
Du gehst auf die Bühne. Doch du weißt nicht, wohin mit dir.
Also läufst du einfach los.
Von links nach rechts. Von rechts nach links.
Wie ein Tiger im Gehege.
Genau das habe ich in Bochum drei Minuten lang gemacht. Und dabei geglaubt, das sei Präsenz.
Energie. Bühnenpräsenz. Der ganze Raum gehört mir.
War es aber leider nicht.
Es war Nervosität mit Auslauf.
Denn dein Publikum liest Bewegung, bevor es dir zuhört.
Und wer wandert, sagt ohne Worte: Ich weiß nicht wohin mit mir.
Position 00
Bewegung auf der Bühne ist deine lauteste stumme Botschaft
Also die Mechanik dahinter, und sie ist unangenehm.
Dein Publikum sieht dich, bevor du den ersten Satz sagst.
In diesen zwei Sekunden entscheidet es, ob du weißt, was du tust.
Und diese Entscheidung trifft es an deinen Füßen. Nicht an deinem Gesicht.
Denn Füße lügen bekanntlich schlecht.
Ein Gesicht kannst du zusammenreißen. Einen unruhigen Standfuß nicht.
Bewegung ohne Grund ist immer eine Aussage über deine Nerven.
Doch jetzt die gute Nachricht.
Du brauchst keine Choreografie. Du brauchst drei Punkte.
Was du hier lernst
Du bekommst das Dreieck aus drei Positionen, die Regeln fürs Stehen, die vier legitimen Gründe für einen Schritt, das Kapitel über deine Hände, zehn Techniken, zehn Szenen mit Vorher und Nachher, drei Bühnenmomente zum Anschauen, ein Worksheet und zehn Fehler.
Der Bühnenplan
02 · Dein Dreieck aus drei Punkten
03 · Das Stehen
04 · Das Gehen
05 · Wohin mit den Händen
06 · Zehn Techniken
07 · Zehn Szenen im Vergleich
08 · Drei Momente zum Anschauen
09 · Wie der Raum mitentscheidet
10 · Vermiss deine Bühne
11 · Drei Mythen
12 · Zehn Fehler
13 · Häufige Fragen
Position 01
Bewegung auf der Bühne ist Sprache, kein Nervenausgleich
Denn jeder Schritt sagt etwas. Ob du willst oder nicht.
Ein Schritt nach vorn heißt: Jetzt wird es persönlich.
Ein Schritt zurück heißt: Ich nehme Abstand von dem, was ich gerade gesagt habe.
Ein Schritt zur Seite heißt: Jetzt spricht jemand anderes.
Und Stillstehen heißt: Das hier gilt.
Wenn du also planlos läufst, sendest du diese Botschaften im Zufallsgenerator.
Was Bewegung nicht ist
Bewegung ist nicht Energie.
Denn Energie entsteht im Text und in der Stimme. Nicht in den Beinen.
Bewegung ist auch nicht Abwechslung.
Wer sich bewegt, damit es nicht langweilig wird, hat ein Textproblem und kein Bewegungsproblem.
Und Bewegung ist erst recht kein Ventil.
Genau das ist der häufigste Fall: Du bist nervös, also musst du dich bewegen. Verständlich. Und trotzdem lädst du deine Anspannung im Raum ab, wo sie jeder sehen kann.
Mach das jetzt
Markier in deinem Text genau drei Bewegungen. Nicht mehr. Schreib sie mit Pfeilen an den Rand: vor, zurück, zur Seite. Alles andere stehst du. Denn drei geplante Schritte wirken stärker als hundert zufällige.
Position 02
Dein Dreieck: drei Punkte statt drei Kilometer
Vergiss also die ganze Bühne. Denn du brauchst nur drei Stellen.
Die eine Regel, die alles zusammenhält
Jeder Punkt gehört einer Funktion. Und du wechselst nur, wenn die Funktion wechselt.
Das ist der ganze Unterschied zwischen Choreografie und Herumlaufen.
Denn wenn jeder Ortswechsel eine Bedeutung hat, liest dein Publikum ihn als Struktur. Hat er keine, liest er ihn als Unruhe.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Position 03
Das Stehen: die unterschätzte Kraft
Dabei ist Stillstehen keine Abwesenheit von Bewegung. Sondern eine eigene Leistung.
Und die schwerste von allen.
Denn ruhig stehen heißt, die eigene Anspannung auszuhalten, statt sie abzulaufen.
Die vier Regeln fürs gute Stehen
R1 · Beide Füße belasten
Gewicht gleichmäßig auf beide Füße, Abstand etwa hüftbreit. Denn wer auf einem Bein steht, wippt automatisch. Und wer wippt, wirkt unentschlossen.
R2 · Knie nicht durchdrücken
Klingt nach Kleinigkeit und ist keine. Durchgedrückte Knie machen den ganzen Körper steif und behindern die Atmung. Lass sie minimal weich, dann sieht es lebendig aus statt eingefroren.
R3 · Schultern runter, nicht zurück
Zurückgezogene Schultern wirken militärisch. Hängende wirken müde. Die Lösung liegt dazwischen: Schultern locker fallen lassen und den Brustkorb offen halten.
R4 · Ein Fuß leicht vor
Der einfachste Trick überhaupt. Ein Fuß eine halbe Fußlänge vor dem anderen. Das nimmt der Haltung das Statische, ohne dass du dich bewegen musst. Und es gibt dir eine Richtung.
Übrigens: Wer ruhig stehen kann, wirkt sofort erfahrener. Denn das ist genau das, was Anfänger nicht aushalten.
Position 04
Das Gehen: wann ein Schritt wirklich trägt
Denn es gibt genau vier legitime Gründe, dich zu bewegen. Alles andere ist Nervosität.
G1 · Ein Zeitsprung
Der Text springt von damals nach heute. Ein Positionswechsel markiert das sauberer als jede Überleitung. Der Saal versteht sofort: neuer Abschnitt.
G2 · Ein Perspektivwechsel
Jemand anderes spricht. Also gehst du auf Punkt drei und kommst danach zurück. Das ersetzt Anführungszeichen im gesprochenen Text.
G3 · Eine Steigerung
Der Text wird dringlicher. Ein halber Schritt nach vorn verstärkt das körperlich. Aber nur einer. Denn wer sich immer weiter vorarbeitet, hat am Ende keinen Raum mehr.
G4 · Ein Rückzug
Nach einer harten Zeile ein Schritt zurück. Das wirkt, als würdest du selbst erschrecken über das, was du gerade gesagt hast. Sehr stark und selten benutzt.
Und jetzt die wichtigste Regel zum Timing:
Geh in der Pause. Nicht während du sprichst.
Denn wer beim Sprechen läuft, verteilt die Aufmerksamkeit auf zwei Dinge. Und beide verlieren.
Sprich den Satz zu Ende, mach die Bewegung, sprich weiter. Diese Reihenfolge wirkt in jedem Text.

Position 05
Wohin mit den Händen
Nun zur Frage, die jeder stellt. Und für die es eine langweilige, richtige Antwort gibt.
Nämlich einfach: Lass sie hängen.
Zwar fühlt sich das falsch an. Es sieht aber völlig normal aus.
Warum sich das so unangenehm anfühlt
Weil du deine Hände spürst und der Saal sie kaum bemerkt.
Deine Wahrnehmung ist verzerrt. Was sich für dich wie ein schlaffes Herumhängen anfühlt, wirkt von der zwölften Reihe aus einfach entspannt.
Die vier Positionen, die funktionieren
Erstens: Beide Arme locker seitlich hängend. Der Standard.
Zweitens: Eine Hand am Mikroständer, die andere frei. Gibt dir einen Halt, ohne dass es nach Festklammern aussieht.
Drittens: Das Blatt in einer Hand, auf Brusthöhe. Die zweite Hand bleibt frei für Gesten.
Viertens: Hände locker vor dem Bauch, aber nicht verschränkt. Nur für kurze Passagen, sonst wirkt es defensiv.
Was nicht funktioniert
Hände in den Hosentaschen: wirkt beiläufig bis desinteressiert.
Arme verschränkt: wirkt abweisend, und zwar immer.
Hände hinter dem Rücken: wirkt wie ein Vortrag im Museum.
Und der Klassiker: an der Kleidung zupfen. Das ist kein Handproblem, sondern ein Nervenproblem. Es verschwindet, sobald du weißt, wo deine Füße stehen.
Position 06
Zehn Techniken für deinen Körper
Also keine Theorie. Zehn Griffe für den nächsten Text.
T1 · Der Ankerpunkt
Bevor du anfängst, setz beide Füße bewusst auf eine Stelle. Merk sie dir. Zu diesem Punkt kehrst du nach jeder Bewegung zurück. Damit hat dein Text ein Zuhause.
T2 · Der halbe Schritt
Ein ganzer Schritt ist fast immer zu viel. Ein halber reicht, um einen Wechsel zu markieren, und wirkt kontrollierter.
T3 · Die Bewegung in der Pause
Sprich zu Ende, geh, sprich weiter. Nie gleichzeitig. Denn zwei Signale auf einmal löschen sich gegenseitig aus.
T4 · Das Einfrieren
An der härtesten Zeile deines Textes bewegst du dich gar nicht. Kein Zentimeter. Nach vorheriger Bewegung wirkt Stillstand wie ein Ausrufezeichen.
T5 · Die Blickrichtung als Ersatz
Du musst nicht gehen, um Richtung zu erzeugen. Oft reicht es, den Kopf oder den Blick zu wenden. Das ist die kleinste mögliche Bewegung und funktioniert erstaunlich gut.
T6 · Das Gewicht verlagern
Noch kleiner: Du bleibst stehen und verlagerst nur das Gewicht auf den vorderen Fuß. Der Saal liest das als Annäherung, ohne dass du einen Schritt machst.
T7 · Der Rückzug nach der Pointe
Nach einem Lacher einen halben Schritt zurück. Damit gibst du dem Saal Raum zum Lachen und nimmst dich selbst aus dem Zentrum.
T8 · Die Öffnung
Bei Aufzählungen den Körper leicht öffnen und den Blick über den Saal wandern lassen. Das lässt die Liste größer wirken, ohne dass du lauter wirst.
T9 · Der Mikroständer als Partner
Wenn du gar nicht weißt wohin: eine Hand locker an den Ständer. Das ist keine Schwäche, sondern ein legitimer Bühnenpartner. Nur nicht daran festkrallen.
T10 · Der Abgang
Bleib nach dem letzten Wort zwei Sekunden stehen, bevor du dich bewegst. Wer sofort losgeht, löscht sein eigenes Ende.

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Jetzt Kanal folgenPosition 07
Zehn Szenen: dieselbe Stelle, zwei Körper
Nun zehnmal dieselbe Situation. Einmal ruiniert, einmal getragen.
SZENE 01 · DER STREIT MIT DEM VATER
„Und dann hat er einfach die Tür zugemacht.“
Falsch: du läufst hin und her, weil die Szene aufgeladen ist. Damit verteilst du die Spannung im Raum, statt sie zu halten.
Richtig: du stehst still in der Mitte. Beim Wort Tür ein halber Schritt zurück. Mehr nicht. Der Rückzug macht das Zumachen körperlich spürbar.
SZENE 02 · DIE LIEBESERKLÄRUNG
„Ich hab dich vom ersten Tag an angeschaut.“
Falsch: du bleibst hinter dem Mikro in der Mitte. Dann bleibt es eine Behauptung ohne Adresse.
Richtig: halber Schritt nach vorn auf Punkt zwei. Automatisch wirst du leiser. Und plötzlich ist es kein Text mehr, sondern ein Geständnis.
SZENE 03 · DIE PANIKATTACKE
„Der Boden war plötzlich weiter weg als vorher.“
Falsch: du spielst die Panik nach, zappelst, wirst hektisch. Das wirkt gespielt, weil echte Panik lähmt statt bewegt.
Richtig: du erstarrst komplett. Keine Bewegung, kein Schritt. Der Kontrast zu vorher erzeugt das Unbehagen, nicht die Darstellung.
Drei harte Fälle für deine Bewegung auf der Bühne
SZENE 04 · DIE POLITISCHE ANKLAGE
„Dreihundert Menschen, die niemand gezählt hat.“
Falsch: du gehst auf den Saal zu und wirst größer. Das wirkt belehrend, und der Saal macht dicht.
Richtig: fester Stand in der Mitte, Gewicht auf beiden Füßen, keine Bewegung. Die Zahl macht die Arbeit.
SZENE 05 · DIE POINTE
„Und dann hat er tatsächlich zurückgewinkt.“
Falsch: du gestikulierst zur Pointe hin und kündigst sie damit an. Angekündigte Pointen sind halb so lustig.
Richtig: stillstehen bis zum letzten Wort. Erst nach dem Lacher ein halber Schritt zurück. Damit gibst du dem Saal Platz.
SZENE 06 · DAS ENDE
„Den Anruf habe ich nie zurückgemacht.“
Falsch: du gehst schon zum Abgang, während du den letzten Satz sprichst. Damit löschst du dein eigenes Ende.
Richtig: stehen bleiben, zwei Sekunden halten, dann erst bewegen. Diese zwei Sekunden sind der ganze Text.
Vier weitere Gelegenheiten für Bewegung auf der Bühne
SZENE 07 · DER FIGURENWECHSEL
„Meine Mutter sagte: Du übertreibst schon wieder.“
Falsch: du sprichst beide Stimmen von derselben Stelle aus. Der Saal muss raten, wer gerade redet.
Richtig: für den Satz der Mutter ein Schritt zur Seite auf Punkt drei. Danach zurück in die Mitte. Kein Stimmenverstellen nötig.
SZENE 08 · DER ZEITSPRUNG
„Fünfzehn Jahre später stand ich wieder davor.“
Falsch: du bleibst, wo du bist, und der Sprung geht unter. Der Saal hängt noch in der alten Szene fest.
Richtig: in der Pause vor dem Satz einmal die Position wechseln. Neuer Ort, neue Zeit. Das versteht jeder ohne Erklärung.
SZENE 09 · DIE AUFZÄHLUNG
„Wohnung, Auto, Konto, Nachname.“
Falsch: du bleibst starr und leierst die Liste herunter. Dann ist es Verwaltung.
Richtig: bei jedem Punkt das Gewicht minimal verlagern. Winzige Bewegungen, die dem Saal einen Takt geben, ohne dass du dich vom Fleck rührst.
SZENE 10 · DER EINSTIEG
„Mein Vater hat sein Leben lang dasselbe Auto gefahren.“
Falsch: du kommst rein und fängst im Gehen an. Damit verschenkst du die ersten zwei Sekunden, in denen der Saal dich einschätzt.
Richtig: hingehen, stehen bleiben, zwei Sekunden warten, dann anfangen. Diese Pause kostet nichts und ändert alles.
Position 08
Drei Momente zum Anschauen
Marcel Marceau: ein Mensch, kein Wort, ein ganzer Käfig
Dabei gibt es in diesem Stück keine Kulisse. Nur einen Körper.
Und trotzdem siehst du dabei Wände.
AUFNAHME 01 · Kein Bühnenbild, kein Wort. Und du siehst trotzdem einen Raum.
Für dich als Slammer heißt das: Dein Körper kann Orte behaupten. Ein Schritt zur Seite ist eine andere Zimmerecke, wenn du ihn so meinst.
Du musst dafür kein Pantomime sein. Es reicht, konsequent zu bleiben.
Pina Bausch: Bewegung, die aus dem Gefühl kommt
Dagegen siehst du hier das Gegenteil von Choreografie im landläufigen Sinn.
AUFNAHME 02 · Bewegung, die aus dem Zustand kommt, nicht aus dem Plan.
Die Bewegungen wirken, als hätten sie keinen Ursprung im Kopf. Sondern im Zustand der Figur.
Genau das ist der Unterschied zwischen einer Geste, die du machst, und einer, die passiert.
Übertragen auf dich: Frag nicht, welche Bewegung hier gut aussieht. Frag, was dein Körper täte, wenn das gerade wirklich passieren würde.
Amy Cuddy und die Sache mit dem Power-Posing
Übrigens kennst du diesen Vortrag vielleicht. Und er braucht eine ehrliche Einordnung.
AUFNAHME 03 · Sehenswert. Und wissenschaftlich umstrittener, als der Vortrag vermuten lässt.
Die These lautet: Bestimmte Körperhaltungen verändern nicht nur die Wirkung auf andere, sondern auch deine eigenen Hormonwerte und dein Selbstvertrauen.
Der zweite Teil dieser These ist in der Forschung stark umstritten. Wiederholungsstudien konnten die hormonellen Effekte nicht bestätigen, und auch Cuddy selbst hat ihre Position später differenziert.
Was weitgehend unstrittig bleibt: Deine Haltung verändert, wie andere dich sehen. Und sie verändert oft auch, wie du dich fühlst.
Für die Bühne reicht das völlig. Denn du brauchst keinen Hormonschub. Du brauchst einen festen Stand.


Position 09
Wie der Raum über deine Bewegung entscheidet
Denn dein Dreieck sieht in jedem Raum anders aus. Also schau dir den Raum vorher an.
Die winzige Kneipenbühne
Also zwei Quadratmeter, Mikroständer, dahinter die Wand.
Hier gibt es kein Dreieck. Also arbeitest du mit dem, was übrig bleibt: Gewichtsverlagerung, Blickrichtung, Oberkörper.
Und das reicht vollkommen. Denn auf zwei Metern Entfernung sieht der Saal jede Kleinigkeit.
Die große Bühne
Zwölf Meter Breite und du allein darauf.
Zwar ist die Versuchung riesig, den Raum zu füllen. Tu es trotzdem nicht.
Denn eine große Bühne macht kleine Bewegungen unsichtbar und große Bewegungen hektisch. Bleib in einem Bereich von zwei bis drei Metern und arbeite dort mit deinem Dreieck.
Ein Mensch, der einen kleinen Bereich beherrscht, wirkt größer als einer, der eine große Fläche abläuft.
Die Bühne ohne Rampe
Du stehst auf derselben Höhe wie das Publikum, mitten im Raum.
Hier ist dein Punkt zwei besonders wertvoll, weil Nähe sofort körperlich wird. Aber sei vorsichtig damit: Zu nah wird schnell unangenehm.
Faustregel: mindestens anderthalb Meter Abstand zur ersten Reihe halten.

Position 10
Vermiss deine Bühne
Übrigens dauert diese Übung nur fünf Minuten und du machst sie vor jedem Auftritt.
Schritt 1 · Punkte festlegen
Geh vor dem Auftritt einmal auf die Bühne. Markier dir im Kopf drei Stellen: Mitte, vorne, seitlich zurück.
Merk dir die Entfernungen. Zwei Schritte nach vorn, anderthalb zur Seite.
Schritt 2 · Hindernisse merken
Wo liegt ein Kabel? Wo ist die Kante? Wo blendet das Licht?
Denn die meisten Bühnenunfälle passieren, weil jemand sich im Dunkeln nicht auskennt.
Schritt 3 · Pfeile setzen
Nimm dein Textblatt und mal drei Pfeile an den Rand. Vor, zurück, zur Seite.
Also genau drei. Und dann hältst du dich daran.
Schritt 4 · Einmal filmen
Beim Üben zu Hause das Handy mitlaufen lassen. Danach schaust du dir die Aufnahme an und zählst nur eins: wie oft du dich bewegt hast.
Die meisten kommen auf zwanzig bis vierzig Bewegungen bei vier Minuten. Dein Ziel ist ein Zehntel davon.
Drei Übungen für heute Abend
→ Die drei Pfeile: Nur die drei geplanten Bewegungen, sonst nichts. Zehnmal durchlaufen, bis es sitzt.
→ Der Stummfilm: Trag den Text ohne Ton vor, nur mit dem Körper. Lass jemanden raten, wo die Höhepunkte sind.
Position 11
Drei Mythen über Bewegung auf der Bühne
Mythos 1 · Wer sich bewegt, wirkt lebendig
Falsch. Denn Bewegung ohne Grund wirkt nervös, nicht lebendig. Lebendigkeit kommt aus Stimme, Text und Gesicht. Die Füße bestätigen sie nur.
Mythos 2 · Stillstehen ist langweilig
Auch falsch, und zwar gründlich. Denn Stillstand nach Bewegung ist einer der stärksten Effekte überhaupt. Langweilig wird es erst, wenn sich über vier Minuten gar nichts ändert. Und das betrifft Stimme und Gesicht genauso.
Mythos 3 · Man muss die ganze Bühne nutzen
Der teuerste Mythos. Denn du musst gar nichts nutzen. Ein Mensch, der zwei Quadratmeter beherrscht, hat mehr Präsenz als einer, der zwölf Meter abschreitet. Fläche ist kein Wert an sich.
Position 12
Zehn Fehler bei der Bewegung auf der Bühne
F1 · Das Wandern
Mein Fehler aus Bochum. Links, rechts, links. Der Saal folgt dir mit den Augen und hört auf zuzuhören. Denn Bewegung ohne Ziel bindet Aufmerksamkeit, ohne etwas zu erzählen.
F2 · Das Wippen
Gewicht von einem Fuß auf den anderen, im Takt der eigenen Nervosität. Sieht man von der letzten Reihe. Gegenmittel: beide Füße gleichmäßig belasten.
F3 · Gehen während des Sprechens
Zwei Signale gleichzeitig, beide verlieren. Sprich zu Ende, geh, sprich weiter.
F4 · Der Rückzug ans Mikro
Du machst einen Schritt nach vorn und rutschst zwei Sätze später unbewusst wieder zurück. Damit nimmst du deine eigene Annäherung zurück. Bleib, wo du hingegangen bist.
F5 · Verschränkte Arme
Wirkt abweisend, immer, ohne Ausnahme. Selbst wenn du nur nachdenkst.
F6 · Das Zupfen
An Ärmel, Saum oder Blatt. Kein Handproblem, sondern ein Nervenproblem. Es verschwindet, sobald deine Füße wissen, wo sie stehen.
F7 · Die Illustrationsgeste
Du zeigst mit den Händen, was du gerade sagst. Bei „groß“ groß, bei „klein“ klein. Das wirkt wie Bebilderung für Kinder.
F8 · Der Blick auf die Füße
Beim Gehen nach unten schauen. Damit verlierst du den Kontakt zum Saal genau in dem Moment, in dem die Bewegung etwas bedeuten soll.
F9 · Zu große Schritte
Ein ganzer Schritt ist fast immer zu viel. Ein halber reicht und wirkt kontrollierter.
F10 · Der Sofort-Abgang
Nach dem letzten Wort direkt losgehen. Damit löschst du dein Ende. Zwei Sekunden stehen bleiben, dann erst bewegen.
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Nimm dir die Bühne, statt sie abzulaufen
Zwar sind drei Punkte schnell markiert. Was schwerer ist: ein Text, der diese drei Punkte überhaupt braucht.
Denn Bewegung trägt nur, wenn darunter Struktur liegt.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks.
Hol dir den Poetry Master – oder lauf weiter drei Minuten im Gehege auf und ab.
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Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Position 13
Häufige Fragen zur Bewegung auf der Bühne
Wie viel soll ich mich auf der Bühne bewegen?
Drei geplante Positionswechsel bei vier Minuten reichen. Alles andere stehst du. Denn jede zusätzliche Bewegung schwächt die drei, die etwas bedeuten sollen.
Ist Stillstehen auf der Bühne langweilig?
Nein, es ist die schwerste Übung. Denn Stillstand nach Bewegung wirkt wie ein Ausrufezeichen. Langweilig wird ein Auftritt durch fehlende Veränderung in Stimme und Gesicht, nicht durch ruhige Füße.
Wohin mit den Händen beim Vortrag?
Locker hängen lassen. Das fühlt sich falsch an und sieht völlig normal aus. Alternativ eine Hand am Mikroständer oder das Blatt auf Brusthöhe. Nicht verschränken, nicht in die Taschen, nicht hinter den Rücken.
Darf ich mich bewegen, während ich spreche?
Besser nicht. Denn zwei Signale gleichzeitig löschen sich gegenseitig aus. Sprich den Satz zu Ende, mach die Bewegung in der Pause, sprich dann weiter.
Wie trainiere ich meine Bewegung auf der Bühne?
Film dich beim Üben und zähl nur, wie oft du dich bewegst. Die meisten kommen auf zwanzig bis vierzig bei vier Minuten. Üb danach denselben Text komplett ohne Schritt und dann mit genau drei.
Was mache ich auf einer sehr kleinen Bühne?
Dein Dreieck wird zum Millimeterbereich. Arbeite mit Gewichtsverlagerung, Blickrichtung und Oberkörper. Auf kurzer Distanz sieht der Saal ohnehin jede Kleinigkeit.
Soll ich das Mikrofon aus dem Ständer nehmen?
Nur wenn du es wirklich brauchst. Denn ein Handmikro bindet eine Hand dauerhaft und verführt zum Wandern. Der Ständer gibt dir dagegen einen festen Bezugspunkt.
Wie gehe ich auf die Bühne und wieder runter?
Zügig hin, stehen bleiben, zwei Sekunden warten, dann anfangen. Und am Ende: zwei Sekunden stehen bleiben, dann erst gehen. Diese vier Sekunden entscheiden über den ersten und letzten Eindruck.
Was tue ich, wenn ich vor Nervosität zittere?
Beide Füße fest auf den Boden, Gewicht gleichmäßig, Knie leicht weich. Ein stabiler Stand beruhigt den ganzen Körper. Und atme aus, nicht ein.
Sollte ich Gesten üben?
Einzelne Gesten nein, den Grundzustand ja. Denn eingeübte Gesten sehen einstudiert aus. Üb stattdessen ruhiges Stehen, dann kommen die Gesten, die wirklich passen, von selbst.
Letzte Position
Zurück nach Bochum
Übrigens stand ich ein Jahr später wieder in demselben Laden.
Derselbe Text. Kein Wort geändert.
Aber diesmal hatte ich drei Pfeile an den Rand gemalt.
Ich bin rausgegangen, stehen geblieben und habe zwei Sekunden gewartet, bevor ich angefangen habe.
Danach habe ich mich genau dreimal bewegt. Insgesamt.
Einmal einen halben Schritt nach vorn, bei der Stelle über meinen Vater.
Einmal zur Seite, als meine Mutter sprach.
Und einmal zurück, nach dem härtesten Satz.
Den Rest der Zeit stand ich dagegen einfach da.
Hinterher kam jemand zu mir und sagte, ich hätte eine ruhige Präsenz.
Dabei war ich genauso nervös wie beim ersten Mal.
Ich habe nur aufgehört, es allen zu zeigen.

Drei Punkte statt drei Kilometer. Der Rest ist Nervosität mit Auslauf.
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