Ein Wildwasser-Tourenbuch · Flow
Dein Flow beim Poetry Slam- So kannst unendlich sprechen

Sonntag, 10:30 Uhr, ein Kiesufer unter dem alten Eisenbahnviadukt.
Kerrin, 25, sitzt am Wasser und wartet auf ihren Flow.
Seit Wochen versucht sie, einen Text zu schreiben, der einfach fließt.
Stattdessen schreibt sie drei Zeilen, streicht zwei und liest die dritte so lange, bis sie ihr auch nicht mehr gefällt.
Auf der Bühne ist es noch schlimmer.
Sobald eine Zeile fehlt, steht sie da wie an einem trockenen Flussbett.
Neben ihr zieht ein Mann ein orangefarbenes Kajak aus dem Wasser.
Horst, 67, Kanutrainer, seit Jahrzehnten jedes Wochenende auf diesem Fluss.
Er schaut auf ihr Notizbuch, auf dem vor allem Durchgestrichenes steht.
„Du paddelst gegen die Strömung“, sagt er.
„Da kommt keiner in Fahrt.“
Kerrin und Horst gibt es so nicht. Aber das Gefühl, dass es einfach nicht fließen will, kennen alle, die schreiben und auftreten.
Kennst du das?
Manchmal läuft es.
Die Sätze kommen von selbst, die Zeit verschwindet, und plötzlich ist es zwei Uhr nachts.
Und manchmal kommt nichts, egal wie sehr du ziehst.
Der Unterschied hat einen Namen: Flow.
Er ist kein Zufall und kein Talent, das nur andere haben.
Es gibt Bedingungen, unter denen er wahrscheinlicher wird, und Techniken, mit denen du im Strom bleibst.
Und ehrlich gesagt: Unendlich sprechen kann niemand, auch nicht im Flow.
Aber du kannst lernen, nicht mehr auf dem Trockenen zu stehen.
Heute bekommst du dafür ein Tourenbuch für wildes Wasser.
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Jetzt Kanal folgenWas Flow wirklich ist: Csikszentmihalyi am Fluss
Der Flow-Kanal · nach Csikszentmihalyi
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Flow wird wahrscheinlicher, wenn das Ziel klar ist, die Rückmeldung sofort kommt und die Aufgabe zum Können passt.
Der Begriff stammt von dem Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi.
Schon in den 1960er-Jahren hatte er beobachtet, wie Malerinnen und Maler bei der Arbeit so versanken, dass sie Hunger und Müdigkeit vergaßen.
Später befragte er viele Menschen, die ähnlich in ihrer Tätigkeit aufgingen, von Kletterern bis zu Schachspielern.
Sein Buch „Flow“ erschien 1990 und machte das Wort weit über die Psychologie hinaus bekannt.
Flow beschreibt einen Zustand, in dem du ganz in einer Tätigkeit aufgehst.
Du bist konzentriert, ohne dich zu verkrampfen.
Du denkst nicht mehr darüber nach, wie du wirkst.
Die Zeit fühlt sich anders an, meistens kürzer.
Und die Tätigkeit selbst ist die Belohnung.
Für dich wichtiger sind aber die Bedingungen.
In Csikszentmihalyis Arbeiten tauchen drei immer wieder auf.
Erstens ein klares Ziel für den nächsten Schritt.
Zweitens eine unmittelbare Rückmeldung, ob es klappt.
Drittens eine Aufgabe, die zu deinem Können passt: fordernd, aber machbar.
Ist sie zu leicht, wird es langweilig.
Ist sie zu schwer, entsteht Angst.
Dazwischen liegt ein Kanal, und genau in diesem Kanal fließt es.
Horst nickt, als Kerrin ihm das vom Handy vorliest.
„Das ist Wildwasser“, sagt er.
„Stufe eins ist Ententeich, Stufe sechs ist Wahnsinn.“
„Fahren kannst du nur die Stufe, die zu dir passt.“
Schau dir das Video an und achte darauf, welche der Bedingungen bei dir am häufigsten fehlt.
Meistens ist es nicht das Talent, sondern das Ziel oder die Passung.
Die richtige Wildwasserstufe: Warum es nicht fließt
Wildwasserstufen · übertragen auf Schreiben und Bühne
Ententeich Langeweile
den zehnten Text in derselben Masche schreiben
leichte Strömung Langeweile
ein vertrautes Thema in vertrauter Form
Schwall und Wellen Flow
vertrautes Thema, neue Form
anspruchsvoll Flow für Geübte
schweres Thema, dazu ein Teil frei gesprochen
sehr schwer Angst
komplett improvisieren vor großem Publikum
Grenze der Befahrbarkeit Wahnsinn
alles auf einmal, beim dritten Auftritt
Wildwasser wird in sechs Schwierigkeitsstufen eingeteilt, von eins bis sechs.
Das erklärt, warum es bei Kerrin nicht fließt.
Sie will beim dritten Auftritt einen Text frei sprechen, der ein schweres Thema, eine neue Form und einen großen Saal auf einmal verlangt.
Das ist Stufe fünf für jemanden, der Stufe drei fährt.
Kein Wunder, dass sie kentert.
Vielleicht kennst du auch das Gegenteil.
Du schreibst den zehnten Text in derselben Masche, und er läuft zwar, aber du bist nicht dabei.
Das ist Stufe eins: sicher, aber tot.
Die Kunst ist, eine Stufe zu wählen, die dich gerade so fordert.
Ein neues Mittel ausprobieren, aber mit einem vertrauten Thema.
Ein schweres Thema, aber in einer Form, die du kannst.
Einen Teil frei sprechen, den Rest sicher im Kopf.
Also merke: Flow ist keine Frage des Mutes allein, sondern der Passung.
Technik 1 bis 4: Strömung lesen, Kehrwasser, Stromschnelle, Einstieg
Befahrungstechniken 1 bis 4
Technik 1 · Strömung lesen
Die Assoziationskette
So geht’s: beobachten, mit deinem Leben verbinden, weiterspinnen, nicht anhalten
Übung: fünf Minuten im Zug oder Café alles benennen, was du siehst, und jedes Ding mit einer Erinnerung verknüpfen
Ein gelber Regenschirm, gelb wie das Treppenhaus meiner Grundschule, in dem ich einmal eine Stunde auf meine Mutter gewartet habe.
Technik 2 · Kehrwasser fahren
Die Umkehrung
So geht’s: sag das Gegenteil von dem, was alle erwarten
Übung: nimm die Hauptaussage deines letzten Textes und dreh sie um
Ich vermisse dich überhaupt nicht. Ich habe nur deine Tasse noch nicht weggeräumt. Seit acht Monaten.
Technik 3 · Stromschnelle
Die Übertreibungsspirale
So geht’s: klein anfangen, größer werden, absurd werden und dann zurück zur Wahrheit
Übung: einen Alltagssatz in fünf Stufen steigern und mit einem ehrlichen Satz landen
Ich komme oft zu spät. Immer. Meine Uhr hat Urlaub beantragt. Ich lebe drei Minuten hinter der Welt. Vielleicht, weil ich Angst habe, zu früh da zu sein und zu warten, ob jemand kommt.
Technik 4 · Einstieg vom Ufer
Der persönliche Kommentar
So geht’s: ein großes Thema trifft deine kleine Erfahrung
Übung: nimm eine Schlagzeile und such die Stelle, an der sie dein Leben berührt
Die Bahn meldet Verspätungen. Ich habe auf Bahnsteigen mehr über mich gelernt als in drei Jahren Schule.
Horst erklärt, dass gute Paddler den Fluss lesen, bevor sie einsteigen.
Sie sehen, wo das Wasser zieht, wo es kreist und wo es gefährlich wird.
Für das Schreiben gibt es solche Techniken auch.
Sie sorgen dafür, dass die Strömung nicht abreißt.
Die Assoziationskette ist die einfachste: Alles, was du siehst, darf zum Anlass werden.
Der Trick ist, jede Beobachtung sofort mit deinem Leben zu verbinden.
Sonst bleibt es eine Liste.
Die Umkehrung funktioniert wie ein Kehrwasser: Du drehst gegen die erwartete Richtung und hast plötzlich Ruhe und Überraschung zugleich.
Die Übertreibungsspirale braucht unbedingt ihren letzten Schritt.
Wer nur übertreibt, bleibt bei Klamauk.
Wer am Ende zur Wahrheit zurückkehrt, hat einen Text.
Und der persönliche Kommentar macht aus großen Themen etwas, das nach dir klingt.
Das Publikum kennt die Schlagzeile schon.
Deine Geschichte dazu kennt es nicht.
Technik 5 bis 7: Welle, Wechselstrom, Treiben lassen
Befahrungstechniken 5 bis 7
Technik 5 · Mit der Welle gehen
Ja, und …
So geht’s: nimm jede Idee an und bau auf ihr auf, statt sie abzuwürgen
Übung: zehn Vergleiche mit „Ich bin wie …“ aufschreiben, einen wählen und zwei Minuten dazu erzählen
Ich bin wie ein Regenschirm, den jemand in der S-Bahn vergessen hat: nützlich, aber nur, wenn jemand an mich denkt.
Technik 6 · Wechselstrom
Der Gefühlswechsel
So geht’s: lustig und ernst im Wechsel, damit beides stärker wirkt
Übung: eine ernste Geschichte nehmen, drei komische Momente darin finden und einen Satz, der einfach wahr ist
Erst die Pointe über den kaputten Fahrstuhl im Krankenhaus, dann der Satz über die Hand, die man hält.
Technik 7 · Treiben lassen
Der Bewusstseinsstrom
So geht’s: sprich ungefiltert, was dir durch den Kopf geht, und such dir hinterher die besten Stellen
Übung: zehn Minuten sprechen und aufnehmen, dann anhören und markieren
Ein Beispiel dafür steht direkt unter diesen Karten.
Aus meiner Werkstatt
Ein Stück aus meinem eigenen Bewusstseinsstrom, entstanden, als ich über Michael „Bully“ Herbig schrieb:
„Ich sitze hier und schreibe über Bully Herbig und frage mich, ob Bully jemals über mich schreiben würde. Wahrscheinlich nicht. Ich bin nicht berühmt genug. Bin ich überhaupt berühmt? In meiner Blase schon. Aber Blasen platzen. Wie Seifenblasen. Ich mochte Seifenblasen als Kind. Jetzt mache ich Textblasen. Das ist quasi das Gleiche. Vergängliche Schönheit, die in der Luft zerplatzt.“
Das ist Material!
Das Prinzip „Ja, und …“ stammt aus dem Improvisationstheater.
Wer eine Idee abwürgt, bevor sie sich entfalten kann, bremst den ganzen Fluss.
Beim ersten Schreiben gilt deshalb: Jede Idee darf ins Boot, aussortiert wird später.
Der Gefühlswechsel ist die Technik für Fortgeschrittene.
Lachen öffnet, Ernst trifft, und gerade der Wechsel macht beides stärker.
Nimm dafür aber Geschichten, die schon ein Stück verheilt sind.
Und der Bewusstseinsstrom ist die Technik, die am meisten Material liefert und am meisten Aufräumarbeit braucht.
Zehn Minuten reden, eine Minute davon ist Gold.
Diese eine Minute reicht.

Kehrwasser, Walze, Zunge: Pausen und Gedankenschleifen
Flusskarte · drei Stellen, die du kennen musst
Zunge
die glatte Bahn, die in die Stromschnelle führt → dein roter Faden
Kehrwasser
ruhiges Wasser hinter einem Felsen → deine Pause
Walze
Rückströmung, die festhält und umwälzt → die Gedankenschleife
Wer im Wildwasser fährt, braucht drei Dinge, die mit Tempo wenig zu tun haben.
Das Kehrwasser ist die ruhige Zone hinter einem Felsen, in der das Wasser kreist oder sogar zurückfließt.
Dort ruhen sich Paddler aus, schauen voraus und planen die nächste Linie.
Auf der Bühne ist das Kehrwasser die Pause.
Flow heißt nicht, ohne Luft durchzurasen.
Wer im Flow ist, kann eine Pause machen, ohne herauszufallen.
Gefährlicher ist die Walze.
Hinter einer Stufe kann das Wasser eine Rolle bilden, die alles festhält, was hineingerät, und immer wieder umwälzt.
Beim Schreiben ist das die Gedankenschleife: derselbe Satz, zehnmal umgebaut, nie weiter.
Paddler lernen, Walzen zu erkennen und zu umfahren.
Du kannst das auch: Wenn du dreimal an derselben Zeile hängst, markier sie und schreib dahinter weiter.
Die Zunge schließlich ist die glatte, V-förmige Wasserbahn, die in eine Stromschnelle hineinführt.
Wer sie findet, fährt sauber hindurch.
Im Text ist die Zunge dein roter Faden, der eine Gedanke, dem du folgst, wenn es wild wird.
Die Eskimorolle: Wenn du auf der Bühne kenterst
Eskimorolle · der Weg zurück nach dem Hänger
Im Boot bleiben – nicht fliehen, nicht entschuldigen
Kurz sammeln – ein Atemzug, ein Blick in den Saal
Schwung holen – greif auf, was gerade da ist: Raum, Geräusch, Moment
Kopf zuletzt – zurück in den Text, an der nächsten sicheren Stelle
Geübt wird im ruhigen Becken, nicht erst im Wildwasser.
Irgendwann kenterst du.
Eine Zeile fehlt, der Text ist früher zu Ende als gedacht, oder jemand ruft etwas dazwischen.
Anfänger steigen dann aus.
Im Kajak heißt das: raus aus dem Boot, schwimmen, alles nass.
Geübte rollen sich wieder hoch, ohne das Boot zu verlassen.
Die Eskimorolle übt man übrigens nicht im Wildwasser, sondern im ruhigen Becken, immer wieder.
Für die Bühne heißt das: Trainier deinen Weg zurück, bevor du ihn brauchst.
Dabei helfen die Flow-Techniken.
Wenn dir eine Zeile fehlt, greif auf, was gerade da ist: den Raum, das Mikro, das Geräusch.
Das ist Technik 1, Strömung lesen.
Sag einen Satz dazu, und such dann den Weg zurück zu deinem Text.
Übe das zu Hause: Lass dir mitten im Vortrag ein Wort zurufen, bau es in einen Satz ein und kehr zum Text zurück.
Nach ein paar Runden verliert das Kentern seinen Schrecken.
Hör dir die Folge an und achte darauf, welche der Techniken bei dir am meisten Strömung erzeugt.
Mit der fängst du an.
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Zwei Wochen später, Sonntag, derselbe Kiesstrand.
Kerrin hat einen neuen Text, und diesmal hat sie sich eine Stufe ausgesucht, die zu ihr passt.
Ein vertrautes Thema, ihre Großmutter und deren Küchenradio, dazu eine neue Form: Zwei Minuten davon spricht sie frei.
Beim Schreiben hat sie die Stromschnelle benutzt und ist am Ende bei einem Satz gelandet, der sie selbst überrascht hat.
Am Freitag darauf steht sie auf der Bühne.
Mitten im freien Teil geht die Tür auf, und jemand kommt mit einem klappernden Tablett herein.
Früher wäre sie ausgestiegen.
Diesmal sagt sie: „Genau so klang das Radio meiner Oma, wenn der Sender weg war.“
Der Saal lacht, und Kerrin findet zurück in ihren Text, als hätte es die Tür nie gegeben.
Die Zeit vergeht so schnell, dass sie erschrickt, als der Applaus kommt.
Das ist Flow.
Am Sonntag erzählt sie Horst davon.
Er schreibt etwas in sein Fahrtenbuch und dreht es zu ihr um.
Fahrtenbuch · Eintrag von Horst
„Eine Kenterung, eine Rolle“, sagt er.
„Mehr kann man auf Stufe drei nicht verlangen.“
Also merke: Flow ist kein Geschenk, auf das du warten musst.
Er wird wahrscheinlicher, wenn das Ziel klar ist, die Rückmeldung schnell kommt und die Aufgabe zu deinem Können passt.
Unendlich sprechen kann niemand.
Aber mit den richtigen Techniken stehst du nicht mehr auf dem Trockenen, wenn es einmal nicht weitergeht.
