Umgang mit Applaus-Sucht: Wenn Bestätigung zur Droge wird
Ich habe an diesem Abend gewonnen. Und am nächsten Morgen ging es mir schlechter als nach jeder Niederlage.
Magdeburg, ein voller Saal, zweihundert Leute, der lauteste Applaus meines Lebens.
Er dauerte vielleicht vierzig Sekunden.
Ich stand da und dachte tatsächlich, so fühlt sich das also an.
Um kurz nach eins saß ich im Zug und las zum vierten Mal dieselben drei Nachrichten.
Und am nächsten Vormittag saß ich am Küchentisch und schrieb einen neuen Text, der dem alten verdächtig ähnlich sah.
Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass Applaus-Sucht kein Wort aus einem Ratgeber ist.
Dieser Beitrag handelt von dem, was der Applaus mit deinem Schreiben macht.
Nicht auf der Bühne, sondern danach.
Denn Applaus-Sucht entsteht nicht im Saal. Sie entsteht in den Stunden, in denen es still wird.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er kostet dich einen Satz, den du vorher aufschreibst.
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Jetzt Kanal folgenWarum Applaus tatsächlich wie eine Droge wirkt
Der Vergleich ist keine Übertreibung, aber er ist auch keine Diagnose.
Beides gehört gleich am Anfang gesagt.
Applaus ist eine der stärksten sozialen Rückmeldungen, die es gibt. Zweihundert Menschen signalisieren dir gleichzeitig, dass sie dich richtig finden.
Dein Gehirn schüttet darauf Belohnungsstoffe aus, allen voran Dopamin.
Der Haken an der Belohnung
Die Stanford-Psychiaterin Anna Lembke beschreibt in ihrem Buch Dopamine Nation einen Mechanismus, der hier genau passt.
Nach einem starken Ausschlag nach oben pendelt das System nicht einfach zurück auf null.
Es schwingt unter die eigene Ausgangslinie.
Deshalb fühlt sich der Abend nach einem großen Erfolg oft leerer an als ein ganz normaler Dienstag.
Das Modell erklärt aber gut, warum das Loch danach kein Charakterfehler ist, sondern ein Nachschwingen.
Übrigens ist genau das der Grund, warum Applaus-Sucht so schwer zu bemerken ist.
Sie fühlt sich nämlich nicht wie Gier an. Sie fühlt sich wie Normalität an, die einfach nicht mehr reicht.
Außerdem sieht Applaus-Sucht von außen wie Ehrgeiz aus. Das macht sie so schwer zu erkennen.
Die Halbwertszeit des Applauses
Applaus verschwindet nicht. Er zerfällt.
Und zwar erstaunlich schnell.
Genau daraus entsteht das Problem.
Denn wenn die Wirkung nach drei Tagen weg ist, brauchst du alle drei Tage einen Abend.
Und so viele Bühnen gibt es nicht.
Genau an dieser Rechnung erkennt man Applaus-Sucht am zuverlässigsten. Nicht am Wunsch nach Applaus, sondern am immer kürzer werdenden Abstand.
Zum Vergleich: Emily Dickinsons Gedichte wirken seit über hundert Jahren. Dein Applaus wirkt drei Tage.
Emily Dickinson veröffentlichte fast nichts
Emily Dickinson hinterließ nach ihrem Tod 1886 rund achtzehnhundert Gedichte.
Zu Lebzeiten erschienen davon weniger als ein Dutzend.
Die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen sieben und elf, und veröffentlicht wurden sie anonym und meist von Redaktionen umgeschrieben, damit sie den damaligen Regeln entsprachen.
Das Entscheidende daran: Es lag nicht am Publikumsgeschmack.
Es war ihre Entscheidung.
Veröffentlichung ist die Versteigerung des menschlichen Geistes.Emily Dickinson · aus einem ihrer Gedichte · sinngemäß übersetzt
Warum das hierher gehört
Dickinson ist der härteste vorstellbare Gegenentwurf zur Applaus-Sucht.
Sie schrieb achtzehnhundert Mal, ohne ein einziges Mal Applaus dafür zu bekommen.
Ich empfehle das ausdrücklich nicht zur Nachahmung. Bühne ist wertvoll, und Rückmeldung macht Texte besser.
Aber sie beweist eine Sache: Ein Text kann vollständig sein, ohne dass ihn jemand beklatscht hat.
Und genau das ist der Gedanke, an dem sich Applaus-Sucht am ehesten bricht.
Man kann von ihr lernen, ohne ihr Leben zu romantisieren.
Zwölf Anzeichen für Applaus-Sucht
Klapp auf, was du kennst. Und sei wieder ehrlich.
Sechs Anzeichen rund um den Auftritt
Du checkst nach dem Auftritt eine Stunde lang Reaktionen.
Du kennst deine Punktzahl von vor drei Jahren noch auswendig.
Du bist nach einer guten Wertung nicht zufrieden, sondern erleichtert.
Du gehst nach einer schlechten Wertung sofort nach Hause.
Du meldest dich nur bei Slams an, bei denen du gute Chancen hast.
Du erzählst neuen Bekanntschaften innerhalb von zehn Minuten von der Bühne.
Und sechs Anzeichen beim Schreiben
Du baust bewusst Stellen ein, von denen du weißt, dass sie zuverlässig ziehen.
Du schreibst deinen erfolgreichsten Text unbewusst immer wieder neu.
Du verwirfst Themen, weil sie beim Publikum schwer ankommen.
Du kannst nicht mehr einschätzen, ob ein Text gut ist, bevor du ihn vorgetragen hast.
Du schreibst kaum noch etwas, das nie auf eine Bühne kommt.
Nach einem Abend ohne Auftritt fühlst du dich nutzlos.
Vier Häkchen sind normal. Acht sind ein Hinweis.
Übrigens ist keines dieser Anzeichen für sich genommen schlimm. Applaus-Sucht entsteht erst aus der Summe.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Was eine Wertung tatsächlich misst
Die Punkte fühlen sich an wie ein Urteil über deinen Text.
Sie sind aber eine Mischung aus mindestens fünf Dingen, und dein Text ist nur eines davon.
Selbst wenn diese Zahlen grob danebenliegen, bleibt der Kern bestehen.
Die Mehrheit deiner Punkte hat nichts mit dir zu tun.
Du feierst also eine Zahl, die zu ungefähr zwei Dritteln von Dingen abhängt, auf die du keinerlei Einfluss hast.
Deshalb ist Applaus-Sucht letztlich eine Rechenschwäche. Du misst dich an einer Zahl, die dich kaum enthält.
Der eine Griff gegen Applaus-Sucht: deine eigene Wertung
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Ein Satz. Er beginnt mit: „Der Abend ist für mich gelungen, wenn …“
Und dann etwas, das nur von dir abhängt.
Das war es. Ein Satz auf einem Bierdeckel.
Damit wird der Umgang mit Applaus-Sucht überprüfbar. Und alles, was überprüfbar ist, hält länger als ein Vorsatz.
Warum vorher und nicht nachher
Nach dem Auftritt ist dein Maßstab kontaminiert.
Bei viel Applaus findest du den Text gut. Bei wenig findest du ihn schlecht. Und zwar unabhängig davon, was du tatsächlich gemacht hast.
Ein vorher festgelegtes Kriterium kann der Saal nicht mehr verschieben.
Das ist im Kleinen Perelmans Reihenfolge: erst die Arbeit, dann die Frage nach dem Preis.
Genau diese Reihenfolge dreht Applaus-Sucht nämlich um.
Woran du einen guten Satz erkennst
Er hängt nur von dir ab
Er ist überprüfbar
Er ist klein
Er ist neu
Er steht schriftlich da
Glenn Gould stieg mit 31 aus
Am 10. April 1964 spielte der kanadische Pianist Glenn Gould im Wilshire Ebell Theatre in Los Angeles ein Konzert.
Er war einunddreißig Jahre alt und einer der berühmtesten Pianisten der Welt.
Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.
Danach spielte er nie wieder vor Publikum. Achtzehn Jahre lang, bis zu seinem Tod 1982, nur noch Studio, Radio und Fernsehen.
Seine Begründung ist der Grund für dieses Kapitel
Gould beschrieb das Konzertpublikum als Zuschauer einer Art Blutsport.
Also als Menschen, die vor allem darauf warten, dass der Vortragende einen Fehler macht.
Das Studio nannte er dagegen einen geschützten Raum, in dem er ausprobieren und korrigieren konnte.
Der Pianist Arthur Rubinstein wettete 1971 mit ihm, dass er zurückkommen würde.
Gould gewann die Wette.
Der ehrliche Haken an Gould
Er war ein außerordentlich eigenwilliger Mensch, und seine These vom toten Konzert hat sich nicht bewahrheitet.
Konzerte gibt es weiterhin, und den meisten Musikerinnen und Musikern geben sie etwas, das ein Studio nicht liefert.
Als Beispiel taugt er trotzdem. Denn er hat eine Sache konsequent getrennt, die die meisten nie trennen: die Arbeit und den Beifall dafür.
Und genau diese Trennung ist der Kern beim Umgang mit Applaus-Sucht.
Die Quittungen: was der Applaus dich kostet
Applaus ist nicht umsonst. Er wird nur später abgerechnet.
Hier sind fünf Rechnungen, die fast jeder irgendwann bekommt.
Diese Rechnungen sind erfunden, die Posten nicht.
Wenn du bei zwei von fünf genickt hast, lohnt sich der Satz aus Kapitel sechs für dich.
Denn Applaus-Sucht kostet selten Geld. Sie kostet Themen, Zeit und Mut.
Grigori Perelman lehnte eine Million Dollar ab
2002 und 2003 veröffentlichte der russische Mathematiker Grigori Perelman drei Arbeiten auf einem frei zugänglichen Preprint-Server.
Darin löste er die Poincaré-Vermutung, eines der berühmtesten offenen Probleme der Mathematik.
2006 bekam er dafür die Fields-Medaille, die höchste Auszeichnung seines Fachs.
Er lehnte ab. Als erster Mensch überhaupt.
2010 bot ihm das Clay Mathematics Institute eine Million Dollar an.
Er lehnte wieder ab.
Ich will nicht zur Schau gestellt werden wie ein Tier im Zoo.Grigori Perelman · sinngemäß übersetzt
Der ehrliche Haken, der oft weggelassen wird
Perelman ist kein reiner Asket, und seine Ablehnung war nicht nur Bescheidenheit.
Für den Preis von 2010 gab er als Grund an, er halte die Entscheidung für ungerecht: Sein Beitrag sei nicht größer gewesen als der von Richard Hamilton, auf dessen Vorarbeit er aufbaute.
Er hat den Applaus also nicht nur verweigert, er hat ihn auch für falsch verteilt gehalten.
Was du davon mitnimmst
Nicht die Verweigerung. Die ist für die meisten weder möglich noch sinnvoll.
Sondern die Reihenfolge in seinem Kopf: Erst war die Arbeit fertig, dann kam die Frage nach dem Preis.
Bei Applaus-Sucht läuft es genau andersherum. Da entscheidet die erwartete Belohnung, was überhaupt geschrieben wird.
Also entscheidet bei Applaus-Sucht der Saal schon mit, bevor der erste Satz steht.
Zehn Sätze, an denen du hörst, wer gerade schreibt
Links schreibt die Sucht nach Bestätigung. Rechts schreibst du.
| Beim Schreiben | So klingt die Bestätigung | So klingst du |
|---|---|---|
| Themenwahl | „Womit komme ich gut an?“ | „Was lässt mich nicht los?“ |
| Der Einstieg | „Das muss sofort zünden.“ | „Das muss sofort tragen.“ |
| Eine ruhige Stelle | „Da steigen sie aus.“ | „Da atmen sie.“ |
| Der Schluss | „Da brauche ich Applaus.“ | „Da braucht es Stille.“ |
| Ein schwieriges Thema | „Zu heikel für den Saal.“ | „Zu wichtig zum Weglassen.“ |
| Nach der Wertung | „Was habe ich falsch gemacht?“ | „Was habe ich gelernt?“ |
| Beim Überarbeiten | „Mehr Pointen rein.“ | „Zwanzig Prozent raus.“ |
| Vor der Anmeldung | „Sind da starke Leute dabei?“ | „Kann ich da etwas ausprobieren?“ |
| Ein alter Erfolgstext | „Den nehme ich sicherheitshalber.“ | „Den kann ich, also lasse ich ihn.“ |
| Ein Abend ohne Bühne | „Verschwendete Zeit.“ | „Schreibzeit.“ |
Die rechte Spalte gewinnt seltener.
Sie schreibt aber die Texte, die man drei Jahre später noch kennt.
Deshalb lohnt sich der Umgang mit Applaus-Sucht auch rein handwerklich.
Warum das Loch danach völlig normal ist
Fast niemand redet darüber, und deshalb halten es die meisten für ihr eigenes Problem.
Nach einem Auftritt fällt die Stimmung. Bei manchen dauert das Stunden, bei manchen Tage.
Das ist keine Reue und kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist.
Es ist die Rückseite desselben Ausschlags.
Was in diesem Fenster hilft
Erstens: nichts entscheiden. Keine Grundsatzfragen, keine Schlussstriche, keine neuen Texte bewerten.
Zweitens: keine Reaktionen lesen. Genau in diesem Fenster wirkt jede Zahl doppelt so stark.
Drittens: etwas Körperliches. Laufen, aufräumen, kochen, egal was.
Und viertens: den Zettel aus Kapitel sechs herausholen und die eigene Frage beantworten.
Diese vier Punkte sind übrigens die günstigste Vorsorge gegen Applaus-Sucht, die es gibt.
Denn genau in diesem Fenster wird aus einem schönen Abend eine Gewohnheit.
Es tritt nach guten Abenden genauso auf wie nach schlechten. Nach guten sogar oft stärker.
Sechs Übungen gegen die Applaus-Sucht
Diese sechs kosten dich zusammen keine halbe Stunde pro Woche.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn Applaus-Sucht verlernt man wie jede Gewohnheit, nämlich in kleinen Schritten.
Drei Übungen rund um den Auftritt
Übung 1 – Der Bierdeckel
Übung 2 – Die erste Stunde
Übung 3 – Der Abend ohne Wertung
Drei Übungen fürs Schreiben
Übung 4 – Der Schubladentext
Übung 5 – Die Streichprobe
Übung 6 – Das verbotene Thema
Drei Videos über Belohnung und Bestätigung
Alle drei sind auf Englisch und haben Untertitel.
Und alle drei habe ich vorher angesehen.
Außerdem erklärt jedes davon einen anderen Teil der Applaus-Sucht.
Wenn Applaus-Sucht keine Metapher mehr ist
Dieses Kapitel gehört hierher, und diesmal besonders.
Der ganze Beitrag benutzt ein Wort aus der Medizin als Bild. Das ist üblich und meistens harmlos.
Es gibt allerdings eine Grenze, ab der das Bild nicht mehr passt.
Anzeichen, bei denen dieser Beitrag das falsche Werkzeug ist
Du trinkst regelmäßig, um nach Auftritten herunterzukommen, oder nimmst etwas anderes dafür.
Das Tief nach einem Abend dauert nicht Stunden, sondern Wochen.
Du ziehst dich von Menschen zurück, sobald du gerade nicht auf einer Bühne stehst.
Oder dein Selbstwert schwankt so stark mit fremden Reaktionen, dass du deinen Alltag danach ausrichtest.
Wohin du dich dann wenden kannst
Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt.
Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Wenn es um Alkohol oder andere Substanzen geht, gibt es in praktisch jeder Stadt eine Suchtberatungsstelle. Diese Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Das ist kein Widerspruch zur Bühne. Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.
Denn dann hilft kein Bierdeckel. Und ehrlich gesagt auch kein Blogbeitrag über Applaus-Sucht.
Selbstcheck: Wie hoch ist dein Pegel?
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Wenn du bei der letzten Frage nicht zustimmen konntest, ist das der dringendste Punkt auf der ganzen Liste.
Denn wer nur ein einziges Feld hat, in dem er etwas wert ist, muss dieses Feld verteidigen.
Und aus dieser Verteidigung entsteht Applaus-Sucht deutlich häufiger als aus Eitelkeit.
Zehn Fehler im Umgang mit Applaus-Sucht
Fünf Fehler direkt nach dem Auftritt
Fehler 1: Die Punktzahl als Textkritik lesen
Fehler 2: Sofort Reaktionen sammeln
Fehler 3: Nach einem Erfolg sofort den nächsten Text anfangen
Fehler 4: Das Loch danach für ein Zeichen halten
Fehler 5: Alkohol als Brücke über das Loch
Fünf Fehler auf lange Sicht
Fehler 6: Applaus ganz ablehnen wollen
Fehler 7: Den Erfolgstext ewig weiterschreiben
Fehler 8: Nur noch Menschen um sich haben, die dich von der Bühne kennen
Fehler 9: Sich mit Leuten vergleichen, deren Abend man nicht kennt
Fehler 10: Denken, das legt sich mit mehr Erfolg
Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage
Kein Programm, sondern eine Woche.
| Tag | Was du machst | Dauer |
|---|---|---|
| Montag | Deinen Satz formulieren: „Der Abend ist gelungen, wenn …“ | 5 Minuten |
| Dienstag | Schubladentext anfangen. Ohne Zeitlimit, ohne Pointe. | 30 Minuten |
| Mittwoch | Erfolgstext nehmen und die stärkste Stelle streichen. Laut lesen. | 15 Minuten |
| Donnerstag | Eine Sache aufschreiben, die dir wichtig ist und bei der niemand klatscht. | 5 Minuten |
| Freitag | Bei einem Abend anmelden, bei dem du nicht gewinnen wirst. | 3 Minuten |
| Samstag | Auftritt oder Probe. Bierdeckel vorher beschriften. | — |
| Sonntag | Zettel beantworten. Erst danach die Punkte anschauen, falls überhaupt. | 5 Minuten |
Der Donnerstag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.
Denn Applaus-Sucht entsteht selten aus Eitelkeit. Sie entsteht meistens daraus, dass die Bühne der einzige Ort geworden ist, an dem jemand Bescheid gibt.
Gould hatte diesen anderen Ort übrigens: sein Studio. Die meisten von uns müssen ihn sich erst suchen.
Häufige Fragen zur Applaus-Sucht
Fragen zum Grundsätzlichen
Ist es nicht völlig normal, sich über Applaus zu freuen?
Soll ich jetzt keine Wettbewerbe mehr machen?
Ist es nicht ehrlicher, für das Publikum zu schreiben?
Perelman und Dickinson sind ziemlich extreme Beispiele. Ist das realistisch?
Fragen zur Praxis
Was mache ich, wenn ich die Punkte gar nicht vermeiden kann?
Funktioniert der Zettel auch bei Lesungen ohne Wertung?
Wie lange dauert es, bis sich etwas ändert?
Was ist mit sozialen Netzwerken?
Magdeburg – der Rest der Geschichte
Zurück nach Magdeburg.
Es gab an diesem Abend jemanden, der Dritter wurde und danach sofort verschwand.
Nicht wütend, nicht beleidigt. Er packte einfach zusammen und ging, bevor die Wertung des letzten Startenden überhaupt vorgelesen war.
Ich hielt ihn für einen schlechten Verlierer.
Was am Bahnhof passierte
Eine Stunde später saß er zwei Bänke weiter und aß eine Brezel.
Ich habe ihn gefragt, warum er nicht geblieben ist.
Er hat aus der Jackentasche einen Bierdeckel geholt und ihn mir hingelegt.
Darauf stand ein einziger Satz, mit Kugelschreiber, ziemlich krakelig.
Darunter, in anderer Farbe, ein einzelnes Wort: „Ja.“
Er hatte seine Wertung also schon.
Und zwar vor der Bühne aufgeschrieben und direkt danach beantwortet.
Die Punkte sagen mir, wie der Saal war. Der Bierdeckel sagt mir, wie ich war.Der Mann mit dem Bierdeckel · Magdeburg Hauptbahnhof
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Ich hatte an diesem Abend gewonnen und konnte trotzdem nicht sagen, ob ich gut war.
Ich wusste nur, dass der Saal gut war.
Und deshalb saß ich am nächsten Morgen am Küchentisch und schrieb einen Text, der aussah wie der von gestern.
Nicht weil er gut war. Sondern weil er funktioniert hatte.
Das ist Applaus-Sucht in einem einzigen Satz, und ich habe ziemlich lange gebraucht, um sie zu buchstabieren.
Was bleibt, wenn es still ist
Der Applaus ist an dieser Stelle rechnerisch bei null.
Das ist keine schlechte Nachricht, sondern die eigentliche Frage dieses Beitrags: Was ist danach noch da?
Bei den meisten ist die Antwort ein Text.
Und ein Text hält deutlich länger als vierzig Sekunden.
Dickinson hat das auf die Spitze getrieben und behalten trotzdem recht: Der Text überlebt den Beifall immer.
Warum das am Ende eine Handwerksfrage ist
Applaus-Sucht entsteht vor allem dort, wo Unsicherheit ist.
Wer nicht weiß, warum eine Stelle funktioniert, braucht den Saal als Messgerät.
Wer es weiß, braucht ihn dafür nicht mehr.
Und genau deshalb ist Handwerk das beste Gegenmittel, das ich kenne.
Gegen Applaus-Sucht hilft am Ende weniger Selbstdisziplin als schlicht mehr Können.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge, mit denen du selbst beurteilen kannst, ob eine Stelle trägt – statt darauf zu warten, dass zweihundert Leute es dir sagen.
Du bekommst Aufbauten für Einstiege, Werkzeuge für Bilder, die halten, und die Griffe für den Moment, in dem der Saal still wird.
Der Applaus kommt dann übrigens auch. Er entscheidet nur nichts mehr.
Schreib deine Wertung vorher. Und den Rest kannst du lernen.
Übrigens habe ich seit Magdeburg immer einen Bierdeckel dabei.
Manchmal bleibe ich trotzdem bis zur Wertung. Aber ich weiß dann schon, was ich davon halte.
Folge dem Bahn-Slam
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
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Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
