Zeugenaussagen · Perspektivwechsel im Text
Der Perspektivtext: Schreib aus der Sicht von jemand anderem

Mittwoch, 21:10 Uhr, Lesebühne im Hinterzimmer eines Bahnhofscafés.
Jorinde, 31, hat gerade ihren Text über ihren Bruder gelesen.
Vier Minuten, alles aus ihrer Sicht, kein Perspektivwechsel im Text.
Der Titel: „Gleis 2“.
Es geht um den Sonntag vor vier Jahren, an dem Titus sie vom Zug abholen sollte.
Sie hat zwei Stunden auf dem Bahnsteig gewartet.
Im Regen, mit einem roten Koffer und leerem Handy-Akku.
Er kam nicht.
Seitdem reden die beiden nicht mehr.
Der Applaus ist freundlich.
Ein paar Leute nicken.
Dann kommt die Moderatorin an ihren Tisch und stellt eine einzige Frage.
„Und wie erzählt dein Bruder die Geschichte?“
Jorinde öffnet den Mund.
Und merkt, dass sie keine Antwort hat.
Vier Jahre Streit, und sie hat sich seine Version nicht ein einziges Mal ausgemalt.
Jorinde und Titus gibt es so nicht. Aber die Frage der Moderatorin stellt sich früher oder später jedem Ich-Text.
Kennst du das?
Du schreibst ehrlich.
Und trotzdem läuft dein Text gegen eine unsichtbare Wand.
Das liegt nicht an deinem Talent.
Das liegt an der Stelle, an der du stehst.
Zeugenaussagen zum Vorfall auf Gleis 2
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Aussage 00 · Jorinde, heute · Ich-Text „Gleis 2“
Beim Ich-Text bleibt dieses Feld immer leer. Dein Erzähler weiß genau so viel wie du.
Ein Ich-Text hat einen eingebauten Nachteil.
Und der ist nicht handwerklich, sondern baulich.
Dein Erzähler weiß immer genau so viel wie du.
Er hat deine Meinung, deine Deutung, deine Version.
Das merkt das Publikum schnell.
Ab da hört es keiner Geschichte mehr zu, sondern einer Darstellung.
Wer immer nur die eigene Sicht liefert, liefert das eigene Urteil gleich mit.
Slam lebt von der eigenen Stimme.
Der Ich-Text ist kein Fehler.
Aber er ist eine Grenze.
Was sich ändert, wenn jemand anders aussagt
Achte darauf, welche Gründe fürs Wechseln genannt werden.
Und prüf bei jedem, ob er auch für einen Vier-Minuten-Text auf der Bühne gilt.
Perspektivwechsel im Text: die eine Frage
Die zwei roten Zeilen sind die wichtigsten. Sie sind dein Text.
Jorinde fährt in dieser Nacht mit der letzten S-Bahn nach Hause und schreibt.
Nicht über sich.
Über Titus.
Sie beginnt mit einer einzigen Frage.
Was weiß diese Perspektive, das ich nicht weiß?
Und was weiß sie nicht, das ich weiß?
Das ist der ganze Motor.
Ein Perspektivwechsel ist keine Kostümfrage.
Es geht nicht darum, anders zu klingen.
Es geht darum, anders viel zu wissen.
Aber hier kommt der Haken.
Jorindes erste Fassung klingt so: „Ich war egoistisch, ich habe dich vergessen, es tut mir so leid.“
Kommt dir das bekannt vor?
Du schreibst aus der Sicht deiner Mutter, und deine Mutter denkt genau das, was du über sie denkst.
Sie bereut.
Sie versteht dich plötzlich.
Sie gibt dir recht.
Das ist kein Perspektivwechsel.
Das ist ein Wunsch mit fremdem Namensschild.
Und das Publikum riecht es sofort.
Lies deine Fassung und frag: Steht hier irgendetwas, das mich stört?
Wenn nein, hast du dich selbst geschrieben.
Eine fremde Perspektive muss dir mindestens an einer Stelle wehtun.
Sonst war sie nie fremd.
Zehn Zeugen, ein Vorgang: Perspektiven von leicht bis schwer
Jorinde zerreißt die erste Fassung nicht.
Sie legt sie zu den Akten.
Dann macht sie etwas Kluges.
Sie lässt erst einmal alle anderen aussagen.
Zeugenliste · Teil 1 · von leicht nach schwer
„Ich bin 127-mal weitergesprungen. Sie hat oft zu mir hochgeschaut. Beim letzten Mal hat sie den Koffer genommen.“
„Sie ist zweimal reingekommen und zweimal wieder raus. Jedes Mal, wenn ein Zug einfuhr.“
„Sie hat einen Kaffee gekauft und ihn nicht getrunken. Ich dachte, die wartet auf einen Freund.“
„Abends haben beide angerufen. Beide haben gesagt, der andere sei nicht gekommen. Ich habe gedacht, das klären die unter sich.“
„Ich war egoistisch. Ich habe dich vergessen. Es tut mir so leid.“
Merkst du, wie jede Aussage etwas anderes nicht weiß?
Genau dieses Feld ist dein Werkzeug.
Und bei Aussage 05 ist es leer.
Deshalb der Stempel.
Zeugenliste · Teil 2 · für Fortgeschrittene
„Ich habe mir überlegt, was ich ihm zuerst erzähle. Dann war der Akku leer.“
„Ich weiß nicht mehr, welcher Monat es war. Ich weiß nur noch, dass ich den Koffer nie abgestellt habe.“
„Die mit dem roten Koffer hat Krümel fallen lassen. Dann ist sie gegangen. Die Krümel sind geblieben.“
„Ich habe es zwei Jahre später erfahren, an Weihnachten. Weil zwei Stühle nicht mehr nebeneinanderstanden.“
„16:40 Uhr. Regionalexpress aus Richtung Süd fährt heute abweichend auf Gleis 2 ein. Durchsage erfolgt. Besondere Vorkommnisse: keine.“
Fang vorne an.
Die Uhr und das Wartehäuschen brauchen kein Innenleben, nur Beobachtung.
Ab Aussage 04 brauchst du Mut.
Ab Aussage 09 brauchst du Recherche.
Kein Bullshit: Mit dem schwersten Zeugen anzufangen, ist der schnellste Weg, gar nicht anzufangen.
Die Wissenslücke ist das eigentliche Werkzeug
Protokoll · Wissensstand im Saal
→ Sie hat den Napf morgens gefüllt und ist wieder ins Bett gegangen.
→ Der andere kam nicht mehr die Treppe hoch.
→ Ich habe drei Wochen an der Tür gelegen.
→ Dann hat sie seine Schuhe weggeräumt, und ich habe an der Stelle weitergelegen.
Der Abstand zwischen den Balken ist die Wirkung. Nicht die Stimme.
Jetzt kommt der Teil, den fast alle übersehen.
Ein Perspektivtext wirkt nicht durch die andere Stimme.
Er wirkt durch den Abstand zwischen dem, was dein Erzähler weiß, und dem, was dein Publikum weiß.
Dein Erzähler beschreibt etwas, das er nicht versteht.
Der Saal versteht es sofort.
Und in dieser Sekunde entsteht ein Gefühl, das kein direkter Satz erzeugen könnte.
Der Hund weiß nicht, dass jemand gestorben ist.
Der Saal weiß es ab Zeile zwei.
Diese zwei Zeilen Vorsprung sind der ganze Text.
Also merke: Nicht die fremde Stimme macht den Text.
Sondern das, was sie nicht kapiert.
Drei Arten von Lücke

Jorinde sitzt um halb zwei immer noch am Küchentisch.
Sie hat neun Aussagen.
Nur bei Titus bleibt das Feld „Nicht gewusst“ hartnäckig leer.
Denn sie weiß nicht, was er nicht wusste.
Sie weiß nicht einmal, wo er an diesem Sonntag war.
Aussage gegen Aussage: Passagen, zweimal erzählt
Aussage gegen Aussage · fünf Passagen
Derselbe Vorgang, zwei Versionen.
Links steht jedes Mal ein Urteil.
Rechts steht ein Mensch, ein Raum, ein Tier.
Und rechts wird es fast immer unangenehmer, ehrlicher, größer.
Ein Perspektivwechsel im Text nimmt dir das Urteil weg.
Und gibt dir dafür die Wahrheit zurück.
Bonus: Wenn du über Krankheit, Tod oder Armut schreibst, bleib streng bei der Beobachtung.
Erfinde keine Innensicht, die du nicht kennst.
Präzedenzfälle: Wer das schon vor dir gemacht hat
Aus dem Archiv · fünf Präzedenzfälle
Wenn du nur ein einziges Beispiel lesen willst, nimm Szymborskas Katze.
Kürzer lässt sich die Wissenslücke kaum zeigen.
Kurosawas Film hat einem ganzen Phänomen den Namen gegeben.
Mehrere Menschen erinnern denselben Vorgang völlig verschieden, ohne dass einer von ihnen lügt.
Die TED-Ed-Lektion stellt genau die Frage, um die es hier geht.
Achte darauf, an welcher Stelle du anfängst, einer Version mehr zu glauben als der anderen.
Du musst deine Figur nicht zur Lügnerin machen, damit ihre Version anders ist.
Es reicht, dass sie an einer anderen Stelle stand.
Die Grenze: wessen Perspektive dir nicht gehört
Belehrung vor der Aussage · drei Fragen
Sicherste Regel: Nimm die Perspektive von jemandem, dessen Leben deins berührt hat. Im Zweifel den Zeugen statt den Betroffenen.
Jetzt der Teil, den man nicht überspringen sollte.
Es gibt zwei sehr verschiedene Dinge, die beide Perspektivwechsel heißen.
Das eine: Du erzählst aus der Sicht eines Menschen, dessen Leben in deins hineinragt.
Dein Bruder, deine Mutter, dein Chef.
Das andere: Du erzählst aus einer Erfahrung heraus, die du nie gemacht hast.
Das Erste ist der Kern dieser Form.
Das Zweite braucht mehr Vorsicht.
Verboten ist es nicht.
Literatur tut seit jeher genau das.
Wer es grundsätzlich verbietet, schafft die Fiktion ab.
Die Frage ist also nicht, ob.
Sondern wie.
Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat 2009 darüber einen der bekanntesten TED-Vorträge gehalten.
Englisch, Untertitel lassen sich zuschalten.
Achte darauf, an welchen Stellen sie von ihren eigenen Vorurteilen erzählt und nicht nur von denen der anderen.
Ihr Argument ist nicht, dass man nur über sich selbst schreiben darf.
Sondern dass eine einzige Geschichte zur ganzen Wahrheit wird, wenn keine zweite danebensteht.
Nicht: Halt dich raus.
Sondern: Erzähl so, dass deine Version nicht die einzige bleibt.
Vernehmungsregeln: zehn für den Text, drei für die Bühne
Vernehmungsregeln · zehn für den Text
Mehr Infos zum Kürzen findest du unter Kill your Darlings.
Auf der Bühne kommt ein Problem dazu, das der Text allein nicht löst.
Der Saal weiß nicht, dass du jemand anderen sprichst.
Also setz früh ein Signal.
Am besten ein Detail, das offensichtlich nicht zu dir passt.
Ein Beruf, ein Alter, ein Gegenstand.
Keine Ansage.
„Der folgende Text ist aus Sicht meines Vaters“ nimmt dem Ganzen die Wirkung.
Vor Gericht · drei Regeln für die Bühne
- Verstell die Stimme nicht. Sobald du schauspielerst, wird aus dem Perspektivtext eine Nummer.
- Markier den Wechsel mit dem Körper. Ein halber Schritt zur Seite am Anfang reicht.
- Bleib bis zum Schluss drin. Kein Ausstieg, kein Kommentar. Du gehst runter, ohne dich zu erklären.
Wie der halbe Schritt zur Seite genau aussieht, steht unter Bewegung auf der Bühne.
Zum Nachhören gibt es die passende Folge aus dem Bahn-Slam-Podcast.
Achte beim Hören darauf, welches Beispiel dich an einen eigenen Text erinnert.
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Jetzt Kanal folgenDie letzte Aussage: Gleis 5
Drei Tage nach der Lesebühne ruft Jorinde ihren Bruder an.
Der Text ist noch nicht fertig.
Titus geht nach dem dritten Klingeln ran.
Lange sagt keiner etwas.
Dann fragt sie: „Wo warst du an dem Sonntag?“
„Auf Gleis 5“, sagt Titus.
„Da kommt der Zug aus dem Süden doch immer an.“
Zwei Stunden hat er dort gewartet.
Mit einem Pappschild, auf das er ihren Namen gemalt hatte.
Dann ist er gegangen, weil er dachte, sie hätte den Zug verpasst und sich nicht gemeldet.
Die Betriebslage hatte es die ganze Zeit gewusst.
Abweichend auf Gleis 2.
Durchsage erfolgt.
Besondere Vorkommnisse: keine.
Niemand hat gelogen.
Beide standen nur an einer anderen Stelle.
Das hätte Jorinde in einem Ich-Text nie herausgefunden.
Denn dort wäre sie für immer die gewesen, auf die niemand gewartet hat.
Drei Wochen später liest sie „Gleis 2“ noch einmal auf derselben Lesebühne.
Diesmal aus der Sicht von Titus.
Der erste Satz: „Ich habe die Nummer noch.“
In der ersten Reihe sitzt ein Mann mit einem Pappschild.
Also merke: Der schnellste Weg zu dir selbst führt über jemand anderen.
