
Irgendwann erwischt es dich. Garantiert.
Das ist keine Frage von Talent. Sondern von der Anzahl deiner Auftritte.
Und dann entscheidet sich alles in fünf Sekunden.
Bei mir war es zunächst Kassel. Jugendzentrum, schlechte Akustik, Lichtanlage aus dem letzten Jahrhundert.
Mitten im Text über meinen ersten Job klingelt ein Handy.
Ich denke noch: Unfassbar, wer macht denn sowas.
Dann merke ich, dass es aus meiner eigenen Jackentasche kommt.
Meine Mutter. Um kurz nach neun. Auf einer Bühne in Kassel.
Und jetzt kommt der Teil, für den ich mich bis heute schäme.
Denn ich habe einfach weitergemacht. Steifes Gesicht, etwas lauter, das Klingeln übertönend.
Und zwar elf Sekunden lang.
Elf Sekunden, in denen zweihundert Leute nur eine Frage im Kopf hatten:
Merkt der das nicht?
Der Rest des Textes war verloren. Aber nicht wegen des Handys.
Sondern weil ich so getan habe, als gäbe es kein Handy.
Meldung 00
Warum jeder mal auf der Bühne improvisieren muss
Zwar kannst du deinen Text auswendig lernen. Den Abend jedoch nicht.
Denn zwischen deinem ersten und deinem letzten Wort passiert alles Mögliche. Und nichts davon steht auf deinem Blatt.
Die gute Nachricht: Dein Publikum verzeiht dir jede Panne.
Die schlechte: Es verzeiht dir nicht, dass du so tust, als wäre nichts.
Was du hier lernst
Auf der Bühne improvisieren heißt nicht, witzig sein zu müssen. Es heißt: Störung kurz benennen, dann weitergehen. Du bekommst gleich die Drei-Sekunden-Regel, zehn Pannen mit Sofortmaßnahme, sechs Werkzeuge, sieben Fehler – und zwei Geschichten, die zeigen, wie Profis das machen.
Der Störungsbericht
02 · Sechzehn Pannen, sechzehn Sofortmaßnahmen
03 · Warum der Saal auf deiner Seite ist
04 · Der Abbruch, der alles gewann
05 · Die verbogene Trompete
06 · Zehn Werkzeuge
07 · Improvisieren als Kür
08 · Die Sätze zum Klauen
09 · So übst du das
10 · Checkliste vor dem Auftritt
11 · Sieben Fehler
12 · Was du danach mit der Scham machst
13 · Häufige Fragen
Meldung 01
Die Drei-Sekunden-Regel
Es gibt eine Regel für alles, was schiefgehen kann. Und sie passt in fünf Wörter.
Benenne die Störung. Dann geh weiter.
Klingt zwar banal. Ist aber der Unterschied zwischen einem souveränen Abend und einer Erinnerung, bei der du dich Jahre später schüttelst.
Fehler 1: Du ignorierst es
Sobald etwas Unerwartetes passiert, wandert die Aufmerksamkeit dorthin. Automatisch. Du kannst das nicht steuern.
Dein Publikum hat jetzt ein Problem. Es hört etwas, das nicht zum Text gehört. Und wartet darauf, dass jemand das einordnet.
Du bist der Einzige im Raum, der das kann.
Also: Wer ignoriert, zwingt zweihundert Leute, die Störung weiter im Kopf zu behalten. Wer sie benennt, nimmt sie ihnen ab.
Fehler 2: Du schlachtest es aus
Das Gegenteil. Und fast noch häufiger.
Etwas geht schief. Du machst einen Witz. Der zündet. Also machst du noch einen.
Zwei Minuten später ist die Panne der Höhepunkt deines Auftritts. Und dein Text kommt nie wieder hoch.
Du hast Lacher gesammelt. Aber gegen dich selbst gearbeitet.
Deshalb die Dosierung: drei Sekunden. Ein Satz, höchstens zwei. Zurück.
Mach das jetzt
Drei Sekunden benennen. Dann eine klare Rückkehr. Die Rückkehr ist wichtiger als der Kommentar. Sag laut, wo du weitermachst: „Also, zurück zu meinem ersten Arbeitstag." Ohne dieses Signal bleibt der Rest deines Textes im Chaos.

Meldung 02
Sechzehn Pannen und wie du auf der Bühne improvisierst
Also sechzehn Störungen und sechzehn Sofortmaßnahmen. Druck dir das aus.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Meldung 03
Warum dein Publikum auf deiner Seite ist
Du glaubst, der Saal wartet auf deinen Fehler.
Tut er nicht. Und zwar aus einem sehr eigennützigen Grund.
Denn ein Publikum, das dir beim Scheitern zusieht, fühlt sich selbst unwohl. Es hat Geld bezahlt oder zumindest seinen Abend investiert. Also will es, dass du lieferst.
Deshalb gilt: Der Saal sucht die ganze Zeit nach einem Grund, dir zu glauben.
Was der Saal wirklich denkt
Bei einer Panne läuft im Kopf deiner Zuhörer immer dieselbe Frage ab.
Nicht: „Ist der schlecht?“
Sondern: „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“
Und diese Frage beantwortest ausschließlich du. Mit deiner Haltung, deinem Tempo, deinem Gesicht.
Bleibst du ruhig, entspannt sich der Saal sofort. Wirst du hektisch, bleibt er angespannt und hört dir nicht mehr richtig zu.
Der Verbündeten-Effekt
Jetzt kommt der Teil, den kaum jemand nutzt.
Eine benannte Panne macht aus Zuschauern Mitwisser.
Vorher saßen sie da und konsumierten. Danach haben sie gemeinsam mit dir etwas erlebt, das nicht im Programm stand.
Das verbindet. Deshalb sind Abende mit kleinen Pannen oft die besseren.
Also hör auf, die Panne als Bedrohung zu sehen. Sie ist eine Abkürzung zur Nähe.
Die eine Ausnahme
Eine Sache verzeiht dir das Publikum tatsächlich nicht.
Nämlich wenn du jemanden im Saal blamierst.
Der Zwischenrufer mag nerven. Trotzdem darfst du ihn nicht fertigmachen. Denn der Saal solidarisiert sich in Sekunden mit dem Schwächeren. Und das bist ab diesem Moment nicht mehr du.
Freundlich schlägt schlagfertig. Immer.
Meldung 03
Der Abbruch, der den ganzen Abend gewann
12. Februar 2017. Staples Center, Los Angeles. Die Grammy Awards laufen live vor Millionen.
Adele singt eine Hommage an George Michael, der wenige Wochen vorher gestorben ist.
Nach einer Minute geht es schief. Sie liegt neben der Tonart. Sie hört sich selbst nicht.
Nun zwei Möglichkeiten. Beide unangenehm.
Erstens: durchziehen und hoffen.
Zweitens: im Livefernsehen abbrechen.
Doch sie hört auf zu singen. Sie flucht. Dann entschuldigt sie sich.
„Ich weiß, das ist Live-Fernsehen. Es tut mir leid. Aber ich kann das für ihn nicht vermasseln. Können wir noch mal von vorn anfangen?“
— Adele, sinngemäß, Grammy Awards 2017
Danach setzt das Orchester neu an. Der zweite Durchgang ist makellos.
Schließlich steht der halbe Saal. Und sie hat Tränen in den Augen.
Aber jetzt kommt der eigentliche Punkt.
Kolleginnen und Kollegen feierten sie öffentlich für den Abbruch. Bette Midler brachte es auf die Formel: Wenn es nicht stimmt, fängst du neu an und machst es richtig. Ellen DeGeneres schrieb, sie bekomme jeden Neuanfang, den sie jemals brauche.
Niemand sprach über den Fehler.
Alle sprachen über die Entscheidung.
Eine fehlerfreie Version hätte man vergessen. Über den Abbruch redet man bis heute.
Kopier diese drei Dinge
Erstens: Sie hat die Störung benannt, statt sie zu überspielen.
Zweitens: Sie hat einen Grund genannt, der größer war als sie selbst. Nämlich den Respekt vor dem Verstorbenen.
Drittens: Sie hat sofort weitergemacht, statt sich in Erklärungen zu verlieren.
Das ist die Drei-Sekunden-Regel im Ernstfall.
Und noch was: Ein Neuanfang ist auf einer Slam-Bühne völlig legitim. Sind deine ersten zwei Sätze im Chaos untergegangen? Dann sag „Ich fang noch mal an" und beginn von vorn.
Denn kein Publikum der Welt hat das jemals bestraft.

Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgenMeldung 04
Die verbogene Trompete
6. Januar 1953. Ein Jazzclub namens Snookie's in der 45. Straße, Manhattan.
Dizzy Gillespie hat frei. Aber es ist der Geburtstag seiner Frau Lorraine, also feiern sie im Club.
Dabei steht seine Trompete auf einem Ständer auf der Bühne.
Nun treten die Tänzer Stump 'n Stumpy auf. Und bei ihrer Akrobatik fällt jemand auf das Instrument.
Danach: Schallbecher fünfundvierzig Grad nach oben verbogen.
Was passiert, wenn du mit dem Schaden weitermachst
Gillespie kommt zurück, sieht die Bescherung und spielt trotzdem darauf.
Und dann passiert das Unerwartete: Ihm gefällt der Klang.
Der nach oben gerichtete Becher wirft den Ton über die Köpfe des Publikums. Und der Klang erreicht ihn selbst schneller. Er beschrieb das später als Bruchteil einer Sekunde, der einen großen Unterschied macht.
Zwar lässt er die Trompete am nächsten Tag geradebiegen. Aber er bekommt den Klang nicht mehr aus dem Kopf.
Also zeichnet Lorraine eine Skizze. Die Instrumentenfirma baut ihm ein neues Horn mit genau diesem Winkel. Ab 1954 spielt er nichts anderes mehr.
In seiner Autobiografie hat er das klargestellt: Die Form seines Instruments war kein Geistesblitz. Sondern ein Unfall.
Eine ehrliche Fußnote gehört dazu. Sein Biograf Alyn Shipton hat diese Version bezweifelt und vermutet, Gillespie habe ein ähnliches Instrument schon Jahre früher in England gesehen. Klären lässt sich das nicht mehr.
Die Lehre daraus schon.
Die meisten Pannen sind nur deshalb Pannen, weil du sie so nennst.
Für deine Bühne heißt das: Manches, was schiefgeht, ist in Wahrheit ein Angebot.
Das Licht fällt aus – und dein Text bekommt eine Intimität, die du nie geplant hättest.
Du verhaspelst dich – und merkst, dass die Formulierung ohnehin schlecht war.
Ein Zwischenruf zwingt dich, den Saal direkt anzusprechen – und plötzlich ist der Kontakt da.
Nicht jede Panne ist ein Geschenk. Aber es sind mehr, als du denkst.
Meldung 05
Zehn Werkzeuge, um auf der Bühne zu improvisieren
Also keine Theorie. Zehn Griffe, die du heute Abend vorbereiten kannst.
W1 · Leg dir einen Notfallsatz zurecht
Genau einen Satz, der auf jede Störung passt. Freundlich, neutral, ohne Häme. Zum Beispiel: „Das war jetzt nicht abgesprochen." Lern ihn auswendig. Denn unter Adrenalin erfindest du nichts Neues. Wer improvisieren will, braucht paradoxerweise etwas Vorbereitetes.
W2 · Bau dir eine Rückkehrformel
Noch wichtiger als der Kommentar. Sag laut, wo du wieder einsteigst: „Also, zurück zu der Sache mit dem Fahrrad." Damit schließt du die Störung ab und öffnest den Text wieder. Ohne diese Formel bleibt der Saal in der Zwischenwelt hängen und hört den Rest nur halb.
W3 · Markier zwei Ausstiegspunkte
Zwei Stellen, an denen du direkt zum Schluss springen kannst. Eine für „etwas Zeit fehlt", eine für „viel Zeit fehlt". Kostet dich zehn Minuten Vorbereitung. Rettet dir irgendwann einen ganzen Auftritt. Und nimmt dir die Angst vor der Uhr.
W4 · Nimm an, statt abzulehnen
Das Ja-und-Prinzip aus dem Improvisationstheater. Viola Spolin, die Erfinderin der modernen Improvisationsübungen, hat es zum Kern ihrer Arbeit gemacht. Tina Fey hat es später für ein breites Publikum aufgeschrieben. Für dich heißt es: Die Störung ist jetzt Teil des Abends. Also arbeite mit ihr. Nicht gegen sie.
W5 · Werd langsamer
Der Reflex in jeder Panne heißt: schneller werden. Genau falsch. Werde langsamer. Eine Pause, ein Atemzug, ein Blick in den Saal. Denn Langsamkeit liest der Saal als Kontrolle. Hektik als Panik. Und weil er sich seine Bewertung bei dir abschaut, entscheidest du mit deinem Tempo, wie schlimm die Sache war.
W6 · Schau danach in den Saal
Nach jeder Störung einmal bewusst hinschauen, bevor du weitermachst. Zwei Sekunden reichen. Dieser Blick sagt ohne Worte: Wir haben das gemeinsam erlebt, und jetzt geht es weiter. Es ist die schnellste Methode, ein Publikum wieder einzusammeln.
W7 · Bau dir eine Anfangsroutine
Drei Sekunden, bevor du den ersten Satz sagst. Immer dieselben drei Sekunden: Blatt zurechtlegen, einmal ausatmen, in den Saal schauen. Denn eine feste Routine gibt dir einen Startpunkt, zu dem du nach jeder Störung zurückkehren kannst. Ohne Routine hast du nach der Panne keinen Anker.
W8 · Kenn deine erste Zeile im Schlaf
Nicht den ganzen Text. Nur den ersten Satz. Und den ersten Satz jeder Strophe. Denn wenn du irgendwo rausfliegst, brauchst du einen Einstiegspunkt, der ohne Nachdenken kommt. Diese vier oder fünf Sätze sind deine Rettungsringe.
W9 · Trenn Panne und Person
Sag nie „Sorry, ich bin heute schlecht drauf“. Denn damit erklärst du dich selbst zum Problem. Sag stattdessen etwas über die Situation: „Der Abend hat es heute in sich.“ Die Störung ist ein Ereignis, kein Charakterzeugnis. Und dein Publikum übernimmt genau die Deutung, die du anbietest.
W10 · Halt am Ende die Haltung
Nach einer Panne willst du am Schluss sofort weg. Tu es nicht. Steh nach dem letzten Wort noch zwei Sekunden ruhig da, bevor du dich bewegst. Denn diese zwei Sekunden löschen die Erinnerung an das Chaos und ersetzen sie durch das Bild von jemandem, der die Sache zu Ende gebracht hat.

Meldung 06
Die Sätze, die du wirklich sagst
Theorie ist schön. Aber auf der Bühne brauchst du Wörter.
Deshalb hier eine Sammlung zum Klauen. Such dir drei aus, lern sie auswendig, fertig.
Denn unter Adrenalin greifst du nur auf das zu, was schon sitzt.
Wenn etwas im Saal passiert
Handy, Zwischenruf, Lärm
→ „Das war jetzt nicht abgesprochen.“
→ „Kurze Werbeunterbrechung.“
→ „Ich mach das mal so, als wäre das geplant gewesen.“
→ „Das nehm ich jetzt einfach mit rein.“
Wenn die Technik streikt
Mikro, Licht, Ton
→ „Ich seh gerade gar nichts mehr, aber hören könnt ihr mich ja.“
→ „Ich komm mal näher.“
→ „Ab hier ohne Netz.“
Wenn du selbst der Fehler bist
Faden weg, Versprecher, Abbruch
→ „Noch mal von vorn, das war nichts.“
→ „Ich fang die Strophe neu an.“
→ „Zweiter Versuch.“
→ „Gebt mir zwei Sekunden.“
Die Rückkehr
Das Signal, dass es weitergeht
→ „Wo war ich. Genau.“
→ „Weiter im Text.“
→ „So. Der Rest ist wichtiger.“
Fällt dir was auf?
Keiner dieser Sätze ist witzig. Denn er muss nicht witzig sein.
Er muss nur zeigen, dass du die Lage im Griff hast.
Und das ist der ganze Trick.
Meldung 07
Improvisieren, bevor etwas kaputtgeht
Bis hierhin ging es um Reparatur. Jetzt geht es um Kür.
Denn die besten Slammer improvisieren nicht erst, wenn etwas schiefläuft. Sie tun es die ganze Zeit.
Und zwar an drei Stellen.
Erstens: Du reagierst auf den Raum
Jeder Saal hat eine Temperatur. Kalt und höflich. Oder warm und laut. Oder müde, weil es der vierte Text nach der Pause ist.
Merk dir das in den ersten zehn Sekunden, während du zum Mikro gehst.
Bei einem kalten Saal fängst du langsamer an und lässt mehr Pausen. Bei einem warmen darfst du sofort losfahren. Bei einem müden Saal brauchst du eine harte erste Zeile.
Das ist keine Textänderung. Nur eine Tempoänderung. Und sie entscheidet über die ersten dreißig Sekunden.
Zweitens: Du reagierst auf den Vorredner
Der Text vor dir hat eine Stimmung hinterlassen. Die kannst du nicht ignorieren.
Kam vorher etwas sehr Trauriges und du hast einen lustigen Text? Dann brauchst du eine Brücke. Ein Satz reicht: „Das war schön. Ich mach jetzt was Dummes.“
Damit gibst du dem Saal die Erlaubnis, umzuschalten. Ohne diese Erlaubnis lacht er die ersten zwei Pointen nicht.
Umgekehrt genauso. Nach viel Gelächter braucht ein ernster Text eine Sekunde Stille, bevor du anfängst.
Drittens: Du reagierst auf dich selbst
Manchmal merkst du mitten im Text, dass eine Stelle heute nicht trägt.
Dann kürz sie. Sofort, im Sprechen.
Das geht nur, wenn du deinen Text so gut kennst, dass du weißt, welche Sätze tragende Wände sind und welche Deko. Und genau deshalb lohnt es sich, das vorher einmal durchzugehen.
Markier drei Sätze, die du notfalls streichen kannst, ohne dass es auffällt.
Diese drei Sätze sind dein Spielraum.
Der Unterschied zwischen Kür und Chaos
Achtung, hier lauert eine Falle.
Improvisieren heißt nicht, deinen Text jedes Mal neu zu erfinden. Denn ein Text, der nie festliegt, wird nie besser.
Was du variierst, sind Tempo, Pausen, Betonung und ein paar streichbare Sätze.
Was fest bleibt, sind die Bilder, die Pointen und der Schluss.
Also: Der Rahmen steht. Alles darin darf atmen.
Meldung 06
So übst du, auf der Bühne zu improvisieren
Der größte Irrtum bei diesem Thema: Improvisation sei Talent.
Ist sie aber nicht. Sondern Vorbereitung, die man hinterher nicht mehr sieht.
Wer souverän reagiert, hat die Reaktion vorher gebaut. Und zwar so.
Schritt 1 · Markier deine Ausstiege
Nimm deinen wichtigsten Text. Such zwei Stellen, an denen du direkt in den Schluss springen kannst, ohne dass es jemand merkt.
Also mal sie dick an den Rand. Dann sprich den Text einmal komplett und einmal über jeden Ausstieg.
Danach hast du drei Fassungen im Kopf statt einer.
Schritt 2 · Lern deinen Notfallsatz
Ein Satz für Störungen. Ein Satz für die Rückkehr. Beide auswendig. Beide laut geübt, bis sie ohne Nachdenken kommen.
Denn unter Adrenalin greifst du nur auf das zu, was schon sitzt.
Schritt 3 · Simulier die Störung
Das ist die Übung, die wirklich etwas verändert. Und sie macht sogar Spaß.
Dafür bittest du jemanden, dich beim Üben absichtlich zu stören. Handy klingeln lassen, Licht ausschalten, laut hüsteln, dazwischenreden.
Deine Aufgabe: benennen, zurückkehren, weitermachen. Jedes Mal.
Nach zehn Durchgängen ist das ein Reflex. Und genau darum geht es. Denn auf der Bühne hast du keine Zeit zum Überlegen.
Drei Übungen für heute Abend
→ Der Sprung: Lass dir mitten im Text „noch dreißig Sekunden" zurufen. Land sauber über einen Ausstiegspunkt.
→ Der Neuanfang: Brich deinen Text nach einer Minute bewusst ab, sag einen Satz dazu, fang von vorn an. Damit nimmst du dem Abbruch seinen Schrecken.

Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Meldung 08
Die Checkliste vor dem Auftritt
Die meisten Pannen sind vermeidbar. Nicht alle. Aber die meisten.
Und zwar mit einer Routine, die zehn Minuten dauert.
Zwanzig Minuten vorher
Handy aus. Nicht lautlos, sondern aus. Und zwar in die Jacke im Backstage, nicht in deine Hosentasche.
Denn lautlos hilft nicht, wenn der Vibrationsalarm ans Mikro kommt. Frag mich, woher ich das weiß.
Dann: Blätter nummerieren. Selbst wenn du auswendig kannst.
Und ein Schluck Wasser, aber kein volles Glas. Denn ein volles Glas auf einem wackligen Hocker ist eine Panne, die auf ihren Auftritt wartet.
Zehn Minuten vorher
Geh einmal auf die Bühne, wenn es geht. Schau, wo das Mikro steht und wie hoch. Schau, wo das Licht dich blendet.
Such dir drei Punkte im Saal: links, mitte, rechts. Die brauchst du später für den Blick.
Und stell fest, wo die Stufe ist. Sehr viele Slammer stolpern beim Abgang, nicht beim Auftritt.
Zwei Minuten vorher
Notfallsatz einmal innerlich durchgehen. Rückkehrformel dazu.
Ausstiegspunkte im Kopf haben.
Und dann das Wichtigste: einmal richtig ausatmen. Nicht einatmen, ausatmen. Denn unter Anspannung atmen die meisten flach ein und vergessen das Ausatmen komplett.
Was du nicht kontrollieren kannst
Licht, Ton, andere Menschen, dein eigener Körper.
Also hör auf, es zu versuchen. Denn jede Minute, die du vor dem Auftritt in unkontrollierbare Dinge steckst, fehlt dir hinterher an Ruhe.
Bereite vor, was du beeinflussen kannst. Und nimm den Rest an, wenn er kommt.
Meldung 07
Sieben Fehler, die aus einer Panne ein Desaster machen
F1 · Ignorieren
Mein Fehler aus Kassel. Du tust so, als wäre nichts. Und zwingst damit den ganzen Saal, sich weiter damit zu beschäftigen. Zwei Sekunden Anerkennung hätten alles gerettet.
F2 · Ausschlachten
Das Gegenteil. Genauso teuer. Du reitest so lange auf der Panne herum, bis sie interessanter ist als dein Text. Am Ende erinnert sich der Saal an das kaputte Mikro. Nicht an deine Zeilen.
F3 · Sich entschuldigen
„Tut mir leid" macht aus einer Kleinigkeit ein Problem. Benennen ist nicht dasselbe wie sich entschuldigen. Du sagst, was passiert ist. Aber du bittest nicht um Verzeihung dafür, dass dein Zettel Schwerkraft hat.
F4 · Diskutieren
Bei Zwischenrufen der sicherste Weg in den Abgrund. Denn sobald du in den Schlagabtausch gehst, bestimmt jemand anderes das Thema. Ein Satz, dann weiter im Text. Und der Rufer steht allein da.
F5 · Schneller werden
Der Reflex, wenn etwas schiefgeht. Dabei hört der Saal deine Nervosität sofort am Tempo. Langsamer werden fühlt sich falsch an und wirkt souverän.
F6 · Die Pointe erklären
Zündet ein Witz nicht, willst du nachhelfen. Tu es nicht. Denn eine erklärte Pointe ist eine tote Pointe. Und der Saal merkt außerdem, dass dir der Lacher wichtiger war als der Text.
F7 · Vorzeitig aufgeben
Der bitterste Fehler. Du brichst ab, gehst runter, lässt den Text unvollendet. Dabei ist fast jede Panne kleiner, als sie sich anfühlt. Zu Ende sprechen ist fast immer richtig. Auch wenn es holprig wird.
Meldung 10
Was du danach mit der Scham machst
Über diesen Teil redet fast niemand.
Dabei ist er der Grund, warum Leute aufhören.
Denn eine Panne fühlt sich hinterher zehnmal schlimmer an, als sie war. Du liegst nachts wach und spielst die Szene in Endlosschleife.
Der Realitätscheck
Frag am nächsten Tag jemanden, der dabei war. Ganz konkret: Wie schlimm war das mit dem Mikro?
Die Antwort ist fast immer: Welches Mikro?
Denn dein Publikum hat sich ungefähr zwanzig Sekunden damit beschäftigt. Du beschäftigst dich seit zwei Tagen damit.
Das ist kein Trost, sondern eine Tatsache. Nutz sie.
Die Notiz danach
Schreib nach jedem Auftritt zwei Zeilen auf. Was ist passiert, und was hast du getan.
Nicht als Bewertung, sondern als Protokoll.
Nach zehn Auftritten hast du eine Liste, auf der du siehst: Es wiederholt sich. Und du wirst jedes Mal schneller.
Genau das nimmt der Sache ihre Macht.
Der eine Satz, der hilft
Wenn du merkst, dass du dich im Kreis drehst, sag dir Folgendes:
„Ich habe zu Ende gesprochen.“
Denn das ist der einzige Maßstab, der zählt. Nicht, ob es perfekt war. Sondern ob du drangeblieben bist.
Alles andere ist Übungssache.
Achtung, Werbung
Für alles, was nicht im Text steht
Zwar kannst du deinen Text auswendig lernen. Den Abend nicht.
Denn zwischen dem ersten und dem letzten Wort passiert alles Mögliche. Und nichts davon steht auf deinem Blatt.
Genau dafür gibt es den Poetry Master: über 200 Storytricks, Bühnenpräsenz, Auftritts-Hacks, Bildsprache.
Also alles, was du brauchst, wenn der Plan nicht mehr funktioniert.
Hol dir den Poetry Master – oder warte darauf, dass ausgerechnet dein Handy klingelt.
Meldung 08
Häufige Fragen dazu, wie du auf der Bühne improvisierst
Muss ich witzig sein?
Nein. Und das ist der wichtigste Punkt überhaupt. Denn ein sachlicher Satz wirkt genauso gut wie ein Gag. Es geht nicht um Pointen, sondern darum, die Störung sichtbar einzuordnen und weiterzugehen.
Darf ich noch mal von vorn anfangen?
Ja. Ohne schlechtes Gewissen. Sag einen kurzen Satz dazu und beginn neu. Adele hat genau das im Livefernsehen getan und dafür Standing Ovations bekommen. Denn ein Neuanfang sieht nach Anspruch aus, nicht nach Schwäche.
Was tue ich bei aggressiven Zwischenrufen?
Auf keinen Fall diskutieren. Ein ruhiger Satz, dann konsequent zurück in den Text. Denn wer sich auf einen Schlagabtausch einlässt, überlässt jemand anderem die Bühne. Bei echten Übergriffen ist außerdem die Moderation zuständig, nicht du.
Wie lange darf ich auf eine Störung eingehen?
Etwa drei Sekunden. Also ein Satz, höchstens zwei. Danach brauchst du eine deutliche Rückkehr in den Text. Alles darüber macht die Panne zum eigentlichen Programmpunkt.
Kann man Improvisation trainieren?
Ja, denn sie besteht zum größten Teil aus Vorbereitung. Ein auswendig gelernter Notfallsatz, eine Rückkehrformel und zwei markierte Ausstiegspunkte decken fast jede Situation ab. Dazu simulierst du Störungen beim Üben, bis die Reaktion ein Reflex ist.
Was tue ich, wenn ich weinen muss?
Halt an und atme tief durch den Mund. Dein Publikum ist in diesem Moment näher bei dir als vorher, nicht peinlich berührt. Sprich weiter, sobald es geht. Und wenn es nicht geht, sag einen Satz dazu und nimm dir die Sekunden.
Soll ich die Panne hinterher noch mal ansprechen?
Nein. Denn wenn du beim Abgang oder in der Pause noch mal darauf zurückkommst, machst du sie größer, als sie war. Der Abend ist durch. Lass ihn durch sein.
Was, wenn ich mitten im Text merke, dass der Text nicht funktioniert?
Dann zieh ihn durch. Denn ein abgebrochener Text hinterlässt beim Publikum ein unangenehmes Gefühl, ein schwacher Text nur ein neutrales. Nutz stattdessen deinen vorderen Ausstiegspunkt und lande früher.
Wie gehe ich mit einem betrunkenen Zwischenrufer um?
Genau wie mit jedem anderen: ein Satz, dann weiter. Auf keinen Fall diskutieren, denn mit Alkohol im Spiel gewinnst du kein Wortgefecht. Wenn es eskaliert, ist die Moderation zuständig. Dafür ist sie da.
Darf ich mir Stichworte auf die Hand schreiben?
Ja. Denn niemand im Saal sieht das, und es kostet dich nichts. Ein Spickzettel oder ein Blatt sind ebenfalls völlig in Ordnung. Der Mythos vom auswendig gelernten Text kostet mehr Auftritte, als er rettet.
Letzte Meldung
Zurück nach Kassel
Übrigens stand ich zwei Jahre später wieder in demselben Jugendzentrum.
Dieselbe schlechte Akustik. Dieselbe Lichtanlage. Sogar derselbe Text über meinen ersten Job.
Und ungefähr in der Mitte klingelte wieder ein Handy.
Diesmal war es nicht meins. Denn seit Kassel liegt meine Jacke grundsätzlich im Backstage.
Doch diesmal habe ich aufgehört zu sprechen. Und hingeschaut.
Dann habe ich gesagt: „Geh ruhig ran. Aber sag ihr, dass es gerade schlecht passt."
Drei Sekunden Lachen. Ein Blick in den Saal. Dann: „Also, zurück zu meinem ersten Arbeitstag."
Danach lief der Text weiter, als wäre nichts gewesen.
Es war exakt dieselbe Panne wie beim ersten Mal. Elf Sekunden Klingeln in einem stillen Raum.
Der Unterschied lag nicht darin, was passiert ist.
Der Unterschied lag darin, dass ich es zugegeben habe.

Dein Publikum verzeiht dir jede Panne. Nur nicht, dass du so tust, als wäre nichts.
Folge dem Bahn-Slam
auf WhatsApp
- Neue Slam-Texte zuerst
- Gedanken vom Gleis
- Keine E-Mail, kein Spam
Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
Jetzt Kanal folgen