Eine Bahnsteigkarte · Offene Liste
Offene Liste Poetry Slam: So kommst du ohne Kontakte auf die Bühne

Offene Liste Poetry Slam – diese vier Wörter hat Kaan vor zwei Jahren zum ersten Mal gehört und sofort wieder vergessen.
Kaan ist dreiundzwanzig.
In seinem schwarzen Notizbuch stehen drei Texte, alle handgeschrieben.
Zwei Jahre lang sitzt er damit am Schreibtisch.
Ein Mikro hat er noch nie in der Hand gehabt.
Nicht, weil er keine Texte hat.
Sondern weil er glaubt, man müsse jemanden kennen.
An einem Dienstag geht er trotzdem ins Café im alten Wartesaal des Bahnhofs.
Nur zum Zuschauen.
Am Tresen liegt ein Klemmbrett.
Daneben sitzt ein älterer Herr mit einer Lochzange und knipst ein Loch neben jeden Namen, der sich einträgt.
Das ist Rolf, zweiundsiebzig.
Als junger Mann war er Sperrenschaffner bei der Bundesbahn und hat an der Bahnsteigsperre Fahrkarten geknipst.
Heute moderiert er hier die offene Liste.
„Und?“, fragt er Kaan.
„Trägst du dich ein?“
„Ich kenne hier doch niemanden“, sagt Kaan.
Rolf lacht.
„Musst du auch nicht.“
„Hier wird nur eins kontrolliert: ob dein Name auf dem Zettel steht.“
Kaan und Rolf gibt es so nicht. Aber Menschen mit fertigen Texten und einer falschen Annahme über eine Tür gibt es viele.
KULTURBAHNHOF · NR. 0007
Bahnsteigkarte
zum Betreten der Bühne
Gültig nur am Tag der Lösung
Preis: dein Name
Nachbildung. Bahnsteigkarten und Bahnsteigsperren gab es bei der Bundesbahn bis 1974.
Kennst du das?
Texte im Handy, Seiten im Notizbuch.
Du weißt, dass du etwas zu sagen hast.
Aber zwischen dir und der Bühne scheint eine Tür mit Türsteher zu stehen.
Eine Szene mit innerem Kreis, die entscheidet, wer dazugehört.
Hier ist die gute Nachricht: Diesen Kreis gibt es nicht.
Es gibt ein Verfahren, das jeder benutzen darf.
Es heißt offene Liste.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenOffene Liste Poetry Slam: Was sie ist und wie sie abläuft
Eine offene Liste heißt auch Open Mic, offene Bühne oder offene Runde.
Jeder, der einen Text vortragen möchte, darf sich eintragen.
Meistens gibt es keine Jury und keine Punkte.
Nur Menschen, Mikro, Text und Publikum.
Der Ablauf ist fast überall ähnlich.
Du gehst hin.
Du trägst deinen Namen ein.
Du wartest, bis du aufgerufen wirst.
Dann gehst du rauf.
Das war der ganze Prozess.
Die Einzelheiten unterscheiden sich allerdings von Reihe zu Reihe.
Typische Varianten · je nach Reihe
Deshalb gilt: Frag beim Eintragen einfach nach.
Wie lange darf ich?
Wann bin ich ungefähr dran?
Das ist völlig normal, und niemand hält dich deshalb für ahnungslos.
Inhaltlich ist fast alles erlaubt: Gedicht, Kurzprosa, Spoken Word, Monolog, Liebesgedicht, Wutrede.
Bis auf eine Sache, dazu gleich mehr.
Der Griff: Dein Name auf der Liste ist der Text
Offene Liste · Dienstag
1 · Kaan
2 · ……………
3 · ……………
Ein Name, ein Loch. Ab hier gilt es.
Jetzt der eine Tipp, um den sich alles dreht.
Der Moment, in dem du deinen Namen auf die Liste schreibst, ist wichtiger als der Text, den du liest.
Solange du nur vorhast aufzutreten, kostet dich das nichts.
Du kannst es beliebig lange verschieben.
Sobald dein Name dasteht, kostet dich das Kneifen etwas.
Genau dieses Müssen ist das Wertvollste, was du dir geben kannst.
Es holt dich aus dem Kopf in den Körper.
Und es lässt dich aufhören, einen perfekten Text zu schreiben, und anfangen, einen echten zu zeigen.
Dafür brauchst du keinen fertigen Text, kein Auswendiglernen, keine Bühnenerfahrung.
Du darfst mit einem Rohling kommen.
Mit drei Gedanken, die irgendwie zusammenhängen.
Kurz gesagt: Der Eintrag ist die Leistung.
Der Text ist die Zugabe.
Rolf sagt es auf seine Art.
„Früher habe ich Fahrkarten geknipst.“
„Heute knipse ich Namen.“
„Das Loch ist dasselbe: Ab da gilt es.“
Und warum nur ein Griff und nicht zwölf?
Weil du beim ersten Mal ohnehin nichts anwenden wirst.
Dein Puls rast, und alles, was du dir vorgenommen hast, ist weg.
Was bleibt, ist die Tatsache, dass du oben warst.
Wo du offene Listen findest
Wegweiser · vier Wege zur offenen Liste
Suchmaschine: „Open Mic“, „offene Bühne“ oder „Poetry Slam offene Liste“ jeweils mit deinem Stadtnamen. Drei Suchen, zwei Minuten.
Soziale Medien: Stichwörter wie Poetry Slam, Open Mic oder Spoken Word mit deinem Ort. Viele Veranstalter pflegen ihre Kanäle besser als ihre Website.
Kulturkalender: Fast jede Stadt hat einen, oft von der Stadt oder der Lokalzeitung.
Einmal hingehen, ohne aufzutreten: Du siehst, wie es läuft, und fragst am Ende nach dem nächsten Termin.
Nichts ist ärgerlicher als der Rat „Geh doch einfach hin“, ohne dass jemand sagt, wohin.
Deshalb diese vier Wege, am besten in dieser Reihenfolge.
Der vierte ist der wichtigste.
Geh einmal hin, ohne aufzutreten.
Du siehst, wie es läuft, wer da ist und wie das Publikum reagiert.
Du wirst merken: Das ist keine VIP-Lounge.
Das ist eine Gemeinschaft von Menschen, die mit ihren Ängsten auf eine Bühne steigen und es Kunst nennen.
Die meisten erinnern sich noch genau an ihr erstes Mal.
Warum hier keine Liste mit Adressen und Terminen steht?
Weil sich Spielorte und Termine ständig ändern.
Reihen ziehen um, pausieren, hören auf, neue kommen dazu.
Eine solche Liste schickt Leute nach einem Jahr vor verschlossene Türen.
Die vier Wege bleiben richtig.
Und frag ruhig beim Kulturbüro deiner Stadt nach.
Was die Forschung sagt: Auftritt schlägt Zuspruch
Zwei Prüfberichte, ehrlich eingeordnet
Prüfbericht 1
Albert Bandura, 1977 · Selbstwirksamkeit
Befund: Vier Quellen für das Gefühl, etwas zu schaffen. Am stärksten wirken eigene Erfolgserlebnisse, Zuspruch allein wirkt schwächer.
Haken: Eastman und Marzillier kritisierten 1984 begriffliche Unschärfen der Theorie. Die frühe Forschung fand zudem vor allem im Labor statt.
Prüfbericht 2
Morton Deutsch und Harold Gerard, 1955 · Festlegung
Befund: Wer sein Urteil vorher schriftlich festhielt, gab dem Druck einer falschen Mehrheit seltener nach.
Haken: Es ging um Urteile über Linienlängen, nicht um Auftritte. Die Übertragung auf dein Klemmbrett ist eine Analogie, kein Beweis.
Der Griff klingt nach Küchenpsychologie.
Er passt aber ziemlich gut zu dem, was die Forschung über Selbstwirksamkeit sagt.
Der Psychologe Albert Bandura beschrieb 1977 in einem viel zitierten Aufsatz, woher die Überzeugung kommt, etwas bewältigen zu können.
Er nennt vier Quellen: eigene Erfolgserlebnisse, das Beobachten ähnlicher Menschen, den Zuspruch anderer und den eigenen Körperzustand.
Am stärksten wirken nach Bandura eigene Erfolgserlebnisse.
Für Kaan heißt das: Zwei Jahre Schreibtisch haben ihm Übung im Schreiben gebracht, aber kein Erfolgserlebnis im Auftreten.
Und alle Freunde, die ihm gesagt haben, er sei gut genug, haben die schwächere Quelle benutzt.
Fünf Minuten auf einer offenen Liste benutzen die stärkste.
Also merke: Sicherheit ist das Ergebnis von Auftritten, nicht ihre Voraussetzung.
Auch das Eintragen selbst hat eine Geschichte in der Forschung.
Morton Deutsch und Harold Gerard ließen 1955 Versuchspersonen Linienlängen beurteilen, während eingeweihte Mitspieler falsche Antworten gaben.
Wer sein Urteil vorher schriftlich festgehalten hatte, blieb häufiger dabei.
Ein Vorsatz im Kopf lässt sich lautlos zurücknehmen.
Ein Name auf einem Klemmbrett nicht, denn andere lesen ihn.
Aber hier kommt der ehrliche Haken: Beide Studien beweisen nicht, dass dein Eintrag dich auf die Bühne bringt.
Sie zeigen eine gute Richtung, keinen Beweis.
Für die Zeit zwischen Eintrag und Aufruf, denn dort ist die Anspannung am höchsten.
Achte darauf, welcher Tipp sich unauffällig im Publikum anwenden lässt.

Die Bahnsteigordnung: fünf ungeschriebene Regeln
Bahnsteigordnung
für offene Listen · nirgends ausgehängt, überall gültig
Respektiere die Zeit. Übe mit einem Timer. Als grobe Faustregel passen in fünf Minuten etwa sechs- bis siebenhundert gesprochene Wörter.
Bleib den ganzen Abend. Als Zuschauer lernst du mehr über das Format als mit jedem Video.
Kein Eigenlob danach. „War gut.“ – „Danke.“ Und dann nichts mehr.
Das Publikum ist Partner. Es sitzt da, weil es Texte mag, und hofft, dass du gut bist.
Dein Text muss nicht fertig sein. Ein Rohling ist erlaubt. Unsicherheit ist manchmal sogar echt und stark.
Heilige Regel: Gib nie fremde Texte als eigene aus.
Jede offene Liste hat Regeln, die nirgendwo aushängen.
Alle kennen sie, außer dir beim ersten Mal.
Die erste betrifft die Zeit.
Wer überzieht, nimmt allen anderen etwas weg.
Auf der Bühne wird man eher langsamer als schneller.
Die zweite ist eine Lektion, keine Pflicht: Bleib den ganzen Abend.
Wer nach dem eigenen Text geht, fällt auf und verpasst genau den Teil, der weiterbringt.
Die dritte kennen Anfänger am seltensten.
Jemand sagt: „War gut.“
Du sagst: „Danke.“
Und dann kein Kommentar zu deinem eigenen Text.
Die vierte: Das Publikum ist dein Partner, nicht dein Gegner.
Wer defensiv anfängt, erzeugt genau die Distanz, die er befürchtet hat.
Die fünfte entlastet: Dein Text muss nicht fertig sein.
Und dann gibt es die eine Regel, die wirklich heilig ist.
Fremde Texte vorzutragen kann erlaubt sein, wenn du klar sagst, von wem sie sind.
Frag im Zweifel vorher nach.
Eine Bahnsteigkarte ist kein Fahrschein
Bahnsteigkarte oder Fahrschein? · deine Erwartungen
Rolf erklärt Kaan an diesem Abend noch etwas.
„Mit der Bahnsteigkarte durftest du früher auf den Bahnsteig.“
„Mitfahren durftest du damit nicht.“
Genau so ist die offene Liste.
Sie bringt dich auf die Bühne.
Sie bringt dich nicht automatisch weiter.
Sie ist meistens kein Wettbewerb, und das heißt auch: Du bekommst keine Rückmeldung in Zahlen.
Sie ist keine Bewerbung für große Bühnen.
Manchmal spricht dich hinterher jemand an, meistens nicht.
Und sie ist keine Therapie.
Persönliche Texte wirken auf offenen Listen oft besonders stark.
Gerade deshalb gilt: Wenn ein Thema noch offen und schwer ist, sprich zuerst mit jemandem, der dafür da ist.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Die dritte Zeile im Kasten enttäuscht am häufigsten.
Wer hingeht, um entdeckt zu werden, geht mit der falschen Erwartung hin.
Wer hingeht, um oben zu stehen, bekommt genau das, jedes Mal.
Hände und Faden: dein Notfallplan
Notfallplan · Hände und Faden
Die Hände
Blatt halten: ruhig, wie ein Buch, das du magst.
Frei lassen: wenn du auswendig sprichst.
Eine Hand am Mikro: ein Anker, mit oder ohne Ständer.
Nie: Hände in den Hosentaschen.
Der Faden
Pause: zwei, drei Sekunden schweigen. Für dich eine Ewigkeit, für den Saal nicht.
Wiederholen: den letzten Satz langsamer noch einmal.
Ehrlich sein: „Ich hab den nächsten Satz vergessen.“ Der Saal lacht freundlich, und es geht weiter.
Niemand erklärt dir, was du mit deinen Händen machst.
Also hier: Gib ihnen eine Aufgabe.
Nur die Hosentaschen sagen dem Saal: Ich will eigentlich nicht hier sein.
Und irgendwann verlierst du den Faden.
Auf deiner dritten oder deiner dreißigsten offenen Liste.
Leg dir vorher fest, welchen der drei Auswege du nimmst.
Im Moment selbst wählst du nicht mehr aus.
Ein vergessener Satz ist eine Panne, kein Urteil.
In einem Format ohne Jury hat eine Panne keine andere Folge als die, die du ihr gibst.
Achte darauf, welcher seiner Tipps zu deinem Notfallplan passt.
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Kurzstrecke · drei Sätze, neunzig Sekunden
Eine konkrete Situation
„Letzten Dienstag hat mir meine Mutter eine Sprachnachricht geschickt, zwei Minuten lang, und ich habe drei Stunden gewartet, bevor ich sie abgespielt habe.“
Die Wendung
„Nicht, weil ich keine Zeit hatte. Sondern weil ich Angst hatte, was sie sagt.“
Die offene Frage
„Und ich weiß bis heute nicht, ob ich Angst hatte, enttäuscht zu werden. Oder davor, sie zu enttäuschen.“
Beispieltext, für diesen Beitrag geschrieben.
Du hast noch keinen Text, gehst morgen hin und hast zwei Stunden Zeit?
Dann nimm dieses Gerüst.
Satz eins ist eine konkrete Situation, kein Gefühl und kein Konzept.
Satz zwei ist die Wendung: was es wirklich bedeutet.
Satz drei ist die offene Frage, ohne Auflösung und ohne Moral.
Das sind drei Sätze und ungefähr neunzig Sekunden.
Die Zeitangabe der Liste ist eine Obergrenze, keine Pflicht.
Neunzig gute Sekunden sind besser als fünf gestreckte Minuten.
Und noch ein Satz für schlechte Abende.
Manche Abende sind einfach schlecht, nicht dein Auftritt, sondern der Abend.
Dünnes Publikum, flaue Stimmung, die Energie kommt nicht rüber.
Ein Abend ist eine Stichprobe von eins.
Aus einem schlechten Abend kannst du über deinen Text so wenig schließen wie aus einem guten.
Erst nach mehreren Auftritten siehst du ein Muster.
Das Publikum hat übrigens immer recht mit dem, was es fühlt.
Aber nicht immer mit dem, was es beklatscht.
Applaus und Qualität sind zwei verschiedene Größen.
Und Kaan?
Einen Monat später, wieder Dienstag, wieder der alte Wartesaal.
Kaan trägt sich ein, und Rolf knipst das Loch.
Über der Liste steht diesmal ein handgeschriebener Satz.
Reihenfolge wird ausgelost!
Offene Liste · Dienstag
1 · M.
2 · J.
3 · T.
4 · S.
5 · L.
6 · A.
7 · Kaan
8 · R.
Zuerst ärgert sich Kaan.
Dann merkt er, dass er nicht mehr mitzählen kann, wie viele noch vor ihm dran sind.
Also hört er zu, statt zu rechnen.
Als sein Name fällt, hat er drei Sätze dabei.
Mitten im zweiten ist der Faden weg.
Er sagt: „Ich hab den nächsten Satz vergessen.“
Der Saal lacht, freundlich.
Dann ist der Satz wieder da.
Neunzig Sekunden, dann Applaus.
Als er an seinen Platz zurückgeht, sagt jemand: „War gut.“
Kaan sagt: „Danke.“
Und dann nichts mehr.
Auf dem Heimweg denkt er an den anderen Text in seinem Notizbuch.
Den über den Streit mit seinem Bruder.
Er will, dass jemand ihn hört.
Also merke: Zwischen dir und der Bühne steht kein Türsteher.
Da steht ein Klemmbrett.
Zum Weiterlesen: Kneipen-Slam, wo viele offene Listen tatsächlich stattfinden.
Dazu kleines Publikum, warum kleine Abende oft die lehrreichsten sind.
Und Applaus deuten, was die Reaktion nach deinem ersten Auftritt wirklich sagt.
