Die letzten sechzig Sekunden vor deinem Auftritt

Vor dem Auftritt beruhigen beginnt seitlich der Bühne: der Waschbär wartet auf seinen Aufruf
Der Ring

Die letzten sechzig Sekunden vor deinem Auftritt

Dein Name fällt, du gehst los, alles rauscht. Die letzte Minute lässt sich nicht abschaffen. Man kann sie aber möblieren.
Derselbe Text, drei Titel: dein Name fällt, und dann?
Die PanikschleifeDu gehst den Text im Kopf durch, verlierst eine Zeile und suchst sie panisch.Die Minute arbeitet gegen dich. Und du kommst schon aufgelöst vorn an.
Das NichtsDu machst gar nichts Bestimmtes und wartest einfach ab.Besser als die Schleife. Nur überlässt du die Minute dem Zufall.
Der feste AblaufVier Abschnitte à fünfzehn Sekunden, jedes Mal dieselben.Die Minute arbeitet für dich, weil du sie nicht mehr entscheiden musst.
Griff 1Abschnitte 4Minutenbögen 6Videos 4 deutsche
Kurz vorweg
Es geht hier um die ganz normale Aufregung, die zum Auftreten dazugehört.

Wenn dich die Angst so belastet, dass du Auftritte vermeidest, wenn sie auch außerhalb der Bühne auftritt oder wenn du Panikattacken erlebst, ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis der richtige Ort dafür.

Ein Ritual ersetzt keine Behandlung. Es macht eine normale Minute nur berechenbarer.

Es gibt eine Minute, über die niemand spricht. Und sie entscheidet mehr, als man denkt.

Der Moderator sagt deinen Namen, es wird geklatscht, und dann passiert etwa eine Minute lang irgendetwas mit dir.

Bei den meisten passiert dabei nichts Geplantes.

Man steht auf, geht los, denkt sehr viel gleichzeitig und kommt vorn an, ohne zu wissen, wie man dorthin gekommen ist.

Ohne Plan vor dem Auftritt beruhigen misslingt: der Waschbär hastet zum Mikrofon
Aufspringen, losgehen, unterwegs die Jacke richten. So sieht es bei den meisten aus.

Dieser Beitrag zeigt dir, wie du dich vor dem Auftritt beruhigen kannst, ohne dafür Zeit zu brauchen, die du nicht hast.

Und warum ein fester Ablauf dabei mehr leistet als jede einzelne Technik.

Zum Mitmachen gibt es vier Abschnitte, sechs Minutenbögen und vier deutsche Videos.

Außerdem geht es weniger darum, was du machst, als darum, dass es immer dasselbe ist.

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01

Warum sich vor dem Auftritt beruhigen so schwer fällt

Es gibt drei Gründe, und alle drei haben mit Leerlauf zu tun.

Erstens: Es gibt nichts mehr zu tun

Vorbereiten kannst du nichts mehr, üben auch nicht.

Und ein Kopf ohne Aufgabe sucht sich selbst eine.

Deshalb heißt sich vor dem Auftritt beruhigen vor allem: dem Kopf eine Aufgabe geben.

Er findet dann zuverlässig die schlechteste: eine Bestandsaufnahme aller Dinge, die schiefgehen könnten.

Zweitens: Die Aufregung hat ihren Höhepunkt

Nicht auf der Bühne, sondern kurz davor.

Sobald du sprichst, hast du eine Aufgabe, und die Aufregung sinkt spürbar.

Die Minute davor ist der Punkt, an dem sie oben steht und du nichts damit anfangen kannst.

Drittens: Der Text ist am wenigsten abrufbar

Unter Anspannung arbeitet das Arbeitsgedächtnis schlechter.

Wer in dieser Minute den Text durchgeht, findet garantiert eine Lücke.

Diese Lücke ist fast immer eingebildet, und die Panik darüber ist es nicht.

Kurz gesagt: Die letzte Minute ist der schlechteste Zeitpunkt, um irgendetwas zu prüfen.

Genau deshalb scheitert das Beruhigen vor dem Auftritt so oft am Text selbst.

Minutenprobe
Wann ist die Aufregung am größten?
Auflösung anzeigen
In der Minute davor. Sobald du sprichst, hast du eine Aufgabe, und die Aufregung sinkt spürbar. Der Höhepunkt liegt genau dort, wo du am wenigsten damit anfangen kannst — und deshalb lohnt es sich, diese Minute zu füllen.
Bereit
Die letzte Minute ist kein Wartezimmer. Sie ist der erste Teil deines Auftritts.
Video 1
Fünf Tipps gegen Lampenfieber
Kurz und praktisch. Guter Einstieg, bevor es an den festen Ablauf geht.
02

Der Griff: vor dem Auftritt beruhigen mit festem Ablauf

Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.

Es gibt genau eine Regel, und sie handelt nicht davon, was du machst.

Der Griff
Mach jedes Mal exakt dasselbe, in derselben Reihenfolge.

Welche vier Handgriffe es sind, ist zweitrangig. Dass es jedes Mal dieselben vier sind, ist der ganze Punkt.

Denn ein fester Ablauf nimmt dir in dieser Minute die einzige Aufgabe ab, die dich sonst umbringt: entscheiden zu müssen, was du jetzt tun sollst.

Das war es.

Immer gleich, mehr nicht.

Damit wird sich vor dem Auftritt beruhigen von einer Absicht zu einer Gewohnheit.

Vor dem Auftritt beruhigen heißt schließen: ein vollständiger Lichtkreis auf dem Boden
Ein geschlossener Kreis. Immer derselbe, deshalb funktioniert er.

Warum die Wiederholung die eigentliche Wirkung ist

Weil dein Körper dann weiß, was kommt.

Nach etwa zehn Wiederholungen ist der Ablauf ein Signal, und Signale wirken schneller als Absichten.

Du musst dich dann nicht mehr beruhigen.

Du machst nur den Ablauf, und die Ruhe kommt mit.

Das ist unspektakulär und der Grund, warum Sportler so etwas ausnahmslos haben.

Warum der Inhalt fast egal ist

Fast egal heißt nicht ganz egal.

Der Ablauf sollte kurz sein, unauffällig, überall machbar und nichts prüfen.

Alles andere ist Geschmackssache und darf ruhig auch ein bisschen albern sein.

Kurz gesagt: Nimm vier Dinge, die du überall machen kannst, und mach sie immer.

Denn beim Beruhigen vor dem Auftritt schlägt Wiederholung jede einzelne Technik.

Minutenbogen 01
Dein Ablauf
Leg deine vier Handgriffe fest. Wichtig ist nur, dass sie überall gehen und niemandem auffallen.
Warum nur ein Griff und nicht zwölf
Weil zwölf Handgriffe in sechzig Sekunden nicht funktionieren.

Alles, was in dieser Minute passieren soll, muss ohne Nachdenken laufen. Das schließt jede Liste aus, die man sich erst merken muss.

Vier Dinge sind das Maximum. Bei den meisten reichen drei.
03

Vier Abschnitte, um sich vor dem Auftritt zu beruhigen

Das ist mein Vorschlag, und er ist ausdrücklich nur ein Vorschlag.

Denn sich vor dem Auftritt beruhigen gelingt mit vielen Abläufen, solange sie fest sind.

Vier Abschnitte à fünfzehn Sekunden, von außen nach innen.

60 bis 45Aufstehen und ankommen
Was du machst
Normal aufstehen, nicht aufspringen. Einmal die Schultern kreisen lassen, beide Füße bewusst auf den Boden stellen.
Warum gerade jetzt
Der Körper hat eine Stunde gesessen und muss zuerst wieder senkrecht werden. Wer aufspringt, nimmt die Hektik mit nach vorn.
Die Falle
Sofort loszugehen. Fünfzehn Sekunden im Stehen sind völlig unauffällig.
45 bis 30Ausatmen, nicht einatmen
Was du machst
Zwei bis drei lange Ausatmungen. Der Einatem kommt von allein, du kümmerst dich nur um das Loslassen.
Warum gerade jetzt
Der verlängerte Ausatem senkt den Puls und die Tonlage. Es ist der einzige Teil der Stressreaktion, den du direkt steuern kannst.
Die Falle
Tief einzuatmen. Das erhöht den Puls eher, als dass es ihn senkt.

Die zweite Hälfte der Minute

Jetzt verlässt du den Platz, und die Minute wird öffentlich.

Denn ab hier schaut der Saal zu, auch wenn er noch klatscht.

Deshalb ändert sich der Charakter der beiden letzten Abschnitte.

30 bis 15Der Weg nach vorn
Was du machst
Normal gehen, nach vorn schauen, nichts sagen. Und das Mikrofon in Ruhe einstellen, ohne dabei zu sprechen.
Warum gerade jetzt
Der Saal liest deinen Gang, bevor er deinen Text hört. Was hier ruhig aussieht, kommt später als Souveränität an.
Die Falle
Auf dem Weg schon anzufangen. Die ersten zwei Zeilen hört dann niemand.
15 bis 0Der erste Satz, innerlich
Was du machst
Sprich deinen ersten Satz einmal lautlos mit. Nur diesen einen, nicht den ganzen Text.
Warum gerade jetzt
Der erste Satz ist der Rettungsanker. Wenn er sitzt, kommt der Rest fast immer von selbst hinterher.
Die Falle
Den ganzen Text durchzugehen. Dabei findest du garantiert eine Lücke, die gar keine ist.
Warum die Reihenfolge so herum läuft
Sie geht von grob nach fein.

Erst der ganze Körper, dann der Atem, dann die Bewegung im Raum, zuletzt der Kopf.

Umgekehrt funktioniert es nicht: Wer mit dem Text anfängt, während der Körper noch unter Strom steht, verstärkt beides.
Minutenbogen 02
Deine vier Abschnitte
Übernimm den Ablauf oder bau dir einen eigenen. Vier Zeilen, mehr sollen es nicht werden.
04

Hilft ein Glücksbringer beim Beruhigen vor dem Auftritt?

Rituale vor Auftritten haben einen schlechten Ruf, weil sie an Aberglauben grenzen.

Und genau den hat eine deutsche Forschungsgruppe einmal ernsthaft untersucht.

Lysann Damisch, Barbara Stoberock und Thomas Mussweiler veröffentlichten 2010 in Psychological Science einen Aufsatz mit dem Titel Keep your fingers crossed!

Auf Deutsch: Drück mir die Daumen.

Damisch forschte damals an der Universität zu Köln.

Was sie gemacht haben

In vier Experimenten aktivierten sie Glücksvorstellungen, etwa durch eine Redewendung oder einen Glücksbringer.

Im bekanntesten Versuch bekamen die Teilnehmenden einen Golfball und dazu entweder den Satz, dies sei bisher ein Glücksball gewesen, oder den neutralen Hinweis, dies sei der Ball, den bisher alle benutzt hätten.

Dann sollten sie zehnmal aus einem Meter einlochen.

Die Kontrollgruppe traf achtundvierzig Prozent, die Glücksballgruppe fünfundsechzig.

Wie sie es erklärt haben

Nicht durch Glück, sondern durch Selbstwirksamkeit.

Wer glaubt, etwas auf seiner Seite zu haben, traut sich die Aufgabe eher zu — und diese Zuversicht verbessert dann die Leistung.

Das Ritual wirkt also nicht magisch, sondern über die eigene Erwartung.

Vor dem Auftritt beruhigen mit fester Zeit: eine Stoppuhr auf einer Bank
Sechzig Sekunden. Die Frage ist nur, was darin passiert.

Der ehrliche Haken, und er ist diesmal groß

Die Studie ließ sich nicht replizieren.

Robert Calin-Jageman und Tracy Caldwell veröffentlichten 2014 in Social Psychology zwei teststarke, genaue Wiederholungen des Golfversuchs.

Ihr Ergebnis: Die Glücksballgruppe schnitt praktisch identisch ab wie die Kontrollgruppe.

Ausdrücklich nicht wegen zu kleiner Stichproben, zu leichter Aufgaben oder unterschiedlichem Glücksglauben der Teilnehmenden.

Und es kam noch mehr

Eine statistische Nachanalyse trug den Titel, das Ergebnis sei zu gut, um wahr zu sein.

Zwei weitere vorregistrierte deutsche Replikationsstudien fanden ebenfalls keinen belastbaren Effekt.

Eine zusammenfassende Auswertung stellte fest, dass ausgerechnet in den Studien mit dem stärksten Design gar kein Effekt zu sehen war.

Power Posing lässt grüßen.

Es ist dasselbe Muster.

Was ich trotzdem daraus mitnehme

Nicht, dass ein Glücksbringer deine Leistung verbessert.

Dafür gibt es keine belastbaren Belege.

Sondern die Frage, die dahintersteht: Was macht ein Ritual in dieser Minute eigentlich mit dir?

Meine ehrliche Antwort lautet: Es füllt die Zeit und nimmt dir eine Entscheidung ab.

Das ist wenig und genau das, was in dieser Minute fehlt.

Denn sich vor dem Auftritt beruhigen heißt vor allem, die Minute nicht leer zu lassen.

Video 2
Acht konkrete Techniken gegen Lampenfieber
Praktische Techniken im Überblick. Such dir daraus zwei aus und mach daraus deinen festen Ablauf.
05

Jacobson: Beruhigen lässt sich nicht improvisieren

Es gibt ein Verfahren, das in fast jedem Ratgeber für die letzte Minute steht.

Und seine Geschichte erklärt sehr gut, warum es in der letzten Minute oft nicht wirkt.

Edmund Jacobson, geboren 1888 in Chicago, war Arzt und Physiologe.

Er begann seine Forschungen 1908 an der Harvard University.

Was er herausgefunden hat

Dass Anspannung und Anstrengung immer mit einer Verkürzung der Muskelfasern einhergehen.

Und dass umgekehrt eine Verringerung des Muskeltonus die Aktivität des zentralen Nervensystems herabsetzt.

Daraus entwickelte er die progressive Muskelentspannung: einzelne Muskelgruppen in fester Reihenfolge kurz anspannen und dann bewusst loslassen.

1929 veröffentlichte er seine Ergebnisse, zunächst als Fachbuch für Ärzte, 1934 folgte eine populäre Fassung.

Vor dem Auftritt beruhigen über den Atem: der Waschbär steht still und atmet aus
Schultern fallen lassen, ausatmen. Der Rest passiert von allein.

Der ehrliche Haken, und er ist der praktisch wichtigste dieses Beitrags

Jacobsons Originalverfahren arbeitete mit dreißig Muskelgruppen.

In seiner ursprünglichen Form umfasste es über fünfzig Sitzungen.

Fünfzig Sitzungen, nicht fünf Minuten vor dem Auftritt.

Erst spätere Forschung entwickelte kürzere Fassungen: Bernstein und Borkovec begannen 1978 mit sechzehn Muskelgruppen, die sich mit zunehmender Übung auf bis zu vier reduzieren lassen.

Warum das für dich entscheidend ist

Die Kurzform setzt die Langform voraus.

Wer die Reduktion auf vier Muskelgruppen nutzen will, muss vorher mit sechzehn geübt haben.

Anders gesagt: Eine Entspannungstechnik, die du zum ersten Mal eine Minute vor dem Auftritt anwendest, wirkt kaum.

Nicht weil sie schlecht wäre, sondern weil sie ein Training ist und kein Schalter.

Wer sie einige Wochen regelmäßig übt, kann sie später auch in einer verkürzten Form nutzen, etwa vor einem wichtigen Termin.
Zur progressiven Muskelentspannung · gängige Zusammenfassung

Was daraus für deine Minute folgt

Übe deinen Ablauf zu Hause, an Tagen ohne Auftritt.

Zweimal die Woche fünf Minuten reichen völlig.

Denn was du kennst, funktioniert unter Druck.

Was du zum ersten Mal machst, nicht.

Kurz gesagt: Die letzte Minute lässt sich nicht improvisieren.

Sie lässt sich nur einüben.

Damit ist der wichtigste Teil vom Beruhigen vor dem Auftritt längst vorbei, bevor er anfängt.

05b

Warum Rituale wirken, auch wenn der Glücksbringer es nicht tut

Nach Kapitel vier bleibt eine Frage offen.

Wenn sich der Glücksball-Effekt nicht bestätigen ließ, warum sollte dann ein Ritual überhaupt helfen, sich vor dem Auftritt zu beruhigen?

Meine Antwort ist bewusst bescheiden und dafür haltbar.

Was ein Ritual angeblich tutWas es vermutlich wirklich tut
Es macht dich besser.Nein. Dafür gibt es keine belastbaren Belege.
Es beruhigt dich.Nur teilweise. Aufgeregt bleibst du.
Es gibt dir Selbstvertrauen.Vielleicht. Genau das war der umstrittene Teil.
Es füllt eine leere Minute.Ja. Und das ist der belastbarste Punkt.
Es erspart dir eine Entscheidung.Ja. Unter Druck ist das viel wert.
Es macht den Ablauf vorhersehbar.Ja. Und Vorhersehbarkeit senkt Anspannung.

Die letzten drei Zeilen sind das ganze Argument.

Ein Ritual braucht keine Magie, um zu funktionieren.

Es reicht, dass es die Zeit besetzt, in der du sonst Unsinn anstellen würdest.

Der Unterschied zwischen Ritual und Aberglaube

Ein Ritual ist eine Handlung, die du machst.

Ein Aberglaube ist eine Bedingung, die erfüllt sein muss.

Der Unterschied wird an dem Abend wichtig, an dem der Glücksbringer zu Hause liegt.

Wer ein Ritual hat, macht es trotzdem.

Wer eine Bedingung hat, hat ein Problem.

Kurz gesagt: Bau dir nichts, was dir fehlen kann.

Minutenprobe
Was ist der belastbarste Nutzen eines Rituals vor dem Auftritt?
Auflösung anzeigen
Es besetzt die Zeit und erspart eine Entscheidung. Leistungsverbesserung durch Glücksbringer ließ sich in den Replikationen nicht bestätigen. Was bleibt, ist unspektakulär und trotzdem viel wert: eine Minute, in der du nichts entscheiden musst.
Minutenbogen 02b
Dein Ritual ohne Bedingung
Prüf deinen Ablauf darauf, ob etwas darin fehlen kann. Alles, was ein Gegenstand ist, kann zu Hause liegen.
Dein Link-Kompass

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✍️
Schreiben & Textaufbau
31 Beiträge

Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

06

Wenn die Minute anders aussieht als geplant

Der Ablauf steht, und dann kommt der Abend dazwischen.

Denn sich vor dem Auftritt beruhigen muss auch dann funktionieren, wenn nichts nach Plan läuft.

Was passiertWas von deinem Ablauf bleibtWas du weglässt
Du wirst früher aufgerufen als gedachtAusatmen und der erste Satz.Alles Körperliche. Dafür ist keine Zeit.
Du sitzt eingekeilt in der Mitte einer ReiheAusatmen im Sitzen, Füße auf den Boden.Aufstehen und Schultern kreisen.
Es ist sehr laut und engDer erste Satz, innerlich.Alles, wofür du Ruhe brauchst.
Du springst spontan einDreimal ausatmen. Zwanzig Sekunden reichen.Den ganzen Rest. Ehrlich.
Du wartest zwei StundenDer komplette Ablauf, aber erst am Ende.Ihn zu früh anzufangen und dann zu wiederholen.

Die letzte Zeile ist die, die am häufigsten schiefgeht.

Wer zwei Stunden wartet, macht seinen Ablauf gern schon einmal vorsorglich.

Dann ist er verbraucht, und die tatsächliche letzte Minute steht wieder leer.

Kurz gesagt: Der Ablauf gehört ans Ende, nicht in die Wartezeit.

Was du in der Wartezeit stattdessen machst

Zuhören.

Die Texte der anderen sind die beste Ablenkung, die es gibt, und sie sagen dir nebenbei, wie der Saal heute drauf ist.

Wer zwei Stunden mit sich selbst beschäftigt ist, kommt schlechter vorn an als jemand, der zugehört hat.

Denn Zuhören ist die unauffälligste Art, sich vor dem Auftritt zu beruhigen.

Vor dem Auftritt beruhigen endet an der Tür: eine Türklinke kurz vor dem Öffnen
Der Moment davor. Danach beginnt etwas anderes.
Minutenbogen 03
Deine Sonderfälle
Geh die fünf Situationen durch und leg fest, was jeweils übrig bleibt. Am Abend selbst entscheidest du das sonst nicht mehr.
06b

Was nach dem letzten Wort passiert

Die letzte Minute davor hat eine kleine Schwester, über die noch seltener geredet wird.

Denn wer sich vor dem Auftritt beruhigen kann, steht danach vor dem umgekehrten Problem.

Warum der Schluss so oft verschenkt wird

Nach dem letzten Wort ist der Impuls, sofort loszugehen, fast unwiderstehlich.

Man will raus aus der Situation, und die Erleichterung schiebt einen von der Bühne.

Dabei braucht der Saal ein bis zwei Sekunden, um überhaupt zu merken, dass Schluss ist.

Wer in dieser Zeit schon geht, nimmt der Reaktion den Anlauf.

Die zwei Sekunden danach

Stehen bleiben, einmal in den Raum schauen, dann gehen.

Das ist alles, und es verändert den Eindruck deines gesamten Textes.

Denn der Schluss ist das, was das Publikum als Letztes mitnimmt.

Und ein Schluss, der noch im Weglaufen passiert, wirkt wie eine Entschuldigung.

Die halbe Stunde danach

Das Adrenalin braucht deutlich länger, als der Auftritt gedauert hat.

Deshalb ist alles, was du in den nächsten dreißig Minuten über deinen Auftritt denkst, unzuverlässig.

Warte mit dem Urteil bis zum nächsten Tag.

Kurz gesagt: Nach dem Auftritt bist du der schlechteste Kritiker, den du finden kannst.

Minutenbogen 03b
Deine zwei Sekunden danach
Nimm dir das für den nächsten Auftritt konkret vor. Es ist der billigste Teil dieses ganzen Beitrags.
07

Sechs Übungen, um sich vor dem Auftritt zu beruhigen

Der Ablauf muss sitzen, bevor du ihn brauchst.

Denn sich vor dem Auftritt beruhigen ist eine Fertigkeit und keine Entscheidung.

Drei Übungen zu Hause

Übung 1 – Die Trockenübung
Geh den kompletten Ablauf zweimal die Woche durch, ohne Auftritt. Fünf Minuten reichen, und nach vier Wochen läuft er von allein.
Übung 2 – Der Ausatemzähler
Übe das Verhältnis vier ein, acht aus, bis du es ohne Mitzählen kannst. Unter Druck fällt das Zählen als Erstes aus.
Übung 3 – Der erste Satz im Störfeuer
Sprich deinen ersten Satz, während jemand mit dir redet oder Musik läuft. Wenn er das übersteht, übersteht er auch die letzte Minute.

Denn was du vor dem Auftritt beruhigen willst, musst du vorher wenigstens einmal geübt haben.

Drei Übungen am Auftrittsabend

Übung 4 – Der Startpunkt
Leg fest, woran du erkennst, dass deine Minute beginnt. Meistens ist es der Satz des Moderators vor deinem Namen.
Übung 5 – Die Nachnotiz
Schreib nach dem Auftritt zwei Zeilen: Was hast du in der letzten Minute gemacht und wie war der erste Satz? Nach fünf Abenden siehst du den Zusammenhang.
Übung 6 – Die Zeitmessung
Lass dich einmal filmen und miss nach, wie lange dein Weg nach vorn wirklich dauert. Fast alle unterschätzen ihn um die Hälfte.
Minutenbogen 04
Deine Nachnotiz
Übung fünf direkt hier. Trag deine letzten drei Auftritte ein und was du jeweils in der letzten Minute gemacht hast.
Video 3
Progressive Muskelentspannung nach Jacobson
Die Langform zum Mitmachen. Genau das Training aus Kapitel fünf, das die Kurzform überhaupt erst möglich macht.
08

Zehn Fehler in der letzten Minute

Zunächst fünf im Kopf, anschließend fünf im Ablauf.

Fünf Fehler im Kopf

Fehler 1: Den Text noch einmal durchgehen
Der Grundfehler. Unter Anspannung findest du garantiert eine Lücke, und die ist fast immer eingebildet.
Fehler 2: Die anderen Texte bewerten
Wer sich in der letzten Minute mit den Vorrednern vergleicht, geht mit einem Urteil über sich selbst nach vorn.
Fehler 3: Sich vornehmen, ruhig zu sein
Das ist eine Aufgabe ohne Handlung. Nimm dir stattdessen vor, auszuatmen.
Fehler 4: Sich ausmalen, was schiefgehen könnte
Der Kopf sucht sich eine Aufgabe, wenn er keine hat. Gib ihm eine.
Fehler 5: Auf die Uhr sehen
Es dauert genau so lange, wie es dauert. Der Blick macht es nur länger.

Denn wer sich vor dem Auftritt beruhigen will, braucht eine Handlung und keinen Vorsatz.

Denn beim Beruhigen vor dem Auftritt richtet der Kopf mehr Schaden an als der Körper.

Fünf Fehler im Ablauf

Fehler 6: Aufspringen
Die Hektik der ersten Sekunde trägst du bis zum Mikrofon mit.
Fehler 7: Tief einatmen
Kümmere dich um den Ausatem. Der Einatem kommt von allein.
Fehler 8: Auf dem Weg schon anfangen
Die ersten zwei Zeilen hört dann niemand, weil der Saal noch beim Ankommen ist.
Fehler 9: Jedes Mal etwas anderes machen
Der Ablauf wirkt durch Wiederholung. Ein einmaliger Trick wirkt nicht.
Fehler 10: Ihn zu früh abrufen
Wer den Ablauf schon eine halbe Stunde vorher macht, steht in der echten letzten Minute wieder ohne da.
Video 4
Lampenfieber: zehn Tipps für einen souveränen Auftritt
Zehn Ansätze zum Aussortieren. Nimm dir zwei davon und lass die anderen acht weg.
Abnahme

Deine Minutenprüfung

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

Damit hast du die letzte Minute einmal komplett durchgeplant.

Erledigt
Nachtrag

Die Zeile, die es gar nicht gab

Ich habe früher in der letzten Minute immer den Text durchgegangen.

Nicht ganz, sondern nur die Stellen, bei denen ich mir unsicher war.

Das kam mir vernünftig vor.

Man prüft ja auch das Fahrrad, bevor man losfährt.

Vor dem Auftritt beruhigen misslingt bei Hektik: der Waschbär hastet nach vorn
Prüfen ist eine gute Idee. Nur nicht in dieser Minute.

Was an einem Abend passiert ist

Ich stand hinten und ging die vierte Strophe durch.

Und mitten drin war eine Zeile weg.

Nicht undeutlich, sondern komplett verschwunden, als hätte ich sie nie geschrieben.

Was ich daraufhin gemacht habe

Ich habe in Panik den Zettel aus der Tasche gezogen, während mein Name schon fiel.

Ich bin mit dem Zettel in der Hand nach vorn und habe die erste Strophe zu schnell gesprochen.

Die vierte Strophe kam dann übrigens völlig problemlos.

Die Zeile war die ganze Zeit da gewesen.

Ich habe eine Panik über eine Lücke gehabt, die es nicht gab, und dafür die ersten dreißig Sekunden bezahlt, die es gab.
Meine Notiz nach diesem Abend

Warum das jedem passiert

Weil unter Anspannung das Arbeitsgedächtnis schlechter arbeitet.

Ein eingeschliffener Text läuft trotzdem, sobald man ihn spricht — aber er lässt sich in diesem Zustand nicht abfragen.

Prüfen und Abrufen sind zwei verschiedene Dinge, und nur eins davon funktioniert unter Druck.

Seitdem gehe ich in der letzten Minute nur noch den ersten Satz durch.

Was sich dadurch geändert hat

Ziemlich wenig und ziemlich viel gleichzeitig.

Ich bin immer noch genauso nervös wie vorher.

Aber ich komme nicht mehr aufgelöst vorn an, und die ersten dreißig Sekunden gehören mir.

Das ist der ganze Unterschied, und er kostet nichts.

Weitergehen

Was ein Ritual nicht kann

Ein fester Ablauf ist die letzte Schraube in dieser ganzen Reihe.

Er ist trotzdem nur eine Schraube.

Denn sich vor dem Auftritt beruhigen verbessert keine einzige Zeile.

Nach dem Beruhigen vor dem Auftritt: der Waschbär beginnt ruhig vor vollem Saal
Wenn die Minute stimmt, merkt niemand, dass es sie gab.

Warum jetzt erst das Handwerk anfängt

Kein Ritual der Welt rettet einen Text, der nicht sitzt.

Es sorgt nur dafür, dass ein Text, der sitzt, auch tatsächlich ankommt.

Und dass du die ersten dreißig Sekunden nicht damit verbringst, dich zu fangen.

Kurz gesagt: Die Minute räumt dir den Kopf frei.

Was du hineinlegst, hast du vorher geschrieben.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also alles, was in den vier Minuten passiert, nachdem die eine Minute davor gesessen hat.

Den Ablauf übst du selbst. Den Text liefert das Handwerk.

Immer dasselbe, in derselben Reihenfolge. Und niemals den Text prüfen.
Bereit
Du kannst in dieser Minute nicht ruhig werden. Du kannst nur etwas tun, das dich nicht unruhiger macht.

Übrigens ist mein Ablauf seit sechs Jahren derselbe.

Er dauert knapp eine Minute, sieht von außen nach gar nichts aus und besteht aus vier ziemlich banalen Handgriffen.

Genau deshalb funktioniert er.

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Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Nervosität im Körper stoppen
Die körperliche Seite derselben Minute, ausführlich.
Haltung als erste Botschaft
Was ab Sekunde dreißig passiert, wenn du losgehst.
Stimme aufwärmen
Die zehn Minuten, die vor dieser einen Minute liegen.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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