Der Perspektivtext: Schreib aus der Sicht von jemand anderem

Zeugenaussagen · Perspektivwechsel im Text

Der Perspektivtext: Schreib aus der Sicht von jemand anderem

Waschbär wartet mit rotem Koffer unter der Bahnhofsuhr im Regen – Perspektivwechsel im Text
Ein Waschbär wartet mit rotem Koffer unter der Bahnhofsuhr · bahn-slam.de

Mittwoch, 21:10 Uhr, Lesebühne im Hinterzimmer eines Bahnhofscafés.

Jorinde, 31, hat gerade ihren Text über ihren Bruder gelesen.

Vier Minuten, alles aus ihrer Sicht, kein Perspektivwechsel im Text.

Der Titel: „Gleis 2“.

Es geht um den Sonntag vor vier Jahren, an dem Titus sie vom Zug abholen sollte.

Sie hat zwei Stunden auf dem Bahnsteig gewartet.

Im Regen, mit einem roten Koffer und leerem Handy-Akku.

Er kam nicht.

Seitdem reden die beiden nicht mehr.

Der Applaus ist freundlich.

Ein paar Leute nicken.

Dann kommt die Moderatorin an ihren Tisch und stellt eine einzige Frage.

„Und wie erzählt dein Bruder die Geschichte?“

Jorinde öffnet den Mund.

Und merkt, dass sie keine Antwort hat.

Vier Jahre Streit, und sie hat sich seine Version nicht ein einziges Mal ausgemalt.

Jorinde und Titus gibt es so nicht. Aber die Frage der Moderatorin stellt sich früher oder später jedem Ich-Text.

Kennst du das?

Du schreibst ehrlich.

Und trotzdem läuft dein Text gegen eine unsichtbare Wand.

Das liegt nicht an deinem Talent.

Das liegt an der Stelle, an der du stehst.

Vorgang · Az. G2-1604Blatt 1

Zeugenaussagen zum Vorfall auf Gleis 2

ungeklärt
SachverhaltEine verabredete Abholung hat nicht stattgefunden.
ZeitraumSonntag, 16:42 bis 18:49 Uhr, vor vier Jahren
OrtHauptbahnhof, Bahnsteig 2
BeteiligteJorinde, damals 27 · Titus, ihr Bruder
Folgenvier Jahre Funkstille
Zeugenzehn, davon drei ohne Puls

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Warum dein Ich-Text an eine Wand läuft

Aussage 00 · Jorinde, heute · Ich-Text „Gleis 2“

StandortBahnsteig 2, zwei Stunden, im Regen
GesehenNiemand kam.
Urteil„Er hat mich stehen lassen.“
Nicht gewusst– leer –

Beim Ich-Text bleibt dieses Feld immer leer. Dein Erzähler weiß genau so viel wie du.

Ein Ich-Text hat einen eingebauten Nachteil.

Und der ist nicht handwerklich, sondern baulich.

Dein Erzähler weiß immer genau so viel wie du.

Er hat deine Meinung, deine Deutung, deine Version.

Das merkt das Publikum schnell.

Ab da hört es keiner Geschichte mehr zu, sondern einer Darstellung.

Wer immer nur die eigene Sicht liefert, liefert das eigene Urteil gleich mit.

Slam lebt von der eigenen Stimme.

Der Ich-Text ist kein Fehler.

Aber er ist eine Grenze.

Was sich ändert, wenn jemand anders aussagt

1
Das Urteil verschwindet
Erzählt dein Bruder, kannst du ihn nicht mehr verurteilen. Das tut jetzt der Saal. Oder eben nicht.
2
Eine Lücke entsteht
Dein neuer Erzähler weiß Dinge nicht, die du weißt. Genau in diese Lücke schaut das Publikum.
3
Du wirst unsichtbar
Und der Saal erfährt mehr über dich. Denn wie du jemand anderen erzählst, verrät alles.
4
Handwerk wird sichtbar
Ein Perspektivtext zeigt, dass du etwas kannst. Das fällt auf.
Die Schreibtechnikerin · „Erzählperspektive: Einhalten oder wechseln?“ · YouTube

Achte darauf, welche Gründe fürs Wechseln genannt werden.

Und prüf bei jedem, ob er auch für einen Vier-Minuten-Text auf der Bühne gilt.

Perspektivwechsel im Text: die eine Frage

VernehmungsbogenVordruck · zum Ausfüllen vor dem Schreiben
Zeuge / Zeugin
Standort beim Vorfall
Gesehen, gehört, gerochen
Nicht gewusst
Falsch geglaubt

Die zwei roten Zeilen sind die wichtigsten. Sie sind dein Text.

Jorinde fährt in dieser Nacht mit der letzten S-Bahn nach Hause und schreibt.

Nicht über sich.

Über Titus.

Sie beginnt mit einer einzigen Frage.

Was weiß diese Perspektive, das ich nicht weiß?

Und was weiß sie nicht, das ich weiß?

Das ist der ganze Motor.

Ein Perspektivwechsel ist keine Kostümfrage.

Es geht nicht darum, anders zu klingen.

Es geht darum, anders viel zu wissen.

Aber hier kommt der Haken.

Jorindes erste Fassung klingt so: „Ich war egoistisch, ich habe dich vergessen, es tut mir so leid.“

Kommt dir das bekannt vor?

Du schreibst aus der Sicht deiner Mutter, und deine Mutter denkt genau das, was du über sie denkst.

Sie bereut.

Sie versteht dich plötzlich.

Sie gibt dir recht.

Das ist kein Perspektivwechsel.

Das ist ein Wunsch mit fremdem Namensschild.

Und das Publikum riecht es sofort.

Lies deine Fassung und frag: Steht hier irgendetwas, das mich stört?

Wenn nein, hast du dich selbst geschrieben.

Eine fremde Perspektive muss dir mindestens an einer Stelle wehtun.

Sonst war sie nie fremd.

Kurzes Verhör

Welche Zeile klingt nach Titus und nicht nach Jorindes Wunsch?

Auflösung anzeigen

B. A, C und D bereuen und geben recht, das ist Jorindes Wunsch. B zeigt nur eine Handlung.

Zehn Zeugen, ein Vorgang: Perspektiven von leicht bis schwer

Jorinde zerreißt die erste Fassung nicht.

Sie legt sie zu den Akten.

Dann macht sie etwas Kluges.

Sie lässt erst einmal alle anderen aussagen.

Zeugenliste · Teil 1 · von leicht nach schwer

Aussage 01 · GegenstandSchwierigkeit ●●●●●
Die Bahnhofsuhr über Bahnsteig 2

„Ich bin 127-mal weitergesprungen. Sie hat oft zu mir hochgeschaut. Beim letzten Mal hat sie den Koffer genommen.“

Nicht gewusst: auf wen sie wartet.
Ein Ding hat keine Meinung. Es kann nur beobachten.
Aussage 02 · RaumSchwierigkeit ●●●●●
Das Wartehäuschen

„Sie ist zweimal reingekommen und zweimal wieder raus. Jedes Mal, wenn ein Zug einfuhr.“

Nicht gewusst: warum sie nicht sitzen bleibt.
Ein Raum erzählt, wer durch ihn hindurchgeht.
Aussage 03 · Zeugin am RandSchwierigkeit ●●●●●
Die Frau im Kiosk

„Sie hat einen Kaffee gekauft und ihn nicht getrunken. Ich dachte, die wartet auf einen Freund.“

Nicht gewusst: dass es um einen Bruder geht.
Wer am Rand steht, versteht einen Bruchteil und beschreibt trotzdem alles.
Aussage 04 · geliebte PersonSchwierigkeit ●●●●●
Die Mutter

„Abends haben beide angerufen. Beide haben gesagt, der andere sei nicht gekommen. Ich habe gedacht, das klären die unter sich.“

Nicht gewusst: dass beide die Wahrheit sagen.
Ab hier wird es unangenehm. Sie sieht dich anders, als du dich siehst.
Aussage 05 · Person, die dich verletzt hatSchwierigkeit ●●●●●
Titus, erste Fassung von Jorinde

„Ich war egoistisch. Ich habe dich vergessen. Es tut mir so leid.“

Nicht gewusst: nichts. Genau das ist das Problem.
Das ist kein Perspektivwechsel, sondern ein Wunsch mit fremdem Namensschild.
zurückgewiesen

Merkst du, wie jede Aussage etwas anderes nicht weiß?

Genau dieses Feld ist dein Werkzeug.

Und bei Aussage 05 ist es leer.

Deshalb der Stempel.

Zeugenliste · Teil 2 · für Fortgeschrittene

Aussage 06 · du, früherSchwierigkeit ●●●●●
Jorinde mit 27, auf der Hinfahrt

„Ich habe mir überlegt, was ich ihm zuerst erzähle. Dann war der Akku leer.“

Nicht gewusst: dass sie vier Jahre lang niemandem davon erzählen wird.
Dein jüngeres Ich weiß weniger als du.
Aussage 07 · du, späterSchwierigkeit ●●●●●
Jorinde mit 60

„Ich weiß nicht mehr, welcher Monat es war. Ich weiß nur noch, dass ich den Koffer nie abgestellt habe.“

Nicht gewusst: ob sie sich noch versöhnt haben.
Kippt schnell ins Belehrende. Lass dein späteres Ich beschreiben, nicht urteilen.
Aussage 08 · TierSchwierigkeit ●●●●●
Die Taube auf dem Bahnsteigdach

„Die mit dem roten Koffer hat Krümel fallen lassen. Dann ist sie gegangen. Die Krümel sind geblieben.“

Nicht gewusst: alles, was Menschen wichtig ist.
Ein Tier deutet nicht. Das erzeugt Abstand und Trauer zugleich.
Aussage 09 · abwesende PersonSchwierigkeit ●●●●●
Die Cousine in Kanada

„Ich habe es zwei Jahre später erfahren, an Weihnachten. Weil zwei Stühle nicht mehr nebeneinanderstanden.“

Nicht gewusst: wie es angefangen hat.
Lebt aus zweiter Hand. Schwer, aber mit einer eigenen Art von Ohnmacht.
Aussage 10 · InstitutionSchwierigkeit ●●●●●
Die Betriebslage des Bahnhofs

„16:40 Uhr. Regionalexpress aus Richtung Süd fährt heute abweichend auf Gleis 2 ein. Durchsage erfolgt. Besondere Vorkommnisse: keine.“

Nicht gewusst: wer auf wen wartet.
Sachlicher Ton, unsachlicher Inhalt.

Fang vorne an.

Die Uhr und das Wartehäuschen brauchen kein Innenleben, nur Beobachtung.

Ab Aussage 04 brauchst du Mut.

Ab Aussage 09 brauchst du Recherche.

Kein Bullshit: Mit dem schwersten Zeugen anzufangen, ist der schnellste Weg, gar nicht anzufangen.

Die Wissenslücke ist das eigentliche Werkzeug

Protokoll · Wissensstand im Saal

Aus der Sicht eines Hundes:
→ Sie hat den Napf morgens gefüllt und ist wieder ins Bett gegangen.
→ Der andere kam nicht mehr die Treppe hoch.
→ Ich habe drei Wochen an der Tür gelegen.
→ Dann hat sie seine Schuhe weggeräumt, und ich habe an der Stelle weitergelegen.
Erzähler (der Hund)
sieht
Publikum
versteht ab Zeile zwei

Der Abstand zwischen den Balken ist die Wirkung. Nicht die Stimme.

Jetzt kommt der Teil, den fast alle übersehen.

Ein Perspektivtext wirkt nicht durch die andere Stimme.

Er wirkt durch den Abstand zwischen dem, was dein Erzähler weiß, und dem, was dein Publikum weiß.

Dein Erzähler beschreibt etwas, das er nicht versteht.

Der Saal versteht es sofort.

Und in dieser Sekunde entsteht ein Gefühl, das kein direkter Satz erzeugen könnte.

Der Hund weiß nicht, dass jemand gestorben ist.

Der Saal weiß es ab Zeile zwei.

Diese zwei Zeilen Vorsprung sind der ganze Text.

Also merke: Nicht die fremde Stimme macht den Text.

Sondern das, was sie nicht kapiert.

Drei Arten von Lücke

L1Der Erzähler weiß weniger
Der Standardfall: Kinder, Tiere, Gegenstände, Leute am Rand. Der Saal ergänzt und fühlt sich dabei klug.
L2Der Erzähler weiß mehr
Seltener und schwerer. Die Mutter weiß etwas über deine Kindheit, das du erst am Ende erfährst. Erzeugt Spannung statt Trauer.
L3Der Erzähler glaubt etwas Falsches
Die stärkste Variante. Die Figur ist von etwas überzeugt, das nicht stimmt, und der Saal merkt es. Sympathisch und tragisch zugleich.
Waschbär auf dem Mittelbahnsteig, von der Fußgängerbrücke aus gesehen – Perspektivwechsel im Text
Derselbe Bahnsteig, von der Brücke aus gesehen · bahn-slam.de

Jorinde sitzt um halb zwei immer noch am Küchentisch.

Sie hat neun Aussagen.

Nur bei Titus bleibt das Feld „Nicht gewusst“ hartnäckig leer.

Denn sie weiß nicht, was er nicht wusste.

Sie weiß nicht einmal, wo er an diesem Sonntag war.

Aussage gegen Aussage: Passagen, zweimal erzählt

Aussage gegen Aussage · fünf Passagen

Passage 01 · Die Kündigung
Ich-Sicht
„Er hat mich rausgeworfen. Nach neunzehn Jahren, an einem Dienstagmorgen, ohne mit der Wimper zu zucken.“
Sicht des Chefs
„Ich habe es dreimal verschoben. Am Dienstag stand es im Kalender, und ich bin trotzdem erst um elf reingegangen.“
Vermerk: Links ein Urteil. Rechts jemand, der sich drückt. Das ist unangenehmer als jedes Monster.
Passage 02 · Die Trennung
Ich-Sicht
„Sie ist gegangen und hat kaum etwas mitgenommen. Als wäre ihr alles egal gewesen.“
Sicht der anderen
„Ich habe die Hälfte dagelassen, weil ich es nicht in zwei Fahrten schaffen wollte. Und weil ich dachte, ich komme noch mal wieder.“
Vermerk: Dieselbe Handlung, zwei völlig verschiedene Bedeutungen.
Passage 03 · Der Abschied
Ich-Sicht
„Mein Vater ist im Februar gestorben. Danach war nichts mehr wie vorher.“
Sicht des Hundes
„Er ist morgens nicht mehr die Treppe hochgekommen. Ich habe drei Wochen an der Tür gelegen.“
Vermerk: Der Hund weiß nicht, was passiert ist. Der Saal weiß es ab dem ersten Satz.
Passage 04 · Das Geld
Ich-Sicht
„Wir hatten nie Geld. Meine Mutter hat das gut versteckt.“
Sicht der Mutter
„Ich habe im Kopf gerechnet, während er die Sachen aufs Band gelegt hat. Bei der Schokolade habe ich gesagt: Die brauchen wir nicht.“
Vermerk: Sie erklärt nichts. Sie rechnet. Das Rechnen ist die ganze Aussage.
Passage 05 · Der Text selbst
Ich-Sicht
„Ich habe vier Jahre gebraucht, um darüber zu schreiben.“
Sicht des Textes
„Sie hat mich viermal angefangen und dreimal weggeworfen. Beim vierten Mal hat sie nichts mehr geändert.“
Vermerk: Riskant. Aber als Schluss eine starke Karte.

Derselbe Vorgang, zwei Versionen.

Links steht jedes Mal ein Urteil.

Rechts steht ein Mensch, ein Raum, ein Tier.

Und rechts wird es fast immer unangenehmer, ehrlicher, größer.

Ein Perspektivwechsel im Text nimmt dir das Urteil weg.

Und gibt dir dafür die Wahrheit zurück.

Bonus: Wenn du über Krankheit, Tod oder Armut schreibst, bleib streng bei der Beobachtung.

Erfinde keine Innensicht, die du nicht kennst.

Präzedenzfälle: Wer das schon vor dir gemacht hat

Aus dem Archiv · fünf Präzedenzfälle

Präzedenzfall 1
Robert Browning
„My Last Duchess“, 1842
Ein Herzog zeigt einem Gesandten das Porträt seiner verstorbenen Frau. Er will angeben und verrät beim Reden nach und nach, was mit ihr geschehen ist.
Lehre: Lass deine Figur reden, ohne dass sie ahnt, wie sie wirkt.
Präzedenzfall 2
Rainer Maria Rilke
„Der Panther“
Rilke bleibt ganz nah an dem, was das Tier wahrnimmt: die Stäbe, die Enge, die Müdigkeit. Menschliche Gedanken legt er ihm nicht in den Kopf.
Lehre: Bei Tieren nur Wahrnehmung, kein Denken.
Präzedenzfall 3
Wisława Szymborska
„Katze in der leeren Wohnung“
Die polnische Nobelpreisträgerin lässt eine Katze durch eine Wohnung gehen, in der jemand fehlt. Sie merkt nur, dass etwas nicht stimmt. Ausgesprochen wird es nie.
Lehre: Das Unausgesprochene trägt mehr als jedes Gefühlswort.
Präzedenzfall 4
Kazuo Ishiguro
„Was vom Tage übrig blieb“, 1989
Ein Butler erzählt stolz von seiner Pflichttreue. Die Lesenden sehen nach und nach ein versäumtes Leben. Er selbst merkt es nie.
Lehre: Die Figur glaubt etwas Falsches. Der Saal weiß es besser.
Präzedenzfall 5
Akira Kurosawa
„Rashomon“, 1950
Ein Todesfall im Wald, vier Aussagen, alle plausibel, alle widersprüchlich. Der Film löst es nicht auf. Nach ihm ist der Rashomon-Effekt benannt.
Lehre: Niemand muss lügen, damit Versionen auseinandergehen.

Wenn du nur ein einziges Beispiel lesen willst, nimm Szymborskas Katze.

Kürzer lässt sich die Wissenslücke kaum zeigen.

Kurosawas Film hat einem ganzen Phänomen den Namen gegeben.

Mehrere Menschen erinnern denselben Vorgang völlig verschieden, ohne dass einer von ihnen lügt.

Sheila Marie Orfano · „How do you know what’s true?“ · TED-Ed

Die TED-Ed-Lektion stellt genau die Frage, um die es hier geht.

Achte darauf, an welcher Stelle du anfängst, einer Version mehr zu glauben als der anderen.

Du musst deine Figur nicht zur Lügnerin machen, damit ihre Version anders ist.

Es reicht, dass sie an einer anderen Stelle stand.

Die Grenze: wessen Perspektive dir nicht gehört

Belehrung vor der Aussage · drei Fragen

G1 · Spreche ich für jemanden oder über etwas?
Wer so klingt, als spräche er für eine ganze Gruppe, macht es heikel. Wer zeigt, wie ein einzelner Mensch etwas erlebt, macht etwas anderes.
G2 · Habe ich zugehört oder erfunden?
Bei fremden Erfahrungen ist Recherche die Voraussetzung. Und zwar Gespräche, nicht nur Suchergebnisse. Was du dir zusammenreimst, merkt jeder, den es betrifft.
G3 · Was ist mein Anteil daran?
Die ehrlichste Frage. Lautet die Antwort „keiner, war nur guter Stoff“, dann lass es. Nicht weil es verboten wäre, sondern weil solche Texte fast immer schwach sind.

Sicherste Regel: Nimm die Perspektive von jemandem, dessen Leben deins berührt hat. Im Zweifel den Zeugen statt den Betroffenen.

Jetzt der Teil, den man nicht überspringen sollte.

Es gibt zwei sehr verschiedene Dinge, die beide Perspektivwechsel heißen.

Das eine: Du erzählst aus der Sicht eines Menschen, dessen Leben in deins hineinragt.

Dein Bruder, deine Mutter, dein Chef.

Das andere: Du erzählst aus einer Erfahrung heraus, die du nie gemacht hast.

Das Erste ist der Kern dieser Form.

Das Zweite braucht mehr Vorsicht.

Verboten ist es nicht.

Literatur tut seit jeher genau das.

Wer es grundsätzlich verbietet, schafft die Fiktion ab.

Die Frage ist also nicht, ob.

Sondern wie.

Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat 2009 darüber einen der bekanntesten TED-Vorträge gehalten.

Chimamanda Ngozi Adichie · „The danger of a single story“ · TED

Englisch, Untertitel lassen sich zuschalten.

Achte darauf, an welchen Stellen sie von ihren eigenen Vorurteilen erzählt und nicht nur von denen der anderen.

Ihr Argument ist nicht, dass man nur über sich selbst schreiben darf.

Sondern dass eine einzige Geschichte zur ganzen Wahrheit wird, wenn keine zweite danebensteht.

Nicht: Halt dich raus.

Sondern: Erzähl so, dass deine Version nicht die einzige bleibt.

Vernehmungsregeln: zehn für den Text, drei für die Bühne

Vernehmungsregeln · zehn für den Text

§ 1
Leg zuerst die Wissensgrenze fest
Was weiß die Figur nicht? Aufschreiben, bevor du eine Zeile schreibst.
§ 2
Nimm ihr die Deutung weg
Sie beschreibt, sie erklärt nicht. Jeder Satz mit „weil“ oder „deshalb“ ist verdächtig.
§ 3
Gib ihr ein eigenes Detail
Etwas, das nur sie bemerkt. Der Butler sieht das Silber, die Mutter den Preis, das Kind den Fußboden.
§ 4
Behalte deine Sprache
Keine Stimmenimitation. Nachgebauter Dialekt oder Jugendsprache wird Karikatur.
§ 5
Lass sie etwas Falsches glauben
Die stärkste Variante. Tragisch, ohne dass du sie bemitleidest.
§ 6
Eine Perspektive pro Text
Wer dreimal wechselt, verliert alle drei.
§ 7
Kein Rückzieher am Ende
Kein Schlusssatz, in dem du wieder du selbst bist und alles einordnest.
§ 8
Nimm ein Ding als Zeugen
Der einfachste Einstieg, wenn dir die Figur zu schwer ist.
§ 9
Prüf, ob es wehtut
Ist dir die fremde Sicht nirgends unangenehm, hast du dich selbst geschrieben.
§ 10
Kürz am Ende
Die Erklärungen fliegen zuerst.

Mehr Infos zum Kürzen findest du unter Kill your Darlings.

Auf der Bühne kommt ein Problem dazu, das der Text allein nicht löst.

Der Saal weiß nicht, dass du jemand anderen sprichst.

Also setz früh ein Signal.

Am besten ein Detail, das offensichtlich nicht zu dir passt.

Ein Beruf, ein Alter, ein Gegenstand.

Keine Ansage.

„Der folgende Text ist aus Sicht meines Vaters“ nimmt dem Ganzen die Wirkung.

Vor Gericht · drei Regeln für die Bühne

  • Verstell die Stimme nicht. Sobald du schauspielerst, wird aus dem Perspektivtext eine Nummer.
  • Markier den Wechsel mit dem Körper. Ein halber Schritt zur Seite am Anfang reicht.
  • Bleib bis zum Schluss drin. Kein Ausstieg, kein Kommentar. Du gehst runter, ohne dich zu erklären.

Wie der halbe Schritt zur Seite genau aussieht, steht unter Bewegung auf der Bühne.

Drei Dinge, die sie nicht mitbekommen hat. Nichts wird gespeichert.

Abschlussprotokoll · vor dem Auftritt

Zum Nachhören gibt es die passende Folge aus dem Bahn-Slam-Podcast.

Bahn-Slam-Podcast #230 · „Niemand will deine Ich-Texte hören – Der Perspektivwechsel als schärfste Waffe“ · Bahn-Slam

Achte beim Hören darauf, welches Beispiel dich an einen eigenen Text erinnert.

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Die letzte Aussage: Gleis 5

Drei Tage nach der Lesebühne ruft Jorinde ihren Bruder an.

Der Text ist noch nicht fertig.

Titus geht nach dem dritten Klingeln ran.

Lange sagt keiner etwas.

Dann fragt sie: „Wo warst du an dem Sonntag?“

„Auf Gleis 5“, sagt Titus.

„Da kommt der Zug aus dem Süden doch immer an.“

Zwei Stunden hat er dort gewartet.

Mit einem Pappschild, auf das er ihren Namen gemalt hatte.

Dann ist er gegangen, weil er dachte, sie hätte den Zug verpasst und sich nicht gemeldet.

Die Betriebslage hatte es die ganze Zeit gewusst.

Abweichend auf Gleis 2.

Durchsage erfolgt.

Besondere Vorkommnisse: keine.

Niemand hat gelogen.

Beide standen nur an einer anderen Stelle.

Das hätte Jorinde in einem Ich-Text nie herausgefunden.

Denn dort wäre sie für immer die gewesen, auf die niemand gewartet hat.

Drei Wochen später liest sie „Gleis 2“ noch einmal auf derselben Lesebühne.

Diesmal aus der Sicht von Titus.

Der erste Satz: „Ich habe die Nummer noch.“

In der ersten Reihe sitzt ein Mann mit einem Pappschild.

Also merke: Der schnellste Weg zu dir selbst führt über jemand anderen.

Bahn Slam · Edition

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✦ ✦ ✦ die zweiunddreißig bücher

Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch, das du lesen solltest
— Stephan Pinkwart —

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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