Muss sich ein Poetry Slam reimen?

Muss sich ein Poetry Slam reimen?

Muss sich Poetry Slam reimen: ein einzelnes Gleis führt in einer sanften Kurve durch grüne Hügel
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Muss sich ein Poetry Slam reimen?

Die kürzeste Antwort lautet: nein.

Ein Poetry Slam muss sich nicht reimen.

Reim ist erlaubt.

Aber er ist keine Pflicht.

Viele der stärksten Slam-Texte reimen sich kein einziges Mal.

Trotzdem hält sich der Glaube hartnäckig.

Dichtung müsse sich reimen.

Woher kommt dieser Glaube?

Und warum ist er falsch?

Genau das schauen wir uns jetzt an.

In Ruhe, Zeile für Zeile.

Muss sich ein Poetry Slam reimen? Die kurze Antwort

Stell dir eine Bahnstrecke vor.

Viele denken, ein Gleis müsse schnurgerade sein.

Gerade ist ordentlich.

Gerade ist schön anzusehen.

Aber schau dir eine echte Strecke an.

Sie ist voller Kurven.

Sie schlängelt sich durch Täler und um Berge.

Und trotzdem kommt der Zug an.

Pünktlich, sicher, am richtigen Bahnsteig.

Eine Kurve ist kein Fehler.

Sie ist oft der einzige Weg durchs Gelände.

Mit dem Reim ist es genauso.

Der Reim ist die gerade Strecke.

Er klingt ordentlich, er klingt rund.

Aber er ist nicht der einzige Weg zum Ziel.

Ein Text ohne Reim ist wie eine Kurvenstrecke.

Sie sieht anders aus.

Aber sie bringt dich genauso ans Ziel.

Manchmal sogar auf dem schöneren Weg.

Durch eine Landschaft, die die gerade Strecke nie zu sehen bekommt.

Was zählt, ist nicht der Reim.

Was zählt, ist die Wirkung.

Trifft dein Text den Saal?

Löst er etwas aus?

Wenn ja, ist es völlig egal, ob er sich reimt.

Wenn nein, rettet ihn auch der schönste Reim nicht.

Der Reim ist Beiwerk.

Das Ziel ist die Wirkung.

Merk dir das, und die halbe Angst vor dem Schreiben ist weg.

Was ein Slam-Text überhaupt können muss, steht hier: was Poetry Slam ist.

Woher der Glaube kommt, Dichtung müsse sich reimen

Warum glauben so viele, ein Gedicht müsse sich reimen?

Der Glaube kommt aus der Kindheit.

Das erste, was wir an Dichtung hören, sind Kinderreime.

Hoppe hoppe Reiter.

Alles reimt sich, alles klingt rund.

Und es prägt sich für immer ein.

Reim gleich Gedicht.

So lernen wir es als Kinder.

Und keiner sagt es uns je wieder anders.

Dann kommt die Schule.

Dort lernen wir alte, berühmte Gedichte.

Viele davon reimen sich.

Denn früher war der Reim tatsächlich üblich.

Er half beim Auswendiglernen.

Er gab dem Vers einen festen Halt.

Vor hunderten Jahren wurde Dichtung oft gesungen oder vorgetragen.

Der Reim war wie eine Schiene, die den Text zusammenhielt.

Das hatte gute Gründe.

Aber es war eine Mode ihrer Zeit, kein Naturgesetz.

Denn die Zeiten ändern sich.

Auch die Technik der Dichtung ändert sich.

Früher fuhren nur Dampfloks.

Heute fährt der ICE.

Niemand würde sagen, ein echter Zug müsse dampfen.

Und doch sagen viele, echte Dichtung müsse sich reimen.

Das ist derselbe Denkfehler.

Man verwechselt eine alte Form mit dem Wesen der Sache.

Der Reim war eine Bauart.

Nicht die Dichtung selbst.

Die Geschichte vom Reim, der nicht reimen wollte · Klaus Urban · GREND SLAM

Was der Reim wirklich kann

Jetzt kein Missverständnis.

Der Reim ist nicht der Feind.

Richtig eingesetzt ist er ein starkes Werkzeug.

Er kann Dinge, die der freie Vers nicht kann.

Schauen wir uns seine Stärken an.

Denn nur wer sie kennt, kann sie nutzen.

Zuerst: Der Reim macht Zeilen unvergesslich.

Ein gereimter Satz bleibt im Kopf hängen.

Er hakt sich fest wie ein Widerhaken.

Deshalb reimen sich Werbesprüche.

Deshalb reimen sich Sprichwörter.

Der Reim ist ein Klebstoff für das Gedächtnis.

Willst du, dass eine Zeile haften bleibt, kann ein Reim helfen.

Zweitens: Der Reim gibt Schwung.

Er treibt den Text vorwärts.

Das Ohr wartet auf den nächsten Gleichklang.

Und wird mitgezogen, Zeile um Zeile.

Wie die Räder, die im Takt über die Schienenstöße rollen.

Dieser Sog kann einen ganzen Saal mitreißen.

Vor allem bei schnellen, lauten Texten.

Drittens: Der Reim kann eine Pointe knallen lassen.

Der Witz baut sich auf.

Und der Reim schnappt zu wie eine Falle.

Der Saal hat den Reim schon halb erwartet.

Und wenn dann ein überraschendes Wort kommt, lacht er doppelt.

Ein guter, unerwarteter Reim ist reine Freude.

Er zeigt, dass jemand mit Sprache spielen kann.

In manchen Formen ist der Reim sogar der Motor.

Im Rap zum Beispiel.

Da hält der Reim den ganzen Text zusammen.

Und auch mancher Slam lebt vom klugen Reim.

Ein überraschender Reim kann einen ganzen Abend gewinnen.

Der Reim ist also ein feines Werkzeug.

Solange er dem Sinn dient.

Wie du gute, frische Reime findest, steht hier: Reime finden.

Wann der Reim zur Gefahr wird

Jetzt die andere Seite.

Der Reim hat eine dunkle Seite.

Sie heißt Reimzwang.

Das ist der häufigste Fehler von Anfängern.

Und der Grund, warum viele Reime so schlecht klingen.

Verstehst du den Reimzwang, verstehst du alles.

So sieht er aus.

Du schreibst eine Zeile, die auf „Herz“ endet.

Jetzt brauchst du einen Reim.

Also nimmst du „Schmerz“.

Obwohl du gar keinen Schmerz meintest.

Aber es reimt sich, also passt es schon.

Und schon ist es passiert.

Nicht mehr der Sinn bestimmt die Zeile.

Sondern der Reim.

Das ist, als würde die Kurve die Strecke bestimmen.

Statt der Landschaft.

Der Zug fährt nicht mehr dahin, wo er hinsoll.

Er fährt dahin, wo sich das Gleis am leichtesten biegen ließ.

Und landet am falschen Bahnhof.

Beim Reimzwang landet dein Text bei Wörtern, die du nie sagen wolltest.

Nur weil sie sich zufällig reimten.

Der Saal merkt das sofort.

Er hört den Reim schon kommen.

Herz und Schmerz.

Liebe und Triebe.

Herzen und Kerzen.

Diese Reime sind so abgenutzt wie ein blankes Rad.

Sie tragen nichts mehr.

Und der Text wird vorhersehbar und kitschig.

Nichts tötet einen Slam-Text so schnell wie ein erwarteter Reim.

Darum gilt eine eiserne Regel.

Der Sinn kommt zuerst.

Der Klang kommt danach.

Nie umgekehrt.

Wenn du den Sinn für den Reim verbiegst, entgleist der Text.

Wenn du keinen guten Reim findest, lass ihn weg.

Ein ehrlicher freier Satz schlägt jeden erzwungenen Reim.

Warum Weglassen oft die bessere Wahl ist, steht hier: Reime weglassen.

Muss sich Poetry Slam reimen: zwei Stahlschienen biegen sich in einer weiten Kurve durch die Landschaft
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Walt Whitman: als die Dichtung den Reim verließ

Du kennst die Geschichte schon aus dem Kasten oben.

Jetzt erzähle ich sie dir ganz.

New York, der 4. Juli 1855.

Ein Mann druckt auf eigene Kosten ein dünnes Buch.

Es heißt „Grasblätter“.

Auf dem Umschlag ist sein Bild.

Aber nicht sein Name.

Und die Gedichte darin machen etwas Unerhörtes.

Sie reimen sich nicht.

Sie haben kein festes Versmaß.

Das war damals ein Skandal.

Ein Gedicht ohne Reim?

Für viele war das gar kein Gedicht.

Die Kritik war entsetzt.

Man nannte das Buch unmoralisch und formlos.

Der Zug war für viele einfach entgleist.

Er fuhr ohne die Schiene, die man kannte.

Ohne den Reim.

Doch nicht alle waren blind.

Einer der größten Köpfe seiner Zeit erkannte die Größe.

Er nannte das Buch das Außergewöhnlichste, was Amerika je hervorgebracht habe.

Und er sollte recht behalten.

Denn Walt Whitman hatte kein Chaos gebaut.

Er hatte eine neue Strecke gebaut.

Den freien Vers.

Er arbeitete sein ganzes Leben daran.

Er erweiterte das Buch immer weiter, bis zu seinem Tod 1892.

Heute gilt er als Vater des freien Verses.

Was lehrt uns das?

Die größte Revolution der Dichtung war das Weglassen des Reims.

Nicht das Hinzufügen.

Das Weglassen.

Und freier Vers ist keine Faulheit.

Im Gegenteil.

Er ist schwerer, nicht leichter.

Denn ohne die Schiene des Reims musst du deinen eigenen Takt finden.

Der Reim hält den Text von allein zusammen.

Der freie Vers muss sich selbst zusammenhalten.

Whitman fand seinen Halt im Rhythmus der Sprache.

Im Atem, im Herzschlag, im Wiederholen.

Seine Zeilen rollen wie Wellen ans Ufer.

Ohne einen einzigen Reim.

Und sie tragen bis heute.

Genau das ist die Lehre für deinen Slam-Text.

Er kann auf dem Rhythmus der ganz normalen Sprache fahren.

Ganz ohne Reim.

Wenn du nur den Takt darunter spürst.

Der freie Vers auf der Bühne

Schau dir die Slam-Bühne von heute an.

Die meisten Texte reimen sich nicht.

Und das hat einen guten Grund.

Ein Slam ist nah an der normalen Sprache.

Menschen reden nicht in Reimen.

Wenn du im Alltag in Reimen sprichst, hält man dich für seltsam.

Ein durchgehend gereimter Text klingt darum schnell künstlich.

Wie ein Zug, der zu glatt und zu ordentlich fährt.

Man spürt die Absicht.

Und Absicht tötet die Nähe.

Der freie Vers klingt dagegen echt.

Er klingt wie ein Mensch, der wirklich zu dir spricht.

Dringend, ehrlich, ungeschützt.

Genau diese Nähe will der Slam.

Darum passt der freie Vers so gut auf die Bühne.

Er lässt dich klingen wie du selbst.

Nicht wie ein altes Gedicht aus dem Schulbuch.

Aber Achtung.

Frei heißt nicht formlos.

Das ist der größte Irrtum über den freien Vers.

Ein guter freier Text hat sehr wohl eine Form.

Nur eine andere als der Reim.

Seine Form ist der Rhythmus.

Der Takt der Sätze, ihre Länge, ihr Wechsel.

Der Rhythmus ist jetzt die Schiene.

Nicht mehr der Reim.

Ein starkes Werkzeug im freien Vers ist die Wiederholung.

Ein Wort, das am Anfang mehrerer Zeilen wiederkehrt.

Das gibt dem Text Halt und Sog.

Genau wie ein Reim, nur unauffälliger.

Whitman hat das meisterhaft benutzt.

Und viele große Slammer tun es bis heute.

Der freie Vers hat also seine eigenen Schienen.

Kein Reim, aber niemals kein Rhythmus.

Das ist der Schlüssel zu allem.

Wie du diesen Takt findest, steht hier: Rhythmus im Text.

Unreine Reime · Julius Esser · satznachvorn

Wie du entscheidest: reimen oder nicht

Jetzt zur wichtigsten Frage.

Wie entscheidest du bei deinem Text?

Reimen oder nicht?

Der erste Rat: Lege dich nicht ein für alle Mal fest.

Du bist nicht der Reim-Dichter.

Und auch nicht der, der nie reimt.

Du entscheidest bei jedem Text neu.

Manchmal sogar bei jeder Zeile.

Der Reim ist ein Werkzeug im Kasten.

Du nimmst es raus, wenn es passt, und legst es weg, wenn nicht.

Stell dir bei jedem Reim eine einzige Frage.

Dient dieser Reim dem Sinn?

Oder biegt er den Sinn?

Kommt der Reim wie von selbst und macht die Zeile stärker?

Dann behalte ihn.

Musstest du den Sinn verdrehen, damit es sich reimt?

Dann wirf ihn raus.

So einfach ist die Regel.

Und so schwer, sie einzuhalten.

Denn ein Reim fühlt sich immer erst mal clever an.

Der beste Test ist das laute Lesen.

Sprich deinen Text laut aus.

Hörst du den Reim schon von Weitem kommen?

Dann ist er zu erwartbar.

Zuckst du bei einer Zeile innerlich zusammen?

Dann ist der Reim erzwungen.

Dein Ohr weiß die Wahrheit.

Vertrau ihm mehr als deinem Stolz auf den cleveren Reim.

Und noch ein Trick.

Mischen ist erlaubt.

Ein Text kann fast frei sein.

Und dann, an einer einzigen Stelle, kommt ein harter Reim.

Genau auf der Pointe.

Dieser eine Reim knallt dann doppelt.

Weil der Saal ihn nicht erwartet hat.

Ein seltener Reim wirkt stärker als ein Dauerreim.

Setz den Reim wie Salz.

Nicht wie Wasser.

Häufige Fragen zum Reim im Poetry Slam

Zum Schluss noch die Fragen, die immer wieder kommen.

Kurz und klar beantwortet.

Muss sich ein Poetry Slam reimen?

Nein.

Reim ist erlaubt, aber nie Pflicht.

Ist Reimen kindisch oder schlecht?

Überhaupt nicht.

Ein guter, frischer Reim ist schwer und beeindruckt.

Nur der abgenutzte, erzwungene Reim ist schlecht.

Ist freier Vers einfacher?

Nein, oft ist er schwerer.

Ohne die Schiene des Reims musst du selbst für Halt sorgen.

Durch Rhythmus, Bilder und Wiederholung.

Kann ich beides mischen?

Ja, unbedingt.

Die besten Texte tun das oft.

Sie reimen genau dort, wo es trägt, und lassen es sonst frei.

Was, wenn ich nur gereimt schreiben kann?

Dann übe den freien Vers ganz bewusst.

Schreib einen Text, in dem sich absichtlich nichts reimt.

Achte dafür streng auf den Rhythmus.

Es fühlt sich zuerst nackt an.

Aber es macht dich freier.

Reimt sich denn Rap?

Ja, meistens schon.

Aber Rap ist nicht dasselbe wie Slam.

Im Slam ist alles erlaubt, im Rap ist der Reim fast Pflicht.

Und was bevorzugt die Jury im Saal?

Weder noch.

Das Publikum fragt nicht, ob sich etwas reimt.

Es fragt nur, ob es getroffen wurde.

Kein Mensch im Saal zählt deine Reime.

Alle spüren nur, ob dein Text sie erreicht.

Der häufigste Anfängerfehler bleibt der Reimzwang.

Wer den vermeidet, hat schon halb gewonnen.

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Berühmte reimlose Worte, die jeder kennt

Wenn du noch zweifelst, ob reimlos wirklich stark sein kann, dann schau dich um.

Die mächtigsten Worte der Geschichte reimen sich fast nie.

Denk an die großen Reden.

Keine von ihnen reimt sich.

Und doch haben sie ganze Länder bewegt.

Millionen Menschen kennen ihre Sätze auswendig.

Ganz ohne Reim.

Sie tragen auf einem anderen Takt.

Auf dem Takt der Wiederholung und der Steigerung.

Denk an die Psalmen in der Bibel.

Uralte Gedichte, gelesen seit tausenden Jahren.

In ihrer Sprache reimen sie sich nicht.

Trotzdem sind sie große Dichtung.

Sie leben von Bildern und vom Rhythmus der Sätze.

Nicht vom Gleichklang am Zeilenende.

Denk an die großen Monologe im Theater.

Shakespeare schrieb viele davon im Blankvers.

Das ist ein Vers mit festem Takt, aber ohne Reim.

Sein berühmtester Satz über Sein und Nichtsein reimt sich nicht.

Und ist doch der bekannteste Satz der Weltliteratur.

Ein reimloser Satz, seit vierhundert Jahren unvergessen.

Und denk an moderne Lieder.

Viele der stärksten Zeilen sind fast frei.

Sie treffen dich mitten ins Herz.

Und du merkst gar nicht, ob sich da etwas reimt.

Weil es nicht darauf ankommt.

Es kommt darauf an, ob es wahr klingt.

Die Wahrheit braucht keinen Reim.

Sie braucht nur die richtigen Worte in der richtigen Ordnung.

Wenn also das nächste Mal jemand sagt, Dichtung müsse sich reimen:

Dann weißt du es besser.

Die halbe Weltliteratur reimt sich nicht.

Und sie ist trotzdem groß.

Der Reim ist eine schöne Möglichkeit.

Aber niemals eine Bedingung.

Wie du einen reimlosen Text stark machst

Reimlos zu schreiben klingt erst mal leicht.

Ist es aber nicht.

Denn ohne Reim fällt ein Text schnell auseinander.

Dann ist es keine Dichtung mehr, sondern nur zerhackte Prosa.

Damit das nicht passiert, brauchst du andere Anker.

Fünf davon zeige ich dir jetzt.

Sie sind die Schienen des freien Verses.

Der erste Anker ist der Rhythmus der Satzlänge.

Wechsle bewusst kurze und lange Sätze.

Kurz. Kurz. Kurz.

Und dann ein langer Satz, der alles zusammenzieht.

Dieser Wechsel ist deine Musik.

Er ersetzt den Takt, den sonst der Reim gibt.

Genau dieser Stil trägt auch diesen Text hier.

Viele kurze Sätze, ab und zu ein langer.

Der zweite Anker ist die Wiederholung.

Beginne mehrere Zeilen mit demselben Wort.

Ich sehe. Ich sehe. Ich sehe.

Das gibt dem Text einen Sog und einen Halt.

Es ist der Reim des freien Verses.

Nur versteckter und eleganter.

Der Saal wird von dieser Wiederholung mitgezogen.

Fast wie von einem Herzschlag.

Der dritte Anker sind starke Bilder.

Ein klares, konkretes Bild hält die Aufmerksamkeit.

Da, wo sonst ein Reim das Ohr fängt, fängt jetzt ein Bild das Auge im Kopf.

Nicht die Liebe allgemein.

Sondern die kalte Kaffeetasse am Morgen danach.

Solche Bilder braucht der freie Vers wie Brot.

Der vierte Anker ist der Klang ohne Reim.

Wörter mit demselben Anfangslaut klingen zusammen.

Man nennt das Alliteration.

Kalt, kahl, kaputt.

Auch gleiche Vokale in der Mitte binden Wörter leise aneinander.

Das ist Musik unter der Oberfläche.

Kein voller Reim, aber ein feiner Klang.

Mehr dazu steht hier: die Alliteration.

Der fünfte Anker ist die Steigerung.

Lass jede Zeile ein wenig stärker werden.

Der Text soll steigen wie eine Strecke ins Gebirge.

Und am höchsten Punkt kommt die letzte Zeile.

Sie muss im freien Vers besonders sitzen.

Denn hier gibt es keinen Reim, der den Schluss markiert.

Die letzte Zeile selbst ist der Prellbock.

Wenn du diese fünf Anker nutzt, vermisst niemand den Reim.

Dein Text steht auch ohne ihn wie eine feste Schiene.

Der eine Reim, der alles rettet

Zum Schluss noch ein Meisterzug.

Er verbindet beide Welten.

Stell dir einen Text vor, der fast ganz frei ist.

Kein Reim, nur Rhythmus und Bilder.

Der Saal hat sich daran gewöhnt.

Er erwartet keinen Reim mehr.

Und genau dann, im letzten Satz, kommt einer.

Ein einziger, harter Reim.

Er schnappt zu wie eine Weiche, die einrastet.

Dieser eine Reim wirkt stärker als hundert.

Weil ihn keiner erwartet hat.

Er kommt aus dem Nichts und macht den Schluss unausweichlich.

Der Saal spürt: Jetzt ist es zu Ende.

Der Reim ist wie das Klicken der Zugtür.

Ein sauberes, endgültiges Geräusch.

Danach ist die Fahrt vorbei.

So baust du diesen Effekt.

Halte das Reimwort bis zur letzten Sekunde zurück.

Verrate es nicht vorher.

Lass den Text frei laufen, bis fast alle den Reim vergessen haben.

Und dann setz ihn.

Aber nur einmal.

Setzt du zwei, ist der Zauber weg.

Der seltene Reim lebt von seiner Seltenheit.

Das ist die hohe Schule.

Freier Vers mit einem einzigen, perfekt gesetzten Reim.

Die Kurvenstrecke mit einem kurzen, geraden Stück ganz am Ende.

Genau dort, wo der Zug in den Bahnhof einrollt.

Wenn du das kannst, hast du die Frage nach dem Reim für immer gelöst.

Du reimst dann nicht mehr aus Zwang.

Du reimst aus Können.

Und das ist ein großer Unterschied.

So übst du, ohne Reim zu schreiben

Vielleicht fällt dir das freie Schreiben noch schwer.

Vielleicht rutschst du immer wieder in den Reim.

Das ist normal.

Der Reim sitzt tief in uns, seit der Kindheit.

Aber man kann das freie Fahren üben.

Ich gebe dir fünf kleine Übungen mit.

Sie führen dich Schritt für Schritt auf die neue Strecke.

Die erste Übung: Nimm einen Kinderreim.

Einen, den jeder kennt.

Und schreib ihn um, ganz ohne Reim.

Behalte den Sinn, wirf den Gleichklang weg.

Du wirst merken, wie sich plötzlich neue Wörter öffnen.

Wörter, die der Reim vorher verboten hatte.

Das ist das erste Gefühl von Freiheit.

Die zweite Übung: Beschreib deinen Tag in zehn Zeilen.

Ohne einen einzigen Reim.

Aber mit einer Regel für den Rhythmus.

Jede Zeile ein bisschen kürzer als die davor.

So hat dein Text eine Form, auch ohne Reim.

Er wird enger und enger, wie eine Bremsung.

Am Ende steht nur noch ein einziges Wort.

Die dritte Übung: Schreib mit Wiederholung.

Beginne fünf Zeilen mit denselben zwei Wörtern.

Zum Beispiel: Ich erinnere mich.

Ich erinnere mich an den Bahnsteig.

Ich erinnere mich an den Regen.

Ich erinnere mich an deine Hand.

Spür, wie diese Wiederholung Halt gibt.

Ganz ohne Reim trägt der Text auf einmal.

Die vierte Übung: Lies jeden Tag einen freien Vers laut.

Such dir ein reimloses Gedicht, das dich packt.

Und sprich es langsam aus.

Achte auf den Takt, den es hat.

Auf die Pausen, auf die Länge der Zeilen.

Dein Ohr lernt beim Hören mehr als beim Grübeln.

Nach ein paar Wochen hast du diesen Takt im Blut.

Die fünfte Übung ist die härteste.

Nimm einen alten Text von dir, der sich reimt.

Und streich jeden Reim, der erzwungen ist.

Sei ehrlich.

Frag bei jedem: Wollte ich das sagen, oder brauchte ich nur den Reim?

Was übrig bleibt, ist oft der ehrlichere Text.

Er ist vielleicht kürzer.

Aber er ist wahrer.

Mach diese Übungen ein paar Wochen lang.

Und etwas verändert sich in dir.

Der freie Vers fühlt sich nicht mehr nackt an.

Er fühlt sich nach Freiheit an.

Die alte Angst verschwindet.

Die Angst, es sei kein echter Text, weil er sich nicht reimt.

Du hast dann eine zweite Strecke dazugewonnen.

Und ein guter Dichter fährt beide.

Die gerade und die kurvige.

Je nachdem, wohin die Fahrt gehen soll.

Ein letzter Gedanke zum Reim

Im Grunde geht es bei dieser Frage um mehr als um Technik.

Es geht um Freiheit.

Die Regel „es muss sich reimen“ ist ein Käfig.

Ein bequemer Käfig, aber ein Käfig.

Solange du in ihm sitzt, stehen dir nur wenige Wörter offen.

Nämlich die, die sich reimen.

Alle anderen musst du wegwerfen.

Auch wenn sie die besseren wären.

Das ist ein hoher Preis für einen schönen Klang.

In dem Moment, in dem du den Reim loslässt, öffnet sich alles.

Plötzlich steht dir die ganze Sprache offen.

Jedes Wort ist wieder möglich.

Nicht nur das, das zufällig auf „Herz“ passt.

Das ist ein riesiges Geschenk.

Es ist, als würdest du von einem einzigen Gleis auf ein ganzes Netz wechseln.

Auf einmal kannst du überall hinfahren.

Aber Freiheit macht auch Angst.

Die Regel fühlte sich sicher an.

Sie hat dir das Denken abgenommen.

Ohne sie musst du selbst entscheiden, welche Form dein Text braucht.

Das ist schwerer, als einer festen Regel zu folgen.

Aber genau da beginnt das echte Schreiben.

Dort, wo du selbst wählst, statt nur zu gehorchen.

Walt Whitman hat diese Angst gespürt.

Und er hat trotzdem geschrieben.

Gegen den Spott, gegen die Kritik, gegen die Regel seiner Zeit.

Diesen Mut kannst du dir zum Vorbild nehmen.

Du musst dafür kein Rebell sein.

Du musst nur bei deinem nächsten Text die alte Frage neu stellen.

Nicht: Wie kriege ich einen Reim hin?

Sondern: Was will dieser Text wirklich sagen?

Reim, wenn er dient.

Lass ihn frei, wenn er dich einengt.

In jedem Fall entscheidest du.

Und genau diese Entscheidung ist deine Stimme.

Der eine reimt gern und klug.

Der andere fährt lieber frei durch die Kurven.

Beide können großartig sein.

Weil beide selbst gewählt haben, wie sie fahren.

Mehr Freiheit gibt dir kein anderer Text der Welt.

Köln, die Kurve und dein Text

Kehren wir zurück zur Kurve vom Anfang.

Zur Strecke, die sich durch die Landschaft schlängelt.

Die gerade Strecke ist der Reim.

Ordentlich, rund, vertraut.

Die Kurve ist der freie Vers.

Sie sieht anders aus.

Aber sie führt genauso ans Ziel.

Und manchmal durch die schönere Landschaft.

Kein Weg ist der einzig richtige.

Es kommt nur darauf an, dass dein Zug ankommt.

Merk dir darum diesen einen Satz.

Reime nur, wenn der Reim dem Sinn dient.

Nie, damit sich etwas reimt.

Das ist die ganze Kunst in einem Satz.

Der Sinn fährt vorn.

Der Klang fährt hinterher.

Wenn du sie in dieser Reihenfolge lässt, kann fast nichts schiefgehen.

Denk an Walt Whitman.

Er hatte den Mut, die alte Schiene zu verlassen.

Alle hielten ihn für verrückt.

Und heute steht er in jedem Buch über Dichtung.

Weil er bewiesen hat, dass ein Text auch ohne Reim ankommt.

Diesen Mut darfst du auch haben.

Lass dir von einem Kinderglauben nicht das Schreiben klein machen.

Dein Text darf frei fahren.

Also entscheide bei jedem Text neu.

Reim, wenn er trägt.

Lass ihn frei, wenn er nicht trägt.

Und miss dich nie am Reim.

Miss dich nur an der Wirkung.

Alle Wege und Bühnen findest du hier: alle Poetry-Beiträge.

Wähl deine Strecke.

Ob gerade oder in der Kurve.

Hauptsache, du kommst an.

Vielleicht hast du dir früher zu viel Gedanken über den Reim gemacht.

Viele tun das.

Sie sitzen stundenlang und suchen einen Reim auf ein Wort.

Und vergessen darüber, was sie eigentlich sagen wollten.

Dreh das um.

Sag zuerst, was du sagen willst.

Ganz frei, ganz ehrlich.

Und schau erst danach, ob ein Reim den Weg noch schöner macht.

Meistens ist der freie Satz schon stark genug.

Und du sparst dir die halbe Nacht.

So wird das Schreiben leichter und ehrlicher zugleich.

Und die alte Frage verliert für immer ihren Schrecken.

Du willst lernen, wann ein Reim trägt und wann du ihn besser weglässt?

In meinen Büchern zeige ich dir beides an vielen Beispielen.

Damit du am Ende frei entscheiden kannst.

Am Ende ist die Antwort ganz ruhig.

Nein, ein Poetry Slam muss sich nicht reimen.

Er darf, wenn du willst.

Er muss nie.

Und das ist keine Lücke in den Regeln.

Das ist die größte Freiheit, die dir die Bühne schenkt.

Nutz sie mutig.

Dein Text wird es dir danken.

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Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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