Umgang mit Applaus-Sucht: Wenn Bestätigung zur Droge wird

Magdeburg · 22:58 Uhr

Umgang mit Applaus-Sucht: Wenn Bestätigung zur Droge wird

Ich habe an diesem Abend gewonnen. Und am nächsten Morgen ging es mir schlechter als nach jeder Niederlage.

Magdeburg, ein voller Saal, zweihundert Leute, der lauteste Applaus meines Lebens.

Er dauerte vielleicht vierzig Sekunden.

Ich stand da und dachte tatsächlich, so fühlt sich das also an.

Um kurz nach eins saß ich im Zug und las zum vierten Mal dieselben drei Nachrichten.

Und am nächsten Vormittag saß ich am Küchentisch und schrieb einen neuen Text, der dem alten verdächtig ähnlich sah.

Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass Applaus-Sucht kein Wort aus einem Ratgeber ist.

Applaus-Sucht beginnt hier: der Waschbär steht im magentafarbenen Bühnenlicht im Moment des lautesten Applauses
Vierzig Sekunden. Und danach fängt der eigentliche Abend erst an.

Dieser Beitrag handelt von dem, was der Applaus mit deinem Schreiben macht.

Nicht auf der Bühne, sondern danach.

Denn Applaus-Sucht entsteht nicht im Saal. Sie entsteht in den Stunden, in denen es still wird.

Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er kostet dich einen Satz, den du vorher aufschreibst.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen
QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal 📷 Scannen & folgen
🦝 Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.
Kanal ansehen →
Kapitel 01 Nachhall: 100 %

Warum Applaus tatsächlich wie eine Droge wirkt

Der Vergleich ist keine Übertreibung, aber er ist auch keine Diagnose.

Beides gehört gleich am Anfang gesagt.

Applaus ist eine der stärksten sozialen Rückmeldungen, die es gibt. Zweihundert Menschen signalisieren dir gleichzeitig, dass sie dich richtig finden.

Dein Gehirn schüttet darauf Belohnungsstoffe aus, allen voran Dopamin.

Der Haken an der Belohnung

Die Stanford-Psychiaterin Anna Lembke beschreibt in ihrem Buch Dopamine Nation einen Mechanismus, der hier genau passt.

Nach einem starken Ausschlag nach oben pendelt das System nicht einfach zurück auf null.

Es schwingt unter die eigene Ausgangslinie.

Deshalb fühlt sich der Abend nach einem großen Erfolg oft leerer an als ein ganz normaler Dienstag.

Wichtige Einordnung
Lembke beschreibt damit vor allem Substanzen und stark belohnende Verhaltensweisen. Applaus im Slam ist damit nicht gleichzusetzen, und dieser Beitrag stellt keine Diagnose.

Das Modell erklärt aber gut, warum das Loch danach kein Charakterfehler ist, sondern ein Nachschwingen.

Übrigens ist genau das der Grund, warum Applaus-Sucht so schwer zu bemerken ist.

Sie fühlt sich nämlich nicht wie Gier an. Sie fühlt sich wie Normalität an, die einfach nicht mehr reicht.

Außerdem sieht Applaus-Sucht von außen wie Ehrgeiz aus. Das macht sie so schwer zu erkennen.

Kapitel 02 Nachhall: 88 %

Die Halbwertszeit des Applauses

Applaus verschwindet nicht. Er zerfällt.

Und zwar erstaunlich schnell.

Grafik 1 · Der Zerfall
Erfahrungswerte, keine Messung. Die Form stimmt trotzdem.
Direkt danach100 %
Du bist überzeugt, das war der beste Text deines Lebens.
Nach einer Stunde62 %
Noch gut, aber du prüfst schon, wer was gesagt hat.
Am nächsten Morgen28 %
Der Text kommt dir kleiner vor als gestern Abend.
Nach drei Tagen9 %
Fast nichts mehr übrig. Du brauchst den nächsten Abend.
Nach zwei Wochen2 %
Du erinnerst dich an den Applaus, aber nicht mehr an das Gefühl.
Zum Vergleich: Ein selbst gesetztes Ziel, das du erreicht hast, liegt nach zwei Wochen immer noch bei ungefähr der Hälfte.

Genau daraus entsteht das Problem.

Denn wenn die Wirkung nach drei Tagen weg ist, brauchst du alle drei Tage einen Abend.

Und so viele Bühnen gibt es nicht.

Genau an dieser Rechnung erkennt man Applaus-Sucht am zuverlässigsten. Nicht am Wunsch nach Applaus, sondern am immer kürzer werdenden Abstand.

Zum Vergleich: Emily Dickinsons Gedichte wirken seit über hundert Jahren. Dein Applaus wirkt drei Tage.

Kapitel 03 Nachhall: 76 %

Emily Dickinson veröffentlichte fast nichts

Emily Dickinson hinterließ nach ihrem Tod 1886 rund achtzehnhundert Gedichte.

Zu Lebzeiten erschienen davon weniger als ein Dutzend.

Die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen sieben und elf, und veröffentlicht wurden sie anonym und meist von Redaktionen umgeschrieben, damit sie den damaligen Regeln entsprachen.

Das Entscheidende daran: Es lag nicht am Publikumsgeschmack.

Es war ihre Entscheidung.

Veröffentlichung ist die Versteigerung des menschlichen Geistes.
Emily Dickinson · aus einem ihrer Gedichte · sinngemäß übersetzt

Warum das hierher gehört

Dickinson ist der härteste vorstellbare Gegenentwurf zur Applaus-Sucht.

Sie schrieb achtzehnhundert Mal, ohne ein einziges Mal Applaus dafür zu bekommen.

Ich empfehle das ausdrücklich nicht zur Nachahmung. Bühne ist wertvoll, und Rückmeldung macht Texte besser.

Aber sie beweist eine Sache: Ein Text kann vollständig sein, ohne dass ihn jemand beklatscht hat.

Und genau das ist der Gedanke, an dem sich Applaus-Sucht am ehesten bricht.

Der ehrliche Haken
Dickinsons Rückzug war kein reines Freiheitsprogramm. Sie lebte zunehmend zurückgezogen, und ihre Gründe sind bis heute umstritten.

Man kann von ihr lernen, ohne ihr Leben zu romantisieren.
Kapitel 04 Nachhall: 64 %

Zwölf Anzeichen für Applaus-Sucht

Klapp auf, was du kennst. Und sei wieder ehrlich.

Sechs Anzeichen rund um den Auftritt

Du checkst nach dem Auftritt eine Stunde lang Reaktionen.
Das ist die harmloseste Form und trotzdem der Anfang. Der Kopf sucht nach Nachschub, weil der Applaus im Saal schon wieder abgeklungen ist.
Du kennst deine Punktzahl von vor drei Jahren noch auswendig.
Zahlen sind der einzige Teil des Abends, der sich speichern lässt. Deshalb setzen sie sich fest, obwohl sie am wenigsten über den Text aussagen.
Du bist nach einer guten Wertung nicht zufrieden, sondern erleichtert.
Erleichterung bedeutet, dass vorher etwas auf dem Spiel stand. Und wenn bei jedem Auftritt dein Wert auf dem Spiel steht, wird jeder Abend zur Prüfung.
Du gehst nach einer schlechten Wertung sofort nach Hause.
Völlig verständlich. Kritisch wird es, wenn du danach tagelang nicht schreiben kannst.
Du meldest dich nur bei Slams an, bei denen du gute Chancen hast.
Das ist Optimierung auf Applaus statt auf Entwicklung. Und es kostet dich genau die Abende, an denen man etwas lernt.
Du erzählst neuen Bekanntschaften innerhalb von zehn Minuten von der Bühne.
Ein kleines Zeichen, aber ein verlässliches. Der Applaus soll auch außerhalb des Saals weiterlaufen.

Und sechs Anzeichen beim Schreiben

Du baust bewusst Stellen ein, von denen du weißt, dass sie zuverlässig ziehen.
Handwerklich ist das völlig legitim. Problematisch wird es, wenn nur noch solche Stellen übrig bleiben und der Text dazwischen nichts mehr will.
Du schreibst deinen erfolgreichsten Text unbewusst immer wieder neu.
Das ist der häufigste Effekt überhaupt. Ein einziger großer Abend kann dich jahrelang auf dasselbe Muster festlegen.
Du verwirfst Themen, weil sie beim Publikum schwer ankommen.
Manchmal ist das Handwerk. Wenn es aber immer so läuft, schreibt nicht mehr du, sondern der Saal.
Du kannst nicht mehr einschätzen, ob ein Text gut ist, bevor du ihn vorgetragen hast.
Das ist ein deutliches Zeichen. Dein eigenes Urteil wurde durch fremdes ersetzt.
Du schreibst kaum noch etwas, das nie auf eine Bühne kommt.
Texte ohne Publikum sind das Trainingsgelände. Wer nur noch Wettkampf macht, hört auf zu üben.
Nach einem Abend ohne Auftritt fühlst du dich nutzlos.
Wenn das regelmäßig passiert, lies bitte auch Kapitel vierzehn.

Vier Häkchen sind normal. Acht sind ein Hinweis.

Übrigens ist keines dieser Anzeichen für sich genommen schlimm. Applaus-Sucht entsteht erst aus der Summe.

Dein Link-Kompass

Du willst mehr von diesen Ideen?

Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

🔍

✍️
Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Kapitel 05 Nachhall: 52 %

Was eine Wertung tatsächlich misst

Die Punkte fühlen sich an wie ein Urteil über deinen Text.

Sie sind aber eine Mischung aus mindestens fünf Dingen, und dein Text ist nur eines davon.

Grafik 2 · Woraus eine Wertung besteht
Grobe Schätzung aus Erfahrung, keine Statistik. Die Richtung ist unstrittig.
35 %Dein Text und dein Vortrag
20 %Startreihenfolge
20 %Zusammensetzung des Publikums
15 %Wer vor dir dran war
10 %Zufall bei der Jury

Selbst wenn diese Zahlen grob danebenliegen, bleibt der Kern bestehen.

Die Mehrheit deiner Punkte hat nichts mit dir zu tun.

Du feierst also eine Zahl, die zu ungefähr zwei Dritteln von Dingen abhängt, auf die du keinerlei Einfluss hast.

Deshalb ist Applaus-Sucht letztlich eine Rechenschwäche. Du misst dich an einer Zahl, die dich kaum enthält.

Kapitel 06 Nachhall: 44 %

Der eine Griff gegen Applaus-Sucht: deine eigene Wertung

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.

Der Griff
Schreib deine eigene Wertung auf, bevor du auf die Bühne gehst.

Ein Satz. Er beginnt mit: „Der Abend ist für mich gelungen, wenn …“

Und dann etwas, das nur von dir abhängt.

Das war es. Ein Satz auf einem Bierdeckel.

Damit wird der Umgang mit Applaus-Sucht überprüfbar. Und alles, was überprüfbar ist, hält länger als ein Vorsatz.

Der Griff gegen Applaus-Sucht: der Waschbär schreibt vor dem Auftritt einen Satz auf einen Bierdeckel
Ein Satz, vorher. Danach ist es zu spät, weil dann der Applaus mitschreibt.

Warum vorher und nicht nachher

Nach dem Auftritt ist dein Maßstab kontaminiert.

Bei viel Applaus findest du den Text gut. Bei wenig findest du ihn schlecht. Und zwar unabhängig davon, was du tatsächlich gemacht hast.

Ein vorher festgelegtes Kriterium kann der Saal nicht mehr verschieben.

Das ist im Kleinen Perelmans Reihenfolge: erst die Arbeit, dann die Frage nach dem Preis.

Genau diese Reihenfolge dreht Applaus-Sucht nämlich um.

Woran du einen guten Satz erkennst

Er hängt nur von dir ab
Falsch: „wenn die Leute lachen“. Richtig: „wenn ich die Pause nach Zeile zwölf wirklich halte“. Das Erste entscheidet der Saal, das Zweite entscheidest du.
Er ist überprüfbar
Du musst nach dem Auftritt mit Ja oder Nein antworten können. „Wenn ich präsent bin“ ist kein Kriterium, sondern ein Gefühl.
Er ist klein
Eine Sache pro Abend. Nicht drei. Wer sich fünf Dinge vornimmt, hat hinterher wieder nur einen diffusen Gesamteindruck – und der wird vom Applaus überschrieben.
Er ist neu
Nimm etwas, das du noch nicht sicher kannst. Sonst ist es keine Wertung, sondern eine Bestätigung. Und Bestätigung hast du schon genug.
Er steht schriftlich da
Im Kopf verschiebt sich ein Kriterium nach einem guten Abend rückwirkend. Auf Papier nicht. Genau deshalb funktioniert Papier.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil du kurz vor deinem Auftritt keine Methode anwendest. Du schreibst einen Satz. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
Kapitel 07 Nachhall: 36 %

Glenn Gould stieg mit 31 aus

Am 10. April 1964 spielte der kanadische Pianist Glenn Gould im Wilshire Ebell Theatre in Los Angeles ein Konzert.

Er war einunddreißig Jahre alt und einer der berühmtesten Pianisten der Welt.

Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

Danach spielte er nie wieder vor Publikum. Achtzehn Jahre lang, bis zu seinem Tod 1982, nur noch Studio, Radio und Fernsehen.

Seine Begründung ist der Grund für dieses Kapitel

Gould beschrieb das Konzertpublikum als Zuschauer einer Art Blutsport.

Also als Menschen, die vor allem darauf warten, dass der Vortragende einen Fehler macht.

Das Studio nannte er dagegen einen geschützten Raum, in dem er ausprobieren und korrigieren konnte.

Der Pianist Arthur Rubinstein wettete 1971 mit ihm, dass er zurückkommen würde.

Gould gewann die Wette.

Der ehrliche Haken an Gould

Er war ein außerordentlich eigenwilliger Mensch, und seine These vom toten Konzert hat sich nicht bewahrheitet.

Konzerte gibt es weiterhin, und den meisten Musikerinnen und Musikern geben sie etwas, das ein Studio nicht liefert.

Als Beispiel taugt er trotzdem. Denn er hat eine Sache konsequent getrennt, die die meisten nie trennen: die Arbeit und den Beifall dafür.

Und genau diese Trennung ist der Kern beim Umgang mit Applaus-Sucht.

Applaus-Sucht zeigt sich danach: der Waschbär steht erschöpft allein im Backstage-Flur, hinter der Tür läuft der Abend weiter
Der eigentliche Prüfstein ist nicht der Saal. Es ist der Gang dahinter.
Kapitel 08 Nachhall: 28 %

Die Quittungen: was der Applaus dich kostet

Applaus ist nicht umsonst. Er wird nur später abgerechnet.

Hier sind fünf Rechnungen, die fast jeder irgendwann bekommt.

Quittung
Ein Text, der zuverlässig zieht1 Thema
Alle Themen, die daneben nicht mehr passen4 Themen
Zwei Jahre auf demselben Muster2 Jahre
SummeDeine Bandbreite
Der häufigste Posten überhaupt. Ein einziger großer Abend kann festlegen, worüber du danach jahrelang schreibst.
Quittung
Eine Stunde Reaktionen lesen pro Auftritt1 Std.
Bei zwei Auftritten im Monat24 Std./Jahr
Ergebnis in Texten gerechnet3 Texte
SummeDrei Texte pro Jahr
Die Zeit nach dem Auftritt ist die teuerste des Abends. Sie fühlt sich an wie Erholung und ist in Wahrheit Nachschubbeschaffung.
Quittung
Nur bei Slams anmelden mit guten Chancen6 Abende
Dadurch verpasste schwierige Bühnen6 Abende
Lerneffekt aus leichten Abendengering
SummeDeine Entwicklung
Wer auf Applaus optimiert, meidet genau die Abende, an denen man etwas lernt. Das merkt man erst nach etwa zwei Jahren.
Quittung
Ein ehrlicher Text über etwas Schwierigesverworfen
Begründung„kommt nicht an“
Tatsächlicher GrundAngst vor Stille
SummeDer beste Text des Jahres
Diese Quittung sieht niemand außer dir. Und sie ist die teuerste auf der ganzen Liste.
Quittung
Gute WertungErleichterung
Schlechte Wertungdrei Tage nichts
Netto-Gewinn an Selbstvertrauen0
SummeNichts
Wenn gute Abende nur Erleichterung bringen und schlechte drei Tage kosten, ist die Bilanz über ein Jahr negativ. Und zwar auch bei viel Applaus.

Diese Rechnungen sind erfunden, die Posten nicht.

Wenn du bei zwei von fünf genickt hast, lohnt sich der Satz aus Kapitel sechs für dich.

Denn Applaus-Sucht kostet selten Geld. Sie kostet Themen, Zeit und Mut.

Kapitel 09 Nachhall: 22 %

Grigori Perelman lehnte eine Million Dollar ab

2002 und 2003 veröffentlichte der russische Mathematiker Grigori Perelman drei Arbeiten auf einem frei zugänglichen Preprint-Server.

Darin löste er die Poincaré-Vermutung, eines der berühmtesten offenen Probleme der Mathematik.

2006 bekam er dafür die Fields-Medaille, die höchste Auszeichnung seines Fachs.

Er lehnte ab. Als erster Mensch überhaupt.

2010 bot ihm das Clay Mathematics Institute eine Million Dollar an.

Er lehnte wieder ab.

Ich will nicht zur Schau gestellt werden wie ein Tier im Zoo.
Grigori Perelman · sinngemäß übersetzt

Der ehrliche Haken, der oft weggelassen wird

Perelman ist kein reiner Asket, und seine Ablehnung war nicht nur Bescheidenheit.

Für den Preis von 2010 gab er als Grund an, er halte die Entscheidung für ungerecht: Sein Beitrag sei nicht größer gewesen als der von Richard Hamilton, auf dessen Vorarbeit er aufbaute.

Er hat den Applaus also nicht nur verweigert, er hat ihn auch für falsch verteilt gehalten.

Was du davon mitnimmst

Nicht die Verweigerung. Die ist für die meisten weder möglich noch sinnvoll.

Sondern die Reihenfolge in seinem Kopf: Erst war die Arbeit fertig, dann kam die Frage nach dem Preis.

Bei Applaus-Sucht läuft es genau andersherum. Da entscheidet die erwartete Belohnung, was überhaupt geschrieben wird.

Also entscheidet bei Applaus-Sucht der Saal schon mit, bevor der erste Satz steht.

Kapitel 10 Nachhall: 18 %

Zehn Sätze, an denen du hörst, wer gerade schreibt

Links schreibt die Sucht nach Bestätigung. Rechts schreibst du.

Beim SchreibenSo klingt die BestätigungSo klingst du
Themenwahl„Womit komme ich gut an?“„Was lässt mich nicht los?“
Der Einstieg„Das muss sofort zünden.“„Das muss sofort tragen.“
Eine ruhige Stelle„Da steigen sie aus.“„Da atmen sie.“
Der Schluss„Da brauche ich Applaus.“„Da braucht es Stille.“
Ein schwieriges Thema„Zu heikel für den Saal.“„Zu wichtig zum Weglassen.“
Nach der Wertung„Was habe ich falsch gemacht?“„Was habe ich gelernt?“
Beim Überarbeiten„Mehr Pointen rein.“„Zwanzig Prozent raus.“
Vor der Anmeldung„Sind da starke Leute dabei?“„Kann ich da etwas ausprobieren?“
Ein alter Erfolgstext„Den nehme ich sicherheitshalber.“„Den kann ich, also lasse ich ihn.“
Ein Abend ohne Bühne„Verschwendete Zeit.“„Schreibzeit.“

Die rechte Spalte gewinnt seltener.

Sie schreibt aber die Texte, die man drei Jahre später noch kennt.

Deshalb lohnt sich der Umgang mit Applaus-Sucht auch rein handwerklich.

Kapitel 11 Nachhall: 14 %

Warum das Loch danach völlig normal ist

Fast niemand redet darüber, und deshalb halten es die meisten für ihr eigenes Problem.

Nach einem Auftritt fällt die Stimmung. Bei manchen dauert das Stunden, bei manchen Tage.

Das ist keine Reue und kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist.

Es ist die Rückseite desselben Ausschlags.

Was in diesem Fenster hilft

Erstens: nichts entscheiden. Keine Grundsatzfragen, keine Schlussstriche, keine neuen Texte bewerten.

Zweitens: keine Reaktionen lesen. Genau in diesem Fenster wirkt jede Zahl doppelt so stark.

Drittens: etwas Körperliches. Laufen, aufräumen, kochen, egal was.

Und viertens: den Zettel aus Kapitel sechs herausholen und die eigene Frage beantworten.

Diese vier Punkte sind übrigens die günstigste Vorsorge gegen Applaus-Sucht, die es gibt.

Denn genau in diesem Fenster wird aus einem schönen Abend eine Gewohnheit.

Der Unterschied in einem Satz
Das Loch nach dem Auftritt kommt vom Applaus, nicht von deinem Text.

Es tritt nach guten Abenden genauso auf wie nach schlechten. Nach guten sogar oft stärker.
Bahn Slam · Edition

Werbung in eigener Sache

— aber mit Wucht.

Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
sondern anwenden willst — wie ein Sniper mit Reimwaffe:

Was drinsteckt
  • Über 200 kranke Slam-Hacks
  • Storystrukturen wie ein Fitzek-Krimi
  • Übungen für Albtraum-Einstiege, Trauma-Texte, Schweige-Pausen
  • Provokations-Templates
  • Authentizitäts-Trigger
✦ ✦ ✦ die zweiunddreißig bücher

Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
— Stephan Pinkwart —
Kapitel 12 Nachhall: 11 %

Sechs Übungen gegen die Applaus-Sucht

Diese sechs kosten dich zusammen keine halbe Stunde pro Woche.

Fang mit einer an, nicht mit allen.

Denn Applaus-Sucht verlernt man wie jede Gewohnheit, nämlich in kleinen Schritten.

Drei Übungen rund um den Auftritt

Übung 1 – Der Bierdeckel
Der Griff aus Kapitel sechs, konsequent bei jedem Auftritt. Satz vorher aufschreiben, Zettel einstecken, nach dem Auftritt beantworten. Nach fünf Abenden hast du eine kleine Sammlung, die völlig unabhängig von Punkten ist.
Übung 2 – Die erste Stunde
Nach dem Auftritt eine Stunde lang keine Reaktionen. Kein Handy, keine Nachfragen, keine Zahlen. Das ist die unbeliebteste Übung auf dieser Liste und die wirksamste.
Übung 3 – Der Abend ohne Wertung
Melde dich einmal für eine offene Bühne ohne Punkte an. Kein Wettbewerb, keine Jury. Viele merken dabei zum ersten Mal seit Jahren, ob ihnen das Vortragen selbst eigentlich Spaß macht.

Drei Übungen fürs Schreiben

Übung 4 – Der Schubladentext
Schreib einen Text, der nie auf eine Bühne kommt. Ohne Zeitlimit, ohne Pointe, ohne Rücksicht. Dieser Text ist dein Kontrollversuch: Er zeigt dir, was du schreibst, wenn niemand zusieht.
Übung 5 – Die Streichprobe
Nimm deinen erfolgreichsten Text und streiche die Stelle, die am zuverlässigsten zieht. Lies ihn ohne sie. Wenn danach nichts mehr übrig ist, weißt du etwas Wichtiges über diesen Text.
Übung 6 – Das verbotene Thema
Schreib über etwas, von dem du sicher bist, dass es im Saal nicht funktioniert. Nicht um es aufzuführen, sondern um zu merken, dass du es noch kannst.
Kapitel 13 Nachhall: 9 %

Drei Videos über Belohnung und Bestätigung

Alle drei sind auf Englisch und haben Untertitel.

Und alle drei habe ich vorher angesehen.

Außerdem erklärt jedes davon einen anderen Teil der Applaus-Sucht.

Dan Pink: The puzzle of motivation (TED)
Das wichtigste Video auf dieser Seite. Pink zeigt anhand mehrerer Experimente, dass äußere Belohnungen die Leistung bei kreativen Aufgaben nicht verbessern, sondern regelmäßig verschlechtern. Übersetzt heißt das: Applaus als Antrieb macht deine Texte messbar schlechter.
Jeffrey Shaw: The Validation Paradox (TEDxLincolnSquare)
Bewusst als Gegengewicht. Shaw argumentiert, dass Bestätigung durch andere nichts Schlechtes ist und wir sie sogar brauchen. Wer diesen Beitrag als Aufruf zum Einsiedlertum liest, sollte sich das ansehen.
Anna Lembke über die Psychologie von Sucht
Die Stanford-Psychiaterin aus Kapitel eins über den Mechanismus zwischen Vergnügen und Schmerz. Wichtig dabei: Sie spricht über echte Abhängigkeitserkrankungen, nicht über Slam. Das Modell hilft trotzdem beim Verstehen.
Wenn du nur eines schaust
Nimm Pink. Danach weißt du, warum das Schreiben auf Applaus hin nicht nur ungesund ist, sondern handwerklich schlechtere Ergebnisse liefert.
Kapitel 14 Nachhall: 7 %

Wenn Applaus-Sucht keine Metapher mehr ist

Dieses Kapitel gehört hierher, und diesmal besonders.

Der ganze Beitrag benutzt ein Wort aus der Medizin als Bild. Das ist üblich und meistens harmlos.

Es gibt allerdings eine Grenze, ab der das Bild nicht mehr passt.

Der Unterschied in einem Satz
Der Wunsch nach Bestätigung ist normal und gehört zu jedem Menschen, der etwas zeigt. Wenn dein Selbstwert vollständig davon abhängt, wenn du ohne Rückmeldung nicht mehr funktionierst oder wenn du zu Mitteln greifst, um das Loch danach zu überbrücken, ist es kein Bühnenthema mehr.

Anzeichen, bei denen dieser Beitrag das falsche Werkzeug ist

Du trinkst regelmäßig, um nach Auftritten herunterzukommen, oder nimmst etwas anderes dafür.

Das Tief nach einem Abend dauert nicht Stunden, sondern Wochen.

Du ziehst dich von Menschen zurück, sobald du gerade nicht auf einer Bühne stehst.

Oder dein Selbstwert schwankt so stark mit fremden Reaktionen, dass du deinen Alltag danach ausrichtest.

Wohin du dich dann wenden kannst

Die Hausarztpraxis ist ein völlig normaler erster Schritt.

Außerdem gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde. Termine vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.

Wenn es um Alkohol oder andere Substanzen geht, gibt es in praktisch jeder Stadt eine Suchtberatungsstelle. Diese Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.

Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.

Das ist kein Widerspruch zur Bühne. Es ist schlicht die richtige Adresse für ein anderes Problem.

Denn dann hilft kein Bierdeckel. Und ehrlich gesagt auch kein Blogbeitrag über Applaus-Sucht.

Kapitel 15 Nachhall: 6 %

Selbstcheck: Wie hoch ist dein Pegel?

Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.

Auswertung in einem Satz: Wenn du bei der letzten Frage nicht zustimmen konntest, ist das der dringendste Punkt auf der ganzen Liste.

Denn wer nur ein einziges Feld hat, in dem er etwas wert ist, muss dieses Feld verteidigen.

Und aus dieser Verteidigung entsteht Applaus-Sucht deutlich häufiger als aus Eitelkeit.

Kapitel 16 Nachhall: 5 %

Zehn Fehler im Umgang mit Applaus-Sucht

Fünf Fehler direkt nach dem Auftritt

Fehler 1: Die Punktzahl als Textkritik lesen
Sie misst zu ungefähr zwei Dritteln Dinge, auf die du keinen Einfluss hast. Siehe Kapitel fünf.
Fehler 2: Sofort Reaktionen sammeln
In der ersten Stunde nach dem Auftritt wirkt jede Rückmeldung überproportional stark. Positive wie negative.
Fehler 3: Nach einem Erfolg sofort den nächsten Text anfangen
Was in diesem Zustand entsteht, ist fast immer eine Kopie des Abends. Warte drei Tage.
Fehler 4: Das Loch danach für ein Zeichen halten
Es ist kein Urteil über deinen Text, sondern das Nachschwingen. Es tritt nach guten Abenden genauso auf, oft sogar stärker.
Fehler 5: Alkohol als Brücke über das Loch
Er funktioniert kurzfristig zuverlässig. Genau das ist das Problem, und deshalb steht Kapitel vierzehn in diesem Beitrag.

Fünf Fehler auf lange Sicht

Fehler 6: Applaus ganz ablehnen wollen
Das ist weder nötig noch gesund. Glenn Gould konnte das, aber Gould war ein Sonderfall und hat dafür einen Preis gezahlt. Das Ziel ist nicht Verzicht, sondern Unabhängigkeit.
Fehler 7: Den Erfolgstext ewig weiterschreiben
Der teuerste Posten aus Kapitel acht. Ein einziger großer Abend kann dich jahrelang festlegen.
Fehler 8: Nur noch Menschen um sich haben, die dich von der Bühne kennen
Dann kommt jede Rückmeldung aus derselben Richtung. Und deine Selbsteinschätzung auch.
Fehler 9: Sich mit Leuten vergleichen, deren Abend man nicht kennt
Du siehst deren beste sechs Minuten des Jahres. Du vergleichst sie mit deinem Dienstag.
Fehler 10: Denken, das legt sich mit mehr Erfolg
Es legt sich nicht. Der Pegel, den du erreichen musst, steigt einfach mit. Deshalb hilft nur ein eigener Maßstab und kein größerer Saal.
Kapitel 17 Nachhall: 4 %

Die Werkstatt: dein Plan für sieben Tage

Kein Programm, sondern eine Woche.

TagWas du machstDauer
MontagDeinen Satz formulieren: „Der Abend ist gelungen, wenn …“5 Minuten
DienstagSchubladentext anfangen. Ohne Zeitlimit, ohne Pointe.30 Minuten
MittwochErfolgstext nehmen und die stärkste Stelle streichen. Laut lesen.15 Minuten
DonnerstagEine Sache aufschreiben, die dir wichtig ist und bei der niemand klatscht.5 Minuten
FreitagBei einem Abend anmelden, bei dem du nicht gewinnen wirst.3 Minuten
SamstagAuftritt oder Probe. Bierdeckel vorher beschriften.
SonntagZettel beantworten. Erst danach die Punkte anschauen, falls überhaupt.5 Minuten

Der Donnerstag ist der wichtigste Tag in dieser Tabelle.

Denn Applaus-Sucht entsteht selten aus Eitelkeit. Sie entsteht meistens daraus, dass die Bühne der einzige Ort geworden ist, an dem jemand Bescheid gibt.

Gould hatte diesen anderen Ort übrigens: sein Studio. Die meisten von uns müssen ihn sich erst suchen.

Umgang mit Applaus-Sucht am Morgen danach: der Waschbär sitzt in der Küche, das Handy liegt umgedreht auf dem Tisch
Das umgedrehte Handy ist die kleinste wirksame Maßnahme dieses Beitrags.
Kapitel 18 Nachhall: 3 %

Häufige Fragen zur Applaus-Sucht

Fragen zum Grundsätzlichen

Ist es nicht völlig normal, sich über Applaus zu freuen?
Ja, und es wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre. Es geht in diesem Beitrag nicht um Freude, sondern um Abhängigkeit. Der Unterschied liegt darin, was passiert, wenn der Applaus ausbleibt.
Soll ich jetzt keine Wettbewerbe mehr machen?
Doch, unbedingt. Wettbewerbe sind ein hervorragendes Trainingsgelände und ein guter Grund, überhaupt fertig zu werden. Nur sollten sie nicht dein einziger Maßstab sein.
Ist es nicht ehrlicher, für das Publikum zu schreiben?
Für ein Publikum zu schreiben ist Handwerk. Für Applaus zu schreiben ist etwas anderes. Im ersten Fall fragst du, ob man dir folgen kann. Im zweiten, ob man dich mag.
Perelman und Dickinson sind ziemlich extreme Beispiele. Ist das realistisch?
Nein, und das ist auch nicht der Punkt. Beide zeigen nur, dass die Verbindung zwischen Arbeit und Beifall keine Naturkonstante ist. Für den Alltag reicht ein Zettel.

Fragen zur Praxis

Was mache ich, wenn ich die Punkte gar nicht vermeiden kann?
Musst du auch nicht. Beantworte nur zuerst deine eigene Frage vom Zettel und schau erst danach auf die Wertung. Die Reihenfolge ist der ganze Trick.
Funktioniert der Zettel auch bei Lesungen ohne Wertung?
Sogar besser. Ohne Punkte suchst du sonst nämlich in Gesichtern nach einer Wertung, und Gesichter sind noch unzuverlässiger als eine Jury.
Wie lange dauert es, bis sich etwas ändert?
Die erste Stunde ohne Reaktionen fällt schon beim dritten Mal deutlich leichter. Der Rest ist eher eine Frage von Monaten als von Wochen.
Was ist mit sozialen Netzwerken?
Dort gilt dasselbe in schneller und rund um die Uhr. Wenn du nur eine Sache änderst, dann die erste Stunde nach dem Posten.
Kapitel 19 Nachhall: 2 %

Magdeburg – der Rest der Geschichte

Zurück nach Magdeburg.

Es gab an diesem Abend jemanden, der Dritter wurde und danach sofort verschwand.

Nicht wütend, nicht beleidigt. Er packte einfach zusammen und ging, bevor die Wertung des letzten Startenden überhaupt vorgelesen war.

Ich hielt ihn für einen schlechten Verlierer.

Umgang mit Applaus-Sucht: der Waschbär verlässt den hell erleuchteten Veranstaltungsort schon vor der Wertung
Er ging vor der Wertung. Ich hielt das für Trotz.

Was am Bahnhof passierte

Eine Stunde später saß er zwei Bänke weiter und aß eine Brezel.

Ich habe ihn gefragt, warum er nicht geblieben ist.

Er hat aus der Jackentasche einen Bierdeckel geholt und ihn mir hingelegt.

Darauf stand ein einziger Satz, mit Kugelschreiber, ziemlich krakelig.

Was auf dem Bierdeckel stand
„Gelungen, wenn ich die Stelle mit dem Vater nicht schneller spreche als geprobt.“

Darunter, in anderer Farbe, ein einzelnes Wort: „Ja.“

Er hatte seine Wertung also schon.

Und zwar vor der Bühne aufgeschrieben und direkt danach beantwortet.

Die Punkte sagen mir, wie der Saal war. Der Bierdeckel sagt mir, wie ich war.
Der Mann mit dem Bierdeckel · Magdeburg Hauptbahnhof

Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte

Ich hatte an diesem Abend gewonnen und konnte trotzdem nicht sagen, ob ich gut war.

Ich wusste nur, dass der Saal gut war.

Und deshalb saß ich am nächsten Morgen am Küchentisch und schrieb einen Text, der aussah wie der von gestern.

Nicht weil er gut war. Sondern weil er funktioniert hatte.

Das ist Applaus-Sucht in einem einzigen Satz, und ich habe ziemlich lange gebraucht, um sie zu buchstabieren.

Kapitel 20 Nachhall: 0 %

Was bleibt, wenn es still ist

Der Applaus ist an dieser Stelle rechnerisch bei null.

Das ist keine schlechte Nachricht, sondern die eigentliche Frage dieses Beitrags: Was ist danach noch da?

Bei den meisten ist die Antwort ein Text.

Und ein Text hält deutlich länger als vierzig Sekunden.

Dickinson hat das auf die Spitze getrieben und behalten trotzdem recht: Der Text überlebt den Beifall immer.

Ohne Applaus-Sucht schreiben: der Waschbär spricht ruhig ins Mikrofon, ganz bei seinem eigenen Text
Wer seine Wertung schon hat, kann sich um den Text kümmern.

Warum das am Ende eine Handwerksfrage ist

Applaus-Sucht entsteht vor allem dort, wo Unsicherheit ist.

Wer nicht weiß, warum eine Stelle funktioniert, braucht den Saal als Messgerät.

Wer es weiß, braucht ihn dafür nicht mehr.

Und genau deshalb ist Handwerk das beste Gegenmittel, das ich kenne.

Gegen Applaus-Sucht hilft am Ende weniger Selbstdisziplin als schlicht mehr Können.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge, mit denen du selbst beurteilen kannst, ob eine Stelle trägt – statt darauf zu warten, dass zweihundert Leute es dir sagen.

Du bekommst Aufbauten für Einstiege, Werkzeuge für Bilder, die halten, und die Griffe für den Moment, in dem der Saal still wird.

Der Applaus kommt dann übrigens auch. Er entscheidet nur nichts mehr.

Schreib deine Wertung vorher. Und den Rest kannst du lernen.

Übrigens habe ich seit Magdeburg immer einen Bierdeckel dabei.

Manchmal bleibe ich trotzdem bis zur Wertung. Aber ich weiß dann schon, was ich davon halte.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp

  • Neue Slam-Texte zuerst
  • Gedanken vom Gleis
  • Keine E-Mail, kein Spam

Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.

Jetzt Kanal folgen
QR-Code zum Bahn-Slam WhatsApp-Kanal 📷 Scannen & folgen
🦝 Komm mit meinem Waschbär an Bord – schon jetzt an Gleis 1 der Bahn-Slam-Community.
Kanal ansehen →
Dein Link-Kompass

Du willst mehr von diesen Ideen?

Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

🔍

✍️
Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

Weiterlesen
Geduld mit dir selbst
Warum dein zehnter Text besser wird – und wie du bis dahin durchhältst.
Dein inneres Publikum
Die Stimme im Kopf, die auch bei voller Punktzahl noch etwas zu meckern hat.
Nach der Bühne bist du du
Wie du die Figur wieder loswirst, bevor sie in deiner Küche steht.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

Zeige alle Beiträge von BahnSlam →