Ein Zug, der nicht mehr fährt, kommt ins Ausbesserungswerk. Dort schaut sich jemand jeden Schaden einzeln an — und schreibt auf, was passiert ist.
Genau das mache ich hier mit mir selbst.
Ich stehe seit über zwanzig Jahren auf Slam-Bühnen. In der Zeit ist einiges schiefgegangen, und das meiste davon war nicht Pech.
Es war ich.
Dieser Beitrag ist keine Liste allgemeiner Anfängerfehler. Es sind fünf konkrete Sachen, die ich selbst gemacht habe und bei denen mir heute noch warm wird, wenn ich daran denke.
Von diesen fünf Schäden ist einer bis heute nicht repariert.
Ich habe es dreimal versucht und es dreimal nicht geschafft — obwohl die Lösung aus drei Sätzen bestünde.
Welcher es ist, steht am Ende. Vorher die vier, die ich hinbekommen habe.
Sie haben mich einen Auftritt gekostet, eine Freundschaft, zwei Jahre Entwicklung und ein Festival.
Ich schreibe sie auf, weil sie alle vermeidbar waren. Und weil ich in Workshops immer wieder Leute treffe, die gerade dabei sind, denselben Schaden zu produzieren.
Sie sehen dabei genauso überzeugt aus, wie ich damals ausgesehen habe.
Ein Ausbesserungswerk ist übrigens kein Ort der Schande. Es ist ein Ort, an dem Dämpfe abziehen, Funken fliegen und am Ende etwas wieder fährt.
In dem Sinne ist dieser Beitrag gemeint.

Ich erzähle es, weil jeder dieser fünf Fehler eine Regel hinterlassen hat, an die ich mich bis heute halte. Die Regeln stehen jeweils am Ende des Abschnitts.
Und weil vier von fünf Schäden überhaupt nicht auf der Bühne entstanden sind. Sie entstanden davor, danach und daneben — genau dort, wo man nicht damit rechnet.
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Jetzt Kanal folgenZwei Stunden vor dem Auftritt
Zwanzig Minuten Erleichterung, zwei Jahre Umweg — die teuerste Absage meines Lebens
Es war ein Freitag, ich war fest gebucht, und ich hatte seit Tagen ein flaues Gefühl.
Der Text, den ich mitnehmen wollte, war neu. Ich hatte ihn erst zweimal laut gelesen, und beide Male hatte er sich falsch angefühlt.
Um halb sechs stand ich in meiner Küche mit dem Handy in der Hand.
Und dann habe ich eine Nachricht geschrieben, in der stand, ich sei krank geworden und könne leider nicht kommen.
Ich war nicht krank. Ich hatte Angst.
Das Absenden dauerte eine Sekunde, und danach war mir sofort leichter. Ungefähr zwanzig Minuten lang.
Dann kam die Antwort. Sie war freundlich, wünschte gute Besserung und fragte, ob ich stattdessen im nächsten Monat könne.
Und in dem Moment habe ich verstanden, was ich getan hatte.
Ich hatte einen Menschen belogen, der mir vertraut hatte. Und ich hatte ihn zwei Stunden vor Beginn mit einer Lücke im Programm sitzen lassen.
Eine kurzfristige Absage ist für Veranstalter kein kleines Problem. Es ist ein Loch im Ablauf, das jemand anders zustopfen muss, meistens unter Zeitdruck.
Es ist wie ein Triebwagen, der morgens einfach nicht aus der Halle fährt. Der Fahrplan ist gedruckt, die Leute stehen am Bahnsteig, und irgendwer muss jetzt improvisieren.
Ich habe danach zwei Jahre lang nicht mehr an diesem Ort gespielt. Nicht weil man mich ausgeladen hätte, sondern weil ich mich nicht getraut habe zu fragen.
Das Schlimmste an dieser Sache ist nicht die Lüge. Es ist, was sie mir beigebracht hat.
Ich hatte meinem Kopf gezeigt: Wenn es unangenehm wird, gibt es einen Ausgang. Und ein Kopf, der einen Ausgang kennt, sucht ihn beim nächsten Mal schneller.
Beim übernächsten Auftritt war die Versuchung schon deutlich größer.
Und wenn mir vorher schlecht wird vor Angst: Ich fahre trotzdem hin. Der Beitrag über Beruhigen vor dem Auftritt hat mir dabei mehr geholfen als jede Absage.

Nach der Show, an der Bar
Der Satz an der Bar, den ich hier nicht wiederhole — und der drei Meter weiter gehört wurde
Dieser hier tut mir am meisten weh, und deshalb kommt er als zweites.
Es war nach einer Show, an der ich nicht gut abgeschnitten hatte. Ein anderer hatte gewonnen, mit einem Text, den ich für billig hielt.
Ich stand an der Bar mit zwei Leuten, die ich gut kannte. Und ich habe gesagt, sein Text sei ein Trick, kein Text.
Dann noch einen Satz hinterher, den ich hier nicht wiederhole, weil er wirklich fies war.
Er stand drei Meter weiter und hat jedes Wort gehört.
Er hat nichts gesagt. Er hat sein Glas abgestellt und ist gegangen.
Wir hatten davor vier Jahre lang zusammen Auftritte gemacht, uns Texte geschickt und uns gegenseitig zu Shows mitgenommen.
Danach nicht mehr.
Ich habe mich zwei Tage später entschuldigt, ehrlich und ohne Ausrede. Er hat die Entschuldigung angenommen, und trotzdem war etwas kaputt.
Manche Schäden lässt man reparieren und sieht die Naht danach trotzdem.
Das Bittere ist: Ich hatte gar nichts gegen ihn. Ich war nur neidisch.
Neid ist in der Slam-Szene ein Dauergast, über den kaum jemand offen spricht. Wir stehen alle auf derselben Bühne, mit derselben Zeit und derselben Jury — und trotzdem geht immer nur einer als Sieger nach Hause.
Was ich damals nicht wusste: Neid, den man ausspricht, wird nicht kleiner. Er wird nur lauter, und dann hört ihn jemand.
Mehr dazu steht im Beitrag über Neid in der Szene — den habe ich mit ziemlich rotem Kopf geschrieben.
Warum es so schwer ist, in so einem Moment einfach den Mund zu halten, hat eine Forscherin ziemlich genau beschrieben — und zwar mit einem Vortrag, der sie selbst fast umgebracht hätte vor Scham.
Genau das war ich an der Bar. Ich habe jemanden kleiner gemacht, damit mein eigener Abend größer aussieht.
Es hat nicht funktioniert. Es funktioniert nie.
Wie das geht, ohne verletzend zu werden, steht im Beitrag über Feedback geben.

Zwei Jahre am Stück
Woran ich gemerkt habe, dass ich zwei Jahre stillstand: an einem Mann in der ersten Reihe
Ich hatte einen Text, der funktionierte. Und zwar überall.
Kleine Bühne, große Bühne, betrunkenes Publikum, nüchternes Publikum — der Text lief immer.
Wenn du so einen Text hast, ist das ein wunderbares Gefühl. Du gehst nach oben und weißt vorher, was passieren wird.
Es ist wie eine Strecke, die du hundertmal gefahren bist. Du kennst jede Kurve, jede Brücke, jedes Signal.
Und genau deshalb schaust du irgendwann nicht mehr aus dem Fenster.
Zwei Jahre lang habe ich diesen Text gespielt. Nicht ausschließlich, aber immer dann, wenn es drauf ankam.
Jedes Finale, jeder wichtige Abend, jede neue Stadt: derselbe Text.
Aufgefallen ist es mir an einem Dienstagabend in einer kleinen Kneipe. Ich war bei der dritten Strophe, und in der ersten Reihe saß jemand, der lautlos mitsprach.
Nicht böswillig. Er kannte den Text einfach.
Ich habe zu Ende gelesen und mich hinterher hingesetzt und gerechnet.
In den zwei Jahren hatte ich vielleicht fünf neue Texte geschrieben. In den zwei Jahren davor waren es über dreißig gewesen.
Der eine sichere Text hatte mich nicht gerettet. Er hatte mich stillgelegt.
Das ist die Tücke an Sicherheit: Sie kostet nichts, was man sofort merkt. Sie kostet nur alles, was in der Zeit hätte entstehen können.
Ein Waggon, der zwei Jahre auf demselben Abstellgleis steht, ist am Ende nicht geschont. Er ist eingerostet.
Und das Schlimmste: Ich war in dieser Zeit als Slammer nicht schlechter geworden. Ich war nur nicht besser geworden, und das fällt viel später auf.
Stillstand tarnt sich als Stabilität. Deshalb ist er so gefährlich.
Und der sichere Text darf mit — aber nie als einziger. Er ist Reserve, nicht Programm. Wie man alte Texte wieder in Bewegung bringt, steht im Beitrag über alte Texte überarbeiten.

Drei Sekunden auf offener Bühne
Zwei Sekunden Gesicht, die eine Zwanzigjährige den Abend gekostet haben
Ich habe nichts gesagt. Kein Wort, keine Geste, nichts.
Ich habe nur die Augenbrauen hochgezogen und kurz gelacht, als die dritte Jurorin ihre Tafel hochhielt.
Drei Sekunden. Vielleicht auch nur zwei.
Der Saal hat es gesehen. Die Jurorin hat es gesehen.
Sie war ungefähr zwanzig, sie war zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Poetry Slam, und sie war zehn Minuten vorher aus dem Publikum gezogen worden.
Sie hat den Rest des Abends keine Tafel mehr richtig hochgehalten. Sie hat sie nur noch schnell gezeigt und sofort wieder gesenkt.
Das habe ich gemacht, mit zwei Sekunden Gesicht.
Eine Publikumsjury besteht aus Leuten, die freiwillig etwas tun, das ihnen unangenehm ist. Sie bewerten öffentlich einen Menschen, der ihnen gerade sein Innenleben vorgelesen hat.
Das ist ein ziemlich mutiger Job für ein Freibier.
Und die Wertung, über die ich mich lustig gemacht habe, war eine 7,5. Das ist keine Beleidigung, das ist eine ganz normale Zahl.
Ich hatte an dem Abend nur zwei Neuner vorher bekommen und mich schon halb im Finale gesehen.
Der eigentliche Fehler war also nicht das Gesicht. Der eigentliche Fehler war die Erwartung dahinter.
Wer erwartet, gut bewertet zu werden, empfindet jede normale Zahl als Angriff. Der Beitrag über schlechte Wertungen geht dem ausführlich nach.
Am Ende des Abends bin ich zu ihr gegangen und habe mich entschuldigt. Sie hat gesagt, es sei nicht schlimm, und dabei auf den Boden geschaut.
Ich glaube, sie war nie wieder auf einem Slam.
Das ist keine Heuchelei, sondern Berufsauffassung. Die Jury macht den unangenehmsten Job im Saal, und sie macht ihn für uns.
Eine E-Mail, elf Monate lang ungelesen
Elf Monate, in denen ich eine Mail nicht beantwortet habe — und was daraus wurde
Diese Geschichte ist die peinlichste von allen, weil sie so vollkommen sinnlos ist.
Ich habe an einem Mittwoch eine Mail bekommen. Ein Festival, mehrere Tage, gute Bezahlung, ein Auftritt auf einer Bühne, auf der ich immer mal stehen wollte.
Ich habe die Mail gelesen, mich sehr gefreut und gedacht: Darauf antworte ich heute Abend in Ruhe.
Am Abend war ich müde. Am nächsten Tag war die Mail schon zwei Bildschirmlängen nach unten gerutscht.
Nach einer Woche war das Antworten peinlich geworden. Nach drei Wochen war es unmöglich.
81 Billionen Dollar Fehler als Chance
Ich habe nie geantwortet. Kein einziges Wort.
Elf Monate später stand ich bei einer anderen Veranstaltung neben der Frau, die die Mail geschrieben hatte. Sie war freundlich, wir haben nett geredet, und sie hat das Festival mit keinem Wort erwähnt.
Ich habe es auch nicht erwähnt. Feige bis zum Schluss.
Was ich damals nicht verstanden hatte: Eine unbeantwortete Mail ist keine Nicht-Antwort. Sie ist eine Antwort, und zwar eine ziemlich unfreundliche.
Sie sagt: Deine Anfrage war mir nicht mal zwei Minuten wert.
Und dabei war das gar nicht gemeint. Gemeint war das Gegenteil — ich wollte so gut antworten, dass ich gar nicht dazu kam.
Genau das ist die Falle. Der Wunsch nach der perfekten Antwort hat die einfache Antwort verhindert.
Ein Brief, den man liegen lässt, wird nicht besser. Er wird nur schwerer, bis man ihn nicht mehr hochbekommt.
Dass das ein grundsätzliches Problem ist und nicht meine persönliche Schwäche, habe ich erst viel später kapiert — durch ein Buch aus einem ganz anderen Metier.
Drei Zeilen sind eine vollwertige Antwort. Null Zeilen sind eine Absage mit Beleidigung obendrauf. Wie so eine Mail aussieht, steht im Beitrag über Veranstalter anschreiben.

Noch in der Halle
Und einer, an dem ich immer noch arbeite
Es wäre unehrlich, hier fünf abgeschlossene Reparaturen aufzulisten und so zu tun, als sei die Halle jetzt leer.
Ein Waggon steht noch drin. Er steht sogar ziemlich weit vorne.
Ich kann nicht Nein sagen.
Wenn mich jemand anfragt, sage ich zu. Fast immer, fast sofort, und oft, bevor ich in den Kalender geschaut habe.
Das fühlt sich im ersten Moment großzügig an. Man freut sich, jemand hat an einen gedacht, und ein Ja kostet ja scheinbar nichts.
Der Preis kommt später, und er kommt zuverlässig.
Drei Wochen vor dem Termin merke ich, dass an dem Wochenende noch zwei andere Dinge stehen. Die Anfahrt dauert vier Stunden, der Text für den Abend ist nicht geschrieben, und ich habe meiner Familie etwas versprochen.
Dann sitze ich da mit einem Kalender, der aussieht wie ein Stellwerk in der Hauptverkehrszeit. Überall Fahrten, nirgends Puffer.
Und dann bin ich exakt wieder an dem Punkt, an dem Schaden 1 entstanden ist: halb sechs, Küche, Handy in der Hand.
Das ist das Unangenehme an Fehlern. Sie hängen zusammen, und der eine baut sein Fundament aus dem anderen.
Mein Ja aus Freundlichkeit erzeugt drei Monate später die Versuchung zur Lüge. Beides ist derselbe Reflex: Ich will in dem Moment, in dem ich gefragt werde, keine unangenehme Sekunde erleben.
Ich arbeite daran mit einer sehr simplen Maßnahme, und ich schreibe sie hier auf, weil sie halbwegs funktioniert.
Ich antworte auf Anfragen nicht mehr sofort mit Ja, sondern mit einem Zwischenschritt: „Klingt gut, ich schaue heute Abend in den Kalender und melde mich morgen.“
Das sind zwölf Stunden, in denen die Freude abkühlt und der Verstand einsteigt. Erstaunlich oft sage ich danach freundlich ab — und zwar rechtzeitig, was der ganze Unterschied ist.
Ob dieser Waggon irgendwann fertig repariert ist, weiß ich nicht. Vermutlich nicht.
Aber er steht jetzt wenigstens auf einem Gleis, auf dem regelmäßig jemand hinschaut.
Was auffällt, wenn man alle fünf nebeneinanderlegt
Als ich diese fünf Geschichten das erste Mal untereinander geschrieben habe, ist mir etwas aufgefallen.
Genau ein einziger Fehler passierte auf der Bühne. Die anderen vier passierten in einer Küche, an einer Bar, in einem Postfach und in zwei Jahren Bequemlichkeit.
Das ist kein Zufall, und es passt zu allem, was ich seitdem bei anderen beobachte.
Wir bereiten uns alle auf die Bühne vor. Wir üben den Text, wir denken über Betonung nach, wir feilen an der letzten Zeile.
Auf die zehn Minuten danach bereitet sich niemand vor.
Dabei entscheidet sich dort ein großer Teil einer Slam-Laufbahn. Ob du wieder eingeladen wirst, ob dich jemand weiterempfiehlt, ob du in fünf Jahren noch Leute kennst.
Ein Zug wird ja auch nicht auf der Strecke kaputt. Er wird in der Halle kaputt, wenn niemand hinschaut.
Die zweite Sache, die mir auffiel, ist unangenehmer.
Vier der fünf Fehler waren Vermeidungen. Ich habe abgesagt, statt hinzufahren, gelästert, statt zu gratulieren, den sicheren Text genommen, statt zu riskieren, und nicht geantwortet, statt zu antworten.
In jedem einzelnen Fall war der unangenehme Weg der kurze und der bequeme Weg der teure.
Das ist so ziemlich die einzige Lebensweisheit, die ich aus zwanzig Jahren Bühne wirklich mitgenommen habe.
Absagen statt hinfahren. Lästern statt ansprechen.
Und Schweigen statt antworten.
Jedes Mal war da ein Gespräch, vor dem ich mich gedrückt habe. Und jedes Mal habe ich dafür später deutlich mehr bezahlt als die fünf unangenehmen Minuten, die es gekostet hätte.
Wenn du dir aus diesem ganzen Beitrag nur einen Satz merkst, dann bitte diesen.
Wie man einen Schaden tatsächlich wieder hinbekommt
Ich habe alle fünf Schäden irgendwann versucht zu reparieren. Zwei davon sind gut gelaufen, zwei mittel, einer gar nicht.
Aus dem Vergleich habe ich vier Schritte mitgenommen, und sie funktionieren erstaunlich zuverlässig.
Erstens: schnell sein. Eine Entschuldigung am nächsten Tag ist etwas anderes als eine nach drei Monaten.
Der Grund ist unromantisch: Je länger du wartest, desto mehr Geschichte baut die andere Person um den Vorfall herum. Nach einer Woche entschuldigst du dich nicht mehr für einen Satz, sondern gegen eine ganze Erzählung.
Zweitens: benennen, was war. Nicht „falls ich dich verletzt habe“, sondern „ich habe an der Bar gesagt, dein Text sei ein Trick“.
Das „falls“ ist die kleine Hintertür, die jede Entschuldigung wertlos macht. Es schiebt die Beweislast zurück zu der Person, der du gerade wehgetan hast.
Drittens: kein „aber“. Kein „aber ich war müde“, kein „aber du hast auch mal“, kein „aber so war das nicht gemeint“.
Alles, was nach einem „aber“ kommt, löscht alles, was davor kam. Das ist fast schon ein Naturgesetz.
Wenn dir eine Erklärung wirklich wichtig ist, hebe sie für ein späteres Gespräch auf. In der Entschuldigung selbst hat sie nichts verloren.
Viertens: nichts verlangen. Eine Entschuldigung ist kein Tauschgeschäft, und sie ist auch kein Antrag auf Vergebung.
Du sagst, was war, und dann hörst du auf zu reden. Was die andere Person daraus macht, gehört ihr, nicht dir.
Der Kollege von der Bar hat meine Entschuldigung angenommen und trotzdem den Kontakt reduziert. Das war sein gutes Recht, und ich habe eine Weile gebraucht, um das nicht als zweite Kränkung zu lesen.
Bei der Veranstalterin mit der Absage lief es anders. Ich habe zwei Jahre später angerufen und ihr die Wahrheit erzählt — dass ich damals nicht krank war, sondern Angst hatte.
Sie hat gelacht und gesagt, das habe sie sich fast gedacht. Ein halbes Jahr später stand ich wieder auf ihrer Bühne.
Und die Festival-Mail habe ich bis heute nicht beantwortet, weil ich nicht weiß, wie man auf eine elf Monate alte Nachricht antwortet, ohne noch peinlicher zu wirken.
Das ist übrigens genau der Denkfehler, der die Sache damals verursacht hat. Man sieht: Manche Schäden bleiben in der Halle, weil man den Kran nicht bestellt.
Falls du gerade an so eine Mail denkst: Der letzte FAQ-Punkt weiter unten enthält genau die drei Sätze, mit denen ich es hätte machen sollen.
Alle fünf Schäden, alle fünf Regeln
Wenn du dir eine Sache aus diesem Beitrag ausdruckst, dann diese Tabelle.
| Der Schaden | Die Regel danach |
|---|---|
| Kurzfristig abgesagt und Krankheit vorgetäuscht | Zugesagt ist zugesagt. Angst ist kein Absagegrund. |
| An der Bar über einen Kollegen gelästert | Nur sagen, was ich auch ins Gesicht sagen würde. |
| Zwei Jahre denselben sicheren Text gespielt | Jeder Auftritt bekommt einen Text, der noch wackelt. |
| Eine Wertung mit dem Gesicht kommentiert | Bei jeder Zahl freundlich nicken. Bei jeder. |
| Eine Festival-Anfrage nie beantwortet | Antwort in achtundvierzig Stunden, notfalls dreizeilig. |
Keine dieser Regeln ist klug. Sie sind alle ziemlich banal.
Aber banale Regeln haben den Vorteil, dass man sie um halb sechs in einer Küche mit dem Handy in der Hand noch abrufen kann.
Was Leute mich dazu fragen
Der Unterschied liegt in der Ehrlichkeit und im Zeitpunkt. Eine ehrliche Absage vier Wochen vorher ist eine Information. Eine erfundene zwei Stunden vorher ist ein Vertrauensbruch.
Und wenn du wirklich merkst, dass du zu viel angenommen hast, sag das genau so. Veranstalter sind Menschen und können mit Wahrheit besser umgehen, als du glaubst.
Wenn sie es nicht mitbekommen hat: nicht beichten, um dein Gewissen zu erleichtern. Das wäre nur eine zweite Zumutung.
Stattdessen ab jetzt anders reden. Reue, die man nicht sieht, aber hört, ist die glaubwürdigste Sorte.
Der zweite Test ist noch einfacher: Zähl deine neuen Texte der letzten sechs Monate. Wenn es weniger als drei sind, spielst du zu viel Bestand.
Schreib genau das, was passiert ist: „Ich habe Ihre Mail viel zu lange liegen lassen, das tut mir leid. Falls das Angebot noch steht, würde ich sehr gerne.“
Ich habe das selbst dreimal gemacht, und zweimal kam eine freundliche Antwort. Der schlimmste Ausgang ist Schweigen — und Schweigen hattest du vorher auch schon.
Die drei Sätze, die ich in Workshops am häufigsten sage
Wenn ich mit Leuten arbeite, die ihre ersten Auftritte hinter sich haben, kommen wir fast immer an denselben drei Punkten vorbei.
Sie haben alle mit diesen Schäden zu tun, nur eben vorher — bevor der Schaden überhaupt entsteht.
Erstens: Deine Laufbahn entsteht in den Pausen, nicht auf der Bühne.
Die zehn Minuten vor der Show und die dreißig danach sind der Teil, den fast alle unterschätzen. Dort wirst du gebucht, dort entstehen Freundschaften, dort erfährst du von Bühnen, die nirgends ausgeschrieben sind.
Wer nach seinem Auftritt sofort verschwindet, verpasst den halben Abend. Ich habe das jahrelang gemacht und es für Bescheidenheit gehalten.
In Wahrheit war es Bequemlichkeit mit gutem Ruf. Der Beitrag über Gespräche nach dem Auftritt nimmt sich genau diese halbe Stunde vor.
Zweitens: Sei der Mensch, den man gerne anruft.
Es gibt in jeder Stadt zwei, drei Leute, die immer wieder gebucht werden, obwohl es objektiv bessere Texter gibt.
Der Grund ist nie das Talent. Der Grund ist, dass sie antworten, pünktlich sind und niemandem Arbeit machen.
Das klingt langweilig, ist aber der größte Vorteil, den man sich in dieser Szene verschaffen kann. Verlässlichkeit ist ungefähr so selten wie ein leerer Regionalexpress am Freitagnachmittag.
Und sie kostet dich kein Talent, sondern nur Aufmerksamkeit.
Drittens: Miss dich an deinem letzten Jahr, nicht an den anderen.
Fast jeder Fehler in diesem Beitrag hat mit Vergleich zu tun. Der Neid an der Bar, das Gesicht bei der Wertung, sogar der sichere Text.
Vergleich ist ein Nebel, in dem man die eigene Strecke nicht mehr sieht. Man fährt dann nur noch dem Zug hinterher, den man gerade vorne vermutet.
Nimm dir stattdessen einen eigenen Text aus dem letzten Jahr und lies ihn laut. Da siehst du deine Entwicklung deutlicher als in jeder Wertungstabelle.
Der Beitrag über den Vergleich mit anderen geht dem ausführlich nach.
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Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
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Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
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Ersatzverkehr für den Ernst: Meldungen, die fast wahr sind.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Das eine unangenehme Gespräch
Du hast gerade beim Lesen an etwas gedacht.
Vielleicht an eine Mail, die seit Wochen liegt. Vielleicht an jemanden, mit dem du eigentlich reden müsstest.
Vielleicht auch an eine Zusage, aus der du dich gerade langsam herauswindest.
Mach das diese Woche. Nur das eine.
Es dauert fast immer weniger lang, als du befürchtest. Meine Erfahrung: durchschnittlich vier Minuten für etwas, das ich vorher wochenlang mit mir herumgeschleppt habe.
Und danach ist der Waggon wieder auf der Strecke statt in der Halle.

Ich habe lange gebraucht, um diese fünf Geschichten aufschreiben zu können, ohne sie zu beschönigen.
Der Grund dafür ist banal: Man erzählt eigene Fehler ungern in einer Szene, in der man weiterarbeitet.
Aber ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass genau das fehlt. Alle reden über die guten Abende, und die schlechten verschwinden im Nebel.
Dabei lernt man von einem gelungenen Auftritt fast nichts. Man lernt von den Schäden.
Und ein Ausbesserungswerk ist kein trauriger Ort. Es ist der Ort, an dem entschieden wird, ob etwas weiterfährt.
Wenn du also gerade einen dieser Schäden produzierst, ist das keine Katastrophe.
Es ist nur wichtig, dass du hinschaust, solange die Sache noch klein ist. Ein Riss, den man früh sieht, ist eine halbe Stunde Arbeit.
Derselbe Riss zwei Jahre später ist ein Waggon weniger im Bestand.
Ich wünsche dir eine Halle, in der wenig steht. Und den Mut, das eine Gespräch zu führen, das die Hälfte davon auflösen würde.
Bleibt der Schaden, der bis heute in der Halle steht.
Es ist Nummer 5, die Festival-Mail.
Ich habe dreimal angesetzt, eine Antwort zu schreiben. Beim ersten Mal waren elf Monate vergangen, beim zweiten drei Jahre, beim dritten hatte ich die Adresse nicht mehr.
Jedes Mal ist mir dieselbe Frage im Weg gestanden: Wie antwortet man auf eine Nachricht, die so alt ist, ohne noch peinlicher zu wirken?
Genau dieser Gedanke hat die Sache damals verursacht. Ich habe also dreimal denselben Fehler noch einmal gemacht, um den ersten nicht zugeben zu müssen.
Wenn du gerade an so eine Mail denkst: Die drei Sätze stehen im letzten FAQ-Punkt weiter oben. Ich habe sie aufgeschrieben, weil ich sie selbst nicht benutzt habe.
12 Sätze, die du nie sagen solltest — die Bremsgriffe am Mikrofon.
Neid in der Szene — woher er kommt und was er anrichtet.
Das Tief nach dem Auftritt — warum es dir hinterher oft schlechter geht als vorher.
30 Anfängerfehler beim Poetry Slam — die große Sammlung für den Anfang.
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