Lesebühne statt Slam: Ohne Wettbewerb auf die Bühne

Lesebühne statt Slam: Ohne Wettbewerb auf die Bühne
BAHN-SLAM
AUSGABE

Lesebühne statt Slam: Ohne Wettbewerb auf die Bühne

Ein Slam ist ein Wettkampf. Eine Lesebühne ist eine Zeitschrift.

Sie erscheint regelmäßig, hat eine feste Redaktion, und in jeder Ausgabe steht etwas Neues von denselben Leuten.

Genau daraus entsteht alles Weitere: kein Zeitlimit, keine Punkte, kein Sieger, dafür ein Publikum, das nächste Woche wiederkommt.

Und für dich ein Termin, der dich zum Schreiben zwingt.

Wer auf einer Bühne stehen will, ohne zu gewinnen, ist hier vermutlich richtiger als beim Slam.
AUSGABE 01
Zeitlimitkeins, meist zehn Minuten
AUSGABE 02
Wertunggibt es nicht
AUSGABE 03
Übliche Taktungwöchentlich bis monatlich
AUSGABE 04
Erwartete Textmengejedes Mal etwas Neues
AUSGABE 05
Ältestes Formatseit 1987

Fangen wir mit dem an, was die meisten Slammer zuerst irritiert.

Es gibt dort zunächst einmal keinen Grund, gut anzukommen.

Niemand vergibt Punkte, niemand kommt in die nächste Runde, und niemand fährt mit einem Titel nach Hause.

Was übrig bleibt, wenn der Wettbewerb wegfällt, ist eine Frage, die den Kern trifft: Willst du gewinnen oder willst du schreiben?

Auf dem Slam schreibst du für die Wertung. Auf der Lesebühne schreibst du für den nächsten Donnerstag.

Beides ist zwar legitim, allerdings erzeugt es völlig verschiedene Texte.

Deshalb geht es hier nicht darum, was besser ist.

Vor dem Abend auf der Lesebühne: eine Ecke im Hinterzimmer mit Stuhl und Lampe
Ein Hinterzimmer, ein Stuhl, eine Lampe. Das ist meistens die ganze Bühne.

Was in diesem Beitrag steht

Wie eine Lesebühne funktioniert, woher das Format kommt und für wen es passt.

Also welche Texte dort tragen, wie du in eine hineinkommst und was der feste Termin mit deinem Schreiben macht.

Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, wie Gruppen entstehen, und eine darüber, was regelmäßige kleine Fortschritte bewirken.

Außerdem ein Abendblatt mit dem Ablauf einer ganzen Ausgabe.

Zum Mitmachen gibt es fünf Textsorten, sieben Texte und ein deutsches Video.

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AUSGABE 06

Wie das Format funktioniert und woher es kommt

Die Regeln sind übrigens so schlicht, dass es kaum welche gibt.

Was eine Lesebühne im Kern ausmacht

Zunächst ein festes Ensemble, meistens drei bis sechs Leute.

Diese Gruppe bleibt über Jahre weitgehend dieselbe.

Außerdem ein fester Ort und ein fester Termin, wöchentlich oder monatlich.

Ferner neue Texte bei jeder Ausgabe, meistens ein bis zwei pro Person.

Und schließlich oft ein Gast und ein offenes Mikrofon für jemanden aus dem Publikum.

Woher das Format stammt

Die erste Lesebühne entstand nämlich 1987 in Magdeburg.

Bekannt wurde das Format allerdings in Berlin: 1989 begann die Höhnende Wochenschau um Wiglaf Droste, 1990 folgte Dr.

Seltsams Frühschoppen um Horst Evers.

Die Reformbühne Heim & Welt gibt es seit 1995 und sie läuft seither ohne Unterbrechung jeden Sonntag.

Aus diesen Bühnen kamen Autoren wie Wladimir Kaminer, Jakob Hein, Kirsten Fuchs, Bov Bjerg und Marc-Uwe Kling.

Das Format ist also keine Nische, sondern ein Karriereweg.

Der Poetry Slam
Wettbewerb mit Wertung.
Fünf bis sieben Minuten.
Wechselndes Teilnehmerfeld.
Publikum entscheidet.
Ein Text kann jahrelang laufen.
Die Lesebühne
Kein Wettbewerb.
Meist zehn Minuten.
Festes Ensemble.
Publikum hört zu.
Jedes Mal etwas Neues.

Die letzte Zeile ist der entscheidende Unterschied.

Auf einem Slam kannst du zwei Jahre lang mit denselben vier Texten fahren.

Auf einer Lesebühne sitzen jede Woche dieselben Leute im Publikum.

Wer denselben Text zweimal liest, merkt das sofort an den Gesichtern.

Was ist der größte Unterschied zum Slam?
Auflösung
Der Neuigkeitszwang. Ohne Wertung fällt der Druck weg, zu gewinnen — und ein anderer kommt dazu, nämlich der Termin. Was der mit deinem Schreiben macht, steht in Ausgabe 19.
Kein Zeitlimit, keine Punkte, kein Sieger. Dafür jede Woche ein leeres Blatt mit Abgabetermin.
CLIP 1Eine komplette Lesebühne zum Ansehen
Eine ganze Ausgabe der Brauseboys aus Berlin. Achte auf den Wechsel zwischen den Leuten und auf die Länge der Texte.
AUSGABE 09

Der Griff: geh zwölfmal hin, bevor du fragst

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt einen Weg in eine Lesebühne, und er ist unspektakulär.

Der Griff
Geh ein Vierteljahr lang als Zuschauer hin — und frag erst danach, ob du mal etwas lesen darfst.

Nicht nach dem zweiten Besuch, nicht mit einer Mail vorher, und schon gar nicht mit einem Hinweis auf deine Slam-Erfolge.

Denn eine Lesebühne ist kein Wettbewerb, zu dem man sich anmeldet. Sie ist eine Gruppe, in die man hineinwächst, und Gruppen funktionieren über Anwesenheit.

Das war es.

Also erst dabei sein, dann fragen.

Auf einem Slam kommst du über die Liste rein. Auf einer Lesebühne kommst du über den Tresen rein.
Auf der Lesebühne liest der Waschbär von losen Blättern im Hinterzimmer
Lose Blätter, kein Mikrofon, dreißig Leute. So sieht das meistens aus.

Warum das Zuschauen so viel bringt

Zunächst lernst du, welche Länge dort üblich ist.

Sie ist fast immer länger als beim Slam.

Außerdem merkst du, welcher Ton passt.

Jede Bühne hat einen eigenen.

Ferner siehst du, wie die Leute miteinander umgehen, und ob du da überhaupt hineinpasst.

Und schließlich kennt man dich nach zwölf Abenden vom Sehen.

Das ist mehr wert als jede Bewerbungsmail.

Wie du bei der Lesebühne fragst

Am besten am Tresen, nach der Veranstaltung, in einem Satz.

Also: Ich schreibe auch, könnte ich mal am offenen Mikrofon lesen?

Fast alle Lesebühnen haben einen solchen Programmpunkt, und genau dafür ist er da.

Und wenn es gut läuft, wirst du irgendwann als Gast eingeladen.

Alles Weitere ergibt sich daraus oder eben nicht.

TEXT 01Deine Bühne
Such die nächstgelegene Lesebühne und trag drei Termine ein. Erst hingehen, dann weitersehen.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil der Rest sich von selbst ergibt, sobald du dort regelmäßig sitzt.

Du hörst, wie lang die Texte sind, du merkst, worüber gelacht wird, und du siehst, wer eigentlich das Sagen hat.

Kein Ratgeber ersetzt zwölf Abende in derselben Kneipe. Und keine gute Mail ersetzt ein bekanntes Gesicht.
AUSGABE 12

Fünf Textsorten, die dort tragen

Jetzt wird es konkret.

Nämlich fünf Sorten, sortiert danach, wie typisch sie für das Format sind.

Bei jeder steht das Merkmal, die Empfehlung und der Grund.

S1
Die Alltagsbeobachtung
eine Woche, ein Vorfall, kein Weltbezug
Schreib auf, was dir zwischen zwei Ausgaben passiert ist.
Das ist die Grundwährung des Formats. Ein Behördengang, ein Nachbar, eine Zugfahrt. Auf einem Slam wäre das zu klein, hier ist es genau richtig, weil das Publikum dich über Monate begleitet.
S2
Die lange Erzählung
acht bis zwölf Minuten, ruhig aufgebaut
Nimm den Text mit, der beim Slam immer zu lang war.
Ohne Zeitlimit darfst du endlich ausholen. Genau diese Texte sind auf Slam-Bühnen unspielbar und funktionieren hier hervorragend, weil niemand auf die Uhr sieht.
S3
Die Fortsetzung
knüpft an eine frühere Ausgabe an
Bau eine Figur oder ein Thema auf, das wiederkommt.
Das kann nur dieses Format, weil dasselbe Publikum wiederkommt. Wer beim dritten Mal sagt „Sie wissen ja, mein Nachbar", hat sich etwas aufgebaut, das ein Slam nie erlaubt.
Für die Lesebühne wächst der Stapel: lose Blätter neben einer Tasse
Jede Ausgabe ein Text. Nach einem Jahr liegt da ein Stapel.

Die zwei Sorten, die es nur hier gibt

S4
Der halbfertige Text
funktioniert noch nicht ganz
Lies ihn trotzdem, aber sag es dazu.
Auf einem Slam ruinierst du damit deinen Abend. Hier ist es ein legitimer Programmpunkt, weil kein Ergebnis auf dem Spiel steht. Und du erfährst in zehn Minuten, wo der Text hakt.
S5
Der Wettbewerbstext
gebaut auf Wirkung und Punkte
Lass ihn beim Slam.
Ein Text mit hoher Pointendichte und lautem Schluss wirkt hier wie ein Verkaufsgespräch. Das Publikum sitzt seit acht Uhr an denselben Tischen und will nicht überwältigt werden.
Vier Sorten kannst du hier ausprobieren. Genau die vier, die beim Slam nicht gehen.
TEXT 02Deine Texte
Geh deinen Bestand durch: Was wäre für eine Lesebühne geeignet und für einen Slam nicht?
AUSGABE 15

Warum Anwesenheit mehr zählt als Können

Der Griff aus Ausgabe 09 klingt nach Küchenpsychologie.

Tatsächlich beschreibt er einen Befund, der seit siebzig Jahren steht.

Leon Festinger, Stanley Schachter und Kurt Back veröffentlichten ihn 1950 in dem Buch Social Pressures in Informal Groups.

Wie die Untersuchung ablief

Zunächst untersuchten die drei eine Wohnsiedlung für Studierende am Massachusetts Institute of Technology.

Alle waren neu zugezogen und kannten einander vorher nicht.

Die Forschenden erhoben, wer mit wem befreundet war, und verglichen das mit der Lage der Wohnungen.

Damit ließ sich prüfen, was Freundschaften eigentlich entstehen lässt.

Was die Wohnsiedlungs-Studie ergab

Zunächst folgten Freundschaften der Entfernung, und zwar erstaunlich genau.

Nachbarn wurden Freunde, Leute zwei Türen weiter deutlich seltener.

Entscheidend war dabei nicht nur die reine Distanz, sondern das, was die Forschenden funktionale Nähe nannten: Wer am Treppenhaus wohnte oder an den Briefkästen vorbei musste, hatte mehr Bekannte.

Es ging also nicht darum, wer sympathisch war, sondern darum, wer wem regelmäßig begegnete.

Gruppen entstehen nicht aus Zuneigung. Sie entstehen daraus, dass Leute einander immer wieder über den Weg laufen.
Nach der Lesebühne am Tisch: der Waschbär bespricht mit anderen die Texte
Der Teil nach der Veranstaltung ist der eigentliche Aufnahmeprozess.

Was das für deinen Weg in eine Lesebühne bedeutet

Zunächst: Du kommst nicht über deine Texte hinein, sondern über Anwesenheit.

Das klingt ernüchternd und ist tatsächlich eine Erleichterung.

Denn die Leute dort suchen keine Talente, sondern jemanden, mit dem sie jede Woche zusammensitzen wollen.

Außerdem erklärt es, warum der Tresen nach der Veranstaltung so wichtig ist.

Das ist die funktionale Nähe: der Ort, an dem man sich zwangsläufig trifft.

Und schließlich nimmt es dir die Vorstellung, du müsstest dich irgendwo bewerben.

Du musst nur regelmäßig da sein.

Der ehrliche Haken, und er ist deutlich

Es ging um eine einzige Wohnsiedlung mit jungen verheirateten Studierenden in den späten vierziger Jahren.

Das ist eine sehr besondere und sehr gleichförmige Gruppe.

Außerdem wurde beobachtet und nicht experimentiert.

Wer sich eine Wohnung am Treppenhaus aussucht, ist womöglich ohnehin geselliger.

Ferner ging es um Freundschaften und nicht um Aufnahme in ein Ensemble.

Und schließlich wird der Befund oft auf reine Entfernung verkürzt.

Die funktionale Nähe war mindestens so wichtig, und genau die kannst du beeinflussen.

AUSGABE 19

Was der feste Termin mit deinem Schreiben macht

Jetzt zum eigentlichen Grund, warum sich das Format lohnt.

Nämlich nicht wegen der Bühne, sondern wegen des Abgabetermins.

Teresa Amabile von der Harvard Business School und Steven Kramer haben dazu 2011 ein Buch veröffentlicht: The Progress Principle.

Wie die Untersuchung angelegt war

Die beiden werteten fast zwölftausend Tagebucheinträge aus.

Sie stammten von zweihundertachtunddreißig Beschäftigten in sieben Unternehmen.

Diese Menschen schrieben täglich auf, was bei der Arbeit passiert war und wie es ihnen damit ging.

Gesucht wurde, was den Unterschied zwischen guten und schlechten Arbeitstagen macht.

Was dabei herauskam

Was die Tagebücher zeigten

Der stärkste einzelne Faktor war weder Lob noch Bezahlung.

Es war das Gefühl, bei etwas Bedeutsamem vorangekommen zu sein.

Und zwar ausdrücklich auch bei kleinen Schritten.

Die Autoren nennen das den Fortschrittsgrundsatz: Wer regelmäßig kleine Fortschritte macht, arbeitet motivierter und kreativer.

Ein Text pro Monat ist kein großer Fortschritt. Zwölf Texte pro Jahr sind ein Werk.
Die Lesebühne erzwingt Nachschub: ein wachsender Stapel Blätter
Zwölf kleine Fortschritte im Jahr. Und einen Termin, der sie erzwingt.

Was das für dein Schreiben zwischen zwei Ausgaben bedeutet

Zunächst ist der feste Termin der eigentliche Wert des Formats.

Alles andere daran ist angenehm, aber ersetzbar.

Denn er verwandelt Schreiben von einer Sache, die man tut, wenn man Lust hat, in eine Sache mit Abgabe.

Außerdem erklärt es, warum Lesebühnen-Ensembles so viel Material haben.

Die Brauseboys aus Berlin lesen seit über zwanzig Jahren wöchentlich und kommen auf weit über tausend Abende.

Und schließlich: Es geht nicht darum, dass jeder Text gut wird.

Es geht darum, dass es jede Woche einen gibt.

Verbreitete AnnahmeWas die Auswertung nahelegtWas du machst
Ich schreibe, wenn ich Zeit habe.Ohne Anlass entsteht wenig.Einen Termin suchen.
Jeder Text muss gut werden.Fortschritt schlägt Perfektion.Auch Halbfertiges lesen.
Große Projekte motivieren.Kleine Schritte wirken stärker.Ein Text pro Ausgabe.
Lob treibt an.Fortschritt treibt stärker an.Nicht auf Reaktionen schielen.
Ein Slam reicht als Anlass.Slams sind unregelmäßig.Feste Taktung suchen.

Die letzte Zeile ist der Grund, warum viele Slammer irgendwann wechseln.

Ein Slam findet statt, wenn du dich anmeldest und ausgelost wirst.

Eine Lesebühne findet statt, ob du etwas hast oder nicht.

Und dieser Unterschied entscheidet, wie viel du in einem Jahr schreibst.

Der ehrliche Haken, und er ist erheblich

Es handelt sich um ein Sachbuch für Führungskräfte und nicht um eine begutachtete Untersuchung.

Außerdem beruht es auf Tagebüchern, die Menschen selbst geführt haben.

Das sind Zusammenhänge und keine Ursachen.

Ferner lässt sich die Richtung schwer bestimmen: Vielleicht empfindet man an guten Tagen mehr Fortschritt, statt dass Fortschritt gute Tage macht.

Und schließlich ging es um Wissensarbeit in Unternehmen.

Der Sprung zu Texten für eine Kneipenbühne ist meiner, nicht ihrer.

AUSGABE 23

Der Ablauf eines Abends

Damit du weißt, was dich erwartet, hier eine typische Ausgabe.

Sechs Teile, zusammen etwa zwei Stunden mit Pause.

Abendblatt · eine Ausgabe
20:00
Ankommen
Kein Einlass mit Nummern, keine Anmeldung. Die Leute sitzen schon da und bestellen. Es fängt an, wenn es voll ist.
20:15
Erste Runde
Jede Person aus dem Ensemble liest einen Text. Meist in fester Reihenfolge, die sich über Jahre eingespielt hat.
21:00
Pause
Zwanzig Minuten, alle gehen an den Tresen. Hier passiert die Hälfte dessen, was eine Lesebühne ausmacht.
21:20
Offenes Mikrofon
Ein Text von jemandem aus dem Publikum. Genau hier kommst du zum ersten Mal dran, wenn du fragst.
21:35
Zweite Runde
Zweiter Text pro Person, oft kürzer. Manchmal ein Gast, manchmal Musik zwischendurch.
22:15
Ende ohne Ende
Es hört einfach auf, und die meisten bleiben sitzen. Wer sofort geht, verpasst den wichtigeren Teil.
Ergänzt wird das Ganze durch eine Beobachtung, die nichts kostet: Der Tresen nach der Veranstaltung ist kein Anhang, sondern das Format.

Was du beim ersten Lesen auf der Lesebühne beachtest

Nimm zunächst einen Text mit, der ohne Vorwissen funktioniert.

Außerdem einen, der eher kurz ist.

Fünf Minuten beim ersten Mal reichen.

Ferner: Lies ab.

Auf einer Lesebühne liest man ab, daher der Name.

Und bleib danach da.

Das ist keine Höflichkeit, sondern der Punkt aus Ausgabe 15.

TEXT 03Dein erster Text
Wähl einen Text fürs offene Mikrofon aus. Kurz, ohne Vorwissen, ohne lauten Schluss.
Dein Link-Kompass

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

AUSGABE 27

Wenn es bei dir keine gibt

Außerhalb der großen Städte ist die nächste Lesebühne allerdings oft weit weg.

Dann bleibt allerdings die Möglichkeit, selbst eine zu machen.

Und das ist weniger aufwendig, als es klingt.

Was du für eine eigene Lesebühne brauchst

Zunächst zwei oder drei andere, die regelmäßig schreiben.

Außerdem einen Ort, der einen Abend im Monat frei hat.

Kneipen, Buchläden, Jugendclubs, Kulturvereine.

Ferner einen festen Termin, also etwa jeden ersten Mittwoch.

Und schließlich die Bereitschaft, ein Jahr lang durchzuhalten, auch wenn zwölf Leute kommen.

Was du für die Bühne nicht brauchst

Zunächst kein Mikrofon, solange der Raum klein ist.

Außerdem keinen Eintritt.

Ein Hut am Ausgang reicht und passt besser.

Ferner kein Konzept und kein Motto.

Die Bühne ist das Konzept.

Und keine Werbung außer einem festen Termin, den man sich merken kann.

Eine Lesebühne mit zwölf Zuschauern, die jeden Monat stattfindet, ist mehr wert als eine mit achtzig, die dreimal läuft.
Eine eigene Lesebühne gründen: eine leere Ecke mit Stuhl und Lampe
Mehr als das braucht es nicht. Der Rest ist Wiederholung.

Die ersten drei Monate deiner Bühne

Zunächst kommen wenige, und das ist völlig normal.

Denn das Format lebt davon, dass Leute wiederkommen, und Wiederkommen braucht ein erstes Mal.

Nach Ausgabe 15 entsteht Publikum genauso wie Freundschaft: durch Regelmäßigkeit und nicht durch Qualität im Einzelfall.

Wer nach drei Abenden aufhört, hat den Punkt verpasst, an dem es anfängt.

Der Fehler, der die meisten neuen Bühnen umbringt
Ein wechselnder Termin.

Diesmal Dienstag, weil der Raum frei war, nächstes Mal Donnerstag, weil jemand nicht kann. Danach findet niemand mehr hin.

Ein fester Termin ist wichtiger als ein guter Ort, ein gutes Datum und sogar wichtiger als gute Texte. Er ist das Einzige, was ein Publikum aufbauen kann.
TEXT 04Deine eigene Bühne
Falls es bei dir keine gibt: Wer würde mitmachen und welcher Ort käme infrage?
AUSGABE 31

Geld, Rechte und ehrliche Erwartungen

Vorab und deutlich
Ich bin weder Anwalt noch Steuerberater, und das hier ist keine Rechts- oder Steuerberatung.

Wer regelmäßig gegen Entgelt auftritt oder eine Reihe veranstaltet, berührt Fragen zu Einnahmen, Umsatzsteuer und je nach Ort auch zu Verwertungsgesellschaften. Bei einem Hut in einer Kneipe sieht das anders aus als bei einer Reihe mit Eintritt.

Klär das im Zweifel mit einer Steuerberatung, bevor es größer wird.

Trotzdem lohnen sich zwei nüchterne Feststellungen.

Zum Verdienst

Eine Lesebühne ernährt zwar niemanden, jedenfalls nicht am Anfang.

Üblich ist eine Hutkasse, die unter den Lesenden geteilt wird.

Bei der Reformbühne kamen in den Anfangsjahren manchmal keine fünf Mark pro Person zusammen, und aus derselben Bühne wurden später Dutzende Bücher.

Der Ertrag liegt also nicht im Abend, sondern in dem, was daraus entsteht.

Zu deinen Texten

Deine Texte bleiben deine, auch wenn du sie dort liest.

Trotzdem lohnt es sich, vorher zu klären, ob mitgeschnitten wird und was mit den Aufnahmen passiert.

Viele Lesebühnen streamen inzwischen oder stellen Videos online.

Was das für spätere Veröffentlichungen bedeutet, klärst du besser vorher als hinterher.

AUSGABE 34

Zehn Fehler auf der Lesebühne

Fünf beim Hineinkommen, fünf beim Lesen.

Fünf Fehler beim Hineinkommen

Fehler 1: Sich per Mail bewerben
Der Griff aus Ausgabe 09. Eine Lesebühne ist eine Gruppe und kein Wettbewerb mit Anmeldung.
Fehler 2: Nach dem zweiten Besuch fragen
Nach Ausgabe 15 entsteht Zugehörigkeit über Anwesenheit. Ein Vierteljahr ist keine Prüfung, sondern der normale Weg.
Fehler 3: Mit Slam-Erfolgen auftrumpfen
Die interessieren dort niemanden. Manche halten Slam-Erfolg sogar für ein Warnzeichen, weil er auf Wirkung trainiert.
Fehler 4: Sofort nach der Veranstaltung gehen
Der Tresen ist nicht der Anhang, sondern die Hälfte des Formats. Dort entscheidet sich alles.
Fehler 5: Die falsche Bühne wählen
Jede hat einen eigenen Ton. Wer bei der politischen Bühne Kalauer liest, ist im falschen Raum und nicht schlecht.

Denn auf einer Lesebühne entscheidet nicht die Qualität eines Abends, sondern die Zahl der Abende.

Fünf Fehler beim Lesen

Fehler 6: Auswendig vortragen
Es heißt Lesebühne. Ablesen ist hier keine Schwäche, sondern das Format. Wer auswendig spielt, wirkt wie jemand vom Slam.
Fehler 7: Denselben Text zweimal lesen
Dasselbe Publikum kommt wieder. Auf einem Slam merkt es niemand, hier merken es alle in der zweiten Reihe.
Fehler 8: Mit einem lauten Schluss enden
Die Wertung fehlt, also braucht der Text keinen Knall. Ein leiser Schluss wirkt hier stärker als jede Pointe.
Fehler 9: Zu kurz lesen
Fünf Minuten sind beim Slam ein voller Auftritt und hier ein Auftakt. Trau dich, auszuholen.
Fehler 10: Auf Reaktionen schielen
Das Publikum sitzt an Tischen und trinkt. Es lacht seltener und hört trotzdem zu. Wer daran misst, verzweifelt.
AUSGABE 39

Sechs Schritte über ein Vierteljahr

Das ist der realistische Zeitrahmen, und er ist kürzer, als er klingt.

Drei Schritte zum Hingehen

Schritt 1 – Die nächste Bühne finden
Wikipedia führt eine Liste der Lesebühnen in Deutschland und Österreich. Wahrscheinlich ist eine näher, als du denkst.
Schritt 2 – Drei Termine eintragen
Nicht einen. Drei, damit daraus eine Gewohnheit wird und nicht ein Ausflug.
Schritt 3 – Danach bleiben
Der Punkt aus Ausgabe 15. Zwanzig Minuten am Tresen sind mehr wert als der ganze Abend davor.

Drei Schritte zum Lesen

Schritt 4 – Einen kurzen Text vorbereiten
Fünf Minuten, ohne Vorwissen, ohne lauten Schluss. Und ausgedruckt, nicht auf dem Handy.
Schritt 5 – Am Tresen fragen
Ein Satz nach der Veranstaltung. Fast alle Bühnen haben ein offenes Mikrofon und suchen Leute dafür.
Schritt 6 – Einen Rhythmus festlegen
Ab jetzt ein Text pro Monat, auch wenn du nicht liest. Der Punkt aus Ausgabe 19.

Denn Schritt sechs wirkt auch dann, wenn aus der Bühne nichts wird.

Ein Vierteljahr Zuschauen, ein Text pro Monat. Nach einem Jahr hast du zwölf Texte und ein bekanntes Gesicht.
TEXT 05Dein Vierteljahr
Trag die drei Termine ein und leg fest, wann du deinen ersten Text fertig hast.
TEXT 06Dein Rhythmus
Leg fest, wie oft du ab jetzt einen neuen Text schreibst. Unabhängig davon, ob du liest.
TEXT 07Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
AUSGABE 44

Die Abnahme

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

NACHTRAG

Der Abend, an dem niemand geklatscht hat

Beim ersten Mal auf einer Lesebühne hatte ich einen Slam-Text dabei.

Einer meiner besseren, mit einem Aufbau, der auf Wettbewerben zuverlässig funktioniert hat.

Am offenen Mikrofon habe ich ihn gelesen, so wie ich ihn immer lese.

Am Ende gab es Applaus, aber nicht diesen einen, der nach einem Slam-Schluss kommt. Es war freundlich und nichts weiter.

Was ich falsch gemacht hatte

Ich hatte nämlich auf einen Knall hingearbeitet, den dort niemand erwartete.

Der Text endete laut, mit einer Wendung, die auf einer Bühne mit Wertung den Ausschlag gibt.

Hier saßen dreißig Leute an Tischen, hatten Bier vor sich und wurden am Schluss angeschrien.

Das ist ungefähr so, als würde jemand im Wohnzimmer aufstehen und eine Rede halten.

Der Unterschied zur Lesebühne: der Waschbär im harten Scheinwerfer
So sieht ein Slam aus. Auf einer Lesebühne ist das Licht an und der Ton anders.

Was ich beim zweiten Mal gemacht habe

Ich habe einen Text mitgenommen, den ich beim Slam nie gelesen hätte.

Er war neun Minuten lang, hatte drei kleine Pointen und endete mit einem Halbsatz.

Der Applaus war ungefähr genauso lang wie beim ersten Mal.

Aber danach kamen zwei Leute an den Tisch und wollten wissen, ob es davon mehr gibt.

„Beim ersten Mal habe ich einen guten Text gelesen. Beim zweiten Mal einen passenden. Nur der zweite hat zu einem Gespräch geführt.“
Meine Notiz danach — und der Grund für Textsorte fünf

Wie ich meine Texte heute sortiere

Inzwischen habe ich zwei Stapel: einen für Slams und einen für Lesebühnen.

Außerdem schreibe ich seit damals einen Text pro Monat, unabhängig davon, ob ich irgendwo lese.

Das ist die einzige Gewohnheit aus zehn Jahren, die wirklich geblieben ist.

Und sie stammt nicht von einer Bühne, sondern von einem Termin.

WEITERGEHEN

Was der Termin nicht ersetzt

Ein fester Abgabetermin sorgt immerhin dafür, dass du schreibst.

Was dabei herauskommt, entscheidet er nicht.

Auf der Lesebühne zählt der Text: der Waschbär liest im Hinterzimmer
Zwölf Texte im Jahr. Ob sie etwas taugen, ist eine andere Frage.
Zwölf mittelmäßige Texte im Jahr sind zwölf mittelmäßige Texte. Sie sind trotzdem mehr als null.

Warum das Format trotzdem hart ist

Auf einem Slam trägt dich zwar die Aufregung über eine schwache Stelle.

Hier sitzen Leute an Tischen und hören zehn Minuten lang zu.

Das ist die längste ununterbrochene Aufmerksamkeit, die dir irgendjemand freiwillig schenkt.

Kurz gesagt: Ohne Wettbewerb wird nichts leichter.

Es wird nur ehrlicher.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also das, was einen Text über neun Minuten trägt, ohne dass er einen Knall am Ende braucht.

Den Termin findest du an einem Abend. Was du hineinschreibst, baust du dein Leben lang.

Erst zwölfmal hingehen. Ablesen statt spielen. Und einen Text pro Monat, egal was kommt.
Kein Zeitlimit, keine Punkte, kein Sieger. Dafür Leute, die wiederkommen.

Übrigens ist der Satz, den ich auf Lesebühnen am häufigsten höre, kein Lob für einen Text.

Er lautet: Und, was hast du diesmal?

Genau dieser Satz hat mich mehr Texte gekostet als jeder Wettbewerb.

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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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