Inspiration aus dem Automaten: warum der Zufall hilft
20 Cent
Ideen-Automat · Bahnsteig 2 · 99 Kapseln
1–9 Scham10–18 Liebe, die unbequeme Sorte19–27 Körper28–36 Abschied und Endlichkeit37–45 Erwartungen der anderen46–54 Kindheit55–63 Arbeit und Geld64–72 Freundschaft73–81 Gewohnheiten82–90 Glaube, Zweifel, Träume91–99 Wer bin ich
Erwins Satz lässt Katja nicht los.
Du kriegst die, die rauskommt.
Genau das ist der Trick.
Wenn du selbst wählst, wählst du immer das Bequeme.
Das Thema, das sich gut anfühlt, das nicht wehtut, das du schon kennst.
Der Zufall nimmt dir diese Wahl ab.
Und plötzlich schreibst du über etwas, das du von allein nie angefasst hättest.
Oft ist genau das der Text, der dich überrascht.
Deshalb findest du hier keine Liste von Themen.
Themen gibt es überall.
Du findest neunundneunzig Fragen, in elf Farben sortiert, jede Farbe ein Lebensbereich.
Eine Frage ist wie eine Kapsel: klein, rund, und erst wenn du sie öffnest, weißt du, was drin ist.
Die Regel ist einfach.
Zufallsregel · Anzeigetafel
21:14RB 31437Gleis 2
Die letzten zwei Ziffern der nächsten Zugnummer sind deine Kapsel. Hier also die 37. Bei 00 gilt die 99.
Nicht umtauschen. Die Kapsel, die kommt, ist die Kapsel, die du schreibst.
Keine Zugnummer zur Hand?
Dann nimm die Minute auf der Bahnhofsuhr plus die Zahl der Menschen auf dem Bahnsteig.
Hauptsache, du entscheidest nicht selbst.
Kapsel 1 bis 27: Scham, Liebe, Körper
Reihe 1 · SchamKapsel 1–9
1Wofür hast du dich als Kind geschämt, und tust du es heute noch?
2Was hast du zuletzt gesucht, als niemand zusah?
3Welche Lüge erzählst du so oft, dass sie fast stimmt?
4Wann hast du über einen Witz gelacht, den du eigentlich widerlich fandest?
5Welcher Satz aus deinem eigenen Mund hat dich erschreckt?
6Was räumst du weg, bevor Besuch kommt?
7Wann warst du froh, dass jemand anderes gescheitert ist?
8Welches Kompliment konntest du nicht annehmen, und warum?
9Was würdest du nie in eine Bewerbung schreiben, obwohl es dich am besten beschreibt?
Reihe 2 · Liebe, die unbequeme SorteKapsel 10–18
10Wen liebst du mehr, als dieser Mensch dich liebt?
11Ein Brief an eine frühere Liebe, den du nie abschickst: ein Vorwurf und ein Dank.
12Deine Eltern, aber nicht in der Muttertagsfassung.
13Was hast du aus Liebe getan, das dir heute peinlich ist?
14Welcher Streit wiederholt sich seit Jahren, nur mit anderen Worten?
15Wann wusstest du, dass es vorbei ist, lange bevor es jemand aussprach?
16Wem hast du nie gesagt, dass er dir fehlt?
17Was heißt Treue für dich, wenn es unbequem wird?
18Welche Nähe hast du dir gewünscht und nie bekommen?
Reihe 3 · KörperKapsel 19–27
19Wo sitzt dein Liebeskummer, auf den Zentimeter genau?
20Welche Narbe hat die beste Geschichte, welche die ehrlichste?
21Was macht dein Körper, wenn du lügst?
22Welchen Teil von dir hast du lange versteckt, und warum heute nicht mehr?
23Wann hat dich dein Körper im Stich gelassen, und wann gerettet?
24Was sagt dein Spiegelbild morgens um sieben?
25Eine Körperfunktion, über die am Esstisch niemand spricht.
26Was haben deine Hände getan, das du nicht vergessen kannst?
27Wie fühlt sich eine Müdigkeit an, die kein Schlaf repariert?
Die ersten drei Farben sind die heißesten.
Scham ist dabei der ergiebigste Rohstoff, den es gibt.
Wenn du über etwas schreibst, wofür du dich schämst, erkennen sich erstaunlich viele Menschen darin wieder.
Das Publikum lacht dann nicht über dich, sondern mit sich selbst.
Bei der Liebe gilt: Lass die schöne Sorte weg, über die ist alles gesagt.
Die unbequeme Sorte ist interessanter.
Die einseitige Liebe, die verbrauchte, die, über die man in der Familie nicht spricht.
Und der Körper ist das beste Archiv, das du hast.
Er erinnert sich an Dinge, die dein Kopf längst vergessen hat.
Also merke: Je genauer die Antwort, desto größer die Wirkung.
Nicht irgendeine Narbe.
Die Narbe am linken Knie und der Nachmittag, an dem sie entstand.
Kapsel 28 bis 54: Abschied, Erwartungen, Kindheit
Reihe 4 · Abschied und EndlichkeitKapsel 28–36
28Der erste Mensch in deinem Leben, der gestorben ist: Was hast du damals nicht verstanden?
29Welcher Abschied hat nie stattgefunden?
30Wer ist einfach aus deinem Leben verschwunden?
31Was willst du jemandem sagen, bevor es zu spät ist?
32Welche Dinge eines Menschen hast du behalten, und warum genau diese?
33Was würdest du bereuen, wenn heute dein letzter Auftritt wäre?
34Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass du älter wirst?
35Welche Zeit willst du zurück, und welche auf keinen Fall?
36Ein Ort, den es nicht mehr gibt.
Reihe 5 · Erwartungen der anderenKapsel 37–45
37Welcher Satz aus deiner Familie hallt bis heute nach?
38Was solltest du werden, und was bist du geworden?
39Wann hast du Ja gesagt und Nein gemeint?
40Welche Rolle spielst du in jeder Gruppe, ob du willst oder nicht?
41Welche Regel hast du nie verstanden und trotzdem befolgt?
42Wofür wirst du gelobt, obwohl es dich nichts kostet?
43Wer hat dir zuletzt gesagt, du seist zu empfindlich?
44Was traust du dich nicht, weil man das angeblich nicht macht?
45Wie sähe dein Leben aus, wenn niemand zuschauen würde?
Reihe 6 · KindheitKapsel 46–54
46Das Geräusch, das für dich nach Kindheit klingt.
47Welches Versprechen eines Erwachsenen wurde nie gehalten?
48Wann hast du gemerkt, dass deine Eltern auch nur Menschen sind?
49Welches Spiel hast du allein gespielt, und warum allein?
50Was durfte bei euch zu Hause nicht ausgesprochen werden?
51Wer war dein erster Held, und was ist aus ihm geworden?
52Welche Strafe war ungerecht, und warum erinnerst du dich so genau?
53Was hast du als Kind geglaubt, das dir heute fehlt?
54Dein Kinderzimmer, aber nur das, was man nicht sehen konnte.
Diese drei Farben arbeiten mit der Zeit.
Abschiede sind in fast jedem starken Text versteckt, auch wenn er gar nicht davon handelt.
Die Erwartungen der anderen sind wie Wände, die man erst bemerkt, wenn man dagegenläuft.
Und die Kindheit ist die Zeit, in der du die Welt zum ersten Mal ohne Filter gesehen hast.
Aber hier kommt der Haken.
Gerade bei diesen Kapseln rutscht man schnell ins Allgemeine.
„Früher war alles einfacher“ ist kein Text.
Das Geräusch, das der Kühlschrank deiner Oma nachts gemacht hat, ist einer.
Bonus: Schreib bei Kindheitskapseln im Präsens.
Dann stehst du wieder mitten im Zimmer, statt aus der Ferne zu erzählen.
Annika Hofmann · „Ideen wie Konfetti“ · annikaspoesie
Achte beim Schauen darauf, welche Bilder im Text für Einfälle und Ideen auftauchen.
Welches davon würdest du auf deine eigene Schreibblockade übertragen?
Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.