Ein Stapel Bierdeckel · Gebote für Anfänger
Die 10 Gebote für Slam-Anfänger, die keiner aufschreibt

Freitag, halb eins, das Hinterzimmer der Kulturkneipe am Güterbahnhof.
Getränkekisten, ein kaputter Stuhl, eine Glühbirne ohne Schirm.
Malte hatte heute seinen ersten Slam, und in dieser Nacht bekommt er die Gebote für Anfänger, die keiner aufschreibt.
Hedda moderiert die Reihe seit zwanzig Jahren.
Sie sitzt auf einer Kiste Apfelschorle und sieht ihn an.
„Du willst wiederkommen?“
Malte nickt.
Sie zieht einen Kuli aus der Jacke, greift sich den Stapel Bierdeckel vom Tresen und fängt an zu schreiben.
Ein Satz pro Deckel.
„Das schreibt dir keiner auf“, sagt sie.
„Also schreib ich’s dir auf.“
Malte und Hedda gibt es so nicht. Aber das Wissen, das erst nach Mitternacht im Hinterzimmer weitergegeben wird, gibt es in fast jeder Szene.
Kennst du das?
Du hast alles gelesen.
Und trotzdem stehst du am Abend da und merkst: Die wichtigen Sachen standen nirgends.
Wo stelle ich mich hin, während ich warte?
Was mache ich, wenn die Wertung mies ist?
Darf ich einfach gehen, wenn ich fertig bin?
Das Problem ist nicht, dass du schlecht vorbereitet bist.
Das Problem ist, dass es zwei Arten von Wissen gibt.
Das eine steht im Netz.
Das andere wird um halb eins weitergegeben, im Stehen, zwischen Getränkekisten.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenBei der Bahn ist das übrigens genauso.
Es gibt Vorschriften, und es gibt den Aufenthaltsraum.
In den Vorschriften steht, was zu tun ist.
Im Aufenthaltsraum erfährst du, was wirklich passiert.
Welcher Bahnsteig bei Regen rutscht.
Nichts davon steht in einem Handbuch.
Alles davon entscheidet über den Dienst.
Dieser Beitrag ist dein Aufenthaltsraum.
Zehn Bierdeckel.
Und ein Augenzwinkern, denn Gebote ist natürlich übertrieben.
Niemand verwaltet diese Szene.
Du darfst jedes davon brechen.
Hedda hat alle zehn selbst gebrochen, die meisten mehrfach.
Genau deshalb schreibt sie sie auf.
Runde eins: Gebote für Anfänger, bevor du oben stehst
Gebot 1
Melde dich an, bevor du dich entscheidest.
Die meisten machen es andersherum.
Sie warten, bis sie sich bereit fühlen.
Und dieses Gefühl kommt nicht.
Bereitschaft ist kein Zustand, den man erreicht.
Sie entsteht erst hinterher.
Also dreh es um.
Erst die Anmeldung.
Dann die Angst.
Dann der Text.
Eine Anmeldung ist eine Verabredung mit dir selbst.
Sie erzeugt eine Frist.
Und eine Frist erzeugt einen Text.
„Aber ich habe doch noch gar keinen fertigen Text!“
Genau deshalb.
Ein Termin in drei Wochen bringt dir einen Text.
Drei Wochen ohne Termin bringen dir drei Wochen.
Bei vielen Abenden gibt es eine offene Liste.
Du schreibst deinen Namen drauf, per Mail oder am Abend selbst.
Niemand prüft dich.
Niemand fragt nach Erfahrung.
Bonus: der Trick mit dem Zeugen.
Eine Anmeldung kann man leise wieder zurückziehen.
Deshalb erzähl einem einzigen Menschen davon.
Aber nicht dem, der dich beruhigt.
Erzähl es dem, der nachfragt.
Jeden Sonntag.
Unangenehm?
Ja.
Wirksam?
Das wirkt Wunder!
Gebot 2
Rette deinen ersten Text nicht. Schreib den zweiten.
Dein erster Text ist Material.
Kein Denkmal.
Sie tragen einen Text zwei Jahre lang mit sich herum.
Und schreiben in dieser Zeit nichts Neues.
Zehn neue Texte bringen dich weiter als zehn Fassungen von einem.
Bei der Bahn heißt so etwas Ausmusterung.
Irgendwann lohnt die Reparatur nicht mehr.
Dein erster Text hat dich auf die Bühne gebracht.
Mehr musste er nie leisten.
Ausmustern heißt übrigens nicht wegwerfen.
Leg ihn in einen Ordner und lies ihn in einem Jahr wieder.
Und manchmal findest du darin zwei Zeilen, die du heute nicht mehr schreiben könntest.
Die nimmst du mit.
Der Rest bleibt im Depot.
Die Autorin Anne Lamott hat dazu ein berühmtes Buch über das Schreiben verfasst, „Bird by Bird“ von 1994.
Darin nennt sie die erste Fassung ziemlich derb eine Mistfassung.
Und sie meint das als Erlaubnis, nicht als Beleidigung.
Niemand sieht die erste Fassung außer dir.
Also darf sie so schlecht sein, wie sie will.
Ihre einzige Aufgabe ist, zu existieren.
Der Buchtitel erzählt eine Familiengeschichte.
Lamotts Bruder saß als Kind vor einem Referat über Vögel, viel zu spät angefangen, völlig überfordert.
Der Vater legte ihm den Arm um die Schulter und riet ihm, es Vogel für Vogel anzugehen.
Genau so gehst du deinen ersten Abend an.
Nur diesen einen Abend.
Achte beim Zuhören darauf, welche ihrer zwölf Wahrheiten du auf einen Bierdeckel schreiben würdest.
Runde zwei: auf der Bühne
Gebot 3
Nimm den Zettel mit. Immer.
Unter Anfängern hält sich ein hartnäckiger Irrglaube.
Auswendig gilt als besser.
Das Publikum sieht das anders.
Es interessiert sich für deinen Text, nicht für deine Gedächtnisleistung.
Ein Blatt in der Hand kostet dich nichts.
Ein Blackout kostet dich den ganzen Abend.
Also nimm den Zettel mit, auch wenn du ihn nicht brauchst.
Er ist deine Notbremse.
Kein Lokführer sagt, er brauche keine Bremse.
Er hofft nur, sie nicht ziehen zu müssen.
Aber hier kommt der Haken:
Ein Zettel ist kein Manuskript.
Ich habe die Tür dreimal geprüft.
Beim vierten Mal war sie offen.
Und ich blieb trotzdem stehen.
So sieht ein Zettel aus, der hilft
- Groß: mindestens 16 Punkt, im Bühnenlicht siehst du schlechter
- Luftig: nach jedem Absatz eine leere Zeile
- Einseitig: nur eine Seite pro Blatt, nie umblättern
- Nummeriert: groß in die Ecke
- Atem-Striche: drei dicke Balken, wo du Luft holst
Klingt übertrieben mit den Seitenzahlen?
Bis dir die Blätter einmal runterfallen.
Gebot 4
Kein Vorwort. Name, erster Satz, los.
Das Vorwort ist der häufigste Anfängerfehler überhaupt.
„Also, das ist jetzt ein Text von mir, den ich mal geschrieben habe …“
Danach ist die Luft raus.
Du hast dich klein gemacht, bevor du angefangen hast.
Der Text muss allein stehen können.
Sag deinen Namen.
Dann sag den ersten Satz.
Fertig.
Manchmal braucht ein Text wirklich eine Information vorher.
Das ist erlaubt.
Der Unterschied liegt in der Richtung.
✓ Information · hilft dem Text
„Der Text spielt in einem Wartesaal.“
✕ Entschuldigung · beruhigt nur dich
„Ich weiß nicht, ob das hier passt.“
Eine Information gibst du dem Publikum.
Eine Entschuldigung gibst du dir selbst.
Prüf deinen Satz mit einer einzigen Frage: Hilft er dem Text, oder beruhigt er nur mich?
Gebot 5
Sprich so langsam, dass es sich falsch anfühlt.
Jeder Anfänger ist zu schnell.
Wer aufgeregt ist, will die Lage schnell hinter sich bringen.
Also redet er schneller.
Und der Saal kommt nicht mehr mit.
Die Regel aus dem Hinterzimmer lautet: Sprich so langsam, dass es sich falsch anfühlt.
Dann bist du ungefähr richtig.
Warum ist langsam so schwer?
Oben fühlt sich eine Pause von zwei Sekunden an wie eine Ewigkeit.
Unten im Saal fühlt sie sich nach gar nichts an.
Deine innere Uhr läuft auf der Bühne schneller.
Ein Zug wirkt aus dem Fenster auch viel schneller als vom Bahnsteig aus.
Auf der Bühne sitzt du am Fenster.
„Wie soll ich das kontrollieren, wenn ich aufgeregt bin?“
Gar nicht mit dem Kopf.
Bau die Bremse in den Text ein.
Mach dir an drei Stellen auf dem Zettel einen dicken Strich.
Dort atmest du einmal.
Drei Striche sind zuverlässiger als jeder gute Vorsatz.
Achte in diesem Training darauf, welche Übung du heute Abend allein in deinem Zimmer ausprobieren kannst.

Runde drei: wenn die Wertung kommt
Gebot 6
Kommentier deine Wertung nicht. Auch nicht mit dem Gesicht.
Das ist die unbequemste Regel von allen.
Und die wichtigste für deinen Ruf.
Wenn die Wertungen hochgehen, schaust du freundlich.
Egal, was draufsteht.
Kein Augenrollen.
Kein „na gut“.
Keine Grimasse.
Das kostet dich zehn Sekunden Selbstbeherrschung.
Und es spart dir Jahre.
Kein Bullshit: Die Szene erinnert sich sehr genau an Leute, die schlecht verlieren.
Hedda erzählt von einem, der vor vielen Jahren ein Wertungsblatt zerrissen hat.
Wenn heute sein Name fällt, kommt zuerst diese Geschichte.
Erst danach sein Text.
Und wenn die Wertung wirklich ungerecht war?
War sie oft.
Wertungen sind das Bauchgefühl von ein paar zufällig ausgewählten Menschen.
Über ein Würfelergebnis regst du dich ja auch nicht sinnvoll auf.
Schweigen heißt aber nicht schlucken.
Der Ärger muss irgendwohin.
Am besten in einen Satz auf Papier, noch am selben Abend, ohne Empfänger.
Am nächsten Morgen ist er meistens peinlich.
Genau dafür ist er da.
Gebot 7
Bleib danach noch zwanzig Minuten.
Nach dem eigenen Auftritt gehen viele Anfänger nach Hause.
Klingt logisch.
Ist aber der teuerste Fehler des ganzen Abends.
Denn das Wichtigste passiert nach dem Programm.
Dort erfährst du, welche Bühnen es noch gibt.
Dort fragt dich jemand, ob du im März Zeit hast.
Sie entstehen nur, wenn du noch da bist.
Bei der Bahn gibt es dafür ein schönes Wort.
Anschluss.
Einen Anschluss fährst du nicht selbst.
Du musst nur am richtigen Bahnsteig stehen bleiben.
„Und dann stehe ich da und weiß nicht, wohin mit mir.“
Kennst du?
Es gibt einen einfachen Weg hinein: Sprich jemanden auf eine konkrete Stelle in seinem Text an.
Nicht „war gut“.
Sondern: „Die Sache mit dem Bruder hat mich getroffen.“
Weil jeder wissen will, ob etwas angekommen ist.
Zwei Sätze, und du stehst nicht mehr allein.
Gebot 8
Frag erst zwei Tage später. Und frag konkret.
Zehn Minuten nach dem Auftritt bist du dünnhäutig.
Der schlechteste Moment für Kritik.
Trotzdem fragen fast alle genau dann.
„Und, wie fandst du mich?“
Das ist keine Frage nach Feedback.
Das ist eine Bitte um Trost.
Dein Gegenüber spürt das und sagt: „War gut.“
Frag zwei Tage später.
Und frag etwas Konkretes.
„An welcher Stelle bist du ausgestiegen?“
Auf diese Frage bekommst du eine echte Antwort.
Sie tut mehr weh.
Deshalb funktioniert sie.
Und frag die richtigen Leute.
Menschen, die dich lieben, hören deinen Text nicht.
Sie hören dich.
Frag jemanden aus der zweiten Reihe deines Lebens: eine Kollegin, einen Nachbarn, jemanden vom Sport.
Die haben nichts zu verlieren und sagen dir die Wahrheit.
Runde vier: der Morgen danach
Gebot 9
Buch den nächsten Abend, bevor du diesen bewertest.
Das ist der einzige Trick, den Hedda wirklich jedem empfiehlt.
Melde dich noch am selben Abend für den nächsten an.
Bevor du darüber nachdenkst, wie es gelaufen ist.
Am Sonntagmorgen sieht jeder Auftritt schlechter aus.
Wenn dann schon ein Termin steht, ist die Frage erledigt.
Du fährst weiter, weil ein Zug eingeplant ist.
Niemand fragt morgens, ob die Linie heute Lust hat.
Sie fährt, weil sie im Fahrplan steht.
Zu diesem Gebot gibt es eine berühmte Geschichte aus der Comedy-Welt.
Sie wird fast immer falsch erzählt.
Der Wandkalender · die Kette nicht reißen lassen
2007 von Brad Isaac unter Jerry Seinfelds Namen veröffentlicht. Seinfeld hat später gesagt, die Idee stamme nicht von ihm.
Ein junger Komiker namens Brad Isaac schrieb 2007 im Netz, Jerry Seinfeld habe ihm einen Rat gegeben.
Einen großen Wandkalender.
Für jeden Tag, an dem du geschrieben hast, ein rotes Kreuz.
Und deine einzige Aufgabe ist, sie nicht zu unterbrechen.
Seitdem läuft das als Seinfeld-Methode.
Und hier wird es interessant.
Seinfeld selbst hat später in einer Fragerunde im Netz widersprochen: Die Idee sei gar nicht von ihm.
Das ändert nichts an der Wirkung.
Also merke: Ein guter Rat wird oft schneller berühmt als sein Urheber.
Gebot 10
Entschuldige dich oben nie. Atme.
Das letzte Gebot ist das schwerste.
Wenn oben etwas schiefgeht, willst du es sofort einordnen.
„Sorry, ich bin ein bisschen nervös …“
Der Saal hatte vorher gar nichts gemerkt.
Jetzt merkt er es.
Eine Entschuldigung macht aus einem kleinen Stolpern ein Ereignis.
Bei einer Verspätung sagt die Durchsage auch nicht, dass sie neu ist und es ihr leidtut.
Sie sagt, was jetzt gilt.
Mach es genauso.
Kurz stehen bleiben.
Atmen.
Weitersprechen.
Eine Pause nach einem Fehler wirkt wie Absicht. Eine Entschuldigung wirkt wie ein Geständnis.
Fünf Bierdeckel für den Müll
Fünf Bierdeckel für den Müll · gut gemeint, trotzdem falsch
Sieh das Publikum in Unterwäsche.
Schau über die Köpfe hinweg.
Trink vorher einen.
Sei einfach du selbst.
Nimm einen lustigen Text.
Sätze, die man Anfängern gern sagt und die nichts nützen.
Der Unterwäsche-Trick.
Das Publikum gedanklich in Unterwäsche sehen?
Quatsch!
Er gibt deinem Kopf eine zusätzliche Aufgabe.
Und er baut Abstand auf, wo du Nähe brauchst.
Über die Köpfe hinwegschauen.
Von unten sieht das sofort komisch aus.
Such dir lieber zwei, drei freundliche Gesichter und sprich abwechselnd zu ihnen.
Vorher einen trinken.
Ein Glas nimmt dir die Angst und die Genauigkeit.
Beim ersten Auftritt merkst du nur das Erste.
Beim zehnten merkst du das Zweite, und dann ist es schon eine Gewohnheit.
Sei einfach du selbst.
Stimmt und nützt trotzdem nichts.
Auf der Bühne weißt du am Anfang gar nicht, wer das ist.
Deine Bühnenperson ist ein Ergebnis vieler Abende, keine Voraussetzung.
Nimm einen lustigen Text, das kommt besser an.
Ein erzwungen komischer Text ist das Traurigste auf jeder Bühne.
Nimm den Text, der dir am wichtigsten ist.
Warum reisen diese Sprüche trotzdem so schnell?
Weil sie auf eine Postkarte passen.
Guter Rat ist meistens unbequem und braucht einen Satz Erklärung.
Der erste Abend, Stunde für Stunde
Dienstplan · dein erster Abend
Ankommen
Eine Stunde vorher. Den leeren Raum ansehen.
Liste
Namen eintragen, „mein erstes Mal“ dazusagen.
Warten
Nicht fünfmal lesen. Den anderen zuhören.
Nach vorn
Langsam gehen. Mikrofon einstellen, fünf Sekunden.
Danach
Rauschen. Wasser trinken. Hinsetzen.
Hinterzimmer
Bleiben. Zwanzig Minuten reichen.
Ein großer Teil der Angst kommt vom Nichtwissen.
Deshalb hier der ganz normale Ablauf.
Sei früh da, das ist der wichtigste Punkt der ganzen Liste.
Ein leerer Raum ist viel weniger bedrohlich als ein voller.
Du siehst, wo die Bühne ist und wie weit weg die erste Reihe sitzt.
Diese Bilder nimmst du mit nach oben.
Sag bei der Anmeldung dazu, dass es dein erstes Mal ist.
Viele Veranstalterinnen und Veranstalter behandeln dich dann besonders freundlich.
Manche setzen dich bewusst nicht an die erste Stelle.
Das ist ein Geschenk, keine Zurücksetzung.
Die Wartezeit ist der schwerste Teil des Abends.
Lies deinen Text dann nicht noch fünfmal durch.
Hör lieber den anderen zu.
Das lenkt ab und ist die beste Schule, die es gibt.
Auf dem Weg nach vorn: langsam gehen.
Stell das Mikrofon auf deine Höhe und nimm dir ruhig fünf Sekunden.
Von unten sieht das sehr souverän aus.
Und danach?
Rauschen.
Trink Wasser, setz dich hin.
Und dann bleib.
„Was ziehe ich an?“
Was du sowieso trägst.
Nur nichts, worin du dich unwohl fühlst.
Ein Kragen, der drückt, kostet dich oben mehr Aufmerksamkeit als der ganze zweite Absatz.
Das Schöne: Dieser Ablauf ist fast überall gleich, im Dorf wie in der Großstadt.
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Jetzt Kanal folgenWas im Hinterzimmer sonst noch gesagt wurde
„Du musst nicht gut sein. Du musst wiederkommen.“
„Schreib das, was du nicht erzählen willst.“
„Der Text gehört dir. Der Abend nicht.“
Hedda schiebt Malte noch drei Deckel hin.
Ohne Nummer.
Das sind die Sätze, die sie selbst einmal geschenkt bekommen hat.
Der erste nimmt die Last vom einzelnen Abend und legt sie auf die Strecke.
Ein einzelner Abend kann dich umwerfen.
Eine Strecke nicht.
Der zweite ist keine Aufforderung zur Beichte.
Er meint den Punkt, an dem es unbequem wird.
Fast alle Anfängertexte hören genau davor auf.
Der Saal spürt, wenn jemand ausweicht.
Du musst nicht dein größtes Geheimnis erzählen.
Aber irgendwo musst du ehrlich sein.
Der dritte ist der härteste.
Du kannst deinen Text bis ins Letzte bauen.
Was daraus wird, entscheiden Menschen, die du nicht kennst.
Ein Saal ist wie Wetter.
Man kann sich passend anziehen, aber nicht verhandeln.
Wer das begriffen hat, wird ruhiger.
Nicht weil ihm der Abend egal ist.
Sondern weil er weiß, wo seine Zuständigkeit endet.
Und warum schreibt das alles keiner auf?
Aufgeschrieben klingen diese Regeln streng, gesagt klingen sie freundlich.
Dazu kommt: Poetry Slam ist als Gegenentwurf entstanden, und wer da Gebote aufschreibt, wirkt schnell wie eine Behörde.
Und der ehrlichste Grund: Wer sie aufschreibt, gibt zu, dass er sie selbst gebraucht hat.
Jeder in diesem Hinterzimmer hat einmal dort gestanden, wo du gerade stehst.
Wer schüchtern ist, bekommt dieses Wissen später oder nie.
Deshalb steht es hier.
Brauchst du im ersten Jahr nicht
eine eigene Webseite
ein eigenes Mikrofon
einen Künstlernamen
Bühnenfotos
einen Fünf-Jahres-Plan
Passt in eine Hand
✓ einen Text
✓ einen Zettel
✓ einen Termin
Was du wirklich brauchst, passt in eine Hand.
Alles andere ist Beschaffung statt Arbeit.
Eine Sache noch, die leiseste: Sei freundlich zu den anderen auf der Liste.
Ihr steht formal im Wettbewerb und tatsächlich im selben Boot.
Wer das begreift, hat nach einem Jahr ein Dutzend Verbündete.
Wer nicht, hat nach einem Jahr eine Wertung.
Maltes siebter Abend
Maltes Stapel · alle zehn auf einen Blick
Ein halbes Jahr später steht Malte zum siebten Mal auf einer Bühne.
Zum ersten Mal vor mehr als hundert Leuten.
Den Text kann er auswendig.
Den Zettel hat er trotzdem dabei.
Gebot drei.
In der Mitte ist er plötzlich weg.
Nicht ein Wort.
Der ganze nächste Absatz.
Malte hebt den Zettel, sucht die Stelle, findet sie.
Vier Sekunden vielleicht.
Dann spricht er weiter.
Kein „Sorry“.
Kein verlegenes Lachen.
Kein Wort darüber.
Gebot zehn.
Nach dem Programm spricht ihn ein Mann an der Garderobe an.
Die Pause an der Stelle sei stark gewesen.
Malte lässt ihn in dem Glauben.
Zwei Bierdeckel haben ihm diesen Abend gerettet, der dritte und der zehnte.
Vier Sekunden Blick aufs Blatt.
Von unten sah das aus wie eine Kunstpause.
Und dann bleibt Malte noch.
Gebot sieben.
Im Hinterzimmer steht eine Frau mit einem Notizbuch, die heute zum ersten Mal da war.
Malte greift sich einen Bierdeckel vom Tresen.
Und fängt an zu schreiben.
Und jetzt du.
Dein Auftrag für diese Woche: Geh zu einem Slam, als Publikum reicht völlig.
Bleib nach dem letzten Applaus noch zwanzig Minuten.
Hör einfach zu.
Und wenn dich jemand fragt, ob du selbst schreibst, sag ja.
Auch wenn es gerade nur ein Notizbuch ist.
Keine dieser zehn Regeln setzt Talent voraus.
Jede kostet nur eine Entscheidung.
Du kannst sie heute anwenden, auch wenn du noch keinen einzigen Text hast.
Und das Hinterzimmer steht jedem offen.
Du musst nur lange genug bleiben, um hineinzukommen.
