Tritt ein, setz dich, mach es dir bequem. Das hier ist ein Beichtstuhl für Texte — und ich gestehe zuerst.
Ich habe alle sieben Sünden begangen, die in diesem Beitrag stehen. Manche mehrfach.
Eine davon jahrelang.
Meine Jahressünde war Nummer sieben. Jeder ernste Text bekam am Ende einen Witz — wie ein Pflaster, das ich vorsichtshalber schon mal draufklebte.
Bis mir nach einem Auftritt eine Frau sagte: „Der Text war so gut. Warum hast du ihn am Ende weggeworfen?“
Ich wusste sofort, was sie meinte. Der Saal weiß es immer.
An diesem Abend habe ich angefangen, meine Texte zu beichten. Nicht vor einem Priester — vor einem Blatt Papier mit sieben Fragen.
Dieses Blatt bekommst du heute. Es hängt am Ende des Beitrags — und es hat mehr Texte gerettet als jedes Schreibseminar.
Das Gemeine an diesen sieben: Sie passieren nicht schlechten Schreibern. Sie passieren den ehrlichen — den Fleißigen, den Bemühten, denen mit den großen Herzen.
Denn jede dieser Sünden beginnt als Tugend. Du willst verstanden werden — und erklärst zu viel.
Du willst etwas Wichtiges sagen — und hebst den Zeigefinger. Du liebst einen Satz — und opferst ihm den Text.
Gute Absichten, tödliche Wirkung. Deshalb heißen sie Todsünden.
Und deshalb findet man sie auch nicht mit der Frage „Was habe ich falsch gemacht?“. Man findet sie nur mit der unangenehmeren Frage: „Wo wollte ich zu sehr gefallen?“
Und noch etwas unterscheidet sie von normalen Fehlern: Gegen Todsünden hilft kein Talent.
Der schönste Text der Welt stirbt an einer erklärten Pointe. Die ehrlichste Geschichte stirbt am Zeigefinger.
Es gibt nur einen Schutz: die Sünde kennen, bevor sie den Stift führt.
Sieben Kerzen brennen also in diesem Beitrag. Zu jeder Sünde gibt es das Geständnis, den Tathergang — und die Buße, mit der du sie wiedergutmachst.
Am Ende wartet die Absolution. Versprochen — hier kommt niemand in die Textmülltonnen-Hölle.
Noch ein Wort zur Reihenfolge: Die sieben sind nach Häufigkeit sortiert, nicht nach Schwere.
Die häufigste steht vorn, die feigste ganz hinten. Und wenn du nur eine einzige ablegst, leg die letzte ab — sie kostet am meisten.

Und eine Beicht-Regel gilt: Wer sich in einer Sünde erkennt, hat sie damit halb abgelegt. Die sieben leben nämlich davon, dass niemand sie beim Namen nennt.
Also: Kerzen an. Wir fangen bei der häufigsten an.
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Die Erklärung am Ende — du folterst deinen eigenen Text
Das Geständnis: Dein Text hat ein starkes Bild gebaut, eine Geschichte erzählt, einen Bogen gespannt. Und dann, in den letzten vier Zeilen, erklärst du, was das alles bedeutet hat.
„Und so verstand ich: Der Koffer war nie ein Koffer. Er war meine Angst.“
Der Saal hatte es längst verstanden. Alle hatten es verstanden.
Genau DASS alle es verstanden hatten, war die Magie.
Und dann kommst du mit dem Erklär-Hammer und schlägst die Magie tot — aus Angst, jemand könnte sie übersehen haben.
Ich habe den Moment einmal von außen gesehen, und er hat mir die Sünde für immer ausgetrieben.
Eine Slammerin erzählte von ihrem Vater, der jeden Sonntag das Auto wusch — auch bei Regen. Das Bild stand im Raum, der ganze Saal hatte Gänsehaut.
Man hörte förmlich, wie zweihundert Menschen gleichzeitig an ihre eigenen Väter dachten.
Dann sagte sie: „Das Auto war natürlich ein Symbol für seine Hilflosigkeit.“ Und du konntest ZUSEHEN, wie zweihundert Gänsehäute gleichzeitig verschwanden.
Der amerikanische Dichter Billy Collins hat über diese Sünde das vielleicht berühmteste Gedicht der Gegenwart geschrieben. Es heißt „Introduction to Poetry“, von 1988.
Darin wünscht er sich, seine Studenten würden ein Gedicht gegen das Licht halten, hineinspähen, drüber wasserskifahren. Stattdessen, schreibt er, wollen alle nur eines:

Genau das tust du deinem eigenen Text an, wenn du ihn am Ende erklärst: Du fesselst ihn an den Stuhl und folterst das Geständnis heraus — vor Publikum.
Collins hat übrigens einen ganzen TED-Vortrag darüber gehalten, wie Gedichte wirken, wenn man sie NICHT foltert — trocken, warm und sehr komisch:
Die Buße: Streich die letzten vier Zeilen deines Textes. Einfach mal probeweise — und lies ihn ohne sie laut.
In acht von zehn Fällen ist der Text jetzt stärker, weil er dem Saal wieder etwas zutraut. Und falls wirklich niemand mehr versteht, worum es ging: Dann fehlt die Klarheit im TEXT, nicht am Ende — das ist eine andere Baustelle, und sie heißt Warum dein Text nicht zündet.
Das beste Ende ist fast immer das Bild, das zwei Zeilen VOR deiner Erklärung stand. Hör dort auf — und lass den Saal den Rest des Weges allein gehen.
Er kann das. Dafür ist er gekommen.
Die selbstgerechteste
Die Moral mit Zeigefinger — dein Text wird zur Predigt
Das Geständnis: Dein Text hat eine Botschaft. Umwelt, Gerechtigkeit, Menschlichkeit — etwas, das dir wirklich wichtig ist.
Und irgendwo in der zweiten Hälfte kippt der Text. Er hört auf zu erzählen und fängt an zu belehren.
„Und WIR alle sollten uns fragen …“ „Denn was sagt das über unsere Gesellschaft?“ „Wacht endlich auf!“
Spürst du, was da passiert ist? Aus einem Erzähler wurde ein Lehrer.
Und der Saal wurde von Zuhörern zu Schülern degradiert — nachsitzen inklusive.
Auch diese Sünde haben wir gelernt, nicht erfunden. Dreizehn Jahre Schule, jede Erörterung endete mit einem Fazit, jede Interpretation mit einer Lehre.
Wer so trainiert wurde, glaubt irgendwann: Ein Text ohne Fazit ist unfertig. Dabei ist es genau umgekehrt — ein Text mit Fazit ist eine Erörterung.
Und für Erörterungen gibt es Noten, keinen Applaus.

Das Tragische: Die Moral ist ja richtig. Fast immer.
Genau das macht die Sünde so verführerisch — wer widerspricht schon der Gerechtigkeit?
Aber ein Saal ist kein Parlament. Er stimmt nicht über Botschaften ab — er fühlt Geschichten.
Wer die Botschaft OHNE Geschichte liefert, liefert Pappe ohne Paket.
Und die bittere Wahrheit aus tausend Slam-Abenden: Die Zeigefinger-Texte bekommen Applaus aus Zustimmung — und sind am nächsten Morgen vergessen. Die Geschichten-Texte bekommen Applaus aus Berührung — und werden nacherzählt.
Die Buße: Ersetze jede Zeigefinger-Zeile durch eine Szene, die dasselbe zeigt.
Statt „Wir schauen alle nur noch auf unsere Handys“: die Oma im Bus, die dreimal ansetzt, ihrem Enkel etwas zu erzählen — und dann aus dem Fenster schaut.
Die Szene predigt nicht. Sie tut etwas viel Mächtigeres: Sie lässt den Saal die Predigt selbst schreiben — im eigenen Kopf, mit eigener Handschrift.
Solche Urteile hält ein Mensch für immer.
Denn eine Meinung, die man dir gibt, ist geliehen. Eine Meinung, die in dir entsteht, gehört dir.
Nur die zweite nimmt jemand mit nach Hause. Und nur um die zweite geht es auf einer Bühne.
Die feuchteste
Die behauptete Träne — du sagst Gefühle, statt sie zu bauen
Das Geständnis: In deinem Text stehen Sätze wie „Ich war unendlich traurig“. „Der Schmerz war unerträglich.“
„Es brach mir das Herz.“
Lauter Gefühls-Etiketten. Und kein einziges Gefühl.
Denn ein behauptetes Gefühl ist wie ein beschriftetes, leeres Glas. Auf dem Etikett steht „Honig“ — aber der Saal wollte probieren, nicht lesen.
Wie man Gefühle stattdessen BAUT, haben wir bei den vier Diagnosen mit Tschechows Glasscherben-Mond durchgespielt. Hier die Beicht-Kurzform:
Trauer ist kein Wort. Trauer ist der zweite Kaffeebecher, den du morgens immer noch aus dem Schrank nimmst.
Wut ist kein Wort. Wut ist die Tür, die du so leise schließt, dass es lauter ist als jedes Knallen.
Hör dir den Unterschied an. Vorher: „Als sie ging, war ich unendlich traurig und fühlte mich verlassen.“
Nachher: „Als sie ging, habe ich noch zwei Wochen für zwei gekocht.“
Der erste Satz informiert. Der zweite tut weh.
Und wehtun ist — auf der Bühne — das höchste Kompliment.
Beide Sätze haben übrigens gleich viele Silben gekostet. Zeigen ist nicht teurer als behaupten — es ist nur mutiger.
Die Buße: Geh durch deinen Text und kreise jedes Gefühlswort ein — traurig, glücklich, wütend, verzweifelt, einsam.
Und dann ersetze jedes einzelne durch das BILD, das du gesehen hast, als es passierte. Du warst ja dabei.
Du weißt, wie es aussah.
Der Saal braucht nicht dein Etikett. Er braucht dein Glas — offen, mit Löffel.
Und keine Sorge, falls die Bilder erst mal banal wirken. Der kalte Kaffeebecher IST banal — bis er im Text steht und zweihundert Menschen schlucken müssen.
Große Gefühle wohnen in kleinen Bildern. Das ist keine Stilfrage — das ist die Bauweise des menschlichen Herzens.
Eine Botschaft im Zeigefinger reist wie ein Beipackzettel: Man weiß, man sollte ihn lesen, und überfliegt ihn doch nur. Eine Botschaft in einer Geschichte reist wie ein Ohrwurm: Man wird sie nicht mehr los.
Die größten moralischen Texte der Literatur predigen keine Sekunde. Sie zeigen einen Menschen in einer Lage — und die Moral entsteht im Leser, wo sie hingehört.
Deine Botschaft ist zu wichtig für den Zeigefinger. Genau DESHALB verdient sie eine Geschichte.
Die überladenste
Der Alles-Text — ein Gedicht, drei Themen, null Ankunft
Das Geständnis: Dein Text handelt von deiner Kindheit. Und vom Klimawandel.
Und von Social Media. Und ganz am Ende noch kurz vom Tod.
Jedes Thema ist gut. Zusammen sind sie ein Umzugswagen, der auf eine Bühnenrampe will.

Warum passiert das? Aus Angst.
Der Auftritt fühlt sich an wie die eine große Chance — also muss ALLES rein, was du je sagen wolltest.
Aber fünf Minuten sind kein Lagerhaus. Sie sind ein Koffer.
Und in einen Koffer packt man für EINE Reise.
Der Saal kann pro Text genau eine Reise mitmachen. Gibst du ihm drei Ziele, steigt er nirgends aus — und kommt folglich nirgends an.
Im Saal erkennst du den Alles-Text an einem ganz bestimmten Geräusch: dem doppelten Applaus-Ansatz.
Das Publikum meint zweimal, der Text sei fertig — die Hände gehen schon hoch — und dann kommt noch ein Thema. Beim zweiten Fehlstart klatscht am Ende niemand mehr richtig.
Die Hände sind beleidigt.
Die Buße: Stell deinem Text die Koffer-Frage: Wenn dieser Text nur EIN Thema behalten dürfte — welches?
Die anderen Themen wirfst du nicht weg. Du packst sie aus — und jedes bekommt seinen eigenen Text.
Aus einem überladenen Karren werden drei fahrbare Züge. Dein Repertoire wird es dir danken.
Diese Buße ist übrigens die einzige der sieben, die sich wie ein Geschenk anfühlt: Du gehst mit einem Problem in die Beichte und kommst mit drei Textideen wieder raus.
Die geliehenste
Die geliehene Stimme — dein Text klingt nach allen, nur nicht nach dir
Das Geständnis: Du hast hundert Slam-Videos gesehen. Und dein Text weiß das.
Da ist dieser Rhythmus, der nicht deiner ist. Diese Ich-bin-zerbrechlich-aber-stark-Formel.
Diese Instagram-Poesie-Sätze, die klingen wie aus dem Baukasten: kurz, raunend, mit Doppelpunkt vor der Weisheit.
Nichts davon hast du gestohlen. Es ist dir passiert — wie ein Akzent, den man annimmt, wenn man lange genug woanders wohnt.
Und wie bei einem Akzent gilt: Du hörst ihn selbst als Letzter. Alle anderen hören ihn sofort.
Die gute Nachricht: Unter jedem Akzent liegt eine echte Stimme. Sie ist nie weg — sie wird nur übertönt.
Am Küchentisch, am Telefon, beim Fluchen spricht sie noch völlig unverstellt.
Warum die ganze Szene in diesen Akzent rutscht, haben wir bei den Problemen der Szene seziert. Hier geht es um deinen einzelnen Text — und für den gibt es einen einfachen Test.
Lies eine Strophe laut und frag: Würde ich diesen Satz JE am Küchentisch sagen? Nicht so ähnlich — genau so.
Wenn nein: Wessen Satz ist es dann? Meistens kennst du die Antwort.
Es ist der Satz eines Menschen, dessen Videos du liebst.
Die Buße: Erzähl den Inhalt des Textes einmal einem echten Menschen — beim Kaffee, ohne Manuskript. Nimm es auf.
In dieser Aufnahme steckt deine echte Stimme: dein Tempo, deine Wörter, dein Witz. Schreib den Text aus IHR neu — nicht aus der Erinnerung an hundert fremde Videos.
Die schmerzhafteste
Der Lieblingssatz, der nicht dient — dein Text arbeitet für eine Zeile
Das Geständnis: Es gibt diesen EINEN Satz in deinem Text. Du liebst ihn.
Er ist das Klügste, was du je formuliert hast.
Und der ganze Text verbiegt sich, damit dieser Satz irgendwo hinpasst. Die Geschichte macht einen Umweg, die Logik hinkt — aber der Satz glänzt.
Mein schlimmster Darling hieß: „Heimweh ist nur Fernweh, das den Rückweg kennt.“ Ich fand ihn genial.
Ich habe ihn in drei verschiedene Texte gezwungen. Er hat alle drei gesprengt — wie ein Gast, der auf jeder Feier eine Rede halten muss.
Heute wohnt er in meiner Lieblings-Datei. Da hält er Reden, so viel er will, und stört niemanden.
Für diese Sünde gibt es den berühmtesten Buß-Befehl der Schreibgeschichte. Er ist über hundert Jahre alt — und wird bis heute fast immer dem Falschen zugeschrieben.
Beachte die Feinheit: Quiller-Couch verbietet dir den schönen Satz nicht. Er sagt: Schreib ihn.
Genieß ihn. Von ganzem Herzen.
Und DANN prüf, ob er dem Text dient — oder ob der Text ihm dient. Nur im zweiten Fall wird gestrichen.

Die Buße: Leg dir eine Lieblings-Datei an. Jeder gemordete Darling kommt da hinein — kein Satz stirbt wirklich, er wartet nur.
Das nimmt dem Streichen den Schrecken. Und das Beste: Irgendwann kommt ein Text, dem genau dieser Satz DIENT.
Dann holst du ihn raus, und er glänzt doppelt — am richtigen Ort.
Woran du erkennst, ob ein Satz dient oder herrscht? Stell ihm die Kellner-Frage: Bringt er die Geschichte zum Tisch — oder lässt er sich von ihr bedienen?
Ein dienender Satz fällt kaum auf und trägt alles. Ein herrschender glänzt — und lässt alle anderen Sätze für sich schuften.
Die feigste
Die feige Pointe — du verrätst deinen ernsten Text in der letzten Zeile
Das Geständnis: Dein Text war vier Minuten lang mutig. Ehrlich, verletzlich, still.
Und in der letzten Zeile machst du einen Witz. „Aber hey — wenigstens hab ich jetzt Stoff für Slam-Texte!“
Der Saal lacht erleichtert. Und genau diese Erleichterung ist das Problem: Du hast allen — und vor allem dir — die Erlaubnis gegeben, das Gesagte nicht ernst zu nehmen.
Du kennst dieses Lachen. Es klingt anders als ein Pointen-Lacher — kürzer, flacher, mit einem hörbaren Ausatmen darin.
Es ist das Lachen von Menschen, die gerade aus etwas entlassen wurden, in dem sie eigentlich bleiben wollten.
Die feige Pointe ist ein Notausgang. Vier Minuten hast du eine Tür nach der anderen geöffnet — und in der letzten Sekunde rennst du durch den Hinterausgang und rufst: War nur Spaß!
Versteh mich nicht falsch: Humor in ernsten Texten ist großartig. Er öffnet, er atmet, er macht das Schwere tragbar.
Die Sünde ist nicht der Witz IM Text. Die Sünde ist der Witz ANSTELLE des Endes — der Gag als Schutzschild gegen die eigene Ehrlichkeit.
Die Buße: Schreib zwei Enden. Das mutige und das witzige.
Lies beide laut.
Wenn dir beim mutigen Ende der Hals eng wird — das ist es. Genau diese Enge spürt der Saal auch.
Sie heißt nicht Schwäche. Sie heißt Bedeutung.
Ich habe meine Jahressünde genau so abgelegt: ein Text, zwei Enden, einmal laut. Das mutige Ende hat mich beim Lesen fast umgebracht — und beim Vortragen den Saal.
Seitdem weiß ich: Der Fluchtwitz hat mich nie geschützt. Er hat mich nur kleiner gemacht als meine Texte.
Die Wendung
Warum es diese sieben Sünden überhaupt gibt — und was sie über dich verraten
Schau dir die sieben noch einmal an. Erklären, predigen, behaupten, überladen, leihen, verbiegen, wegwitzeln.
Sie haben alle denselben Kern: Angst. Angst, nicht verstanden zu werden.
Nicht wichtig genug zu sein. Nicht zu genügen.
Nicht gemocht zu werden, wenn man es ernst meint.
Deshalb ist die Absolution keine Floskel: Wer diese Sünden begeht, ist kein schlechter Schreiber. Er ist ein Schreiber, der noch nicht glaubt, dass sein Text allein reicht.
Und dieser Glaube kommt nicht durch Zureden. Er kommt durch Erfahrung: durch den einen Abend, an dem du ein Ende NICHT erklärst — und der Saal es trotzdem versteht.
Tiefer versteht, als deine Erklärung je gereicht hätte.
Was ein Text sein kann, wenn man ihm vertraut, hat Franz Kafka mit 20 Jahren in einen Brief geschrieben — den vielleicht berühmtesten Satz, der je über das Schreiben gesagt wurde:
Lies den Satz noch einmal — und dann leg ihn neben die sieben Sünden.
Eine Axt erklärt nicht. Eine Axt predigt nicht.
Eine Axt macht keinen Witz über sich selbst, kurz bevor sie trifft.
Sie ist einfach scharf, ehrlich — und sie vertraut ihrem Schlag. Alle sieben Bußen dieses Beitrags sind am Ende nur Schleifsteine dafür.
Deshalb bleiben in unserem Beichtstuhl auch alle sieben Kerzen an. Sie sind keine Anklage — sie sind Wegbeleuchtung.
Jede Kerze markiert eine Stelle, an der Schreibende seit Jahrhunderten stolpern. Collins stolperte, Kafka zweifelte, Quiller-Couch mordete — und alle schrieben weiter.
Du bist mit deinen Sünden also in der besten Gesellschaft der Literaturgeschichte. Der einzige Unterschied zwischen dir und den Großen: Die haben irgendwann aufgehört, ihren Texten zu misstrauen.
Und wie klingt ein Text, der keine der sieben Sünden begeht? Hör dir Torsten Sträters „Klassenpflegschaft“ an — live in der Elbphilharmonie:
Achte darauf, was NICHT passiert: keine Erklärung, kein Zeigefinger, kein behauptetes Gefühl. Nur eine Geschichte, erzählt mit vollem Vertrauen — und der Saal geht jeden Schritt mit.
Und wenn es ernst wird, bleibt es ernst. Kein Fluchtwitz, keine Entschärfung — der Saal darf die ganze Fallhöhe spüren.
Genau dafür liebt er ihn.
Der Beicht-Spiegel — sieben Fragen an jeden fertigen Text
II. Gibt es eine Wir-sollten-alle-Zeile? → Durch eine Szene ersetzen, die dasselbe zeigt.
III. Stehen Gefühlswörter im Text (traurig, wütend, einsam)? → Jedes durch das Bild ersetzen, das du gesehen hast.
IV. Trägt der Text mehr als ein Thema? → Koffer-Frage stellen, Rest auspacken und eigene Texte daraus machen.
V. Würdest du jeden Satz so am Küchentisch sagen? → Fremde Sätze durch deine ersetzen (Kaffee-Aufnahme).
VI. Verbiegt sich die Geschichte für einen Lieblingssatz? → Morde den Darling, leg ihn in die Lieblings-Datei.
VII. Rettet dich die letzte Zeile mit einem Witz vor deiner eigenen Ehrlichkeit? → Schreib das mutige Ende. Lies beide. Spür den Hals.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Möglich. Manche Meister brechen Regeln mit Absicht und Fallnetz — das ist ihr gutes Recht und jahrelang verdient. Aber prüf genau: Meistens gewinnt nicht der Zeigefinger, sondern die Geschichte drumherum. Und was beim hundertsten Auftritt trägt, bricht beim fünften zusammen.
Darf ein Text wirklich NIE erklären?
Doch — mitten im Text, als Stilmittel, mit Ironie oder Tempo. Die Todsünde ist nur die Erklärung ALS ENDE: der Moment, wo du dem Saal das Urteil abnimmst, das er sich gerade selbst bilden wollte. Das Ende gehört dem Bild, nicht der Auslegung.
Ich habe alle sieben in einem einzigen Text gefunden. Neu anfangen?
Glückwunsch zur gründlichsten Beichte des Tages — und nein. Nimm die Bußen in der Reihenfolge I, III, VII: Ende streichen, Gefühlswörter ersetzen, mutiges Ende schreiben. Diese drei heben einen Text um Klassen, die anderen vier sind danach oft von allein verschwunden.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Dein Auftrag für diese Woche ist eine echte Beichte — nur ohne Kirche und ohne Zeugen.
Nimm deinen aktuellen Text und den Beicht-Spiegel. Geh alle sieben Fragen durch, ehrlich, mit Stift.
Du wirst mindestens eine Sünde finden. Die meisten von uns finden zwei oder drei — ich finde bis heute welche, in jedem einzelnen Text.
Das ist kein Grund zur Scham. Das ist der Beweis, dass du ehrlich hingeschaut hast — die halbe Absolution, du erinnerst dich.
Dann tu EINE Buße. Nur eine, aber richtig — mit Stift, mit Streichung, mit lautem Gegenlesen.
Warum nur eine? Weil sieben Bußen auf einmal keinen besseren Text ergeben, sondern gar keinen.
Beichten ist wie Überarbeiten: ein Gang nach dem anderen.
Und dann lies den Text noch einmal laut. Du wirst hören, wie er sich streckt — wie einer, dem man eine Last vom Rücken genommen hat.
Denn genau das waren die Sünden die ganze Zeit: Lasten. Keine Fehler im Text — Gepäck auf dem Text.
Und noch etwas gehört zur Beichte: Sie ist keine einmalige Sache. Die sieben Sünden kommen wieder — in jedem neuen Text, leiser, verkleideter.
Deshalb gehört der Beicht-Spiegel neben deinen Schreibtisch. Nicht als Drohung — als Werkzeug, wie ein Zollstock neben der Werkbank.
Das ist die ganze Absolution: Der Text war nie das Problem. Er hat nur darauf gewartet, dass du ihm endlich vertraust.

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