine Pausen nicht und setzt eigene.

Ein Mitschnitt dagegen zeigt genau das, was auf der Bühne passiert, inklusive der Reaktionen.

Deshalb ist bei einem Überraschungstext ein geschriebener Auszug oft unproblematischer als ein vollständiges Video.

Es ist selten die Frage, ob ein Text online geht. Es ist die Frage, in welcher Form und wie vollständig.
Texte online veröffentlichen in Stufen: einige Karten offen, andere verdeckt
Nicht alles oder nichts. Es gibt vier Stufen dazwischen.

Zwischenstufen beim Texte online veröffentlichen

Zunächst der Auszug: die ersten zwei Minuten statt des ganzen Textes.

Außerdem die frühere Fassung, die du sowieso nicht mehr spielst.

Drittens der Text ohne Aufnahme, also nur geschrieben.

Und schließlich die zeitversetzte Veröffentlichung, etwa ein halbes Jahr nach der letzten Bühnenfassung.

Die Zwischenstufe, die am meisten bringt
Die ersten zwei Minuten.

Sie zeigen deinen Ton, dein Tempo und deine Bildsprache — also alles, was ein Veranstalter wissen muss.

Und sie verraten die Wendung nicht, weil die fast immer im letzten Drittel steht. Wer mehr will, kommt auf die Bühne.
STICH 04Deine Form
Nimm einen Text, bei dem du unsicher bist, und entscheide statt ja oder nein eine der vier Stufen.
CLIP 2Buch veröffentlichen und Autor werden in siebzehn Schritten
Der große Bogen für alle, bei denen aus einzelnen Texten irgendwann ein Buch werden soll.
KARTE 31

Rechte, Wettbewerbe und was du unterschreibst

Vorab und deutlich
Ich bin kein Anwalt, und das hier ist keine Rechtsberatung.

Dein Text gehört dir, sobald du ihn geschrieben hast. Das Recht, über die erste Veröffentlichung zu entscheiden, liegt ebenfalls bei dir. Sobald du Texte an Verlage, Anthologien oder Plattformen gibst, räumst du allerdings Nutzungsrechte ein, und deren Umfang steht im Kleingedruckten.

Lass dir bei Verträgen im Zweifel von einer Fachanwaltschaft für Urheberrecht helfen. Was hier steht, ist eine grobe Orientierung.

Trotzdem lohnen sich zwei praktische Gewohnheiten.

Vor Wettbewerben die Bedingungen nachlesen

Zunächst verlangen manche Ausschreibungen unveröffentlichte Texte.

Was dabei als veröffentlicht gilt, steht in den Bedingungen und ist von Wettbewerb zu Wettbewerb verschieden.

Bei manchen zählt ein Video dazu, bei anderen nur eine Druckfassung.

Zwei Minuten Lesen ersparen dir eine unangenehme Nachricht.

Bei Anthologien genau hinsehen, bevor du Rechte abgibst

Sammelbände sind zwar eine schöne Sache und oft der erste Druck überhaupt.

Achte trotzdem darauf, für wie lange und wie ausschließlich du Rechte abgibst.

Eine zeitlich unbegrenzte und ausschließliche Einräumung bedeutet, dass du deinen eigenen Text nicht mehr frei verwenden kannst.

Das ist nicht immer schlimm, sollte aber eine Entscheidung sein und kein Versehen.

KARTE 34

Zehn Fehler beim Veröffentlichen

Fünf beim Entscheiden, fünf beim Umsetzen.

Fünf Fehler beim Entscheiden

Fehler 1: Gar nichts zeigen
Der häufigste und teuerste. Ein aufgehobener Text hat keinen Nachteil, aber auch keine Wirkung.
Fehler 2: Alles gleich behandeln
Ein Wirkungstext und ein Überraschungstext sind verschiedene Fälle. Eine Grundsatzentscheidung passt auf keinen von beiden.
Fehler 3: Nach der Pointe entscheiden statt nach den Menschen
Bei persönlichen Texten ist die Wendung das kleinste Problem. Online steht der Text jahrelang und ist durchsuchbar.
Fehler 4: Den eigenen Bekanntheitsgrad überschätzen
Der Fluch des Wissens aus Karte 19. In deinem Kopf kennen alle den Text, tatsächlich sind es sehr wenige.
Fehler 5: Wettbewerbsbedingungen raten
Sie stehen da und sind in zwei Minuten gelesen. Raten kostet im schlechtesten Fall den Startplatz.

Denn Texte online veröffentlichen scheitert selten an einer falschen Entscheidung und fast immer an gar keiner.

Fünf Fehler beim Umsetzen

Fehler 6: Nur ja oder nein denken
Es gibt vier Stufen dazwischen. Der Auszug ist die am meisten unterschätzte Möglichkeit überhaupt.
Fehler 7: Den Text nicht dazuschreiben
Ein Video ohne Textfassung ist nicht durchsuchbar. Und niemand findet eine Zeile, die er im Kopf hat.
Fehler 8: Rechte abgeben, ohne zu lesen
Ausschließlich und unbefristet klingt harmlos und ist es nicht. Im Zweifel fragen, bevor du unterschreibst.
Fehler 9: Alte Sachen löschen, weil sie einem peinlich sind
Sie belegen deine Entwicklung und schaden niemandem. Und irgendwer findet genau darüber zu dir.
Fehler 10: Die Entscheidung für endgültig halten
Ein aufgehobener Text kann in einem Jahr raus. Deshalb gehört zu jedem Nein ein Datum.
KARTE 39

Sechs Schritte für einen Abend

Das reicht, um deinen gesamten Bestand einmal sauber zu sortieren.

Drei Schritte zum Sortieren

Schritt 1 – Alles auflisten
Schreib jeden Text auf, den du spielst oder gespielt hast. Die Liste ist bei den meisten kürzer als gedacht.
Schritt 2 – Die eine Frage stellen
Wirkung oder Überraschung? Der Griff aus Karte 09, einmal pro Text, zehn Sekunden.
Schritt 3 – Die Sonderfälle markieren
Wettbewerbstexte und persönliche Texte. Die entscheidest du nicht nach derselben Frage.

Drei Schritte zum Umsetzen

Schritt 4 – Zwei Texte sofort veröffentlichen
Die zwei besten erprobten Wirkungstexte. Vollständig, mit Textfassung in der Beschreibung.
Schritt 5 – Für zwei die Zwischenstufe wählen
Auszug, frühere Fassung oder nur geschrieben. So bekommst du ein Gefühl dafür, was das bringt.
Schritt 6 – Zu jedem Nein ein Datum schreiben
In einem Jahr schaust du nochmal drauf. Ohne Datum wird daraus ein Nie.

Denn Schritt sechs verhindert, dass aus einer Vorsicht eine Schublade wird.

Ein Abend Sortieren. Danach musst du bei jedem neuen Text nur noch eine Frage beantworten.
STICH 05Dein Abend
Trag ein, wann du sortierst und welche zwei Texte zuerst rausgehen.
STICH 06Deine Sonderfälle
Schreib auf, bei welchen Texten es nicht um die Wirkung geht, sondern um Menschen oder Regeln.
STICH 07Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
KARTE 44

Die Abnahme

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

NACHTRAG

Der Text, den ich vier Jahre zurückgehalten habe

Ich hatte einen Text, der von einer einzigen Wendung lebte.

Am Ende stellte sich heraus, dass die ganze Geschichte anders gemeint war, und dieser Moment funktionierte im Saal zuverlässig.

Also habe ich ihn nie veröffentlicht, aus genau dem Grund, der in der Überschrift dieses Beitrags steht.

Vier Jahre lang war das die richtige Entscheidung. Im fünften Jahr war es nur noch eine Gewohnheit.

Was tatsächlich passiert ist

Irgendwann habe ich ihn nicht mehr gespielt, weil er nicht mehr zu mir passte.

Er lag also weder auf der Bühne noch im Netz.

Sondern nirgends.

Und weil ich ihn nicht aufgenommen hatte, existierte er nur noch als Textdatei, in einer Fassung von 2019.

Die Fassung, die im Saal funktioniert hat, ist weg.

Texte nicht online veröffentlichen hat einen Preis: eine halb offene Schublade
Vier Jahre in der Schublade. Am Ende war die Wendung niemandem etwas wert.

Was ich daraus gelernt habe

Nicht, dass Zurückhalten falsch ist.

Für vier Jahre war es richtig.

Sondern dass ich vergessen habe, die Entscheidung noch einmal anzusehen.

Denn eine Entscheidung gegen das Veröffentlichen ist eine Entscheidung für einen bestimmten Zeitraum.

Ohne Datum wird daraus stillschweigend ein Nie.

„Ich habe eine Pointe vier Jahre lang geschützt und dann einfach aufgehört, sie zu benutzen. Geschützt hatte ich am Ende nur eine Datei.“
Meine Notiz danach — und der Grund für das Datum im Kartenblatt

Wie ich heute über Veröffentlichung entscheide

Inzwischen bekommt jeder Text beim Schreiben eine von zwei Markierungen.

Außerdem steht bei jedem zurückgehaltenen ein Datum im Kalender.

Und wenn ich einen Text zum letzten Mal spiele, nehme ich ihn noch am selben Abend auf.

Das ist die einzige Regel aus diesem Beitrag, die ich mir wirklich hart erarbeiten musste.

WEITERGEHEN

Was eine gute Sortierung nicht ersetzt

Eine Sortierung sagt dir immerhin, welcher Text wohin gehört.

Sie sagt dir nicht, ob er gut ist.

Nach dem Texte online veröffentlichen zählt der Auftritt: der Waschbär auf der Bühne
Hier entscheidet sich, ob ein Text trägt. Nicht in der Sortierung.
Ein Text, der von einer Überraschung lebt und sonst von nichts, hat ein größeres Problem als die Frage der Veröffentlichung.

Warum die Frage bei guten Texten leichter wird

Denn die Sortierung ist am Ende ein Werkzeug und keine Antwort.

Ein Text, der nur einmal wirkt, muss nämlich geschützt werden.

Ein Text, der jedes Mal wirkt, kann überallhin.

Deshalb ist die beste Antwort auf diese ganze Frage keine Strategie.

Sondern besseres Schreiben.

Kurz gesagt: Wer Texte baut, die auch beim dritten Hören tragen, muss über Veröffentlichung kaum noch nachdenken.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also das, was aus einem Text mit einer Pointe einen Text macht, der die Pointe gar nicht braucht.

Die Sortierung machst du an einem Abend. Die Texte dafür baust du dein Leben lang.

Wirkung veröffentlichen, Überraschung aufheben. In vier Stufen denken. Und zu jedem Nein ein Datum.
Wenn alle deinen Text kennen, ist die Pointe tot. Wenn niemand deinen Text kennt, ist alles andere auch tot.

Übrigens hat mich vor Kurzem jemand nach einem Auftritt angesprochen und gesagt, er habe den Text schon gekannt.

Ich habe mich einen Moment lang geärgert, bis er nachschob, er sei deswegen gekommen.

Seitdem stelle ich die Frage anders.

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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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