Ein Stunt-Probenbuch · Redeangst
Redeangst: Vom Flüstern zum Beben: Die geheime Macht der Poetry Slammer enthüllt

Donnerstag, 17:58 Uhr, die Stadtbibliothek im alten Bahnhofsgebäude.
Derya, 31, soll in zwei Minuten durchsagen, dass die Bibliothek gleich schließt.
Ein Satz ins Mikrofon, mehr nicht, und ihre Redeangst macht daraus einen Berg.
Ihr Mund ist trocken.
Ihre Hand am Knopf der Sprechanlage zittert.
Am Ende schreibt sie die Durchsage auf einen Zettel und hängt ihn an die Tür.
Und in drei Wochen soll sie beim ersten Poetry Slam der Bibliothek einen eigenen Text lesen.
Sie hat Ja gesagt, weil Nein sagen noch schwerer war.
Am Abend sitzt sie bei ihrer Freundin Ilona in einem alten Lokschuppen am Stadtrand.
Ilona, 58, bildet dort Stuntleute aus.
Auf dem Hallenboden liegen blaue Matten, von der Decke hängt ein Seil.
„Du hast Angst?“, fragt Ilona.
„Gut, dann können wir arbeiten.“
Derya und Ilona gibt es so nicht. Aber das Zittern vor dem ersten Satz kennen sehr viele Menschen, auch solche, denen man es nie ansehen würde.
Kennst du das?
Du hast etwas zu sagen.
Aber sobald Menschen zuhören, wird deine Stimme dünn.
Dein Herz schlägt bis zum Hals, und dein Kopf flüstert: Blamier dich bloß nicht.
Vielleicht hast du deshalb schon Referate getauscht, Reden verschoben, Einladungen ausgeschlagen.
Hier kommt die gute Nachricht: Du musst deine Redeangst nicht loswerden, um auf eine Bühne zu gehen.
Du musst nur lernen, mit ihr zu arbeiten.
Genau das machen Stuntleute jeden Tag.
Sie haben Angst, und sie springen trotzdem, weil sie geprobt, gesichert und in Stufen gearbeitet haben.
Am Ende erfährst du, wie Deryas erster Slam gelaufen ist.
Und was sie am Tag danach um 17:58 Uhr gemacht hat.
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Ilona zeigt auf die blauen Matten.
„Weißt du, wer hier die gefährlichsten Leute sind?“
Derya schüttelt den Kopf.
„Die, die keine Angst haben.“
Stuntleute stürzen Treppen hinunter, springen von Gerüsten, fallen durch Scheiben, die nur aussehen wie Glas.
Keiner von ihnen tut das ohne Angst.
Die Angst ist ihr Warnsystem.
Sie sagt: Hier kann etwas schiefgehen, also bereite dich vor.
Mit deiner Redeangst ist es genauso.
Sie ist kein Beweis dafür, dass du nicht auf die Bühne gehörst.
Sie ist ein Zeichen dafür, dass dir etwas wichtig ist.
Und du bist damit in großer Gesellschaft, denn Redeangst gehört zu den häufigsten Ängsten überhaupt.
Aber hier kommt der Haken: Deine Angst übertreibt.
Die Psychologen Kenneth Savitsky und Thomas Gilovich haben 2003 eine Studie zur sogenannten Illusion der Transparenz veröffentlicht.
Gemeint ist das Gefühl, alle könnten dir die Nervosität von der Stirn ablesen.
Tatsächlich sieht das Publikum viel weniger davon, als du glaubst.
Und jetzt kommt das Beste: Wer das vor seiner Rede erfuhr, hielt die bessere Rede.
Nach eigenem Urteil und nach dem Urteil der Zuschauer.
Also merke: Du wirkst ruhiger, als du dich fühlst.
Schreib dir diesen Satz auf.
Er ist deine erste Sicherung.
Die Probenleiter: in vier Stufen zum Take
Probenleiter · von unten nach oben
Take · Saal
Der Slam.
Sicherung: alles, was du geprobt hast
Volles Tempo · kleine Runde
Offene Bühne, Lesekreis, Geburtstagsrunde.
Sicherung: niemand vergibt Punkte
Halbes Tempo · ein Mensch
Vorlesen für jemanden, dem du vertraust.
Sicherung: vorher sagen, dass du nur übst
Markierprobe · Zeitlupe
Allein, laut, im Stehen, ganz langsam.
Sicherung: niemand hört zu
Kein Stunt wird zum ersten Mal vor laufender Kamera gemacht.
Ilona erklärt Derya, wie ein Sprung geprobt wird.
Erst in Zeitlupe, jede Bewegung markiert.
Dann in halbem Tempo, auf die Matte.
Dann in vollem Tempo, noch ohne Kamera.
Und erst dann kommt der Take.
Genau so baust du deinen ersten Auftritt.
Das Prinzip kennen auch Psychologinnen: Wer sich einer Angst in kleinen Schritten nähert, statt ihr auszuweichen, macht sie meist kleiner.
Wer ausweicht, füttert sie.
Jedes Nein zur Bühne fühlt sich kurz wie Erleichterung an und macht das nächste Ja schwerer.
Ein berühmtes Beispiel dafür liefert der Investor Warren Buffett.
Nach seiner eigenen Erzählung hatte er als junger Mann so große Angst vor dem Reden, dass er sich für einen Rhetorikkurs anmeldete und die Zahlung gleich wieder stoppte.
Beim zweiten Anlauf zahlte er bar, damit er nicht mehr kneifen konnte.
Später erzählte er, in seinem Büro hänge nicht sein Uni-Abschluss, sondern das Zertifikat dieses Kurses.
Bonus: Mach es wie er und melde dich für eine offene Bühne an, bevor du dich bereit fühlst.
Die Zusage ist deine Barzahlung.
Achte beim Zuschauen darauf, welche Idee du auf deine nächste Stufe der Probenleiter mitnehmen kannst.
Stunt 1 bis 3: Double, Stolperer, Freeze
Ilonas erster Rat klingt verrückt.
„Gib deiner Angst einen Namen.“
Derya überlegt kurz und nennt sie Frau Zitterlein.
Im Film springt das Double, damit der Star heil bleibt.
Auf der Bühne darf dein Double sprechen, damit du Luft bekommst.
Ein Satz wie „Darf ich vorstellen: meine Redeangst, sie sitzt heute in der ersten Reihe und hält sich die Ohren zu“ nimmt dir und dem Saal den Druck.
Die zweite Karte kommt direkt aus der Stuntschule.
Stuntleute fallen nicht aus Versehen, sie fallen geprobt.
Wenn du einen kleinen Stolperer einbaust und dich korrigierst, zeigst du dem Saal: Hier steht ein Mensch.
Und dem echten Stolperer nimmst du den Schrecken, weil er aussieht wie der geprobte.
Bei der dritten Karte steht Ilona einfach still.
Drei Sekunden, vier, fünf.
Derya wird nervös, Ilona nicht.
„Merkst du was?“, fragt sie.
„Wer die Pause hält, hat den Saal.“
Wenn die Angst hochkommt, sprich nicht schneller.
Halte an und atme einmal lang aus.
Eine Pause sieht von außen fast immer gewollt aus.
Stunt 4 bis 6: Körperrolle, Sturz nach vorn, Purzelbaum
Nervosität ist Energie, die irgendwohin will.
Wenn du sie festhältst, kommt sie als Zappeln heraus.
Gib ihr lieber einen Weg: einen Schritt nach vorn beim wichtigsten Satz, eine Hand, die zeigt, was du meinst.
Was der Körper vor dem Auftritt alles veranstaltet, steht hier: Lampenfieber: der Körper darf zittern.
Der Sturz nach vorn ist Selbstironie.
Wer sich zuerst selbst ein bisschen auf den Arm nimmt, dem kann der Saal nichts mehr wegnehmen.
Aber Achtung: Selbstironie ist liebevoll.
Sie macht dich nicht klein, sie macht dich nahbar.
Ein Satz wie „Ich habe mich freiwillig hierfür angemeldet, das sagt einiges über mein Urteilsvermögen“ reicht völlig.
Kinder mit sieben reden oft einfach drauflos, ohne sich zu fragen, wie das ankommt.
Schreib eine Passage deines Textes aus der Sicht deines siebenjährigen Ichs.
Oft entsteht genau dort der ehrlichste Satz des ganzen Textes.

Stunt 7 bis 9: Kostüm, Running Gag, Warnsystem
Manchmal ist es leichter, in einer Rolle zu sprechen.
Als Bahnhofsuhr, die seit Jahren zusieht, wie Menschen ihren Zug verpassen.
Als Fahrkartenautomat, der sich über seine Kundschaft wundert.
Die Rolle ist dein Kostüm, und im Kostüm traut man sich mehr.
Beim Running Gag wird die Angst selbst zur Pointe.
Wenn deine Stimme wackelt, sagst du: „Das war der Bass.“
Beim zweiten Mal lacht der Saal schon, bevor du fertig bist.
So gehört der Wackler plötzlich zur Show.
Die letzte Karte ist die wichtigste.
Deine Redeangst wird vielleicht nie ganz verschwinden.
Mit jeder Probe und jedem Auftritt wird sie aber meist leiser.
Behandle sie wie eine Kollegin, die etwas zu oft Alarm schlägt.
Du hörst sie an, du bedankst dich, und dann machst du deinen Job.
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Jetzt Kanal folgenSicherheitsbesprechung: wann du Hilfe holst
In Ilonas Halle gibt es eine Regel, die über allen anderen steht.
Wenn jemand sagt, dass es nicht mehr geht, wird abgebrochen.
Kein Take ist wichtiger als ein Mensch.
Das gilt auch für dich.
Aufregung vor einem Auftritt ist normal.
Aber wenn die Angst dein Leben eng macht, ist sie mehr als Lampenfieber.
Dann sprich mit deiner Hausarztpraxis oder mit einer Psychotherapeutin.
Soziale Ängste lassen sich oft gut behandeln, und Hilfe zu holen ist kein Scheitern.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Wer lieber zuhört als liest, findet das Thema auch als Folge im Bahn-Slam-Podcast.
Achte beim Hören darauf, welcher Gedanke dich an deine eigene Angst erinnert.
Und Derya?
Freitag, 19:30 Uhr, drei Wochen später.
Die alte Schalterhalle der Bibliothek ist voll, die Stühle reichen nicht.
Derya ist als Dritte dran.
Ihre Hände sind kalt, ihr Herz rast, Frau Zitterlein ist pünktlich.
Derya geht nach vorn und bleibt kurz stehen.
Freeze.
Dann sagt sie: „Darf ich vorstellen: meine Redeangst, Frau Zitterlein, sie sitzt heute in der ersten Reihe.“
Der Saal lacht, und in der ersten Reihe drehen sich zwei Leute suchend um.
Im dritten Absatz wackelt Deryas Stimme.
„Das war der Bass“, sagt sie.
Beim zweiten Mal lacht der Saal schon, bevor sie fertig ist.
Sie liest bis zum letzten Satz.
Gewinnen wird sie an diesem Abend nicht, am Ende steht sie auf Platz drei von sechs.
Aber als der Applaus kommt, merkt sie, dass sie gar nicht mehr an Frau Zitterlein denkt.
Vermerk der Regie: im Kasten!
Am nächsten Tag um 17:58 Uhr steht Derya wieder an der Sprechanlage.
Sie drückt den Knopf.
„Liebe Besucherinnen und Besucher, die Bibliothek schließt in wenigen Minuten.“
Ihre Stimme zittert ein kleines bisschen.
Sie sagt den Satz trotzdem zu Ende.
Und an der Tür hängt kein Zettel.
So sieht die geheime Macht der Poetry Slammer aus.
Nicht keine Angst zu haben, sondern mit ihr auf die Bühne zu gehen.
Vom Flüstern zum Beben, eine Probe nach der anderen.
Fang heute an: Lies deinen Text einmal laut, allein, in Zeitlupe.
Das ist deine erste Markierprobe.
Du schaffst das.
