Claimbuch · Killertext
Killertext schreibst du mit diesen Geheimnissen

Sonntag, sieben Uhr morgens, eine Kiesbank am Rhein, direkt unter der Bahnstrecke.
Aljoscha steht in geliehenen Gummistiefeln im Wasser und will einen Killertext schreiben, aber nicht hier.
Hier soll er eigentlich nur eine Waschpfanne halten.
Käthe, seine Nachbarin, wäscht seit vielen Sommern Gold aus dem Rheinkies.
Er hatte ihr am Freitag erzählt, dass seine Texte beim Slam gut ankommen und trotzdem niemand hängen bleibt.
Klug, schnell, mit schönen Bildern.
Applaus, Platz drei, vergessen.
Käthe hatte nur gesagt: „Sonntag, sieben Uhr, zieh was Altes an.“
Jetzt zeigt sie ihm, wie man die Pfanne schwenkt.
Oben auf dem Wasser schwimmt es und glitzert.
Aljoscha greift danach.
„Finger weg“, sagt Käthe.
„Was glitzert, schwimmt oben.“
„Was zählt, liegt unten.“
Über ihnen donnert ein Güterzug vorbei, und für einen Moment hört man gar nichts mehr.
Aljoscha und Käthe sind erfunden. Aber die Frage, warum ein glänzender Text niemanden trifft, kennen fast alle, die auf Bühnen stehen.
Kennst du das?
Du lieferst ab.
Die Bilder sind schön, der Rhythmus sitzt, die Leute klatschen.
Und irgendwo in dir weißt du, dass du dich auf der Bühne ein kleines bisschen verstellt hast.
Du hast gelächelt, wo du eigentlich etwas anderes sagen wolltest.
Du hast einen Reim genommen, den du im echten Leben nie denken würdest.
Und du hast Applaus bekommen, für jemanden, der du gar nicht bist.
Das ist kein Charakterfehler, sondern ein Mechanismus.
Applaus belohnt, was gefällt, und so lernt man Abend für Abend, ein bisschen gefälliger zu werden.
Bis man ein sehr sympathischer Verräter an sich selbst ist.
Ein Killertext entsteht anders.
Nicht durch mehr Glitzer, nicht durch mehr Schock.
Sondern durch Gewicht.
Und wie man Gewicht findet, weiß niemand besser als eine Goldwäscherin.
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Jetzt Kanal folgenKillertext: Was oben glitzert, ist selten Gold
Das erste, was Käthe Aljoscha beibringt, ist Geduld.
Am Rhein findet man keine Nuggets.
Man findet Flitter, winzige Goldplättchen, fein wie Mehl.
Und man findet sie nur, wenn man lange genug schwenkt, bis alles Leichte über den Rand gespült ist.
Mit Texten ist es genauso.
Der erste Entwurf ist voller Sand.
Hübsche Bilder, bekannte Wendungen, Sätze, die nach Slam klingen.
Das meiste davon muss raus.
Nicht, weil es schlecht wäre.
Sondern weil es leicht ist.
Und das Leichte verdeckt das Schwere.
Also merke: Ein Killertext ist kein Text mit besonders krassen Sätzen.
Es ist ein Text, in dem nichts mehr steht, was nur glitzert.
Sieben Geheimnisse helfen dir beim Waschen.
Geheimnis 1: Dein eigener Claim
Fremder Claim
„Die Sehnsucht ist ein Ozean aus Sternenstaub.“
klingt nach Slam, aber nach keinem bestimmten Menschen
Eigener Claim
„Ich sage allen, ich sei gern allein. Ich bin nur gut darin.“
könnte so auch im Streit fallen
Goldwäscher haben ihren Claim, das Stück Fluss, auf dem sie graben.
Wer auf fremdem Claim schürft, findet vielleicht etwas, aber es gehört ihm nicht.
Viele Slamtexte stehen auf fremdem Claim.
Sie klingen nach den Leuten, die man bewundert, nach Videos, die man hundertmal gesehen hat.
Das Publikum merkt das, auch wenn es nicht sagen könnte, woran.
Der Text klingt gut, aber er klingt nach niemandem.
Hier kommt ein einfacher Test.
Lies jede Zeile und frag dich: Würde ich das so sagen, wenn ich mich gerade streite?
Oder am Telefon mit einem Menschen, der mich gut kennt?
Wenn nein, steht die Zeile auf fremdem Claim.
Das heißt nicht, dass dein Text nicht poetisch sein darf.
Aber die Poesie muss aus deiner Sprache wachsen, nicht über sie gestülpt werden.
Geheimnis 2 und 3: Waschen ohne Rücksicht, Katzengold erkennen
Beim ersten Waschen schaust du nicht, was du findest.
Du schwenkst einfach.
Beim Schreiben heißt das: Schreib den ersten Entwurf, ohne dich zu schonen.
Keine Rücksicht auf Stil, auf Reime, auf das, was du dich später trauen wirst.
Und dann kommt ein kleiner Test für jede Zeile.
Lies sie laut.
Wenn du danach nicht einmal kurz den Drang hast, etwas zu erklären oder abzuschwächen, ist sie vielleicht zu brav.
Das zweite Geheimnis ist das wichtigere, und Käthe hat es jedem Anfänger an der Kiesbank beigebracht.
Katzengold, also Pyrit, sieht Gold zum Verwechseln ähnlich.
Es funkelt sogar stärker.
Aber nur in der Sonne.
Im Schatten wird es stumpf, während echtes Gold weiter warm leuchtet.
Genau diese Probe machst du mit deinen Glanzzeilen.
Lies sie leise, ohne Geste, ohne Bühnenstimme.
Trägt die Zeile dann noch?
Oder hat sie nur funktioniert, weil du laut warst?
Kein Bullshit: Die meisten Zeilen, auf die wir stolz sind, sind Katzengold.
Im Kasten oben stehen noch zwei weitere Proben.
Erzähl die Zeile einem Menschen, der dich gut kennt, und schau, ob er sie dir glaubt.
Und versuch, sie anders zu formulieren.
Echtes hält das aus, Floskeln zerfallen dabei.
Das ist kein Grund zur Scham.
Es ist ein Grund, weiterzuwaschen.
Geheimnis 4: Das Schwere sinkt nach unten
Querschnitt einer Waschpfanne nach dem Schwenken
Gold ist viel schwerer als Sand und sinkt beim Schwenken nach unten. Wer oben abschöpft, findet nur Glitzer.
Gold ist viel schwerer als Sand.
Deshalb sinkt es beim Schwenken nach unten, und alles andere wird abgespült.
Auch dein Text hat eine schwerste Zeile.
Meistens ist es die, die du beim Schreiben sofort wieder löschen willst.
Deshalb gibt es eine Übung, die ein bisschen Mut kostet.
Schreib zehn Sätze auf, die du nie auf einer Bühne sagen würdest.
Lies sie dir laut vor.
Und dann nimm den, bei dem du eine Gänsehaut bekommst, nicht vor Schönheit, sondern vor Respekt.
Das ist dein Gold.
Aber hier kommt der Haken.
Nicht jeder schwere Satz gehört auf die Bühne.
Bevor er in deinen Text darf, muss er an den Grenzsteinen vorbei, zu denen wir gleich kommen.
Und wenn er durchkommt, versteck ihn nicht in der Mitte der dritten Strophe.
Gib ihm Platz.
Oft gehört er an den Anfang, manchmal ganz ans Ende, aber nie dorthin, wo niemand ihn hört.
Woran du merkst, dass du ihn gefunden hast?
Wenn du den fertigen Text liest und denkst: Der gehört gar nicht mehr mir.
Wenn du ein bisschen Angst hast, ihn vorzutragen, nicht weil er schlecht ist, sondern weil er dich zeigt.
Solche Texte werden auch Jahre später noch erinnert.

Geheimnis 5 und 6: Die Lüge über dich und die Beichte ohne Belohnung
Das fünfte Geheimnis ist ein Spiegel.
Schreib fünf Sätze auf, die du über dich selbst immer sagst.
Ich bin entspannt.
Mir ist egal, was andere denken.
Ich bin gern allein.
Dann schreib neben jeden Satz, was daran nicht stimmt.
Und aus der Lücke zwischen beiden baust du eine neue Zeile.
Die neue Zeile tut ein bisschen weh, aber meistens bringt sie auch den Saal zum Lachen.
Denn fast alle erkennen sich in genau dieser Lücke wieder.
Das sechste Geheimnis betrifft das Ende.
Viele ehrliche Texte verderben sich auf den letzten Metern.
Erst wird etwas Schweres erzählt, und dann kommt die Moral.
Aber jetzt bin ich stark.
Ich habe daraus gelernt.
Das ist die Belohnung, die du dir selbst auszahlst, und das Publikum spürt, dass sie nicht echt ist.
Ein Killertext muss nicht versöhnen.
Er darf offen enden.
Eine gute Einstiegsübung ist ein Brief an einen Menschen, der nicht mehr da ist oder den du nicht mehr erreichst.
Er beginnt mit: Ich hätte dir das nie gesagt, aber …
Du musst ihn nie vortragen.
Aber er zeigt dir, wie sich ein Satz ohne Belohnung anfühlt.
Zwei Werkzeuge helfen dabei.
Das erste: ein Text, der nur eine einzige Aussage hat und sie so lange wiederholt, bis sie kippt.
Das zweite ist eine Frage des Vortrags.
Sprich die schwerste Stelle leise, so leise, dass sich das Publikum nach vorn lehnen muss.
Wer sich vorlehnt, will es wissen.
Geheimnis 7: Zeig, was du getan hast
Das Thema unter dem Thema
Oben liegt, worüber du schreibst. Darunter liegt, wovon der Text handelt.
Das siebte Geheimnis ist das stillste.
Denk an eine Szene, die du noch nie erzählt hast.
Nicht die, in der dir etwas angetan wurde, sondern eine, in der du selbst nicht gut ausgesehen hast.
Und dann beschreib nur, was du getan hast.
Nicht warum, nicht wie es dir heute damit geht.
Ein Beispiel: Im Zug wird eine Frau angepöbelt, und du schaust auf dein Handy, bis du aussteigst.
Mehr nicht.
Kein Kommentar.
Das Publikum erledigt den Rest selbst, und zwar gründlicher, als du es je könntest.
Dazu gehört ein Werkzeug, das fast alle großen Texte benutzen: das Thema unter dem Thema.
Wenn du über Geld schreibst, schreib eigentlich über Scham oder Stolz.
Wenn du über den Streit ums Geschirr schreibst, schreib eigentlich darüber, nicht gesehen zu werden.
Das gilt auch für die heikelsten Themen.
Ein Text über Sex handelt fast nie von Sex, sondern von Einsamkeit, Nähe oder Macht.
Oben liegt, worüber du schreibst.
Darunter liegt, wovon der Text handelt.
Achte beim Schauen darauf, welche Fragen gestellt werden, um eine Blockade zu lösen.
Stell dir danach eine dieser Fragen zu deinem aktuellen Text.
Claim-Grenzen: was im Fluss bleibt
Claim-Grenzen · was im Fluss bleibt
Grenzstein I
Fremde Geheimnisse gehören nicht in deinen Text, auch nicht die deiner Familie.
Grenzstein II
Frische Wunden brauchen Zeit, bevor sie Worte bekommen.
Grenzstein III
Du musst nichts erzählen, um ehrlich zu sein. Verdichten und verfremden ist erlaubt.
Wenn ein Thema dich dauerhaft nicht loslässt: Telefonseelsorge, 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, rund um die Uhr, kostenlos. Bei akuter Gefahr: 112.
Jeder Claim hat Grenzsteine.
Wer darüber hinaus gräbt, gräbt auf fremdem Land.
Auch ein Killertext hat Grenzen, und sie machen ihn nicht schwächer, sondern sicherer.
Die erste Grenze: Fremde Geheimnisse gehören nicht in deinen Text.
Deine Schwester, dein Ex, deine Kollegin haben nicht zugestimmt, auf einer Bühne vorzukommen.
Die zweite Grenze: Frische Wunden brauchen Zeit.
Wenn dich ein Thema beim Vorlesen in der Küche noch umhaut, bleibt es erst einmal im Fluss.
Die dritte Grenze: Ehrlich heißt nicht vollständig.
Du darfst verdichten, verschieben und erfinden, solange das Gefühl stimmt.
Und falls dich beim Schreiben etwas so sehr aufwühlt, dass es nicht mehr aufhört, dann rede darüber, bevor du darüber schreibst.
Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos unter 0800 111 0 111.
Waschtisch nach Feierabend: der Text nach dem Text
Waschtisch nach Feierabend · zehn Sätze
Was habe ich auf der Bühne gefühlt?
Was konnte ich nicht sagen?
Was brauche ich jetzt, heute Abend noch?
Laut lesen erst, wenn der Atem wieder ruhig ist.
Niemandem zeigen. Nur für mich.
Wenn Käthe abends heimkommt, steht sie noch eine Viertelstunde am Waschtisch in der Garage.
Sie spült die Pfanne, trocknet das Werkzeug und füllt die Flitter in ein kleines Glas.
Erst dann ist der Tag zu Ende.
Nach einem Killertext brauchst du auch so einen Waschtisch.
Denn wer auf der Bühne etwas Schweres gezeigt hat, steht danach oft seltsam leer im Foyer.
Alle reden mit dir, und keiner fragt, wie es dir geht.
Deshalb schreib dir nach jedem Auftritt zehn Sätze auf.
Was du gefühlt hast.
Was du nicht sagen konntest.
Was du jetzt brauchst.
Lies sie niemandem vor.
Lies sie dir selbst laut vor, aber erst, wenn der Atem wieder ruhig ist.
Und die Kommentare im Foyer musst du nicht sofort verarbeiten.
Ein „Danke“ reicht, auch wenn jemand „Wie mutig!“ sagt.
Das ist der Text nach dem Text.
Und oft ist er der Anfang des nächsten.
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Rheinflitter · ein Sommer
„Wenig, aber echt.“
Drei Wochen später steht Aljoscha beim Slam in der alten Güterhalle.
Sein neuer Text hat kaum noch schöne Bilder.
Er beginnt mit dem Satz aus seinem Fundprotokoll: Ich sage allen, ich sei gern allein, ich bin nur gut darin.
Beim ersten Mal lachen die Leute.
Beim dritten Mal, als der Satz leiser zurückkommt, nicht mehr.
Die schwerste Zeile sagt er so leise, dass sich in der ersten Reihe jemand nach vorn beugt.
Kein Schluss mit Moral.
Nur ein letzter Satz, dann geht er vom Mikro weg.
Er wird Zweiter.
Und zum ersten Mal kommen nach der Show drei Menschen zu ihm, die nicht über seine Bilder reden, sondern über sich.
Im Zug nach Hause schreibt er zehn Sätze in sein Handy.
Draußen zieht der Rhein vorbei, dunkel und breit.
Am nächsten Morgen hängt an seiner Tür ein kleines Glasfläschchen, darin ein Hauch Gold.
Auf dem Etikett steht in Käthes Schrift: „Wenig, aber echt.“
Das ist das ganze Geheimnis.
Wasch weiter, bis nur noch das Schwere übrig ist.
