Fremde Geschichten erzählen: Wem gehört das Thema?

Fremde Geschichten erzählen: Wem gehört das Thema?

Fremde Geschichten erzählen: Wem gehört das Thema?

Die Frage wird meistens falsch gestellt.

Sie lautet nicht: Darf ich das? Sondern: Was brauche ich dafür?

Denn ein Verbot gibt es nicht. Es gibt nur Texte, die tragen, und Texte, die auffliegen.

Und zwischen beiden liegt Arbeit.

Darfst du über etwas schreiben, das du nie erlebt hast? Ja. Aber nicht so, wie du gerade denkst.
NÄHE 01Verbotgibt es nicht
NÄHE 02Entscheidend istwie nah du dran bist
NÄHE 03Wichtigste Arbeitzuhören
NÄHE 04Häufigster Fehlereine Gruppe erklären wollen
NÄHE 05Bester Prüfsteinwer den Text zuerst liest

Beim Thema fremde Geschichten reden beide Lager laut. Und beide vereinfachen.

Das eine sagt: Kunst darf alles.

Alles andere sei Zensur.

Das andere sagt dagegen: Erzähl nur, was du selbst erlebt hast.

Beide Sätze klingen zwar klar.

Trotzdem helfen sie dir beim Schreiben nicht.

Die Frage ist nicht, ob du darfst. Die Frage ist, ob dein Text hält, was er behauptet.

Denn ein Text über etwas Fremdes kann durchaus gut sein.

Allerdings kann er auch peinlich werden.

Und zwar auf eine Art, die man von außen sofort sieht.

Fremde Geschichten erzählen heißt Abstand messen: zwei Stühle in unterschiedlicher Entfernung
Zwei Stühle. Die Frage ist nur, wie weit sie auseinanderstehen.

Was in diesem Beitrag steht

Wie du fremde Geschichten erzählen kannst, ohne dass es schiefgeht.

Du bekommst fünf Stufen der Nähe, eine Prüfung und ein Hausblatt.

Dazu zwei Untersuchungen darüber, was Lesen mit Menschen macht.

Zum Mitmachen gibt es sieben Fragen und zwei deutsche Videos.

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NÄHE 06

Warum die Frage falsch gestellt wird

Zunächst führen die üblichen Fragen nirgendwohin.

Was beide Lager beim Thema fremde Geschichten übersehen

Zunächst sagt das eine Lager, jeder dürfe über alles schreiben.

Das stimmt zwar rechtlich.

Aber es sagt nichts darüber, ob der Text etwas taugt.

Das andere Lager sagt, man solle bei sich bleiben.

Dagegen wäre das das Ende der Literatur.

Denn dann könnte niemand mehr über eine andere Person schreiben.

Die bessere Frage nach der Nähe

Sie lautet nämlich: Wie weit bin ich weg?

Denn Nähe ist keine Ja-Nein-Frage.

Vielmehr gibt es Abstufungen.

Wer über seinen Nachbarn schreibt, ist beispielsweise näher dran als bei einem fremden Land.

Denn je weiter weg, desto mehr Arbeit brauchst du.

Die falsche Frage
Darf ich das?
Wer erlaubt es mir?
Ist das Zensur?
Gehört mir das Thema?
Bin ich betroffen genug?
Die bessere Frage
Was brauche ich dafür?
Mit wem rede ich?
Was weiß ich nicht?
Wer liest gegen?
Wie nah komme ich ran?

Denn die linke Spalte führt zu einem Streit.

Die rechte führt zu einem besseren Text.

Das ist der ganze Unterschied.

Und deshalb geht es hier nur um die rechte Spalte.

Was entscheidet, ob ein Text über Fremdes funktioniert?
Auflösung
Abstand und Arbeit. Beides lässt sich verändern — wie du den Abstand misst, steht in Nähe 12.
Ein Verbot gibt es nicht. Es gibt nur Texte, die halten, und Texte, die auffliegen.
CLIP 1Eine Diskussion über kulturelle Aneignung
Eine ausführliche Debatte mit beiden Seiten. Nützlich, um die Argumente zu kennen, bevor du dir eine Meinung bildest.
NÄHE 09

Der Griff: red mit jemandem, bevor du schreibst

Jetzt der wichtigste Handgriff.

Er ist unbequem und ersetzt fast alle anderen.

Der Griff
Sprich mit mindestens einer Person, die es erlebt hat — bevor du anfängst.

Nicht danach. Nicht zur Absicherung. Vorher.

Denn dann verändert das Gespräch den Text. Wenn du erst hinterher fragst, verteidigst du nur noch, was schon dasteht.

Das war es also: erst reden, dann schreiben.

Wer vorher fragt, bekommt Material. Wer hinterher fragt, bekommt eine Prüfung.
Fremde Geschichten erzählen beginnt mit Zuhören
Ein Gespräch vor dem ersten Satz. Es verändert mehr als drei Überarbeitungen.

Warum ein Gespräch für fremde Geschichten so viel bringt

Erstens bekommst du Einzelheiten, die du nie erfunden hättest.

Und genau daran erkennt man später, ob jemand recherchiert hat.

Zweitens merkst du, wo dein Bild falsch war.

Und zwar meistens an drei Stellen.

Drittens hörst du außerdem, wie jemand darüber spricht.

Also welche Wörter er benutzt und welche nicht.

Und viertens merkst du außerdem oft, dass die Geschichte anders ist als die, die du schreiben wolltest.

Meistens ist sie besser.

Wie du nach einer fremden Geschichte fragst

Sag zuerst, worum es geht.

Und zwar in zwei Sätzen.

Frag danach nach Einzelheiten, nicht nach Bedeutung.

Also: Wie sah der Raum aus?

Nicht: Was hat das mit Ihnen gemacht?

Und schließlich mach klar, dass ein Nein in Ordnung ist.

Denn niemand schuldet dir seine Geschichte, nur weil du sie brauchst.

FRAGE 01Dein Gespräch
Überleg, mit wem du reden könntest.
Wenn du niemanden findest
Dann ist das eine Antwort.

Nicht die Antwort, dass du es lassen musst. Sondern die, dass du gerade nicht nah genug dran bist.

Manchmal hilft es, das Thema kleiner zu machen. Statt über ein ganzes Land zu schreiben, schreibst du über eine Straße. Und die kennst du vielleicht doch.
NÄHE 12

Fünf Stufen der Nähe

Jetzt wird es konkret.

Nämlich fünf Abstände zwischen dir und dem Thema.

Bei jedem steht, was du hast, was dir fehlt und was ich raten würde.

N1Du warst dabei
Deine eigene Geschichte
DAS HAST DU
Alles. Die Einzelheiten, das Gefühl, die kleinen Sachen, die niemand erfinden kann.
DAS FEHLT DIR
Manchmal der Abstand. Wer zu nah dran ist, schreibt einen Brief statt eines Textes.
Kein Problem. Warte nur ein halbes Jahr, wenn es frisch ist.
N2Es ist jemandem passiert, den du kennst
Deine Mutter, dein bester Freund
DAS HAST DU
Du kennst die Person und einen Teil der Geschichte. Und du kannst jederzeit nachfragen.
DAS FEHLT DIR
Die andere Hälfte. Und das Recht, sie öffentlich zu erzählen.
Frag die Person. Und lies dazu den Beitrag über das Schreiben über echte Menschen.
N3Es ist in deiner Nähe passiert
Dein Betrieb, deine Stadt, dein Beruf
DAS HAST DU
Den Ort, die Sprache, die Abläufe. Du weißt, wie es dort riecht und klingt.
DAS FEHLT DIR
Die Sicht der Betroffenen. Du hast es gesehen, nicht erlebt.
Ein Gespräch reicht meistens. Nach dem Griff aus Nähe 09.
Für fremde Geschichten recherchieren: der Waschbär prüft seine Notizen
Je weiter weg, desto mehr Notizen. Das ist kein Zufall, sondern die Regel.

Die zwei Stufen mit dem größten Abstand

N4Du kennst es nur aus Erzählungen
Der Krieg deiner Großeltern, eine andere Zeit
DAS HAST DU
Bruchstücke. Sätze, die in der Familie hängengeblieben sind.
DAS FEHLT DIR
Fast alles. Vor allem die Zwischentöne und das Alltägliche.
Mehrere Gespräche und Recherche. Und schreib aus deiner Sicht als Enkel, nicht aus ihrer Sicht als Betroffene.
N5Du kennst es gar nicht
Ein anderes Land, eine andere Erfahrung
DAS HAST DU
Nichts außer dem, was du gelesen hast.
DAS FEHLT DIR
Alles. Und du weißt nicht einmal, was du nicht weißt.
Hier wird es schwierig. Entweder du machst richtige Arbeit oder du wählst eine andere Erzählperspektive.
Bei den ersten drei Stufen reicht Sorgfalt. Ab der vierten brauchst du Recherche.
FRAGE 02Deine Stufe
Ordne dein Thema einer der fünf Stufen zu.
NÄHE 15

Das Argument, das oft zu schnell kommt

In dieser Debatte fällt immer derselbe Satz.

Er lautet: Literatur macht Menschen empathischer.

Also dürfe man auch über Fremdes schreiben.

Es sei sogar gut so.

Der Satz stützt sich meistens auf eine bestimmte Untersuchung.

Woher das Empathie-Argument kommt

David Kidd und Emanuele Castano veröffentlichten 2013 eine Arbeit in der Zeitschrift Science.

Zunächst ließen sie Menschen kurze Texte lesen.

Also entweder anspruchsvolle Literatur, Unterhaltung oder Sachtexte.

Danach maßen sie außerdem, wie gut die Leute Gefühle in Gesichtern erkannten.

Dabei schnitt besser ab, wer Literatur gelesen hatte.

Die Arbeit wurde weltweit zitiert.

Warum das Argument für fremde Geschichten wackelt

Allerdings wollten andere Forschende das Ergebnis nachprüfen.

Zunächst fand eine große Wiederholung mit 792 Personen keinen Effekt.

Vier weitere Wiederholungen ebenfalls nicht.

Und als die ursprünglichen Autoren die fremden Daten neu auswerteten, kam ihr Muster auch dort nicht heraus.

Der Satz, mit dem in dieser Debatte am liebsten argumentiert wird, ist der am schlechtesten belegte.
Fremde Geschichten erzählen vor Publikum: der Waschbär auf der Bühne
Ob ein Text jemanden verändert, weiß man nicht. Er kann trotzdem gut sein.

Was das für dich bedeutet

Zunächst also: Benutz dieses Argument lieber nicht.

Denn wer sich darauf beruft, steht nämlich auf dünnem Eis.

Außerdem brauchst du es gar nicht.

Ein Text muss niemanden zu einem besseren Menschen machen.

Er muss nur stimmen.

Das ist eine ganz andere Anforderung und eine, die du beeinflussen kannst.

Der ehrliche Haken, und er geht in beide Richtungen

Die ursprüngliche Arbeit ist zwar nicht widerlegt.

Allerdings ist sie umstritten.

Die Autoren haben Einwände gegen die Wiederholungen vorgebracht.

Und andere Untersuchungen finden durchaus Zusammenhänge zwischen Lesen und sozialem Verständnis, nur eben schwächere.

Was man sagen kann: Ein einzelner Text macht niemanden empathischer.

Alles darüber hinaus ist offen.

NÄHE 19

Worauf es stattdessen ankommt

Es gibt eine zweite Untersuchung.

Und die ist für dich nützlicher.

Matthijs Bal und Martijn Veltkamp veröffentlichten sie 2013 in der Zeitschrift PLOS ONE.

Ihre Frage war genauer gestellt.

Wie sie vorgegangen sind

Sie ließen Menschen eine Geschichte lesen.

Manche eine erfundene, manche einen Sachtext.

Danach fragten sie nicht nur nach Empathie.

Außerdem fragten sie, wie sehr die Leute in die Geschichte hineingezogen worden waren.

Und dann maßen sie noch einmal nach einer Woche.

Was der zweite Versuch ergab

Zunächst hing der Effekt davon ab, wie sehr jemand hineingeriet.

Wer stark hineingezogen wurde, zeigte eine Woche später mehr Empathie.

Dagegen zeigte weniger, wer gar nicht hineingeriet.

Wer gar nicht hineingezogen wurde, zeigte weniger als vorher.

Dagegen passierte bei den Sachtexten in beide Richtungen nichts.

Nicht die Geschichte wirkt. Es wirkt, ob sie jemanden hineinzieht.
nach Bal und Veltkamp 2013
Fremde Geschichten erzählen heißt: den Saal hineinziehen
Ein Text, der niemanden hineinzieht, wirkt nicht. Er stört sogar.

Was das für deine Texte über fremde Themen bedeutet

Vor allem der zweite Befund ist wichtig.

Denn er sagt: Ein schlecht gemachter Text über ein fremdes Thema ist nicht einfach wirkungslos.

Vielmehr kann er das Gegenteil bewirken.

Also Abwehr statt Verständnis.

Und genau das ist der Grund, warum handwerkliche Sorgfalt hier keine Nebensache ist.

Häufige AnnahmeWas die Daten zeigenWas du daraus machst
Hauptsache, das Thema ist wichtig.Das Thema allein wirkt nicht.Am Handwerk arbeiten.
Ein gut gemeinter Text hilft.Ohne Sog eher nicht.Auf Sog achten, nicht auf Absicht.
Schlimmstenfalls passiert nichts.Es kann rückwärts gehen.Halbfertiges nicht lesen.
Lesen macht empathisch.Umstritten.Nicht damit argumentieren.
Sachtexte wirken genauso.Dort passierte nichts.Erzählen statt erklären.

Die dritte Zeile ist die wichtigste.

Denn sie widerlegt die bequeme Annahme, ein gut gemeinter Text könne höchstens nutzlos sein.

Bei einem fremden Thema ist genau das nicht der Fall.

Der ehrliche Haken

Zunächst waren es zwei Versuche mit Studierenden in den Niederlanden.

Die gelesenen Geschichten waren kurz und literarisch.

Außerdem wurde Empathie über einen Fragebogen gemessen, nicht über Verhalten.

Und der Befund erklärt nicht, was einen Text mitreißend macht.

Er sagt nur, dass es darauf ankommt.

NÄHE 23

Sechs Schritte vor dem Schreiben

Damit du weißt, was zu tun ist.

Sechs Schritte, je weiter weg das Thema, desto wichtiger.

Hausblatt · sechs Schritte
Schritt 1
Die Stufe bestimmen
Nach Nähe 12. Wie weit bist du weg? Danach richtet sich alles Weitere.
Schritt 2
Mit jemandem reden
Der Griff aus Nähe 09. Mindestens eine Person, die es erlebt hat. Und zwar vorher.
Schritt 3
Einzelheiten sammeln
Was du nicht erfinden kannst: Gerüche, Abläufe, Wörter, Kleinkram. Daran hängt alles.
Schritt 4
Die Perspektive wählen
Musst du wirklich aus der Sicht der betroffenen Person erzählen? Oft ist die eigene Sicht ehrlicher.
Schritt 5
Gegenlesen lassen
Von jemandem, der es kennt. Das ist der einzige Schritt, der wirklich prüft, ob es hält.
Schritt 6
Auf Sog prüfen
Nach Nähe 19. Zieht der Text jemanden hinein? Wenn nicht, hilft auch das beste Thema nicht.
Dazu eine Regel, die nichts kostet: Je weiter weg, desto kleiner sollte dein Ausschnitt sein.

Warum Schritt vier so viel bringt

Denn die meisten Probleme entstehen an dieser Stelle.

Denn viele wählen die Ich-Form aus Sicht der betroffenen Person.

Das wirkt intensiver, ist aber die schwierigste Variante überhaupt.

Aus der eigenen Sicht zu schreiben, ist meistens ehrlicher und fast immer besser.

FRAGE 03Deine sechs Schritte
Geh sie für dein Thema durch.
Dein Link-Kompass

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

NÄHE 27

Die Perspektive entscheidet mehr als das Thema

Hier liegt der größte Hebel.

Allerdings wird er oft übersehen.

Vier Möglichkeiten, eine fremde Geschichte zu erzählen

Erstens die Ich-Form aus Sicht der betroffenen Person.

Das ist die schwierigste Variante.

Zweitens die Ich-Form aus deiner eigenen Sicht.

Also als jemand, der zusieht, fragt oder danebensteht.

Drittens eine Erzählerstimme von außen.

Sie beschreibt, ohne zu behaupten, in einem Kopf zu sitzen.

Und viertens die Leerstelle.

Du erzählst, was du nicht weißt.

Warum die zweite so oft die beste ist

Zunächst ist sie ehrlich.

Du behauptest nichts, was du nicht wissen kannst.

Außerdem ist sie konkret.

Denn deine eigene Position kennst du genau.

Und sie ist meistens interessanter.

Der Abstand selbst wird zum Thema.

Ein Text darüber, wie schwer es ist, etwas zu verstehen, sagt oft mehr als ein Text, der so tut, als hätte er es verstanden.

Der Abstand ist kein Mangel deines Textes. Er kann sein eigentliches Thema sein.
Fremde Geschichten erzählen von der Schwelle aus: eine halb offene Tür
Du musst nicht hineingehen. Manchmal ist die Schwelle der bessere Platz.

Wann die erste Variante trotzdem geht

Zunächst dann, wenn du sehr nah dran bist.

Also auf Stufe eins bis drei.

Oder wenn du wirklich gearbeitet hast.

Mehrere Gespräche, Recherche, Gegenlesen.

Und wenn du sagen kannst, warum es diese Perspektive braucht.

Wenn die Antwort nur lautet, dass es stärker wirkt, ist es die falsche Wahl.

Die Leerstelle als Mittel
Es gibt eine vierte Möglichkeit, die selten genutzt wird.

Du erzählst, was du nicht weißt. Also nicht die Geschichte deiner Großmutter im Krieg, sondern die Tatsache, dass du sie nie erfahren hast.

Das klingt nach Verzicht und ist oft der stärkere Text. Denn diese Lücke gehört dir wirklich.
FRAGE 04Deine Perspektive
Probier deinen Text in einer anderen Perspektive an.
CLIP 2Ein Autor über das Eigene und das Fremde
Ijoma Mangold spricht darüber, was Aneignung für ihn bedeutet. Eine Sicht, die in der Debatte selten vorkommt.
NÄHE 31

Wenn Kritik kommt

Bei fremden Themen kommt sie öfter.

Und das ist normal.

Zwei Arten von Kritik an fremden Themen

Die erste sagt: Das stimmt nicht.

Also geht es um einen Fehler im Detail.

Die zweite sagt: Das steht dir nicht zu.

Die erste ist einfach.

Du prüfst sie und änderst oder nicht.

Dagegen ist die zweite schwerer.

Denn sie ist keine Frage nach dem Text.

Wie du mit der zweiten umgehst

Frag deshalb zuerst nach, was genau nicht gepasst hat.

Denn oft steckt hinter dem Vorwurf ein konkretes Detail.

Und das kannst du ändern.

Manchmal steckt aber auch nur eine Grundsatzposition dahinter.

Dann darfst du übrigens anderer Meinung sein.

Du musst nur wissen, dass es eine Meinung gegen eine andere ist und keine Sachfrage.

Was ich mir dabei sage
Wenn drei Leute unabhängig voneinander dieselbe Stelle nennen, liegt es an der Stelle.

Wenn drei Leute drei verschiedene Sachen nennen, liegt es meistens am Thema und nicht an mir.

Das ist keine perfekte Regel. Aber sie hat mir schon einige unnötige Diskussionen erspart.
NÄHE 34

Zehn Fehler bei fremden Themen

Fünf beim Schreiben, fünf danach.

Fünf Fehler beim Schreiben

Fehler 1: Ohne Gespräch anfangen
Der Griff aus Nähe 09. Ein Gespräch vorher verändert den Text. Eins hinterher verteidigt ihn nur.
Fehler 2: Eine ganze Gruppe erklären wollen
Ein Mensch ist eine Geschichte. Eine Gruppe ist keine. Je größer dein Ausschnitt, desto wahrscheinlicher wird es falsch.
Fehler 3: Die schwerste Perspektive wählen
Die Ich-Form aus fremder Sicht ist am schwierigsten. Nach Nähe 27 ist die eigene Sicht meistens besser.
Fehler 4: Auf Empathie-Argumente bauen
Nach Nähe 15 ist das schlecht belegt. Und du brauchst es nicht.
Fehler 5: Halbfertiges lesen
Nach Nähe 19 kann ein Text ohne Sog das Gegenteil bewirken. Bei fremden Themen ist das ein echtes Risiko.

Denn beim fremde Geschichten erzählen entscheidet nicht der Mut, sondern die Vorarbeit.

Fünf Fehler danach

Fehler 6: Nicht gegenlesen lassen
Der einzige Schritt, der wirklich prüft. Und der einzige, den fast alle auslassen.
Fehler 7: Kritik als Angriff sehen
Die meisten Leute wollen auf eine Stelle hinweisen und nicht deine Freiheit einschränken.
Fehler 8: Sofort alles streichen
Auch das ist eine Überreaktion. Frag erst, worum es genau geht.
Fehler 9: Über die Kritik einen Text schreiben
Das wird fast nie gut. Und es macht aus einer Sache eine Fortsetzung.
Fehler 10: Den Text trotzig öfter lesen
Wenn du nach Kritik dieselbe Stelle betonst, geht es nicht mehr um den Text, sondern um dich.
NÄHE 39

Sechs Schritte für dein Thema

Von der Idee bis zur Bühne.

Drei Schritte vorher

Schritt 1 – Die Stufe bestimmen
Nach Nähe 12. Fünf Sekunden, und du weißt, wie viel Arbeit vor dir liegt.
Schritt 2 – Ein Gespräch führen
Mit jemandem, der es kennt. Vorher, nicht hinterher.
Schritt 3 – Den Ausschnitt verkleinern
Nicht das Land, sondern die Straße. Nicht der Krieg, sondern ein Nachmittag.

Drei Schritte am Text

Schritt 4 – Die Perspektive prüfen
Nach Nähe 27. Schreib eine Seite in einer anderen Perspektive und vergleich die beiden.
Schritt 5 – Gegenlesen lassen
Von einer Person, die es kennt. Und frag konkret nach Stellen, nicht nach einem Gesamturteil.
Schritt 6 – Auf Sog prüfen
Lies es jemandem vor, der nichts mit dem Thema zu tun hat. Wenn es diese Person nicht packt, packt es niemanden.

Denn Schritt sechs prüft, was Schritt fünf nicht prüfen kann.

Stufe bestimmen, reden, verkleinern. Danach ist der Text meistens sowieso ein anderer.
FRAGE 05Dein Thema
Geh die drei Schritte vorher durch.
FRAGE 06Dein Gegenleser
Wer könnte den Text prüfen? Und was fragst du ihn?
FRAGE 07Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
NÄHE 44

Die Abnahme

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

NACHTRAG

Der Text über meinen Großvater

Ich wollte einen Text über meinen Großvater schreiben.

Er war als Junge geflohen.

Und zwar im Winter, mit seiner Mutter.

Erzählt hat er davon allerdings nie.

Ich kenne nur drei Sätze aus zweiter Hand.

Ich habe trotzdem angefangen. Und zwar in der Ich-Form, aus seiner Sicht, als Zehnjähriger auf einem Handkarren.

Warum das nicht funktioniert hat

Denn der Text war voller Sachen, die ich mir ausgedacht hatte.

Ich wusste nicht, wie kalt es war.

Außerdem wusste ich nicht, was sie dabeihatten.

Stattdessen habe ich es aus Filmen genommen.

Und genau so klang es auch.

Beim Vorlesen merkte ich, dass ich einen Film nacherzählte und nicht das Leben meines Großvaters.

Fremde Geschichten erzählen ohne Einzelheiten geht nicht
Drei Sätze aus zweiter Hand. Daraus wird kein Ich-Text.

Was ich dann gemacht habe

Danach habe ich die Perspektive gewechselt.

Der neue Text handelt davon, dass ich es nicht weiß.

Er hat drei Sätze von ihm.

Ansonsten stehen darin meine eigenen Fragen.

Und er ist deutlich besser, weil alles darin stimmt.

„Ich hatte versucht, seine Geschichte zu erzählen. Erzählen konnte ich nur meine: die von jemandem, dem sie fehlt.“
Meine Notiz danach — und der Grund für Nähe 27

Wie ich fremde Themen heute angehe

Inzwischen schreibe ich fast immer aus meiner eigenen Sicht.

Und wenn ich doch in einen fremden Kopf will, rede ich vorher mit mindestens zwei Leuten.

Das kostet zwar Zeit.

Dafür macht es den Text jedes Mal besser.

Außerdem erspart es mir hinterher unangenehme Gespräche.

WEITERGEHEN

Was Recherche nicht ersetzt

Gute Vorarbeit sorgt immerhin dafür, dass dein Text stimmt.

Ob er jemanden hineinzieht, entscheidet sie nicht.

Fremde Geschichten erzählen braucht Sog: der Waschbär auf der Bühne
Alles kann stimmen und trotzdem niemanden packen. Dann fehlt das Handwerk.
Nach Nähe 19 ist ein Text ohne Sog nicht wirkungslos. Er kann schaden.

Warum das Handwerk gerade hier zählt

Bei einem eigenen Erlebnis trägt dich nämlich die Erinnerung.

Bei einem fremden Thema hast du das nicht.

Du musst also alles bauen, was sonst von selbst da ist: die Bilder, den Rhythmus, den Sog.

Kurz gesagt: Fremde Themen verlangen mehr Können, nicht weniger.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Mittel, mit denen ein Text jemanden hineinzieht, auch ohne eigene Erinnerung.

Die Recherche machst du in einer Woche. Den Sog baust du dein Leben lang.

Erst reden, dann schreiben. Ausschnitt klein halten. Und gegenlesen lassen.
Ein Verbot gibt es nicht. Es gibt nur die Frage, wie viel Arbeit du hineinsteckst.

Übrigens ist der häufigste Einwand gegen diesen Beitrag, das sei alles viel zu vorsichtig.

Das ist es nicht.

Es ist einfach die Arbeit, die ein guter Text braucht.

Bei einem eigenen Thema macht man sie unbewusst.

Bei einem fremden nicht.

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Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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