Schreiben im Zug: Warum Fahrpläne die besten Musen sind
Fünf Stunden waren geplant. Es wurden acht. Und ich habe in dieser Zeit mehr geschrieben als in den drei Monaten davor.
Die Fahrt nach Görlitz begann mit einer Weichenstörung und endete mit einem Ersatzbus.
Dazwischen lagen zwei Umstiege, ein Bahnsteig ohne Wartehäuschen und eine Stunde, in der niemand sagen konnte, wann es weitergeht.
Ich hatte an diesem Tag kein Buch dabei und der Akku war bei achtzehn Prozent.
Also habe ich angefangen zu schreiben.
Nicht aus Disziplin. Aus Langeweile.
Am Abend hatte ich einen fertigen Text. Nicht einen Entwurf, sondern einen Text, den ich zwei Wochen später gespielt habe und der funktioniert hat.
Erstens hat mich das überrascht. Zweitens hat es meine Arbeitsweise dauerhaft verändert.
Dieser Beitrag handelt davon, warum das kein Zufall war.
Denn Schreiben im Zug ist keine Notlösung für Menschen ohne Schreibtisch. Es ist unter bestimmten Bedingungen die bessere Arbeitsumgebung.
Am Ende bekommst du wieder genau einen Griff. Er braucht nichts weiter als den Fahrplan, den du ohnehin schon hast.
Denn Schreiben im Zug scheitert fast nie am Lärm. Es scheitert an fehlender Einteilung.
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Jetzt Kanal folgenEs gibt vier Gründe, und drei davon haben nichts mit Romantik zu tun.
Erstens: Du kannst nicht weg
Das ist der wichtigste Punkt und der unromantischste.
Am Schreibtisch kannst du jederzeit aufstehen, Kaffee kochen, die Spülmaschine ausräumen oder plötzlich dringend etwas nachschlagen.
Im Zug geht das alles nicht. Der Raum ist begrenzt, die Möglichkeiten sind es auch, und die einzige echte Alternative zum Schreiben ist Aus-dem-Fenster-Schauen.
Und Aus-dem-Fenster-Schauen ist beim Schreiben bekanntlich Teil der Arbeit.
Deshalb ist Schreiben im Zug für viele produktiver als jeder freie Nachmittag.
Zweitens: Die Zeit hat einen Rahmen
Eine Fahrt hat einen Anfang und ein Ende, und beide stehen vorher fest.
Das ist etwas völlig anderes als ein freier Nachmittag, der theoretisch unbegrenzt ist und deshalb praktisch nie anfängt.
Vier Stunden Regionalverkehr sind ein Zeitfenster mit Türen. So etwas erzeugt Tempo.
Zusammen mit dem ersten Punkt ergibt das die halbe Erklärung, warum Schreiben im Zug funktioniert.
Drittens: Es passiert ununterbrochen etwas
Menschen steigen ein und aus, jemand telefoniert zu laut, draußen zieht eine Landschaft vorbei, die niemand fotografiert.
Das klingt nach Ablenkung und ist in Wahrheit Material.
Ein Schreibtisch liefert dir nichts. Ein Abteil liefert dir alle zwanzig Minuten etwas Neues.
Beim Schreiben im Zug bekommst du den Rohstoff also gratis mitgeliefert.
Und viertens: Niemand erwartet etwas von dir
Während einer Fahrt bist du für alle unerreichbar und dabei völlig legitim beschäftigt.
Es ist die einzige Zeit im Alltag, in der Nichtstun gesellschaftlich vollständig akzeptiert ist.
Genau in dieser Lücke lässt sich hervorragend arbeiten.
Erstens ist das entlastend. Zweitens erklärt es, warum Schreiben im Zug so wenig Überwindung kostet.
1973 setzte sich ein amerikanischer Romanautor in London in einen Zug.
Er fuhr durch Europa, den Nahen Osten, Indien und Südostasien bis nach Japan und über die Transsibirische Eisenbahn zurück.
Vier Monate. Dreißig Kapitel, von denen jedes eine Zugfahrt ist.
Das Buch heißt The Great Railway Bazaar, erschien 1975 und hat sich millionenfach verkauft. Es gilt bis heute als Gründungstext des modernen Reiseberichts.
Warum ausgerechnet der Zug
Theroux hat das im Vorwort einer späteren Ausgabe selbst erklärt.
Sinngemäß: Im Zug könne man alles machen. Man könne sein Leben leben und dabei große Entfernungen zurücklegen. Es gebe wenig Stress, manchmal Komfort und etwas Romantisches am Einsteigen.
Er war als Kind in Hörweite einer Bahnstrecke aufgewachsen, und die Pfeiftöne waren für ihn die Musik der Verzauberung.
Damit beschreibt er ziemlich genau, was Schreiben im Zug bis heute ausmacht.
Der ehrliche Haken, und er ist groß
Das Buch ist keine Liebeserklärung.
Wer es liest, merkt spätestens ab der Hälfte, dass Theroux zunehmend genervt, erschöpft und gereizt ist.
Er beschreibt korrupte Bahnbedienstete, unzuverlässige Fahrpläne, schlechtes Essen und endlose leere Nachmittage.
Manche Leserinnen und Leser halten das Buch deshalb für eine einzige lange Beschwerde. Und sie haben nicht ganz unrecht.
Trotzdem bleibt es das Standardwerk. Schreiben im Zug muss offenbar nicht angenehm sein, um zu funktionieren.
Es funktioniert, weil es dich in einen Zustand versetzt, in dem du beobachtest statt zu erleben. Theroux war die meiste Zeit schlecht gelaunt und hat genau deshalb so genau hingesehen. Gute Laune ist keine Voraussetzung, sondern eher ein Hindernis.
Jetzt der Teil, für den du hergekommen bist.
Es gibt genau eine Sache, die zuverlässig funktioniert. Und sie ist wieder enttäuschend simpel.
Nicht schreiben, bis es klingelt. Sondern: bis zum nächsten Halt nur sammeln. Bis zum übernächsten nur ordnen. Danach nur schreiben.
Der Fahrplan macht die Einteilung für dich. Du musst sie nur benutzen.
Das war es. Ein Blick auf die Haltestellenliste, mehr nicht.
Damit wird Schreiben im Zug von einer vagen Absicht zu einem Ablauf.
Warum das so gut funktioniert
Weil der häufigste Fehler beim Schreiben unterwegs die fehlende Struktur ist.
Man setzt sich hin, öffnet das Notizbuch und will jetzt einen Text schreiben. Das ist eine viel zu große Aufgabe für ein Abteil.
Ein Abschnitt zwischen zwei Halten dauert dagegen fünfzehn bis dreißig Minuten. Das ist genau die Länge, in der eine einzelne Aufgabe erledigt werden kann.
Und der Halt ist ein natürlicher Schnitt. Der Zug bremst, Menschen bewegen sich, du schaust auf. Danach fängst du mit dem nächsten Schritt an.
Der zweite Vorteil, den kaum jemand nutzt
Du weißt vorher, wie viele Abschnitte du hast.
Eine Fahrt mit sieben Halten hat sechs Abschnitte. Damit hast du sechs Arbeitsschritte, und du kannst sie vorher verteilen.
Das ist die einzige Form von Zeitplanung, die ich kenne, die man nicht selbst aufstellen muss. Sie steht schon in der App.
Genau deshalb ist der Fahrplan das wichtigste Werkzeug beim Schreiben im Zug.
Ein Blick auf die Halte reicht. Alles Weitere in diesem Beitrag ist Zubehör. Das hier ist das Werkzeug.
So sieht die Aufteilung in der Praxis aus.
Die Zeiten sind Beispiele für eine vierstündige Fahrt und lassen sich beliebig stauchen.
Zuerst also der Ablauf, danach die Ausrüstung.
Die drei Abschnitte der Vorarbeit
Die beiden Abschnitte, in denen der Text entsteht
Diese Einteilung sieht streng aus und ist eine Erleichterung.
Denn Entscheidungen kosten unterwegs mehr Kraft als die Arbeit selbst.
Denn du musst zu keinem Zeitpunkt entscheiden, was du gerade tun sollst.
Erstaunlich wenig, und das ist Teil des Reizes.
| Was | Warum | Was passiert ohne |
|---|---|---|
| Papier-Notizbuch | Kein Akku, kein Netz, kein Update. | Du schreibst nicht. |
| Zwei Stifte | Einer geht immer verloren. | Du schreibst nicht. |
| Kopfhörer | Notausgang bei Telefonaten im Abteil. | Du hörst nur noch mit. |
| Wasser | Trockener Mund, müder Kopf. | Du wirst nach zwei Stunden dumpf. |
| Etwas zu essen | Bordbistro ist Glückssache. | Du hörst nach drei Stunden auf. |
| Ein Foto der Seiten | Sicherung gegen Verlust. | Siehe Kapitel sechs. |
Auffällig ist, was nicht auf der Liste steht.
Zusammen passt das alles in eine Jackentasche, und genau das ist der Punkt.
Kein Laptop. Nicht, weil er nicht ginge, sondern weil er drei Nachteile mitbringt: Akku, Klapptischgröße und die permanente Möglichkeit, doch noch etwas nachzuschauen.
Handschrift ist auf einer Fahrt langsamer und produziert nach meiner Erfahrung deutlich mehr brauchbares Material.
Fürs Schreiben im Zug ist Langsamkeit übrigens ein Vorteil und kein Mangel.
Wenn du zu ihnen gehörst, nimm den Laptop mit und lade vorher voll. Der Griff aus Kapitel drei funktioniert unabhängig davon, womit du schreibst.
Es gibt eine Geschichte, die jeder kennen sollte, der unterwegs schreibt.
Im Dezember 1922 war Ernest Hemingway dreiundzwanzig Jahre alt und arbeitete als Korrespondent in der Schweiz.
Ein Herausgeber hatte Interesse an seinen Texten gezeigt. Also bat er seine Frau Hadley, ihm seine Arbeiten nachzubringen.
Sie packte alles ein, was sie finden konnte. Originale, Durchschläge, handschriftliche Notizen zu einem Roman.
Was am Gare de Lyon passierte
Der Koffer stand kurz unbeaufsichtigt im Zug, während sie noch einmal ausstieg.
Als sie zurückkam, war er weg.
Er ist nie wieder aufgetaucht. Verloren waren nach verschiedenen Angaben etwa elf Erzählungen und zwanzig Gedichte, praktisch das gesamte frühe Werk.
Übrig blieben zwei Geschichten und ein paar Bleistiftfassungen.
Es ist die abschreckendste Geschichte, die es zum Thema Schreiben im Zug gibt.
In einem Brief an Ezra Pound schrieb Hemingway im Januar 1923 sinngemäß, Hadley habe die Sache dadurch vollständig gemacht, dass sie auch sämtliche Durchschläge eingepackt hatte.
Der ehrliche Haken
Die Berichte über die Einzelheiten gehen auseinander. Mal heißt es, sie sei losgegangen, um Wasser zu kaufen, mal, ein Gepäckträger habe die Taschen gebracht.
Und es gibt bis heute Fachleute, die argumentieren, der Verlust sei für Hemingways Stil sogar ein Gewinn gewesen, weil er ohne seine frühen Fassungen neu anfangen musste.
Das mag stimmen. Man sollte trotzdem nicht darauf hoffen.
Zusammengefasst: Schreiben im Zug hat genau ein echtes Risiko, und es heißt Gepäck.
Das dauert dreißig Sekunden und ist die einzige Versicherung, die es beim Schreiben im Zug gibt. Ein Notizbuch bleibt im Ablagefach liegen, ein Handy fällt zwischen die Sitze, ein Rucksack wird verwechselt.
Ich mache das seit Jahren an jedem Umstieg. Es hat sich dreimal gelohnt.
Nicht jede Art von Arbeit gelingt unterwegs gleich gut.
Nach ein paar Jahren kann man ziemlich genau sagen, was wohin gehört.
Denn Schreiben im Zug eignet sich für manche Arbeitsschritte hervorragend und für andere überhaupt nicht.
| Arbeitsschritt | Im Zug | Warum |
|---|---|---|
| Ideen sammeln | Hervorragend | Ständig neue Reize von außen. |
| Erste Fassung | Sehr gut | Kein Ausweichen möglich, klarer Zeitrahmen. |
| Struktur bauen | Gut | Funktioniert mit Stichworten auf einer halben Seite. |
| Auswendig lernen | Gut | Leises Mitsprechen fällt kaum auf. |
| Feinschliff am Satz | Mäßig | Zu viele Unterbrechungen für Detailarbeit. |
| Streichen und kürzen | Schlecht | Braucht Abstand, den du unterwegs nicht hast. |
| Recherche | Schlecht | Netz bricht ab, und du verlierst den Faden. |
Die beiden letzten Zeilen sind die wichtigsten.
Wer im Zug kürzen will, kürzt fast immer zu viel oder zu wenig, weil ihm der Abstand fehlt.
Erstens fehlt der Abstand. Zweitens fehlt die Ruhe, den Verlust danach zu bemerken.
Und wer anfängt zu recherchieren, hat seinen Abschnitt verloren. Schreib stattdessen eine eckige Klammer und mach weiter.
Kurz gesagt: Schreiben im Zug ist für das Entstehen da und nicht für das Feilen.
Jetzt zu dem Teil, den alle fürchten und der überraschend produktiv ist.
Denn Störungen sind beim Schreiben im Zug kein Hindernis, sondern zusätzliche Abschnitte.
Drei Störungen und was du daraus machst
Die Verspätung
Der Ersatzbus
Der ungeplante Aufenthalt
Das klingt nach Kalenderspruch und ist rechnerisch korrekt: Du hattest diese Zeit vorher nicht eingeplant, also hast du sie zusätzlich. Wütend sein kannst du danach immer noch, und meistens ist die Wut dann kleiner, weil etwas entstanden ist.
Ganz nebenbei ist das der einzige Umgang mit Verspätungen, der die Fahrt tatsächlich angenehmer macht.
Damit ist Schreiben im Zug ganz nebenbei auch eine Methode gegen schlechte Laune.
Du willst mehr von diesen Ideen?
Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
Anmeldung, Zeitlimit, Jury, Finalrunde – wie der Laden läuft.
Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
Wie weit darfst du gehen – und wem gehört die Geschichte?
Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
Ein Zug ist voller Geschichten, und die meisten davon gehören anderen Leuten.
Das ist der heikelste Punkt in diesem ganzen Beitrag.
Denn Schreiben im Zug bedeutet immer auch, unter Menschen zu arbeiten, die nicht gefragt wurden.
Was du beobachten darfst
Alles, was du sowieso mitbekommst: Stimmungen, Gesten, Kleidung, die Art, wie jemand seinen Kaffee hält.
Auch Gesprächsfetzen, die im halben Waggon zu hören sind, gehören zur öffentlichen Situation.
Und alles, was du daraus erfindest. Der interessanteste Teil beginnt ohnehin hinter dem, was du wirklich weißt.
Trotzdem gilt hier eine Grenze, und sie ist enger, als die meisten annehmen.
Wo die Grenze verläuft
Nicht mitschreiben, was jemand am Telefon über seine Krankheit, seine Scheidung oder sein Geld sagt.
Diese Menschen halten sich für unbeobachtet, auch wenn sie es objektiv nicht sind. Und sie haben keine Möglichkeit, dir zu widersprechen.
Wenn du eine reale Situation verwendest, mach sie unkenntlich: anderer Ort, andere Konstellation, andere Details.
Mehr dazu steht in Grenzen setzen.
Zusammengenommen ist das die einzige echte Regel beim Schreiben im Zug.
Der Unterschied ist einfach zu prüfen: Könnte die Person sich in deinem Text wiedererkennen und wäre ihr das unangenehm? Dann ändere so lange etwas, bis die Antwort nein lautet.
Eine Fahrt um sieben Uhr morgens ist etwas völlig anderes als dieselbe Strecke um zehn Uhr abends.
Und zwar nicht nur für die Stimmung, sondern für die Art von Text, die dabei entsteht.
Der Frühzug
Voll, still und müde. Alle sitzen mit halb geschlossenen Augen da, niemand redet.
Das ist die produktivste Zeit für erste Fassungen, weil dein Kopf noch nicht mit dem Tag beschäftigt ist und die Umgebung dich in Ruhe lässt.
Nachteil: Du bist selbst müde. Rechne mit gröberen Sätzen und mehr Lücken.
Der Vormittagszug
Die beste Zeit für Struktur.
Der Zug ist halbleer, du bist wach, und die Konzentration hält lange genug für die Auswahl und Ordnung aus Kapitel vier.
Wenn du nur eine Fahrt in der Woche zum Schreiben nutzen kannst, nimm diese.
Der Nachmittagszug
Am unruhigsten. Schulschluss, Feierabendbeginn, viel Bewegung im Wagen.
Für konzentriertes Formulieren ist das schwierig, für das Sammeln aus Kapitel vier dagegen ideal. Hier bekommst du das meiste Material geschenkt.
Ich schreibe nachmittags fast nur Listen und Beobachtungen.
Der Nachtzug
Die eigenartigste Zeit, und für viele die fruchtbarste.
Draußen ist nichts zu sehen außer der eigenen Spiegelung. Das Abteil wird zu einem geschlossenen Raum, und die Texte werden regelmäßig persönlicher als geplant.
Genau deshalb sollte man nachts Geschriebenes nie am selben Abend beurteilen. Es liest sich am nächsten Morgen oft anders, und zwar in beide Richtungen.
Wer das weiß, plant Schreiben im Zug nicht mehr nach freien Terminen, sondern nach Tageszeit. Und das ist der zweitgrößte Hebel nach dem Griff aus Kapitel drei.
Klapp auf, was dich betrifft.
Diese zwölf decken so ziemlich alles ab, was beim Schreiben im Zug schiefgehen kann.
Sechs praktische Probleme
Mir wird beim Schreiben schlecht.
Es ist zu laut.
Der Klapptisch wackelt.
Ich habe keinen Sitzplatz.
Mein Akku ist leer.
Jemand redet mich an.
Sechs Fragen zur Arbeitsweise
Soll ich vorher wissen, worüber ich schreibe?
Was, wenn nichts kommt?
Lohnt sich das auch bei kurzen Fahrten?
Soll ich den Text am selben Tag überarbeiten?
Was mache ich mit den Seiten danach?
Funktioniert das auch im Auto oder Flugzeug?
Diese sechs kannst du auf der nächsten Fahrt ausprobieren.
Fang mit einer an, nicht mit allen.
Denn Schreiben im Zug lernt man auf genau eine Weise, nämlich durch Fahren.
Drei Übungen zum Sammeln
Übung 1 – Der Fensterabschnitt
Übung 2 – Die Ansagen
Übung 3 – Der Umstieg
Drei Übungen zum Schreiben
Übung 4 – Ein Halt, eine Strophe
Übung 5 – Die Lückenfassung
Übung 6 – Das leise Mitsprechen
Dieses Kapitel gehört hierher, weil ein guter Schreibort auch ein Versteck sein kann.
Und weil ich das selbst eine Weile nicht bemerkt habe.
Erstens ist das selten. Zweitens fällt es einem selbst zuletzt auf.
Wenn du dagegen nur noch unterwegs schreiben kannst, wenn du Fahrten suchst, um überhaupt anzufangen, oder wenn du zu Hause nicht mehr an den Tisch kommst, dann ist der Zug kein Arbeitsplatz mehr. Dann ist er eine Fluchtbewegung.
Anzeichen, bei denen du hinschauen solltest
Du buchst Fahrten, die du nicht brauchst, weil du sonst nicht schreibst.
Du fühlst dich zu Hause an deinem eigenen Schreibtisch unwohl.
Du schiebst alles Schwierige auf die nächste Fahrt und dann auf die übernächste.
Oder du merkst, dass es nicht ums Schreiben geht, sondern darum, nicht zu Hause zu sein.
Was dann hilft
Nimm einen einzelnen Bestandteil der Fahrt mit nach Hause.
Zum Beispiel die Begrenzung: Stell dir einen Wecker auf vierzig Minuten und behandle sie wie einen Abschnitt zwischen zwei Halten.
Oder das Nicht-weg-Können: Schreib in einem Café ohne Ladekabel, bis der Akku leer ist.
Der Zug ist nämlich kein magischer Ort. Er stellt nur ein paar Bedingungen her, die man auch anders herstellen kann.
Schreiben im Zug ist also eine Methode und kein Ort.
Und wenn das Unterwegssein über das Schreiben hinaus zu einem Muster wird, wenn du also regelmäßig fährst, um nicht ankommen zu müssen, lohnt sich ein ehrliches Gespräch darüber. Die Hausarztpraxis ist dafür ein völlig normaler erster Schritt. Termine für die psychotherapeutische Sprechstunde vermittelt in Deutschland die Terminservicestelle unter der 116117.
Und wenn es dir gerade richtig schlecht geht, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222.
Sechs Fragen. Hak ehrlich ab, es sieht ja niemand.
Auswertung in einem Satz: Wenn du bei den ersten drei Punkten zustimmen konntest, wird deine nächste Fahrt mit ziemlicher Sicherheit produktiv.
Und wenn du beim fünften gezögert hast, lies noch einmal Kapitel sechs.
Übrigens gelingt Schreiben im Zug fast immer beim zweiten Versuch, wenn es beim ersten nichts wurde.
Fünf Fehler vor der Fahrt
Fehler 1: Ohne Papier losfahren
Fehler 2: Sich ein Thema vornehmen
Fehler 3: Zu viel mitnehmen
Fehler 4: Die Fahrt nicht anschauen
Fehler 5: Sich einen guten Tag vornehmen
Fünf Fehler während der Fahrt
Fehler 6: Sofort formulieren wollen
Fehler 7: Zurückblättern
Fehler 8: Bei jeder Lücke nachschlagen
Fehler 9: Im letzten Abschnitt noch alles umbauen
Fehler 10: Die Seiten nicht sichern
Kein Programm, sondern eine einzige Fahrt.
| Wann | Was du machst | Dauer |
|---|---|---|
| Am Abend davor | Notizbuch und zwei Stifte einpacken. | 2 Minuten |
| Am Bahnsteig | Halte zählen und Abschnitte verteilen. | 3 Minuten |
| Abschnitt 1 | Leerschreiben, ohne Anspruch. | 20 Minuten |
| Abschnitt 2 | Nur Stichworte sammeln. | 30 Minuten |
| Abschnitt 3 | Eine Sache auswählen und ordnen. | 30 Minuten |
| Abschnitt 4 und 5 | Erste Fassung am Stück schreiben. | 60 Minuten |
| Letzter Abschnitt | Leise mitlesen und markieren, nichts ändern. | 20 Minuten |
| Beim Aussteigen | Alle Seiten fotografieren. | 30 Sekunden |
Der wichtigste Eintrag steht ganz oben.
Denn die Fahrt selbst funktioniert nur, wenn das Notizbuch am Abend davor eingepackt wurde.
Damit steht dein Schreiben im Zug auf einer Grundlage, die keine Motivation braucht.
Zurück nach Görlitz.
Acht Stunden, zwei Umstiege, ein Ersatzbus, eine Stunde auf einem Bahnsteig ohne Dach.
Und ein fertiger Text am Abend.
Was ich daran nicht verstanden hatte
Ich hatte in den drei Monaten davor jeden Sonntag für das Schreiben freigehalten.
Ich hatte einen aufgeräumten Tisch, gutes Licht, Kaffee und niemanden, der störte.
Entstanden ist in diesen zwölf Sonntagen: fast nichts.
Ich habe jedes Mal gewartet, bis die Bedingungen stimmen. Und sie stimmten immer, weshalb ich sie immer noch ein bisschen verbessern konnte.
Danach war der Sonntag vorbei und ich hatte aufgeräumt.
Ein perfekter Schreibtag hat einen entscheidenden Nachteil: Man kann ihn jederzeit verschieben.Notiz aus dem Ersatzbus hinter Cottbus
Und der Punkt, um den es eigentlich geht
Auf der Fahrt nach Görlitz waren die Bedingungen ausnahmslos schlecht.
Es war laut, eng, ungewiss und kalt.
Aber ich konnte nicht weg, ich hatte nichts anderes zu tun, und alle vierzig Minuten passierte etwas Neues.
Es war der einzige Tag in diesem Quartal, an dem ich nicht auf einen besseren Moment warten konnte.
Genau darin liegt der eigentliche Vorteil beim Schreiben im Zug.
Der Teil, den ich lieber weggelassen hätte
Ich habe das Notizbuch von dieser Fahrt drei Wochen später im Zug liegen lassen.
Zwischen Erfurt und Halle, im Netz über dem Sitz.
Der Text war zum Glück schon abgetippt, aber alles andere aus diesem Buch ist weg: die Stichwortlisten, die Ansagen, die Beschreibungen vom Bahnsteig.
Seitdem fotografiere ich jede Seite. Und ich denke jedes Mal an einen Koffer, der 1922 in Paris verschwunden ist.
Dreißig Sekunden pro Umstieg. Das ist der günstigste Rat in diesem ganzen Beitrag.
Vier Stunden Regionalexpress liefern dir Zeit, Struktur und Material.
Sie liefern dir keinen guten Text.
Trotzdem ist das der schwerste Teil, und die Fahrt nimmt ihn dir ab.
Denn am Ende der Fahrt hast du eine erste Fassung, und die ist genau das: eine erste Fassung, entstanden unter Lärm, mit Lücken und in Handschrift.
Warum jetzt erst das Handwerk anfängt
Zwischen der Fassung aus dem Zug und einem Text, der auf einer Bühne trägt, liegen Bilder, die halten müssen, ein Aufbau, der Spannung hält, und ein Schluss, der ohne Erklärung funktioniert.
Das entsteht nicht durch Kilometer. Das entsteht durch Überarbeitung, und Überarbeitung braucht Werkzeuge.
Kurz gesagt: Schreiben im Zug liefert dir den Rohstoff und nicht das fertige Stück.
Über 200 Storytricks, Bildsprache, Bühnenpräsenz und Auftritts-Hacks. Also alles, was du brauchst, wenn du zu Hause mit einem vollgeschriebenen Notizbuch am Tisch sitzt und daraus einen Auftritt machen willst.
Der Fahrplan gibt dir die erste Fassung. Das Handwerk macht daraus einen Text.
Schreib unterwegs. Und arbeite zu Hause.
Übrigens fahre ich seit Görlitz absichtlich manchmal die langsamere Verbindung.
Nicht immer. Aber wenn ich weiß, dass ich etwas fertig bekommen muss.
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Deine Nummer bleibt geheim. Du liest, ich schreibe – ganz ohne Datensammeln.
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Hier liegen 280 Beiträge über Bühne, Stimme, Texte und den ganzen schönen Wahnsinn dazwischen. Such dir raus, was heute weh tut.
Präsenz, Körper, Ausstrahlung – alles, was passiert, sobald du oben stehst.
Atem, Pause, Lautstärke, Mikro – dein wichtigstes Werkzeug feinjustiert.
Vom ersten Satz bis zur letzten Zeile: Handwerk, das trägt.
Metapher, Reim, Pointe, Rhythmus – die Werkzeuge im Detail.
Wenn das Blatt leer bleibt: Stoff, der wirklich zündet.
Wut, Kindheit, Verlust, Körper – die Texte, die etwas kosten.
Für die Tage, an denen nichts geht und alles zittert.
Der Kopf entscheidet, bevor das Mikro angeht.
Was die Bühne mit dir macht – im besten und im härtesten Sinn.
Outfit, Schlaf, Technik, kaltes Publikum: der Abend selbst.
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Abkürzungen und Methoden, die dir sonst keiner verrät.
Aus Auftritten wird ein Name. Und irgendwann ein Einkommen.
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Bücher, Bühnenmenschen und Geschichten, die deinen Stoff aufladen.
Gleis, Wartesaal, Fundbüro – wo dieser Blog herkommt.
Die schrägen Texte. Genau die, die am längsten hängen bleiben.
Nichts dabei? Dann schreib den Text, der dir hier fehlt. Das ist der Punkt.
