Open Mic: Der Einstieg, bei dem dich niemand bewertet
Ein Slam misst dich.
Ein Open Mic lässt dich üben.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied und ist der größte, den es zwischen zwei Bühnenformaten gibt.
Denn sobald jemand Punkte vergibt, schreibst du anders.
Du gehst auf Wirkung, du sicherst ab, du nimmst das Risiko raus.
Auf einer Bühne ohne Wertung fällt das alles weg.
Und übrig bleibt der Text.
Fangen wir mit der Abgrenzung an, weil dieselben Wörter für verschiedene Dinge verwendet werden.
Eine offene Liste beim Poetry Slam ist ein Startplatz in einem Wettbewerb.
Du trägst dich ein, du liest.
Und danach hältst jemand eine Zahl hoch.
Ein Open Mic ist etwas anderes: eine Bühne ohne Wettbewerb, auf der oft alles vorkommt — Musik, Comedy, Text, manchmal Zauberei.
Beides ist zwar nützlich, allerdings braucht beides andere Texte.
Dieser Beitrag handelt vom zweiten Format und davon, wofür man es tatsächlich benutzen sollte.
/ Der Mann, der den Soloabend erfunden hat
Bis ins neunzehnte Jahrhundert war ein Konzertabend ein Gemischtwarenladen.
Mehrere Künstler, Orchesterstücke, Gesang, dazwischen ein Solo.
Franz Liszt brach damit. Ab 1839 bestritt er ganze Abende allein am Klavier.
Sein Satz dazu lautete: Das Konzert bin ich.
Er spielte außerdem auswendig, was damals als unerhört galt. Ohne Noten hatten vor ihm nur Straßenmusiker gespielt.
Ein Open Mic ist das Gegenteil davon und trotzdem verwandt.
Viele Leute, kurze Auftritte, kein Star. Aber jeder hat für seine fünf Minuten die Bühne ganz für sich.
/ Was in diesem Beitrag steht
Wie ein Open Mic abläuft, wie du einen Platz bekommst und was du dort trainieren kannst.
Also welche fünf Dinge man nur auf einer Bühne ohne Wertung üben kann und wie du dich in einer gemischten Besetzung benimmst.
Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, warum Auftreten mehr bringt als Üben, und eine darüber, was eine Belohnung mit der Lust an einer Sache macht.
Außerdem ein Trainingsblatt für einen ganzen Abend.
Zum Mitmachen gibt es fünf Einheiten, sieben Spots und drei deutsche Videos.
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Jetzt Kanal folgenWie ein Open Mic abläuft
Die Formate heißen zwar unterschiedlich und funktionieren fast überall gleich.
/ Der übliche Ablauf beim Open Mic
Zunächst teilen sich an einem Abend meist zehn bis zwölf Auftretende die Bühne.
Außerdem hat jeder ungefähr fünf bis sieben Minuten, manchmal acht.
Drittens gibt es eine Person, die das Ganze zusammenhält, in der Szene Host oder Moderation genannt.
Und schließlich läuft die Anmeldung über genau diese Person, meistens vorher und nicht spontan vor Ort.
/ Wie du beim Open Mic einen Platz bekommst
Zunächst einmal in vielen Fällen über soziale Netzwerke.
Dort wird ein Abend angekündigt, und wer mitmachen will, kommentiert mit einem einzigen Wort: Spot.
Die ersten zehn bis zwölf kommen auf die Liste.
Und weil regelmäßig Leute abspringen, lohnt es sich, kurz vorher noch einmal nachzusehen oder einfach vorbeizuschauen.
Die zweite Zeile hat praktische Folgen, die viele unterschätzen.
Auf einer gemischten Bühne sitzt du zwischen einer Singer-Songwriterin und jemandem mit Kartentricks.
Ein reiner Wortbeitrag hat es dort schwerer, weil das Publikum oft wegen der Musik gekommen ist.
Das ist kein Grund wegzubleiben, sondern einer, es vorher zu wissen.
Auflösung
Der Griff: geh mit einer Frage hin, nicht mit einem Ziel
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt eine Haltung, die aus einem Abend eine Trainingseinheit macht.
Also etwa: Trägt der Anfang? Funktioniert die Stelle in der Mitte? Kann ich das langsamer sprechen, ohne dass es zerfällt?
Denn ohne Wertung gibt es kein Ergebnis, das dir etwas sagt. Die Frage ist dein Ersatz dafür, und sie ist besser als jede Punktzahl.
Das war es.
Also eine Frage pro Abend.
/ Warum das ohne Wertung nötig ist
Auf einem Slam bekommst du nämlich am Ende eine Zahl.
Sie sagt wenig.
Aber sie sagt irgendetwas, und daran kann man sich festhalten.
Auf einem Open Mic bekommst du Applaus.
Und der ist bei allen ungefähr gleich.
Ohne eigene Frage nimmst du deshalb nichts mit außer der Erinnerung, dass es okay war.
/ Wie du auf der Bühne die Antwort bekommst
Zunächst, indem du die Stelle beim Sprechen selbst beobachtest.
Außerdem, indem du auf Geräusche achtest statt auf Lachen: Gläser, Gespräche, Stühle.
Wenn es an einer Stelle still wird, hast du sie.
Drittens, indem du eine Person im Publikum bittest, genau darauf zu achten.
Und schließlich, indem du hinterher aufschreibst, was du gemerkt hast.
Und zwar noch am selben Abend.
Der Puls ist oben, die Zeit vergeht anders, und hinterher weißt du nicht mehr genau, was du gesagt hast.
Eine einzige Frage überlebt diesen Zustand. Eine Liste mit sieben Beobachtungspunkten nicht.
Fünf Einheiten, die es nur hier gibt
Jetzt wird es konkret.
Nämlich fünf Dinge, die man auf einer Bühne mit Wertung kaum üben kann.
Bei jeder steht das Ziel, wie es abläuft und warum es wirkt.
/ Die zwei Einheiten für Fortgeschrittene
Warum Auftreten mehr bringt als Üben
Es gibt einen Grund, warum zehn Auftritte mehr bringen als hundert Durchläufe zu Hause.
Henry Roediger und Jeffrey Karpicke haben ihn 2006 in Psychological Science sauber gezeigt.
Ihr Aufsatz heißt Test-Enhanced Learning, also etwa: Lernen durch Abrufen.
/ Wie der Versuch zum Abrufen ablief
Zunächst lasen Studierende Sachtexte.
Danach durfte eine Gruppe den Text noch einmal lesen, die andere musste abrufen, was sie behalten hatte.
Und zwar ohne jede Rückmeldung.
Beide Gruppen verbrachten dieselbe Zeit mit dem Stoff.
Geprüft wurde dann nach fünf Minuten, nach zwei Tagen und nach einer Woche.
/ Was der Belohnungsversuch ergab
/ Was der Abruf-Versuch ergab
Nach fünf Minuten war das Wiederholen besser.
Nach zwei Tagen und nach einer Woche war das Abrufen deutlich besser.
Und der Abstand war deutlich.
Der interessanteste Befund steht allerdings in einem Nebensatz.
Die Gruppe, die nur wiederholt hatte, war sich sicherer, den Stoff zu können.
Sie fühlte sich also besser vorbereitet und war es nicht.
/ Was das für offene Bühnen bedeutet
Zunächst: Ein Auftritt ist kein Test deines Könnens.
Sondern die Übung selbst.
Deshalb lohnt es sich, früher aufzutreten als man sich bereit fühlt.
Denn einen Text vor Leuten abzurufen ist genau die Handlung, die im Versuch besser gewirkt hat als Wiederholen.
Außerdem erklärt es, warum sich das Vorbereiten so gut anfühlt und warum man trotzdem beim dritten Auftritt viel weiter ist als nach drei Wochen Proben.
Und schließlich spricht es für Menge: Zehn kleine Abende schlagen einen großen, auf den du dich lange vorbereitest.
/ Der ehrliche Haken, und er ist deutlich
Zunächst ging es um Sachtexte und Erinnerungstests, nicht um Auftritte.
Außerdem waren es Studierende in einem Labor.
Drittens galt kurzfristig das Gegenteil: Nach fünf Minuten war Wiederholen besser.
Wer morgen auftritt, sollte also durchaus noch einmal durchgehen.
Und schließlich ist die Übertragung meine.
Immerhin ist sie ungewöhnlich nah: Einen Text auf einer Bühne zu sprechen ist buchstäblich Abrufen unter Bedingungen, die dem späteren Ernstfall entsprechen.
Was eine Wertung mit deiner Lust macht
Jetzt zu der Frage, warum das Fehlen einer Jury kein Mangel ist.
Mark Lepper, David Greene und Richard Nisbett veröffentlichten 1973 im Journal of Personality and Social Psychology einen Feldversuch.
Er ist als Überrechtfertigungseffekt bekannt geworden.
/ Wie der Versuch ablief
Beobachtet wurden Kinder im Vorschulalter, die von sich aus gern malten.
Diese Kinder wurden in drei Gruppen geteilt.
Die erste malte, um dafür eine angekündigte Belohnung zu bekommen.
Die zweite bekam eine Belohnung, ohne vorher davon zu wissen.
Die dritte bekam keine.
Danach wurde beobachtet, wie viel die Kinder von selbst weitermalten.
/ Was dabei herauskam
Zunächst malte die Gruppe mit der angekündigten Belohnung danach weniger.
Die anderen beiden Gruppen nicht.
Entscheidend ist also nicht die Belohnung an sich.
Sondern die Erwartung.
Wer etwas tut, um etwas dafür zu bekommen, tut es danach seltener freiwillig.
/ Was das für deine Bühnenwahl bedeutet
Zunächst ist eine Bühne ohne Wertung kein abgespeckter Slam.
Vielmehr ist sie ein anderer Versuchsaufbau mit einem anderen Zweck.
Denn genau die fehlende Aussicht auf Punkte lässt dich anders schreiben und anders auftreten.
Außerdem erklärt es die Beobachtung, die viele nach ein paar Slam-Jahren machen: Man schreibt irgendwann für die Wertung und merkt es nicht.
Und schließlich ist der Befund kein Argument gegen Wettbewerbe.
Er ist ein Argument dafür, nicht nur Wettbewerbe zu spielen.
| Verbreitete Annahme | Was der Versuch nahelegt | Was du daraus machst |
|---|---|---|
| Ohne Wertung fehlt der Ansporn. | Erwartete Belohnung senkt die Lust. | Bühnen ohne Punkte einplanen. |
| Applaus ist auch eine Wertung. | Unerwartetes wirkte nicht so. | Applaus ist unproblematisch. |
| Wettbewerb macht besser. | Er verändert, was du baust. | Beides mischen. |
| Ich schreibe unabhängig davon. | Merkt man selten selbst. | Gelegentlich ohne Wertung prüfen. |
| Preisgeld motiviert. | Angekündigt eher nicht. | Nicht danach auswählen. |
Die zweite Zeile ist die tröstlichste.
Denn Applaus kommt nach dem Auftritt und nicht als Versprechen davor.
Nach diesem Befund ist er also unbedenklich, während eine angekündigte Punktzahl etwas verschiebt.
/ Der ehrliche Haken, und er ist umfangreich
Zunächst ging es um Vorschulkinder und ums Malen.
Außerdem um eine materielle Belohnung und nicht um Punkte von einer Publikumsjury.
Drittens ist die Forschungslage seit fünfzig Jahren umstritten.
Eine Auswertung von 1994 hielt den Effekt für eng begrenzt, eine andere von 1999 für gut belegt, jedenfalls bei angekündigten materiellen Belohnungen.
Und schließlich ist eine Slam-Wertung etwas anderes als Geld.
Der Sprung vom Malstift zum Mikrofon ist meiner und nicht ihrer.
Ein Abend, aufgeteilt
Damit du weißt, wie so ein Abend aussieht, hier der ganze Ablauf.
Sechs Teile, von der Anmeldung bis zum Heimweg.
/ Warum Zuhören beim Open Mic so viel bringt
Auf einem Slam sitzt man vor dem eigenen Auftritt oft draußen.
Auf einem Open Mic ist das schlechter Stil und außerdem dumm.
Denn du siehst dort, worauf dieses Publikum reagiert.
Und zwar an acht Beispielen vor dir.
Und du merkst, ob dein geplanter Text in den Abend passt oder ob du besser einen anderen nimmst.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Die Etikette gemischter Bühnen
Auf einer reinen Slam-Bühne kennst du zwar die Regeln.
Auf einer gemischten Bühne gelten allerdings andere.
/ Was Musiker beim Open Mic von dir erwarten
Zunächst, dass du deine Zeit einhältst.
Wer überzieht, nimmt sie jemandem weg.
Außerdem, dass du dich nicht an ihrer Technik bedienst.
Frag, bevor du ein Mikrofon umstellst.
Drittens, dass du beim Umbau nicht redest.
Zwischen zwei Acts wird gestöpselt.
Und das dauert.
Und schließlich, dass du zuhörst.
Wer nur für den eigenen Auftritt kommt, fällt auf gemischten Bühnen sofort auf.
/ Was du von der Bühne erwarten kannst
Zunächst meistens ein Mikrofon und eine Anlage, oft nicht viel mehr.
Außerdem selten Licht, das dich anstrahlt.
Rechne mit hellem Raum.
Drittens keine Gage.
Manchmal ein Getränk, manchmal auch das nicht.
Und schließlich einen Host, der dich ankündigt und im Zweifel abbricht, wenn du überziehst.
Das ist sein Job und nicht persönlich gemeint.
/ Formate, die dem Open Mic ähneln
Neben dem klassischen Open Mic gibt es Kunst gegen Bares, kurz KgB.
Dort treten meist acht Leute auf, jeder bekommt ein Sparschwein.
Und das Publikum verteilt am Ende Geld statt Punkte.
Wer am meisten sammelt, gewinnt den Abend.
Es ist also doch ein Wettbewerb, nur mit anderer Währung.
Und dort gilt eine Beobachtung, die viele überrascht: Musik, Zauberei und Artistik werden oft höher bewertet als reine Wortbeiträge.
Für den Einstieg ist eine reine Textbühne deshalb meistens freundlicher.
Nach dem Befund aus Einheit 19 ist das genau die Anordnung, die verändert, wie du an die Sache herangehst.
Das macht das Format nicht schlecht, es macht es nur ungeeignet für das, wofür ein Open Mic gut ist: ausprobieren, ohne dass etwas davon abhängt.
Wenn es bei dir keine gibt
Ein Open Mic zu veranstalten ist übrigens einfacher als jedes andere Format.
/ Was du für ein eigenes Open Mic brauchst
Zunächst einen Raum mit einer Ecke, in der man stehen kann.
Außerdem ein Mikrofon und eine kleine Anlage, wenn der Raum größer als dreißig Leute ist.
Drittens eine Person, die moderiert und auf die Zeit achtet.
Und schließlich einen festen Termin, weil sonst niemand hinfindet.
/ Was du regeln musst
Zunächst die Länge pro Beitrag.
Und zwar streng.
Außerdem, wie man sich anmeldet und wie viele Plätze es gibt.
Drittens, ob Musik erlaubt ist.
Eine reine Textbühne ist ein anderes Publikum als eine gemischte, und beides ist gut.
Und schließlich, was passiert, wenn jemand etwas liest, das im Raum verletzend ist.
Das vorher zu klären ist unangenehm und hinterher deutlich unangenehmer.
Bei einem Open Mic ohne Eintritt und ohne Gage ist die Lage meistens übersichtlich. Sobald du Eintritt nimmst, Gagen zahlst oder fremde Musikstücke aufführen lässt, kommen Fragen zu Abgaben und Verwertungsgesellschaften dazu.
Klär das mit dem Veranstaltungsort, bevor du anfängst. Die meisten Kneipen wissen, wie es geht.
Zehn Fehler auf offenen Bühnen
Fünf davor, fünf im Raum.
Fünf Fehler davor
Fehler 1: Ohne Frage hingehen
Fehler 2: Spontan auftauchen
Fehler 3: Den Slam-Text mitnehmen
Fehler 4: Die Bühne falsch wählen
Fehler 5: Zu lange planen
Denn ein Open Mic ist kein Auftritt, sondern eine Trainingseinheit.
Fünf Fehler im Raum
Fehler 6: Überziehen
Fehler 7: Erst zum eigenen Auftritt kommen
Fehler 8: Sich für den Text entschuldigen
Fehler 9: Gegen den Raum ankämpfen
Fehler 10: Sofort gehen
Sechs Schritte für zwei Monate
Das reicht, um aus einzelnen Auftritten ein Training zu machen.
Drei Schritte zum Anfang
Schritt 1 – Zwei Bühnen finden
Schritt 2 – Einmal zusehen
Schritt 3 – Einen Spot sichern
Drei Schritte zum Training
Schritt 4 – Vier Termine eintragen
Schritt 5 – Pro Abend eine Frage
Schritt 6 – Denselben Text zweimal lesen
Denn Schritt sechs ist die einzige Möglichkeit, ohne Wertung trotzdem etwas zu messen.
Die Abnahme
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Der Abend, an dem niemand zugehört hat
Ich war auf einer gemischten offenen Bühne in einer Kneipe, zwischen zwei Gitarristen.
Der Raum war voll.
Und es wurde durchgehend geredet.
Ich habe meinen besten Text gelesen und ungefähr die Hälfte meiner eigenen Worte nicht gehört.
/ Was ich gemerkt habe
Zunächst wurde es an genau zwei Stellen kurz leiser.
Beide Male war es nicht bei einer Pointe.
Sondern bei einem konkreten Detail.
Einmal ging es um einen Fahrkartenautomaten, einmal um die Farbe einer Jacke.
Der Rest, auf den ich stolz war, ging vollständig im Geräusch unter.
/ Was ich daraus gemacht habe
Seitdem messe ich Texte nicht mehr an Lachern.
Sondern an Stille.
Und ich achte darauf, wo genau ein Text konkret wird, weil das offenbar die Stellen sind, an denen jemand aufhört zu reden.
Auf einem Slam hätte ich das nie herausgefunden.
Dort ist es immer still.
Und die Wertung hätte mir am Ende eine Zahl gegeben statt einer Beobachtung.
„Ein Abend, an dem niemand zugehört hat, hat mir gezeigt, an welchen zwei Stellen mein Text tatsächlich funktioniert. Bei perfekter Stille hätte ich das nicht sehen können.“Meine Notiz danach — und der Grund für Einheit vier
/ Wie ich offene Bühnen heute nutze
Inzwischen gehe ich zweimal im Jahr bewusst auf eine schwierige Bühne.
Also eine, auf der geredet wird, weil dort sichtbar wird, was ohne Aufmerksamkeitsvorschuss trägt.
Das ist unangenehm und es dauert einen Abend.
Und es sagt mehr über einen Text als zehn wohlwollende Auftritte.
Was Bühnenzeit nicht ersetzt
Zehn Abende auf offenen Bühnen machen dich immerhin sicherer.
Ob deine Texte besser werden, entscheiden sie nicht.
/ Warum beides zusammengehört
Nach Einheit 15 lernst du zwar durch Auftreten mehr als durch Wiederholen.
Aber Auftreten allein liefert dir nur Beobachtungen.
Was du mit einer Beobachtung machst, ist Handwerk.
Und das übt man nicht auf einer Bühne.
Sondern am Schreibtisch.
Kurz gesagt: Die Bühne stellt die Diagnose.
Die Behandlung machst du selbst.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Werkzeuge für das, was du auf offenen Bühnen über deine Texte herausfindest.
Den ersten Spot bekommst du in einer Woche. Was du damit anfängst, baust du dein Leben lang.
Eine Frage pro Abend. Kein lauter Schluss. Und niemals überziehen.
Übrigens habe ich nie wieder erlebt, dass ein Abend so nutzlos war, wie er sich angefühlt hat.
Auch der schlechteste hatte zwei Stellen, an denen es kurz still wurde.
Man muss nur hinhören statt hinzuhoffen.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
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