Pistenplan · Poetry Slam für Anfänger
Poetry Slam für Anfänger: Der Moment, in dem dich die Bühne verschlingt

Freitag, 21:05 Uhr, ein Slam in einem alten Güterschuppen am Bahnhof.
Zoe, 23, steht zum ersten Mal auf einer Bühne, vor ihr gut zweihundert Menschen.
Sie hat alles gelesen, was es über Poetry Slam für Anfänger gibt, und trotzdem ist ihr Kopf plötzlich leer.
Keine Zeile.
Kein Wort.
Nur Stille, dann das Rauschen in den Ohren.
Zoe läuft von der Bühne.
Durch den Seitenausgang, bis zum Bahnsteig, wo die Luft kalt ist.
Sechs Wochen später, Skiurlaub mit der Familie.
Die Bahn bringt sie bis ins Tal, der Bus bis zur Talstation.
Zoe hat noch nie auf Skiern gestanden.
Der Skilehrer heißt Enrico, 50, und er fängt nicht mit dem Fahren an.
„Heute lernt ihr fallen“, sagt er.
„Wer nicht fallen kann, fährt verkrampft.“
Zoe und Enrico gibt es so nicht. Aber einen Blackout beim ersten Auftritt und die Flucht von der Bühne haben schon viele erlebt.
Kennst du das?
Du willst auf die Bühne, aber in deinem Kopf läuft schon der Film vom Blackout.
Vom Stottern, vom Weglaufen, vom Lachen an der falschen Stelle.
Die gute Nachricht: Genau dafür gibt es einen Übungshang.
Heute bekommst du den Pistenplan für deinen Einstieg.
Mit Sturztraining, Warnstufen für die Nervosität und Liftregeln für den ersten Abend.
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Pistenplan · Einstieg in den Slam
Beim Skifahren käme niemand auf die Idee, am ersten Tag die schwarze Piste zu nehmen.
Beim Poetry Slam machen genau das viele.
Sie wählen für den allerersten Auftritt den schwersten Text, den sie haben.
Zoe auch.
Ihr erster Text handelte davon, wie ihre Oma sie nicht mehr erkannte.
Kein Wunder, dass die Beine nachgegeben haben.
Also merke: Poetry Slam für Anfänger heißt nicht, dass du dich schonen musst.
Es heißt, dass du dir die Reihenfolge aussuchen darfst.
Erst der Übungshang, dann blau, dann rot, dann schwarz.
Und nein, Poetry Slam ist kein Schlachtfeld, auch wenn es sich beim ersten Mal so anfühlt.
Es ist eher ein Skigebiet: Alle wollen runter, und keiner will, dass du dir wehtust.
Die erste Lektion: hinfallen und aufstehen
Sturztraining · Blackout auf der Bühne
Enrico zeigt es vor.
Seitlich hinsetzen, nicht nach vorn.
Skier quer zum Hang, aufstehen mit den Stöcken.
Zehnmal hintereinander.
Nach dem zehnten Mal lacht Zoe.
Beim Blackout auf der Bühne ist es genauso.
Hinfallen gehört dazu.
Die Frage ist nur, ob du aufstehen kannst.
Das Wichtigste zuerst: Du darfst dein Blatt dabeihaben.
Bei den meisten Slams ist es völlig normal, vom Zettel oder vom Handy zu lesen.
Auswendig ist ein Bonus, keine Pflicht.
Und das Publikum?
Das ist bei Anfängern meistens auf deiner Seite.
Viele Moderationen sagen an, wenn jemand zum ersten Mal auf der Bühne steht.
Dann wird oft extra laut geklatscht, bevor du überhaupt ein Wort gesagt hast.
Lawinenwarnstufen: Wie viel Nervosität normal ist
In den Bergen gibt es eine Skala für die Lawinengefahr, fünf Stufen von gering bis sehr groß.
Für die Nervosität vor dem ersten Auftritt kannst du dieselbe Tafel benutzen.
Stufe eins bis drei sind völlig normal.
Nervosität ist kein Zeichen, dass du nicht auf die Bühne gehörst.
Sie ist ein Zeichen, dass dir etwas wichtig ist.
Bei Stufe vier helfen Atmen, ein Glas Wasser und ein Mensch, der dir den Rücken stärkt.
Und Stufe fünf heißt: heute nicht.
Das ist keine Niederlage.
Auch in den Bergen bleiben Vernünftige bei Stufe fünf auf der gesicherten Piste oder ganz im Tal.
Dann schaust du zu, statt zu lesen.
Nächsten Monat ist wieder ein Slam.
Blaue Piste: Nimm der Angst die Munition
Kennst du den Film „8 Mile“ mit Eminem aus dem Jahr 2002?
Im letzten Rap-Battle macht seine Figur etwas Überraschendes.
Sie zählt selbst alles auf, was der Gegner gegen sie sagen könnte.
Wo sie wohnt, woher sie kommt, was schiefgelaufen ist.
Danach hat der Gegner nichts mehr in der Hand.
Das ist die blaue Piste für Anfänger.
Sag selbst, was die Angst sagen würde, bevor sie es tut.
Aber freundlich, mit einem Grinsen.
Das nimmt dir den Druck und holt das Publikum auf deine Seite.
Aber hier kommt der Haken:
Eine Anmoderation ist kein Entschuldigungsmarathon.
Ein Satz reicht.
Dann fängst du mit deinem Text an.
Rote Piste: Bühnen-Ich und echtes Ich
Auf der roten Piste wird es steiler.
Hier fragst du dich, wer da eigentlich auf der Bühne steht.
Viele Anfängerinnen und Anfänger spielen eine Rolle.
Den sensiblen Poeten, die starke Frau, den witzigen Typen.
Das ist nicht verboten.
Aber das Spannendste liegt oft genau zwischen der Rolle und dem Menschen, der danach nach Hause fährt.
Die Übung dazu: Schreib zwei Spalten, wer du auf der Bühne bist und wer zu Hause.
Und dann einen Text über den Zwischenraum.
Bonus: Mach deine Schwäche zur Superkraft.
Du bist klein, leise, hast einen Dialekt, stotterst manchmal?
Schreib genau darüber, mit Selbstironie.
Ein Satz wie „Ich bin eins fünfundsechzig, aber wenn ich schreibe, bin ich ein Riese“ trägt einen ganzen Text.

Schwarze Piste: schwere Themen und ein Brief
Ich bin du, ein paar Jahre später.
Du denkst gerade, dass …
Ich weiß inzwischen, dass …
Was du damals gebraucht hättest, war …
Hier ist es.
Irgendwann kommt die schwarze Piste.
Die persönlichen Texte, die wehtun.
Die dürfen kommen, nur nicht zwingend am ersten Abend.
Eine gute Übung für den Übergang ist der Brief an dein jüngeres Ich.
Du schreibst an dich selbst mit acht oder vierzehn Jahren.
Was hättest du damals gebraucht?
Was weißt du heute, was du damals nicht wusstest?
So ein Brief ist ehrlich, ohne dass du alles offenlegen musst.
Und er berührt, weil jeder im Saal auch mal acht war.
Wichtig: Schwere Themen brauchen Halt.
Schreib über das, was du tragen kannst.
Was noch zu frisch ist, darf erst mal in ein Gespräch statt auf die Bühne.
Und wenn dich Gedanken nicht loslassen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Liftregeln und Hüttenpause
Enrico hat einen Satz, den er jeden Morgen sagt.
„Die Piste gehört allen.“
Beim Slam ist es genauso.
Du bist nicht allein da, und die anderen sind genauso nervös wie du.
Nach dem Auftritt kommt die Hüttenpause.
Die Wertung ist eine Momentaufnahme.
Sie sagt, wie dieser Saal an diesem Abend auf diesen Text reagiert hat.
Sie sagt nichts darüber, ob du dazugehörst.
Anfängerinnen und Anfänger scheitern selten an zu wenig Talent.
Sie scheitern daran, dass sie nur gefallen wollen.
Wer gefallen will, wird vorsichtig.
Wer ehrlich sein will, wird besser.
Achte darauf, wie unterschiedlich die Auftritte sind: laut, leise, lustig, ernst.
Such dir den aus, der dich am meisten überrascht, und schau ihn ein zweites Mal an.
Die Saisonkarte: Und Zoe?
Im März steht Zoe wieder auf einer Bühne.
Diesmal bei einem Open Mic in einer Bahnhofskneipe, zwölf Leute, drei Minuten.
Übungshang.
Die Moderatorin sagt an, dass Zoe beim letzten Mal weggelaufen ist.
Zoe nimmt das Mikro.
„Stimmt“, sagt sie.
„Deshalb trage ich heute Turnschuhe.“
Die zwölf lachen.
Sie liest ihren Text vom Handy.
Einmal verliert sie den Faden.
Sie bleibt stehen, atmet, wiederholt den letzten Satz und macht weiter.
Seitlich hinsetzen, Skier quer, aufstehen.
Im Sommer fährt sie die blaue Piste, einen richtigen Slam mit Wertung.
Im Herbst die rote.
Und ein Jahr nach ihrer Flucht liest sie den Text über ihre Oma.
Denselben Text, fast unverändert.
Diesmal tragen die Beine.
Danach schreibt sie Enrico eine Postkarte mit dem Pistenplan drauf.
„Schwarze Piste geschafft“, steht darauf.
„Mit ein paar Stürzen.“
Also merke: Poetry Slam für Anfänger ist kein Sprung ins kalte Wasser.
Es ist ein Pistenplan.
Und du darfst ganz unten anfangen.
Hör rein und achte darauf, welcher Gedanke dir für deinen Übungshang hilft.
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