Über echte Personen schreiben: Wo Kunst zur Bloßstellung wird
Es gibt eine Linie, und sie verläuft nicht dort, wo die meisten sie vermuten.
Sie verläuft nicht zwischen wahr und erfunden. Und auch nicht zwischen nett und gemein.
Sie verläuft dort, wo jemand erkennbar wird und du gleichzeitig etwas über ihn erzählst, das ihm gehört und nicht dir.
Alles andere ist Handwerk. Diese Linie ist etwas anderes.
Fangen wir mit dem Irrtum an, auf den sich fast alle verlassen.
Er lautet: Solange ich keinen Namen nenne, ist es Fiktion.
Damit fühlen sich die meisten auf der sicheren Seite.
Das stimmt allerdings weder rechtlich noch praktisch.
Denn erkennbar ist jemand nicht erst durch den Namen, sondern durch alles, was zusammen nur auf eine Person passt.
Deshalb geht es hier nicht um die Frage, ob du über echte Menschen schreiben darfst.
Du darfst.
Es geht darum, wo die Grenze liegt und wie du sie erkennst.
Was in diesem Beitrag steht
Wie du über echte Personen schreiben kannst, ohne jemanden öffentlich hinzurichten.
Also welche fünf Prüfungen ein Text bestehen sollte, was die Rechtslage dazu sagt und wie du im Zweifel vorher fragst.
Dazu kommen zwei Kronzeugen: eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts und eine Untersuchung darüber, wie Publikum Figuren liest.
Außerdem ein Abstandsblatt für den Text, an dem du gerade sitzt.
Zum Mitmachen gibt es fünf Prüfungen und sieben Fragebögen.
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Jetzt Kanal folgenWarum Namen weglassen nicht reicht
Der Reflex ist zwar verständlich und trotzdem falsch.
Wie Erkennbarkeit beim Schreiben über echte Personen entsteht
Zunächst durch die Summe der Angaben und nicht durch eine einzelne.
Außerdem durch Dinge, die dir harmlos vorkommen: ein Beruf, ein Wohnort, ein Auto, eine Redewendung.
Ferner durch die Umstände der Geschichte selbst.
Wer über eine Trennung schreibt, die im Bekanntenkreis alle mitbekommen haben, braucht gar keine Details mehr.
Und schließlich durch dich.
Du stehst auf der Bühne, und viele im Saal wissen, mit wem du zusammen warst.
Für wen jemand erkennbar sein muss
Das ist übrigens der Punkt, der die meisten überrascht.
Es genügt, wenn Menschen aus dem näheren Umfeld die Person identifizieren können.
Also Freunde, Bekannte, Familie.
Nicht die Allgemeinheit.
Und genau dieser Kreis sitzt bei einem Slam mit hoher Wahrscheinlichkeit im Saal.
Die vierte Zeile ist die unbequemste.
Denn viele glauben, ein Text sei unangreifbar, solange alles stimmt.
Tatsächlich ist es umgekehrt: Je genauer die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, desto schwerer wiegt der Eingriff.
Wer wahrheitsgemäß Intimes erzählt, steht schlechter da als jemand, der offensichtlich übertreibt.
Auflösung
Der Griff: frag, wem der Satz gehört
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt eine Frage, die fast alle Fälle klärt.
Was du gefühlt hast, gehört dir. Was du getan hast, gehört dir. Was du bereust, gehört dir.
Was sie dir im Vertrauen erzählt hat, gehört ihr. Ihre Diagnose gehört ihr. Ihre Familiengeschichte gehört ihr. Und was in ihrem Schlafzimmer passiert ist, gehört ihr auch, selbst wenn du dabei warst.
Das war es.
Also erzähl deine Hälfte.
Warum diese Frage bei echten Personen so gut funktioniert
Zunächst, weil sie ohne juristische Kenntnisse auskommt.
Außerdem, weil sie den Text fast immer besser macht.
Denn die eigene Seite genau zu erzählen ist schwerer und interessanter, als die Verfehlungen des anderen aufzulisten.
Und schließlich, weil sie den Verdacht ausräumt, du wolltest abrechnen.
Wer nur über sich spricht, rechnet mit niemandem ab.
Was die Frage nach dem Besitz nicht klärt
Sie klärt nicht, ob jemand erkennbar ist.
Das ist eine eigene Prüfung.
Außerdem klärt sie nicht, ob dein Text fair ist.
Man kann auch über die eigene Seite unfair schreiben.
Ferner klärt sie nichts bei Personen des öffentlichen Lebens, wo andere Maßstäbe gelten.
Und sie klärt nicht die Fälle, in denen ein Missbrauch oder eine Straftat vorliegt.
Dort geht es um mehr als um einen Text, und dafür gibt es Beratungsstellen und Anwältinnen.
In dieser Lage arbeitet niemand eine Checkliste ab.
Eine einzige Frage überlebt diesen Zustand: Wem gehört das? Und sie führt in neun von zehn Fällen zur richtigen Streichung.
Fünf Prüfungen für deinen Text
Jetzt wird es konkret.
Nämlich fünf Fragen, die ein Text bestehen sollte, bevor du ihn liest.
Bei jeder steht, was noch in Ordnung ist und was schon darüber hinausgeht.
Die zwei Prüfungen, die am meisten wehtun
Was das Bundesverfassungsgericht dazu gesagt hat
Was folgt, ist eine Zusammenfassung einer bekannten Entscheidung, damit du weißt, worum es überhaupt geht. Jeder Einzelfall wird gesondert abgewogen, und wenn es ernst wird, brauchst du eine Fachanwältin für Medienrecht und keinen Blogbeitrag.
Der wichtigste Fall im deutschsprachigen Raum heißt übrigens Esra.
2003 erschien der gleichnamige Roman von Maxim Biller.
Er schildert eine Liebesbeziehung bis in intime Details.
Die frühere Freundin des Autors und deren Mutter erkannten sich in den Figuren wieder und klagten.
Wie die Sache vor Gericht ausging
Zunächst untersagten die Zivilgerichte die Verbreitung.
Der Bundesgerichtshof bestätigte das Verbot anschließend.
Das Bundesverfassungsgericht entschied am 13.
Juni 2007 unter dem Aktenzeichen 1 BvR 1783/05.
Die Verfassungsbeschwerde des Verlags hatte teilweise Erfolg: Für die Mutter fiel die Abwägung anders aus als für die frühere Freundin.
Für sie blieb es beim Verbot.
Die vier Sätze, die für dich zählen
Zunächst: Ein Roman gilt zunächst als Kunstwerk, und für seinen Inhalt gilt die Vermutung, dass es sich um Fiktion handelt.
Außerdem schließt die Kunstfreiheit ausdrücklich das Recht ein, Vorbilder aus der Lebenswirklichkeit zu verwenden.
Ferner reicht bloße Erkennbarkeit nicht aus.
Hinzukommen muss eine schwerwiegende Verletzung des Persönlichkeitsrechts.
Und schließlich gilt eine Wechselbeziehung, die in der Fachwelt als Je-desto-Formel bekannt ist: Je stärker Abbild und Urbild übereinstimmen, desto schwerer wiegt der Eingriff.
Was daraus für deine Texte folgt
Zunächst: Du darfst über reale Vorbilder schreiben, das steht ausdrücklich fest.
Das ist mehr, als viele Schreibende vermuten.
Außerdem entscheidet nicht die Erkennbarkeit allein, sondern ihr Zusammenspiel mit der Schwere dessen, was du erzählst.
Deshalb ist die zweite Prüfung aus Abstand 12 die wichtigste: Bei Intimem verträgt ein Text fast keine Erkennbarkeit mehr.
Und schließlich hilft ein Haftungsausschluss wenig.
Entscheidend ist, wie die Figur auf das Publikum wirkt, und nicht, was du vorher behauptest.
Der ehrliche Haken, und er ist erheblich
Es handelt sich um eine Einzelfallabwägung und nicht um eine Regel, die man anwenden kann wie eine Formel.
Außerdem wurde die Entscheidung heftig kritisiert.
Teile der Presse sahen darin eine Niederlage der Kunstfreiheit, und die Je-desto-Formel gilt vielen als zu unbestimmt.
Ferner ging es um einen verbreiteten Roman und nicht um einen Text, den jemand an einem Dienstagabend vor achtzig Leuten liest.
Und schließlich zeigt ein neuerer Fall, dass es auch anders ausgehen kann: Das Oberlandesgericht Hamburg lehnte im März 2025 einen Unterlassungsanspruch gegen einen Roman ab, obwohl es eine gewisse Erkennbarkeit der Vorbilder durchaus sah.
Die Abwägung fiel dort zugunsten der Kunstfreiheit aus.
Warum dein Publikum die Figur für die Person hält
Es gibt einen zweiten Grund, vorsichtig zu sein, und der ist psychologischer Art.
Er betrifft nicht das Recht, sondern die Art, wie Menschen Figuren lesen.
Edward Jones und Victor Harris haben ihn 1967 im Journal of Experimental Social Psychology beschrieben.
Wie der Versuch ablief
Zunächst lasen Studierende einen kurzen Aufsatz über Fidel Castro.
Manche Aufsätze waren zustimmend, andere ablehnend.
Ein Teil der Lesenden erfuhr, der Verfasser habe seine Position frei gewählt.
Der andere Teil erfuhr, sie sei ihm zugewiesen worden.
Danach sollten alle einschätzen, wie der Verfasser wirklich über Castro dachte.
Was der Castro-Versuch ergab
Auch wer wusste, dass die Position zugewiesen war, hielt sie für die echte Meinung des Verfassers.
Das galt selbst dann, wenn die Zuweisung ausdrücklich erwähnt worden war.
Die Beteiligten rechneten die Umstände also nicht heraus.
Sie schlossen vom Verhalten direkt auf die Person.
Später wurde daraus der Begriff des fundamentalen Attributionsfehlers, geprägt allerdings erst zehn Jahre danach von Lee Ross.
Was das für deine Figur auf der Bühne bedeutet
Zunächst: Der Hinweis, es handle sich um eine Figur, entlastet dich nicht.
Vielmehr hört das Publikum trotzdem eine Aussage über einen Menschen.
Denn das Publikum nimmt ihn zur Kenntnis und ignoriert ihn beim Hören.
Außerdem gilt das erst recht auf einer Bühne, wo du selbst in der Ich-Form sprichst.
Dort ist die Trennung zwischen Erzähler und Autor ohnehin schwer zu halten.
Und schließlich erklärt es, warum ein Text mit einem einzigen verächtlichen Satz so viel Schaden anrichten kann.
Der Satz beschreibt einen Moment, gehört wird eine Eigenschaft.
| Was du meinst | Was ankommt | Was du machst |
|---|---|---|
| Eine Szene aus einer Nacht. | So ist dieser Mensch. | Die Szene entpersonalisieren. |
| Eine Figur, kein Porträt. | Ein Porträt. | Nicht auf den Hinweis verlassen. |
| Ich beschreibe mein Gefühl. | Du beschreibst ihre Schuld. | Nur die eigene Seite erzählen. |
| Das war damals so. | Das ist sie. | Zeitliche Einordnung mitliefern. |
| Ich übertreibe erkennbar. | Nicht alle merken das. | Verfremdung deutlicher machen. |
Die letzte Zeile ist praktisch die wichtigste.
Denn Verfremdung wirkt nur, wenn sie auffällt.
Wer eine Person minimal verändert, hat rechtlich wenig gewonnen und beim Publikum gar nichts.
Der ehrliche Haken, und er ist deutlich
Es ging um Aufsätze über Fidel Castro und um Studierende in den Vereinigten Staaten im Jahr 1967.
Außerdem ist der Effekt nicht so fundamental, wie sein Name behauptet.
Spätere Arbeiten fanden deutliche kulturelle Unterschiede.
Ferner ging es um die Einschätzung von Meinungen und nicht um das Lesen literarischer Figuren.
Und schließlich ist die Übertragung auf Bühnentexte meine.
Sie liegt nahe, belegt ist sie damit nicht.
Was du tun kannst, ohne den Text zu verlieren
Die gute Nachricht lautet allerdings: Fast jeder Text lässt sich retten.
Sechs Eingriffe, vom kleinsten zum größten.
Warum Warten beim Schreiben über echte Personen so viel bringt
Ein Text, den du drei Wochen nach einer Trennung schreibst, ist selten ein Text.
Er ist ein Brief, den du nicht abschicken kannst, in Zeilen gesetzt.
Nach sechs Monaten liest du ihn anders, und fast immer streichst du dann genau die Stellen, um derentwillen du ihn geschrieben hast.
Das ist kein Verlust.
Was danach übrig bleibt, ist meistens der bessere Text.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Vorher fragen, und wie das geht
Der sechste Eingriff aus dem Abstandsblatt ist der unbeliebteste.
Und der einzige, der die Sache tatsächlich beendet.
Warum die meisten nicht vorher fragen
Zunächst, weil man ein Nein befürchtet.
Außerdem, weil man ahnt, dass der Text dann anders aussehen müsste.
Ferner, weil das Gespräch unangenehmer ist als der Auftritt.
Und schließlich, weil man insgeheim weiß, dass die Antwort die Prüfung drei aus Abstand 12 ersetzen würde.
Wie du fragst, ohne ein Drama daraus zu machen
Sag zunächst, worum es geht, in zwei Sätzen und ohne Vorrede.
Außerdem schick den Text mit, statt ihn zu beschreiben.
Beschreibungen klingen immer harmloser als der Text selbst.
Ferner sag dazu, wo du ihn lesen willst und wie viele Leute das hören.
Und schließlich mach klar, dass ein Nein in Ordnung ist.
Sonst ist es keine Frage, sondern eine Ankündigung.
Was passiert, wenn jemand Nein sagt
Dann liest du den Text nicht, jedenfalls nicht in dieser Fassung.
Und das ist weniger dramatisch, als es sich im Moment anfühlt.
Das fühlt sich nach Zensur an und ist keine.
Denn niemand hindert dich daran, den Text so zu überarbeiten, dass er ohne diese Person auskommt.
Und ein Text, der nur mit einer erkennbaren Person funktioniert, war ohnehin nie ein besonders guter.
Trotzdem gelten die rechtlichen Maßstäbe aus Abstand 15 auch dort, und deshalb ist genau das der Fall, in dem du keinen Blogbeitrag lesen, sondern mit einer Fachanwältin sprechen solltest. Und je nach Lage mit einer Beratungsstelle.
Was du erlebt hast, gehört dir. Wie du es öffentlich erzählst, ohne dir selbst zu schaden, ist eine Frage für Fachleute.
Drei Sonderfälle
Nicht jede Person steht übrigens rechtlich gleich.
Echte Personen des öffentlichen Lebens
Bei Politikern, Prominenten und Amtsträgern gelten nämlich andere Maßstäbe.
Wer sich öffentlich äußert, muss deutlich mehr Kritik hinnehmen, auch scharfe und überspitzte.
Das gilt allerdings für ihr öffentliches Wirken und nicht für ihr Privatleben.
Und die Menschenwürde ist auch dort die absolute Grenze, an der jede Abwägung endet.
Verstorbene
Auch nach dem Tod ist übrigens nicht alles erlaubt.
Unwahre Behauptungen und Verleumdungen über Verstorbene können deren Menschenwürde verletzen.
Praktisch heißt das: Über eine verstorbene Großmutter zu schreiben ist unproblematisch, solange du sie nicht bloßstellst.
Und die Angehörigen sitzen möglicherweise im Saal, was die Prüfung vier aus Abstand 12 sofort wieder wichtig macht.
Über Kinder schreiben
Bei Minderjährigen gilt zudem ein besonders strenger Maßstab.
Das betrifft eigene Kinder genauso wie fremde.
Denn ein Kind kann nicht überblicken, was es bedeutet, wenn seine Geschichte auf einer Bühne erzählt wird, und es kann das später auch nicht rückgängig machen.
Wer über sein Kind schreibt, sollte sich fragen, ob es diesen Text mit fünfzehn in der Schule hören möchte.
Das ist kein moralisches Argument, sondern ein praktisches. Ich habe noch keinen Text gelesen, der es wert gewesen wäre, dass danach jemand nicht mehr mit einem redet.
Und ich habe mehrere geschrieben, bei denen ich das damals anders sah.
Zehn Fehler beim Schreiben über echte Menschen
Fünf beim Schreiben, fünf beim Vortragen.
Fünf Fehler beim Schreiben
Fehler 1: Auf den fehlenden Namen vertrauen
Fehler 2: Auf einen Disclaimer vertrauen
Fehler 3: Die fremde Seite erzählen
Fehler 4: Zu wenig verfremden
Fehler 5: Zu früh schreiben und zu früh lesen
Denn über echte Personen schreiben heißt vor allem, den eigenen Anteil zu erzählen.
Fünf Fehler beim Vortragen
Fehler 6: Vorher ankündigen, dass es wahr ist
Fehler 7: In die Richtung schauen
Fehler 8: Den Text bei jedem Auftritt lesen
Fehler 9: Den Text online stellen
Fehler 10: Nach Beschwerden nachlegen
Sechs Schritte für deinen Text
Das reicht von der ersten Fassung bis zum Auftritt.
Drei Schritte am Text
Schritt 1 – Details zählen
Schritt 2 – Besitz klären
Schritt 3 – Zwei Eingriffe machen
Drei Schritte vor dem Auftritt
Schritt 4 – Jemandem vorlesen
Schritt 5 – Prüfung drei ehrlich beantworten
Schritt 6 – Sechs Monate warten
Denn Schritt vier zeigt dir, was dein Publikum hören wird, und das ist selten das, was du geschrieben hast.
Die Abnahme
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Der Text, den ich vier Jahre lang gelesen habe
Ich hatte einen Text über eine Trennung, und er funktionierte hervorragend.
Er war lustig an den richtigen Stellen und traurig an den anderen.
Ich habe ihn ungefähr vierzig Mal gelesen, über vier Jahre verteilt.
Was ich damals gedacht habe
Dass es kein Problem ist, weil ich keinen Namen nenne.
Außerdem, dass der Text ja hauptsächlich von mir handelt.
Und dass sie ohnehin nicht auf Poetry Slams geht.
Alle drei Annahmen waren falsch, und die dritte war die egalste.
Wie ich es erfahren habe
Über eine gemeinsame Bekannte, beiläufig, auf einer Feier.
Sie sagte, sie habe das Video gesehen, und ob wir uns wieder vertragen hätten.
Es gab kein Zerwürfnis, das man hätte vertragen müssen.
Es gab nur einen Satz, den ich vierzig Mal gesagt hatte, und der bei ihr angekommen war als etwas, das ich über sie denke.
„Ich hatte einen Text über mich geschrieben und vier Jahre lang ein Urteil über sie vorgetragen. Gemerkt habe ich es erst, als jemand danach fragte.“Meine Notiz danach — und der Grund für Prüfung fünf
Was ich mit dem Text gemacht habe
Zunächst habe ich den Satz gestrichen und das Video offline genommen.
Außerdem habe ich ihr geschrieben, was ziemlich unangenehm war und sich hinterher als überfällig herausstellte.
Der Text funktioniert übrigens ohne diesen Satz genauso gut.
Das ist die eigentlich unangenehme Erkenntnis: Er hat nie etwas getragen.
Was Vorsicht nicht ersetzt
Alle Prüfungen dieses Beitrags machen einen Text immerhin unbedenklicher.
Ob er dann noch etwas erzählt, entscheiden sie nicht.
Warum das Handwerk hier den Unterschied macht
Die einfache Lösung wäre zwar, gar nicht mehr über Menschen zu schreiben.
Nur handeln Texte fast immer von Menschen, sonst wären sie Landschaftsbeschreibungen.
Die eigentliche Aufgabe lautet also: dieselbe Wahrheit erzählen, ohne dieselbe Person auszuliefern.
Kurz gesagt: Verfremden, ohne zu verwässern.
Und das ist eine der schwersten Übungen, die es gibt.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Mittel, mit denen du eine Szene konkret hältst, obwohl du die Person darin verändert hast.
Die Prüfungen aus diesem Beitrag machst du an einem Abend. Das Verfremden ohne Verlust übst du dein Leben lang.
Erzähl deine Hälfte. Leg zwei Personen zusammen. Und warte sechs Monate.
Übrigens ist die häufigste Reaktion auf diesen Beitrag, wenn ich darüber rede, ein Einwand.
Er lautet: Dann kann man ja gar nichts mehr schreiben.
Man kann.
Man muss nur die eigene Seite so genau erzählen, dass die andere gar nicht mehr gebraucht wird.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
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