Wartungsbuch · Depression
Wie Poetry Slam deine Depression zerlegt

Notrufsäule · zuerst das Wichtigste
Depression ist eine ernsthafte, gut behandelbare Krankheit. Poetry Slam kann dich begleiten, aber keine Depression heilen und keine Behandlung ersetzen.
Erste Anlaufstelle kann auch deine Hausarztpraxis sein.
Freitag, 3:04 Uhr, der Pausenraum eines Rangierbahnhofs.
Sanja ist Wagenmeisterin in der Nachtschicht, und ihre Depression hat sie seit Monaten fest im Griff.
Sie ist in Behandlung, jeden Dienstag hat sie einen Termin bei ihrer Therapeutin.
Aber um drei Uhr nachts ist niemand da.
Nur das Summen des Getränkeautomaten und die Gedanken, die im Kreis fahren wie ein Rangierzug ohne Ziel.
Sanja schreibt.
Nicht schön, nicht in Reimen.
Nur Sätze, damit sie nicht mehr nur in ihrem Kopf stehen.
Die Tür geht auf, und Jarek kommt herein, der Elektriker, der die Flutlichtmasten wartet.
„Mast vier flackert“, sagt er und schreibt es ins Schichtbuch.
Dann schaut er sie an.
„Du auch, oder?“
Sanja und Jarek sind erfunden. Aber die Nächte, in denen alles dunkel wirkt, kennen viele Menschen mit Depression, auch der Mensch, der diese Seite schreibt.
Kennst du das?
Die Gedanken sind lauter als alles andere.
Und irgendwo hast du gehört, Schreiben oder sogar eine Bühne könnten helfen.
Dieser Beitrag nimmt das ernst, aber er macht dir nichts vor.
Poetry Slam kann eine Depression nicht heilen.
Was er kann: sie zerlegen, in Teile, die man benennen, anschauen und aussprechen kann.
Das ist nicht wenig.
Aber es ist ein Licht unter mehreren, nicht das einzige.
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Wartungsbuch · Flutlichtmasten im Rangierbahnhof
Mast 1
Benennen
Mast 2
Aufschreiben
Mast 3
Widersprechen
Mast 4
Figur geben
Mast 5
Vorlesen
Mast 6
Hilfe holen
Kein Mast macht den Bahnhof hell wie am Tag. Zusammen machen sie ihn befahrbar. Mast 6 ist der hellste.
Zuerst das Wichtigste, ganz ohne Bild.
Eine Depression ist keine schlechte Phase und kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist eine ernsthafte Erkrankung.
Fachleute nennen als Hauptzeichen eine gedrückte Stimmung, den Verlust von Interesse und Freude und einen deutlich verminderten Antrieb, meist über mindestens zwei Wochen.
Oft kommen Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und Schuldgefühle dazu.
Ob es eine Depression ist, können nur Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten feststellen.
Und die gute Nachricht lautet: Depressionen sind gut behandelbar, mit Psychotherapie, bei Bedarf mit Medikamenten, oft mit beidem.
In diesem Wartungsbuch stehen sechs Flutlichtmasten.
Der hellste ist Mast sechs, und er heißt Hilfe.
Die anderen fünf können dazukommen.
Ich kenne diese Nächte übrigens selbst.
Aus meinem Leben
Falls du gerade denkst: "Der Typ hat keine Ahnung, wie es ist, wenn dich deine eigenen Gedanken umbringen wollen" – dann liegst du falsch.
Ich kenne den Geschmack von 4-Uhr-morgens-Verzweiflung.
Ich kenne das Gefühl, wenn du aufwachst und dich fragst, warum du überhaupt noch atmest.
Ich kenne diese Depression, die sich anfühlt wie ein Parasit, der sich durch deine Seele frisst.
Aber ich weiß auch etwas anderes:
Poetry Slam hat meine Depression nicht geheilt.
Poetry Slam hat sie zerlegt.
Und genau das werde ich dir jetzt zeigen.
Mast 1 und 2: benennen und aufschreiben
Mastkarten 1 und 2
Mast 1 · Benennen
Leuchtet aus: das Wort Depression, ausgesprochen statt umschrieben
Bleibt dunkel: warum sie gerade da ist
Wartung: das Wort ab und zu laut sagen, auch nur zu dir selbst
Mast 2 · Aufschreiben
Leuchtet aus: einen einzelnen, genauen Moment
Bleibt dunkel: die ganze Geschichte auf einmal
Wartung: zehn Minuten schreiben, dann aufhören
Der erste Mast ist ein Wort.
Depression.
Nicht „schlechte Phase“, nicht „bisschen down“.
Wer das Wort ausspricht, nimmt der Krankheit einen Teil ihrer Tarnung.
Der zweite Mast ist das Aufschreiben.
Hier helfen vier Handgriffe.
Erstens: Hör auf, schön schreiben zu wollen.
Depression ist nicht poetisch, und dein Text muss es auch nicht sein.
Zweitens: Schreib über einen einzelnen Moment statt über dein ganzes Leben.
Nicht „Ich bin oft traurig“, sondern der Nachmittag, an dem das Nudelwasser kochte und du es nicht geschafft hast, die Nudeln hineinzutun.
Drittens: Benenne die Krankheit im Text beim Namen.
Viertens: Zeig die Widersprüche.
Du willst Nähe und ziehst dich zurück.
Du fühlst zu viel und gleichzeitig gar nichts.
Solche Sätze erkennen viele Menschen sofort wieder.
Der Psychologe James Pennebaker hat ab den 1980er-Jahren untersucht, was das Aufschreiben belastender Erlebnisse bewirkt.
Viele Studien fanden kleine positive Effekte auf das Wohlbefinden, bei Depressionen sind die Ergebnisse gemischt.
Schreiben ist also kein Wundermittel, aber für viele ein Weg, Gedanken aus dem Kopf aufs Papier zu holen.
Wie so ein Text aussehen kann, zeigt einer meiner eigenen.
Aus meiner Werkstatt
„3 Uhr morgens“
(Ein Text von mir ...)
3 Uhr morgens.
Ich liege wach und zähle alle Gründe, warum ich scheiße bin.
Ich bin bei 247 angekommen.
Das ist ein neuer Rekord.
Meine Depression führt Buch über meine Fehler wie ein Buchhalter aus der Hölle.
Heute auf der Liste:- Ich hab meiner Mutter nicht zurückgeschrieben- Ich hab wieder Chips zum Frühstück gegessen- Ich existiere
Der letzte Punkt steht da seit 27 Jahren.
Ich steh auf. Geh zum Kühlschrank. Starre ihn an wie einen alten Feind.
Hunger hab ich nicht. Nur diese Leere, die sich anfühlt wie Hunger.
Ich ess trotzdem. Weil Essen wenigstens ein Gefühl ist.
Auch wenn's das falsche ist.
4 Uhr morgens.
Ich google: "Wie wird man weniger scheiße?"
3.847.392 Ergebnisse.
Ich bin nicht allein mit der Frage.
Das ist tröstlich und deprimierend gleichzeitig.
5 Uhr morgens.
Ich schreibe das hier.
Weil ich gelernt hab:
Wenn ich meine Depression aufschreibe, ist sie außerhalb von mir.
Wenn sie außerhalb von mir ist, kann ich sie anschauen.
Wenn ich sie anschauen kann, kann ich ihr in die Fresse hauen.
Zumindest mit Worten.
Mast 3: den Lügen widersprechen
Mastkarte 3
Mast 3 · Widersprechen
Leuchtet aus: die Sätze, die die Krankheit dir einflüstert
Bleibt dunkel: die Gefühle dahinter, die trotzdem echt sind
Wartung: Gedanken aufschreiben und prüfen, am besten mit Unterstützung
Depression erzählt Geschichten, und sie erzählt sie sehr überzeugend.
Die fünf häufigsten stehen in der Tabelle.
Wer sie kennt, erkennt sie wieder, auch nachts um drei.
In der Verhaltenstherapie gibt es dafür eigene Werkzeuge.
Man schreibt belastende Gedanken auf und schaut sich an, welches Muster dahintersteckt.
Verallgemeinern: Ich schaffe nie etwas.
Schwarz-Weiß-Denken: Ich bin komplett wertlos.
Gedankenlesen: Alle finden mich komisch.
Katastrophisieren: Das wird niemals besser.
Diese Arbeit gehört am besten in eine Behandlung, denn allein dreht man sich schnell im Kreis.
Für einen Slamtext kannst du das Muster trotzdem nutzen.
Zitier die Lüge, und dann antworte ihr, Satz für Satz.
Mast 4: dem Monster einen Namen geben
Mastkarte 4
Mast 4 · Figur geben
Leuchtet aus: die Stimme der Depression als Figur außerhalb von dir
Bleibt dunkel: die Krankheit selbst, sie bleibt eine Krankheit
Wartung: Dialoge schreiben, in denen du das letzte Wort bekommst
Der vierte Mast ist ein Trick, den auch Therapeutinnen und Therapeuten kennen.
In der narrativen Therapie heißt er Externalisieren: Das Problem wird zu etwas außerhalb von dir.
Du gibst deiner Depression einen Namen, ein Aussehen, eine Stimme.
Dann schreibst du Dialoge.
Und du bekommst das letzte Wort.
Meine Figur hat übrigens einen ziemlich gewöhnlichen Namen.
Aus meiner Werkstatt
Meine heißt "Klaus".
Klaus ist ein kleiner, fetter Mann in einem schlechten Anzug. Er raucht Kette und hat die Angewohnheit, in die unpassendsten Momente reinzuplatzen.
Beispiel-Dialog:
Klaus: "Du bist ein Versager."
Ich: "Klaus, es ist 7 Uhr morgens."
Klaus: "Versager schlafen nicht."
Ich: "Versager trinken auch keinen Kaffee?"
Klaus: "Doch. Aber schlechten."
Ich: "Das ist Starbucks."
Klaus: "Eben."
Beispiel-Text: "Klaus und ich beim Einkaufen"
Klaus: "Die Kassiererin denkt, du bist komisch."
Ich: "Woher willst du das wissen?"
Klaus: "Sie lächelt nicht."
Ich: "Es ist Montag."
Klaus: "Am Montag lächelt man nicht Komische an."
Ich: "Das macht keinen Sinn."
Klaus: "Dein Leben macht keinen Sinn."
Ich: "Klaus."
Klaus: "Was?"
Ich: "Halt die Fresse."
Klaus: "Das darfst du nicht sagen."
Ich: "Gerade hab ich's gesagt."
Klaus: "Die Kassiererin hat's gehört."
Ich: "Die heißt Petra und hört Podcasts."
Klaus: "Woher weißt du das?"
Ich: "Name-Tag und AirPods, Klaus. Beobachtung ist nicht deine Stärke."
Klaus: [schweigt]
Ich: "Danke, Petra. Schönen Tag noch."
Das macht die Krankheit nicht kleiner, als sie ist.
Aber es macht sichtbar, dass sie nicht du ist.
Mast 5: vorlesen, und was danach kommt
Mastkarte 5
Mast 5 · Vorlesen
Leuchtet aus: dass du nicht allein bist, im Saal nicken Menschen
Bleibt dunkel: ob es dir morgen besser geht
Wartung: nur auftreten, wenn es dir an dem Tag möglich ist
Irgendwann steht vielleicht die Frage im Raum, ob so ein Text auf eine Bühne gehört.
Du musst das nicht.
Aber wenn du es willst, kann es etwas verändern, nicht an der Krankheit, sondern an der Einsamkeit.
So war es bei meinem ersten Mal.
Aus meinem Leben
Ich saß da. 3 Uhr morgens.
Psychatrie Jena
Mitte November
2024
Die Gedanken kreisten wie Geier über Aas.
Immer dieselben Fragen: Warum bin ich so kaputt? Warum will mich niemand? Warum fühlt sich Leben an wie Sterben in Zeitlupe?
Meine Depression hatte Namen für mich:
Versager
Belastung
Fehler der Natur
"Der, den alle nur ertragen"
Und ich glaubte jeden einzelnen davon.
Bis zu dem Abend, als ich zum ersten Mal auf eine Poetry Slam Bühne ging.
Nicht, weil ich mutig war. Sondern weil ich nichts mehr zu verlieren hatte.
Hamburg. Eine schäbige Kneipe namens "Goldener Hirsch".
Dreißig Leute, die meisten besoffen, alle gelangweilt.
Ich hatte einen Text dabei. Handgeschrieben auf einem zerknitterten Zettel. Der Titel:
"Warum ich gestern fast gestorben wäre – und niemand hätte es bemerkt."
Die Moderatorin rief meinen Namen.
Meine Beine waren Pudding.
Mein Mund Sand. Meine Depression flüsterte:
"Das wird peinlich. Du wirst dich blamieren. Alle werden sehen, wie kaputt du bist."
Ich nahm das Mikro.
Und dann passierte etwas Merkwürdiges:
Ich schrie mein Monster an. Vor dreißig Fremden.
Ich las jeden verdammten Satz vor. Über die Nächte, wo ich nicht schlafen konnte, weil mein Kopf zu laut war. Über die Tage, wo ich im Bett blieb, weil Duschen sich anfühlte wie eine olympische Disziplin. Über die Momente, wo ich dachte: "Vielleicht wäre es einfacher, einfach nicht mehr zu sein."
Das Publikum war still.
Nicht gelangweilt-still. Sondern betroffen-still.
Und dann applaudierten sie.
Nicht für meine "Kunst". Sondern für meinen Mut.
In diesem Moment verstand ich etwas:
Depression hasst es, wenn man über sie redet. Sie will im Dunkeln bleiben. Sie will dein Geheimnis sein. Sie will, dass du dich schämst.
Poetry Slam war das Flutlicht, das sie entlarvte.
Im Saal sitzen fast immer Menschen, die dieselben Nächte kennen.
Wenn du aussprichst, was sie nur denken, fühlen sich plötzlich mehrere Menschen weniger allein.
Auch das habe ich erlebt.
Aus meinem Leben
Düsseldorf.
Poetry Slam im "Savoy". Ich war in der dritten Runde.
Mein Text: "Warum ich jeden Tag sterbe und trotzdem noch lebe."
Fünf Minuten über das Gefühl, dass Leben sich anfühlt wie ein Job, den du hasst, aber nicht kündigen kannst.
Nach dem Text kam eine Frau zu mir. Mittleres Alter, teure Klamotten, sah aus wie "hat ihr Leben im Griff".
Sie sagte: "Das war ich. Jedes verdammte Wort."
Wir haben zwei Stunden geredet.
Über die Tage, wo Duschen sich anfühlt wie Marathon laufen. Über die Nächte, wo du weinst, ohne zu wissen warum. Über das Gefühl, dass du dich selbst nicht ausstehen kannst.
Am Ende umarmte sie mich.
"Danke", sagte sie. "Dass du laut gesagt hast, was ich nur denke."
Das ist der Unterschied zwischen Therapie und Slam:
In der Therapie heilst du dich selbst.
Beim Slam heilst du andere gleich mit.
Das ist eine persönliche Erfahrung und kein Vergleich, der für alle gilt.
Die Behandlung einer Depression gehört in die Hände von Fachleuten, die Bühne kann sie begleiten.
Ein paar Dinge helfen dabei, dass der Abend dir guttut.
Wenn Menschen aus deiner Familie im Text vorkommen, sprich vorher mit ihnen, ihre Sorge ist meistens Liebe.
Wenn du auf der Bühne weinst, ist das in Ordnung, das Publikum hält das aus.
Und plan ein, was nach dem Auftritt kommt: einen Menschen, der da ist, einen ruhigen Weg nach Hause, keine Kommentarspalten in der Nacht.
Mast 6: der hellste Mast heißt Hilfe
Mastkarte 6
Mast 6 · Hilfe holen
Leuchtet aus: Behandlung: Psychotherapie, wenn nötig Medikamente, ärztliche Begleitung
Bleibt dunkel: nichts, dieser Mast leuchtet am weitesten
Wartung: Termine halten, auch an schlechten Tagen
Jetzt der Mast, der am weitesten leuchtet.
Wenn du vermutest, dass du eine Depression hast, ist deine Hausarztpraxis eine gute erste Adresse.
Über die Nummer 116117 vermitteln die Terminservicestellen Termine für eine psychotherapeutische Sprechstunde.
Das Info-Telefon Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe beantwortet Fragen zur Erkrankung und zur Behandlung.
Die Wartezeit auf einen Therapieplatz kann lang sein, und das ist frustrierend.
Gib trotzdem nicht auf, und lass dir bei der Suche helfen.
Wenn du Medikamente nimmst, setz sie nie eigenmächtig ab, sondern nur in Absprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
Und wenn die Gedanken so dunkel werden, dass du nicht mehr leben willst, ruf sofort an: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder bei akuter Gefahr die 112.
Achte beim Schauen darauf, welche Wege der Behandlung vorgestellt werden.
Frag dich, welche Fragen du dazu deiner Ärztin oder deinem Therapeuten stellen möchtest.
Leuchtmittelwechsel: wenn es wieder dunkler wird
Leuchtmittelwechsel · dein Plan für dunklere Tage
Einen solchen Krisenplan erarbeitet man am besten gemeinsam mit einer Therapeutin oder einem Arzt.
Auch gute Flutlichtmasten fallen irgendwann aus.
Das ist kein Versagen, sondern Wartung.
Mit einer Depression ist es ähnlich: Bessere Wochen und schlechtere wechseln sich oft ab.
Ein Rückschlag bedeutet nicht, dass alles umsonst war.
Hilfreich ist ein Plan, den du in guten Zeiten machst, am besten zusammen mit deiner Therapeutin oder deinem Arzt.
Woran merkst du, dass es dunkler wird?
Was hat dir schon einmal geholfen?
Wen rufst du an?
Und welche Termine sagst du ab, ohne schlechtes Gewissen?
Die Bühne gehört übrigens dazu.
Sie läuft dir nicht weg.

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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenUnd Sanja?
Schichtbuch · Nacht auf Samstag
03:00 Mast 4 flackert. Gemeldet. Selbst auch kurz geflackert.
04:00 Zwei Zeilen geschrieben. Die Figur heißt jetzt Rostfleck.
05:00 Jarek tauscht das Leuchtmittel. Nachricht an die Praxis geschrieben.
06:00 Übergabe an die Frühschicht. Keine besonderen Vorkommnisse. Doch: eins.
In der Nacht, in der Mast vier flackert, schreibt Sanja zwei Zeilen.
Ihre Depression bekommt einen Namen: Rostfleck.
Rostfleck sagt, sie sei eine Last.
Sanja schreibt darunter, dass Rostfleck noch nie eine Wagenprüfung gemacht hat.
Am Dienstag zeigt sie die Zeilen ihrer Therapeutin.
Die liest sie zweimal und sagt nur: „Schreiben Sie weiter.“
Drei Wochen später ist Open Mic im alten Güterschuppen.
Sanja liest vier Minuten lang, leise, ohne Reim.
Als sie fertig ist, ist es still, und dann nicken ein paar Leute, bevor sie klatschen.
Jarek steht hinten an der Tür, noch in Arbeitsjacke.
Auf dem Heimweg sagt er: „Mast vier läuft wieder.“
Sanja lacht zum ersten Mal an diesem Abend richtig.
Ihre Depression ist nicht weg.
Aber sie steht jetzt im Licht, und Sanja steht nicht mehr allein daneben.
Wenn du heute nur eine Sache tust, dann diese: Speicher die Nummer der Telefonseelsorge in deinem Handy.
Damit einer der Masten immer leuchtet.
