Ein Ankermanöver · Präsenz
Eine felsenfeste Präsenz während deines Poetry-Slams

Donnerstag, 21:12 Uhr, Slam im alten Hafenbahnhof.
Tjade, 23, steht am Mikro und spricht ihren Text.
Ihr Körper steht auf der Bühne, aber ihre Präsenz treibt irgendwo draußen im Hafenbecken.
Während sie die erste Strophe spricht, denkt sie schon an die dritte.
Während sie die dritte spricht, schaut sie zur Jury.
Und während die Pointe kommt, überlegt sie, ob ihr Handy in der Jackentasche vibriert hat.
Die Pointe kommt trotzdem an.
Aber sie klingt wie eine Postkarte aus einem Urlaub, bei dem niemand dabei war.
Nach der Show steht Tjade draußen an der Kaimauer.
Neben ihr lehnt Okka, 64, die Hafenmeisterin, die im Büro nebenan die Fähren abfertigt und jeden Donnerstag hinten an der Tür zuhört.
„Du warst gar nicht da“, sagt Okka.
„Dein Anker ist die ganze Zeit gerutscht.“
Tjade und Okka gibt es so nicht. Aber das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und gleichzeitig ganz woanders zu sein, kennen sehr viele, die auftreten.
Kennst du das?
Du sprichst deinen Text, und dein Kopf ist drei Zeilen weiter.
Oder zwei Stunden zurück, beim Streit am Nachmittag.
Oder in der Zukunft, bei der Wertung.
Nur im Moment ist er nicht.
Das Publikum merkt das.
Nicht immer bewusst, aber zuverlässig.
Wer nicht wirklich da ist, wird auch nicht wirklich gehört.
Präsenz heißt nicht, laut zu sein oder groß zu wirken.
Präsenz heißt, dass du anwesend bist, mit Körper, Blick und Aufmerksamkeit.
Und das Gute daran: Das lässt sich üben, Handgriff für Handgriff, wie ein Ankermanöver.
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Jetzt Kanal folgenPräsenz heißt: vor Anker liegen, nicht festgeschraubt sein
Schwojkreis · beweglich, aber gehalten
Du drehst dich mit dem Raum. Du treibst nicht ab.
Okka zeigt auf ein Frachtschiff, das draußen auf Reede liegt.
„Siehst du, wie es sich dreht?“, fragt sie.
„Das nennt man schwojen.“
Ein Schiff vor Anker steht nicht still.
Es dreht sich mit Wind und Strömung um seinen Anker, in einem Kreis, dem Schwojkreis.
Aber es treibt nicht weg.
Genau das ist Präsenz auf der Bühne.
Nicht felsenfest im Sinne von starr.
Wer dasteht wie festgeschraubt, wirkt nicht präsent, sondern erstarrt.
Präsent bist du, wenn du dich mit dem Raum bewegen kannst, mit dem Lachen, mit der Stille, mit dem Handy in Reihe vier – und trotzdem bei dir bleibst.
Hier kommt übrigens eine kleine Ironie.
Seeleute wissen, dass ausgerechnet felsiger Grund einen Anker schlecht hält.
Er findet dort kaum Halt, weil er sich nicht eingraben kann.
Sand und Schlick halten viel besser.
Präsenz braucht also einen Grund, der nachgibt und trotzdem trägt.
Manöverplan · Ankern auf der Bühne
Haltung: Füße, Knie, Kopf
umschalten, wenn dein Name fällt
einmal lang ausatmen
erster Satz, langsam, zu einem Menschen
prüfen: Wo bin ich gerade?
stehen bleiben, nicken, gehen
Okka ist früher selbst auf Frachtern gefahren, bevor sie Hafenmeisterin wurde.
„Ein Ankermanöver hat eine Reihenfolge“, sagt sie.
„Wer die durcheinanderbringt, liegt nachts wach.“
Für die Bühne gilt dieselbe Reihenfolge.
Sechs Handgriffe, vom Platz bis zum Abgang.
Du musst nicht alle gleichzeitig beherrschen.
Aber du solltest wissen, welcher gerade dran ist.
Ankerplatz und Ankergrund: Haltung und Material
Der erste Handgriff passiert, bevor du ein Wort sagst.
Du suchst dir deinen Platz, und zwar bewusst.
Beide Füße stehen hüftbreit, das Gewicht verteilt sich auf beide Beine.
Die Knie sind locker, nicht durchgedrückt.
Der Kopf sitzt oben auf der Wirbelsäule, als würde ihn ein Faden sanft nach oben ziehen.
Mehr braucht es nicht.
Denn deine Haltung spricht, bevor du sprichst.
Das Publikum liest in den ersten Sekunden, ob du angekommen bist oder schon auf der Flucht.
Aber ein guter Ankerplatz reicht nicht, wenn der Grund nichts taugt.
Ankergrund · worin sich deine Präsenz eingräbt
| Grund | Anker | Auf der Bühne |
|---|---|---|
| Sand | hält gut | Erlebtes, das du selbst gesehen hast |
| Schlick | hält gut | Gedanken, die dich wirklich beschäftigen |
| Fels | hält schlecht | Auswendiggelerntes ohne Bezug zu dir |
| Kraut | hält schlecht | fremder Stil, gespielte Gefühle |
Übertragen auf deinen Text heißt das: Präsenz braucht Material, das dir gehört.
Einen Satz über etwas, das du selbst gesehen, erlebt oder gedacht hast, kannst du in jedem Moment neu meinen.
Einen geliehenen Satz kannst du nur aufsagen.
Dein Rhythmus, deine Melodie, deine Art zu betonen – das ist der Sand, in den sich dein Anker eingräbt.
Wer andere nachahmt, ankert im Kraut.
Deshalb wirken Menschen auf der Bühne dann am präsentesten, wenn sie über etwas sprechen, das sie wirklich angeht.
Nicht, weil sie besser spielen.
Sondern weil sie gar nicht spielen müssen.
Also merke: Präsenz beginnt am Schreibtisch.
Konkrete Übungen im Stand findest du in Bühnenpräsenz Übungen, mehr zur Haltung in Wie du stehst, bevor du sprichst.
Anker fallen lassen: der Schalter ins Jetzt
„Fallen Anker!“, so heißt das Kommando an Bord.
Auf der Bühne ist der Moment, in dem dein Name fällt, genau dieses Kommando.
Bis dahin durfte dein Kopf überall sein.
Beim Streit vom Nachmittag, bei der Mail vom Chef, bei der Frage, ob der Text gut genug ist.
Ab jetzt nicht mehr.
Viele, die lange auftreten, beschreiben so einen inneren Schalter.
Der Name fällt, und etwas klickt um.
Was vorher war, ist egal, was danach kommt, auch.
Es gibt nur noch diesen Raum und diesen Text.
Dieser Schalter ist kein Talent.
Er ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten kannst du bauen.
Kommando „Fallen Anker!“ · dein Umschalt-Ritual
Immer gleich, immer in dieser Reihenfolge. Mit der Zeit wird daraus ein Signal.
Wichtig: Deine Nervosität musst du dafür nicht loswerden.
Aufregung ist Energie.
Du kannst sie in den Raum lenken statt in dein Gedankenkarussell.
Hör dir das Gespräch an und achte darauf, an welcher Stelle Nervosität nicht als Gegner, sondern als Treibstoff beschrieben wird.
Dann überleg dir, was dein Ankerwort sein könnte.
Kette stecken und einfahren: Atem und erster Satz
Kette stecken · fünf Glieder bis zum Halt
Glied 1 · lang ausatmen
Glied 2 · der Einatem kommt von allein
Glied 3 · eine kurze Pause
Glied 4 · Blick zu einem einzigen Menschen
Glied 5 · erster Satz, langsamer als alle anderen
Ein Anker hält nicht, wenn die Kette zu kurz ist.
Er braucht ein Vielfaches der Wassertiefe an Kette, damit er flach am Grund zieht und sich eingraben kann.
Deine Kette ist der Atem.
Wer mit angehaltenem Atem anfängt, hängt am kurzen Stück.
Jeder Satz reißt dann am Anker, statt ihn einzugraben.
Deshalb atmest du vor dem ersten Wort einmal lang aus.
Der Einatem kommt von allein.
Dann folgt, was Seeleute das Einfahren nennen.
Sie fahren kurz rückwärts, damit sich der Anker richtig in den Grund zieht.
Erst danach wissen sie, dass er hält.
Dein Einfahren ist der erste Satz.
Sprich ihn langsamer als alle anderen, und zwar zu einem einzigen Menschen im Saal.
Wenn er ankommt, merkst du es sofort: Der Raum wird ein bisschen ruhiger, und du auch.
Ab da hält der Anker.
Ankerwache: Wenn der Anker rutscht
Anker rutscht · Anzeichen und Gegenmaßnahme
| Du bist in Gedanken schon bei der nächsten Zeile. | → Zurück zum Satz, den du gerade sagst. |
| Du schaust auf die Jury statt auf die Menschen. | → Blick auf ein freundliches Gesicht in der Mitte. |
| Du wirst schneller und schneller. | → Nach dem nächsten Punkt eine Sekunde stehen bleiben. |
| Du hörst dich selbst reden wie von außen. | → Aufmerksamkeit nach außen: Was siehst du gerade? |
| Ein Geräusch reißt dich raus. | → Kurz wahrnehmen, vielleicht aufgreifen, dann weiter. |
| Du spielst ein Gefühl, das gerade nicht da ist. | → Kleiner werden, echter werden. |
Kein Anker hält immer.
Deshalb gibt es an Bord die Ankerwache: Jemand prüft regelmäßig, ob das Schiff noch da liegt, wo es liegen soll.
Auf der Bühne bist du deine eigene Ankerwache.
Nicht mit Panik, sondern mit einem kurzen, freundlichen Blick nach innen: Wo bin ich gerade?
Das Rutschen merkst du an kleinen Zeichen.
Du bist in Gedanken schon bei der nächsten Zeile.
Du hörst dich selbst reden, als säßest du im Publikum.
Du schaust auf die Jury statt auf die Menschen.
Das ist nicht schlimm.
Schlimm ist nur, es nicht zu bemerken.
Die Gegenmaßnahme ist fast immer dieselbe: zurück zu dem Satz, den du gerade sprichst, und zu einem Menschen, dem du ihn sagst.
Und dann ist da noch das Unerwartete.
Ein Glas fällt herunter.
Jemand lacht an der falschen Stelle.
Draußen hupt ein Schiff.
Wer präsent ist, nimmt so etwas wahr, statt es zu überspielen.
Manchmal reicht ein Blick, manchmal ein halber Satz, und der Saal ist wieder bei dir, sogar mehr als vorher.

Ankerball: Was das Publikum von deiner Präsenz sieht
Ankerball · Tagsignal
Ein schwarzer Ball im Vorschiff heißt: Dieses Schiff liegt vor Anker.
● Stille vor dem ersten Wort
● Hände, die nicht am Kabel nesteln
● ein Blick, der bei Menschen ankommt
● Gefühle, die echt sind statt groß
Ein Schiff vor Anker zeigt tagsüber einen schwarzen Ball, gut sichtbar im Vorschiff.
Er sagt allen: Hier liegt jemand fest, hier treibt nichts.
Auch deine Präsenz ist für andere sichtbar, lange bevor sie sie benennen könnten.
Sie sehen es an der Stille vor deinem ersten Wort.
An Händen, die nicht am Mikrokabel nesteln.
Vor allem aber sehen sie es an deinem Blick.
Wer wirklich da ist, schaut Menschen an, nicht über sie hinweg.
Wer wirklich da ist, fühlt, was er sagt, während er es sagt.
Das heißt nicht, dass du jede Zeile mit großen Gefühlen spielen musst.
Im Gegenteil.
Gespielte Gefühle sind Kraut auf dem Grund, und dort rutscht der Anker am schnellsten.
Ein kleines echtes Gefühl wirkt stärker als ein großes gespieltes.
Und wenn dich eine Zeile selbst berührt, darfst du das zeigen.
Das ist keine Schwäche.
Es ist der Moment, in dem das Publikum dir am nächsten ist.
Schau dir das Video an und achte auf eine einzige Frage: Welches Geheimnis hat mit Aufmerksamkeit zu tun und welches mit Wirkung?
Beides gehört zusammen, aber die Aufmerksamkeit kommt zuerst.
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Jetzt Kanal folgenUnd Tjade?
Zwei Wochen später, wieder Donnerstag, wieder Hafenbahnhof.
Als Tjades Name fällt, sagt sie innerlich ein einziges Wort: „hier“.
Sie geht zu ihrem Platz, spürt beide Füße und atmet einmal lang aus.
Dann schaut sie eine Frau in der zweiten Reihe an und sagt den ersten Satz nur für sie.
Mitten in der zweiten Strophe hupt draußen eine Fähre, laut und lange.
Früher hätte Tjade einfach schneller gesprochen.
Diesmal wartet sie, bis das Horn verklungen ist, dreht den Kopf zum Fenster und sagt: „Danke, Okka.“
Der Saal lacht, und hinten an der Tür lacht jemand besonders laut.
Dann spricht Tjade weiter, und der Saal ist bei ihr wie noch nie.
Nach der Show steht sie wieder an der Kaimauer.
Okka reicht ihr einen Becher Tee aus der Thermoskanne.
„Anker hat gehalten“, sagt sie.
„Beim Horn hast du geschwojt, genau richtig.“
„Und das Horn?“, fragt Tjade.
Okka zuckt mit den Schultern.
„Der Kapitän schuldete mir noch einen Gefallen.“
Logbuch der Hafenmeisterei · Donnerstag
Anker gefallen, Kette gesteckt
geschwojt, Anker hält
Anker gelichtet, ruhig
Bemerkung: Wache war nicht nötig. Gut, dass sie trotzdem da war. · O.
Also merke: Präsenz ist kein Zustand, den du einmal erreichst.
Sie ist ein Manöver, das du jeden Abend neu fährst.
Platz wählen, Anker fallen lassen, Kette geben, einfahren, Wache halten.
Und wenn der Anker rutscht, verzweifelst du nicht, sondern setzt ihn neu.
Felsenfest musst du dafür nicht sein.
Nur da.
