Die 10 Gebote für Slam-Anfänger, die keiner aufschreibt
Zehn Regeln, die dir jeder erfahrene Slammer nach dem dritten Bier verrät. Und die trotzdem in keinem Einsteigertext stehen.
Es gibt zwei Arten von Wissen in dieser Szene. Das eine steht auf Webseiten. Das andere wird um halb eins nachts weitergegeben, im Nebenraum, im Stehen.
Ich habe das zum ersten Mal in einem Hinterzimmer erlebt. Es war ein Raum mit Getränkekisten und einem kaputten Stuhl.
Dort saßen vier Leute nach dem Abend. Ich stand daneben und hörte zu.
In zwanzig Minuten habe ich mehr gelernt als in drei Monaten Lesen. Nicht weil sie klug waren.
Sondern weil sie ehrlich waren. Um halb eins ist niemand mehr höflich.
Eine dieser Regeln hat mir später einen ganzen Abend gerettet. Welche das war, steht ganz unten.

Bei der Bahn kenne ich genau dasselbe Muster. Es gibt Vorschriften, und es gibt den Aufenthaltsraum.
In den Vorschriften steht, was zu tun ist. Im Aufenthaltsraum steht, was wirklich passiert.
Welcher Bahnsteig bei Regen rutscht. Bei welchem Fahrgast man besser zweimal hinsieht.
Nichts davon steht in einem Handbuch. Alles davon entscheidet über den Dienst.
Dieser Beitrag ist der Aufenthaltsraum. Zehn Regeln, die niemand aufschreibt.
Das Wort Gebote ist mit einem Augenzwinkern gemeint. Niemand hat diese Szene je verwaltet.
Es sind keine Vorschriften, sondern Erfahrungswerte. Du darfst jede davon brechen.
Ich habe sie alle zehn selbst gebrochen. Die meisten mehrfach.
Und eine berühmte Methode kommt später darin vor, die dem angeblichen Erfinder gar nicht gehört. Er hat das selbst gesagt.
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Die meisten machen es andersherum. Sie warten, bis sie sich bereit fühlen.
Dieses Gefühl kommt nicht. Nicht in diesem Jahr und nicht im nächsten.
Bereitschaft ist kein Zustand, den man erreicht. Sie entsteht erst hinterher.
Deshalb dreht man das um. Erst die Anmeldung, dann die Angst, dann der Text.
Eine Anmeldung ist eine Verabredung mit dir selbst. Sie erzeugt eine Frist.
Und eine Frist erzeugt einen Text. Ohne Frist entsteht fast nie einer.
Ich kenne einen Mann, der seit sechs Jahren einen Text überarbeitet. Er hat sich nie angemeldet.
Der Text ist inzwischen sehr gut. Gehört hat ihn trotzdem niemand.
„Aber ich habe doch noch gar keinen fertigen Text.“
Genau deshalb sollst du dich anmelden. Ein Termin in drei Wochen bringt dir einen Text. Drei Wochen ohne Termin bringen dir drei Wochen. Das ist keine Motivationsweisheit, sondern eine sehr nüchterne Beobachtung an mir selbst.
Du sollst deinen ersten Text nicht retten wollen
Dein erster Text ist Material. Er ist kein Denkmal.
Fast alle Anfänger machen denselben Fehler. Sie tragen einen Text zwei Jahre lang mit sich herum.
Sie feilen an einer Zeile, die nie funktionieren wird. Und schreiben in dieser Zeit nichts Neues.
Das Verhältnis ist einfach. Zehn neue Texte bringen dich weiter als zehn Fassungen von einem.
Bei der Bahn nennt man so etwas Ausmusterung. Irgendwann lohnt die Reparatur nicht mehr.
Das ist keine Schande für das Fahrzeug. Es hat seinen Dienst getan.
Dein erster Text hat auch seinen Dienst getan. Er hat dich auf die Bühne gebracht.
Mehr sollte er nie leisten. Lass ihn in Ruhe abstellen.
Wie eine Anmeldung wirklich abläuft
Viele stellen sich das schwieriger vor, als es ist. Bei den meisten Abenden gibt es eine Liste.
Du schreibst deinen Namen darauf und bist dabei. Manchmal per Mail, manchmal am Abend selbst.
Niemand prüft dich. Niemand fragt nach Erfahrung.
Das ist für viele die größte Überraschung. Es gibt kein Tor und keinen Türsteher.
Ich habe drei Monate lang nach einer Zulassung gesucht, die es gar nicht gibt. In dieser Zeit hätte ich sechsmal auftreten können.
Der Trick mit dem Zeugen
Eine Anmeldung kann man leise zurückziehen. Deshalb funktioniert sie allein nicht immer.
Erzähl einem einzigen Menschen davon. Das reicht schon.
Am besten jemandem, der nachfragen wird. Nicht jemandem, der dich beruhigt.
Ich habe es damals meiner Schwester gesagt. Sie hat drei Wochen lang jeden Sonntag gefragt, wie weit der Text ist.
Das war unangenehm und hat funktioniert. Der Text war pünktlich fertig.
Was mit dem alten Text geschieht
Ausmustern heißt nicht wegwerfen. Es heißt nur, ihn aus dem Dienst zu nehmen.
Leg den Text in einen Ordner und vergiss ihn ein Jahr lang. Dann liest du ihn noch einmal.
Meistens ist er dann wirklich schlecht. Und manchmal findest du zwei Zeilen darin, die du heute nicht mehr schreiben könntest.
Diese zwei Zeilen nimmst du mit. Der Rest bleibt liegen.
So macht man das mit alten Fahrzeugen auch. Man baut die brauchbaren Teile aus, bevor sie zerlegt werden.
Fast alle guten Texte fangen als sehr schlechte erste Fassung an. Das ist der einzige Weg, auf dem sie entstehen.
Kerngedanke von Anne Lamott in „Bird by Bird“, 1994 · sinngemäß wiedergegeben
Anne Lamott hat dafür ein sehr direktes Wort benutzt. Es steht in ihrem Buch über das Schreiben und ist berühmt geworden.
Sie nennt die erste Fassung eine mistige erste Fassung. Und sie meint das als Erlaubnis, nicht als Schimpfwort.
Ihr Argument ist einfach. Niemand sieht die erste Fassung außer dir.
Also darf sie so schlecht sein, wie sie will. Ihre einzige Aufgabe ist es zu existieren.
Der Titel ihres Buches erzählt eine Familiengeschichte. Ihr Bruder saß als Kind vor einem Vogelreferat und war überfordert.
Der Vater legte ihm die Hand auf die Schulter. Und sagte, er solle es Vogel für Vogel machen.
Genau das gilt für deinen ersten Auftritt. Nicht die Laufbahn, nicht das Jahr, nur der eine Abend.
Anne Lamott spricht hier über das, was sie in einem langen Schreibleben gelernt hat. Der Vortrag ist kurz und sehr unsentimental.
Du sollst den Zettel mitnehmen
Es gibt einen hartnäckigen Irrglauben unter Anfängern. Auswendig gilt als besser.
Das Publikum sieht das anders. Es interessiert sich für den Text und nicht für deine Gedächtnisleistung.
Ein Blatt in der Hand kostet dich nichts. Ein Blackout kostet dich den ganzen Abend.
Nimm den Zettel mit, auch wenn du ihn nicht brauchst. Er ist deine Notbremse.
Kein Lokführer sagt, er brauche keine Bremse. Er hofft nur, sie nicht zu ziehen.
Ein Detail hilft dabei sehr. Drucke groß und lass viel Platz zwischen den Absätzen.
Im Bühnenlicht siehst du schlechter als zu Hause. Das überrascht fast jeden beim ersten Mal.
Du sollst nicht erklären, was jetzt kommt
Das Vorwort ist der häufigste Anfängerfehler überhaupt. Es klingt immer gleich.
„Also, das ist jetzt ein Text von mir, den ich mal geschrieben habe.“ Danach ist die Luft raus.
Du hast dem Saal gerade die Pointe deiner Stimmung verraten. Und dich klein gemacht, bevor du angefangen hast.
Der Text muss allein stehen können. Wenn er das nicht kann, hilft ihm auch dein Vorwort nicht.
Sag deinen Namen und dann den ersten Satz. Das reicht vollständig.

Du sollst langsamer sein, als du es aushältst
Jeder Anfänger ist zu schnell. Es gibt keine Ausnahme, die ich je erlebt hätte.
Der Grund liegt nicht im Text. Er liegt im Körper.
Wer aufgeregt ist, will die Lage schnell hinter sich bringen. Also redet er schneller.
Das Ergebnis ist immer dasselbe. Der Saal kommt nicht mit und schaltet ab.
Die Regel aus dem Aufenthaltsraum lautet so. Sprich so langsam, dass es sich falsch anfühlt.
Genau dann bist du ungefähr richtig. Dein Gefühl für Tempo ist oben komplett verstellt.
„Wie soll ich das denn kontrollieren, wenn ich aufgeregt bin?“
Gar nicht mit dem Kopf. Bau die Bremse in den Text ein. Markiere dir drei Stellen auf dem Zettel mit einem dicken Strich und atme dort einmal. Drei Striche sind zuverlässiger als jeder Vorsatz.
Wie dein Zettel aussehen sollte
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Zettel und einem Manuskript. Ein Manuskript hilft dir oben nicht.
Nimm Schriftgröße sechzehn oder größer. Und lass nach jedem Absatz eine leere Zeile.
Schreib nur auf eine Seite und nutze mehrere Blätter. Zwei Seiten bedeuten Umblättern, und Umblättern bedeutet Unruhe.
Nummeriere die Blätter groß in der Ecke. Das klingt übertrieben, bis sie dir einmal runterfallen.
Ich habe das einmal ohne Nummern erlebt. Ein Kollege sortierte auf offener Bühne vierzig Sekunden lang.
Was du statt eines Vorworts sagen darfst
Manchmal braucht ein Text wirklich eine Information vorher. Das kommt vor und ist erlaubt.
Der Unterschied liegt in der Richtung. Eine Information gibst du dem Publikum, eine Entschuldigung gibst du dir selbst.
„Der Text spielt in einem Wartesaal.“ Das ist eine Information.
„Ich weiß nicht, ob das hier passt.“ Das ist eine Entschuldigung.
Prüfe deinen Satz an dieser Frage. Hilft er dem Text oder beruhigt er mich.
Warum langsam so schwer ist
Oben fühlt sich eine Pause von zwei Sekunden an wie eine Ewigkeit. Unten im Saal fühlt sie sich nach gar nichts an.
Dieser Unterschied ist enorm und wird immer unterschätzt. Deine innere Uhr läuft auf der Bühne schneller.
Wenn du das einmal mit einer Aufnahme prüfst, glaubst du es sofort. Vorher glaubt es niemand.
Bei der Bahn gibt es dafür einen schönen Vergleich. Ein Zug wirkt aus dem Fenster viel schneller als vom Bahnsteig aus.
Dieselbe Geschwindigkeit, zwei Wahrnehmungen. Auf der Bühne sitzt du am Fenster.
Du sollst deine Wertung nicht kommentieren
Diese Regel ist die unbequemste von allen. Und sie ist die wichtigste für deinen Ruf.
Wenn die Zettel hochgehen, schaust du freundlich. Egal was darauf steht.
Kein Augenrollen, kein „na gut“, keine Grimasse. Das kostet dich zehn Sekunden Selbstbeherrschung.
Und es spart dir Jahre. Die Szene erinnert sich sehr genau an Leute, die schlecht verlieren.
Ich habe einmal jemanden gesehen, der ein Blatt zerriss. Das war vor elf Jahren.
Wenn heute sein Name fällt, kommt zuerst diese Geschichte. Erst danach kommt sein Text.
Das gilt auch für den Abend danach im Netz. Ein ärgerlicher Beitrag um zwei Uhr nachts bleibt zehn Jahre stehen.
„Und wenn die Wertung wirklich ungerecht war?“
War sie oft. Wertungen sind das Bauchgefühl von fünf zufällig gewählten Menschen. Genau deshalb lohnt sich der Ärger nicht. Du kannst dich über ein Würfelergebnis auch nicht sinnvoll aufregen.
Du sollst bis zum Ende bleiben
Nach dem eigenen Auftritt gehen viele Anfänger. Sie halten das für logisch.
Es ist der teuerste Fehler des ganzen Abends. Alles Wichtige passiert nach dem Programm.
Dort erfährst du, welche Bühnen es noch gibt. Dort wirst du gefragt, ob du im März Zeit hast.
Diese Gespräche kannst du nirgends buchen. Sie entstehen nur, wenn du noch da bist.
Es gibt bei der Bahn ein schönes Wort dafür. Anschluss.
Ein Anschluss ist nichts, was man selbst fährt. Man muss nur am richtigen Bahnsteig stehenbleiben.
Wer sofort geht, verpasst jeden Anschluss. Und wundert sich, warum nie etwas nachkommt.
Bleib zwanzig Minuten. Mehr braucht es nicht.

Du sollst nicht fragen, was du nicht hören kannst
Zehn Minuten nach dem Auftritt bist du dünnhäutig. Das ist der schlechteste Zeitpunkt für Kritik.
Trotzdem fragen fast alle genau dann. „Und? Wie fandst du mich?“
Das ist keine Frage nach Feedback. Das ist eine Bitte um Trost.
Und weil dein Gegenüber das spürt, sagt es „war gut“. Damit hast du nichts gewonnen.
Frag zwei Tage später. Und frag etwas Konkretes.
„An welcher Stelle bist du ausgestiegen?“ Auf diese Frage bekommst du eine echte Antwort.
Sie tut auch mehr weh. Deshalb funktioniert sie.
Was du stattdessen mit dem Ärger machst
Schweigen heißt nicht schlucken. Der Ärger muss trotzdem irgendwohin.
Am besten in einen Satz auf Papier, noch am selben Abend. Danach ist er meistens kleiner.
Ich schreibe seit Jahren nach jedem ärgerlichen Abend eine Zeile. Nur für mich und ohne Empfänger.
Wenn ich sie am nächsten Morgen lese, ist sie fast immer peinlich. Genau dafür ist sie da.
Wie man im Foyer nicht komisch dasteht
Bleiben ist der Rat, und alle nicken. Dann steht man da und weiß nicht wohin.
Es gibt dafür einen sehr einfachen Weg hinein. Sprich jemanden über seinen Text an.
Nicht „war gut“, sondern eine konkrete Stelle. „Die Sache mit dem Bruder hat mich getroffen.“
Das funktioniert bei jedem Menschen auf jeder Bühne. Weil jeder wissen will, ob etwas angekommen ist.
Zwei Sätze reichen, und du stehst nicht mehr allein. Mehr Strategie braucht es in dieser Szene nicht.
Wen du überhaupt fragen solltest
Nicht jeder ist ein guter Ratgeber. Das hat nichts mit Wohlwollen zu tun.
Menschen, die dich lieben, können deinen Text nicht hören. Sie hören dich.
Deshalb ist die Mutter die schlechteste Adresse. Und der beste Freund die zweitschlechteste.
Frag jemanden aus der zweiten Reihe deines Lebens. Einen Kollegen, eine Nachbarin, jemanden vom Sport.
Diese Leute sagen dir die Wahrheit. Sie haben nichts zu verlieren.
Fünf Ratschläge, die du ignorieren darfst
Es gibt auch die andere Sorte. Sätze, die man Anfängern gern sagt und die nichts nützen.
„Stell dir das Publikum in Unterwäsche vor“
Dieser Rat ist uralt und hilft niemandem. Er gibt deinem Kopf eine zusätzliche Aufgabe.
Und er baut Abstand auf, wo du Nähe brauchst. Du willst diese Menschen erreichen, nicht entwerten.
„Schau über die Köpfe hinweg“
Das sieht von unten sofort komisch aus. Der Saal merkt genau, dass du an ihm vorbeischaust.
Such dir lieber zwei oder drei freundliche Gesichter. Und sprich abwechselnd zu ihnen.
Alle anderen fühlen sich dann mitgemeint. Das ist ein alter Trick und er funktioniert wirklich.
„Trink vorher einen“
Ein Glas nimmt dir die Angst und die Genauigkeit. Beim ersten Auftritt merkst du nur das Erste.
Beim zehnten merkst du das Zweite. Und dann hast du dir schon eine Gewohnheit gebaut.
Ich kenne mehrere Leute, die das bereut haben. Und keinen, der es empfehlen würde.
„Sei einfach du selbst“
Der Satz stimmt und nützt trotzdem nichts. Auf einer Bühne weißt du am Anfang gar nicht, wer das ist.
Diese Bühnenperson entsteht erst nach vielen Abenden. Sie ist ein Ergebnis und keine Voraussetzung.
„Nimm einen lustigen Text, das kommt besser an“
Lustige Texte gewinnen tatsächlich häufiger. Das hilft dir nur nichts, wenn du nicht lustig schreibst.
Ein erzwungen komischer Text ist das Traurigste auf jeder Bühne. Nimm den Text, der dir am wichtigsten ist.
Der wird auch am besten vorgetragen. Und darauf kommt es an diesem Abend an.
„Warum werden diese Ratschläge dann so oft weitergegeben?“
Weil sie leicht zu merken sind. Guter Rat ist meistens unbequem und braucht einen Satz Erklärung. Schlechter Rat passt auf eine Postkarte. Deshalb reist er schneller.
Der erste Abend, Stunde für Stunde
Ein großer Teil der Angst kommt vom Nichtwissen. Deshalb hier der ganz normale Ablauf.
Eine Stunde vorher
Sei früh da. Das ist der wichtigste Punkt der ganzen Liste.
Wer eine Stunde vorher kommt, sieht den leeren Raum. Und ein leerer Raum ist viel weniger bedrohlich als ein voller.
Du siehst, wo die Bühne ist. Du siehst, wie weit die erste Reihe entfernt sitzt.
Diese Bilder nimmst du mit nach oben. Sie ersetzen die Bilder, die deine Angst gemalt hat.
Die Anmeldung vor Ort
Meistens steht jemand mit einer Liste am Eingang. Sag einfach, dass du auftreten möchtest.
Sag auch dazu, dass es dein erstes Mal ist. Fast alle Veranstalter behandeln dich dann besonders freundlich.
Manche setzen dich dann bewusst nicht an die erste Stelle. Das ist ein Geschenk und keine Zurücksetzung.
Die Wartezeit
Das ist der schwerste Teil des Abends. Nicht der Auftritt.
Lies deinen Text in dieser Zeit nicht noch fünfmal durch. Das macht ihn nicht besser und dich nur nervöser.
Hör den anderen zu. Das lenkt ab und ist gleichzeitig die beste Schule, die es gibt.
Der Weg nach vorn
Geh langsam. Der Applaus läuft ohnehin, und niemand wartet auf dich.
Stell das Mikrofon auf deine Höhe ein. Nimm dir dafür ruhig fünf Sekunden.
Diese fünf Sekunden sehen von unten sehr souverän aus. Und sie geben dir Zeit zum Ankommen.
Danach
Du wirst nichts spüren außer Rauschen. Das ist normal und geht nach zwanzig Minuten vorbei.
Trink Wasser und setz dich hin. Und dann bleib, wie im siebten Gebot.
„Was ziehe ich denn an?“
Was du ohnehin trägst. Poetry Slam hat keine Kleiderordnung und mag Verkleidung nicht besonders. Eine einzige Regel gibt es doch: nichts, worin du dich unwohl fühlst. Ein Kragen, der drückt, kostet dich oben mehr Aufmerksamkeit als der ganze zweite Absatz.
Dieser Ablauf ist bei fast allen Abenden gleich. Er ändert sich kaum zwischen Dorf und Großstadt.
Das ist einer der schönsten Züge dieser Szene. Du kannst überall hingehen und weißt sofort Bescheid.
So ist es beim Fahren auch. Ein Bahnsteig sieht in Hamburg aus wie in Suhl.
Diese Wiedererkennbarkeit ist mehr wert, als sie aussieht. Sie nimmt dir an jedem neuen Ort ein Stück Angst.
Was mir Leute nachts gesagt haben
Drei Sätze haben bei mir mehr bewirkt als alle Bücher. Ich gebe sie hier weiter, weil sie mir geschenkt wurden.
„Du musst nicht gut sein, du musst wiederkommen.“
Das hat mir eine Frau gesagt, die seit zwanzig Jahren moderiert. Es war nach meinem dritten Auftritt.
Ich hatte gerade sehr schlecht abgeschnitten. Und sie hat nicht getröstet, sondern eingeordnet.
Der Satz nimmt die Last vom einzelnen Abend. Und legt sie auf die Strecke.
Das ist ein enormer Unterschied. Ein einzelner Abend kann dich zerstören, eine Strecke nicht.
„Schreib das, was du nicht erzählen willst.“
Dieser Satz kam von einem sehr stillen Mann. Er trat selten auf und schrieb Texte, bei denen der Saal nicht atmete.
Er meinte es nicht als Aufforderung zur Beichte. Er meinte den Punkt, an dem es unbequem wird.
Fast alle Anfängertexte hören genau davor auf. Sie umkreisen etwas und benennen es nicht.
Der Saal merkt das sofort. Er spürt, wenn jemand ausweicht.
Du musst nicht dein größtes Geheimnis erzählen. Aber du musst irgendwo ehrlich sein.
„Der Text gehört dir, der Abend nicht.“
Das war der nützlichste von allen dreien. Er ist auch der härteste.
Du kannst deinen Text bis ins Letzte bauen. Was daraus wird, entscheiden Menschen, die du nicht kennst.
Ein Saal ist wie das Wetter. Man kann sich anziehen, aber nicht verhandeln.
Wer das begriffen hat, wird ruhiger. Nicht weil ihm der Abend egal ist.
Sondern weil er weiß, wo seine Zuständigkeit endet. Und das ist eine große Erleichterung.
Warum das niemand aufschreibt
Man könnte fragen, warum diese Regeln nirgends stehen. Die Antwort ist unspektakulär.
Sie klingen aufgeschrieben streng. Gesagt klingen sie freundlich.
„Kommentier deine Wertung nicht“ wirkt auf Papier wie eine Vorschrift. Nachts im Foyer wirkt es wie ein Tipp unter Kollegen.
Dazu kommt eine zweite Sache. Diese Szene mag keine Regeln.
Poetry Slam ist als Gegenentwurf entstanden. Wer da Gebote aufschreibt, wirkt sofort wie eine Behörde.
Deshalb wandert das Wissen von Mund zu Mund. Und deshalb hängt es davon ab, ob dich jemand mitnimmt.
Es gibt noch einen dritten Grund, und der ist der ehrlichste. Wer diese Regeln aufschreibt, gibt zu, dass er sie selbst gebraucht hat.
Das fällt vielen schwer. Auf einer Bühne wirkt es besser, wenn alles von allein kam.
Von allein kommt aber nichts. Jeder in diesem Foyer hat einmal dort gestanden, wo du gerade stehst.
Genau das finde ich ungerecht. Wer schüchtern ist, bekommt es später oder nie.
Deswegen steht es hier. Nimm es mit und gib es weiter, sobald du selbst im Aufenthaltsraum stehst.
Was du im ersten Jahr nicht brauchst
Es gibt eine ganze Ausstattung, die Anfänger sich zulegen. Fast nichts davon hilft.
Du brauchst keine Webseite. Im ersten Jahr sucht dich niemand.
Du brauchst kein eigenes Mikrofon. Jede Bühne stellt eines hin.
Du brauchst keinen Künstlernamen. Er wirkt fast immer bemüht und du legst ihn nach zwei Jahren wieder ab.
Du brauchst keine Fotos von dir auf der Bühne. Die entstehen von allein, sobald es sie zu machen lohnt.
Und du brauchst vor allem keinen Plan für die nächsten fünf Jahre. Der wäre nach dem dritten Abend ohnehin hinfällig.
Was du brauchst, passt in eine Hand. Einen Text, einen Zettel und einen Termin.
Alles andere ist Beschaffung statt Arbeit. Und Beschaffung fühlt sich an wie Fortschritt, ohne einer zu sein.
Ich habe mir damals eine Mappe gekauft. Sie liegt bis heute leer im Regal.
Eine Sache gehört noch dazu, und sie ist die leiseste. Sei freundlich zu den anderen auf der Liste.
Ihr steht formal im Wettbewerb und tatsächlich im selben Boot. Alle da oben haben dieselbe Angst.
Wer das begreift, hat nach einem Jahr fünfzehn Verbündete. Wer es nicht begreift, hat nach einem Jahr eine Wertung.
Das ist die einzige Regel dieser Liste, die dir sofort nützt. Und sie kostet nichts.
Vieles in dieser Szene entscheidet sich nicht auf der Bühne, sondern daneben. Wer freundlich bleibt, wird wieder eingeladen.
Und wer wieder eingeladen wird, kommt weiter. So einfach ist die Rechnung in dieser Szene.
Du sollst den nächsten Abend buchen, bevor du diesen bewertest
Das ist der einzige Trick, den ich wirklich empfehle. Er ist unspektakulär und wirkt sofort.
Melde dich noch am selben Abend für den nächsten an. Bevor du darüber nachdenkst, wie es gelaufen ist.
Denn dein Urteil kommt später und ist unzuverlässig. Am Sonntagmorgen sieht jeder Auftritt schlechter aus.
Wenn dann schon ein Termin steht, ist die Frage erledigt. Du fährst weiter, weil ein Zug eingeplant ist.
Ein Fahrplan hat genau diesen Zweck. Er nimmt dir die tägliche Entscheidung ab.
Niemand fragt morgens, ob die Linie heute Lust hat. Sie fährt, weil sie im Plan steht.
Es gibt dazu eine bekannte Geschichte aus der Welt der Komiker. Sie wird meistens falsch erzählt.
Ein großer Wandkalender. Ein rotes Kreuz für jeden Tag, an dem geschrieben wurde. Und dann nur noch eine Aufgabe: die Kette nicht unterbrechen.
Überliefert von Brad Isaac, veröffentlicht 2007 · Jerry Seinfeld hat später gesagt, dass diese Methode nicht von ihm stammt
Die Geschichte geht so. Ein junger Komiker namens Brad Isaac traf Jerry Seinfeld in einem Club.
Er fragte ihn nach einem Rat für junge Leute. Und bekam den Kalender mit den roten Kreuzen.
Isaac hat das Jahre später im Netz veröffentlicht. Seitdem läuft es unter Seinfelds Namen.
Und hier wird es interessant. Seinfeld selbst hat der Zuschreibung später widersprochen.
Er sagte, die Methode sei nicht seine. Sie hänge ihm nur seit Jahren an.
Das ändert nichts an der Wirkung. Es ändert nur, wem wir sie zuschreiben.
Und es ist ein schönes Beispiel für etwas Größeres. Ein guter Rat wird schneller berühmt als sein Urheber.
Hier siehst du ein Training für Einsteiger. Achte darauf, wie viel davon reine Wiederholung ist.
Du sollst dich oben nicht entschuldigen
Das letzte Gebot ist das schwerste. Es geht gegen ein sehr tiefes Bedürfnis.
Wenn etwas schiefgeht, willst du es sofort einordnen. „Sorry, ich bin ein bisschen nervös.“
Der Saal hatte das vorher gar nicht gemerkt. Jetzt merkt er es.
Eine Entschuldigung macht aus einem kleinen Stolpern ein Ereignis. Sie richtet den Scheinwerfer auf den Fehler.
Bei einer Verzögerung sagt die Durchsage auch nicht, dass es ihr leidtut und dass sie neu ist. Sie sagt, was jetzt gilt.
Mach es genauso. Kurz stehenbleiben, atmen, weitersprechen.
Das wirkt in zwei Sekunden souverän. Und es ist gelogen, aber auf die gute Art.

Der Unterschied in einem Satz: Alle zehn Gebote laufen auf dasselbe hinaus. Behandle dich auf der Bühne wie jemanden, der dort hingehört – und kümmere dich um die Zweifel erst am nächsten Tag.
Als mir das Blatt aus der Hand fiel
Es war mein siebter Auftritt. Und der erste vor mehr als hundert Leuten.
Ich hatte den Text auswendig gelernt. Den Zettel hatte ich trotzdem dabei.
In der Mitte war er einfach weg. Nicht ein Wort fehlte, sondern der ganze nächste Absatz.
Ich habe den Zettel hochgehoben und nachgesehen. Das hat vielleicht vier Sekunden gedauert.
Dann bin ich weitergegangen. Und habe kein Wort darüber verloren.
Hinterher hat mich jemand darauf angesprochen. Er fand die Pause an der Stelle stark.
Er dachte, sie sei gesetzt gewesen. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen.
Zwei Gebote haben mir diesen Abend gerettet. Das dritte und das zehnte.
Der Zettel war da, weil jemand im Aufenthaltsraum das gesagt hatte. Und ich habe geschwiegen, weil derselbe Mensch das auch gesagt hatte.

Die zehn Gebote auf einen Blick
1. Melde dich an, bevor du dich entscheidest. Die Frist erzeugt den Text.
2. Rette deinen ersten Text nicht. Schreib lieber den zweiten.
3. Nimm den Zettel mit. Immer.
4. Kein Vorwort. Name, erster Satz, los.
5. Sprich so langsam, dass es sich falsch anfühlt.
6. Kommentiere deine Wertung nicht. Auch nicht mit dem Gesicht.
7. Bleib nach deinem Auftritt noch zwanzig Minuten.
8. Frag zwei Tage später und frag etwas Konkretes.
9. Buche den nächsten Abend, bevor du diesen bewertest.
10. Entschuldige dich oben nie. Atme stattdessen.
Häufige Fragen zu diesem Beitrag
Gelten diese Regeln auch für Lesebühnen und offene Mikrofone?
Die meisten ja. Nur Gebot sechs entfällt, weil dort niemand wertet. Dafür wird Gebot sieben noch wichtiger, denn an solchen Abenden entstehen die meisten Kontakte.
Welches Gebot ist das wichtigste?
Das neunte. Alle anderen verbessern einen Abend. Das neunte sorgt dafür, dass es einen nächsten gibt, und ohne einen nächsten nützen dir die anderen neun nichts.
Wie finde ich denn so einen Aufenthaltsraum?
Indem du bleibst. Es gibt keinen anderen Weg hinein. Niemand wird dich einladen, und niemand wird dich wegschicken. Du musst einfach noch da sein, wenn die Stühle hochgestellt werden.
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Und dann bleib nach dem letzten Applaus noch zwanzig Minuten. Steh irgendwo, wo Leute stehen.
Du musst nichts sagen und niemanden ansprechen. Hör einfach zu, was geredet wird.
Du wirst in diesen zwanzig Minuten Dinge erfahren, die auf keiner Webseite stehen. Das ist der ganze Auftrag.
Und wenn dich jemand fragt, ob du selbst schreibst, sag ja. Auch wenn es gerade nur ein Notizbuch ist.

Warum das alles die beste Nachricht ist
Keine dieser zehn Regeln setzt Talent voraus. Sie kosten alle nur eine Entscheidung.
Du kannst sie heute anwenden. Auch wenn du noch keinen einzigen Text hast.
Genau das macht sie so wertvoll. Alles andere in dieser Kunst dauert Jahre.
Und der Aufenthaltsraum steht jedem offen. Man muss nur lange genug bleiben, um hineinzukommen.
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Lampenfieber
Was im Körper passiert und warum du deshalb zu schnell sprichst.
Text auswendig lernen
Wann sich der Aufwand lohnt und wann der Zettel die bessere Wahl ist.
Die schlechte Wertung
Wie du fünf Zettel einordnest, ohne dir den Abend zu verderben.
Feedback geben und nehmen
Warum die Frage nach der Meinung fast immer falsch gestellt wird.
Die drei Phasen der Entwicklung
Wo du gerade stehst und welche Phase die meisten zum Aufhören bringt.
