200 Notizen im Telefon [und die 3 Wege, die es für sie gibt]

Ein Eisenbahnwagen wird nicht einfach kaputt.
Er wird zuerst abgestellt. Dann steht er auf einem Nebengleis, manchmal jahrelang, und niemand entscheidet etwas.
Und irgendwann kommt jemand mit einem Klemmbrett und geht die Reihe ab.
Danach gibt es für jeden Wagen genau drei Möglichkeiten.
Genau so sieht es in deinem Telefon aus. Nur dass niemand mit dem Klemmbrett kommt.
Worum es in diesem Beitrag geht
Nicht darum, wie man Notizen macht. Das steht auf dieser Seite an anderer Stelle und steht dort gut.
Es geht darum, was man mit denen macht, die man schon hat.
Denn irgendwann hat jeder dasselbe Problem. Die Notizen-App hat zweihundert Einträge. Sie reichen drei Jahre zurück. Man scrollt einmal durch, findet nichts, und macht sie wieder zu.
Das ist keine Faulheit. Das ist ein Sortierproblem, und es lässt sich lösen.
Weiter unten stehen die drei Wege, die es für eine Notiz gibt, und ein Verfahren, mit dem man zweihundert Einträge in neunzig Minuten durchbekommt.
Dazu sieben echte Notizen aus meinem Telefon, jede mit dem Urteil, das sie bekommen hat. Auch die, bei denen ich falsch lag.
Die beste Notiz meines Telefons steht weiter unten unter Nummer sieben. Sie stammt von einem Schaffner, und ich weiß bis heute nicht, was er gemeint hat.
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Jetzt Kanal folgenErstes Gleis: Was Ausmusterung heißt
Kurz zur Sache.
Ein Schienenfahrzeug hat kein festes Ablaufdatum. Es wird ausgemustert, wenn sich der Weiterbetrieb nicht mehr lohnt — weil die nächste große Untersuchung zu teuer wäre, weil Ersatzteile fehlen, weil die Technik nicht mehr zugelassen ist.
Die Entscheidung wird gefällt, nicht abgewartet.
Und danach gibt es drei Möglichkeiten, wobei nur eine davon Weiterleben heißt.
Aufarbeitung: Das Fahrzeug wird instand gesetzt und fährt wieder, oft in anderer Rolle.
Ersatzteilspender: Es wird nicht mehr fahren, aber es gibt seine brauchbaren Teile an andere Fahrzeuge ab.
Verschrottung: Es wird zerlegt und das Material geht in den Kreislauf.
Das klingt hart und ist es. Es ist auch das Einzige, was funktioniert, wenn Platz und Geld begrenzt sind.

Zweites Gleis: Die z-Stellung, der Zustand dazwischen
Jetzt der Teil, der aus dem Bild ein Werkzeug macht.
Zwischen „fährt“ und „ausgemustert“ gibt es einen dritten Zustand. Im Betrieb heißt er z-Stellung: Das Fahrzeug ist zeitweilig stillgelegt. Es fährt nicht, aber es ist auch nicht abgeschrieben.
Das ist ein sinnvoller Zustand, solange er befristet ist.
Man gewinnt Zeit für eine Entscheidung, ohne sie zu treffen.
Und genau deshalb ist er gefährlich. Denn ein Fahrzeug in z-Stellung kostet weiter Platz, wird weiter älter, und die Teile darin werden weiter unbrauchbar.
Aus einer befristeten Zwischenlösung wird ein Dauerzustand, wenn niemand die Frist setzt.
Zweihundert Notizen im Telefon sind zweihundert Einträge in z-Stellung. Keiner ist verworfen, keiner ist benutzt, alle stehen herum.
Und mit jedem Monat wird der Haufen weniger brauchbar, nicht mehr.
Die Übertragung
Es gibt eine Vorstellung, die viel Schaden anrichtet: dass gesammelte Notizen ein Guthaben sind.
Man stellt sich das vor wie ein Sparbuch. Je mehr drin ist, desto besser steht man da.
Notizen verhalten sich aber nicht wie Geld. Sie verhalten sich wie Fahrzeuge.
Sie altern. Sie verlieren den Zusammenhang, in dem sie entstanden sind. Und ab einer bestimmten Menge kostet die Verwaltung mehr, als der Bestand wert ist.
Das merkt man an einem sehr konkreten Punkt: wenn du beim Suchen nach einer bestimmten Notiz aufgibst, weil Scrollen zu lange dauert.
Ab da arbeitet die Sammlung gegen dich.
Warum 200 Notizen kein Schatz sind
Ein Absatz zur Größenordnung, weil sie den ganzen Beitrag begründet.
Ich habe meine eigene Sammlung einmal ausgezählt. Über drei Jahre und zwei Monate: 214 Einträge.
Daraus sind in derselben Zeit elf Texte entstanden.
Elf von 214. Das sind gut fünf Prozent.
Diese Zahl hat mich zuerst erschreckt und ist dann das Nützlichste geworden, was ich über meine eigene Arbeit weiß.
Denn sie sagt: Der Rest ist nicht Vorrat. Der Rest ist der Preis dafür, dass man überhaupt notiert.
Wer damit rechnet, dass fünf Prozent tragen, hört auf, sich für die anderen fünfundneunzig zu schämen.
Und er fängt an, sie wegzuwerfen, statt sie zu hüten.
Was eine Notiz überhaupt ist
Ein kurzer Zwischenschritt, weil in den zweihundert Einträgen mindestens vier verschiedene Sachen stecken.
Erstens: Beobachtungen. Etwas, das du gesehen oder gehört hast. Ein Satz, eine Person, ein Vorgang.
Zweitens: Formulierungen. Eine Zeile, die dir eingefallen ist. Kein Stoff, sondern Sprache.
Drittens: Vorhaben. „Mal einen Text über X machen.“ Das ist keine Notiz, das ist eine To-do-Liste in Verkleidung.
Viertens: Aufgeschnapptes. Zitate, Halbsätze aus Podcasts, Sachen, die andere gesagt haben.
Diese vier Sorten haben völlig verschiedene Trefferquoten, und das ist die wichtigste Sortierung überhaupt.
Bei mir tragen Beobachtungen am häufigsten. Formulierungen tragen selten, weil eine schöne Zeile ohne Stoff meistens schön bleibt und sonst nichts macht.
Vorhaben tragen fast nie. In drei Jahren ist aus keinem einzigen „Mal was über X machen“ ein Text geworden.
Weg eins: Aufarbeitung
Der seltenste Weg und der, für den das Ganze gemacht wird.
Eine Notiz kommt in die Aufarbeitung, wenn sie einen Kern hat, den du nicht erfunden hast, und wenn du beim Lesen sofort weißt, was daran interessant ist.
Das ist der ganze Test. Er dauert vier Sekunden.
Wenn du eine Notiz liest und erst nachdenken musst, warum du sie aufgeschrieben hast, ist sie keine Kandidatin. Das klingt streng und stimmt trotzdem.
Woran ich es zusätzlich erkenne:
Ich kann die Sache jemandem in zwei Sätzen erzählen, und die Person fragt nach.
Das ist die einzige Prüfung, der ich wirklich vertraue. Sie funktioniert am Küchentisch, sie kostet nichts, und sie ist gnadenlos.
Was danach passiert: Die Notiz kommt aus der Sammlung raus und bekommt einen eigenen Ordner. Ab da ist sie kein Eintrag mehr, sondern ein Vorhaben mit Datum.
Von 214 Einträgen sind bei mir 11 diesen Weg gegangen.
Weg zwei: Ersatzteilspender
Der Weg, den fast niemand kennt, und der mehr bringt als die Aufarbeitung.
Eine Notiz wird Ersatzteilspender, wenn sie als Ganzes nicht trägt, aber ein Bauteil enthält, das anderswo passt.
Ein einzelner Satz. Ein Detail. Ein Wort, das genau richtig ist.
Der Rest der Notiz ist wertlos, und dieses eine Stück ist wertvoll.
Beispiel aus meiner Sammlung:
Eine dreizeilige Notiz über einen Automaten, der eine Fahrkarte nicht ausgab. Als Stoff völlig uninteressant, weil jeder das kennt und niemand mehr etwas dazu hören will.
Darin stand aber die Wendung „der Automat hat gedacht“. Nicht überlegt, nicht geprüft — gedacht, mit dieser leichten Unterstellung.
Diese zwei Wörter stehen heute in einem völlig anderen Text und tragen dort eine Stelle.
Deshalb ist die Verschrottung nie der erste Griff. Man geht die Notiz einmal auf Bauteile durch, bevor man sie wegwirft.
Der Ersatzteilspender in der Praxis
Weil der Weg nur funktioniert, wenn man die Teile auch wiederfindet.
Ich habe genau eine Datei dafür. Sie heißt „Teile“ und sie ist eine einzige lange Liste.
Keine Ordnung, keine Kategorien, keine Schlagworte. Eine Zeile pro Teil.
Das klingt nach Chaos und funktioniert aus einem einzigen Grund: Die Datei ist kurz genug, um sie in vier Minuten ganz zu lesen.
Bei mir stehen ungefähr sechzig Zeilen darin, angesammelt über drei Jahre.
Was hineinkommt:
Formulierungen, die einen Ton haben. Konkrete Details mit Zahl. Wörtliche Rede von echten Menschen. Fachbegriffe, die von selbst wie eine Metapher klingen.
Was nicht hineinkommt:
Ganze Gedanken. Sobald ein Eintrag zwei Zeilen braucht, gehört er nicht in diese Datei, sondern in die Aufarbeitung oder in den Schrott.
Und der entscheidende Punkt: Ich lese diese Datei einmal, bevor ich einen neuen Text anfange. Nicht mittendrin, nicht auf der Suche nach etwas Bestimmtem. Einmal vorher, ganz durch.
Ungefähr jedes vierte Mal springt etwas an.
Weg drei: Verschrottung
Der häufigste Weg und der, der am meisten Widerstand auslöst.
Eine Notiz wird verschrottet, wenn sie keinen Kern hat und kein brauchbares Teil enthält.
Bei mir sind das ungefähr zwei Drittel der Sammlung.
Und jetzt der Teil, der wehtut: Verschrottung heißt löschen. Nicht in einen Archivordner schieben. Nicht „Alt“ davorschreiben. Löschen.
Der Grund ist derselbe wie im Betrieb. Ein Fahrzeug, das nur abgestellt wird, belegt weiter ein Gleis.
Was dagegen spricht, und ich nehme es ernst:
Man könnte etwas wegwerfen, das in zwei Jahren wichtig wird.
Kann passieren. Ist mir passiert, und der Fall steht weiter unten in einem eigenen Abschnitt.
Was trotzdem dafür spricht:
Eine Sammlung, die man nicht mehr überblickt, ist keine Sammlung. Sie ist ein schlechtes Gewissen mit Suchfunktion.
Und die zwei oder drei Notizen, die man zu Unrecht löscht, kosten weniger als die zweihundert, die einen davon abhalten, überhaupt hineinzuschauen.
Die vierte Möglichkeit, die keine ist
Ein kurzer Abschnitt gegen den Ausweg, den alle nehmen.
Die vierte Möglichkeit heißt: liegen lassen und später entscheiden.
Das ist die z-Stellung, und sie ist genau dann in Ordnung, wenn eine Frist dransteht.
Bei mir sind das drei Monate. Eine Notiz, bei der ich unsicher bin, bekommt ein Datum, und beim nächsten Durchgang gilt sie als entschieden — was dann noch unklar ist, wird verschrottet.
Ohne Frist ist die vierte Möglichkeit keine Entscheidung, sondern ihr Gegenteil.
Und man erkennt sie an einem sehr verlässlichen Zeichen: Wenn du beim Durchgehen bei mehr als einem Drittel der Einträge „vielleicht“ denkst, entscheidest du gerade gar nichts.
Dann ist der Durchgang gescheitert, und du machst ihn besser ein anderes Mal, wenn du strenger sein kannst.
Sieben Notizen aus meinem Telefon, mit Urteil
Damit der Rest überprüfbar ist. Alle sieben stehen hier unverändert, mit Tippfehlern.
Urteil: Ersatzteilspender. Der Stoff ist verbraucht, die zwei Wörter sind gut. Steht heute in der Teile-Datei und ist von dort in einen anderen Text gewandert.
Urteil: Aufarbeitung. Wörtliche Rede, echtes Kind, und eine Definition, die falsch und trotzdem wahr ist. Daraus ist ein Text geworden.
Urteil: Verschrottung. Ein Vorhaben, kein Stoff. In drei Jahren ist aus keinem einzigen Eintrag dieser Sorte etwas geworden.
Urteil: Ersatzteilspender. Als Beobachtung richtig, als Text zu dünn. Aber „ist eine andere Stille“ ist eine Bauform, die ich seitdem dreimal benutzt habe.
Urteil: Aufarbeitung, gescheitert. Ich habe zweimal einen Text daraus versucht. Beide Male ist nichts entstanden, weil ich nicht sagen konnte, was daran wichtig ist. Steht heute wieder in der Sammlung, mit Frist.
Urteil: Verschrottung. Das Wort „interessant“ in einer eigenen Notiz ist bei mir ein sehr zuverlässiges Warnzeichen. Wer eine Idee als interessant bezeichnen muss, hat gemerkt, dass sie es nicht ist.
Urteil: Aufarbeitung. Wörtliche Rede, ein Rätsel, und der zweite Satz macht aus einer Beobachtung eine Haltung. Das ist die beste Notiz auf dieser Liste.
Bilanz dieser sieben: drei Aufarbeitung, zwei Ersatzteile, zwei Schrott. Das ist eine bessere Quote als der Durchschnitt, weil ich sieben ausgesucht habe, an denen sich etwas zeigen lässt.
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Woran ich eine tragfähige Notiz erkenne
Vier Merkmale, und drei davon sieht man sofort.
Sie enthält etwas, das du nicht erfunden hast.
Eine Zahl, einen Ort, eine Uhrzeit, einen Wortlaut. Etwas, das sich prüfen ließe.
Sie enthält wörtliche Rede.
Von den elf Texten, die aus meiner Sammlung entstanden sind, gehen neun auf eine Notiz mit einem echten Satz zurück. Das ist keine Regel, aber es ist ein sehr deutlicher Hinweis.
Sie hat einen Widerspruch.
Etwas passt nicht zusammen. Ein Mann mit zugeknöpftem Mantel in einem geheizten Raum. Eine Frau, die siebenmal danke sagt. Ein Schaffner, der einen Satz sagt, der nicht zu Ende gedacht ist.
Widerspruch ist der zuverlässigste Anzeiger, den ich kenne. Wo etwas nicht zusammenpasst, steckt Stoff.
Und viertens, unsichtbar: Sie wird nicht langweilig.
Das merkt man erst beim zweiten Durchgang. Eine gute Notiz ist beim dritten Lesen noch interessant. Eine schlechte hat sich beim zweiten erledigt.
Woran ich eine tote erkenne
Vier Zeichen, alle unangenehm eindeutig.
Sie beginnt mit „interessant“ oder „Idee für“.
Siehe Notiz 6 oben. Wer eine Idee bewerten muss, hat sie schon verloren.
Sie ist eine Verallgemeinerung.
„Menschen im Zug sind einsamer als anderswo.“ Das ist keine Beobachtung, das ist eine These. Thesen tragen keinen Slam-Text, weil sie nichts zeigen.
Sie erklärt sich selbst.
Wenn in der Notiz schon steht, warum die Sache bedeutsam ist, hast du die Deutung mitnotiert und die Beobachtung verloren.
Und das häufigste Zeichen: Du weißt beim Lesen nicht mehr, was gemeint war.
Das passiert bei ungefähr jeder vierten Notiz, die älter ist als ein Jahr. Es ist kein Gedächtnisproblem. Es heißt, dass die Notiz zu wenig festgehalten hat.
Bei solchen Einträgen gibt es keine Rettung. Der Zusammenhang ist weg und lässt sich nicht rekonstruieren.
Zwei Fehler
Fehler eins: Sortieren statt entscheiden
Der Fehler, der einen ganzen Abend frisst und nichts bringt.
Man legt Ordner an. Man vergibt Schlagworte. Man verschiebt Einträge in Kategorien.
Am Ende hat man dieselben zweihundert Notizen, nur ordentlicher.
Und weil es sich nach Arbeit angefühlt hat, macht man weiter so und kommt nie zur Entscheidung.
Woran du es erkennst: Du hast mehr Zeit mit der Struktur verbracht als mit dem Inhalt.
Reparatur: Der Durchgang kennt nur drei Ausgänge. Aufarbeitung, Teile, Schrott. Keine Kategorien, keine Schlagworte, keine Unterordner. Wer eine vierte Ablage anlegt, hat verloren.
Fehler zwei: Den Durchgang machen, wenn man schreiben will
Der Fehler, der gute Notizen kostet.
Man sitzt an einem Text und kommt nicht weiter. Also geht man in die Sammlung und sucht.
In diesem Zustand ist man nicht Prüfer, sondern Bittsteller.
Jede Notiz sieht plötzlich brauchbar aus, weil man etwas braucht. Man findet nichts, was passt, und wirft frustriert das Falsche weg.
Woran du es erkennst: Du gehst in die Sammlung mit einer Frage statt mit einem Klemmbrett.
Reparatur: Der Durchgang ist ein eigener Termin. Man macht ihn, wenn man gerade an nichts arbeitet. Am besten direkt nachdem ein Text fertig geworden ist.
Im Saal: Was von der Notiz übrig bleibt
Eine Beobachtung, die den ganzen Aufwand rechtfertigt.
Bei allen elf Texten, die aus meiner Sammlung entstanden sind, ist die stärkste Stelle im fertigen Text dieselbe, die schon in der Notiz stand.
Nicht ähnlich. Dieselbe.
Der Satz des Schaffners. Die Definition des Vaters. Die zwei Wörter über den Automaten.
Alles andere im Text ist gebaut worden. Diese eine Stelle war von Anfang an da und hat sich nicht verändert.
Das heißt zweierlei.
Erstens: Die Notiz entscheidet mehr über den Text, als das Schreiben es tut. Wer schlechtes Material aufarbeitet, kriegt einen sauberen Text ohne Kern.
Zweitens, und das ist die praktische Folge: Wenn du beim Durchgang unsicher bist, frag dich, ob in der Notiz eine Stelle steht, die im fertigen Text unverändert stehen bleiben könnte.
Wenn ja, ist es eine Kandidatin. Wenn nein, ist es höchstens ein Ersatzteil.
Werkstatt: Der Durchgang in neunzig Minuten
Einmal im Quartal. Wirklich nur neunzig Minuten, mit Wecker.
Schritt eins: Leg drei leere Dateien an.
„Aufarbeitung“, „Teile“, und eine dritte, die du am Ende löschst. Mehr Struktur gibt es nicht.
Schritt zwei: Geh von hinten nach vorn.
Die ältesten Notizen zuerst. Sie sind am kältesten, und bei ihnen fällt das Urteil leichter.
Wer vorn anfängt, bleibt bei den neuen hängen, weil die noch warm sind.
Schritt drei: Pro Notiz maximal zwanzig Sekunden.
Das ist die wichtigste Regel des ganzen Verfahrens.
Bei zweihundert Einträgen und zwanzig Sekunden bist du nach siebzig Minuten durch. Wer länger überlegt, überlegt nicht — er verhandelt mit sich selbst.
Schritt vier: Drei Tasten.
Kommt in die Aufarbeitung, kommt in die Teile, wird gelöscht. Bei Unsicherheit: gelöscht, außer die Notiz enthält wörtliche Rede. Die kriegt eine Frist.
Schritt fünf: Am Ende die Aufarbeitungsliste durchzählen.
Wenn mehr als zehn Einträge darin stehen, warst du zu weich. Geh sie noch einmal durch und streich auf fünf.
Fünf Vorhaben sind ein Quartal Arbeit. Zwanzig sind eine Liste, die dich beschämt.
Schritt sechs: Die Sammlung ist danach leer.
Nicht archiviert. Leer. Sie füllt sich in den nächsten drei Monaten von selbst wieder.
Was du dabei nicht tun sollst
Keine Sicherheitskopie der gelöschten Notizen. Das ist die z-Stellung mit anderem Namen, und sie hebelt das ganze Verfahren aus.
Wenn du eine Kopie brauchst, um löschen zu können, hast du noch nicht entschieden.

Der Unterschied zum Textarchiv
Ein eigener Abschnitt, weil es hier zwei Nachbarn gibt.
Auf dieser Seite steht ein Beitrag über das Textarchiv — über die Frage, wie man fertige und halbfertige Texte so ablegt, dass man sie wiederfindet.
Das ist die Frage nach der Ordnung. Wie bewahre ich auf.
Und es gibt Der Wartesaal-Text, wo es darum geht, wie man am Bahnhof überhaupt zu Notizen kommt.
Das ist die Frage nach dem Sammeln.
Dieser Beitrag steht zwischen beiden und stellt die Frage, die keiner von beiden stellt.
Er fragt nach dem Wegwerfen.
Ein Archiv setzt voraus, dass etwas aufbewahrenswert ist. Diese Entscheidung wird dort nicht getroffen, sondern vorausgesetzt.
Und beim Sammeln entscheidet man ohnehin nichts — man notiert alles, und das ist auch richtig so, weil man im Moment der Beobachtung gar nicht wissen kann, was trägt.
Die Entscheidung fällt in der Mitte, und dafür gibt es kein Verfahren, außer man baut sich eins.
Praktisch: Erst sammeln, dann in diesem Beitrag aussortieren, und was übrig bleibt, kommt ins Archiv. In dieser Reihenfolge.
Wie oft man das macht
Kurz, weil die Antwort unerwartet ist.
Vier Durchgänge im Jahr sind zu viel. Einer ist zu wenig.
Bei vier Durchgängen sind die Notizen zwischen zwei Terminen noch zu warm. Man erinnert sich an die Situation, und dann bewertet man die Erinnerung statt die Notiz.
Bei einem Durchgang im Jahr sind es dreihundert Einträge, und das schafft niemand an einem Abend.
Zwei bis drei pro Jahr sind richtig. Bei mir sind es zwei, immer nach einer Phase, in der ich viel geschrieben habe.
Und ein Punkt, der wichtiger ist als die Frequenz: Der Durchgang gehört an das Ende eines Projekts, nicht an den Anfang.
Nach einem fertigen Text ist man streng, weil man gerade weiß, was ein Text braucht. Vor einem neuen Text ist man hoffnungsvoll, und Hoffnung ist beim Aussortieren die falsche Haltung.
Was passiert, wenn du nie ausmusterst
Weil dieser Beitrag sonst wie eine Ordnungsempfehlung klingt, und es ist keine.
Erstens: Du schaust irgendwann nicht mehr hinein.
Das ist der eigentliche Verlust. Eine Sammlung, die man nicht mehr öffnet, ist wertlos, egal wie gut das Material darin ist.
Zweitens: Du schreibst über das, was oben liegt.
Ohne Durchgang benutzt man die letzten zehn Notizen, weil man sie noch sieht. Die guten aus dem Vorjahr sind unerreichbar.
Drittens: Du fängst an, doppelt zu notieren.
Weil du nicht mehr weißt, was schon drin ist. In meiner Sammlung standen dieselbe Beobachtung dreimal, aus drei Jahren, jedes Mal schlechter formuliert als beim ersten Mal.
Und viertens, das Schlimmste: Die Sammlung wird ein Vorwurf.
Zweihundert Einträge, aus denen nichts geworden ist, fühlen sich nach zweihundert versäumten Texten an.
Das ist falsch — es waren nie zweihundert mögliche Texte, es waren immer nur elf. Aber solange der Haufen ungeprüft daliegt, kann man das nicht wissen.
Wo ich eine gute Notiz weggeworfen habe
Der Fall, der gegen dieses ganze Verfahren spricht, und er gehört hierher.
Beim zweiten Durchgang habe ich eine Notiz gelöscht, die ungefähr so lautete: irgendetwas mit einer Frau, die im Zug Zahlen auf ein Papier schrieb und dabei die Lippen bewegte.
Ich weiß es nicht mehr genau, und das ist der Punkt.
Ich habe sie gelöscht, weil ich beim Lesen nicht mehr wusste, worum es ging. Nach meiner eigenen Regel aus Abschnitt vierzehn war das richtig.
Vier Monate später habe ich in einem Gespräch von dieser Frau erzählt und dabei gemerkt, dass ich mich sehr gut an sie erinnere. An den Stift, an das Papier, daran, dass sie zwischendurch aufgeschaut hat.
Die Notiz war schlecht. Die Beobachtung war gut.
Der Fehler lag nicht im Durchgang. Er lag drei Jahre vorher, beim Notieren.
Ich hatte zu wenig festgehalten. Kein Detail, keine wörtliche Rede, keine Uhrzeit. Eine Notiz, die nur einen Umriss speichert, ist nach einem Jahr wertlos, egal wie gut die Sache war.
Der Text darüber existiert inzwischen. Ich habe ihn aus der Erinnerung geschrieben, und er ist schwächer, als er hätte sein können.
Was ich daraus gelernt habe, betrifft nicht das Aussortieren, sondern das Notieren: lieber vier Zeilen als eine. Der Durchgang kann nur so gut sein wie das, was er vorfindet.
Drei, die ihre Zettel behalten haben
Georg Christoph Lichtenberg und die Sudelbücher
Zuerst zu Georg Christoph Lichtenberg.
Der Physiker und Schriftsteller führte über Jahrzehnte Hefte, in die er alles eintrug: Beobachtungen, Einfälle, Sätze, Halbfertiges. Er nannte sie nach dem kaufmännischen Vorbild Sudelbücher — Kladden, in die man erst einmal alles schreibt, bevor sortiert wird.
Zu Lebzeiten waren sie nicht für die Öffentlichkeit gedacht.
Der Twist: Heute sind die Sudelbücher bekannter als alles, was er zu Lebzeiten veröffentlicht hat. Das ist ein tröstlicher und ein gefährlicher Gedanke. Tröstlich, weil rohes Material offenbar tragen kann.
Gefährlich, weil daraus schnell die Ausrede wird, gar nicht mehr auszusortieren. Der Unterschied: Er hat eingetragen und dabei ununterbrochen weitergearbeitet. Eine Kladde ist keine Ablage.
Elias Canetti und das Aufschreiben ohne Zweck
Danach zu Elias Canetti.
Er hat über Jahrzehnte Aufzeichnungen geführt, die später in mehreren Bänden erschienen sind: kurze Notate, oft nur zwei, drei Zeilen, ohne erkennbare Absicht auf ein Werk hin.
Er hat selbst beschrieben, dass er sie brauchte, um überhaupt weiterarbeiten zu können.
Der Twist: Bei ihm ist das Notieren nicht Vorarbeit, sondern eine eigene Tätigkeit. Das ist eine ehrliche Beschreibung dessen, was die meisten von uns tun — wir notieren nicht, weil daraus etwas wird, sondern weil das Aufschreiben selbst etwas löst.
Wer das zugibt, kann viel leichter löschen. Die Notiz hat ihren Zweck schon erfüllt, als sie entstand.
Arno Schmidt und die Zettel als Bauteile
Zuletzt zu Arno Schmidt.
Er arbeitete mit einer riesigen Menge handbeschriebener Zettel, aus denen er seine Texte montierte. Einzelne Beobachtungen, Wortfunde, Zitate, alles auf kleinen Karten, die beim Schreiben zusammengesetzt wurden.
Der Twist: Für ihn war der Zettel nie ein ganzer Gedanke, sondern immer ein Bauteil. Das ist genau der zweite Weg aus diesem Beitrag, nur in groß betrieben.
Und es ist die eigentliche Lehre für alle, die vor zweihundert Einträgen sitzen: Die Frage lautet nicht, ob aus dieser Notiz ein Text wird. Sie lautet, ob in dieser Notiz ein Teil steckt, das irgendwo hineinpasst. Das sind zwei völlig verschiedene Fragen, und die zweite hat eine viel bessere Trefferquote.
Drei Videos zum Notizensystem
Selbstcheck: Wie steht es um deine Sammlung?
Sieben Fragen.
- Wie viele Einträge hast du gerade?
- Wann hast du das letzte Mal eine Notiz gelöscht?
- Wie viele Texte sind im letzten Jahr aus deinen Notizen entstanden?
- Kennst du deine eigene Trefferquote?
- Hast du eine Datei nur für einzelne Sätze und Bauteile?
- Wie viele deiner Notizen enthalten wörtliche Rede?
- Wann hast du zuletzt eine Notiz gelesen, die älter ist als ein Jahr?
Bei Frage 2 ist „noch nie“ die häufigste Antwort und der ganze Grund für diesen Beitrag.
Bei Frage 5 ist ein Nein der billigste Fortschritt hier. Die Teile-Datei ist der Teil des Verfahrens, der am schnellsten etwas bringt.
Bei Frage 4: Zähl es einmal aus. Es dauert zwanzig Minuten und ändert dein Verhältnis zu dem ganzen Haufen.
Häufige Fragen
Ist es nicht verschwenderisch, Notizen zu löschen?
Verschwenderisch ist eine Sammlung, in die man nicht mehr hineinschaut. Zwei zu Unrecht gelöschte Notizen kosten weniger als zweihundert ungeprüfte.
Was, wenn ich mich später ärgere?
Wirst du, ungefähr einmal pro Jahr. Bei mir war es die Frau mit den Zahlen. Der Ärger hat mich gelehrt, besser zu notieren, und das war mehr wert als die Notiz.
Welche App soll ich nehmen?
Die, die du hast. Das Verfahren funktioniert in jeder App und auf Papier. Wer die App wechselt, um besser zu sortieren, hat den ersten Fehler aus diesem Beitrag gemacht.
Wie lang darf eine Notiz sein?
So lang, dass du sie in einem Jahr noch verstehst. Bei mir sind das drei bis fünf Zeilen. Eine Zeile ist fast immer zu wenig.
Muss ich sofort notieren?
Ja, und das ist der einzige Punkt ohne Ausnahme. Nach zwanzig Minuten hast du den Sinn und nicht mehr den Wortlaut, und der Wortlaut ist das Wertvolle.
Was mache ich mit Notizen, die peinlich sind?
Löschen ist erlaubt. Aber prüf sie vorher auf Bauteile. Die peinlichsten Notizen enthalten überdurchschnittlich oft die ehrlichsten Sätze.
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