AUSGABE
Lesebühne statt Slam: Ohne Wettbewerb auf die Bühne
Ein Slam ist ein Wettkampf. Eine Lesebühne ist eine Zeitschrift.
Sie erscheint regelmäßig, hat eine feste Redaktion, und in jeder Ausgabe steht etwas Neues von denselben Leuten.
Genau daraus entsteht alles Weitere: kein Zeitlimit, keine Punkte, kein Sieger, dafür ein Publikum, das nächste Woche wiederkommt.
Und für dich ein Termin, der dich zum Schreiben zwingt.
Fangen wir mit dem an, was die meisten Slammer zuerst irritiert.
Es gibt dort zunächst einmal keinen Grund, gut anzukommen.
Niemand vergibt Punkte, niemand kommt in die nächste Runde, und niemand fährt mit einem Titel nach Hause.
Was übrig bleibt, wenn der Wettbewerb wegfällt, ist eine Frage, die den Kern trifft: Willst du gewinnen oder willst du schreiben?
Beides ist zwar legitim, allerdings erzeugt es völlig verschiedene Texte.
Deshalb geht es hier nicht darum, was besser ist.
Was in diesem Beitrag steht
Wie eine Lesebühne funktioniert, woher das Format kommt und für wen es passt.
Also welche Texte dort tragen, wie du in eine hineinkommst und was der feste Termin mit deinem Schreiben macht.
Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, wie Gruppen entstehen, und eine darüber, was regelmäßige kleine Fortschritte bewirken.
Außerdem ein Abendblatt mit dem Ablauf einer ganzen Ausgabe.
Zum Mitmachen gibt es fünf Textsorten, sieben Texte und ein deutsches Video.
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- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenWie das Format funktioniert und woher es kommt
Die Regeln sind übrigens so schlicht, dass es kaum welche gibt.
Was eine Lesebühne im Kern ausmacht
Zunächst ein festes Ensemble, meistens drei bis sechs Leute.
Diese Gruppe bleibt über Jahre weitgehend dieselbe.
Außerdem ein fester Ort und ein fester Termin, wöchentlich oder monatlich.
Ferner neue Texte bei jeder Ausgabe, meistens ein bis zwei pro Person.
Und schließlich oft ein Gast und ein offenes Mikrofon für jemanden aus dem Publikum.
Woher das Format stammt
Die erste Lesebühne entstand nämlich 1987 in Magdeburg.
Bekannt wurde das Format allerdings in Berlin: 1989 begann die Höhnende Wochenschau um Wiglaf Droste, 1990 folgte Dr.
Seltsams Frühschoppen um Horst Evers.
Die Reformbühne Heim & Welt gibt es seit 1995 und sie läuft seither ohne Unterbrechung jeden Sonntag.
Aus diesen Bühnen kamen Autoren wie Wladimir Kaminer, Jakob Hein, Kirsten Fuchs, Bov Bjerg und Marc-Uwe Kling.
Das Format ist also keine Nische, sondern ein Karriereweg.
Die letzte Zeile ist der entscheidende Unterschied.
Auf einem Slam kannst du zwei Jahre lang mit denselben vier Texten fahren.
Auf einer Lesebühne sitzen jede Woche dieselben Leute im Publikum.
Wer denselben Text zweimal liest, merkt das sofort an den Gesichtern.
Auflösung
Der Griff: geh zwölfmal hin, bevor du fragst
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt einen Weg in eine Lesebühne, und er ist unspektakulär.
Nicht nach dem zweiten Besuch, nicht mit einer Mail vorher, und schon gar nicht mit einem Hinweis auf deine Slam-Erfolge.
Denn eine Lesebühne ist kein Wettbewerb, zu dem man sich anmeldet. Sie ist eine Gruppe, in die man hineinwächst, und Gruppen funktionieren über Anwesenheit.
Das war es.
Also erst dabei sein, dann fragen.
Warum das Zuschauen so viel bringt
Zunächst lernst du, welche Länge dort üblich ist.
Sie ist fast immer länger als beim Slam.
Außerdem merkst du, welcher Ton passt.
Jede Bühne hat einen eigenen.
Ferner siehst du, wie die Leute miteinander umgehen, und ob du da überhaupt hineinpasst.
Und schließlich kennt man dich nach zwölf Abenden vom Sehen.
Das ist mehr wert als jede Bewerbungsmail.
Wie du bei der Lesebühne fragst
Am besten am Tresen, nach der Veranstaltung, in einem Satz.
Also: Ich schreibe auch, könnte ich mal am offenen Mikrofon lesen?
Fast alle Lesebühnen haben einen solchen Programmpunkt, und genau dafür ist er da.
Und wenn es gut läuft, wirst du irgendwann als Gast eingeladen.
Alles Weitere ergibt sich daraus oder eben nicht.
Du hörst, wie lang die Texte sind, du merkst, worüber gelacht wird, und du siehst, wer eigentlich das Sagen hat.
Kein Ratgeber ersetzt zwölf Abende in derselben Kneipe. Und keine gute Mail ersetzt ein bekanntes Gesicht.
Fünf Textsorten, die dort tragen
Jetzt wird es konkret.
Nämlich fünf Sorten, sortiert danach, wie typisch sie für das Format sind.
Bei jeder steht das Merkmal, die Empfehlung und der Grund.
Die zwei Sorten, die es nur hier gibt
Warum Anwesenheit mehr zählt als Können
Der Griff aus Ausgabe 09 klingt nach Küchenpsychologie.
Tatsächlich beschreibt er einen Befund, der seit siebzig Jahren steht.
Leon Festinger, Stanley Schachter und Kurt Back veröffentlichten ihn 1950 in dem Buch Social Pressures in Informal Groups.
Wie die Untersuchung ablief
Zunächst untersuchten die drei eine Wohnsiedlung für Studierende am Massachusetts Institute of Technology.
Alle waren neu zugezogen und kannten einander vorher nicht.
Die Forschenden erhoben, wer mit wem befreundet war, und verglichen das mit der Lage der Wohnungen.
Damit ließ sich prüfen, was Freundschaften eigentlich entstehen lässt.
Was die Wohnsiedlungs-Studie ergab
Zunächst folgten Freundschaften der Entfernung, und zwar erstaunlich genau.
Nachbarn wurden Freunde, Leute zwei Türen weiter deutlich seltener.
Entscheidend war dabei nicht nur die reine Distanz, sondern das, was die Forschenden funktionale Nähe nannten: Wer am Treppenhaus wohnte oder an den Briefkästen vorbei musste, hatte mehr Bekannte.
Es ging also nicht darum, wer sympathisch war, sondern darum, wer wem regelmäßig begegnete.
Was das für deinen Weg in eine Lesebühne bedeutet
Zunächst: Du kommst nicht über deine Texte hinein, sondern über Anwesenheit.
Das klingt ernüchternd und ist tatsächlich eine Erleichterung.
Denn die Leute dort suchen keine Talente, sondern jemanden, mit dem sie jede Woche zusammensitzen wollen.
Außerdem erklärt es, warum der Tresen nach der Veranstaltung so wichtig ist.
Das ist die funktionale Nähe: der Ort, an dem man sich zwangsläufig trifft.
Und schließlich nimmt es dir die Vorstellung, du müsstest dich irgendwo bewerben.
Du musst nur regelmäßig da sein.
Der ehrliche Haken, und er ist deutlich
Es ging um eine einzige Wohnsiedlung mit jungen verheirateten Studierenden in den späten vierziger Jahren.
Das ist eine sehr besondere und sehr gleichförmige Gruppe.
Außerdem wurde beobachtet und nicht experimentiert.
Wer sich eine Wohnung am Treppenhaus aussucht, ist womöglich ohnehin geselliger.
Ferner ging es um Freundschaften und nicht um Aufnahme in ein Ensemble.
Und schließlich wird der Befund oft auf reine Entfernung verkürzt.
Die funktionale Nähe war mindestens so wichtig, und genau die kannst du beeinflussen.
Was der feste Termin mit deinem Schreiben macht
Jetzt zum eigentlichen Grund, warum sich das Format lohnt.
Nämlich nicht wegen der Bühne, sondern wegen des Abgabetermins.
Teresa Amabile von der Harvard Business School und Steven Kramer haben dazu 2011 ein Buch veröffentlicht: The Progress Principle.
Wie die Untersuchung angelegt war
Die beiden werteten fast zwölftausend Tagebucheinträge aus.
Sie stammten von zweihundertachtunddreißig Beschäftigten in sieben Unternehmen.
Diese Menschen schrieben täglich auf, was bei der Arbeit passiert war und wie es ihnen damit ging.
Gesucht wurde, was den Unterschied zwischen guten und schlechten Arbeitstagen macht.
Was dabei herauskam
Was die Tagebücher zeigten
Der stärkste einzelne Faktor war weder Lob noch Bezahlung.
Es war das Gefühl, bei etwas Bedeutsamem vorangekommen zu sein.
Und zwar ausdrücklich auch bei kleinen Schritten.
Die Autoren nennen das den Fortschrittsgrundsatz: Wer regelmäßig kleine Fortschritte macht, arbeitet motivierter und kreativer.
Was das für dein Schreiben zwischen zwei Ausgaben bedeutet
Zunächst ist der feste Termin der eigentliche Wert des Formats.
Alles andere daran ist angenehm, aber ersetzbar.
Denn er verwandelt Schreiben von einer Sache, die man tut, wenn man Lust hat, in eine Sache mit Abgabe.
Außerdem erklärt es, warum Lesebühnen-Ensembles so viel Material haben.
Die Brauseboys aus Berlin lesen seit über zwanzig Jahren wöchentlich und kommen auf weit über tausend Abende.
Und schließlich: Es geht nicht darum, dass jeder Text gut wird.
Es geht darum, dass es jede Woche einen gibt.
| Verbreitete Annahme | Was die Auswertung nahelegt | Was du machst |
|---|---|---|
| Ich schreibe, wenn ich Zeit habe. | Ohne Anlass entsteht wenig. | Einen Termin suchen. |
| Jeder Text muss gut werden. | Fortschritt schlägt Perfektion. | Auch Halbfertiges lesen. |
| Große Projekte motivieren. | Kleine Schritte wirken stärker. | Ein Text pro Ausgabe. |
| Lob treibt an. | Fortschritt treibt stärker an. | Nicht auf Reaktionen schielen. |
| Ein Slam reicht als Anlass. | Slams sind unregelmäßig. | Feste Taktung suchen. |
Die letzte Zeile ist der Grund, warum viele Slammer irgendwann wechseln.
Ein Slam findet statt, wenn du dich anmeldest und ausgelost wirst.
Eine Lesebühne findet statt, ob du etwas hast oder nicht.
Und dieser Unterschied entscheidet, wie viel du in einem Jahr schreibst.
Der ehrliche Haken, und er ist erheblich
Es handelt sich um ein Sachbuch für Führungskräfte und nicht um eine begutachtete Untersuchung.
Außerdem beruht es auf Tagebüchern, die Menschen selbst geführt haben.
Das sind Zusammenhänge und keine Ursachen.
Ferner lässt sich die Richtung schwer bestimmen: Vielleicht empfindet man an guten Tagen mehr Fortschritt, statt dass Fortschritt gute Tage macht.
Und schließlich ging es um Wissensarbeit in Unternehmen.
Der Sprung zu Texten für eine Kneipenbühne ist meiner, nicht ihrer.
Der Ablauf eines Abends
Damit du weißt, was dich erwartet, hier eine typische Ausgabe.
Sechs Teile, zusammen etwa zwei Stunden mit Pause.
Was du beim ersten Lesen auf der Lesebühne beachtest
Nimm zunächst einen Text mit, der ohne Vorwissen funktioniert.
Außerdem einen, der eher kurz ist.
Fünf Minuten beim ersten Mal reichen.
Ferner: Lies ab.
Auf einer Lesebühne liest man ab, daher der Name.
Und bleib danach da.
Das ist keine Höflichkeit, sondern der Punkt aus Ausgabe 15.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Wenn es bei dir keine gibt
Außerhalb der großen Städte ist die nächste Lesebühne allerdings oft weit weg.
Dann bleibt allerdings die Möglichkeit, selbst eine zu machen.
Und das ist weniger aufwendig, als es klingt.
Was du für eine eigene Lesebühne brauchst
Zunächst zwei oder drei andere, die regelmäßig schreiben.
Außerdem einen Ort, der einen Abend im Monat frei hat.
Kneipen, Buchläden, Jugendclubs, Kulturvereine.
Ferner einen festen Termin, also etwa jeden ersten Mittwoch.
Und schließlich die Bereitschaft, ein Jahr lang durchzuhalten, auch wenn zwölf Leute kommen.
Was du für die Bühne nicht brauchst
Zunächst kein Mikrofon, solange der Raum klein ist.
Außerdem keinen Eintritt.
Ein Hut am Ausgang reicht und passt besser.
Ferner kein Konzept und kein Motto.
Die Bühne ist das Konzept.
Und keine Werbung außer einem festen Termin, den man sich merken kann.
Die ersten drei Monate deiner Bühne
Zunächst kommen wenige, und das ist völlig normal.
Denn das Format lebt davon, dass Leute wiederkommen, und Wiederkommen braucht ein erstes Mal.
Nach Ausgabe 15 entsteht Publikum genauso wie Freundschaft: durch Regelmäßigkeit und nicht durch Qualität im Einzelfall.
Wer nach drei Abenden aufhört, hat den Punkt verpasst, an dem es anfängt.
Diesmal Dienstag, weil der Raum frei war, nächstes Mal Donnerstag, weil jemand nicht kann. Danach findet niemand mehr hin.
Ein fester Termin ist wichtiger als ein guter Ort, ein gutes Datum und sogar wichtiger als gute Texte. Er ist das Einzige, was ein Publikum aufbauen kann.
Geld, Rechte und ehrliche Erwartungen
Wer regelmäßig gegen Entgelt auftritt oder eine Reihe veranstaltet, berührt Fragen zu Einnahmen, Umsatzsteuer und je nach Ort auch zu Verwertungsgesellschaften. Bei einem Hut in einer Kneipe sieht das anders aus als bei einer Reihe mit Eintritt.
Klär das im Zweifel mit einer Steuerberatung, bevor es größer wird.
Trotzdem lohnen sich zwei nüchterne Feststellungen.
Zum Verdienst
Eine Lesebühne ernährt zwar niemanden, jedenfalls nicht am Anfang.
Üblich ist eine Hutkasse, die unter den Lesenden geteilt wird.
Bei der Reformbühne kamen in den Anfangsjahren manchmal keine fünf Mark pro Person zusammen, und aus derselben Bühne wurden später Dutzende Bücher.
Der Ertrag liegt also nicht im Abend, sondern in dem, was daraus entsteht.
Zu deinen Texten
Deine Texte bleiben deine, auch wenn du sie dort liest.
Trotzdem lohnt es sich, vorher zu klären, ob mitgeschnitten wird und was mit den Aufnahmen passiert.
Viele Lesebühnen streamen inzwischen oder stellen Videos online.
Was das für spätere Veröffentlichungen bedeutet, klärst du besser vorher als hinterher.
Zehn Fehler auf der Lesebühne
Fünf beim Hineinkommen, fünf beim Lesen.
Fünf Fehler beim Hineinkommen
Fehler 1: Sich per Mail bewerben
Fehler 2: Nach dem zweiten Besuch fragen
Fehler 3: Mit Slam-Erfolgen auftrumpfen
Fehler 4: Sofort nach der Veranstaltung gehen
Fehler 5: Die falsche Bühne wählen
Denn auf einer Lesebühne entscheidet nicht die Qualität eines Abends, sondern die Zahl der Abende.
Fünf Fehler beim Lesen
Fehler 6: Auswendig vortragen
Fehler 7: Denselben Text zweimal lesen
Fehler 8: Mit einem lauten Schluss enden
Fehler 9: Zu kurz lesen
Fehler 10: Auf Reaktionen schielen
Sechs Schritte über ein Vierteljahr
Das ist der realistische Zeitrahmen, und er ist kürzer, als er klingt.
Drei Schritte zum Hingehen
Schritt 1 – Die nächste Bühne finden
Schritt 2 – Drei Termine eintragen
Schritt 3 – Danach bleiben
Drei Schritte zum Lesen
Schritt 4 – Einen kurzen Text vorbereiten
Schritt 5 – Am Tresen fragen
Schritt 6 – Einen Rhythmus festlegen
Denn Schritt sechs wirkt auch dann, wenn aus der Bühne nichts wird.
Die Abnahme
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Der Abend, an dem niemand geklatscht hat
Beim ersten Mal auf einer Lesebühne hatte ich einen Slam-Text dabei.
Einer meiner besseren, mit einem Aufbau, der auf Wettbewerben zuverlässig funktioniert hat.
Am offenen Mikrofon habe ich ihn gelesen, so wie ich ihn immer lese.
Was ich falsch gemacht hatte
Ich hatte nämlich auf einen Knall hingearbeitet, den dort niemand erwartete.
Der Text endete laut, mit einer Wendung, die auf einer Bühne mit Wertung den Ausschlag gibt.
Hier saßen dreißig Leute an Tischen, hatten Bier vor sich und wurden am Schluss angeschrien.
Das ist ungefähr so, als würde jemand im Wohnzimmer aufstehen und eine Rede halten.
Was ich beim zweiten Mal gemacht habe
Ich habe einen Text mitgenommen, den ich beim Slam nie gelesen hätte.
Er war neun Minuten lang, hatte drei kleine Pointen und endete mit einem Halbsatz.
Der Applaus war ungefähr genauso lang wie beim ersten Mal.
Aber danach kamen zwei Leute an den Tisch und wollten wissen, ob es davon mehr gibt.
„Beim ersten Mal habe ich einen guten Text gelesen. Beim zweiten Mal einen passenden. Nur der zweite hat zu einem Gespräch geführt.“Meine Notiz danach — und der Grund für Textsorte fünf
Wie ich meine Texte heute sortiere
Inzwischen habe ich zwei Stapel: einen für Slams und einen für Lesebühnen.
Außerdem schreibe ich seit damals einen Text pro Monat, unabhängig davon, ob ich irgendwo lese.
Das ist die einzige Gewohnheit aus zehn Jahren, die wirklich geblieben ist.
Und sie stammt nicht von einer Bühne, sondern von einem Termin.
Was der Termin nicht ersetzt
Ein fester Abgabetermin sorgt immerhin dafür, dass du schreibst.
Was dabei herauskommt, entscheidet er nicht.
Warum das Format trotzdem hart ist
Auf einem Slam trägt dich zwar die Aufregung über eine schwache Stelle.
Hier sitzen Leute an Tischen und hören zehn Minuten lang zu.
Das ist die längste ununterbrochene Aufmerksamkeit, die dir irgendjemand freiwillig schenkt.
Kurz gesagt: Ohne Wettbewerb wird nichts leichter.
Es wird nur ehrlicher.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also das, was einen Text über neun Minuten trägt, ohne dass er einen Knall am Ende braucht.
Den Termin findest du an einem Abend. Was du hineinschreibst, baust du dein Leben lang.
Erst zwölfmal hingehen. Ablesen statt spielen. Und einen Text pro Monat, egal was kommt.
Übrigens ist der Satz, den ich auf Lesebühnen am häufigsten höre, kein Lob für einen Text.
Er lautet: Und, was hast du diesmal?
Genau dieser Satz hat mich mehr Texte gekostet als jeder Wettbewerb.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
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Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
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Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
