Ein Rennwochenende · Poetry Slam Wettbewerb
Wie funktioniert ein Poetry Slam Wettbewerb?

Donnerstag, 18:30 Uhr, die Tribüne einer kleinen Kartbahn direkt an der Bahnstrecke.
Linda sitzt neben Carsten, der hier am Wochenende als Streckenposten die Flaggen schwenkt, und in vier Wochen hat sie ihren ersten Slam-Wettbewerb.
„Wie funktioniert ein Poetry Slam Wettbewerb eigentlich genau?“, fragt sie und merkt, dass sie es nach drei Abenden als Zuschauerin immer noch nicht weiß.
Wie lange darf sie?
Wer bewertet?
Was, wenn ihr ein Satz fehlt?
Carsten zieht ein Programmheft vom letzten Rennen aus der Jacke.
Auf die Rückseite schreibt er drei Wörter: Freies Training, Qualifying, Rennen.
„Ein Wettbewerb ist ein Rennwochenende“, sagt er.
„Nur dass die Strecke aus Stille besteht.“
Linda und Carsten sind erfunden. Aber die Fragen vor dem ersten Wettbewerb stellen sich fast alle.
Kennst du das?
Du hast Slams gesehen, du hast Lust, du hast einen Text.
Dann liest du die Ausschreibung, und plötzlich ist da ein Reglement.
Zeitlimit, Jury, Vorrunde, Opferlamm.
Und alles, was dir einfällt, ist: Was, wenn ich mich blamiere?
Kein Bullshit: Die Regeln sind einfacher, als sie klingen.
Der Rest ist Training.
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Ein Slam-Wettbewerb ist im Kern simpel.
Mehrere Menschen tragen nacheinander eigene Texte vor, innerhalb eines Zeitlimits, und das Publikum entscheidet.
Meist gibt es eine Vorrunde und ein Finale.
Wie ein Abend Station für Station abläuft, steht ausführlich im Beitrag Poetry Slam Ablauf.
Hier geht es um dich: um die vier Wochen davor und um die Minuten, die entscheiden.
Wie ein kompletter Wettbewerbsauftritt aussehen kann, zeigt dieser Mitschnitt.
Achte darauf, wie der Auftritt beginnt und wie er endet: Gibt es eine Einleitung, oder geht es sofort los?
Das Reglement: was fast überall gilt
Aushang der Rennleitung · Reglement
Eigene Texte. Nur, was du selbst geschrieben hast.
Zeitlimit. Im deutschsprachigen Raum meist fünf bis sieben Minuten. In den USA sind drei Minuten mit kurzer Toleranz verbreitet.
Keine Hilfsmittel. Keine Requisiten, keine Kostüme, keine Musik vom Band. Textblatt, Tablet oder Handy sind meist erlaubt.
Wertung. Oft eine Jury aus dem Publikum mit Noten von 1 bis 10, höchste und niedrigste werden gestrichen. Manchmal entscheidet der Applaus.
Opferlamm. Häufig tritt vorab jemand außer Konkurrenz auf, damit die Jury ihren Maßstab findet.
Vorrunde und Finale. Die Besten der Vorrunde treten im Finale noch einmal an.
Varianten gibt es viele. Es gilt, was die jeweilige Veranstaltung ansagt.
Das Wichtigste zuerst: Die Rennleitung ist die Veranstaltung.
Lies die Regeln, die dort gelten, und frag nach, wenn etwas unklar ist.
Die Faustregeln oben kennen trotzdem fast alle Bühnen im deutschsprachigen Raum.
Und es gibt ein paar Dinge, die einen ersten Wettbewerb schnell beenden können.
Strafenkatalog · was üblich ist
| Deutlich über dem Zeitlimit | Punktabzug, oder das Mikro wird abgedreht |
| Requisit, Kostüm, Musik vom Band | Verwarnung bis Disqualifikation |
| Fremder Text als eigener | Disqualifikation |
| Respektlosigkeit gegenüber anderen Auftretenden | Die Moderation greift ein |
Wie streng es ist, entscheidet jede Bühne selbst.
Das Zeitlimit ist dabei der häufigste Stolperstein.
Wer überzieht, verliert oft genau den Satz, auf den alles hinauslief: den letzten.
Timing ist kein Detail.
Timing ist Respekt vor dem Publikum, vor den anderen und vor deinem eigenen Text.
Wie Wertungen genau zustande kommen, erklärt der Beitrag Wie ein Poetry Slam bewertet wird.
In dieser Podcastfolge geht es um den Wettbewerb als Blutsport.
Die Zahlen im Titel sind eine Zuspitzung, im deutschsprachigen Raum liegt das Zeitlimit meist bei fünf bis sieben Minuten.
Achte darauf, was dort über den Druck des Urteils gesagt wird.
Startaufstellung und Starterfeld
Startaufstellung · ausgelost um 19:40 Uhr
P0
Opferlamm
außer Konkurrenz
P1
Startplatz 1
P2
Startplatz 2
P3
Startplatz 3
P4
Linda
zum ersten Mal
P5
Startplatz 5
P6
Startplatz 6
Die Reihenfolge ist Glückssache. Was du daraus machst, nicht.
Die Reihenfolge wird meist ausgelost.
Vor dem ersten Startplatz tritt oft ein Opferlamm auf, damit die Jury ihren Maßstab findet.
Im Feld triffst du Menschen mit ganz unterschiedlichen Stärken.
Starterliste · wen du im Feld triffst
Die Routinierte
Stärke: kennt jede Bühne und jede Pause. Risiko: verwechselt Stil manchmal mit Schutz.
Die Überraschung
Stärke: zum ersten Mal da und völlig unberechenbar. Risiko: kann an einem Abend alles gewinnen, am nächsten nichts.
Der Weltverbesserer
Stärke: hat ein großes Thema und brennt dafür. Risiko: zu viel Inhalt, zu wenig Luft.
Die Lachmaschine
Stärke: holt den lautesten Applaus. Risiko: Lachen verfliegt, wenn nichts darunter liegt.
Du
Stärke: noch keine Schublade. Risiko: keins, solange du ehrlich bleibst.
Der erste Eindruck zählt, das ist keine Floskel.
Forschende haben gezeigt, dass Menschen sich schon nach einem Sekundenbruchteil einen ersten Eindruck von einem Gesicht bilden.
Aber hier kommt der Haken: Erste Eindrücke lassen sich ändern, und auf einer Bühne hast du dafür mehrere Minuten.
Achte in diesem Video darauf, was über die Geschwindigkeit solcher Urteile gesagt wird, und frag dich, was davon für eine Bühne gilt.
Freies Training: die vier Wochen davor
Boxenfunk · Protokoll des freien Trainings
Carsten an Linda
„Schreib den Text fertig. Nicht perfekt, fertig. Und lies ihn laut, mit Stoppuhr.“
Carsten an Linda
„Nimm dich einmal auf Video auf. Schau es einmal an. Nicht dreimal.“
Linda an Carsten
„Hab ihn meiner Mitbewohnerin gezeigt. Sie sagt, das Ende trägt nicht.“ – „Gut. Dann weißt du, woran du arbeitest.“
Carsten an Linda
„Ab jetzt nichts mehr umschreiben. Üb Atmen, Pausen, Tempo, Blick.“
Carsten an Linda
„Komm früh. Hör den anderen zu, um dich einzustimmen, nicht um zu vergleichen. Iss was. Wasser, kein Alkohol.“
Das Rennen gewinnst du nicht am Abend.
Du gewinnst es im Training, oder du verlierst es dort.
Joaquin Phoenix gilt als Schauspieler, der sich in Rollen fallen lässt.
Achte in diesem Video darauf, wie viel Arbeit hinter einer Rolle steckt, die auf der Leinwand spontan wirkt.
Ein Text auf Papier ist noch keine Performance.
Wie eine Geschichte von einem Medium ins andere wandert, darum geht es in diesem Beitrag über die Verfilmung eines preisgekrönten Romans.
Achte darauf, was bei der Übertragung verloren geht und was dazukommt.
Auch Profis sprechen über ihr Handwerk und ihre Nervosität.
Achte in diesem Gespräch darauf, wie Keira Knightley als erfahrene Schauspielerin über ihre eigene Arbeit redet.
Linda misst ihren Text zum ersten Mal mit der Stoppuhr.
Sieben Minuten zwölf.
Das Limit liegt bei sechs.
Sie streicht eine ganze Strophe, und der Text wird besser.
Qualifying: die Vorrunde
Der wichtigste Tipp für die Vorrunde: Mach das Publikum zum Mitwisser.
Das heißt nicht, irgendwas zu fragen.
Es heißt, den Saal in eine Lage zu bringen, in der jede und jeder kurz ans eigene Leben denken muss.
„Wer von euch hat heute Morgen gelogen? Nicht böse. Nur: Wie geht’s? Gut.“
„Vor drei Jahren habe ich etwas getan, das niemand in diesem Raum weiß. Ihr seid die Ersten.“
Die Serienfigur Fleabag spricht immer wieder direkt in die Kamera und macht das Publikum so zum Mitwisser.
Achte in diesem Gespräch darauf, wie ihre Erfinderin Phoebe Waller-Bridge das Studiopublikum mitnimmt.
In der Vorrunde kämpfst du nicht gegen die anderen.
Du kämpfst gegen die Trägheit eines Saals, der schon drei Texte gehört hat.
Ein später Startplatz ist deshalb kein Pech, denn das Publikum ist warm.

Die Flaggen: drei Momente, die entscheiden
Flaggenkunde der Streckenposten · übertragen auf die Bühne
Grün: Start
Erst ankommen, zwei Sekunden Stille, dann der erste Satz. Kein „Hallo, also, mein Text heißt …“.
Gelb: Gefahr auf der Strecke
Ein Versprecher, eine fehlende Zeile. Tempo raus, atmen, weiter. Nicht entschuldigen.
Schwarz: Disqualifikation
Requisit, Musik, fremder Text. Passiert dir nicht, wenn du das Reglement gelesen hast.
Karo: Ziel
Der letzte Satz, und dann drei Sekunden Stille, bevor du vom Mikro gehst.
Grün: Die meisten füllen die Stille vor dem ersten Satz sofort.
Lass sie stehen.
Sie sagt: Ich bin hier, und ich bin bereit.
Gelb: Du versprichst dich, eine Zeile fehlt.
Das Publikum weiß nicht, was du vergessen hast.
Es weiß nur, was du sagst.
Karo: Nach dem letzten Satz gehst du nicht sofort.
Lass ihn sinken.
Drei Sekunden.
Dann erst weg vom Mikro.
Das Rennen: das Finale
| Rundentabelle · meist brauchst du zwei Texte | ||
|---|---|---|
| Runde 1 | Vorrunde | Dein sicherster Text: geprobt, gemessen, mit Puffer unter dem Limit. |
| Runde 2 | Finale | Dein mutigster Text: tiefer, nicht lauter. Mehr Stille, nicht mehr Gesten. |
Im Finale spielen viele auf Sicherheit.
Die Besten gehen tiefer, nicht lauter.
Achte in diesem Mitschnitt vom Finale einer Landesmeisterschaft darauf, wie unterschiedlich die Finaltexte gebaut sind.
Und dann, egal was die Tafeln zeigen: Eine Wertung ist eine Momentaufnahme.
Du kannst den besten Text des Abends haben und Vierte werden.
Das ist kein Fehler im System.
Das ist das System.
Toni Morrison hat sinngemäß geraten, das Buch zu schreiben, das man selbst lesen will, wenn es noch niemand geschrieben hat.
Auf der Bühne heißt das: Bring den Text, den du selbst hören musst.
Achte in diesem Interview darauf, wie klar sie sagt, für wen sie schreibt.
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Vier Wochen später zieht Linda Startplatz vier.
Vor dem ersten Satz wartet sie zwei Sekunden.
Dann fragt sie den Saal, wer heute Morgen gelogen hat, und ein paar Leute lachen ertappt.
In Zeile vierzehn fehlt ein Wort.
Gelbe Flagge.
Sie atmet, sagt die Zeile davor noch einmal, und das Wort ist wieder da.
Nach dem letzten Satz bleibt sie stehen, drei Sekunden lang.
5:41 Minuten, das Limit liegt bei sechs.
Sie kommt ins Finale, mit ihrem zweiten Text, und wird Dritte.
Ganz hinten steht Carsten und wedelt mit einer kleinen karierten Fahne, die er von der Kartbahn mitgebracht hat.
Und du?
Such dir einen Wettbewerb.
Lies das Reglement.
Stell die Stoppuhr.
Vier Wochen reichen.
