Science Slam: Wissen mit Pointe
Ein Mensch steht auf einer Bühne und hat zehn Minuten, um vier Jahre Arbeit zu erklären.
Das Publikum ist im Zweifel betrunken, hat mit dem Thema nichts zu tun und stimmt am Ende per Applaus ab.
Das klingt nach einem grausamen Versuchsaufbau, und genau das ist es. Nur läuft der Versuch nicht mit dem Thema, sondern mit dem Vortrag.
Und aus keinem anderen Format kannst du so viel für deine eigenen Texte mitnehmen.
Wer Forschung in zehn Minuten unterhaltsam erklären kann, beherrscht das Handwerk. Punkt.
Fangen wir mit dem an, was das Format so brauchbar macht.
Ein Science Slam ist nämlich ein Poetry Slam mit einer zusätzlichen Fessel.
Der Inhalt steht nämlich schon fest und darf nicht verändert werden.
Du kannst dir also nicht das Thema aussuchen, das gut funktioniert.
Deshalb geht es hier nicht nur darum, was ein Science Slam ist.
Es geht darum, was du dir davon holst, auch wenn du nie an einem teilnimmst.
Die Methode, die nach Richard Feynman benannt ist
Richard Feynman war Physiker und bekam 1965 den Nobelpreis.
Berühmt wurde er auch dafür, wie er erklärte.
Nach ihm ist eine Lerntechnik benannt: Erkläre ein Thema so, dass es jemand ohne Vorwissen versteht.
Wo du ins Stocken gerätst, hast du eine Lücke. Dort liest du nach und erklärst noch einmal.
Für einen Science Slam ist das die ganze Vorbereitung in einem Satz.
Der ehrliche Haken: Feynman selbst hat diese Methode nie so aufgeschrieben. Sie wurde ihm zugeschrieben und erst nach seinem Tod nach ihm benannt.
Der Gedanke funktioniert trotzdem. Er stammt nur nicht wörtlich von ihm.
Was in diesem Beitrag steht
Wie ein Science Slam abläuft, wer mitmachen darf und wie das Format entstanden ist.
Außerdem fünf Kniffe, die dort selbstverständlich sind und in Poetry-Slam-Texten selten vorkommen.
Dazu kommen zwei Untersuchungen: eine darüber, warum Erklären beim Verstehen hilft, und eine darüber, wann Humor tatsächlich etwas bringt.
Außerdem ein Versuchsblatt mit dem Aufbau eines Zehnminüters.
Zum Mitmachen gibt es fünf Kniffe, sieben Proben und zwei deutsche Videos.
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Jetzt Kanal folgenWie das Format funktioniert
Die Regeln sind übersichtlich und in einem Absatz erklärt.
Die vier Grundregeln beim Science Slam
Zunächst gilt ein Zeitlimit von zehn Minuten.
Außerdem muss es die eigene Forschung sein, nicht irgendein Thema, das man interessant findet.
Drittens ist bei den Hilfsmitteln fast alles erlaubt: Folien, Requisiten, Verkleidungen, Experimente auf offener Bühne.
Und schließlich entscheidet das Publikum, nicht eine Fachjury.
Woher der Science Slam kommt
Der erste Science Slam fand 2006 in Darmstadt statt.
Damit ist das Format deutlich jünger als der Poetry Slam.
Von dort hat er sich über den deutschsprachigen Raum verbreitet und findet inzwischen in Clubs, Theatern und Kneipen statt.
Es gibt eine deutsche Meisterschaft, die auch schon im Fernsehen lief.
Mitmachen darf grundsätzlich, wer einen Hochschulabschluss hat und an einem eigenen Forschungsprojekt gearbeitet hat.
Die zweite Zeile ist die härteste Einschränkung überhaupt.
Denn ein Poetry-Slam-Text darf übertreiben, verdichten und erfinden.
Ein Science-Slam-Vortrag darf das nicht, weil hinterher jemand nachlesen kann.
Wer unter dieser Bedingung trotzdem unterhält, kann etwas.
Auflösung
Der Griff: streich alles, was nicht die eine Frage beantwortet
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt einen Handgriff, den gute Science Slammer beherrschen und den fast niemand sonst anwendet.
Nicht: Worum geht es? Sondern: Welche eine Frage beantworte ich, und was davon braucht das Publikum wirklich?
Ein Science Slammer, der vier Jahre Arbeit in zehn Minuten bringen muss, hat gar keine Wahl. Er streicht neunzig Prozent. Du hast die Wahl und streichst deshalb meistens zu wenig.
Das war es.
Eine Frage, alles andere raus.
Warum Streichen im Vortrag so schwer fällt
Vor allem weil jeder Teil für dich einen Grund hat, dort zu stehen.
Du weißt, warum diese Nebenbemerkung wichtig ist.
Und du weißt es zu genau.
Außerdem hast du an manchen Stellen lange gearbeitet und willst das zeigen.
Und schließlich fühlt sich Streichen wie Verlust an, obwohl es das Gegenteil ist.
Wie du die eine Frage deines Vortrags findest
Zunächst erzählst du jemandem in zwei Sätzen, worum es geht.
Achte darauf, was du dabei automatisch weglässt.
Das ist meistens richtig.
Außerdem frag danach, was dein Gegenüber wissen wollte.
Und schließlich schreib die Frage auf und häng sie über den Schreibtisch, während du überarbeitest.
Alles andere folgt daraus. Die Klarheit, das Tempo, der Verzicht auf Nebenschauplätze, sogar der Humor.
Wer sich die Fessel freiwillig anlegt, bekommt den Rest fast geschenkt.
Fünf Kniffe, die du dir klauen kannst
Jetzt wird es konkret.
Fünf Handgriffe, die im Science Slam üblich sind und im Poetry Slam selten.
Bei jedem steht, wie es dort läuft, was du übernimmst und warum es wirkt.
Die zwei Kniffe, die am meisten bringen
Warum Erklären beim Verstehen hilft
Es gibt einen Grund, warum Forschende nach einem Science Slam sagen, sie hätten ihr eigenes Thema besser verstanden.
Leonid Rozenblit und Frank Keil von der Yale University haben ihn 2002 in Cognitive Science beschrieben.
Der Aufsatz heißt The Misunderstood Limits of Folk Science und führt einen Begriff ein: die Illusion der Erklärtiefe.
Wie die Untersuchung zum Erklären ablief
Die Beteiligten sollten einschätzen, wie gut sie verstehen, wie alltägliche Dinge funktionieren.
Also etwa ein Reißverschluss, eine Toilettenspülung oder ein Kühlschrank.
Danach sollten sie Schritt für Schritt aufschreiben, wie das Ding arbeitet.
Und anschließend ihre eigene Einschätzung noch einmal abgeben.
Was beim Erklären herauskam
Zunächst fiel die Selbsteinschätzung nach dem Aufschreiben deutlich ab.
Die Leute merkten beim Erklären, dass sie es gar nicht erklären konnten.
Bemerkenswert ist die Einschränkung, die die Autoren selbst nennen: Diese Illusion betrifft vor allem erklärendes Wissen.
Bei Tatsachen, bei Abläufen und bei Erzählungen fällt sie deutlich schwächer aus.
Was das für deinen Vortrag bedeutet
Zunächst ist Erklären kein Nebenprodukt des Verstehens, sondern ein Werkzeug dafür.
Deshalb lohnt es sich, einen Text jemandem zu erzählen statt ihn zu überarbeiten.
Denn wer einen Gedanken so umbaut, dass ein Fremder ihn versteht, merkt genau an den Stellen, wo es hakt, dass er selbst nicht ganz durchblickt.
Außerdem funktioniert das bei eigenen Texten genauso.
Und schließlich erklärt es, warum das Erzählen eines Textes an eine unbeteiligte Person so viel bringt.
Man hört sich selbst dabei stolpern.
Der ehrliche Haken, und er ist mehrteilig
Es ging um alltägliche technische Geräte und um Studierende einer einzelnen Universität.
Außerdem war die Zahl der Beteiligten pro Einzelversuch klein, auch wenn es insgesamt zwölf Versuche waren.
Drittens zeigt der Befund, dass die Selbsteinschätzung sinkt, und nicht, dass sie vorher objektiv falsch war.
Und schließlich haben die Autoren selbst gezeigt, dass sich die Illusion durch klare Anweisungen verringern lässt.
Sie ist also kein unausweichliches Naturgesetz.
Wann Humor tatsächlich etwas bringt
Jetzt zu der Annahme, auf der das ganze Format zu ruhen scheint.
Nämlich: Wer Wissen lustig verpackt, bleibt besser im Gedächtnis.
Robert Kaplan und Gregory Pascoe haben das 1977 im Journal of Educational Psychology überprüft.
Und das Ergebnis ist erfreulich unbequem.
Wie der Versuch aufgebaut war
Zunächst sahen fünfhundertacht Studierende eine zwanzigminütige Vorlesung.
Es ging um Persönlichkeitstheorie.
Und die Aufnahme gab es in vier Fassungen.
Erstens ganz ernst, zweitens mit Witzen, die den Stoff illustrierten, drittens mit Witzen ohne Bezug zum Stoff und viertens mit beidem.
Geprüft wurde direkt danach und noch einmal sechs Wochen später.
Was dabei herauskam
Was der Humorversuch ergab
Insgesamt schnitten die humorvollen Fassungen nicht besser ab.
Der Humor als solcher verbesserte weder das Verständnis noch das Behalten.
Nach sechs Wochen zeigte sich allerdings ein Unterschied an einer bestimmten Stelle.
Wer die Fassung mit den erklärenden Witzen gesehen hatte, schnitt bei genau den Fragen besser ab, die zu diesen Beispielen gehörten.
Der bezuglose Humor brachte gar nichts.
Was daraus für deine Texte folgt
Zunächst ist ein Witz, der nur ein Witz ist, im besten Fall wirkungslos.
Denn das Publikum lacht und behält davon nichts.
Außerdem erklärt es, warum die stärksten Slam-Zeilen fast immer beides tun.
Sie sind komisch und sie transportieren die Sache.
Und schließlich liefert es einen brauchbaren Prüfstein: Kannst du den Witz streichen, ohne dass Inhalt verlorengeht?
Dann trägt er nichts.
| Verbreitete Annahme | Was die Untersuchung nahelegt | Was du machst |
|---|---|---|
| Humor hilft beim Behalten. | Allgemein nicht. | Nicht auf Lacher allein setzen. |
| Hauptsache, sie lachen. | Lachen ist nicht Behalten. | Den Witz die Arbeit machen lassen. |
| Ein Einstiegswitz lockert auf. | Ohne Bezug wirkungslos. | Auch den Einstieg anbinden. |
| Mehr Witze, mehr Wirkung. | Nur die passenden zählen. | Weniger, dafür tragende. |
| Ernst wirkt seriöser. | Kein Nachteil beim Lernen. | Ernste Stellen ruhig stehen lassen. |
Die letzte Zeile ist die tröstlichste.
Denn wer glaubt, jede Minute müsse einen Lacher enthalten, baut Texte, die nach Bemühung klingen.
Die ernsten Stellen kosten dich nichts.
Sie machen die komischen erst wirksam.
Der ehrliche Haken, und er ist deutlich
Es ging um eine aufgezeichnete Vorlesung im Jahr 1977 und um Studierende.
Das ist etwas anderes als ein Abend in einem vollen Saal.
Außerdem ist es eine einzelne Untersuchung, wenn auch eine große.
Immerhin deuten spätere Überblicksarbeiten in dieselbe Richtung.
Eine Auswertung von über vier Jahrzehnten Forschung kam zu dem Schluss, dass Humor zwar Stimmung und Beziehung verbessert, die Wirkung aufs Lernen selbst aber viel schwächer ist als angenommen.
Der Aufbau eines Zehnminüters
Damit die Kniffe eine Reihenfolge bekommen, hier ein vollständiger Aufbau.
Sechs Teile.
Und sie funktionieren auch für einen Slam-Text.
Warum die Reihenfolge im Vortrag so wichtig ist
Die meisten fangen nämlich mit der Sache an und kommen erst spät zur Frage.
Dann sitzt das Publikum drei Minuten lang da und weiß nicht, worauf es hinausläuft.
Genau in diesen drei Minuten entscheiden Leute, ob sie zuhören.
Deshalb steht die Frage vorn und die Sache in der Mitte.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Wenn du selbst mitmachen willst
Manche Slammer haben tatsächlich einen Abschluss und ein Forschungsprojekt in der Schublade.
Für sie ist der Weg zum Science Slam erstaunlich kurz.
Was du für einen Science Slam brauchst
Zunächst einen Hochschulabschluss, meistens genügt ein Bachelor.
Außerdem ein eigenes Projekt, an dem du selbst gearbeitet hast.
Drittens die Bereitschaft, korrekt zu bleiben, auch wenn eine Übertreibung lustiger wäre.
Und schließlich zehn Minuten Material, was mehr ist, als es klingt.
Was dir dabei zugutekommt
Du kannst bereits vor Publikum stehen.
Und das ist die halbe Miete.
Denn die meisten Science Slammer kommen aus der Forschung und lernen das Bühnenhandwerk erst dort.
Außerdem hast du Übung darin, einen Bogen zu bauen, statt Punkte aufzuzählen.
Und schließlich weißt du, wie sich ein Raum anfühlt, in dem es kippt.
Wo du beim Science Slam anfängst
Zunächst besuch einen Abend als Zuschauer, am besten in deiner Stadt.
Außerdem lohnt es sich, einige Beiträge im Netz anzusehen.
Und zwar bewusst schlechte neben guten.
Drittens brauchst du eine Anmeldung.
Und die läuft über die Veranstaltenden der jeweiligen Reihe.
Und schließlich: Der erste Versuch wird zu lang.
Bei allen.
Auf einer Poetry-Slam-Bühne gibt es nichts außer dir. Beim Science Slam läuft hinter dir eine Präsentation, und die kann dir die Aufmerksamkeit stehlen.
Die Faustregel dort lautet: Eine Folie sagt eine Sache, und wenn du redest, steht auf ihr möglichst wenig. Wer beides gleichzeitig anbietet, verliert beides.
Was das Format nicht kann
Ein Abschnitt gegen die Begeisterung, weil sonst ein Werbetext daraus wird.
Die Kritik am Science Slam
Zunächst der Vorwurf, das Format belohne Unterhaltung stärker als Inhalt.
Dieser Einwand ist alt und trotzdem berechtigt.
Denn das Publikum kann fachlich nicht beurteilen, was es hört, und stimmt deshalb über den Vortrag ab.
Außerdem bevorzugt es Themen, die sich anschaulich machen lassen.
Ein Beitrag über Käfer an einem toten Reh hat es leichter als einer über Verwaltungsrecht.
Und das hat mit Forschungsqualität nichts zu tun.
Warum das trotzdem in Ordnung ist
Vor allem weil ein Science Slam keine Fachkonferenz sein will.
Er ist ein Abend in einer Kneipe, bei dem Leute etwas mitnehmen, das sie sonst nie gehört hätten.
Für die fachliche Bewertung gibt es andere Verfahren.
Und die sind dafür da.
Problematisch wird es erst, wenn jemand die Publikumswertung mit wissenschaftlicher Güte verwechselt.
Sondern dass hier Menschen auf eine Bühne gehen, die das nie vorhatten. Jemand, der vier Jahre über Bodenbakterien gearbeitet hat, steht plötzlich vor zweihundert Leuten und muss lernen, wo eine Pause hingehört.
Das ist eine ziemlich große Zumutung, und die meisten machen sie freiwillig. Davor habe ich Respekt.
Zehn Fehler beim Erklären auf der Bühne
Fünf beim Bauen, fünf beim Vortragen.
Sie gelten für beide Formate.
Fünf Fehler beim Bauen
Fehler 1: Mit dem Thema anfangen statt mit der Frage
Fehler 2: Zu wenig streichen
Fehler 3: Das Bild wechseln
Fehler 4: Witze ohne Bezug einbauen
Fehler 5: Zu viele Zahlen
Denn ein Science Slam scheitert selten am Thema und fast immer am Aufbau.
Fünf Fehler beim Vortragen
Fehler 6: Gegen die eigene Folie reden
Fehler 7: Überziehen
Fehler 8: Sich für das Thema entschuldigen
Fehler 9: Fachbegriffe stehen lassen
Fehler 10: Mit sich selbst enden
Sechs Schritte für einen Abend
Das reicht, um einen vorhandenen Text mit den Kniffen zu überarbeiten.
Drei Schritte zum Zuschauen
Schritt 1 – Drei Beiträge ansehen
Schritt 2 – Den Aufbau mitschreiben
Schritt 3 – Notieren, wann du weggehört hast
Drei Schritte an deinem Text
Schritt 4 – Die eine Frage aufschreiben
Schritt 5 – Zwei Kniffe einbauen
Schritt 6 – Jemandem erzählen
Denn Schritt sechs zeigt dir in zwei Minuten, was drei Überarbeitungen nicht zeigen.
Die Abnahme
Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.
Der Abend, an dem ich zum Publikum gehörte
Ich war zufällig bei einem Science Slam, weil ein Freund mich mitgeschleppt hatte.
Zugegeben bin ich mit einer gewissen Herablassung hingegangen.
Wissenschaftler auf einer Slam-Bühne, das klang nach gut gemeint.
Was mich umgeworfen hat
Eine Doktorandin erklärte etwas über Materialermüdung.
Ein Thema, bei dem ich vorher weggehört hätte, sofort und ohne schlechtes Gewissen.
Sie fing mit einer Büroklammer an, die sie so lange hin und her bog, bis sie brach.
Und die ganzen zehn Minuten blieb sie bei dieser Büroklammer.
Was ich mir davon geholt habe
Nicht die Büroklammer.
Denn die gehört ihr.
Sondern die Erkenntnis, dass ich in meinen Texten ständig das Bild wechsle.
Ich baue eine Metapher auf, lasse sie nach vier Zeilen fallen und nehme eine neue, weil die auch schön ist.
Sie hat nichts gewechselt.
Und genau deshalb hat es funktioniert.
„Ich bin hingegangen, um mir etwas anzusehen. Ich bin rausgegangen mit einem Handgriff, den ich seitdem in jedem zweiten Text benutze.“Meine Notiz danach — und der Grund für Kniff zwei
Wie ich meine Texte heute aufbaue
Inzwischen gilt: ein Bild pro Text.
Und es hält bis zum Schluss durch.
Außerdem schreibe ich die eine Frage auf, bevor ich anfange.
Und wenn ich in der Überarbeitung merke, dass ich eine zweite Metapher einbauen will, streiche ich meistens die erste Hälfte des Textes.
Das tut jedes Mal weh und ist jedes Mal richtig.
Was Klarheit nicht ersetzt
Die Kniffe aus diesem Beitrag machen deinen Text immerhin klarer.
Ob er berührt, entscheiden sie nicht.
Warum das Format hier an eine Grenze kommt
Ein Science Slam muss nämlich verständlich sein, das ist seine Aufgabe.
Ein Poetry-Slam-Text darf mehr: Er darf offen bleiben, wehtun oder eine Frage stehen lassen.
Deshalb klaust du dir die Klarheit und nicht die Absicht.
Kurz gesagt: Nimm den Aufbau mit und lass die Pflicht zur Auflösung zurück.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also das, was aus einem verständlichen Text einen macht, an den sich jemand am nächsten Morgen erinnert.
Die Klarheit holst du dir an einem Abend. Was du damit sagst, baust du dein Leben lang.
Eine Frage, ein Bild, ein Haken. Und das Ende gehört dem Publikum.
Übrigens habe ich der Doktorandin von damals nie gesagt, was ich mir mitgenommen habe.
Sie hat den Abend nicht gewonnen, wenn ich mich richtig erinnere.
Das ist ungefähr das Unfairste, was mir an Wertungen einfällt.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
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