Wie viel Privates verträgt ein Text?

Wie viel Privates verträgt ein Text?

Wie viel Privates verträgt ein Text?

Ein Eisberg treibt ruhig durchs Wasser. Man sieht nur ein Achtel von ihm.

Das ist kein Zufall. Genau deshalb wirkt er so.

Ernest Hemingway hat dieses Bild 1932 für das Schreiben benutzt. Was du weglässt, trägt den Text von unten.

Bei privaten Details gilt das doppelt.

Nähe berührt. Nacktheit verstört. Dazwischen liegt eine Wasserlinie, und du bestimmst sie.
LOT 01Was oben sichtbar istungefähr ein Achtel
LOT 02Was unten trägtder Rest
LOT 03Wichtigste Fragewem es nützt
LOT 04Häufigster Fehleralles zeigen
LOT 05Bester Zeitpunktspäter als du denkst

Die Frage stellt sich fast jeder, der etwas Persönliches schreibt.

Wie viel Privates darf ich zeigen?

Und ab wann ist es zu viel?

Die übliche Antwort lautet zwar: So viel, wie sich richtig anfühlt.

Das ist allerdings keine Hilfe.

Denn beim Schreiben fühlt sich fast alles richtig an.

Das Gefühl beim Schreiben und die Wirkung beim Zuhören haben wenig miteinander zu tun.

Deshalb geht es hier nicht um dein Gefühl, sondern um eine Prüfung.

Und um ein Bild, das seit fast hundert Jahren funktioniert.

Wie viel Privates preisgeben: ein Eisberg mit sichtbarem Achtel
Ein Achtel über Wasser. Der Rest trägt, ohne gesehen zu werden.

Was in diesem Beitrag steht

Wie viel du Privates preisgeben solltest, damit es dem Text dient und nicht schadet.

Du bekommst fünf Schichten, eine Prüfung und ein Tiefenblatt.

Dazu zwei Untersuchungen darüber, was Offenheit bei anderen auslöst.

Zum Mitmachen gibt es sieben Lotungen und zwei deutsche Videos.

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LOT 06

Der Eisberg und was er für dich bedeutet

Zuerst zur Herkunft des Bildes.

Denn es wird oft falsch verwendet.

Was Hemingway über das Weglassen schrieb

Zunächst einmal steht das Bild in seinem Buch über den Stierkampf von 1932.

Sinngemäß sagt er: Wenn ein Autor genug über sein Thema weiß, darf er Dinge weglassen.

Denn der Leser spürt sie trotzdem.

Und zwar so stark, als hätte der Autor sie hingeschrieben.

Ein Eisberg bewege sich so würdevoll, weil nur ein Achtel über Wasser ist.

Der Satz zum Weglassen, den fast alle vergessen

Denn Hemingway hängt eine Warnung an.

Wer Dinge weglässt, weil er sie nicht weiß, macht nur Löcher in seinen Text.

Das ist der entscheidende Zusatz.

Denn Weglassen wirkt nur dann, wenn darunter tatsächlich etwas liegt.

Ein Text ohne Privates ist also nicht automatisch geheimnisvoll.

Er kann auch einfach leer sein.

Der Text mit Loch
Du weißt es selbst nicht.
Du weichst aus.
Es bleibt vage.
Man merkt das Vermeiden.
Wirkt kalt.
Der Text mit Eisberg
Du weißt genau, was unten liegt.
Du entscheidest dich.
Es bleibt konkret.
Man spürt das Gewicht.
Wirkt nah.

Die erste Zeile ist der eigentliche Unterschied.

Zwar sagen beide Texte dasselbe nicht.

Aber nur einer weiß, was er verschweigt.

Und genau das hört man auch.

Deshalb geht es nicht darum, weniger zu wissen, sondern weniger zu zeigen.

Was macht das Weglassen bei Hemingway wirksam?
Auflösung
Das Wissen darunter. Wer aus Unwissen weglässt, macht Löcher — was Offenheit beim Publikum auslöst, steht in Lot 15.
Nähe berührt. Nacktheit verstört. Der Unterschied liegt in der Wasserlinie.
CLIP 1Autobiografisch schreiben: wie du anfängst
Ein Einstieg ins Schreiben über das eigene Leben. Gut als Grundlage, bevor es um die Dosierung geht.
LOT 09

Der Griff: frag, wem das Detail nützt

Jetzt der wichtigste Handgriff.

Er klärt die meisten Fälle in fünf Sekunden.

Der Griff
Frag bei jedem privaten Detail: Nützt es dem Text oder nur mir?

Dem Text nützt es, wenn der Zuhörer ohne dieses Detail etwas nicht verstehen würde.

Dir nützt es, wenn du dich danach erleichtert fühlst. Das ist ein guter Grund für ein Tagebuch und ein schlechter für eine Bühne.

Das war es also: zwei mögliche Antworten, eine davon streicht.

Ein Text ist kein Beichtstuhl. Und ein Publikum ist keine Therapiegruppe.
Wie viel Privates preisgeben: der Waschbär wählt zwischen zwei Seiten
Zwei Seiten, eine Entscheidung. Die Frage ist immer dieselbe.

Warum die Frage nach dem Nutzen so gut funktioniert

Zunächst braucht sie keine Regeln über Themen.

Denn dasselbe Detail kann in einem Text nötig und im nächsten überflüssig sein.

Außerdem trifft sie genau den Punkt, an dem es meistens kippt.

Nämlich dort, wo jemand nicht mehr erzählt, sondern etwas loswerden will.

Woran du merkst, dass ein privates Detail nur dir nützt

Erstens fühlst du dich beim Schreiben besser als vorher.

Zweitens wird der Text an dieser Stelle länger als nötig.

Drittens erklärst du Dinge, nach denen niemand gefragt hat.

Und viertens denkst du beim Lesen an eine bestimmte Person, die es hören soll.

Das ist dann kein Text, sondern eine Nachricht.

LOT 01Deine Prüfung
Nimm einen persönlichen Text und markier jedes private Detail.
Warum das kein Verbot ist
Es geht nicht darum, nichts Privates zu erzählen.

Annie Ernaux hat 2022 den Literaturnobelpreis bekommen. Die Begründung nennt den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie persönliche Erinnerung freilegt.

Beide Wörter zählen. Mut allein reicht nicht. Es ist die Schärfe, die aus einem Geständnis einen Text macht.
LOT 12

Fünf Schichten und wie tief du gehst

Jetzt wird es konkret.

Privates ist nämlich keine Ja-Nein-Frage.

Vielmehr gibt es Schichten.

Die Idee stammt aus der Forschung und passt gut zum Eisberg.

SCHICHT 1Die Fakten
Beruf, Wohnort, Alter, Familienstand
Das gibt jeder preis, und es kostet nichts. Auf der Bühne ist es nützlich, weil es dich verortet. Ein Text von einem Schichtarbeiter klingt anders als einer von einer Studentin.
Immer in Ordnung. Nutze es früh, damit man dich einordnen kann.
SCHICHT 2Die Meinungen
Was du magst, was dich ärgert
Hier fängt Persönlichkeit an. Deine Abneigung gegen Selbstbedienungskassen sagt mehr über dich als dein Geburtsjahr. Und sie gehört noch niemandem sonst.
Unbedenklich. Das ist der Bereich, in dem die meisten guten Texte spielen.
SCHICHT 3Die Erlebnisse
Was dir passiert ist
Eine Trennung, ein Umzug, ein verlorener Job. Das wirkt stark, weil es konkret ist. Und es betrifft meistens noch jemanden, der nicht gefragt wurde.
Geht, wenn du deine Hälfte erzählst. Mehr dazu im Beitrag über echte Personen.
Wie viel Privates preisgeben: eine verschlossene Kiste mit Schlüssel
Manches bleibt zu. Nicht weil es verboten wäre, sondern weil es nicht hilft.

Die zwei tiefsten Schichten

SCHICHT 4Die Gefühle
Scham, Angst, Schuld
Hier liegt die Wasserlinie bei den meisten Texten. Ein Gefühl zu benennen wirkt sehr stark. Es auszubreiten wirkt schnell wie eine Bitte um Trost.
Ein Satz reicht fast immer. Wenn du drei brauchst, erklärst du und erzählst nicht mehr.
SCHICHT 5Der Kern
Was du niemandem erzählst
Krankheit, Sucht, Gewalt, Gedanken, die dich erschrecken. Das kann auf einer Bühne funktionieren. Aber nur mit Abstand und nur, wenn du es schon verarbeitet hast.
Nicht als frische Wunde. Was gerade passiert, gehört in ein Gespräch und nicht in einen Text.
Die meisten guten Texte spielen in Schicht zwei und drei. Und leihen sich einen Satz aus Schicht vier.
LOT 02Deine Schicht
Ordne deinen Text einer der fünf Schichten zu.
LOT 15

Was Offenheit bei anderen auslöst

Es gibt einen Grund, warum persönliche Texte so gut ankommen.

Nancy Collins und Lynn Miller haben ihn 1994 im Psychological Bulletin zusammengetragen.

Sie werteten vierundneunzig Untersuchungen aus.

Die drei Befunde zur Offenheit

Erstens werden Menschen mehr gemocht, die Persönliches erzählen.

Und zwar mehr als solche, die an der Oberfläche bleiben.

Zweitens erzählen Menschen mehr, wenn sie jemanden ohnehin mögen.

Und drittens mögen sie jemanden mehr, nachdem sie ihm etwas erzählt haben.

Die drei Effekte hängen also zusammen.

Außerdem verstärken sie sich gegenseitig.

Was das für persönliche Texte auf der Bühne bedeutet

Zunächst erklärt der erste Befund, warum ein persönlicher Text sofort wirkt.

Denn du gibst etwas preis, und der Saal reagiert darauf mit Zuwendung.

Das ist kein Trick, sondern ein Grundmuster menschlicher Beziehungen.

Und genau deshalb ist es so verführerisch.

Es funktioniert nämlich auch dann, wenn der Text schlecht ist.

Persönliche Texte kommen an. Auch die schwachen. Das ist die eigentliche Gefahr.
Wie viel Privates preisgeben vor Publikum: der Waschbär liest im stillen Saal
Der Saal ist still. Das kann Ergriffenheit sein oder Verlegenheit.

Der Haken, der in derselben Arbeit steht

Immerhin weisen Collins und Miller auf einen älteren Befund hin.

Schon 1972 wurde vermutet, dass der Zusammenhang nicht gerade verläuft, sondern wie ein Bogen.

Also: Zu wenig Offenheit wirkt distanziert.

Mittlere Offenheit wirkt gut.

Sehr hohe Offenheit wirkt wieder schlechter.

Genau das ist der Punkt, um den es in diesem Beitrag geht.

Und es ist auch der Grund, warum die Wasserlinie so wichtig ist.

Der ehrliche Haken, und er ist deutlich

Zunächst geht es um Gespräche zwischen zwei Menschen, nicht um Bühnen.

Und ein Publikum kann nicht antworten.

Genau das unterscheidet einen Auftritt von einem Gespräch.

Außerdem stammen viele der ausgewerteten Untersuchungen aus dem Labor.

Und die Arbeit ist von 1994.

Der Bogen wiederum ist eine Vermutung von 1972, kein gesicherter Befund.

Er passt gut zu dem, was man auf Bühnen beobachtet.

Bewiesen ist er nicht.

LOT 19

Warum die Reihenfolge zählt

Es gibt eine zweite Sache, die für dich noch wichtiger ist.

Nämlich die Reihenfolge, in der du etwas preisgibst.

Irwin Altman und Dalmas Taylor haben dazu 1973 ein Buch veröffentlicht.

Das Bild von den Schichten

Dafür vergleichen sie einen Menschen mit einer Zwiebel.

Außen liegen die Fakten.

Weiter innen die Meinungen.

Ganz innen die Werte und Ängste.

Beziehungen entstehen, indem man sich Schicht für Schicht nach innen bewegt.

Und zwar in zwei Richtungen: in die Breite, also über mehr Themen, und in die Tiefe, also intimer bei einem Thema.

Was daraus für dein privates Material folgt

Der Kern springt nämlich nicht nach außen.

Wer im ersten Satz mit Schicht fünf beginnt, überspringt alle Schichten davor.

Für den Zuhörer fühlt sich das nicht nah an, sondern übergriffig.

Denn Nähe entsteht durch den Weg dorthin und nicht durch das Ziel.

Nicht die Tiefe berührt. Es berührt der Weg, den du jemanden mitgehen lässt.
nach Altman und Taylor 1973
Häufige AnnahmeWas das Modell nahelegtWas du machst
Je tiefer, desto stärker.Ohne Weg wirkt es fremd.Von außen nach innen bauen.
Gleich mit dem Kern anfangen.Überspringt alle Schichten.Erst verorten, dann öffnen.
Ein Thema reicht.Breite zählt auch.Mehrere Bereiche streifen.
Alles zeigen ist ehrlich.Auswahl ist auch ehrlich.Wasserlinie festlegen.
Das Publikum will alles.Es will mitkommen.Tempo ernst nehmen.

Die zweite Zeile erklärt das häufigste Missverständnis.

Viele glauben, ein starker Anfang sei ein besonders intimer Satz.

Tatsächlich wirkt genau der am schwächsten.

Denn niemand im Saal kennt dich in diesem Moment.

Wie viel Privates preisgeben: die Entscheidung am Schreibtisch
Am Ende entscheidest du an einem einzigen Abend, was oben bleibt.

Der ehrliche Haken, und er ist erheblich

Zunächst ist es ein Modell von 1973 und beruht auf Beobachtung.

Es beschreibt Beziehungen zwischen zwei Menschen über Monate.

Ein Auftritt dauert fünf Minuten.

Der Sprung dorthin ist meiner.

Außerdem wurde das Modell dafür kritisiert, dass es zu geradlinig denkt.

Beziehungen verlaufen nicht ordentlich von außen nach innen.

Manchmal erzählt man einem Fremden im Zug den Kern und dem Kollegen nach Jahren nicht.

LOT 23

Sechs Fragen vor dem Vorlesen

Damit du eine Prüfung hast, die nicht von deiner Stimmung abhängt.

Sechs Fragen, zusammen zwei Minuten.

Tiefenblatt · sechs Fragen
Frage 1
Nützt es dem Text?
Der Griff aus Lot 09. Würde man ohne dieses Detail etwas nicht verstehen?
Frage 2
In welcher Schicht bin ich?
Nach Lot 12. Und muss ich für diesen Text wirklich so tief gehen?
Frage 3
Gibt es einen Weg dorthin?
Nach Lot 19 wirkt der Kern ohne Vorbau fremd. Kommt der Zuhörer mit?
Frage 4
Ist es verarbeitet?
Frische Wunden gehören nicht auf eine Bühne. Nicht wegen der Zuhörer, sondern wegen dir.
Frage 5
Wer kommt noch drin vor?
Deine Geschichte gehört dir. Die von anderen nicht. Auch nicht, wenn sie deine Familie sind.
Frage 6
Kann ich es zwanzigmal lesen?
Ein Text wird oft gelesen. Was beim ersten Mal befreiend war, kann beim zehnten Mal wehtun.
Dazu eine Regel, die nichts kostet: Was du heute unbedingt vorlesen willst, liest du besser in einem Jahr.

Warum Frage sechs so unterschätzt wird

Ein Slam-Text lebt nämlich drei bis vier Jahre.

In dieser Zeit liest du ihn vielleicht vierzigmal.

Ein sehr persönlicher Text zwingt dich also, vierzigmal an dieselbe Sache zu denken.

Und zwar vor Publikum.

Manche halten das aus.

Andere merken nach dem zehnten Mal, dass sie sich damit etwas antun.

LOT 03Deine sechs Fragen
Geh deinen persönlichsten Text einmal durch.
Dein Link-Kompass

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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.

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Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

LOT 27

Vier Wege, Nähe ohne Nacktheit zu bauen

Jetzt der praktische Teil.

Denn Weglassen allein macht keinen Text.

Der Gegenstand statt des privaten Gefühls

Beschreib also nicht deine Trauer, sondern die Zahnbürste, die noch dastand.

Das ist der älteste Kniff überhaupt und der zuverlässigste.

Denn der Gegenstand ist konkret und trotzdem harmlos.

Und jeder im Saal ergänzt das Gefühl selbst.

Genau darum geht es beim Eisberg.

Der Nebensatz statt des Hauptsatzes

Außerdem wirkt eine schwere Sache stärker, wenn sie im Nebensatz steht.

Also nicht: Meine Mutter war Alkoholikerin, und das hat mich geprägt.

Sondern: Ich habe früh gelernt, Flaschen leise wegzuräumen.

Der zweite Satz sagt mehr und verlangt weniger vom Zuhörer.

Ein Detail, das nebenbei fällt, wiegt schwerer als eines, das angekündigt wird.
Wie viel Privates preisgeben und was zubleibt: eine Kiste
Die Kiste bleibt zu. Aber man sieht, dass sie schwer ist.

Die Zeitangabe als Abstand zum Privaten

Ein Satz wie damals oder mit siebzehn verändert übrigens alles.

Denn er sagt: Ich stehe heute woanders.

Ohne diese Angabe klingt jede schwere Stelle wie ein aktueller Notruf.

Mit ihr klingt sie wie eine Erinnerung.

Und Erinnerungen kann man teilen, ohne dass jemand helfen muss.

Der Ausschnitt statt des Lebens

Also nicht die ganze Krankheit, sondern ein Nachmittag im Wartezimmer.

Das ist derselbe Kniff wie bei fremden Themen: klein statt groß.

Ein Ausschnitt lässt sich genau erzählen.

Ein Lebensabschnitt nicht.

Und Genauigkeit ist es, die Nähe erzeugt.

Nicht Menge.

Was Joan Didion dazu gesagt hat
Ihr berühmtester Satz eröffnet 1979 einen Essay: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.

Der Satz wird meistens als Lob aufs Erzählen gelesen. Tatsächlich schrieb sie ihn in einer Zeit, in der ihre eigenen Geschichten für sie nicht mehr funktionierten.

Das ist der ehrlichere Teil: Erzählen ordnet etwas. Aber es heilt nichts. Wer das verwechselt, schreibt Texte, die etwas leisten sollen, was Texte nicht können.
LOT 04Deine vier Wege
Nimm eine schwere Stelle und probier zwei der vier Wege daran aus.
CLIP 2Warum du autobiografisch schreiben solltest
Über den Nutzen des Schreibens über das eigene Leben. Eine gute Ergänzung zur Frage nach der Dosierung.
LOT 31

Der Teil, der dich selbst betrifft

Bisher ging es um den Text.

Jetzt geht es um dich.

Was nach einem sehr persönlichen Text passiert

Nach einem sehr persönlichen Text kommen nämlich Leute auf dich zu.

Das ist meistens freundlich gemeint und trotzdem anstrengend.

Denn du hast gerade etwas erzählt, und nun erzählen andere zurück.

Rechne damit.

Und überleg dir außerdem vorher, ob du dafür Kraft hast.

Wenn es zu nah wird

Manchmal merkt man außerdem erst auf der Bühne, dass ein Text zu frisch ist.

Dann darfst du abbrechen.

Das ist erlaubt.

Außerdem nimmt es niemand übel.

Außerdem darfst du einen Text aus dem Programm nehmen, auch wenn er gut ankommt.

Ein Text, der dir jedes Mal etwas kostet, ist den Applaus nicht wert.

Vorab und deutlich
Ich bin weder Therapeut noch Berater. Dieser Beitrag handelt vom Schreiben und nicht vom Verarbeiten.

Wenn dich ein Thema so beschäftigt, dass du es unbedingt loswerden musst, ist eine Bühne der falsche Ort dafür. Nicht weil es verboten wäre, sondern weil ein Publikum nicht antworten kann.

Dafür gibt es Beratungsstellen, Hausärztinnen und die Telefonseelsorge, die rund um die Uhr erreichbar und kostenlos ist. Ein Text ersetzt das nicht.
LOT 34

Zehn Fehler bei persönlichen Texten

Fünf beim Schreiben, fünf auf der Bühne.

Fünf Fehler beim Schreiben

Fehler 1: Alles zeigen
Nach Lot 06 wirkt der Eisberg, weil sieben Achtel unten bleiben. Sichtbar muss nur werden, was der Text braucht.
Fehler 2: Mit dem Kern anfangen
Nach Lot 19 wirkt der intimste Satz am Anfang am schwächsten. Denn niemand kennt dich in diesem Moment.
Fehler 3: Gefühle ausbreiten
Ein Satz benennt. Drei Sätze erklären. Und Erklären ist das Gegenteil von Erzählen.
Fehler 4: Aus Unwissen weglassen
Hemingways Warnung. Wer nicht weiß, was unten liegt, macht keine Tiefe, sondern Löcher.
Fehler 5: Andere Menschen mitnehmen
Deine Hälfte gehört dir. Die andere nicht. Dazu gibt es einen eigenen Beitrag.

Denn die Frage, wie viel Privates preisgeben sinnvoll ist, entscheidet sich am Text und nicht am Mut.

Fünf Fehler auf der Bühne

Fehler 6: Zu früh lesen
Was gerade passiert, gehört in ein Gespräch. Auf die Bühne kommt es später oder gar nicht.
Fehler 7: Den Text ankündigen
Sätze wie „jetzt wird es persönlich" nehmen der Stelle die Wirkung. Und sie erzeugen Druck im Raum.
Fehler 8: Auf Reaktionen zielen
Wenn du beim Schreiben schon weißt, wo geschluchzt wird, baust du auf Wirkung statt auf Wahrheit.
Fehler 9: Den Text zu oft spielen
Nach Lot 23 liest du ihn vielleicht vierzigmal. Prüf nach dem zehnten Mal, wie es dir dabei geht.
Fehler 10: Nach dem Auftritt sofort gehen
Nach so einem Text kommen Leute. Plan Zeit ein oder such dir jemanden, der dich abfängt.
LOT 39

Sechs Schritte für deinen Text

Von der Rohfassung bis zur Bühne.

Drei Schritte am Text

Schritt 1 – Details markieren
Geh den Text durch und markier jedes private Detail. Meistens sind es mehr, als du denkst.
Schritt 2 – Die Nutzenfrage stellen
Der Griff aus Lot 09. Nützt es dem Text oder nur dir? Fünf Sekunden pro Stelle.
Schritt 3 – Zwei Wege einbauen
Aus Lot 27. Meistens reichen der Gegenstand statt des Gefühls und eine Zeitangabe.

Drei Schritte vor der Bühne

Schritt 4 – Jemandem vorlesen
Einer Person, die dich nicht gut kennt. Und frag danach, was sie über dich gedacht hat.
Schritt 5 – Die Verarbeitungsfrage
Ist es abgeschlossen? Wenn du dabei anders atmest, ist die Antwort meistens nein.
Schritt 6 – Den Danach-Plan machen
Wer fängt dich nach dem Auftritt ab? Und wie viel Zeit hast du eingeplant?

Denn Schritt vier zeigt dir, was der Text über dich sagt und nicht, was du sagen wolltest.

Markieren, prüfen, zwei Wege einbauen. Zwanzig Minuten pro Text.
LOT 05Dein Text
Geh die drei Schritte am Text durch.
LOT 06Deine Rückmeldung
Lies den Text jemandem vor, der dich kaum kennt.
LOT 07Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
LOT 44

Die Abnahme

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

NACHTRAG

Der Text, den ich zu früh gelesen habe

Ich hatte einen Text über die Zeit nach einer Trennung.

Geschrieben habe ich ihn drei Wochen danach.

Gelesen vier Wochen danach.

Er kam sehr gut an.

Der Saal war still, und danach kamen fünf Leute zu mir.

Vier von ihnen wollten mir etwas Aufmunterndes sagen. Und ich stand da und musste ihnen erklären, dass es mir gut geht.

Was ich damals nicht verstanden hatte

Der Text war zwar ehrlich.

Allerdings war er nicht fertig.

Nicht handwerklich.

Innerlich.

Ich hatte Schicht fünf aufgemacht, ohne die Schichten davor zu bauen.

Für den Saal war das keine Nähe, sondern ein Notruf.

Und Notrufe beantwortet man, statt sie zu genießen.

Wie viel Privates preisgeben: der Waschbär nach dem Auftritt
Der Saal leert sich. Und du stehst mit dem da, was du erzählt hast.

Was ich mit dem Text gemacht habe

Zunächst habe ich ihn ein Jahr liegen lassen.

Danach habe ich drei Viertel gestrichen und eine Zeitangabe eingebaut.

Übrig blieb eine Szene mit einer Waschmaschine und zwei Sätzen über das Gefühl.

Diese Fassung lese ich heute noch.

Und sie funktioniert besser als die erste, obwohl weniger drinsteht.

„Ich hatte alles gezeigt und mich hinterher erklären müssen. Beim zweiten Mal habe ich ein Achtel gezeigt und der Saal hat den Rest gewusst.“
Meine Notiz danach — und der Grund für den Eisberg

Wie ich private Details heute dosiere

Inzwischen lese ich nichts, was jünger als ein halbes Jahr ist.

Außerdem frage ich mich bei jeder schweren Stelle, ob ich sie auch als Gegenstand erzählen könnte.

Meistens geht das.

Und meistens wird es dadurch besser.

Der Rest bleibt unter Wasser.

Dort ist er nicht verloren, sondern trägt.

WEITERGEHEN

Was Zurückhaltung nicht ersetzt

Alle Prüfungen aus diesem Beitrag schützen immerhin dich und deinen Text.

Ob er berührt, entscheiden sie nicht.

Wie viel Privates preisgeben: der Eisberg an der Wasserlinie
Ein Achtel muss sichtbar sein. Sonst treibt da nur Wasser.
Ein Text, der gar nichts preisgibt, ist kein sicherer Text. Er ist meistens nur ein leerer.

Warum das Handwerk hier den Unterschied macht

Denn der bequemste Weg zu einer starken Wirkung ist ein privates Detail.

Es funktioniert nach Lot 15 fast immer.

Auch bei schwachen Texten.

Die schwierigere Aufgabe ist, dieselbe Wirkung mit einem Achtel zu erreichen.

Kurz gesagt: Weniger zu zeigen verlangt mehr Können, nicht weniger.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Mittel, mit denen ein Gegenstand ein Gefühl trägt und ein Nebensatz mehr sagt als ein Bekenntnis.

Die Wasserlinie ziehst du in zwanzig Minuten. Was darunter liegt, baust du dein Leben lang.

Nützt es dem Text? Von außen nach innen. Und der Gegenstand statt des Gefühls.
Nähe berührt. Nacktheit verstört. Ein Achtel reicht, wenn der Rest wirklich da ist.

Übrigens erinnere ich mich an keinen einzigen Text, bei dem ich hinterher dachte, ich hätte mehr preisgeben sollen.

Umgekehrt fallen mir drei ein.

Das ist kein Beweis, aber es ist ein ziemlich deutliches Verhältnis.

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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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