Vorher / Nachher · Referat
Poetry Slam als Referat halten: die Bahnsteigansage

Mittwochabend, zwei Tage vor dem Referat.
Selin sitzt am Schreibtisch und klickt durch ihre Präsentation.
Thema: Poetry Slam.
Zehn Minuten, Klasse 10b.
14 Folien.
Auf jeder zehn Zeilen Text.
Sie hat alles gefunden, was es zu finden gibt.
Jahreszahlen.
Regeln.
Namen.
Und trotzdem hat sie ein mieses Gefühl.
Sie weiß genau, was am Freitag passieren wird.
Nach zwei Minuten schauen die Ersten aus dem Fenster.
Nach fünf Minuten liegen die Handys unter dem Tisch.
Ausgerechnet bei einem Referat über eine Kunstform, bei der das Publikum nie wegschaut.
Wie Selins Freitag ausgegangen ist, erfährst du am Ende.
Selin und die 10b sind erfunden. Aber ihre 14 Folien liegen in diesem Moment auf tausenden Laptops.
Kennst du das?
Du hältst ein Referat.
Alle Fakten stimmen.
Und trotzdem hört niemand zu.
Liegt das an dir?
Am Thema?
Quatsch!
Es liegt an der Form.
Ein Referat über Poetry Slam ist eine riesige Chance.
Denn du kannst das Thema nicht nur erklären.
Du kannst es zeigen.
Heute siehst du, wie das geht.
Sieben Stellen aus Selins Referat.
Jeweils vorher und nachher.
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1 · Der Einstieg
✗ Vorher
„Hallo, ich halte heute mein Referat über Poetry Slam.“
✓ Nachher
„Achtung an Gleis 10b.“
„Hier fährt ein Referat ein.“
„Bitte Handys weg und zurücktreten – es wird gleich laut.“
Merkst du den Unterschied?
Der erste Satz ist wie eine Ansage am Bahnsteig.
Alle schauen hoch, weil sie wissen wollen, was kommt.
„Ich halte heute mein Referat über …“ weiß dagegen schon jeder.
Da schaut keiner hoch.
Die Bahnsteigansage funktioniert bei fast jedem Thema.
Sie ist kurz.
Sie ist ein bisschen frech.
Und sie verspricht etwas.
2 · Die Folien
✗ Vorher
14 Folien.
Auf jeder zehn Zeilen Text in Schriftgröße 14.
✓ Nachher
5 Folien.
Auf jeder ein Wort, ein Bild oder eine Zahl.
Hier kommt die wichtigste Regel für Folien.
Die Folie ist nicht dein Spickzettel.
Sie ist dein Bühnenbild.
Wenn auf der Folie steht, was du sagst, braucht dich niemand mehr.
Dann können alle auch einfach lesen.
Ein Wort pro Folie zwingt dich dagegen, frei zu sprechen.
Und genau das wirkt.
Vorher und nachher: der Mittelteil
3 · Die Geschichte
✗ Vorher
„Poetry Slam entstand in den 1980er-Jahren in den USA.“
Danach folgt eine Liste mit Jahreszahlen.
✓ Nachher
„Chicago, Mitte der 80er.“
„Ein Bauarbeiter hat genug von langweiligen Lesungen.“
„Also erfindet er einen Wettbewerb.“
Die Fakten sind exakt dieselben.
Aber im zweiten Fall ist da ein Mensch.
Einer mit einem Problem.
Und ein Mensch mit einem Problem ist immer spannender als eine Jahreszahl.
Damit du die Fakten sauber hast, hier alles auf einen Blick.
Fakten, die in jedes Referat gehören
- Erfunden wurde Poetry Slam Mitte der 1980er-Jahre in Chicago, als Erfinder gilt der Bauarbeiter und Dichter Marc Kelly Smith.
- Nach Deutschland kam das Format Anfang der 1990er: Der erste deutschsprachige Slam fand 1993 im Berliner Club Ex’n’Pop statt.
- Die erste deutschsprachige Meisterschaft gab es 1997 in Berlin, gewonnen hat sie Bas Böttcher.
- Seit 2016 steht Poetry-Slam im deutschsprachigen Raum im bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
- Die Grundregeln: eigene Texte, ein Zeitlimit, keine Requisiten, und das Publikum ist die Jury.
Also merke: Fakten gehören in dein Referat.
Aber sie müssen in einer Geschichte fahren.
Nicht als lose Waggons auf dem Abstellgleis.
4 · Die Regeln
✗ Vorher
Eine Folie mit fünf Spiegelstrichen.
Selin liest sie vor.
✓ Nachher
Fünf Leute aus der Klasse bekommen Wertungskarten.
Die Regeln werden erklärt, während sie gelten.
Das ist der Moment, in dem die Klasse aufwacht.
Denn jetzt ist sie nicht mehr Publikum.
Sie ist Jury.
Selin erklärt die Wertung, während fünf Leute die Karten schon in der Hand halten.
Das ist Lernen durch Tun.
Und nebenbei hast du nie wieder eine Klasse, die bei deinem Referat einschläft.
Vorher und nachher: das Beispiel

5 · Das Beispiel
✗ Vorher
Ein ausgedruckter Text, den die Klasse still liest.
✓ Nachher
Ein Auftritt als Video.
Vorher bekommt jeder eine Frage, auf die er achten soll.
Ein Slamtext auf Papier ist wie ein Fahrplan ohne Zug.
Man versteht, was gemeint ist.
Aber man spürt nichts.
Zeig deshalb einen Auftritt.
Selin hat diesen hier genommen.
Und hier kommt der Trick.
Bevor das Video läuft, bekommt jede Reihe eine Frage.
Reihe eins achtet auf die Stimme.
Reihe zwei auf die Pausen.
Reihe drei auf die Stelle, an der gelacht wird.
Danach berichtet jede Reihe in einem Satz.
Zwei Minuten später hat die Klasse das Video analysiert.
Ohne es zu merken.
6 · Die Kostprobe
✗ Vorher
Gibt es nicht.
✓ Nachher
60 Sekunden eigener Text.
Selin steht dafür auf und tritt vor das Pult.
Jetzt kommt der mutigste Teil.
Und der, an den sich alle erinnern werden.
Du trägst selbst etwas vor.
Nur 60 Sekunden.
Es muss nicht gut sein.
Es muss nur deins sein.
Und du wirst merken: Die Klasse klatscht nicht, weil es perfekt war.
Sie klatscht, weil du dich getraut hast.
Vorher und nachher: das Ende
7 · Der Schluss
✗ Vorher
„Das war mein Referat. Habt ihr noch Fragen?“
✓ Nachher
„Endstation Klasse 10b.“
„Bitte alle aussteigen.“
„Und vergesst eure Wertungskarten nicht.“
Das Ende greift den Anfang wieder auf.
Die Bahnsteigansage kommt zurück.
Diesmal als Endstation.
So entsteht ein Kreis.
Und ein Kreis fühlt sich für jedes Publikum rund an.
Die Fragen kommen trotzdem.
Nur eben nach dem Applaus.
Der Bauplan zum Mitnehmen
Hier ist Selins Referat noch einmal als Zug.
Fünf Wagen, zehn Minuten.
Dein Referat in fünf Wagen · 10 Minuten
Lok
1 Min.
Die Bahnsteigansage
Wagen 1
2 Min.
Die Geschichte aus Chicago
Wagen 2
2 Min.
Die Regeln zum Mitmachen
Wagen 3
3 Min.
Ein Auftritt als Video
Schlusswagen
2 Min.
Deine Kostprobe und das Ende
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Freitag, dritte Stunde.
Selin steht vorne.
Sie wartet, bis es ruhig ist.
Dann sagt sie: „Achtung an Gleis 10b.“
Die halbe Klasse lacht.
Die andere Hälfte schaut verwirrt hoch.
Genau so soll es sein.
Sie erzählt vom Bauarbeiter in Chicago.
Sie verteilt fünf Wertungskarten.
Sie zeigt das Video, und die Reihen berichten.
Dann tritt sie vor das Pult.
60 Sekunden.
Ein Text über ihren Opa, der jeden Morgen den Wetterbericht aus dem Radio laut nachspricht.
Als sie fertig ist, halten die fünf Jurorinnen und Juroren ihre Karten hoch.
Eine 9.
Eine 10.
Eine 8.
Noch eine 10.
Und eine 7, von Jonas, der nie mehr als eine 7 vergibt.
Die Klasse tobt.
Die Lehrerin schreibt etwas in ihr Notizbuch.
Später steht da eine glatte Eins.
Und in der Pause fragen drei Leute aus der 10b, wo man in der Stadt eigentlich zu so einem Slam hingehen kann.
Das ist der Unterschied zwischen einem Referat und einer Bahnsteigansage.
Das eine hört man.
Das andere erlebt man.
Und du?
Wie klingt deine Ansage?
