Was ist Poetry Slam? Einfach erklärt für den ersten Besuch

Was ist Poetry Slam?
Die kürzeste Antwort passt in einen Satz.
Es ist ein Dichterwettstreit auf einer Bühne.
Menschen schreiben eigene Texte.
Sie tragen sie vor.
Das Publikum entscheidet, wer gewinnt.
Das ist alles.
Und es ist doch viel mehr.
Denn hinter dem einen Satz steckt eine ganze Welt.
Diese Welt zeige ich dir jetzt.
Ich zeige sie dir mit einem Bild.
Mit dem Bild von einem Bahnhof.
Was ist Poetry Slam – und warum ein Bahnhof das beste Bild dafür ist
Denk an das letzte Mal in einer fremden Stadt.
Du steigst aus dem Zug.
Vor dir öffnet sich eine riesige Halle.
Über dir ein Dach aus Glas und Stahl.
Das Licht fällt in schrägen Bahnen herein.
Überall Menschen.
Überall Anzeigen.
Überall Geräusche.
Im ersten Moment ist es zu viel.
Du bleibst kurz stehen.
Du weißt nicht, wo du hinsollst.
Alles wirkt größer als du.
Und dann passiert etwas.
Dein Blick sortiert die Halle.
Da vorne sind die Gleise.
Da oben hängt die Anzeige.
Da hinten ist der Ausgang.
Plötzlich ist die Ordnung sichtbar.
Der riesige Bahnhof wird ganz einfach.
Er war die ganze Zeit einfach.
Du musstest nur die Teile erkennen.
Genau so geht es dir bei deinem ersten Poetry Slam.
Du kommst rein und es ist voll.
Ein Mikro, eine Bühne, viele fremde Gesichter.
Jemand ruft etwas, jemand lacht.
Im ersten Moment denkst du: Was ist das hier?
Und dann sortiert sich das Bild.
Da ist die Bühne, das ist das Gleis.
Da sind die Auftretenden, das sind die Züge.
Da ist das Publikum, das ist der ganze Betrieb.
Sobald du das siehst, ist ein Poetry Slam ganz einfach.
Er war die ganze Zeit einfach.
Du musstest nur die Teile kennen.
Diese Teile gehen wir jetzt durch.
Einen nach dem anderen.
Wie auf einem Rundgang durch die Halle.
Fangen wir mit dem Kern an.
Ein Poetry Slam besteht aus drei Dingen.
Aus einem Text.
Aus einer Bühne.
Aus einem Publikum, das wertet.
Ein Text, eine Stimme, ein Saal.
Mehr braucht es nicht.
Kein Bühnenbild.
Keine teure Technik.
Keine Erlaubnis von oben.
Und der Text ist kein normaler Text.
Er ist für das Ohr geschrieben.
Nicht für das Auge.
Ein Gedicht im Buch wartet auf einen stillen Leser.
Es hat Zeit.
Es darf schwer sein.
Ein Slam-Text hat keine Zeit.
Er muss sofort wirken.
Jetzt, im Saal, bei diesen Leuten.
Er wartet nicht auf morgen.
Er will heute Abend etwas auslösen.
Darum lebt er erst, wenn jemand ihn laut sagt.
Auf dem Papier ist er nur der halbe Text.
Der ganze Text entsteht in der Luft zwischen Bühne und Saal.
Das ist der Unterschied zu allem, was du aus der Schule kennst.
In der Schule liest du Gedichte still.
Beim Poetry Slam hörst du sie.
Und das ändert alles.
Ein Bahnhof ist ja auch nichts auf dem Papier.
Ein Bahnhof ist Bewegung.
Er lebt, weil Züge kommen und fahren.
Nimm die Bewegung weg, und es ist nur eine leere Halle.
Nimm die Bühne weg, und ein Slam-Text ist nur ein Blatt Papier.
Wie so ein Text überhaupt entsteht, kannst du hier in Ruhe nachlesen: wie ein Text wirklich entsteht.
Was ist Poetry Slam: die vier Regeln, die überall gelten
Jeder Bahnhof läuft nach festen Regeln.
Sonst gäbe es Chaos auf den Gleisen.
Zwei Züge auf einem Gleis, das geht nicht gut aus.
Darum gibt es einen Fahrplan.
Darum gibt es Signale.
Beim Poetry Slam ist es genauso.
Es gibt vier Regeln.
Sie sind der Fahrplan des ganzen Abends.
Und das Schöne ist: Sie sind überall fast gleich.
Egal, ob du in Chicago sitzt oder in einem Jugendzentrum bei dir um die Ecke.
Vier Regeln, und du verstehst jeden Slam der Welt.
Die erste Regel: Der Text muss selbst geschrieben sein.
Das ist der Kern der ganzen Sache.
Du trägst deine eigenen Worte vor.
Nicht die von einem berühmten Dichter.
Nicht die aus einem Buch.
Nicht die von einem Freund, der es besser kann.
Deine.
Das klingt streng.
Es ist aber ein Geschenk.
Denn es heißt: Deine Sicht zählt.
Dein Blick auf die Welt ist der Stoff.
Niemand sonst hat genau deinen.
Damit kann dich niemand kopieren.
Auf dieser Bühne bist du die einzige Quelle.
Die zweite Regel: Es gibt ein Zeitlimit.
Meist sind es fünf bis sechs Minuten.
Manchmal auch nur drei.
Die Uhr läuft für alle gleich.
Wer überzieht, bekommt Abzug.
Oder wird freundlich gestoppt.
Das wirkt im ersten Moment gemein.
Ist es aber nicht.
Die Uhr ist wie der Bahnsteig.
Der Bahnsteig hat eine feste Länge.
Dein Zug muss da hineinpassen.
Ist er zu lang, hängt hinten ein Wagen im Nichts.
Genauso ist es mit dem Text.
Die Grenze zwingt dich, das Wichtige zu behalten.
Und den Rest wegzulassen.
Das macht Texte fast immer besser.
Warum diese Grenze deine beste Freundin ist, steht hier: dein Text gegen die Uhr.
Die dritte Regel: keine Hilfsmittel.
Keine Kostüme.
Keine Requisiten.
Keine Musik vom Band.
Kein Bühnenbild.
Nur du, das Mikro und der Text.
Diese Regel ist die schönste von allen.
Denn sie macht alle gleich.
Der eine kann sich kein teures Kostüm leisten.
Der andere hat keine Band im Rücken.
Beim Poetry Slam spielt das keine Rolle.
Es gibt keine erste und keine zweite Klasse.
Alle steigen am selben Bahnsteig ein.
Es zählt nur, was du sagst.
Und wie du es sagst.
Sonst nichts.
Das ist die ehrlichste Bühne, die ich kenne.
Die vierte Regel: Das Publikum wertet.
Keine Experten-Jury, die von oben herab urteilt.
Keine Zeitung, die morgen ein Urteil druckt.
Der Saal entscheidet.
Sofort.
Noch im selben Moment.
Diese Regel ist so wichtig, dass sie einen eigenen Abschnitt verdient.
Den bekommt sie gleich.
Halt nur eins fest.
Beim Poetry Slam sitzt die Macht nicht vorne.
Sie sitzt im Saal.
Was ist Poetry Slam? · Mein Lernkanal
Das Publikum ist der Fahrdienstleiter
In einem großen Bahnhof gibt es einen wichtigen Menschen.
Man sieht ihn selten.
Er sitzt im Stellwerk.
Das ist der Fahrdienstleiter.
Er stellt die Weichen.
Er entscheidet, welcher Zug fährt.
Und welcher warten muss.
Ohne ihn läuft nichts.
Beim Poetry Slam gibt es diesen Menschen auch.
Nur sitzt er nicht versteckt im Stellwerk.
Er sitzt mitten im Saal.
Das Publikum ist der Fahrdienstleiter.
Es hört zu.
Und es entscheidet.
Wie das genau geht, ist von Ort zu Ort verschieden.
Oft gibt es Punkte.
Ein paar Leute im Saal bekommen eine Tafel.
Nach jedem Text halten sie eine Zahl hoch.
Von null bis zehn.
Manchmal wird auch einfach geklatscht.
Dann zählt, wie laut der Applaus ist.
Mal misst ein Gerät die Lautstärke.
Mal entscheidet einfach das Ohr der Moderation.
Die Form ist verschieden.
Der Kern ist immer gleich.
Nicht ein Experte urteilt.
Der ganze Saal urteilt.
Das klingt hart.
Es ist auch hart.
Du stehst da oben und weißt: In fünf Minuten weißt du Bescheid.
Kein Kritiker schiebt sich dazwischen.
Keine Zeitung, die morgen milde urteilt.
Der Saal antwortet sofort.
Noch im selben Moment.
Das ist der Unterschied zu fast jeder anderen Kunst.
Ein Maler hängt sein Bild auf und geht.
Er sieht die Gesichter der Leute nie.
Du siehst sie.
Du siehst jedes Zucken.
Du hörst jeden Lacher.
Und du spürst jede Stille.
Diese Nähe macht Angst.
Am Anfang jedenfalls.
Aber sie ist auch das Beste an der ganzen Sache.
Denn sie ist ehrlich.
Der Saal kann nicht lügen.
Er merkt sofort, wenn du nur eine Rolle spielst.
Und er merkt sofort, wenn du es ernst meinst.
Ein voller Saal ist ein feines Messgerät.
Feiner als jeder Kritiker.
Er misst nicht, ob dein Text klug ist.
Er misst, ob er ankommt.
Ob er etwas mit den Leuten macht.
Das ist eine gute Frage für jeden Text.
Macht er etwas mit den Leuten?
Natürlich ist so eine Wertung nie ganz gerecht.
Das weiß jeder im Saal.
Ein starker Text kann an einem müden Abend untergehen.
Ein einfacher Text kann die Halle zum Beben bringen.
Punkte sind Laune, nicht Wahrheit.
Deshalb gibt es beim Poetry Slam einen schönen Satz.
Er heißt: Respect the poets.
Achtet die Dichter.
Die Punkte sind ein Spiel.
Der Mut, da oben zu stehen, ist echt.
Ein guter Saal weiß das.
Er buht niemanden aus.
Er trägt die Leute auf der Bühne.
Oft schickt die Moderation zuerst einen Test-Text auf die Bühne.
Einen, der nicht zählt.
Er dient nur dazu, den Saal einzustellen.
Wie eine Probefahrt, bevor der Betrieb losgeht.
Danach wissen alle, wie gewertet wird.
Und dann fährt der erste richtige Zug ab.
Wie Profis mit dieser Wertung umgehen, ohne den Kopf zu verlieren, zeigt dieser Text: was Profis anders machen.

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Jetzt Kanal folgenEin Poetry Slam ist so bunt wie eine Bahnhofshalle
Durch einen großen Bahnhof fährt nicht nur ein Zug.
Da ist der schnelle ICE.
Er rauscht durch und will nur nach vorne.
Da ist die kleine Regionalbahn.
Sie hält an jedem Dorf und hat Zeit.
Da ist der schwere Güterzug.
Er trägt eine Last, die man von außen nicht sieht.
Da ist der Nachtzug.
Er kommt aus der Ferne und bringt die Müdigkeit mit.
Ein Poetry Slam ist genau diese Halle.
An einem einzigen Abend fährt alles davon ein.
Der erste tritt auf und ist der schnelle ICE.
Sein Text ist laut, schnell, voller Pointen.
Der Saal lacht im Sekundentakt.
Kaum ist er fertig, kommt die Nächste.
Sie ist die Regionalbahn.
Ihr Text ist leise und langsam.
Sie erzählt von ihrer Großmutter.
Von einer Küche, von einem Geruch, von einem Abschied.
Eben hat der Saal noch gelacht.
Jetzt ist er ganz still.
So still, dass man das eigene Herz hört.
Das ist kein Fehler im Programm.
Das ist der Reiz.
Dann kommt einer, der ist der Güterzug.
Er schreibt über etwas Schweres.
Über eine Angst, über einen Verlust, über eine Wut.
Er trägt es auf die Bühne, ohne zu jammern.
Und der Saal trägt es ein Stück mit.
Danach kommt eine, die reimt jede Zeile.
Und nach ihr kommt einer, der reimt kein einziges Mal.
Beide sind richtig.
Beim Poetry Slam gibt es keine Pflicht zum Reim.
Es gibt nur die Pflicht, echt zu sein.
Auch die Menschen sind so verschieden wie die Züge.
Da ist die Schülerin, die zum ersten Mal ein Mikro hält.
Ihre Hände zittern.
Da ist der Rentner, der seit dreißig Jahren schreibt.
Er wirkt so ruhig wie ein Bahnsteig am Sonntagmorgen.
Da ist der Student, der schimpft über die Welt.
Da ist die Frau, die einfach eine Geschichte erzählt.
Keiner ist zu jung.
Keiner ist zu alt.
Keiner ist zu leise.
Diese Mischung macht den Abend.
Ein Bahnhof ist ja auch nicht für einen einzigen Zug gebaut.
Er ist für alle da.
Genau darum lohnt sich das Zuhören so.
Du weißt nie, was als Nächstes einfährt.
Vielleicht der lauteste Lacher deines Jahres.
Vielleicht der Satz, den du nie wieder vergisst.
An einem guten Abend bekommst du beides.
Manchmal von derselben Person.
Ein Text darf lachen und weinen zugleich.
Das kann sonst kaum eine Kunstform.
Der Poetry Slam kann es.
Weil er so nah dran ist an echten Menschen.
Und noch etwas fällt dir auf.
Die Texte handeln fast nie von großen, fernen Dingen.
Sie handeln vom Leben, das jeder kennt.
Vom ersten Herzschmerz.
Vom Streit mit dem Vater.
Von der Bahn, die mal wieder zu spät kommt.
Von der Angst, nicht zu genügen.
Das ist der Stoff.
Kein hohes Thema, sondern dein Dienstagabend.
Und genau darin steckt die ganze Größe.
Denn das kleine Leben ist das, was wir alle teilen.
Was ist Poetry Slam nicht
Manchmal versteht man eine Sache besser, wenn man sagt, was sie nicht ist.
Also drehen wir das Bild einmal um.
Ein Poetry Slam ist kein Poesiealbum.
Es geht nicht um Reim und Rosen.
Es geht nicht um verstaubte Verse aus dem Schrank.
Wenn du an Poesie denkst und dabei gähnst, denk noch mal neu.
Ein Slam-Text kann dich anschreien.
Er kann dich zum Lachen bringen, bis du weinst.
Mit dem Poesiealbum deiner Oma hat das nichts zu tun.
Ein Poetry Slam ist auch kein reines Comedy-Battle.
Ja, es wird viel gelacht.
Ja, viele Texte sind witzig.
Aber Lachen ist kein Muss.
Der leise, traurige Text kann den Abend gewinnen.
Oft gewinnt genau er.
Weil er etwas anrührt, das tiefer sitzt als ein Witz.
Ein Comedy-Club will dich nur zum Lachen bringen.
Ein Poetry Slam will dich berühren.
Lachen ist einer von vielen Wegen dahin.
Ein Poetry Slam ist kein Casting.
Da sitzt kein strenges Pult mit vier Prüfern.
Niemand drückt einen roten Buzzer.
Niemand schickt dich weg, weil du nicht ins Bild passt.
Wer auftreten will, trägt sich in eine Liste ein.
Diese Liste heißt offene Liste.
Sie ist offen für alle.
Der Profi steht neben dem Anfänger.
Beide bekommen dieselbe Zeit.
Beide bekommen dasselbe Mikro.
Das gibt es im Fernsehen nie.
Und ein Poetry Slam ist kein Rap-Battle.
Beim Rap-Battle geht es gegen den anderen.
Man macht sein Gegenüber mit Worten fertig.
Beim Poetry Slam ist das anders.
Es geht nicht gegen den anderen.
Es geht um den eigenen Text.
Der andere auf der Bühne ist kein Gegner.
Er ist ein Mitreisender.
Ihr fahrt am selben Abend durch dieselbe Halle.
Nur eben nacheinander.
Am Ende klatschen die meisten füreinander.
Nicht gegeneinander.
Ein Poetry Slam ist auch kein Theaterstück.
Du spielst keine Rolle.
Du bist keine Figur in einer Kulisse.
Du stehst da als du selbst.
Mit deinem Namen, mit deiner Stimme, mit deiner Geschichte.
Das ist es, was so nah geht.
Beim Theater weißt du: Das ist gespielt.
Beim Poetry Slam ahnst du: Das ist echt.
Und meistens stimmt diese Ahnung.
Und zuletzt: Ein Poetry Slam ist kein Uni-Seminar.
Du brauchst kein Studium, um mitzureden.
Du musst keine Fachwörter kennen.
Die Texte reden in einfacher Sprache.
Sie wollen verstanden werden, nicht bewundert.
Ein Museum sagt: Sei still und schau von Weitem.
Ein Bahnhof sagt: Komm rein, steig ein, fahr mit.
Der Poetry Slam ist ein Bahnhof.
Kein Museum.
Das ist vielleicht der wichtigste Satz in diesem ganzen Text.
Was ist Poetry Slam? (Erklärvideo) · Florian Neubrand
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Jetzt Kanal folgenWarum Poetry Slam so viele Menschen packt
Poetry Slam ist in wenigen Jahren riesig geworden.
In fast jeder größeren Stadt gibt es heute einen.
In Wien, in Zürich, in kleinen Kneipen und großen Sälen.
Manche Abende füllen ganze Theater.
Woran liegt das?
Ich glaube, an einer einzigen, einfachen Sache.
Hier darf jeder mit seiner eigenen Stimme sprechen.
Ohne Verlag.
Ohne Erlaubnis von oben.
Ohne dass jemand vorher prüft, ob du gut genug bist.
Du schreibst, was dich bewegt.
Und du trägst es vor.
Der Bahnsteig gehört für fünf Minuten dir.
Und dann kommt das Zweite.
Der Saal hört wirklich zu.
Nicht mit halbem Ohr.
Nicht mit dem Handy in der Hand.
Sondern ganz.
Das ist selten geworden in unserer Zeit.
Wo hört dir sonst noch jemand fünf Minuten am Stück zu?
Ohne dich zu unterbrechen?
Ohne aufs Telefon zu schauen?
Fast nirgends.
Diese volle Aufmerksamkeit ist ein Geschenk.
Für den, der spricht.
Und für die, die hören.
Beide bekommen etwas, das im Alltag fehlt.
Für wen ist das also?
Die kurze Antwort: für mehr Menschen, als du denkst.
Bist du eher leise und schüchtern?
Dann gibt dir die Bühne etwas, das dir sonst fehlt.
Einen Ort, an dem alle dir zuhören müssen.
Bist du eher laut und voller Meinung?
Dann bekommst du endlich eine Bühne dafür.
Eine, auf der Lautsein erlaubt ist.
Schreibst du heimlich Tagebuch?
Dann hast du schon angefangen, ohne es zu wissen.
Bist du wütend über etwas in der Welt?
Dann ist die Bühne ein besseres Ventil als jeder Streit.
Trauerst du um jemanden?
Dann kann ein Text tragen, was du allein kaum tragen kannst.
Poetry Slam ist für Junge.
Und für Alte.
Für Menschen mit tausend Worten.
Und für Menschen, die lange geschwiegen haben.
Der einzige Fahrschein, den du brauchst, ist dieser.
Du musst etwas zu sagen haben.
Und das hat jeder Mensch.
Wirklich jeder.
Auch du.
Vielleicht weißt du nur noch nicht, was es ist.
Das findest du beim Schreiben heraus.
Und dann verändert die Sache dich.
Wer regelmäßig auf einer Bühne steht, wird ruhiger.
Nicht auf einen Schlag.
Aber Stück für Stück.
Man lernt, die Angst neben sich stehen zu lassen.
Und trotzdem zu sprechen.
Das hilft weit über die Bühne hinaus.
Im Vorstellungsgespräch.
In der schweren Ansage an einen Menschen.
Überall, wo du deine Stimme brauchst.
Aber auch das bloße Zuhören verändert dich.
Du sitzt im Saal und siehst fremde Menschen.
Und plötzlich verstehst du ein Leben, das ganz anders ist als deins.
Fünf Minuten lang bist du jemand anderes.
Das macht weicher.
Und wacher.
Ein voller Slam-Saal ist einer der menschlichsten Orte, die ich kenne.
Und noch etwas wächst mit der Zeit.
Ein Poetry Slam ist selten ein einmaliges Ding.
Die meisten Bühnen gibt es jeden Monat.
Immer am selben Ort, immer am selben Abend.
Wie ein Zug, der nach festem Fahrplan fährt.
Und so kommen viele wieder.
Immer dieselben Gesichter im Saal.
Wie Pendler auf derselben Strecke.
Man kennt sich mit der Zeit.
Man kennt die Stimmen von der Bühne.
Man sieht Leute wachsen.
Der Schüchterne von vor einem Jahr steht heute sicher da oben.
Das mitzuerleben ist ein eigenes Glück.
So wird aus einer Bühne langsam ein Zuhause.
Ein Ort ohne Dünkel.
Niemand spielt sich auf.
Nach dem Auftritt geben sich die Leute Tipps.
Der Profi hilft dem Anfänger.
Man freut sich über den guten Text des anderen.
Auch wenn er die eigenen Punkte kostet.
Du kommst als Fremder an.
Und gehst als Teil von etwas.
Das ist in unserer Zeit selten geworden.
Ein warmer, offener Ort für alle.
Vielleicht ist genau das der wahre Gewinn.
Nicht die Punkte.
Sondern die Menschen, die du dort triffst.
Dein erster Besuch: so steigst du ein
Jetzt weißt du, was ein Poetry Slam ist.
Bleibt die schönste Frage.
Wie kommst du selbst hinein?
Es gibt einen Rat, der über allen anderen steht.
Merk dir nur diesen einen, wenn du sonst alles vergisst.
Geh zuerst als Zuschauer hin.
Einmal in der Halle stehen, bevor du selbst fährst.
Kein Buch der Welt ersetzt diesen einen Abend.
Du kannst hundert Ratgeber lesen.
Aber erst im Saal begreifst du es wirklich.
So geht der erste Schritt ganz praktisch.
Suche einen Poetry Slam in deiner Nähe.
In fast jeder Stadt gibt es einen.
Oft in einer Kneipe, einem Jugendzentrum, einem kleinen Theater.
Achte auf das Wort offene Liste.
Ein Slam mit offener Liste ist der beste Anfang.
Denn da darf jeder auftreten.
Aber du musst nicht.
Du darfst erst mal nur schauen.
Setz dich also hin.
Nimm dir ein Getränk.
Und dann hör einfach zu.
Achte darauf, wie die Leute vortragen.
Wer hetzt, wer sich Zeit lässt.
Wer eine Pause setzt und den Saal damit packt.
Achte auf das Publikum.
Wann wird es laut?
Wann wird es ganz still?
Du wirst merken: Die stillen Momente sind die stärksten.
Nach diesem einen Abend weißt du mehr als aus jedem Kurs.
Und wenn dich dann der Mut packt?
Dann fang klein an.
Trag dich in die offene Liste ein.
Nimm einen kurzen Text mit.
Lieber zwei starke Minuten als sechs zähe.
Niemand erwartet ein Meisterwerk von dir.
Alle im Saal wissen, wie sich das erste Mal anfühlt.
Fast jeder da oben war mal genauso nervös wie du.
Die ersten Schritte gehe ich mit dir hier durch: die 10 Gebote für Anfänger.
Und ja, du wirst Angst haben.
Dein Herz wird schlagen.
Deine Hände werden vielleicht zittern.
Das ist kein Fehler.
Das ist normal.
Sogar Profis kennen dieses Zittern bis heute.
Der Körper darf zittern.
Der Text darf es nicht.
Was gegen das Lampenfieber hilft, steht hier: wenn der Körper zittert.
Und falls dich mal ein Zwischenruf aus dem Saal trifft, bleib ruhig.
Wie du souverän damit umgehst, zeigt dieser Text: Zwischenrufe kontern.
Ein letzter Gedanke für den Anfang.
Setz dir kein großes Ziel.
Du musst nicht gewinnen.
Du musst nur einmal einsteigen.
Einmal den Text laut sagen, vor fremden Menschen.
Wer das schafft, hat schon gewonnen.
Ganz egal, was die Punkte sagen.
Denn du bist gefahren.
Die meisten bleiben ihr Leben lang auf dem Bahnsteig stehen.
Du nicht.
Ein paar Fragen, die sich vor dem ersten Mal jeder stellt
Vor dem ersten Besuch gehen dir tausend Fragen durch den Kopf.
Die meisten davon höre ich immer wieder.
Also beantworte ich die wichtigsten hier, ganz kurz.
Muss ich mitmachen, wenn ich hingehe?
Nein.
Du darfst einfach nur zuschauen.
Die meisten im Saal treten nie selbst auf.
Sie sind Fahrgäste, keine Lokführer.
Das ist völlig normal.
Was ziehe ich an?
Komm, wie du bist.
Ein Kostüm ist sogar verboten.
Deine Alltagskleidung ist genau richtig.
Darf ich meinen Text vom Blatt ablesen?
Bei einer offenen Liste fast immer, ja.
Nimm dein Blatt ruhig mit auf die Bühne.
Es ist dein Sicherheitsnetz.
Du musst am Anfang nichts auswendig können.
Muss sich mein Text reimen?
Nein, überhaupt nicht.
Reim ist erlaubt, aber keine Pflicht.
Viele der stärksten Texte reimen sich kein einziges Mal.
Wie lang muss der Text sein?
Kürzer, als du denkst.
Zwei bis drei Minuten reichen für den Anfang.
Das ist weniger als eine Seite.
Was, wenn ich mitten im Text stecken bleibe?
Dann nimm das Blatt.
Atme einmal.
Und fang die Zeile neu an.
Der Saal ist geduldiger, als du glaubst.
Ein kurzer Stopp ist kein Weltuntergang.
Er ist nur ein Zug, der kurz am Signal hält.
Kostet der Eintritt viel?
Meist wenig, manchmal nichts.
Ein Slam ist kein teures Konzert.
Bin ich zu jung oder zu alt dafür?
Weder noch.
Auf einer offenen Bühne ist Platz für jedes Alter.
Und was, wenn keiner klatscht?
Das passiert fast nie.
Und wenn doch, sagt es nichts über dich.
Es sagt nur etwas über diesen einen Abend.
Es gibt am Ende nur eine wirklich falsche Antwort.
Nämlich, gar nicht erst hinzugehen.
Chicago, der große Bahnhof und du
Erinnerst du dich an den Anfang dieses Textes?
An die Kneipe in Chicago?
An den Mann, der auf dem Bau arbeitete?
Marc Smith hatte keine Bühne.
Er hatte keinen Verlag.
Er hatte nur eine Idee.
Gedichte gehören nicht ins stille Kämmerlein.
Sie gehören zu den Menschen.
Also machte er aus einer Lesung einen Wettstreit.
Und aus einem müden Publikum einen wachen Saal.
Das war 1986.
In einer einzigen Kneipe.
Aus dieser einen Kneipe wurde eine Bewegung.
Erst eine Stadt.
Dann ein Land.
Dann die ganze Welt.
Aus einem Bahnsteig wurde ein Netz.
Ein Netz, das heute bis in deine Stadt reicht.
Vielleicht fährt schon nächste Woche ein Slam in deiner Nähe ab.
Und du kannst einfach hingehen.
Das ist das Schöne an diesem großen Bahnhof.
Er hat überall einen Eingang.
Auch dort, wo du wohnst.
Am Ende ist ein Poetry Slam eine einfache Sache.
Ein Mikro.
Ein Text.
Ein Publikum, das entscheidet.
So einfach wie ein Bahnsteig.
Und so voller Möglichkeiten wie eine große Halle.
Der große Bahnhof besteht am Ende aus lauter kleinen Momenten.
Aus dem einen Lacher.
Aus der einen Stille.
Aus dem einen Satz, den du mit nach Hause nimmst.
Für diese Momente lohnt sich der Weg.
Vielleicht kommst du das erste Mal nur zum Schauen.
Das ist gut.
Vielleicht stehst du irgendwann selbst auf der Bühne.
Das ist noch besser.
Vielleicht bleibt es bei diesem einen Abend als Gast.
Auch das ist völlig in Ordnung.
Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch.
Es gibt nur die Einladung, einzusteigen.
Alle Bühnen, alle Texte, alle Wege findest du hier: alle Poetry-Beiträge.
Was ist Poetry Slam?
Ein großer Bahnhof für alle, die etwas zu sagen haben.
Und das hast du.
Steig ein.
Der nächste Slam fährt bald.
Du willst nicht nur zuschauen, sondern selbst schreiben?
In meinen Büchern nehme ich dich Schritt für Schritt an die Hand.
Vom ersten Einfall bis zum fertigen Text für die Bühne.
