Ein Fahrplan · Projekttag
Poetry Slam als Projekttag: der Sonderzug für einen Tag

Montagmorgen, zehn vor acht.
Frau Aydin steht in der Aula.
Vor ihr: 27 Stühle im Kreis.
Hinter ihr: eine Bühne aus Kreppband.
Heute ist Projekttag.
Poetry Slam, den ganzen Tag lang.
Dann kommt die 9b rein.
„Gedichte? Ernsthaft?“
„Muss ich da vorlesen?“
„Ich kann nicht schreiben.“
Ganz hinten setzt sich Deniz auf den letzten Stuhl.
Kapuze auf, Kopfhörer im Ohr.
Er sagt gar nichts.
Das ist fast noch schlimmer.
Frau Aydin atmet einmal tief durch.
Und fängt trotzdem an.
Wie der Tag endet, erfährst du um 14:15 Uhr.
Frau Aydin, Deniz und die 9b gibt es so nicht. Aber jede Lehrkraft kennt so einen Montagmorgen – und so einen Deniz.
Du planst einen Projekttag?
Oder du überlegst, ob sich das überhaupt lohnt?
Dann habe ich eine gute Nachricht.
Poetry Slam ist wie gemacht für einen Projekttag.
Die Schülerinnen und Schüler schreiben, sprechen, hören zu und geben Feedback.
Alles an einem Tag.
Und am Ende steht eine echte Bühne.
Das Einzige, was du brauchst, ist ein guter Fahrplan.
Hier ist er.
Minute für Minute.
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Klingt nach viel?
Ist es auch.
Aber keine Sorge.
Jeder Halt dauert nur so lange, wie er muss.
Und du kannst jeden Halt kürzen oder streichen.
Nur zwei sind Pflicht: die Schreibphase und der Slam am Ende.
Alles andere ist Komfort.
Vormittag: einsteigen und schreiben
Fang nicht mit Theorie an.
Fang mit Spiel an.
Alle stehen im Kreis.
Du sagst ein Wort, zum Beispiel „Bahnhof“.
Die Nächste sagt das erste Wort, das ihr dazu einfällt.
Und so weiter, immer schneller.
Nach drei Runden lachen die Ersten.
Nach fünf Runden haben alle schon laut gesprochen.
Genau das ist das Ziel.
Wer einmal im Kreis gesprochen hat, spricht später auch auf der Bühne.
Jetzt kommt ein Video.
Aber nur eins, und nicht zu lang.
Schon der Titel ist eine Frage.
Danach frag nicht: „Wie fandet ihr das?“
Frag lieber: „Welcher Satz ist euch hängen geblieben?“
Die Antworten schreibst du an die Tafel.
Und schon hast du die Merkmale eines guten Slamtextes gesammelt.
Ohne ein einziges Arbeitsblatt.
Das ist der wichtigste Halt des Vormittags.
Denn ohne Thema schreibt niemand.
Und „Schreibt mal über etwas, das euch wichtig ist“ ist kein Thema.
Das ist eine Überforderung.
Drei Türöffner für Themen
- Die Das-nervt-mich-Liste. Zehn Dinge in drei Minuten. Busfahrer, Hausaufgaben, WLAN im Keller.
- Liebesbrief an einen Gegenstand. An den Hoodie, an das Handy, an die kaputte Schaukel im Hof.
- Der erste Satz von jemand anderem. Alle schreiben einen Anfangssatz auf einen Zettel. Die Zettel wandern weiter.
Die Das-nervt-mich-Liste funktioniert fast immer.
Weil Ärger Energie hat.
Und Energie ist genau das, was ein Slamtext braucht.
Jetzt wird es ruhig.
Die Handys wandern in die Kiste.
Und dann wird geschrieben.
Zehn Minuten am Stück, ohne abzusetzen.
Die Regel: Der Stift hört nicht auf, sich zu bewegen.
Wer nicht weiterweiß, schreibt „Ich weiß nicht weiter“, bis wieder etwas kommt.
Klingt albern?
Funktioniert trotzdem.
Nach der ersten Runde darf jeder einen Satz unterstreichen.
Den besten.
Mit diesem Satz geht es in die zweite Runde.
Jetzt tauschen immer zwei ihre Texte.
Und hier brauchst du eine klare Regel.
Sonst wird aus Feedback schnell Kritik.
Und aus Kritik schnell Verletzung.
Zwei Sterne, ein Wunsch
Beim Tandem-Feedback sagt die Partnerin oder der Partner genau drei Dinge.
★ Das hat mir gefallen.
★ Das ist mir hängen geblieben.
➜ Das wünsche ich mir noch.
Keine Diskussion, kein „Ja, aber“.
Zuhören, Danke sagen, weiterschreiben.
Die Methode ist simpel.
Aber sie wirkt Wunder!
Denn plötzlich hört jemand: „Dein Satz über den Bus ist mir hängen geblieben.“
Und so ein Satz trägt einen durch den ganzen Nachmittag.
Nachmittag: Bühne frei

Nach dem Mittagessen sind alle müde.
Perfekt für Stimmübungen.
Denn jetzt geht es um den Körper.
Die Übung heißt „Ein Satz, fünf Gefühle“.
Alle sagen denselben Satz, etwa „Ich muss jetzt los.“
Einmal wütend.
Einmal traurig.
Einmal verliebt.
Einmal gelangweilt.
Einmal in Panik.
Das Gelächter ist garantiert.
Und nebenbei lernen alle, was Betonung mit einem Satz macht.
Jetzt probt jede Gruppe für sich.
Vier bis fünf Leute pro Raum.
Jeder liest seinen Text einmal vor.
Die anderen stoppen die Zeit und geben zwei Sterne und einen Wunsch.
Wer nicht allein auf die Bühne will, darf sich einen Partner holen.
Das ist keine Schwäche.
Tandem-Texte gehören zum Slam dazu.
Achtung: Wenn die Klasse blockt
- Niemand will schreiben? Dann wird gesprochen. Wer einen Satz sagt, hat schon einen Text angefangen.
- Alle schreiben über dasselbe? Super, dann gibt es eben einen Slam zum Thema Hausaufgaben. Themenwiederholung ist kein Problem.
- Keiner will auf die Bühne? Gruppentexte erlauben. Zu dritt ist die Bühne nur halb so hoch.
- Jemand wird ausgelacht? Sofort stoppen und die Regel wiederholen: Applaus für alle, immer.
Endstation: der Slam
Jetzt kommt der Moment, auf den alles zuläuft.
Die Aula füllt sich.
Vielleicht kommt eine Parallelklasse dazu.
Oder die Schulleitung.
Fünf Leute aus dem Publikum bekommen Wertungstafeln.
Und dann tritt jemand außer Konkurrenz auf.
Danach ist die Bühne frei.
Moderieren darf gern jemand aus der Klasse.
Wichtig ist nur eins: Applaus für alle.
Vor dem Auftritt und danach.
Egal wie es lief.
Zum Schluss sitzen alle wieder im Kreis.
Eine Runde, ein Satz pro Person.
„Heute war für mich …“
Mehr nicht.
Dann wird aufgeräumt.
Und du fährst nach Hause mit dem Gefühl, dass da heute etwas passiert ist.
Deine Packliste
Damit morgens nichts fehlt, hier alles auf einen Blick.
Und für die Schülerinnen und Schüler, die schon vorher anfangen wollen, gibt es hier ein Feld.
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Zurück zur 9b.
Deniz hat den ganzen Vormittag nichts geschrieben.
Bei der Das-nervt-mich-Liste stand da nur ein Wort.
„Alles.“
Beim Tandem-Feedback saß er neben Emil.
Emil hat den Zettel gelesen und gesagt: „Alles ist ein guter Anfang.“
Deniz hat ihn angeschaut, als wäre er verrückt.
Dann hat er angefangen zu schreiben.
Über den Bus, der morgens immer zu voll ist.
Über den Blick seiner Mutter, wenn der Brief von der Schule kommt.
Über die eine Lehrerin, die ihn mal gefragt hat, wie es ihm geht, und die Antwort wirklich hören wollte.
14:15 Uhr.
Die Aula ist voll.
Deniz ist als Vorletzter dran.
Er nimmt die Kapuze ab.
Er liest.
Seine Stimme zittert.
Beim Satz über die Lehrerin ist es so still, dass man die Heizung hört.
Dann gehen die Tafeln hoch.
Drei Zehnen.
Die Klasse tobt.
Frau Aydin sagt später, sie hätte beinahe geweint.
Und Deniz?
Der fragt beim Rausgehen, wann der nächste Projekttag ist.
Das ist der Sonderzug.
Ein Tag, der anders fährt als alle anderen.
Und du kannst ihn bauen.
Mit Kreppband, Pappe und einem guten Fahrplan.
