Vergleich mit anderen Slammern: Das schnellste Gift

Vergleich mit anderen Slammern: Das schnellste Gift
WIEN, ANFANG 1870

Ein Komponist schreibt einem Freund einen Brief.

Er ist zu diesem Zeitpunkt sechsunddreißig Jahre alt und in ganz Europa bekannt.

Trotzdem steht in dem Brief ein Satz, der sich anhört wie von einem Anfänger.

Ich werde nie eine Symphonie komponieren. Du hast keinen Begriff davon, wie es unsereinem zumute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört.
JOHANNES BRAHMS · DER RIESE IST BEETHOVEN

Vergleich mit anderen Slammern

Brahms war nicht unbegabt. Er war verglichen.

Und zwar mit dem Größten seines Fachs.

Vierzehn Jahre lang lag seine erste Sinfonie in der Schublade.

Nicht mangels Können, sondern weil er hinhörte.

Jemand ist immer besser, jünger, gebuchter. So hörst du auf, dich zu messen.

Die ersten Skizzen dazu stammten aus dem Jahr 1862.

Er hatte sie notiert und wieder in die Schublade gelegt.

Auf Nachfragen von Freunden antwortete er ausweichend oder sagte, wie schwer es sei, nach Beethoven noch Sinfonien zu schreiben.

Erst um 1874 holte er die Sache wieder hervor.

Am 4. November 1876 wurde die erste Sinfonie in Karlsruhe uraufgeführt.

Vierzehn Jahre zwischen Skizze und Uraufführung.

Der Riese hinter ihm war seit dreiundvierzig Jahren tot.

Der Kern beim Vergleich mit anderen

Das ist übrigens die kürzeste Zusammenfassung des Problems.

Denn der Mensch, mit dem du dich vergleichst, weiß übrigens nichts davon.

Er sitzt zwar nicht in deinem Kopf.

Trotzdem tut er dort ständig so.

Vergleichen ist keine Beobachtung. Es ist eine Erzählung, die du über dich selbst schreibst.

Und wie jede Erzählung lässt sie sich glücklicherweise umbauen.

Vergleich mit anderen: der Blick von der Seitenbühne
Von der Seitenbühne sieht jeder besser aus. Auch du, für die anderen.

Was ein Vergleich mit anderen im Kopf anrichtet

Denn er ersetzt eine Beobachtung durch eine Rangfolge.

Und Rangfolgen haben die unangenehme Eigenschaft, dass es immer jemanden über dir gibt.

Selbst wer gewinnt, gewinnt schließlich nur diesen einen Abend.

Deshalb endet die Sache nie von selbst.

Sie endet nur, wenn du den Maßstab wechselst.

Was in diesem Beitrag steht

Warum der Vergleich mit anderen so zuverlässig lähmt und was stattdessen funktioniert.

Du bekommst die fünf Vergleichsfallen, einen eigenen Maßstab und mehrere Kniffe, von denen einer ziemlich unangenehm ist.

Dazu zwei Arbeiten.

Die zweite liefert einen Befund, der jedem Motivationsratgeber widerspricht.

Zum Mitmachen gibt es acht Übungen und zwei deutsche Videos.

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PUNKT 07

Fünf Fallen beim Vergleichen

Jede Falle hat einen eigenen Denkfehler. Wer ihn kennt, tappt seltener hinein.

Zunächst also die Diagnose.

Denn ein Vergleich ist nicht gleich ein Vergleich.

FALLE 1Das fremde Highlight
Du siehst seine besten drei Minuten
Du vergleichst deinen Alltag mit einem Ausschnitt. Der Auftritt, den du im Netz siehst, ist der beste von zwanzig.
Gegenmittel: frag nach der Zahl der Auftritte, nicht nach dem Ergebnis.
FALLE 2Die falsche Zeitrechnung
Sein drittes Jahr gegen dein erstes
Fast jeder Vergleich ignoriert den Anfangszeitpunkt. Und zwei Jahre Vorsprung sehen aus wie Talent.
Gegenmittel: Anfangsjahr erfragen und im Kopf abziehen.
FALLE 3Das falsche Fach
Du misst dich an einer anderen Textsorte
Wer laute Texte schreibt und sich an einem leisen Erzähler misst, vergleicht zwei Sportarten miteinander.
Gegenmittel: nur innerhalb der eigenen Bauform vergleichen.
FALLE 4Die Punktzahl als Beweis
Fünf Menschen an einem Abend
Eine Jurywertung misst einen Saal an einem Dienstag. Sie misst nicht dich und schon gar nicht dein Jahr.
Gegenmittel: Punkte über zehn Auftritte mitteln oder ganz ignorieren.
FALLE 5Der unsichtbare Rest
Du siehst die Bühne, nicht das Leben
Der gebuchte Kollege hat vielleicht keinen Job, keine Kinder und drei Monate Rücklage. Oder er hat alles davon und schläft nicht.
Gegenmittel: annehmen, dass du ein Achtel siehst. Weil es stimmt.
Vier dieser fünf Fallen sind Rechenfehler. Nur eine hat mit Können zu tun.
Vergleich mit anderen: zwei unterschiedlich lange Maßbänder
Zwei Maßbänder, zwei Startpunkte. Verglichen wird trotzdem die Länge.

Warum Falle zwei beim Vergleich mit anderen am häufigsten ist

Denn sie fühlt sich überhaupt nicht wie eine Falle an.

Wer jemanden auf einer Bühne sieht, sieht keinen Zeitstrahl.

Stattdessen sieht man ein Ergebnis und hält es für einen Zustand.

Dabei ist fast alles auf einer Slam-Bühne eine Frage der Wiederholung.

Und Wiederholungen kann man zählen.

Welche der fünf Fallen ist kein Rechenfehler?
Auflösung
Das falsche Fach — dort vergleichst du tatsächlich Unterschiedliches. Wann Vergleiche überhaupt nützen, steht in Punkt 15.
Du vergleichst dein Backstage mit seiner Bühne.
CLIP 1Soziale Vergleiche in der Sozialpsychologie
Prof. Erb über den sozialen Vergleich — nach oben, nach unten und mit sich selbst.
PUNKT 11

Der Griff: vergleich dich mit deinem alten Text

Ein Maßstab, den nur du hast — und der deshalb nicht lügt.

Jetzt der Handgriff.

Er ist unspektakulär und ersetzt alles andere.

Der Griff
Vergleich dich nicht mit anderen, sondern mit dir vor zwei Jahren.

Nicht mit dir gestern, das ist zu kurz. Und nicht mit dir vor zehn Jahren, das ist Nostalgie.

Zwei Jahre sind lang genug für sichtbare Entwicklung und kurz genug, um sich zu erinnern.

Dazu brauchst du nur eins: einen alten Text, den du aufgehoben hast.

Deshalb ist ein Archiv übrigens kein Ordnungsfimmel, sondern ein Messgerät.

Vergleich mit anderen: der Stapel alter Hefte
Der einzige ehrliche Vergleich liegt im eigenen Regal.

Warum ausgerechnet der eigene alte Text

Denn er hatte dieselbe Person, dieselben Umstände und dasselbe Talent.

Folglich ist alles, was sich verändert hat, auf dein Konto gegangen.

Bei einem fremden Text weißt du das nie.

Außerdem lügt der alte Text nicht.

Er ist nicht der beste von zwanzig, sondern einfach der, den du damals hattest.

Wie du den eigenen Maßstab praktisch anlegst

Nimm einen Text von vor zwei Jahren und lies ihn laut.

Markier danach drei Stellen, die du heute anders machen würdest.

Genau diese drei Stellen sind dein Fortschritt.

Und zwar messbar, nicht gefühlt.

Wer das zweimal im Jahr macht, braucht keine fremden Maßstäbe mehr.

ÜBUNG 01Dein alter Text
Such einen Text von vor zwei Jahren heraus und lies ihn laut.
PUNKT 15

Wann Vorbilder helfen und wann sie lähmen

Derselbe Mensch kann dich anspornen oder kleinmachen. Es hängt an einer einzigen Bedingung.

Jetzt allerdings der Befund, der die ganze Sache sortiert.

Penelope Lockwood und Ziva Kunda veröffentlichten 1997 im Journal of Personality and Social Psychology eine Reihe von Versuchen dazu.

Der Titel lautet dabei sinngemäß: Superstars und ich.

Der Aufbau der Versuche

Was sie über den Vergleich mit anderen herausfanden

Ein herausragendes Vorbild wirkt nur, wenn es für dich überhaupt im richtigen Fach glänzt.

Ist das der Fall, entscheidet anschließend eine zweite Bedingung alles.

Wirkt der Erfolg nämlich erreichbar, hebt er dein Selbstbild.

Wirkt er unerreichbar, drückt er es.

Und zwar messbar.

Vergleich mit anderen: die zwei Maßbänder
Erreichbar oder unerreichbar — daran hängt die ganze Wirkung.

Wann Erfolg unerreichbar wirkt

Erstens, wenn du glaubst, die Gelegenheit verpasst zu haben.

Also der Gedanke: In dem Alter hätte ich anfangen müssen.

Zweitens, wenn du glaubst, dass Fähigkeiten festliegen und sich nicht verbessern lassen.

Beides sind Überzeugungen und keine Tatsachen.

Und genau deshalb lässt sich hier ansetzen.

Nicht der Kollege macht dich klein. Sondern dein Satz darüber, ob du je dort hinkommst.
nach Lockwood und Kunda 1997
Vergleich mit anderen: nächtliches Scrollen durch fremde Auftritte
Zwei Uhr nachts. Der Vergleich mit anderen läuft, ohne dass jemand mitspielt.

Was daraus praktisch folgt

Du musst dir allerdings keine Vorbilder abgewöhnen.

Das wäre auch schade.

Du musst allerdings den Abstand in Schritte umrechnen.

Also nicht: Sie ist viel besser als ich.

Sondern: Sie hat vierhundert Auftritte mehr, und der nächste davon ist meiner in zwei Wochen.

Der ehrliche Haken an dieser Untersuchung

Zunächst sind es Laborversuche mit Studierenden aus den Neunzigern.

Die Vorbilder waren teilweise erfundene Zeitungsartikel über erfolgreiche Kommilitonen.

Außerdem misst der Versuch das Selbstbild direkt danach und nicht ein halbes Jahr später.

Für den Blick aufs Handy um zwei Uhr nachts passt es trotzdem gut.

PUNKT 19

Der Befund, der jedem Ratgeber widerspricht

Sich die eigenen Stärken vor Augen zu führen, kann die Wirkung von Vorbildern zerstören.

Zwei Jahre später legten dieselben Forscherinnen übrigens nach.

Und diesmal kam etwas heraus, das man nicht erwartet.

Was in der zweiten Untersuchung geprüft wurde

Die Arbeit erschien 1999 in derselben Zeitschrift.

Der Titel sagt es bereits: Wenn man die eigenen besten Seiten stärker ins Bewusstsein rückt, kann das die Inspiration durch herausragende Vorbilder untergraben.

Also genau das Gegenteil dessen, was jeder Ratgeber empfiehlt.

Warum Selbstlob den Vergleich verschärft

Wer sich zuerst an das eigene beste Selbst erinnert, hat sein Selbstbild schon abgesichert.

Und ein abgesichertes Selbstbild braucht das Vorbild nicht mehr.

Es vergleicht dann nur noch.

Statt zu fragen, was möglich ist, fragt es, wer weiter vorn liegt.

Dadurch wird aus einem Vorbild schließlich eine Konkurrenz.

Was du vorher tustWas das Vorbild dann istWas du danach tust
Dich an Erfolge erinnernein Konkurrentvergleichen
Dich schlechtmacheneine Drohungvermeiden
Nach dem Weg frageneine Anleitungnachbauen
Gar nichtsmeistens Zufallje nach Tagesform

Die dritte Zeile ist die brauchbare.

Denn sie verlagert die Aufmerksamkeit vom Ergebnis auf das Verfahren.

Und ein Verfahren kann man kopieren, ohne sich dabei zu messen.

Der unangenehme Kniff, der daraus folgt
Schreib dem Menschen, mit dem du dich vergleichst, eine kurze Nachricht.

Nicht mit Lob, sondern mit einer einzigen konkreten Frage. Zum Beispiel: Wie oft überarbeitest du einen Text, bevor du ihn spielst?

Das kostet Überwindung und macht zwei Dinge auf einmal.

Erstens bekommst du ein Verfahren statt eines Ergebnisses. Zweitens wird aus einer Projektionsfläche ein Mensch, der auch überarbeitet, zweifelt und Texte wegwirft.

Bisher hat mir noch niemand nicht geantwortet.

Der ehrliche Haken bei dieser Arbeit

Zunächst sind auch das Laborversuche und keine Langzeitbeobachtung.

Und der Effekt ist eine Tendenz, kein Naturgesetz.

Außerdem heißt das nicht, dass Selbstwertgefühl schadet.

Es heißt nur, dass es in diesem einen Moment die Aufmerksamkeit vom Lernen wegzieht.

Trotzdem ist der Gedanke nützlich, weil er eine verbreitete Empfehlung auf den Kopf stellt.

PUNKT 21

Der Vergleich, den niemand bemerkt

Am stärksten wirkt der Vergleich mit jemandem, der dir sehr ähnlich ist.

Ein Punkt, den fast alle übersehen.

Meistens denkt man beim Vergleichen an die Großen der Szene.

Tatsächlich richtet jemand anders viel mehr Schaden an.

Warum der Kollege schlimmer ist als der Star

Denn ein bekannter Slammer mit fünfzehn Jahren Bühne ist weit weg.

Der Abstand ist so groß, dass er dich kaum trifft.

Gefährlich wird die Person, die im selben Jahr angefangen hat wie du und jetzt öfter gebucht wird.

Denn dort fehlt die Erklärung.

Du kannst den Abstand nicht in Jahre umrechnen, weil es keine gibt.

Was du in diesem Fall machst

Such deshalb nach dem Unterschied, der nicht mit Können zu tun hat.

Meistens findest du einen.

Mehr Zeit, weniger Job, eine Stadt mit sechs Bühnen statt einer.

Und wenn du keinen findest, dann ist die Person tatsächlich weiter.

Das darf sein.

Denn ein Vergleich mit anderen hört nicht dadurch auf, dass du recht behältst.

Der gefährlichste Vergleich ist der mit dem Menschen, der zwei Meter neben dir steht.

Der Kniff für den Ernstfall

Wenn dich jemand aus deinem eigenen Jahrgang beschäftigt, geh mit ihm einen Kaffee trinken.

Das klingt nach dem Letzten, wozu du Lust hast.

Es ist trotzdem der schnellste Weg, denn nach zwanzig Minuten weißt du, wie viel diese Person absagt, verwirft und aushält.

Und danach ist sie kein Maßstab mehr, sondern jemand, der dasselbe Problem hat.

ÜBUNG 09Dein Jahrgang
Nenn die Person aus deinem Umfeld, die dich am meisten beschäftigt.
PUNKT 23

Sechs Fragen für deinen eigenen Maßstab

Einmal im Halbjahr ausfüllen. Danach ist der fremde Maßstab deutlich leiser.

Für die Abende, an denen du um halb zwei durch fremde Auftritte scrollst.

Maßstab · sechs Fragen
Frage 1
Welche Falle ist das gerade?
Nach Punkt 07. Meistens ist es die Zeitrechnung oder das fremde Highlight.
Frage 2
Wie lange macht die Person das schon?
Die Zahl kennst du oft nicht. Schätz sie und schätz absichtlich großzügig.
Frage 3
Wirkt das für mich erreichbar?
Nach Punkt 15 entscheidet genau das, ob dich der Vergleich hebt oder drückt.
Frage 4
Wie lautet der nächste Schritt?
Nicht das Ziel. Der nächste Auftritt, der nächste Text.
Frage 5
Was kann ich heute, was ich vor zwei Jahren nicht konnte?
Der Griff aus Punkt 11. Drei Dinge reichen.
Frage 6
Habe ich schon jemanden gefragt?
Der Kniff aus Punkt 19. Eine Frage nach dem Verfahren, nicht nach dem Erfolg.
Eine Regel dazu: Beantworte die Fragen nicht nachts. Nachts gewinnt der Vergleich immer.

Warum Frage zwei so gut wirkt

Denn sie verlangt eine Zahl.

Und Zahlen kühlen ab.

Wer schätzt, dass jemand seit sechs Jahren auftritt, hat den Abstand plötzlich in einer Einheit, die es auch bei ihm selbst gibt.

Und sechs Jahre sind kein Charakterunterschied.

Sie sind Zeit.

Genau das hat Brahms vierzehn Jahre lang nicht getan.

Er hat nicht gerechnet, sondern gehört.

ÜBUNG 02Deine Schätzung
Nimm die Person, mit der du dich am häufigsten vergleichst.
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Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.

Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.

PUNKT 27

Sieben Kniffe gegen den Vergleich mit anderen

Sortiert nach Aufwand. Der letzte ist der unangenehmste und wirkt am längsten.

Jetzt endlich der praktische Teil.

Kniff 1: Die Jahreszahl dazudenken

Wenn du jemanden auf einer Bühne siehst, denk außerdem eine Zahl dazu.

Nämlich das Jahr, in dem die Person angefangen hat.

Du kennst es meistens nicht.

Schätz es trotzdem, denn die Schätzung allein verändert den Blick.

Aus einem Talent wird dabei ein Zeitraum.

Kniff 2: Das Achtel-Prinzip beim Vergleich mit anderen

Nimm außerdem an, dass du von jeder fremden Laufbahn ein Achtel siehst.

Die sieben unsichtbaren Achtel enthalten abgesagte Auftritte, verworfene Texte und Abende mit vier Punkten.

Das ist keine Beschönigung, sondern schlicht die Verteilung.

Niemand postet den Dienstag, an dem es nicht lief.

Kniff 3: Die Kontoführung

Führ deshalb eine Liste mit allem, was du in einem Jahr gemacht hast.

Auftritte, Texte, Absagen, Zusagen.

Auch die kleinen Sachen.

Denn Vergleiche entstehen fast immer aus dem Gefühl heraus, gerade nichts zu tun.

Eine Liste widerlegt dieses Gefühl in vier Sekunden.

Vergleich mit anderen: die eigenen Hefte als Maßstab
Zwölf Hefte, drei Jahre. Das ist ein Maßstab, der niemandem gehört.

Kniff 4: Der Fachwechsel

Wenn dich jemand besonders beschäftigt, schau ihn dir genau an.

Und zwar mit der Frage, was er nicht macht.

Jeder gute Slammer hat eine Spezialität und damit eine Lücke daneben.

Wer laut ist, kann selten leise.

Wer komisch ist, hat es mit ernsten Texten schwer.

Und umgekehrt genauso.

Vergleich mit anderen: das Handy am späten Abend
Zwei Wochen ohne fremde Auftritte sind keine Flucht, sondern eine Messung.

Kniff 5: Die Vergleichsdiät

Nimm dir stattdessen vierzehn Tage lang keine fremden Auftritte an.

Kein Netz, keine Videos, keine Slam-Ergebnisse.

Das klingt nach Vermeidung und ist eine Messung.

Denn nach zwei Wochen weißt du, wie viel von deiner Unruhe tatsächlich aus dir kam.

Kniff 6: Der Zettel mit dem Datum

Schreib schließlich auf einen Zettel, was du heute kannst.

Mit Datum.

Leg ihn in die Schublade und vergiss ihn.

In zwei Jahren findest du ihn wieder, und dann ist er der einzige Beweis, den du je gebraucht hast.

Das ist der billigste Trick im ganzen Beitrag und der einzige, der mit der Zeit wertvoller wird.

Kniff 7: Die unangenehme Frage stellen

Aus Punkt 19.

Schreib der Person, mit der du dich vergleichst.

Eine Frage nach dem Verfahren, nicht nach dem Erfolg.

Das kostet Überwindung, und genau deshalb wirkt es.

Denn wer einmal eine Antwort bekommen hat, kann die Person danach schlecht weiter als Denkmal behandeln.

Sechs dieser Kniffe kosten Minuten. Der siebte kostet Überwindung und wirkt am längsten.
ÜBUNG 03Deine drei Kniffe
Such dir drei aus und probier sie diesen Monat.
CLIP 2Warum wir uns ständig vergleichen
Über den Einfluss sozialer Vergleiche auf das Selbstwertgefühl.
PUNKT 30

Der Vergleich in die andere Richtung

Auch der Blick nach unten hat einen Preis. Und der ist höher, als er aussieht.

Bisher ging es nur um den Blick nach oben.

Es gibt ihn aber auch andersherum.

Warum der Blick nach unten so verlockend ist

Nach einem schlechten Abend sucht man automatisch jemanden, der schlechter war.

Das funktioniert sogar.

Denn kurzfristig fühlt man sich besser.

Der Preis zeigt sich erst später.

Denn wer sich an den Schwächeren misst, hat ein Ziel gewählt, das er schon erreicht hat.

Was das mit deiner Entwicklung macht

Sie hört schlicht auf.

Und zwar unbemerkt, weil es sich gut anfühlt.

Der Blick nach oben tut weh und zeigt eine Richtung.

Der Blick nach unten tröstet und zeigt keine.

Nach Punkt 15 ist der ideale Zustand deshalb ein Abstand, der überbrückbar aussieht.

Nicht null und nicht unendlich.

Wer sich nur mit Schwächeren vergleicht, hat den Wettbewerb gewonnen und das Handwerk verloren.

Der Kniff für beide Richtungen

Such dir deshalb bewusst eine Person, die etwa zwei Jahre weiter ist.

Also nicht fünfzehn, sondern zwei.

Dieser Abstand ist groß genug, um etwas zu lernen, und klein genug, um erreichbar zu wirken.

Und das ist genau die Bedingung, die Lockwood und Kunda als entscheidend beschrieben haben.

ÜBUNG 10Deine zwei Jahre
Nenn eine Person, die ungefähr zwei Jahre weiter ist als du.
PUNKT 31

Wann Vergleichen sogar nützlich ist

Es gibt drei Fälle, in denen der Blick zur Seite genau richtig ist.

Dieser Beitrag ist allerdings kein Plädoyer für Scheuklappen.

Fall eins: Der Vergleich als Handwerkslehre

Denn wer wissen will, wie ein Text aufgebaut ist, muss ihn sich ansehen.

Das ist kein Vergleich, sondern Handwerkslehre.

Der Unterschied liegt in der Frage.

Wie gut ist er ist ein Vergleich.

Wie ist er gemacht ist eine Analyse.

Fall zwei: Du brauchst eine Richtung

Am Anfang weiß niemand, was auf einer Bühne überhaupt möglich ist.

Dann sind andere Slammer eine Landkarte.

Nach Punkt 15 funktioniert das aber nur, solange der Abstand überbrückbar wirkt.

Fall drei: Du willst wissen, wo du stehst

Einmal im Jahr ist das legitim.

Etwa vor der Entscheidung, ob du dich für einen größeren Wettbewerb anmeldest.

Dann ist der Vergleich ein Werkzeug mit einem Zweck.

Und er hört auf, wenn die Entscheidung gefallen ist.

Wo dieser Beitrag aufhört
Hier geht es um das gewöhnliche Vergleichen. Also den Abend, an dem du nach einem fremden Video schlechter gelaunt bist.

Wenn der Vergleich dagegen dauerhaft an deinem Selbstwert zieht, wenn du dich über Wochen wertlos fühlst oder dich zurückziehst, ist das kein Bühnenproblem mehr.

Dann hilft ein Gespräch mit jemandem, der zuhört, deutlich mehr als jeder Kniff aus Punkt 27. Eine Hausärztin oder eine Beratungsstelle ist dafür ein guter erster Schritt.
PUNKT 34

Zehn Fehler beim Vergleichen

Fünf im Kopf, fünf im Verhalten. Die zweite Gruppe ist die teurere.

Fünf Fehler im Kopf

Fehler 1: Ergebnisse mit Zuständen verwechseln
Nach Punkt 07 ist fast jeder Vorsprung ein Zeitvorsprung und keine Eigenschaft.
Fehler 2: Das beste Video für den Alltag halten
Du siehst den besten von zwanzig Auftritten und hältst ihn für den Durchschnitt.
Fehler 3: Fähigkeiten für festgelegt halten
Nach Punkt 15 ist genau diese Überzeugung der Punkt, an dem ein Vorbild zu drücken beginnt.
Fehler 4: Sich am falschen Fach messen
Ein leiser Erzähler und ein lauter Performer machen nicht dasselbe Handwerk.
Fehler 5: Nachts vergleichen
Um zwei Uhr gewinnt der Vergleich immer. Das ist keine Erkenntnis, sondern Müdigkeit.

Denn der Vergleich mit anderen ist selten ein Urteil über dein Können.

Vergleich mit anderen: der Blick aus der Gasse
Von hier sieht alles größer aus. Auch das ist eine Perspektive.

Fünf Fehler im Verhalten

Fehler 6: Den eigenen Text umbauen, weil ein anderer gewinnt
Damit baust du eine schlechtere Kopie von etwas, das es schon gibt.
Fehler 7: Der Person aus dem Weg gehen
Vermeidung hält das Denkmal am Leben. Ein Gespräch nimmt ihm den Sockel.
Fehler 8: Aufhören anzumelden
Wer sich nicht mehr traut, hat den Vergleich gewonnen und die eigene Entwicklung verloren.
Fehler 9: Über andere reden statt mit ihnen
Das fühlt sich kurz besser an und macht die Szene für alle unangenehmer.
Fehler 10: Nichts aufheben
Ohne alte Texte gibt es keinen eigenen Maßstab. Und ohne eigenen Maßstab bleibt nur der fremde.
PUNKT 38

Sechs Schritte für ein Jahr ohne fremden Maßstab

Einmal aufsetzen, zweimal im Jahr prüfen. Mehr braucht es nicht.

Drei Schritte zum Aufsetzen

Schritt 1 – Das Archiv anlegen
Ein Ordner mit Datum. Ohne ihn gibt es keinen eigenen Maßstab.
Schritt 2 – Den Zettel schreiben
Aus Punkt 27. Was kannst du heute? Datum drauf, Schublade zu.
Schritt 3 – Eine Frage stellen
Aus Punkt 19. Eine Person, eine Frage nach dem Verfahren.

Drei Schritte zum Dranbleiben

Schritt 4 – Halbjährlich den alten Text lesen
Aus Punkt 11. Drei Stellen markieren, die du heute anders machst.
Schritt 5 – Die Jahresliste führen
Aus Punkt 27. Alles, was du gemacht hast. Auch das Kleine.
Schritt 6 – Nachts nichts entscheiden
Keine Anmeldung zurückziehen, keinen Text streichen, keine Bilanz ziehen.
Archiv anlegen, Zettel schreiben, eine Frage stellen. Zusammen zwanzig Minuten.
ÜBUNG 04Dein Zettel
Schreib jetzt auf, was du heute kannst. Mit Datum.
ÜBUNG 05Deine Frage
Formulier die Frage, die du jemandem schickst.
ÜBUNG 06Deine Jahresliste
Zähl zusammen, was du in den letzten zwölf Monaten gemacht hast.
ÜBUNG 07Deine Diät
Leg zwei Wochen ohne fremde Auftritte fest.
ÜBUNG 08Dein nächster Schritt
Zum Schluss die zwei Fragen, die den Unterschied machen.
PUNKT 42

Die Abnahme

Zehn Zeilen. Wenn acht davon stimmen, hast du einen eigenen Maßstab.

Alles aus diesem Beitrag auf einer Seite.

KARLSRUHE

Wie es mit Brahms ausging

Zurück zu dem Mann mit dem Riesen im Rücken.

Am 4.

November 1876 wurde die erste Sinfonie in Karlsruhe uraufgeführt.

Vorher hatte Brahms sie Clara Schumann am Klavier vorgespielt.

Danach folgten die zweite, die dritte und die vierte Sinfonie innerhalb von neun Jahren.

Was Brahms Zahlen über den Vergleich zeigen

Also vierzehn Jahre für die erste und neun für die restlichen drei.

Der Unterschied lag allerdings nicht am Können.

Das war vorher schon da.

Der Unterschied lag daran, dass der Vergleich nach der ersten Sinfonie seine Macht verloren hatte.

Er hatte eine gemacht.

Damit war die Frage beantwortet, und zwar nicht durch Nachdenken, sondern durch Tun.

Vergleich mit anderen: der eigene Auftritt zählt
Auf der Bühne ist der Vergleich vorbei. Da bist nur du und der Text.
„Der Riese, den Brahms hinter sich marschieren hörte, war seit dreiundvierzig Jahren tot. Er marschierte trotzdem laut genug für vierzehn Jahre Stille.“
Was ein Vergleich anrichten kann, wenn man ihn nicht rechnet

Was du daraus mitnimmst

Nicht, dass man Vergleiche abstellen kann.

Das kann niemand.

Sondern dass sie ihre Kraft verlieren, sobald du anfängst.

Denn ein einziger fertiger Text schlägt jede Überlegung darüber, ob er gut genug wäre.

Und der nächste Slam ist in zwei Wochen.

Der Riese kommt nicht mit.

WEITERGEHEN

Was ein eigener Maßstab nicht ersetzt

Alles hier sorgt dafür, dass du dich nicht mehr an anderen misst.

Besser wirst du dadurch nicht automatisch.

Wer aufhört zu vergleichen und nichts ändert, steht danach zufrieden auf derselben Stelle.

Warum Handwerk den Vergleich überflüssig macht

Der eigentliche Grund für das Vergleichen ist Unsicherheit über den eigenen Stand.

Wer nicht weiß, ob ein Text funktioniert, sucht die Antwort außen.

Wer dagegen weiß, warum eine Pointe sitzt und warum eine andere nicht sitzt, braucht dafür niemanden.

Kurz gesagt: Können ersetzt den fremden Maßstab durch einen inneren.

Poetry Master
Genau dafür habe ich Poetry Master gebaut.

Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also die Mittel, mit denen du nach einem Auftritt selbst weißt, was funktioniert hat – und zwar bevor die Punkte kommen.

Den Zettel mit dem Datum schreibst du in zwei Minuten. Zu wissen, warum dein Text besser geworden ist, ist die eigentliche Arbeit.

Jahre statt Talent rechnen. Ein Achtel annehmen. Und dem Riesen eine Frage stellen.
Brahms hat vierzehn Jahre zugehört. Danach hat er neun Jahre lang geschrieben.

Übrigens habe ich einmal jemanden gefragt, den ich für unerreichbar hielt, wie oft er einen Text überarbeitet.

Die Antwort lautete: bis mir schlecht wird, meistens elfmal.

Das war der Abend, an dem aus einem Denkmal ein Kollege wurde.

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Wenn du diese Techniken nicht nur lesen,
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✦ ✦ ✦ die zweiunddreißig bücher

Die zweiunddreißig Bücher

Zweiunddreißig Schläge gegen die Stille. Wähle dein Gift.

Die Bahn als Schreibstudio Nr. 1 Die Bahn als Schreibstudio Schreiben in Bewegung Gefühle in Worte fassen Nr. 2 Gefühle in Worte fassen ohne kitschig zu werden Ich bin nicht nervös, ich bin geladen Nr. 3 Ich bin nicht nervös ich bin geladen 3 Uhr nachts Nr. 4 3 Uhr nachts Gedanken zwischen Stationen 120 Schläge Nr. 5 120 Schläge gegen die Gleichgültigkeit Niemand hält deinen Zug auf - 111 Impulse Nr. 6 Niemand hält deinen Zug auf 111 Impulse · Kein Trost Poetry Master Nr. 7 Poetry Master Stimme trifft Seele Genosse Waschbär - Bahn-Slam-Geschichten Nr. 8 Genosse Waschbär Bahn-Slam-Geschichten 147 Gründe, warum ich dich hasse Nr. 9 147 Gründe warum ich dich hasse Genosse Waschbär Band 10 – Was die Welt mir schuldet Nr. 10 Was die Welt mir schuldet Band 10 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 11 – Der konservative Waschbär Nr. 11 Der konservative Waschbär Band 11 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 12 – Der liberale Waschbär Nr. 12 Der liberale Waschbär Band 12 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 13 – Der grüne Waschbär Nr. 13 Der grüne Waschbär Band 13 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 14 – Der rechtskonservative Waschbär Nr. 14 Der rechtskonservative Waschbär Band 14 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 15 – Der populistische Waschbär Nr. 15 Der populistische Waschbär Band 15 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 16 – Der unpolitische Waschbär Nr. 16 Der unpolitische Waschbär Band 16 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 17 – Der schwule Waschbär Nr. 17 Der schwule Waschbär Band 17 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 18 – Die lesbische Waschbärin Nr. 18 Die lesbische Waschbärin Band 18 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 19 – Der Gen-Z-Waschbär Nr. 19 Der Gen-Z-Waschbär Band 19 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 20 – Der Ossi-Waschbär Nr. 20 Der Ossi-Waschbär Band 20 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 21 – Der Wessi-Waschbär Nr. 21 Der Wessi-Waschbär Band 21 · Bahn-Slam-Geschichten Genosse Waschbär Band 22 – Der liberale Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 22 Der liberale Waschbär Band 22 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 23 – Der grüne Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 23 Der grüne Waschbär Band 23 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 24 – Der konservative Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 24 Der konservative Waschbär Band 24 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 25 – Der sozialdemokratische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 25 Der sozialdemokratische Waschbär Band 25 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 26 – Der linke Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 26 Der linke Waschbär Band 26 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 27 – Der rechtspopulistische Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 27 Der rechtspopulistische Waschbär Band 27 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 28 – Der schwule Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 28 Der schwule Waschbär Band 28 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 29 – Die lesbische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 29 Die lesbische Waschbärin Band 29 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 30 – Der Gen-Z-Waschbär (Wahlprogramm) Nr. 30 Der Gen-Z-Waschbär Band 30 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 31 – Die unpolitische Waschbärin (Wahlprogramm) Nr. 31 Die unpolitische Waschbärin Band 31 · Wahlprogramm Genosse Waschbär Band 32 – Das einzige Buch, das du über die Bahn lesen solltest Nr. 32 Alles über die Bahn Band 32 · Das einzige Buch
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Prokrastination beim Schreiben
Was passiert, wenn der Vergleich das Anfangen verhindert.

Über BahnSlam

Stephan Pinkwart verkörpert einzigartig die Welt der Poetry Slams und der Bahn. Mit fesselnden Auftritten verbindet er die Kraft der Worte mit seiner Liebe zu Zügen. Seine Poesie ist tiefgründig und emotional, und seine Leidenschaft für die Bahn symbolisiert Freiheit und Verbindung. Pinkwarts Kunst begeistert Poetry Slam-Fans und Eisenbahnliebhaber gleichermaßen.

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