Sprachbilder gegen Klischees: Raus aus den abgenutzten Phrasen
Herz aus Stein, Tränen wie Regen – gähn. So erkennst du Klischees und ersetzt sie durch Bilder, die frisch sind und wirklich hängenbleiben.

Dein Text hat vermutlich ein Bild, das du für gut hältst.
Und ich verrate dir nun, warum es trotzdem nicht wirkt.
Weil dein Publikum es nämlich schon kennt.
Nicht ähnlich. Sondern genau so.
Bei mir war es zunächst Kassel. Ein Kulturzentrum mit ausgetretenem Linoleum, sechzig Leute, Freitagabend.
Ich hatte einen Text über eine Trennung dabei. Darin kam ein Herz vor, das in Scherben lag.
Dabei fand ich das damals stark.
Danach trat jemand auf, der über dasselbe Thema schrieb.
Bei ihm kam dagegen kein Herz vor. Und keine Scherben.
Bei ihm kam ein zweiter Zahnputzbecher vor, der noch drei Monate im Bad stand.
Der Saal hat bei mir genickt. Bei ihm hat er die Luft angehalten.
Denn Nicken heißt schlicht: Kenne ich.
Und Kenne-ich ist der Tod jedes Bildes.
Prüfung 00
Warum ein Klischee nicht falsch ist, sondern taub
Genau hier liegt das Missverständnis, das fast alle haben.
Denn ein Klischee ist kein Fehler.
Es ist ein Bild, das mal sehr gut war.
Der Erste, der ein Herz aus Stein beschrieben hat, hatte einen brillanten Einfall.
Und genau deshalb haben es alle nachgemacht.
Doch nach ein paar hundert Jahren passiert etwas Physikalisches.
Was im Kopf des Zuhörers passiert
Denn ein frisches Bild zwingt zur Arbeit.
Denn dein Publikum muss zwei Dinge zusammenbringen, die nicht zusammengehören. Und dieser winzige Aufwand erzeugt das Gefühl.
Ein Klischee wird dagegen gar nicht mehr aufgeschlüsselt.
Es rutscht durch wie eine Vokabel.
Wer „gebrochenes Herz" hört, sieht kein Herz. Er hört das Wort „traurig".
Ein Klischee ist kein Bild mehr. Es ist eine Abkürzung, die niemand mehr sieht.
Und daraus folgt die Regel, um die es in diesem ganzen Artikel geht.
Du musst Klischees nicht durch schönere Bilder ersetzen.
Sondern durch genauere.
Grafik 01 · Die Abnutzungskurve
Nun kommt der Teil, der dir wirklich hilft.
Denn du kannst nicht jedes Bild neu erfinden. Das schafft niemand.
Aber du kannst zwei Dinge lernen: Klischees erkennen und sie ersetzen.
Beides ist Handwerk. Und beides dauert keine zwei Wochen.
Was auf diesem Prüfstand steht
Der Drei-Sekunden-Test, mit dem du jedes Klischee findest. Zwölf abgenutzte Bilder mit verdecktem Ersatz zum Selberprobieren. Die Konkretheitsleiter. Zehn Techniken. Drei Videos über die Mechanik von Sprachbildern. Sechs Übungen mit verdeckter Lösung. Wann ein Klischee ausnahmsweise richtig ist. Ein Selbsttest. Zehn Fehler. Und eine Werkstatt mit Checkliste zum Abhaken.
Prüfprotokoll
Prüfung 01
Der Drei-Sekunden-Test: Klischees erkennen beim Schreiben
Dafür brauchst du keinen Sprachwissenschaftler. Du brauchst drei Sekunden.
Also lies dein Bild und frag dich: Wie lange dauert es, bis ich das Ende kenne?
So läuft der Test
Nimm den Anfang deines Bildes und halt an. Also: „Ihr Herz war aus …“
Wenn dir sofort ein Wort einfällt, ist es ein Klischee.
Denn wenn du „Stein“ denkst, denkt dein Publikum es auch. Gleichzeitig.
Und in dem Moment, in dem beide dasselbe denken, passiert nichts mehr.
Die drei Warnsignale
W1 · Das Ende kommt von allein
„Tränen wie …“ / „kalt wie …“ / „Schmetterlinge im …“ / „Zeit heilt alle …“
Wenn ein Bild sich selbst vervollständigt, ist es keins mehr. Es ist eine Redewendung.
W2 · Du könntest es auch weglassen
Streich das Bild testweise heraus. Fehlt etwas?
Bei einem Klischee fehlt fast nie etwas. Denn es hat nur wiederholt, was der Satz ohnehin sagte.
W3 · Es passt zu jedem Thema
„Ein Sturm zog auf“ funktioniert für Beziehungen, Politik, Krankheit und Fußball.
Genau das ist das Problem. Ein Bild, das überall passt, gehört nirgends hin.
Mach das jetzt
→ Deck bei jedem die zweite Hälfte ab und schau, ob du sie erraten kannst.
→ Alles, was du errätst, kommt weg. Bei den meisten sind das drei bis acht Stellen.

Du willst mehr von diesen Ideen?
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Prüfung 02
Zwölf Klischees und was stattdessen geht
Nun zwölf Fälle vom Prüfstand. Überleg bei jedem erst selbst einen Ersatz, dann klapp meinen auf.
Und ganz wichtig: Meiner ist nicht der richtige. Er ist nur einer.
FALL 01
Ihr Herz war aus Stein.
Der Klassiker unter den toten Bildern. Er sagt nur: Sie war hart. Und Härte ist keine Beobachtung, sondern eine Bewertung.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Sie hat beim Vorlesen des Testaments nicht einmal die Beine übereinandergeschlagen.
Der Ersatz behauptet nichts. Er zeigt eine Person, die sich in einem Moment nicht bewegt, in dem sich jeder bewegen würde.
FALL 02
Tränen wie Regen.
Ein Vergleich, der nichts hinzufügt. Denn Tränen sind ohnehin nass und kommen von oben. Der Vergleich verdoppelt nur.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Sie hat sich zwischendurch die Nase geputzt und dann weitergesprochen.
Weinen wird interessant, sobald etwas Alltägliches dazwischenkommt. Genau diese Banalität macht es echt.
FALL 03
Die Zeit heilt alle Wunden.
Eine Redewendung, die als Weisheit auftritt. Das Publikum hört sie und denkt an nichts, weil sie in jeder Trauerkarte steht.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Nach vierzehn Monaten habe ich zum ersten Mal wieder das Radio angemacht.
Statt einer Behauptung über Zeit steht da eine Zeitangabe und eine winzige Handlung. Der Saal rechnet den Rest selbst.
Drei Fälle, die fast jeder Text enthält
FALL 04
Er war ein offenes Buch.
Eine Metapher, die so oft benutzt wurde, dass niemand mehr an ein Buch denkt. Sie bedeutet inzwischen einfach: durchschaubar.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Man wusste bei ihm immer schon am Türgeräusch, wie der Tag gelaufen war.
Das Bild wird ersetzt durch ein Geräusch. Und Geräusche sind fast immer konkreter als Vergleiche.
FALL 05
Ein Sturm zog auf.
Passt auf Beziehungen, Politik, Krankheit und Fußball. Genau deshalb sagt es über deinen Fall nichts aus.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Meine Mutter hat angefangen, die Küche zu putzen. Um halb elf abends.
Statt Wetter eine Handlung, die man von außen sieht. Und die verrät mehr über die Anspannung als jedes Unwetter.
FALL 06
Sie hatte Schmetterlinge im Bauch.
Das war einmal ein hübsches Bild. Heute ist es die Standardvokabel für Verliebtsein und erzeugt gar nichts mehr.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Ich habe im Bus dreimal nachgeschaut, ob die Nachricht wirklich abgeschickt war.
Verliebtsein zeigt sich in Kontrollverlust, nicht in Insekten. Eine kleine überflüssige Handlung reicht völlig.
Sechs weitere Fälle für den Prüfstand
FALL 07
Die Stille war ohrenbetäubend.
Ein Widerspruch, der als originell gilt und es seit Jahrzehnten nicht mehr ist. Außerdem beschreibt er nichts Bestimmtes.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Man hat den Kühlschrank gehört.
Stille wird hörbar durch das, was übrig bleibt. Vier Wörter, und der Raum ist da.
FALL 08
Er brach in Tränen aus.
Sprachlich abgenutzt und dazu ungenau. Denn Menschen brechen selten aus. Sie fangen an und hören nicht auf.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Er hat mitten im Satz aufgehört und ist rausgegangen.
Der Ersatz zeigt kein Weinen, sondern seinen Anfang. Was danach passiert, ergänzt der Saal von allein.
FALL 09
Am Ende des Tunnels war Licht.
Die Standardformel für Hoffnung. Sie ist so eingeschliffen, dass niemand mehr einen Tunnel sieht.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Im März habe ich zum ersten Mal wieder für zwei Personen gekocht.
Hoffnung braucht keine Lichtquelle. Sie braucht eine Handlung, die vorher unmöglich war.
Drei Fälle, die eine Behauptung tarnen
FALL 10
Die Welt stand still.
Eine Übertreibung, die sich selbst entwertet. Denn wenn alles stillsteht, sieht man nichts Bestimmtes mehr.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Ich habe gemerkt, dass ich immer noch den Schlüssel in der Hand hatte.
Statt der ganzen Welt ein einziges Detail am eigenen Körper. Genau so funktioniert Schock tatsächlich.
FALL 11
Sie war wie ausgewechselt.
Eine Formel, die eine Veränderung behauptet, ohne eine zu zeigen. Der Saal muss dir einfach glauben.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Sie hat angefangen, im Stehen zu essen.
Eine Veränderung zeigt sich in einer geänderten Gewohnheit. Und Gewohnheiten sind immer konkret.
FALL 12
Es verschlug ihm die Sprache.
Wieder eine Redewendung im Kostüm eines Bildes. Sie beschreibt einen Zustand, ohne ihn sichtbar zu machen.
ERST SELBST PROBIEREN ▸ dann aufklappen
Er hat dreimal Luft geholt und jedes Mal wieder aufgehört.
Sprachlosigkeit wird sichtbar im Ansetzen und Abbrechen. Und die Zahl macht daraus eine beobachtete Szene.
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Die Konkretheitsleiter: Klischees vermeiden durch Genauigkeit
Merkst du dabei das Muster bei den zwölf Fällen?
Kein einziger Ersatz war poetischer als das Klischee.
Vielmehr waren alle nur genauer.
Grafik 02 · Die Konkretheitsleiter
Wie du die Leiter runtergehst
Zunächst fängst du bei einem Gefühlswort an. Das ist völlig normal, so schreibt jeder die erste Fassung.
Dann stellst du eine einzige Frage, und zwar immer wieder dieselbe.
Woran hätte man das von außen gesehen?
„Sie war traurig“ ist eine Diagnose. Von außen sieht man sie nicht.
„Sie hat die Vorhänge zugezogen“ sieht man.
Und „sie hat sie drei Wochen zugelassen“ sieht man nicht nur, sondern kann man auch nachzählen.
Warum die Zahl so viel bringt
Denn eine Zahl behauptet nichts, sondern belegt.
Und dein Publikum kann ihr nicht widersprechen, weil sie keine Bewertung enthält.
Genau deshalb ist die unterste Stufe der Leiter fast immer die stärkste.
Du brauchst dafür keine Sprachbegabung. Du brauchst nur die Bereitschaft, genauer hinzusehen.

Prüfung 04
Wie ein Sprachbild funktioniert und warum Klischees es nicht tun
Also kurz zur Mechanik. Denn wer sie kennt, baut bessere Bilder.
Die Dichterin Jane Hirshfield erklärt in dieser TED-Ed-Lektion, was eine Metapher im Kopf auslöst.
VIDEO 01 · Fünf Minuten über die Kunst der Metapher. Englisch, Untertitel verfügbar.
Dabei ist der Kern ihrer Argumentation für dich sehr praktisch.
Eine Metapher verbindet zwei Dinge, die nicht zusammengehören. Und dein Kopf muss die Verbindung selbst herstellen.
Dieser winzige Aufwand ist der ganze Effekt.
Bei einem Klischee entfällt dieser Aufwand. Weil die Verbindung schon hergestellt ist, tausendmal, von anderen.
Wie oft du Bilder benutzt, ohne es zu merken
Der Autor James Geary hat sich mit derselben Frage von einer anderen Seite beschäftigt.
Seine Zahl aus diesem Vortrag: Wir benutzen im Schnitt etwa sechs Metaphern pro Minute.
VIDEO 02 · Geary über Metaphern im Alltag und warum sie unser Denken steuern.
Das ist übrigens eine gute Nachricht und eine schlechte.
Die gute: Du kannst das schon. Bildersprache ist keine Sonderbegabung, sondern dein Normalzustand.
Die schlechte: Die meisten dieser sechs Metaphern pro Minute sind abgenutzt.
Deine Aufgabe ist also nicht, Bilder zu erfinden. Sondern die schlafenden auszusortieren.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Prüfung 05
Zehn Techniken, um beim Schreiben Klischees zu vermeiden
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Frag nach dem Sichtbaren
Bei jedem Gefühlswort: Woran hätte man das von außen gesehen? Diese eine Frage erledigt achtzig Prozent deiner Klischees.
T2 · Nimm eine Zahl
Drei Wochen, zwölf Joghurts, vierzehn Monate. Eine Zahl behauptet nichts und lässt sich nicht bestreiten. Und sie kostet dich zwei Silben.
T3 · Such den Gegenstand
Kein Gefühl, sondern ein Ding im Raum. Der zweite Zahnputzbecher schlägt jedes gebrochene Herz, weil ihn jeder schon mal gesehen hat.
T4 · Beschreib die Handlung danach
Nicht den Schock, sondern was jemand als Nächstes tut. Denn Menschen reagieren auf Erschütterung mit sinnlosen kleinen Handlungen.
T5 · Nimm ein Geräusch
Geräusche sind konkret und fast nie abgenutzt. Der Kühlschrank, das Türschloss, die Heizung. Hier liegt eine ganze Fundgrube.
T6 · Streich den Vergleich ersatzlos
Der schnellste Griff überhaupt. Lies den Satz ohne das Bild. In etwa der Hälfte aller Fälle ist er danach besser.
T7 · Dreh das Klischee um
Wenn dir kein Ersatz einfällt, nimm die Umkehrung. Aus dem Herz aus Stein wird jemand, der bei Werbespots weint und beim Testament nicht. Der Widerspruch ist interessanter als die Behauptung.
T8 · Bleib bei einem Bild
Zwei Metaphern in einem Satz löschen sich aus. Wer ein Bild aufmacht, muss es auch zu Ende führen, sonst entsteht ein Bildbruch.
T9 · Nimm dein eigenes Material
Die verlässlichste Quelle für frische Bilder ist dein Notizbuch. Denn was du selbst beobachtet hast, hat garantiert noch niemand benutzt.
T10 · Prüf am Schluss noch mal
Klischees kommen beim Überarbeiten zurück, weil sie sich so bequem einsetzen. Mach den Drei-Sekunden-Test vor jedem Auftritt neu. Wie du dabei kürzt: Kill your Darlings.
Prüfung 06
Getarnte Klischees, die du für originell hältst
Nun der unangenehme Teil. Denn manche Klischees sehen aus wie eigene Einfälle.
Wenn nur noch die Form übrig ist
Übrigens gibt es einen Vortrag, der das Prinzip vorführt, statt es zu erklären.
Will Stephen hält bei einem TEDx-Event eine Rede, in der er ausdrücklich nichts sagt. Und er sagt das auch die ganze Zeit.
VIDEO 03 · Sechs Minuten über Sprache, die nur noch nach Inhalt klingt.
Er benutzt dabei alle Formeln, die nach Bedeutung klingen: die dramatische Pause, die Zahl ohne Aussage, das Diagramm ohne Daten, die Geste zum richtigen Zeitpunkt.
Und der Saal reagiert dabei trotzdem.
Das ist der Beweis für etwas Unangenehmes.
Denn die Form allein trägt eine ganze Weile. Auch dann, wenn dahinter nichts steht.
Genau deshalb merkst du deine eigenen Klischees so schlecht. Denn sie klingen richtig.
Sie haben den Tonfall von etwas Gemeintem, ohne etwas zu meinen.
G1 · Das Slam-Klischee
Jede Szene hat eigene abgenutzte Bilder. Im Slam sind das unter anderem: die Generation, die alles falsch macht. Das Handy als Symbol für Vereinsamung. Der Kaffeebecher am Bahnhof. Die Großmutter als moralische Instanz.
Diese Bilder wirken frisch, solange du wenige Slams gesehen hast. Die Jury hat mehr gesehen.
G2 · Das ungewöhnliche Wort
Ein seltenes Adjektiv macht ein Klischee nicht frisch. „Ein Herz aus obsidianfarbenem Gestein“ ist dasselbe tote Bild in teurer Kleidung.
G3 · Die doppelte Steigerung
Wenn ein Bild nicht mehr trägt, verstärken viele es. Aus dem Sturm wird ein Orkan, aus den Tränen ein Meer. Das repariert nichts, sondern macht das Problem größer.
G4 · Das Zitat als Ausweg
Ein bekannter Satz von jemand anderem ist kein eigenes Bild. Er kann eine Brücke sein, aber niemals dein stärkster Moment.
G5 · Die Aufzählung statt des Bildes
Drei schwache Bilder hintereinander ergeben kein starkes. Wenn du merkst, dass du aufzählst, hast du das eine richtige noch nicht gefunden.
Der Szenentest
→ Nach drei Abenden hast du eine Liste mit Wiederholungen.
→ Alles, was zweimal vorkam, gehört auf deine persönliche Sperrliste.
→ Das dauert einen Monat und ist die beste Klischee-Schulung, die es gibt.

Prüfung 06
Sechs Übungen: Klischees vermeiden und selbst schreiben
Denn Lesen reicht nicht. Diese sechs Übungen dauern zusammen etwa eine halbe Stunde.
Bei jeder gibt es einen Hinweis und einen möglichen Weg. Beides ist verdeckt, damit du erst selbst probierst.
ÜBUNG 01
Beschreib Müdigkeit, ohne das Wort zu benutzen und ohne Augen zu erwähnen.
HINWEIS ▸
Denk an eine Handlung, die nur ein müder Mensch macht. Oder an etwas, das er vergisst.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Ich habe im Supermarkt vor dem Regal gestanden und nicht mehr gewusst, warum ich da war. / Ich habe die Schuhe angelassen und mich aufs Bett gesetzt.
ÜBUNG 02
Zeig, dass zwei Menschen sich auseinandergelebt haben. Ohne die Wörter Liebe, Beziehung oder Distanz.
HINWEIS ▸
Such einen Gegenstand, den beide benutzen. Und verändere daran etwas.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Wir hatten irgendwann zwei Kalender an der Wand. / Sie hat angefangen, für sich allein einzukaufen.
ÜBUNG 03
Beschreib Angst vor der Bühne, ohne Herz, Bauch, Knie oder Schweiß.
HINWEIS ▸
Angst zeigt sich meistens in etwas, das du falsch machst, obwohl du es sonst kannst.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Ich habe zweimal versucht, meinen Namen ins Anmeldeformular zu schreiben. / Ich bin auf die Toilette gegangen, ohne zu müssen.
Drei Übungen für Fortgeschrittene
ÜBUNG 04
Nimm das Klischee vom Sturm und ersetz es durch etwas aus einer Wohnung.
HINWEIS ▸
Ein Sturm bedeutet Anspannung. Frag dich, was Menschen in Wohnungen tun, wenn die Anspannung steigt.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Mein Vater hat angefangen, Regale gerade zu rücken, die schon gerade waren. / Es lief plötzlich Radio, obwohl nie Radio lief.
ÜBUNG 05
Beschreib Armut, ohne die Wörter Geld, arm oder wenig.
HINWEIS ▸
Armut zeigt sich in Wiederholung und in Rechnerei. Und meistens in etwas, das andere nicht bemerken würden.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Ich kannte den Preis von allem in unserem Kühlschrank. / Bei uns gab es Butter nur, wenn Besuch kam.
ÜBUNG 06
Nimm dein eigenes Lieblingsbild aus einem alten Text und mach den Drei-Sekunden-Test.
HINWEIS ▸
Deck die zweite Hälfte ab und lass jemand anderen raten. Nicht dich selbst, denn du kennst die Antwort.
EIN MÖGLICHER WEG ▸
Wenn die andere Person es errät, geh die Konkretheitsleiter runter. Frag: Woran hätte man das von außen gesehen? Und schreib die Antwort auf, auch wenn sie zunächst unbeholfen klingt.
Alle sechs gemacht? Dann hast du jetzt sechs eigene Bilder, die vorher nicht existiert haben.
Prüfung 07
Wann ein Klischee genau richtig ist
Damit du mich dabei nicht falsch verstehst: Ich bin nicht gegen Klischees.
Ich bin gegen unbeabsichtigte Klischees.
Es gibt vier Fälle, in denen sie genau richtig sind.
Fall 1 · Wenn eine Figur so spricht
Also: Wenn dein Chef im Text redet, darf er in Floskeln reden. Denn genau das charakterisiert ihn.
„Wir müssen da alle an einem Strang ziehen“ im Mund einer Figur ist kein Fehler. Das ist ein Porträt.
Fall 2 · Wenn du es sichtbar brichst
Du setzt das Klischee bewusst und kippst es im nächsten Halbsatz.
„Die Zeit heilt alle Wunden. Meine Mutter sagt das seit sechzehn Jahren.“
Der zweite Satz macht aus der Floskel eine Figur, die sich an ihr festhält.
Fall 3 · Wenn du Orientierung brauchst
Denn nicht jeder Satz muss glänzen. Ein Text, in dem jedes Bild originell sein will, ist anstrengend.
Verbindungsstücke dürfen unauffällig sein. Spar die Kraft für die drei Stellen, die tragen.
Fall 4 · Wenn du komisch sein willst
Ein bewusst übertriebenes Klischee ist eine funktionierende Pointenform. Voraussetzung: Der Saal muss merken, dass du es weißt.
Ein gewähltes Klischee ist ein Werkzeug. Ein unbemerktes ist ein Loch.
Prüfung 08
Selbsttest: Hast du beim Schreiben Klischees vermieden?
Denk also erst selbst nach, dann klapp auf.
Kannst du die zweite Hälfte deines Bildes erraten?▸
Dann kann es dein Publikum auch. Und was man erraten kann, erzeugt nichts. Deck beim Überarbeiten jedes Bild in der Mitte ab und probier es aus.
Steht in deinem Text ein Körperteil als Gefühl?▸
Herz, Bauch, Kehle, Knie. Diese vier sind die meistbenutzten Abkürzungen der deutschen Gefühlssprache. Ersetz sie durch eine Handlung, die man von außen sieht.
Passt dein Bild auch auf ein völlig anderes Thema?▸
Dann ist es zu allgemein. Ein Sturm, ein Abgrund oder ein Neuanfang funktionieren überall und deshalb nirgends richtig. Such etwas, das nur zu deinem Fall passt.
Wird der Satz schlechter, wenn du das Bild streichst?▸
Wenn nein, streich es. In etwa der Hälfte aller Fälle ist der nackte Satz stärker als der bebilderte. Das ist unangenehm und stimmt trotzdem.
Kommt in deinem Text eine Zahl vor?▸
Wenn nicht, fehlt dir vermutlich die unterste Stufe der Konkretheitsleiter. Eine Zahl behauptet nichts, sie belegt. Und sie kostet dich fast nichts.
Hast du zwei Bilder in einem Satz?▸
Dann löschen sie sich gegenseitig aus. Entscheide dich für eins und zieh es durch. Ein halb geöffnetes Bild neben einem anderen ergibt einen Bildbruch.
Stammt dein bestes Bild aus deinem eigenen Leben?▸
Wenn ja, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es frisch ist. Denn was du selbst beobachtet hast, hat vor dir noch niemand aufgeschrieben.
Hast du das Klischee bewusst gesetzt?▸
Das ist die entscheidende Frage. Ein gewähltes Klischee kann brillant sein, etwa im Mund einer Figur. Ein unbemerktes ist immer ein Loch im Text.
Sieben oder acht richtig? Dann kannst du ihn spielen.
Vier oder weniger? Dann geh die zwölf Fälle noch einmal durch. Das kostet dich zwanzig Minuten.
Prüfung 09
Zehn Fehler beim Klischees vermeiden
F1 · Schöner statt genauer
Der häufigste Fehler überhaupt. Du ersetzt ein Klischee durch eine ausgefallenere Metapher. Damit tauschst du nur die Verpackung. Geh stattdessen die Konkretheitsleiter runter.
F2 · Das seltene Wort als Reparatur
Ein ungewöhnliches Adjektiv rettet kein totes Bild. Es macht es nur schwerer verständlich.
F3 · Verstärken statt ersetzen
Aus dem Sturm wird ein Orkan. Damit machst du das Problem größer, nicht kleiner.
F4 · Zwei Bilder in einem Satz
Sie löschen sich gegenseitig aus und erzeugen einen Bildbruch. Entscheide dich für eins.
F5 · Jeden Satz aufladen
Ein Text, in dem alles glänzen will, ermüdet nach einer Minute. Drei starke Bilder reichen. Der Rest darf schlicht sein.
F6 · Das Bild erklären
Du setzt ein gutes Bild und schiebst eine Deutung nach. Damit nimmst du dem Publikum die eigene Arbeit weg, und genau die war der Effekt.
F7 · Klischees nur im Text suchen
Sie stecken auch in deiner Struktur. Der Einstieg mit der Frage ans Publikum, der Schluss mit der Moral, der Wendepunkt beim Anruf: Auch das sind abgenutzte Bauteile.
F8 · Die eigene Szene ignorieren
Was außerhalb des Slams frisch klingt, kann drinnen längst durch sein. Geh auf Slams und schreib mit.
F9 · Beim Überarbeiten nachlassen
Klischees kommen zurück, weil sie bequem sind. Prüf jede Fassung neu, auch die dritte.
F10 · Alles streichen wollen
Wer jedes vertraute Bild verbietet, schreibt unlesbar. Verbindungsstücke dürfen normal sein. Prüf die Stellen, die tragen sollen.
Prüfung 10
Die Werkstatt: Klischees vermeiden in fünf Schritten
Also fünf Schritte, etwa vierzig Minuten. Nimm einen Text, den du schon hast.
Schritt 1 · Bilder markieren
Zunächst gehst du durch und unterstreichst jedes Bild. Vergleiche, Metaphern, Redewendungen, Körperteile als Gefühl.
Bei vier Minuten Text kommst du meistens auf acht bis fünfzehn Stellen.
Schritt 2 · Drei-Sekunden-Test
Deck bei jedem markierten Bild die zweite Hälfte ab.
Alles, was du errätst, bekommt einen Kringel. Das sind deine Kandidaten.
Schritt 3 · Die eine Frage stellen
Bei jedem Kringel fragst du: Woran hätte man das von außen gesehen?
Schreib die Antwort daneben. Auch wenn sie unbeholfen klingt.
Schritt 4 · Die Hälfte streichen
Nun kommt der Teil, den fast alle auslassen.
Nicht jedes Klischee braucht Ersatz. Bei etwa der Hälfte reicht Streichen.
Lies den Satz ohne das Bild und entscheide ehrlich.
Schritt 5 · Laut lesen
Schließlich einmal komplett laut.
Denn beim Sprechen hörst du sofort, wo ein Ersatz noch hakt. Und du merkst, ob der Text jetzt zu dicht ist.
Abnahmeprotokoll zum Abhaken
Sechs Punkte. Hak sie direkt hier ab, bevor du den Text spielst.
Alle sechs? Dann ist er durch. Vier oder weniger? Nochmal von Schritt zwei.

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Der Werkzeugkasten dahinter
Zwar ist Klischees zu erkennen der erste Schritt. Der zweite ist schwerer.
Denn du brauchst Material, aus dem frische Bilder überhaupt entstehen können.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder gib deinem Herzen noch mal Stein.
Prüfung 11
Häufige Fragen zum Klischees vermeiden beim Schreiben
Woran erkenne ich ein Klischee?
Am Drei-Sekunden-Test. Deck die zweite Hälfte des Bildes ab und schau, ob du sie erraten kannst. Was du errätst, errät dein Publikum auch. Und Erratenes erzeugt nichts.
Wodurch ersetze ich ein Klischee?
Nicht durch ein schöneres Bild, sondern durch ein genaueres. Frag bei jedem Gefühlswort: Woran hätte man das von außen gesehen? Die Antwort ist fast immer eine Handlung oder ein Gegenstand.
Muss ich jedes Klischee streichen?
Nein. Verbindungsstücke dürfen unauffällig sein, sonst wird der Text anstrengend. Prüf die drei bis fünf Stellen, die wirklich tragen sollen, und lass den Rest in Ruhe.
Wann ist ein Klischee erlaubt?
Wenn du es bewusst setzt. Im Mund einer Figur charakterisiert es. Als Aufsetzer, den du im nächsten Halbsatz kippst, funktioniert es. Und als bewusste Übertreibung ist es eine Pointenform.
Warum wirkt mein neues Bild trotzdem nicht?
Vermutlich hast du nur die Verpackung getauscht. Ein seltenes Wort oder eine ausgefallenere Metapher macht ein totes Bild nicht lebendig. Geh die Konkretheitsleiter runter statt zur Seite.
Wie finde ich eigene Bilder?
Über ein Notizbuch. Denn was du selbst beobachtet hast, hat vor dir noch niemand aufgeschrieben. Alles, was du dir ausdenkst, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit schon einmal gedacht worden.
Was sind Klischees, die man im Slam nicht bemerkt?
Szenetypische Bilder. Das Handy als Symbol für Vereinsamung, die Großmutter als moralische Instanz, der Kaffeebecher am Bahnhof. Die wirken frisch, bis man dreißig Slams gesehen hat.
Hilft es, mehr Metaphern einzubauen?
Eher nicht. Zwei Bilder in einem Satz löschen sich aus, und ein Text, in dem alles glänzen will, ermüdet. Drei starke Bilder auf vier Minuten reichen völlig.
Wie oft benutzen wir überhaupt Bildsprache?
Sehr oft. Der Autor James Geary nennt in seinem TED-Vortrag etwa sechs Metaphern pro Minute. Bildersprache ist also kein Sondertalent, sondern dein Normalzustand. Nur sind die meisten davon abgenutzt.
Wann prüfe ich meinen Text auf Klischees?
Beim Überarbeiten, nicht beim Schreiben. Denn wer schon in der ersten Fassung filtert, kommt nie in Fahrt. Schreib erst alles auf und geh danach mit dem Test durch.
Letzte Prüfung
Zurück nach Kassel
Übrigens habe ich den Slammer mit dem Zahnputzbecher hinterher gefragt, wie er darauf gekommen ist.
Doch seine Antwort war enttäuschend unspektakulär.
Er hat gesagt, der Becher stand halt da.
Drei Monate lang, und irgendwann hat er ihn weggeräumt und es sich aufgeschrieben.
Kein Einfall. Keine Eingebung. Nur jemand, der aufgeschrieben hat, was in seinem Bad stand.
Dagegen hatte ich in derselben Zeit über Scherben nachgedacht.
Und das ist der ganze Unterschied.
Denn ein Klischee entsteht am Schreibtisch, wenn du nach einem Bild suchst.
Ein eigenes Bild entsteht vorher, wenn du hinschaust.

Such kein besseres Bild. Schau genauer hin, dann hast du eins.
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- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
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