Eine Schießkladde · Körperspannung
Körperspannung: Der unsichtbare Muskel, der deinen Poetry Slam rettet

Körperspannung – das Wort hat Tarek vor drei Wochen zum ersten Mal gegoogelt.
Direkt nach seinem ersten Slam.
Sein Mitbewohner hatte den Auftritt gefilmt.
Auf dem Video sieht Tarek einen Menschen, der sich entschuldigt, dass er da ist.
Schultern bis zu den Ohren.
Die Füße ständig unterwegs.
Die Stimme dünn wie Draht.
Dabei war der Text gut.
Das haben ihm hinterher sogar zwei Leute gesagt.
Jetzt steht Tarek an einem Samstagmorgen auf einem Bogenplatz hinter dem Bahndamm.
Probetraining, weil seine Kollegin Heike dort Trainerin ist.
Sie drückt ihm einen Bogen in die Hand und schaut ihm drei Passen lang zu.
Dann sagt sie nur zwei Sätze.
„Du ziehst nicht voll aus.“
„Und du ankerst nicht.“
Hinter dem Damm rauscht die Regionalbahn vorbei.
Tarek und Heike gibt es so nicht. Aber das Video vom ersten Auftritt, auf dem der Körper etwas ganz anderes erzählt als der Text, kennen viele.
Kennst du das?
Du weißt, dass du etwas zu sagen hast.
Aber sobald du an die Bühne denkst, passiert etwas in deinem Körper.
Dein Magen zieht sich zusammen.
Deine Schultern wandern nach oben.
Dein Atem wird flach.
Und du denkst: Ich bin noch nicht so weit.
Dein Wunsch ist, gehört zu werden.
Nicht höflich beklatscht.
Wirklich gehört.
Dein Problem: Du hältst das für eine reine Frage des Textes.
Es ist genauso eine Frage des Körpers.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenKörperspannung: Warum dein Körper zuerst spricht
Schießkladde · Probetraining Tarek · Samstag, 10:15
Passe 1
Stand wackelt, die Füße wandern. Pfeile über die ganze Scheibe verteilt.
Passe 2
Zieht nur halb aus, lässt vor dem Anker los. Alles landet tief.
Passe 3
Nach dem Schuss sofort Kopf runter. Kein Nachhalten.
Notiz der Trainerin: Material gut. Schütze gut. Es fehlt Spannung. – H.
Das Publikum spürt deinen Körper, bevor es deine Worte versteht.
Das ist das Gemeine daran.
Dein Text kommt als Zweites an.
Dein Körper kommt als Erstes.
Du gehst zum Mikro, und noch bevor du den Mund aufmachst, hat der Saal eine Vermutung über dich.
Entweder: Da kommt jemand, der sich für die Störung entschuldigt.
Oder: Da kommt jemand, der etwas zu sagen hat.
Und hier kommt der Haken: Dein Körper lügt schlecht.
Du kannst einen Text über Mut schreiben.
Über Stärke, Würde, Widerstand.
Wenn dabei die Schultern einknicken und der Kopf sinkt, sagt dein Körper zum Saal: Glaubt kein Wort.
Heike sagt es auf dem Bogenplatz noch einfacher.
„Der Pfeil kann nichts dafür.“
„Der fliegt so, wie du ziehst.“
Achte darauf, welche Signale sie nennt, die gesendet werden, bevor ein Wort fällt.
Und welches davon du von dir selbst kennst.
Unterzogen, überzogen, voll ausgezogen
Bogenwaage · Zuggewicht der Bühne
Der Zeiger gehört in die Mitte. Nicht an den Anschlag.
Körperspannung heißt nicht: so fest wie möglich.
Heike zeigt es Tarek an der Bogenwaage.
Ein Bogen, der nicht voll ausgezogen ist, schickt den Pfeil kraftlos los.
Ein Schütze, der alles verkrampft, zittert beim Zielen.
Treffen tut, wer voll auszieht und dabei locker bleibt.
Auf der Bühne ist es genauso.
Zu wenig Spannung sieht aus wie eine Entschuldigung.
Gebeugter Rücken, wandernde Füße, eine Stimme, die am Satzende wegsackt.
Zu viel Spannung sieht aus wie ein Soldat beim Appell.
Steife Schultern, starrer Blick, eine gepresste Stimme.
Dazwischen liegt das, was wir Präsenz nennen.
Aufrecht, aber beweglich.
Fest, aber nicht hart.
Also merke: Körperspannung ist kein Kraftakt.
Sie ist eine Dosierung.
Der Schießablauf: sieben Phasen vom Stuhl bis zum Applaus
Schießablauf · sieben Phasen
Stand
Bogenplatz: Füße fest, Gewicht auf beiden Beinen.
Bühne: Am Mikro ankommen, erst die Füße setzen, dann das Mikro richten.
Vorziehen
Bogenplatz: Die Sehne gleichmäßig zurücknehmen.
Bühne: Einmal tief in den Bauch einatmen, Blick in den Saal.
Vollauszug
Bogenplatz: Volle Spannung, Schultern bleiben unten.
Bühne: Aufrichten, Brustbein leicht nach vorn, Schultern locker.
Ankern
Bogenplatz: Die Zughand findet jedes Mal denselben Punkt.
Bühne: Dein fester Punkt: Füße und Atem, jedes Mal gleich.
Zielen
Bogenplatz: Der Blick liegt auf dem Gold.
Bühne: Der Blick liegt auf einem Menschen, nicht auf dem Boden.
Lösen
Bogenplatz: Die Finger öffnen sich, nichts wird gerissen.
Bühne: Die erste Zeile, ruhig, ohne Anlauf-Floskel.
Nachhalten
Bogenplatz: Haltung halten, bis der Pfeil steckt.
Bühne: Nach der letzten Zeile zwei Sekunden stehen bleiben.
Beim Bogenschießen folgt jeder Schuss demselben Ablauf.
Wer eine Phase auslässt, sieht es am Trefferbild.
Dein Auftritt hat dieselben Phasen.
Nur heißen sie bei dir anders.
Die letzte Phase lassen die meisten Anfänger aus.
Letzter Satz, Kopf runter, zurück zum Stuhl.
Beim Bogenschießen heißt das: kein Nachhalten.
Der Pfeil ist zwar schon weg, aber der Schuss ist noch nicht fertig.
Bleib nach deiner letzten Zeile stehen.
Zähl innerlich bis zwei.
Dann geh.
Drei Ankerpunkte: Füße, Rücken, Atem
Trefferbilder lesen · wie Heike sie deutet
Streuung überall
Der Stand wackelt. Auf der Bühne: wandernde Füße.
Gruppe tief
Spannung vor dem Lösen verloren. Auf der Bühne: Stimme sackt am Satzende weg.
Enge Gruppe im Gold
Verankert. Auf der Bühne: Füße, Rücken, Atem stimmen.
Ankern heißt beim Bogenschießen: Die Zughand findet jedes Mal denselben festen Punkt am Gesicht.
Auf der Bühne hast du drei solche Punkte.
Erstens: die Füße.
Sie stehen etwa hüftbreit bis schulterbreit, fest auf dem Boden.
Nicht eng zusammen, denn das ist die Haltung von jemandem, der gleich wegläuft.
Nicht breitbeinig, denn das ist die Haltung von jemandem, der sich beweisen muss.
Viele Anfänger tanzen mit den Füßen, ohne es zu merken.
Der Saal registriert das und denkt: Der Mensch da vorn fühlt sich hier nicht sicher.
Zweitens: der Rücken.
Ein gebeugter Rücken sagt: Entschuldigung, dass ich existiere.
Ein aufrechter Rücken sagt: Ich nehme mir diesen Raum.
Aufrecht heißt nicht steif.
Es fühlt sich an, als zöge ein Faden deinen Scheitel sanft nach oben.
Drittens: der Atem.
Wenn du Angst hast, atmest du flach und hoch in die Brust.
Dann wird die Stimme dünner, höher, brüchiger.
Der Saal hört zuerst deine Angst und dann deine Worte.
Atme deshalb tief in den Bauch, bevor du anfängst.
Achte darauf, was ein Gang über einen Menschen verrät, bevor er irgendwo ankommt.
Tempo, Schrittlänge, Kopfhaltung.
Achte darauf, wie ein Regisseur über die Wirkung eines Schauspielers spricht.
Geht es mehr um Worte oder mehr um Auftreten?

Die Power-Pose-Legende: was davon übrig bleibt
Prüfstand · Power Pose
Vielleicht hast du davon gehört.
Zwei Minuten breitbeinig wie ein Superheld dastehen, und schon ändert sich dein Hormonspiegel.
So berichtete es 2010 eine Studie, an der die Sozialpsychologin Amy Cuddy beteiligt war.
Ihr Vortrag dazu wurde weltberühmt.
Aber hier kommt der Haken: Eine deutlich größere Nachfolgestudie fand 2015 keine Wirkung auf die Hormone.
Die Erstautorin der Originalstudie, Dana Carney, hat sich 2016 öffentlich davon distanziert.
Übrig bleibt ein kleiner, ehrlicher Rest.
Viele Menschen fühlen sich in aufrechter Haltung subjektiv etwas sicherer.
Kein Zaubertrick.
Aber auch nicht nichts.
Achte darauf, welche Aussagen sich auf Gefühle beziehen und welche auf Hormone.
Die erste Sorte hat die Nachprüfung besser überstanden als die zweite.
Heike hat dazu ihre eigene Meinung.
„Eine Pose vor dem Schuss bringt wenig.“
„Ein sauberer Stand bei jedem Schuss bringt alles.“
Vier Trainingskarten für deine Woche
Karte 1
Stand-Routine
vor jedem Auftritt · drei Minuten
· Füße fest, leicht in den Boden drücken.
· Wirbelsäule lang, als zöge ein Faden am Scheitel.
· Dreimal tief in den Bauch atmen.
· Beim dritten Ausatmen Hände und Schultern ausschütteln.
· Dreißig Sekunden so stehen bleiben.
Karte 2
Spiegelprobe
täglich · fünf Minuten
· Text frei sprechen, Blick in die eigenen Augen.
· Prüfen: Schultern oben? Atem flach? Blick weg?
Karte 3
Raum-Woche
sieben Tage · überall
· Jeden Raum aufrecht betreten.
· Nicht arrogant, nicht laut.
· So, als hättest du ein Recht, da zu sein.
Karte 4
Spannungs-Scan
beim Proben, später auf der Bühne · eine Sekunde
· Zwischen zwei Zeilen kurz prüfen.
· Füße? Rücken? Atem?
Die Karten sind klein, damit du sie wirklich machst.
Karte zwei ist unbequem, und zwar mit Absicht.
Im Blick in die eigenen Augen siehst du, was der Saal sieht.
Karte drei fühlt sich anfangs an wie Verstellen.
Du verstellst dich nicht.
Du übst.
Kein Boxer kämpft nach Lehrbuch.
Aber jeder gute Boxer merkt, wann seine Deckung unten ist.
Achte darauf, wie viel Rollenarbeit im Körper passiert, bevor überhaupt eine Szene gedreht wird.
Achte darauf, wie selbstverständlich hier über den Körper als Werkzeug einer Rolle gesprochen wird.
Zuggewicht pro Zeile: wie Körper und Text zusammenwachsen
Zuggewicht pro Zeile · Beispieltext
„Meine Mutter hat mir beigebracht zu schweigen.“
Aufrecht, direkter Blick, kein Zucken. Die Zeile trägt sich selbst.
„Sie hat gut darin geübt.“
Der Kopf sinkt einen Zentimeter. Gerade genug, dass der Saal etwas ahnt.
„Ich besser.“
Zurück in die Aufrichtung, Blick in den Saal. Das ist die Pointe.
Zwischen den Zeilen jeweils eine kurze Pause.
Dein Text hat Stellen, die Kraft brauchen.
Stellen, die Schwäche zeigen.
Stellen, die flüstern.
Dein Körper muss das wissen.
Nicht übertrieben wie im Schultheater, wo beim Wort „Trauer“ die Hände vors Gesicht wandern.
Präzise und klein.
Ein Zentimeter Kopf reicht oft.
Am wichtigsten ist die Pointe.
Sie braucht einen aufrechten Körper.
Wenn du bei der Pointe einknickst, knickt sie mit.
Achte darauf, wie sie auf der Bühne sitzt, wenn sie zuhört – und wie, wenn sie spricht.
Frag dich, woran du Anwesenheit erkennst.
Absetzen statt verreißen: wenn die Spannung reißt
Absetzen statt verreißen
Bogen sinken lassen. Auf der Bühne: kurz stoppen und einmal ausatmen.
Stand neu finden. Füße setzen, Schultern lösen, Atem runter in den Bauch.
Neu ansetzen. Ein einziger Satz wie „Das fange ich noch mal an“ reicht. Dann die Strophe von vorn.
Verreißen heißt: panisch weiterhetzen, obwohl der Stand längst weg ist.
Jetzt die schlechte Nachricht.
Du wirst es nicht jedes Mal schaffen.
Irgendwann stehst du da, und die Spannung bricht weg.
Die Füße fangen an zu wandern.
Der Atem rutscht nach oben.
Die Zeile ist weg.
Das passiert.
Auch den Guten.
Beim Bogenschießen gibt es dafür ein Wort: absetzen.
Wenn sich ein Schuss falsch anfühlt, lässt du den Bogen kontrolliert sinken und beginnst neu.
Absetzen ist kein Fehler.
Verreißen schon.
Im Dezember 2016 sang Patti Smith bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm ein Lied von Bob Dylan, der selbst nicht angereist war.
In der zweiten Strophe fand sie den Text nicht mehr.
Sie brach ab, entschuldigte sich, sagte, sie sei so nervös, und bat darum, die Stelle noch einmal beginnen zu dürfen.
Der Saal applaudierte, und sie sang weiter.
So ist es im Mitschnitt und in vielen Berichten festgehalten.
Später schrieb sie in einem Essay sinngemäß, sie habe die Worte nicht vergessen, sie habe sie nur nicht herausbekommen.
Achte darauf, wie sie abbricht und wieder ansetzt.
Nicht auf den Fehler.
Auf die Rückkehr.
Achte auf die Sekunden, bevor sie ihren ersten Satz sagt.
Wo sind die Hände, wo ist der Atem?
Also merke: Nicht die perfekte Spannung die ganze Zeit macht dich stark.
Sondern dass du merkst, wenn sie weg ist, und zurückkommst.
Schnell, ohne Drama, ohne lange Entschuldigung.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenKörperspannung heißt nicht: keine Gefühle zeigen.
Sie heißt: Ich bin hier, ich fühle alles, und ich falle trotzdem nicht um.
Das ist der Unterschied zwischen Zusammenbruch und Verletzlichkeit.
Verletzlichkeit mit festem Stand sieht aus wie Mut.
Ohne festen Stand sieht sie schnell aus wie eine Bitte um Mitleid.
Das ist nicht fair.
Aber das Publikum ist nicht fair.
Es ist ehrlich.
Und Tarek?
Drei Wochen später, Slam im Kulturbahnhof.
Tarek hat Startnummer sechs.
Vor dem Auftritt steht er im Flur neben den Toiletten und macht Karte eins.
Füße, Faden, dreimal in den Bauch atmen, ausschütteln.
Dann geht er zum Mikro und zählt innerlich bis zwei, bevor er anfängt.
Die ersten drei Minuten laufen.
Dann fällt hinten an der Bar ein Tablett mit Gläsern.
Tarek ist raus.
Die Zeile ist weg.
Die Füße wollen schon losgehen.
Da hört er Heike in seinem Kopf: „Absetzen.“
Er atmet aus, stellt die Füße neu und sagt: „Moment, das fange ich noch mal an.“
Ein paar Leute lachen freundlich.
Jemand klatscht.
Tarek beginnt die Strophe von vorn, und diesmal hält sie.
Nach der letzten Zeile bleibt er zwei Sekunden stehen.
Dann klatscht der Saal.
Er wird an diesem Abend nicht Erster.
Aber auf dem Video, das sein Mitbewohner wieder gedreht hat, steht ein anderer Mensch.
Am Samstag darauf trägt Heike etwas in seine Schießkladde ein.
Schießkladde · Eintrag nach dem Slam
Stand fest. Voll ausgezogen. Einmal abgesetzt, sauber neu angesetzt. Nachgehalten.
Trefferbild: Gruppe im Gold. Weiter so. – H.
Dein Körper ist die erste Zeile deines Textes.
Schreib sie richtig.
