Holzmusterkoffer · Authentisch schreiben
Authentisch schreiben – So wirst du zum Poetry Slamer

Samstag, 10:15 Uhr, eine Tischlerei im alten Güterschuppen am Bahnhof.
Adrian, 29, will ein Bücherregal bestellen, für seine erste eigene Wohnung.
Er gewinnt oft beim Slam, aber seit Wochen fragt er sich, ob er je authentisch schreiben wird oder nur gut nachmachen.
Die Tischlermeisterin Theres, 58, klappt einen Holzmusterkoffer auf.
„Massiv, Furnier oder Folie?“
Adrian zeigt auf das glänzendste Brettchen.
„Das sieht doch aus wie Holz.“
Theres klopft mit dem Knöchel darauf.
Es klingt hohl.
„Sieht aus wie Holz“, sagt sie.
„Ist aber ein Foto von Holz.“
Adrian muss an seinen letzten Siegertext denken.
Der klang auch nach Holz.
Adrian und Theres gibt es so nicht. Aber das Gefühl, mit einem Text zu gewinnen, der sich nicht nach dir anfühlt, kennen viele.
Kennst du das?
Du schreibst, was funktioniert.
Was Punkte bringt.
Was sicher ist.
Und irgendwann merkst du: Das Publikum klatscht, aber gemeint bist du gar nicht.
Authentisch schreiben ist das Gegenmittel.
Aber es bedeutet etwas anderes, als die meisten denken.
Heute öffnen wir einen Holzmusterkoffer.
Mit Klopfprobe, Astlöchern, Schleifpapier und ein paar Werkstattregeln, damit sich niemand verletzt.
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Jetzt Kanal folgenDer Musterkoffer: Authentisch schreiben heißt nicht, alles zu beichten
Viele glauben, authentisch schreiben heißt: alles beichten.
Die dunkelsten Geheimnisse, die tiefsten Wunden, möglichst nackt.
Quatsch!
Authentisch heißt nicht, dass du alles zeigst.
Es heißt, dass alles, was du zeigst, echt ist.
Wie Massivholz.
Du kannst es schleifen, ölen, bearbeiten, und es bleibt durch und durch Holz.
Ein Furnier ist anders.
Eine dünne Schicht echtes Holz, darunter Spanplatte.
Im Text ist das die eine ehrliche Zeile am Anfang, und danach kommen nur noch Floskeln.
Und Dekorfolie ist gedruckte Holzoptik.
Im Text ist das der Stil von jemand anderem.
Er sieht aus wie echt, bis jemand anklopft.
Stephen King nennt Bücher in seinem Schreibratgeber sinngemäß eine einzigartige, tragbare Magie.
Die Magie wirkt aber nur, wenn das Material echt ist.
Wenn es eine einzige Regel gibt, dann diese: Schreib den Text, bei dem dein Herz ein bisschen schneller schlägt.
Nicht den, der dir am besten gefällt.
Nicht den, der die meisten Likes bekommt.
Ein bisschen Angst ist ein gutes Zeichen.
Panik nicht, dazu kommen wir bei den Werkstattregeln.
Die Klopfprobe: Wo dein Text hohl klingt
Theres klopft jedes Brett ab, bevor sie es verbaut.
Wo sich ein Furnier gelöst hat, klingt es hohl.
Bei Texten geht das auch.
Lies deinen Text laut und hör hin.
Wo klingt er hohl?
Die Klopfprobe geht in drei Schritten.
Erstens: laut lesen, nicht nur im Kopf.
Zweitens: bei jedem Satz fragen, ob nur du ihn so sagen würdest.
Drittens: jede Zeile anstreichen, die genauso gut auf einer Postkarte stehen könnte.
Meistens sind es die Stellen, die du für den Applaus geschrieben hast.
Der sichere Gag.
Die Moral, die immer funktioniert.
Die Zeile, die klingt wie eine berühmte Slammerin.
Adrian liest Theres seinen Siegertext vor, mitten in der Werkstatt, zwischen Hobelbank und Leimzwingen.
Nach zwei Minuten legt sie das Schleifpapier weg.
„Da“, sagt sie, bei der dritten Strophe.
„Da hat’s hohl geklungen.“
Es war genau die Strophe, deren Tonfall er bei einem bekannten Slammer abgeschaut hatte.
Nicht geklaut, nur nachgemacht.
Aber nachgemacht klingt eben nach Folie.
Maserung und Astlöcher: deine eigene Stimme
Kein Baum hat die gleiche Maserung wie ein anderer.
Deine Stimme auch nicht.
Sie steckt in Wörtern, die nur du benutzt.
Im Satz, den deine Oma immer gesagt hat.
In deinem Dialekt, deinem Tempo, deinen schiefen Vergleichen.
Probier die Wörterdose.
Sammle eine Woche lang Wörter, die es nur in deiner Familie oder deinem Freundeskreis gibt.
Wie hieß bei euch die Fernbedienung?
Bei Adrian hieß sie „das Kommando“, und kein anderer Mensch auf der Welt nennt sie so.
Was hat dein Vater gesagt, wenn er stolz war, ohne es zu sagen?
Jedes dieser Wörter ist ein Stück Maserung, das niemand fälschen kann.
Und dann die Astlöcher.
Bei billigen Möbeln werden sie versteckt.
Bei Wildeiche bleiben sie drin, und gerade das macht den Tisch besonders.
Im Text sind Astlöcher die kleinen Makel, die dich verraten.
Die peinliche Einzelheit.
Der Fehler, den du immer wieder machst.
Das Detail, das nicht ins schöne Bild passt.
Kinder können das übrigens noch.
Sie sagen, was sie sehen.
„Papa, warum riechst du nach Rauch?“
„Oma, warum zittert deine Hand?“
Erwachsene lernen, solche Sätze höflich wegzulassen.
Im Alltag ist das oft richtig.
Auf der Bühne ist es ein Verlust.
Also merke: Finde das Kind in dir, das noch hinschaut.
Die Holzverbindung: Lüge, Bruch, Wahrheit
Holzverbindung · hält ohne Schrauben
Ein guter Tisch hält ohne Schrauben, weil die Teile ineinandergreifen.
Für viele echte Texte gibt es so eine Verbindung.
Am Anfang steht die Lüge, mit der du gelebt hast.
In der Mitte der Moment, in dem sie zerbrach.
Am Ende die Wahrheit, mit der du jetzt lebst.
„Ich dachte immer, ich bin der Lustige in der Familie.“
„Bis meine Schwester sagte, dass ich nur lustig bin, wenn es jemandem schlecht geht.“
„Jetzt weiß ich: Mein Humor war nie ein Talent, sondern ein Rettungsring.“
Dazu kommt die wichtigste Tischlerregel für Texte: zeigen statt erklären.
Erklärt klingt so: „Ich war sehr traurig, als meine Mutter starb, und fühlte mich allein.“
Gezeigt klingt so: „Ich rief ihren Namen in ein leeres Haus, und nur das Haus hat geantwortet.“
Noch eins.
Erklärt: „Ich war vor dem Auftritt total nervös.“
Gezeigt: „Mein Daumen hat den Zettel so lange geknickt, bis die erste Zeile weich war.“
Das Erklären ist Folie.
Das Zeigen ist Holz.
Der Querschnitt: Anatomie eines echten Textes
Querschnitt · „Werkbank“ von Adrian
Nach dem Besuch in der Werkstatt schreibt Adrian in einer Nacht einen neuen Text.
Er handelt von seinem Opa, der Tischler war.
Eine Woche später liest Theres ihn an der Hobelbank, Zeile für Zeile.
Warum trägt dieser Text?
Konkrete Bilder statt großer Gefühlswörter.
Eine Wiederholung, die sich unterwegs verändert.
Ein Bruch in der Mitte.
Und am Ende eine Gegenwart, in der der Sprecher etwas tut.
Kein Selbstmitleid, keine Moral.
Nur Holz.
Mängelliste: die sieben Furnier-Fehler
Sieben Mängel, und alle haben mit derselben Angst zu tun.
Mit der Angst, dass du allein nicht reichst.
Deshalb holst du dir Applaus, Glanz, Erklärungen, Nettigkeit und das perfekte Wort.
Applaus ist wie Lack: Er glänzt sofort, aber darunter sieht keiner mehr das Holz.
Schöne Texte lügen oft, weil das Leben nicht schön sortiert ist.
Nette Texte vergisst man auf dem Heimweg.
Und die Muse?
Die kommt zu denen, die schon an der Hobelbank stehen.
Deshalb wartest du nicht auf sie, sondern fängst einfach an.

Schleifprotokoll: vom Rohling zum Vortrag
Schleifprotokoll · vom Rohling zum Vortrag
Jack Kerouac tippte die erste Fassung von „Unterwegs“ im April 1951 in rund drei Wochen, auf zusammengeklebten Bögen, die eine lange Rolle ergaben.
Diese Rohfassung war wild und ungeschliffen.
Veröffentlicht wurde das Buch erst 1957, nach viel Überarbeitung.
Beides gehört zusammen.
Die Rohfassung bringt das Echte aufs Papier.
Das Schleifen macht es teilbar.
Aber hier kommt der Haken:
Wer zu fein schleift, schleift durch.
Dann ist vom Holz nichts mehr übrig, nur noch Glanz.
Und beim Vortrag, dem Öl, gilt: Du musst nicht schreien, nicht weinen, nicht zusammenbrechen.
Du musst nur da sein, mit dem, was du geschrieben hast.
Nicht verstecken, nicht verkaufen, nicht verwässern.
Ein gutes Werkzeug für die Rohfassung sind Briefe.
An jemanden, der dich geprägt hat.
An deinen größten Kritiker.
An einen Ort, der dich nicht loslässt.
„Liebe Bushaltestelle vor meiner alten Schule, du warst der einzige Ort, an dem niemand etwas von mir wollte.“
An das Universum, auch wenn du nicht glaubst, dass jemand mitliest.
Du musst den Brief nie abschicken.
Er ist nur der Rohling, aus dem später ein Text wird.
Und aus einem Rohling kann vieles werden.
Holzarten im Koffer · sieben Bauarten echter Texte
Achte darauf, an welcher Stelle aus einer nüchternen Zahl etwas Persönliches wird.
Genau das ist Schleifen: nicht glätten, sondern die Maserung freilegen.
Werkstattregeln: echt, aber sicher
In einer Tischlerei trägt man Schutzbrille und Gehörschutz.
Beim authentischen Schreiben brauchst du auch Schutz.
Du musst nicht deine offenste Wunde auf die Bühne tragen.
Schreib über das, was du tragen kannst.
Was noch zu frisch ist, gehört zuerst in ein Gespräch, zu Freunden oder zu Profis.
Schreiben kann guttun, aber es ersetzt keine Therapie.
Und wenn dich etwas nicht mehr loslässt: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Genauso wichtig: Deine Ehrlichkeit darf andere berühren, aber nicht vorführen.
Wer in deinem Text vorkommt, hat keinen Einfluss darauf, was du über ihn sagst.
Überleg dir gut, was du über echte Menschen erzählst.
Oft hilft es, Details zu ändern, Namen wegzulassen oder eine Szene zu verdichten.
Die Wahrheit eines Textes hängt selten an der Hausnummer.
Das Gesellenstück: Und Adrian?
Drei Wochen später liefert Theres das Regal.
Wildeiche, massiv, mit einem großen Astloch im obersten Brett.
„Das bleibt drin“, sagt sie.
„Ohne das Astloch wäre es einfach irgendein Regal.“
Am selben Abend steht Adrian beim Slam im Kulturbahnhof nebenan.
Er liest den Text über seinen Opa.
Keine Pointe nach dreißig Sekunden.
Keine geliehene Strophe.
Nur Nägel, Jahresringe und ein Satz, den er noch nie laut gesagt hat.
Er gewinnt nicht.
Aber nach dem Auftritt kommt ein älterer Mann zu ihm und erzählt von seinem Vater und dessen Werkbank.
Zehn Minuten lang.
Adrian hört zu.
Auf dem Heimweg merkt er, dass er zum ersten Mal nach einem Slam nicht an die Punkte denkt.
Zu Hause stellt er das erste Buch ins Regal, direkt neben das Astloch.
Also merke: Authentisch schreiben heißt nicht, alles zu beichten.
Es heißt, aus echtem Material zu bauen.
Mit Maserung, mit Astlöchern, mit Jahresringen.
Schreib heute einen Satz über etwas, das dir wichtig ist und das du noch nie laut gesagt hast.
Morgen noch einen.
Lies ihn dir selbst vor.
Spürst du dieses Kribbeln?
Das ist Holz.
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